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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 47
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
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Am nächsten Tage blieb wirklich alles ruhig. Der Muschir, Poldi und Fred machten am Vormittag einen Rundgang die äußere Umwallung entlang, bewaffnet natürlich. Es war ein ganz gemächliches Kriegsbild im Oktobernebel, wie Mobile und Garden in den Zelten und Bretterhütten, die sie sich im Schutze des Linienwalles zurechtgezimmert hatten, oder in den Wachtstuben der ehemaligen Verzehrungssteuergebäude beisammensaßen, rauchten, tranken und Karte spielten.

In den Straßen begegnete man manchmal wilden Haufen von Proletariern, die umherzogen, um »Garden herauszukitzeln«, geradeso wie Kinder Grillen herauskitzeln, indem sie in die Grillenlöcher an sonnigen Rasenhängen so lange mit einem gefiederten Grashalm hineinbohren, bis das beunruhigte Insekt mit großen, schwarzglänzenden Augen ans Licht kommt. Besonders jene verlotterten und zu Ausschreitungen neigenden Elemente, die allenthalben wieder auftauchten, kaum daß die erste Begeisterung verraucht war, beteiligten sich an diesem neuerfundenen Treiben, indem sie in die Häuser eindrangen, sie durchsuchten und Bürger, die sich verborgen hielten, zwangen, die Waffen zu ergreifen, wenn sie nicht nachzuweisen vermochten, daß sie schon der Nationalgarde, den Mobilen oder irgend einem Freikorps angehörten. Denn ein strenger Tagesbefehl Messenhausers verpflichtete jeden Wehrfähigen zum Waffentragen; nur die Mitglieder des Reichstages, des Gemeinderates und der Fremdenkolonie blieben davon ausgenommen. Prinz Schöps, der Seidenmakler, war der Gefahr, herausgekitzelt zu werden, nur dadurch entgangen, daß er eine halbe Maß Kindermeth getrunken hatte und für choleraverdächtig im Bette lag.

In der Familienstube im »Goldenen Stuck« saßen Bethi, Julie und Michella über ihrer emsigen Weißnäharbeit beisammen, denn jetzt galt es, auch den zweiten Patienten mit Krankenwäsche auszustatten. Die drei Frauen freuten sich, daß es draußen nicht mehr donnerte, und waren schon dankbar dafür, daß sie wieder in einem Zimmer sein konnten. Nun würde der schlimmste Schrecken der Belagerung doch wohl vorüber sein, hofften sie.

»Unsere Blessierten haben es eigentlich nicht hell und sonnig genug da unten,« sagte Bethi. »Ich dachte schon daran das kleine Häuschen zu mieten, weiter oben in der Straße, wo früher der Schuster war, der so lange für die Freiheit glühte, bis er fallit wurde. Auch Mosch meinte, man könnte sie dort unterbringen. Er wird Erkundigungen einziehen.«

Julie horchte auf.

»Das Häuschen müßte immerhin sechs oder acht Zimmer enthalten?«

»Mosch sagt, allen Spitälern würde jetzt der Raum zu knapp. Man könnte noch ein paar arme Teufel dazu nehmen und eine Nonne mit der Wartung betrauen. In die Leitung des Ganzen hätten wir uns zu teilen.«

»Ich gäbe gern mein bißchen Erspartes dazu,« sagte Julie.

Edi trat ein und setzte sich zu ihnen.

»Man weiß rein nicht, was man anfangen soll in so einer belagerten Stadt!« sagte er mißmutig.

»Was tust du denn sonst um diese Zeit?« fragte Julie.

»Meistens ein bißchen am Graben flanieren, die paar Schaufenster ansehen, die neuen Namen- und Herrenmoden und dergleichen. Dabei hat man doch seine Abwechslung.«

»Wir sind schon froh, daß wir wieder in einer Stube wohnen dürfen,« fügte Michella.

»Ich bin sicher nicht anspruchsvoll und vergnügungssüchtig,« meinte er; »aber so ein paar kleine Gewohnheiten gehen mir schrecklich ab, wenn ich darauf verzichten soll. Zum Beispiel, daß ich vor dem Frühstück nicht meinen Schluck Wasser nehmen kann. Das haben wir jetzt von der Freiheit: Daß sie uns sogar die Ferdinands-Wasserleitung absperren! ... Wenn mir meine Gemütlichkeit fehlt, das macht mich fast krank! ...«

Von der Entengasse herunter zog mit wüstem Geschrei und Trommelwirbel ein Trupp Mobiler über das Platzel. Edi stand auf und trat ans Fenster. Es befand sich in dem Zimmer ein sogenanntes Vorsprungfenster, und ohne die Folgen zu bedenken, beging er die Unvorsichtigkeit, sich hinauszulehnen. Zwar zog er sich sogleich wieder zurück, als er bemerkte, daß die Leute auf ihn aufmerksam wurden, doch war es bereits zu spät.

»Herunterkommen!« riefen sie. »Da ist auch einer, der sich drucken will! Kitzeln wir ihn außer!«

Man hörte Schläge mit Fäusten und Gewehrkolben gegen die Haustür, die die Brodbeck in kluger Voraussicht schon frühmorgens verschlossen hatte. Die Frauen erbleichten und wollten Edi verbergen, in einem Schrank, auf dem Dachboden, in der Vorratskammer ...

»Nur keinen Schrecken!« sagte er gemächlich; »die werden schon mit sich reden lassen.«

Er ging selbst hinunter, das Tor zu öffnen. Der erste, den sein Blick traf, war der Pölzl Heinrich. Da wußte er, daß er verloren war.

»Im Namen des hohen Reichstages werden Sie jetzt mit uns kommen!«

»Mein Bruder und meine Neffen sind am Kampf beteiligt,« sagte er. »Sie werden einsehen, daß ich in diesen unruhigen Zeiten die Frauen nicht ohne männlichen Schutz zurücklassen kann.«

»Wir sehen gar nichts ein,« sagte der Pölzl Heinrich. »Unsere Frauen und Schwestern sind auch ohne Schutz, sogar in ruhigen Zeiten. Das souveräne Volk tut den Weibern nichts – darin haben die Herrn Fabrikanten mehr Übung!«

Gelächter und Gejohle.

»Ich berufe mich auf die in den Märzerrungenschaften gewährleistete Freiheit der Person!« sagte Edi. »Wer hat das Recht, mich zu zwingen?«

»Die in Wien tagenden freiwillig erwählten Vertreter des Volkes und der von ihnen ernannte Oberkommandant des Verteidigungswesens.«

»Können Sie sich legitimieren?«

Man zeigte ihm das Manifest Messenhausers.

»Gedulden Sie sich einen Augenblick,« sagte er; »ich will mir nur Hut und Mantel holen und noch einige Kleinigkeiten in Ordnung bringen.«

Der Pölzl Heinrich und noch ein Mann begleiteten ihn mit aufgepflanztem Bajonett. Edi begab sich auf sein Zimmer, setzte sich an den Schreibtisch, und während die Wache an der Tür auf ihn wartete, schrieb er auf einen parfümierten Briefbogen: »Meinen lieben Geschwistern, insbesondere meiner treuen Schwester Bethi, danke ich innigst für die Liebe und Nachsicht, die sie mir Zeit meines Lebens zugewendet haben. Ich bin eigentlich ein überflüssiger Mensch gewesen, aber leicht wird es mir doch nicht, Kanonenfutter abzugeben. Indessen will ich da, wo sie mich hinstellen, meine Pflicht tun, vielleicht bin ich dann noch zu etwas nütz gewesen, vorausgesetzt, daß die Freiheit wirklich auf der Seite des Volkes ist. Mein Vermögen und meinen Geschäftsanteil vermache ich im Sinne unseres hochgeehrten seligen Herrn Vaters dem jüngsten Leodolter des dritten Gliedes. Lebt wohl! Eduard Leodolter.«

Er siegelte das Blatt, schloß es in die Schreibtischlade und zündete sich eine Zigarre an. Dann nahm er Hut und Mantel und sagte: »Ich bin bereit.«

Auf dem Treppenabsatz umringten ihn die Schwestern und Julie. Er küßte sie und drückte ihnen die Hände, Bethi weinte.

»Geh, hör auf,« sagte er, ihr leicht übers Haar streichelnd; »die andern haben doch auch im Feuer gestanden, warum soll ich ein Extrawürstel haben?«

Wenige Minuten später marschierte er inmitten der Mobilen, die ihn wie einen Kriegsgefangenen umringten, durch die Roveranigasse gegen die Glacis hinunter.

*

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