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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 46
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
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Im »Goldenen Stuck« hatten sich die Bewohner während des entsetzlichen Bombardements in das im Hoftrakt gelegene Seidenmagazin geflüchtet, das eingewölbt war und dadurch einigermaßen Schutz gewährte. Es war ein ansehnlich geräumiges Gelaß, nur stand es gegenwärtig voll von Gerümpel, da man einen Teil der vom Braunhirschengrund in Sicherheit gebrachten Gegenstände hier geborgen hatte. Für Menschen blieb nicht mehr viel Platz übrig, und es war kein Vergnügen, Stunden und Stunden lang in solcher Beengung auszuharren. Aber das ununterbrochene Rollen des Donners von außen, das Schnalzen der Flintenkugeln gegen die Hauswände und das Herunterprasseln der Dachziegel, die manchmal lawinenartig in den Hof niedergingen, brachten jedem die Überzeugung bei, daß es nicht geraten sei, die zwar unbequeme, aber wenigstens sichere Zufluchtsstätte zu verlassen.

So saßen sie denn im Halbdunkel auf Warenballen oder abgeschlagenen Webstühlen umher und beschäftigten sich jedes auf seine Art, so gut es eben gehen wollte. Michella bewegte ruhig und ziemlich unbekümmert ihr Strickzeug, Sephine hielt kleine Vorträge politischen und volkswirtschaftlichen Inhalts oder befreite ihre gepreßte Brust durch Stoßseufzer gegen Metternich und die früheren Machthaber, die noch immer in letzter Linie an dem ganzen Unheil schuld trügen, das hereingebrochen war. In Pappelmann, der selbst gern politisierte, fand sie einen willigen Zuhörer, während Frau Brodbeck, die jetzt Frau Pappelmann hieß, mit dem Kehrbesen an der Tür bereitstand und jedesmal, wenn Schutt vom Dache niederfiel, sich kühn in die Gefahr stürzte, um ihn rasch an die Hauswand zu fegen. Der alte Brodbeck war nicht zu bewegen gewesen, seine Stube zu verlassen, und sich in Sicherheit zu bringen. Sein winziges Knusperhäuschen sei ohnedies hinter dem hohen Fabrikstrakt geborgen und geschützt, behauptete er, und fuhr gemächlich fort, »Leiden Christi« zu basteln, indem er dabei allerhand vor sich hin spintisierte.

Aus der Kammer neben dem Seidenmagazin ertönte von Zeit zu Zeit herzbrechendes Stöhnen; dort lag der schwerverwundete Götsch Schani, der noch immer zwischen Tod und Leben schwebte und seit einigen Tagen sogar bewußtlos geworden war. Die Schußwunde, die zu heilen begann, hätte er überdauert; dagegen war im Brustkorb, gegen den Rücken zu, ein böser Schaden aufgetreten, der innerlich wütete und unsichtbar am Lebensmark fraß. Bethi und Julie betreuten ihn wie immer, und zu allem Überfluß war auch noch ein zweiter Kranker hinzugekommen, dem sie ihre Fürsorge zu widmen hatten. Denn gleich am Morgen, als die Beschießung der Stadt ihren Anfang nahm, hatte man einen unbekannten Proletarier ins Haus getragen, dem eine Bombe ein Bein unterhalb des Knies weggerissen hatte, als er zufällig über das Platzel ging. Dem konnten Bethi und Julie doch nicht die Tür weisen und ihre Hilfe versagen! Sie betteten ihn notdürftig zwischen den Kisten des anstoßenden Verpackungsraumes und hatten nun fast den Grundstock zu einem kleinen Spital beisammen.

Edi, der um Mittag aus seinem Zimmer herunterkam, machte sich gutmütig lustig darüber und meinte, andere wären zufrieden, sich selbst in Sicherheit zu bringen, die beiden Damen aber müßten sich noch fremdes Elend anschaffen, damit sie etwas zu sorgen hätten. Aber Bethi versetzte, ob er das nicht wisse, daß man über die eigenen Sorgen am leichtesten hinauskäme, wenn man sich um die anderer bekümmere? Er lachte und meinte, das zu probieren habe er freilich noch nie Gelegenheit gefunden.

Eigentlich war er bloß erschienen, um zu sehen, ob es denn nichts zu essen gebe? Er sah etwas enttäuscht drein, als er auch die Köchin im Schutzrayon sitzend fand, und wollte sie überreden, daß es Zeit sei, etwas Menschliches zu kochen; er selbst sei auch den Vormittag auf seinem Zimmer geblieben und habe doch noch keine Bombe im Leib, bloß einen knurrenden Magen. Aber die Köchin erklärte feierlich, nicht um ein Eckhaus würde sie über den Hof gehen oder sich gar an ihren Herd stellen!

»Es gibt nur kalte Küche heute,« sagte Michella. »In einer belagerten Stadt muß man froh sein, wenn man überhaupt noch etwas zu beißen hat.«

Sie machte sich auf, um unter eigener Lebensgefahr herbeizuschaffen, was sich allenfalls Genießbares in ihrer Vorratskammer noch finden mochte.

Ob er denn nicht mittue, und wie er es verantworten könne, die gerechte Volkssache im Stiche zu lassen? nahm inzwischen Susann ihren Bruder ins Gebet. Denn auch Susann hatte sich mit ihrem Schinäcklein im »Goldenen Stuck« eingefunden, da ihr in der Roveranigasse außer dem Keller kein bombensicherer Raum zur Verfügung stand.

»Dein Mann tut ja auch nicht mit?« sagte er sie hänselnd.

»Oho! Mein Mann ist seit frühmorgens in der Reitschule!«Die kaiserliche Winterreitschule diente als Sitzungssaal des konstituierenden Reichstages.

»Und tummelt sein demokratisches Steckenpferdchen?«

»Er gehört als Deputierter zur Regierung und zur Zentralgewalt, verstehst du? Er ist gewissermaßen das Gehirn des Ganzen. Du, als kleiner Finger, wärest verpflichtet, bei den Mobilen mitzuzugreifen, wo es etwas zu tun gibt. Sogar der Muschir ist mit einer Flinte über der Schulter an den Linienwall abmarschiert, als das wüste Hereinschießen anfing.«

»Ich kenn' mich nicht aus in der Geschichte,« sagte Edi. »Wofür kämpfen wir eigentlich? Für die Freiheit? Ja, wenn mir nur jemand sagen könnte, wo sich die Freiheit eigentlich befindet! Auf welcher Seite steht sie? Der Reichstag sagt: Bei mir, weil die Kamarilla die Verfassung bedroht. Der Kaiser sagt: Bei mir, weil der Pöbel ganz Wien vergewaltigt. Was weiß ich? Jedenfalls bin ich heute der freieste Mann in ganz Wien. Ich liege oben auf meinem Divan, rauche Zigarren und lese die › Mystères de Paris‹ dazu.«

»Sieh dir den an, Schinäcklein!« sagte Susann, mit dem Finger auf Edi zeigend; »so mußt du nicht werden! Der weiß nicht, ob die Freiheit beim Volk, oder bei der Kamarilla ist!«

»Du wirst es auch noch erfahren, Schinäcklein,« parierte Edi, das aufgeweckt dreinschauende Kind am Bummelnäschen fassend, »daß die Proletarier einen üblen Geruch nach Knoblauch, Schweiß und eingesperrter Luft von sich geben.«

»Die Schwestern der Proletarier, die lassen sich schon eher zur feinen Welt dressieren,« sagte Susann boshaft.

»Das geht dich nichts an!« fuhr er gegen sie los.

Als sie bemerkte, daß er ganz ernsthaft ärgerlich war, brachte sie ihm einen Teller mit kaltem Fleisch, das Michella inzwischen aufgestellt hatte, und gab ihm einen jener Backenstreiche dazu, durch die sie das gute Einvernehmen zwischen einander wiederherzustellen pflegten, wenn es einmal ins Wanken zu geraten drohte.

Als er leidlich satt geworden, empfahl er sich wieder. Die Schwestern wollten ihn zurückhalten und hängten sich an ihn. Aber er erklärte, das Stöhnen von Juliens und Bethis Spital nebenan mache ihn verrückt, lieber kehre er wieder zu seinen Kugeln zurück; den Divan, auf dem er liege, würden sie sich doch nicht gerade zum Ziel wählen.

Susann fing nun auch an ungeduldig zu werden. Es war zum Sterben langweilig in dieser Bombensicherheit! In diesem Dachsloch! In diesem Massenquartier! In dieser Rumpelkammer mit dem Spital nebenan! Ob er nicht wenigstens einen Atlas im Haus habe?

»Einen Atlas? So viel du magst – im Warenmagazin, Willst du dir ein Kostüm als Göttin der Freiheit zurecht schneidern?«

Nein, einen geographischen Atlas meinte sie. Ach, einen geographischen Atlas? Auch den hatte er im Haus!

»Soll ich ihn dir bringen?«

Aber sie ließ sich's nicht nehmen, ihn selbst zu holen, setzte ohne viel Umstände ihr Schinäcklein Sephinen auf den Schoß und lief an Edis Seite über den Hof. Es war doch ein höchst gruselig angenehmes Gefühl, wenn man wußte, daß jeden Augenblick eine Kugel geflogen kommen konnte! ...

In die Kasematte zurückgekehrt, kauerte sie in einem Winkel am spärlichen Licht und strengte ihre Augen an, die Karte von Nordamerika zu durchforschen und sich eine kleinere Stadt mit hübschem Namen auszusuchen, wo noch Platz für drei Scheichenstühle wäre, sich einzunisten, wenn es wirklich hier herüben mit der Freiheit nichts würde. Denn für diesen Fall war sie mit ihrem Mann endgiltig übereingekommen, daß sie auswandern wollten, aber nach Nordamerika diesmal, nicht nach Brasilien, das Schinackel das erste Mal gewählt hatte. In den vereinigten Staaten, in einer richtigen Republik, da mußte die wahre Freiheit wohnen, unter deren Fittichen Schinäcklein aufwachsen sollte.

Und während draußen ununterbrochen der Kanonendonner weiterrollte, schweifte sie mit ihren Gedanken in Pennsylvania und Ohio umher und hinauf bis zu den Salzseen und hinunter bis nach Arkansas, Louisiana und Florida ...

Um die Jausenzeit kam Edi wieder herunter, aber nicht in Erwartung eines Kaffees. Kreidebleich sah er aus und blieb jetzt ganz von selbst und freiwillig im kugelfreien Gelaß sitzen. Man drang mit Fragen in ihn, da kam es nach und nach heraus, daß eine Bombe durch den zersplitterten Fensterstock seines Zimmers hereingefahren und hinter dem zusammenstürzenden Ofen in der Wand stecken geblieben war. Das war nun freilich kein Spaß mehr!

Indessen setzte die Kanonade, gerade als er sich in Sicherheit gebracht hatte, plötzlich ab, und nun bekam Susann Luft, ein bißchen nachzusehen, was es eigentlich den Tag über gegeben hätte. An den Linienwall wollte sie hinaus, wenigstens drübergucken, wenn sie schon nicht hinüberschießen durfte. Sephine untersagte es ihr aufs Strengste, und sie fügte sich scheinbar, war aber auf einmal unversehens verschwunden. Bestürzt fragte man nach ihr. Die Brodbeck, die jetzt den Hof gründlicher zusammenkehrte, als es früher möglich gewesen war, hatte sie, bloß mit einem Umhängetuch über Kopf und Schultern, zum Haustor hinauslaufen sehen.

Es war auch ihr voller, heiliger Ernst gewesen: Sie wollte gar zu gern den Kampf aus der Nähe in Augenschein nehmen und hoffte leidlich sicher durch die Straßen zu kommen, da keine Bomben mehr hereinflogen. Gegen die Häuserwände gedrückt, eilte sie die Lerchenfelder Straße entlang und bog schließlich die Kaiserstraße hinunter, um den Linienwall zu gewinnen. Am Linienwall fand sie zu ihrer größten Freude den Muschir, der mit geschwärztem Gesicht und geschwärzten Händen an einer Kanone stand und Bombardier geworden war.

»Das Gewehr, das ich mir ausgeliehen habe, war nur eine Vogelflinte,« sagte er. »Eine Kanon' gibt schon anders aus! ... Wirst du gleich schauen, daß du heimkommst, Frauenzimmer?«

Jenseits des Walles hörte man heftiges Musketengeknatter.

»Nur ein einziges Mal drübergucken!« bat sie und war schon oben ... »Um Gotteswillen, da raufen sie ja um den Schmelzerfriedhof?«

»Herunter gehst du, Susann!«

Sie gehorchte, recht bange geworden, und lauerte am Fuß des Walles.

»Fred und Poldi stehen doch auch im Schmelzer Friedhof?«

»Freilich! Hoffentlich sind sie noch am Leben! Diese Mobilen und Garden im Friedhof halten sich wie die Löwen! Kanonen – Sturmlaufen und wieder Kanonen und abermals Sturm, so geht es schon den ganzen Tag gegen den Friedhof. Und immer wieder schlagen sie die Stürmenden zurück!«

Ein Hauptmann von der Nationalgarde kam vorüber und sagte: »Jetzt geht es den Braven an den Kragen! Baum um Baum und Grabstein um Grabstein ringen sie mit den Soldaten. Falls sie gegen Neulerchenfeld retirieren sollten und verfolgt werden, dann Kartätschen gegen den Feind!«

Mobile und Nationalgarden schoben das Geschütz gegen die Schanzkörbe vor, und auch der Muschir faßte in die Radspeichen. Dann stand er etwas geduckt und lugte über den Wall in die Ferne. Mit pochendem Herzen forschte Susann in seinen Zügen.

»Sieht man etwas?«

Aber er gab ihr keine Antwort. Eine fieberhafte Spannung spiegelte sich auf seinem Antlitz. Ein Mobiler, der neben ihm stand, setzte die Lunte in Brand, die zum Abfeuern des Geschützes gehörte, seine Hände zitterten dabei wie Laub an den Bäumen.

Das mußte sie sehen, was dort geschah! Susann sprang auf und legte sich über die Brüstung. Es hinderte sie niemand daran, es beobachtete sie niemand. Mit angehaltenem Atem spähte sie auf die Schmelz hinaus. Mobile und Garden verließen fliehend den Friedhof und liefen in wilden Haufen über das Blachfeld. Aber sie liefen nicht auf den Linienwall zu, sondern in gleicher Richtung mit diesem gegen den Vorort Neulerchenfeld, genau wie der Hauptmann es vorhin vorausgesehen hatte. Eine aufgelöste Kette von Soldaten schwärmte verfolgend hinter ihnen drein. Die konnten jetzt vom Linienwall aus in die Flanke genommen werden, ohne daß Gefahr bestand, die Verfolgten zu treffen. Susann blickte um. Da stand ein Unteroffizier von der Schottenfelder Garde-Artillerie neben der Kanone: »Feuer!« ... Sie sank halb ohnmächtig zusammen. Den ganzen Linienwall entlang feuerten die Geschütze ... O du lieber Himmel, so fürchterlich hatte sie sich das Krachen aus der Nähe nicht gedacht!

»Muschir –!«

»Wärst du nicht hergekommen, ich hab' jetzt keine Zeit für dich!« Und nachdem er eine Weile gespannt in die Ferne gespäht: »Die sind in Sicherheit! ... Den Verfolgern ist die Lust vergangen!«

Da erholte auch Susann sich allmählich von ihrem Schrecken.

Die fliehenden Mobilen und Garden vom Schmelzer Friedhof gewannen im Schutze der Häuser von Neulerchenfeld die Stadt und ergossen sich durch die Lerchenfelder Linie hinter den Linienwall an der Kaiserstraße. Wie die Fliegen sanken die Leute in das verdorrte Gras, das die Böschungen des Bollwerks bedeckte, ihre Seelen- und Körperkräfte waren erschöpft, und mancher glich, ohne verwundet zu sein, einem Sterbenden.

Susanns Augen suchten ängstlich und fanden nicht; da hörte sie den Muschir aufbrüllen wie einen Stier und sah ihn die Hände in die Luft werfen vor Freude. In einer Rotte Mobiler, deren Gesichter durch Pulverdampf geschwärzt waren, kamen Poldi und Fred gezogen, unversehrt, aber in einem entsetzlichen Zustand von Entkräftung und Herabgekommenheit. Auch sie sanken halbtot ins Gras, der Muschir stand vor ihnen und war unbändig stolz, daß er zwei Heldenjünglinge zu Neffen hatte, und noch mehr darauf, daß er geholfen hatte, ihren Rückzug zu decken und sie vor dem fast sicheren Verderben zu bewahren. Er liebte sie in dieser Stunde wie eigene Söhne und wußte nichts von Gegensätzen: Die Gräber der Väter hatten sie verteidigt und gemeinsam mit ihm den Boden der engeren Heimat beschützt. Die verwickelten politischen Verhältnisse, die diesen Kampftag geboren hatten, waren ihm nicht ganz geläufig. Aber er fühlte lebendiger als je den alten Widerstreit zwischen Bürger und Soldat, der in seinem Schottenfelder Handwerkerblute steckte. Ihm waren jetzt alle Kaiserlichen halbwilde »Seressaner«, die in die Stadt hinein wollten, um den gewerbfleißigen Bewohnern die Frucht ihrer Arbeit zu rauben.

Für heute hatte er sein Tagewerk getan und schickte sich an, nach Hause zu gehen. Es fing zu dämmern an, auf allen Punkten war das Gefecht erloschen. Susannen nahm er mit, Poldi und Fred wollten später nachkommen, vorderhand zogen sie es vor, im Grase liegen zu bleiben.

»Daß wir schließlich doch die Flucht ergreifen mußten!« sagte Fred unmutig zu dem alten Haudegen von Austerlitz, der wie ein treuer Wächter zu seinen Häupten saß.

»Im Kriege ist es schon nicht anders,« versetzte er tröstend. »Aber da heißt es nicht ›die Flucht ergreifen‹, sondern es heißt ›retirieren‹. Wenn wir noch länger hätten aushalten wollen, das wäre gegen alle Regeln der sogenannten Strateschie und Tiktaktik gewesen. Das hätt' nicht einmal der Erzherzog Karl getan, und der Napoleon, der Sozius, schon gar nicht!«

»Aber davongelaufen bleibt es halt doch.«

»Es war nicht davongeloffen,« wiederholte der Alte, »es war eine Retirade. Übrigens ist im Krieg auch ein ehrenvolles Davonlaufen keine Schande. Es kommt nur darauf an, daß man es nicht früher macht, als bis es wirklich notwendig ist.«

Er schlug Feuer und setzte seine Tabakspfeife in Brand, die er mit zahnlosen Kiefern festhielt.

»Ja, so ein Pfeiferl,« sagte er, »man sollt' es gar nicht glauben! Wie das gegen das Müdsein hilft und gegen ärgere Sachen noch! Neulich, wie ich auf dem Schlachtfeld gelegen bin ...«

»Neulich?« fragte Fred.

»Bei Austerlitz halt, anno fünf. Es ist mir geradeso, als ob es gestern war. Also, daß ich erzähl'. Und wie ich so dalieg', mit dem Schuß da im Fuß, unter lauter Toten weit und breit – jetzt, was soll da der Mensch machen? Beten vielleicht? Da hätt' unser Herrgott viel zu tun an so einem Schlachttag! Aber ein Pfeiferl anzünden – da vergißt einer halbscheid auf seine Angst und seine Schmerzen und wird wieder ein Mensch.«

Ein Trupp Reiter kam den Linienwall entlang gesprengt, an seiner Spitze ein Mann in fast phantastischem Aufzug, mit weißem wallenden Mantel, die Stoßfeder auf dem Hut. Als er sich näherte, erkannte Fred an dem großen Barte, daß es Fenneberg war mit seinem stattlichen Gefolge. Er stieg vom Pferde, trat heran und winkte Fred beiseite. Auch Ladurner, der abseits im Grase gelegen hatte, wurde beigezogen.

»Wie ihr den Friedhof gehalten habt, das ist aller Ehren wert!« sagte Fenneberg. »Der westliche Linienwall ist unversehrt, auf dieser Seite haben wir nichts zu fürchten. Weitaus schlimmer steht es drüben an der Donau. Nach dreistündigem blutigen Kampf ist der Augarten, sind die Barrikaden der Taborstraße gefallen, die Brigittenau und der ganze Prater befinden sich in den Händen des Feindes. Die Leopoldstadt ist von allen drei Seiten, die nicht gegen den Kanal liegen, arg bedrängt, auch der Nordbahnhof war nicht länger zu halten. Die gesamte Bevölkerung der Leopoldstadt flüchtet mit Hab und Gut und blockiert uns förmlich die wenigen Brücken, die in die innere Stadt führen. Zum Glück wird uns morgen Zeit gelassen, Ordnung in diese Auswanderung zu bringen und den Leuten Quartiere zu schaffen. Denn morgen ist Ruhetag.«

Das Wort »Morgen ist Ruhetag« klang Fred und Ladurner, die sich vor Müdigkeit fast nicht mehr auf den Beinen zu halten vermochten, wie himmlische Musik.

»Wurde ein Waffenstillstand vereinbart?«

»Nein, aber wir hatten das Glück, einen Chevauxleger mit Depeschen abzufangen, die uns in sämtliche Dispositionen des Feindes einweihten.«

»Das Glück torkelt überzwerch feldein,« sagte Ladurner vergnügt.

»Wir wissen, daß morgen Ruhetag ist, wir wissen aber auch, daß übermorgen der Hauptschlag geführt werden soll. Der Angriff wird an diesem Tage im ganzen Umkreis der Stadt zugleich beginnen, im Süden, Westen und Norden aber nur ein Scheinangriff sein. Dagegen sollen morgen hinter dem Schleier der Vortruppen derartige Verschiebungen stattfinden, daß am Entscheidungstage der Kern der Armee im Osten der Stadt stehen wird. Die Leopoldstadt soll dann mit erdrückender Übermacht angegriffen und womöglich bis zum Donaukanal erobert werden.«

Sie begriffen, daß nichts wertvoller für die Verteidiger war als diese Depesche. Ladurner entschied sich sogleich dahin, übermorgen in der Leopoldstadt zu kämpfen.

»Eben dies ist der Grund, weshalb ich Ihnen diese Mitteilung machte,« sagte Fenneberg. »Ich zähle auf Sie beide und Ihre Leute in der Leopoldstadt. Hier haben Sie Ihre Ordres und Vollmachten. Übermorgen mit dem Frühesten melden Sie sich in der Jägerzeile bei General Bem, dem Oberleiter des Befestigungswesens.«

Er schwang sich in den Sattel und ritt mit fliegendem Mantel davon. Sie entfalteten die Papiere, die die Weisung enthielten, bei den einzelnen Truppenkommandanten am Linienwall eine ganze Kompagnie gut bewaffneter Mobiler auszuwählen, ihnen einen Rasttag zu gewähren und sie am nächsten Tage dem General Bem zuzuführen. Sie trafen sogleich die nötigen Anstalten und konnten nicht eher an Ruhe denken, als bis alles zur Ausführung des Befehls, der ihnen geworden, vorbereitet war.

Als Fred endlich an Poldis Seite die Lerchenfelderstraße hinunter gegen das Platzel ging, da sahen sie auf dem nächtlichen Himmel im Osten den Widerschein der Feuersbrünste glühen, die in der Brigittenau und in der Umgebung des Praters wüteten und den Wohlstand unzähliger Menschen vernichteten ...

»Die Freiheit muß teuer erkauft werden,« seufzte Fred.

»Es ist jetzt unser Recht, um das wir kämpfen.«

*

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