Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Emil Ertl >

Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 45
Quellenangabe
pfad/ertl/freiheit/freiheit.xml
typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090714
projectid17fc2956
Schließen

Navigation:

Im Grauen des Morgens, an dem das eherne Würfelspiel anheben sollte, standen Fred und Ladurner mit ihren Mobilen hinter der hohen Umfassungsmauer des Schmelzer Friedhofes. Auch Mießrigel befand sich in der Schar, mit einer Feldtrompete bewaffnet, und Poldi, im Alltagsanzug, ohne weitere Abzeichen, bloß die Patrontasche um den Leib geschnallt und die Muskete im Arm. Sie hielten die nordwestliche Ecke des Friedhofes besetzt; rechts und links die langen Mauern entlang standen andere Abteilungen, Nationalgarden in Uniform, Proletarier und Strawanzer in bunt zusammengewürfeltem Rüstzeug, oder lagerten auf Grabhügeln und Gruftdeckeln unter hohen, dunklen Lebensbäumen ...

Der weiße Frühnebel, der über dem weiten Blachfeld der Schmelz lag, kam allmählich in Bewegung, als wäre der Sturm hineingefahren. Langsam dampfend stieg er zum Himmel, aus dem das klare, durchsonnte Blau eines kühlen Oktobermorgens hervorbrach.

Da sah Fred im riesigen Halbrund die reichbewegte, braun oder dunkelgrün bewaldete Hügelkette des Wienerwaldes vor sich in der Sonne liegen, bis zum Kahlenberg und Leopoldsberg hinüber. Und im ansteigenden Gelände ringsum konnte er beobachten, wie die kaiserlichen Truppen aus ihren Kantonnierungen ausrückten und die Bodenwellen jenseits der Schmelz, hinter Breitensee, am Fuße des Galizinberges und bei Hernals besetzten. Soweit der Umkreis reichte, den das Auge überblicken konnte, sah er größere und kleinere Truppenkörper in Bewegung, von denen viele plötzlich wie aus dem Boden zu wachsen schienen, und überall blitzte es von Wehr und Waffen, von Reiterhelmen, Kanonenrohren und blanken Musketenläufen und Bajonetten.

Auf dem Laufdamm stehend, den sie hinter der Mauer aufgeworfen hatten, lehnte er schweigend über der Brüstung, den federngeschmückten Stürmer auf dem Kopf, die Muskete im Arm. Mit entschlossen aufeinander gepreßten Lippen beobachtete er den ungeheuren Aufmarsch des Feindes. Wie oft war diese äußerste, steil in die Donau abfallende Höhe, wo einst die Burg Leopolds des Heiligen geragt hatte, Zeuge von kriegerischer Not und Bedrängnis gewesen, die über die Stadt hereinbrachen! Aber das Schauspiel, daß österreichische Truppen einen ehernen Ring von Feuerschlünden rings um die Kapitale des Reiches schlossen, vollzog sich heute zum ersten Mal. Gab es eine schwere Schuld zu sühnen, die die Bewohner dieses Häusermeeres auf sich geladen hatten? Eine Schuld, die nur durch Feuersbrünste, Verwüstung und Tod zu tilgen war? Dann hatte auch er sich mitschuldig gemacht, dann verdiente auch er den Tod. Und er zitterte nicht davor: Mochte die Freiheit, wie er sie geträumt, ein Phantom bleiben – im Kampfe um sie fühlte er sich reif und fest geworden. Und mochte sie, ewig unerreichbar, immer wieder der haschenden Hand der Sehnsüchtigen entgleiten, da draußen in der wirren, wirklichen Welt – in ihm selbst lebte sie in dieser entscheidenden Stunde, er fühlte ihre Gegenwart, denn er war bereit, das Schicksal zu erfüllen, das er aus Überzeugung auf sich genommen.

Er blickte zurück und sah zwischen finsteren Zypressen und entblätterten Trauerweiden den weißen Grabstein, unter dem seine Eltern lagen. Poldi zu sich heranwinkend, zeigte er stumm in der Richtung, wo die goldene Inschrift des Steines hinter fahl gewordenen Kränzen herüberglänzte. Die Hände der Brüder fanden sich, sie standen nebeneinander, so verschieden geartet beide, und doch untrennbar geeint durch die Liebe zu denen, die dort in der Erde ruhten, und durch unvergängliche Brudertreue.

Fred schreckte auf – Mießrigel hatte eine Fanfare geblasen.

»Was willst du?« fragte er zu ihm hinüber.

»Hilfstruppen vom Schottenfeld stoßen zu uns!«

Ein uralter hagerer Mann von halb biederem, halb abenteuerlichem Aussehen trat auf Fred zu, stellte sich in militärische Positur und bat, unter sein Kommando treten zu dürfen Er trug unter dem offen stehenden Zivilmantel einen weißen Waffenfrack, wie er vor dreißig oder vierzig Jahren in der kaiserlichen Armee üblich gewesen war, und auf dem Kopf einen wohl eben so alten, nach oben ausladenden Tschako. Die Art, wie er die Muskete in der Hand hielt, belehrte Fred sofort, daß er mit Waffen umzugehen wußte.

»Haben Sie gedient?«

»Das will ich meinen, junger Herr!« sagte der hochbejahrte Freiwillige und lächelte geschmeichelt, daß um den zahnlosen Mund eine Legion von Falten und Fältchen zusammenschoß. »Bei Austerlitz gegen die Franzosen gestanden. Einen Kartätschenschuß in den Fuß gekriegt. Da ist der Splitter hineingefahren und hier wieder heraus.«

Er hob den rechten Fuß und zeigte mit Genugtuung den Weg, den das Sprengstück zurückgelegt hatte, vom Rist gegen die Sohle.

»Sie hätten sich ein Recht auf Ruhe erworben, ein Jüngling sind Sie nicht mehr,« sagte Fred lächelnd. »Indessen sollen Sie mir willkommen sein. Wissen Sie auch, wofür Sie kämpfen wollen?«

»Für den konstitutionellen Kaiser und gegen die Kumpanerilla,« sagte der Greis. »Gegen die Franzosen wärs mir freilich lieber, aber mehr als die Freiheit haben uns die auch nicht nehmen können.«

»Sie meinen die Kamarilla,« sagte Fred; »treten Sie ins Glied und halten Sie sich in meiner Nähe; ich kann gediente Leute brauchen.«

Aus der Gegend von Nußdorf fingen jetzt die Kanonen zu donnern an, und wie auf ein gegebenes Zeichen entbrannte das Feuer im riesigen Umkreise der ganzen gewaltigen Stadt. Es war ein Dröhnen und Brüllen und Rollen, Krach auf Krach, wie Pulsschläge einander folgen.

Auch auf den Höhen von Ottakring hatten die Batterien zu spielen begonnen. Dort waren Mörser in Position gebracht worden, die ihre schonungslosen Vollkugeln gegen die Vorstädte Schottenfeld und Lerchenfeld warfen. Sogleich antworteten ihnen die auf dem westlichen Linienwall an der Kaiserstraße aufgefahrenen Geschütze der Wiener. Der Friedhof lag ein gut Stück außerhalb des Walles mitten im Felde, so daß Angreifer und Verteidiger ihn überschießen mußten, wollten sie sich gegenseitig aufs Korn nehmen. Pfeifend hörten die Garden und Mobilen, die den Friedhof besetzt hielten, die Geschosse hoch über ihren Köpfen hin- und hersausen und sahen sie, je nachdem der Schuß höher oder tiefer ging, in der Größe von Mücken oder von Schwalben durch den klaren blauen Himmel fliegen.

Aber man gönnte ihnen nicht lange ihr beschauliches Dasein. Auf der Bodenwelle südlich von Breitensee erhoben sich gewaltige Staubwolken, es fuhren in rasendem Galopp Feldbatterien auf, die mit bewundernswerter Bravour abprotzten und fast im selben Augenblicke schon, Blitz auf Blitz, ihre Granaten gegen den Friedhof schleuderten. Prasselnd schlugen die Geschosse gegen die Umfassungsmauer oder gellerten mit sprödem Schall über die steinernen Gruftdeckel. Fred und Ladurner befahlen Musketenfeuer gegen die feindlichen Bombardiere, aber der alte Austerlitzer sagte es gleich, es würde nichts nützen, so weit trügen Gewehrkugeln nicht; und er behielt recht: Das Feuer blieb wirkungslos.

Die Deckung hinter der Friedhofsmauer wurde unsicher. Stück für Stück stürzte das Ziegelwerk zusammen, knapp aneinander drängten sich die Leute hinter den noch unbeschädigt aufragenden Resten. Es lag schon mancher bärtige Proletarier mit grimmigem Gesicht auf dem Rücken und rührte sich nicht. Freds Herz wurde bange, wie er die vielen Verwundeten und Toten sah, die zwischen Gräbern lagen, und Tränen traten ihm in die Augen.

»Machen Sie sich nichts daraus, junger Herr,« sagte der Austerlitzer, der neben ihm in die noch unversehrte Ecke der Friedhofsmauer geduckt stand. »Es schaut ärger aus, als es ist, und nicht jeder ist gleich tot, der erschossen wird; gar mancher heilt wieder zusammen. Aber wenn es noch eine Weile so forthagelt, so wird uns bald nichts mehr übrig bleiben, als schön langsam dasselbige zu tun, was die Krebse so gern machen.«

Die Verwüstung ringsum breitete sich aus, an einzelnen Stellen lag die Mauer vollständig in Schutt, daß man mühelos hätte darübersteigen können. An vielen Grabhügeln war das Erdreich aufgerissen, Grabsteine lagen umgeworfen oder zersplittert, an den Gruftdeckeln zeigten sich Beschädigungen und Tellen. Aber jetzt setzte plötzlich der Granathagel aus. Nur das fortdauernde Grollen der ferneren Batterien hörte man noch und das zu einem einzigen brummenden Ton verschmolzene Getöse des den ganzen Umkreis der Stadt umgürtenden Geschützfeuers.

»Es ischt ihnen der Hafer ausgegangen,« sagte Ladurner frohlockend.

Der alte Austerlitzer kniff Mund und Augen zusammen, daß er wie eine gedörrte Pflaume aussah.

»Glauben Sie so was! Jetzt fangt die Metten erst recht an. Zuerst Bresche schießen, nachher stürmen – das gehört so zur Kriegskunst. Der Napoleon hat es auch nicht anders gemacht.«

Fred lugte vorsichtig über die Mauer. Da sah er eine starke Division Khevenhüller-Infanterie, die in ihren grauen Mänteln von der fahlen Färbung der herbstlichen Heide fast nicht zu unterscheiden war, aus einer Bodenfalte gegen das Hochplateau der Schmelz defilieren. Mit tausendstimmigem »Hurrah!« jagten sie plötzlich wie eine riesige Herde gescheuchter Hammel in der Richtung gegen den Friedhof heran. Der alte Austerlitzer faßte Fred am Ärmel.

»Jetzt sagen Sie Ihren Leuten, daß sie nicht eher schießen sollen, als bis ich Ihnen das Zeichen gebe!«

Fred gehorchte, Ladurner und Poldi trugen schleunigst den Befehl bei den zu ihrer Rotte stehenden Leuten herum und sagten ihn auch den anderen Mobilen und Garden weiter. Mießrigel blies alarmierende Trompetenstöße.

»So haben wir es immer gemacht,« sagte der Alte, indem er kaltblütig das Schloß seiner Muskete prüfte: »Nur herankommen lassen! Und dann, ganz aus der Nähe, auf einmal eine Generaldecharge, daß man nur einen einzigen Knall gehört hat – keiner vor- und keiner nachgeschossen!«

Man vernahm schon viel näher das Hurrahschreien der Stürmenden, die sich in einer Wolke von Staub wie ein ungestüm hereinbrechendes Gewitter gegen den Friedhof wälzten.

»Nun wär' es aber höchste Zeit?« meinte Fred ungeduldig.

»Nur warten, warten, junger Herr! Verlassen Sie sich auf einen altgedienten Soldaten!«

Es war ein schreckenerregender Anblick, wie diese ganze Heerschar schreiender Feinde sich in rasender Eile dem Friedhof näherte. Sie kamen nunmehr Fred eher wie ein riesiger Rudel gieriger Wölfe vor, und es kostete Überwindung, das Gewehr nicht voreilig gegen sie abzudrücken. Aber die Verteidiger hielten strenge Disziplin, lautlos, als befänden sich nur Gräber hinter der Mauer, warteten sie das Kommando ab, bloß ganz vereinzelte vorlaute Schüsse, von ängstlichen Mobilen abgegeben, brachen die strenge Zucht.

»Hasenherzen!« brummte der Austerlitzer.

»Aber es ist kaum mehr ein Steinwurf?« mahnte Fred, vor Aufregung zitternd.

»Warten! ... Jetzt –!«

»Feuer!«

Langsam wallte der Pulverrauch. Im nächsten Augenblicke, meinte Fred, müßten die grauen Mäntel an den zu Breschen geschossenen Stellen der Mauer hereinwirbeln.

»Wo sind denn die verdammten Zöch' hingekommen?« fragte Ladurner.

Als der Dampf sich verzog, sahen sie das Blachfeld vor der Friedhofsmauer von Haufen grauer Mäntel bedeckt. Nur spärliche versprengte Trupps stoben in panischem Schreck in der Richtung gegen Breitensee, als wüßten sie den Feind auf ihren Fersen.

*

 << Kapitel 44  Kapitel 46 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.