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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 43
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
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Als Fred zum ersten Male wieder an die Luft gehen konnte, machte ihm die ganze Stadt gleichsam den Eindruck eines Fieberkranken. In zweckloser Hast pulste der Verkehr durch die Straßen, die Geschäfte waren leer, die Kaffeehäuser überfüllt, niemand hatte anscheinend etwas Vernünftiges zu tun, und trotzdem befand alles sich in hitziger Bewegung. Als ob krause Wahnvorstellungen alle besonnenen Ziele verdrängt hätten, gerade so kam es ihm vor.

Auf dem Graben begegnete er Mießriegel, der rief ihm schon von weitem entgegen: » Hannibal ante portas

Betroffen stand Fred still: »Möchtest du nicht so freundlich sein deutsch zu reden?«

»Zu deutsch: Der Jellachich steht in Bruck an der Leitha.«

»Der Jellachich? Der Ban Jellachich? Redest du irre. Mensch? Der Kroatenban Jellachich steht in Bruck an der Leitha?«

»Der Kroatenban Jellachich steht in Bruck an der Leitha.«

»Er kann es doch nicht gewagt haben, österreichisches Gebiet zu betreten?«

»Er hat es gewagt, österreichisches Gebiet zu betreten.«

»Und was sagt der Reichstag dazu?«

»Der Reichstag steht auf legalem Boden, was den Kroatenban Jellachich natürlich nicht hindert, in Bruck an der Leitha zu stehen.«

»Unmöglich! Der Reichstag könnte sich eine solche Rechtsverletzung nie und nimmer bieten lassen!«

»Er hat auch den Jellachich durch eine mannhafte Deputation höflichst darauf aufmerksam gemacht, daß es eigentlich gewissermaßen nicht erlaubt ist, mit einer gegen Ungarn mobilisierten Armee österreichisches Gebiet zu betreten.«

»Und der Ban?«

»Hat darauf geantwortet, daß der Donner der Geschütze ihm die Marschdirektion weise.«

»Hier donnern doch keine Geschütze?«

»Er meint wahrscheinlich die ungarischen Geschütze des Generals Moga. Weil die in Ungarn donnern, zieht er es vor, Ungarn mit dem Rücken anzuschauen und seine Marschdirektion auf Wien zu nehmen.«

»Aber der Kaiser? Der Kaiser kann eine solche Ungesetzlichkeit unmöglich sanktionieren!«

»Der Reichstag hat auch sofort einen Eilboten nach Olmütz entsendet und den Kaiser untertänigst bitten lassen, er möge dem Ban untersagen, auf Wien zu marschieren.«

»Und der Erfolg?«

»Der Erfolg war ein glänzender. Der Ban brach sofort seine Zelte in Bruck an der Leitha ab und zeigt wahrscheinlich in dieser Stunde schon vom Laaerberg aus seinen Kroaten das gelobte Land, wo die Backhähndeln wachsen.«

»Auf dem Laaerberg hielte der Ban bereits?« rief Fred die Hände zusammenschlagend. »Man muß unverzüglich die Truppen, die unter Auersperg im Schwarzenberggarten liegen, in die Stadt ziehen und kasernieren.«

»Auch das hat der Reichstag in seiner väterlichen Fürsorge längst bedacht. Er sandte sogleich eine Deputation an den Grafen Auersperg mit der zum dreißigsten Male wiederholten Bitte, seine Stellung im Schwarzenberggarten zu verlassen und mit seinen Truppen in die Kasernen einzurücken.«

»Und der Graf?«

»Fort! Verduftet! Nicht mehr zu finden. Im Morgengrauen hat er sein Lager geräumt, um seine Truppen mit denen des Jellachich zu vereinigen. Er hat uns nichts zurückgelassen als die verstümmelte Leiche eines Legionärs, dem seine Leute den Garaus gemacht und einen Zettel um den Hals gehängt hatten mit der Aufschrift: ›Rache für Latour‹.«

Fred knirschte vor Wut und stampfte den Boden.

»So wären wir verraten und verkauft? Vom Kaiser verlassen! Der Soldateska preisgegeben! Die deutsche Metropole den Kroaten zur Beute hingeworfen!«

»Es steht uns frei, uns zu wehren,« sagte Mießrigel.

»Es steht uns auch frei, uns löblich zu unterwerfen. Man läßt uns vollkommene Freiheit, so frei sind wir noch nie gewesen. Wir können jetzt tun und lassen, was wir wollen – es bleibt gehupft wie gesprungen. Der Freimann steht schon bereit und wird auf alle Fälle so frei sein, unsere Freiheit um einen Kopf kürzer zu machen.«

Vom Stock-im-Eisen kamen Trommler der Nationalgarde gezogen und schlugen den Generalmarsch. Als sich eine große Menschenmenge um sie gesammelt hatte, hielten sie ein, und der Unteroffizier, der sie führte, verlas einen Aufruf. Fred drängte sich hinzu, um zu hören, was es gebe. Ban Jellachich, wurde verkündet, stehe mit sechzigtausend Mann am Laaerberg und bedrohe Wien. Über Auftrag des Reichstages habe der Gemeinderat die Verteidigung der Stadt übernommen und ordne hiemit an: Jeder Wehrfähige habe die Waffen zu ergreifen; Stadt und Vorstädte seien in Verteidigungszustand zu setzen und sofort das Auswerfen von Schanzen an der äußeren Umwallung und das Bauen von Barrikaden an den Linientoren in Angriff zu nehmen. Wer keine Waffen besitze, dem würden sie im bürgerlichen Zeughaus ausgefolgt werden ...

Aufgeregt lief jetzt alles auseinander. Wer der Nationalgarde, Legion oder Bürgerwehr angehörte, oder sonst Waffen besaß, holte sie eilends und zeigte sich damit in den Straßen. Binnen kurzem wimmelte es überall von Uniformen und Bewaffneten. Der Pöbel kam mit den aus dem kaiserlichen Zeughaus geraubten historischen Rüstungsstücken zum Vorschein. Halb wie in einem Kriegslager sah es in der Stadt aus und halb wie auf einer abenteuerlichen Redoute.

Fred eilte heimwärts, seine Legiunärsuniform anzulegen und Poldi zu verständigen. Der schickte sofort um schweres Fuhrwerk und traf Anordnungen, daß alles, was an beweglichen Werten sich in der Fabrik auf dem Braunhirschengrund befand, ins »Goldene Stuck« geschafft würde. Denn die Vororte mußten preisgegeben werden. Schon die Vorstädte allein, durch den mäßig hohen Linienwall wenigstens notdürftig geschützt, der von Nußdorf bis nach Erdberg hinüber in riesigem Bogen die Stadt umgürtete, ergaben eine allzulange und nur schwer zu beherrschende Verteidigungslinie.

Für Fred begann jetzt ein kriegerisches Leben, das kühn und abenteuerlich war wie ein spannendes Kapitel aus den Indianerbüchern, die er in seinen Knabenjahren geliebt hatte. Er half die Befestigungsarbeiten leiten, an der Mariahilfer Linie und den westlichen Linienwall entlang bis zur Lerchenfelder Linie hinüber. Hier lag seine engere Heimat, die schottischen Freigründe; an sie durfte er, mußte er vor allem denken. Erst nachdem alles Nötige am Schottenfelder und Lerchenfelder Linienwall vorgesehen war, sah er sich um andere Aufgaben um. Er dachte jetzt nichts weiter mehr, als daß man sich wehren müsse, und war für seine Person entschlossen, sich bis auf den letzten Blutstropfen zu wehren. Die Stadt war bedroht, das Leben und das Eigentum der Bürger, die Freiheit war bedroht; Reichstag und Gemeinderat, die obersten legalen Behörden, riefen zum Kriege auf gegen das widerrechtlich eingebrochene Kroatenheer: Gleich jenen Studenten, die vor Jahrhunderten im heiligen Kampfe mitgeholfen hatten, Wien gegen die Türken zu verteidigen, durfte auch er jetzt nicht fehlen in den Reihen der gerechten Gegenwehr und fühlte sich, gleichsam willenlos und doch begeistert, als ein schwaches Wertzeug gegen Militarismus, Kamarilla und Reaktion in den Händen der Freiheit, gegen Gesetzwidrigkeit und Rechtsbruch in den Händen der konstitutionellen Ordnung, gegen die Gewalttätigkeiten des anmaßenden Slaventums in den Händen Alldeutschlands.

Im allgemeinen verfolgte man den Grundsatz, die bewaffneten Proletarier verschiedenen Abteilungen der Nationalgarde zuzuteilen oder in einzelnen Trupps unter das Kommando eines Legionärs zu stellen. So hörte die Legion als einheitlicher Körper zu bestehen auf, die Legionäre wurden zersplittert, fast allen von ihnen waren Offiziersposten anvertraut. Auch Fred hatte die Führung einer Rotte übernommen, die größtenteils aus Proletariern bestand. Nur wenige Legionäre befanden sich darunter, auch Ladurner, worüber Fred große Genugtuung empfand. Denn er hatte in ihm einen Freund zur Seite, mit dem er sich beraten konnte. Die einzelnen Abteilungen operierten vorderhand so ziemlich auf eigene Faust. Es dauerte lange, bis eine Verwendung nach einem gewissen einheitlichen Plane auf das Vorhandensein eines Oberkommandos schließen ließ.

Die ersten Tage zog Fred mit seiner Rotte den Donaukanal entlang und griff zu, wo noch Schanzen aufzuwerfen, Kanonen in Stellung zu bringen, Faschinen zu hauen waren, oder sonst eine Gelegenheit zu nützlicher Tätigkeit sich darbot. Da hörte er eines Abends, daß der Ban seine Vorposten schon bis an die Spinnerin am Kreuz und die Schönbrunner Gloriette vorgeschoben habe und Verschanzungen in der Laxenburger Allee aufwerfe. Ebenso wie Ladurner brannte er danach, den Feind zu Gesicht zu bekommen, und beide wollten sie selbstverständlich an der am meisten gefährdeten Seite der Stadt stehen. Darum führten sie ihr Häuflein gegen die südliche Umwallung und fanden wirklich in der Gegend der Favoritenlinie eine Stelle, die nur spärlich besetzt war und einem ernstlichen Angriffe kaum Stand gehalten hätte. Einen Posten auf die Höhe des Walles vorschiebend, ließen sie an seinem Fuße den Erdboden säubern, ein kleines Lager richten und, als es zu dunkeln begann, ein Wachtfeuer entzünden. Die Bewohner der umliegenden Häuser brachten Lebensmittel, Getränke und Zigarren herbei und sorgten dafür, daß es den Leuten an nichts fehlte. Die ganze Bevölkerung wetteiferte in Liebesgaben und Aufmerksamkeiten für die Volkswehr, die entschlossen war, Gut und Blut der Wehrlosen gegen die Kroaten und Seressaner des Jellachich zu verteidigen, von deren Grausamkeit und viehischer Rohheit die entsetzlichsten Mären umliefen.

Mit Ladurner etwas abseits vom Lagerfeuer sitzend, blickte Fred sinnend auf die unglückliche Stadt hinab, die sich in unendlicher Ausdehnung zu ihren Füßen breitete. Es war ein hochgelegener Punkt, den sie bezogen hatten, man konnte ganze Vorstädte überschauen und in viele Straßenzüge hineinsehen. Niemand schien in dieser Nacht an Ruhe zu denken, die Straßen waren taghell beleuchtet und von Volkslärm und Volksgedränge erfüllt. Von allen Kirchen klang ununterbrochen das Läuten der Sturmglocken, und vom Turme von St. Stephan kletterten Alarmraketen in den dunklen Nachthimmel empor. Lange Züge von Bewaffneten, Nationalgarden und Proletariern, kamen in der Nähe vorüber, um an verschiedenen Punkten des Stadtwalles ihre Stellungen zu beziehen. Ernst und würdig marschierten sie dahin, strenge Disziplin haltend, wie Soldaten fast, die in die Schlacht gehen. Kein müßiges Gejohle mehr, kein wüstes Durcheinander. Es war, als hätte die ernste Not und Gefahr Männer aus allen gemacht. Einer der Trupps, die vorbeizogen, stimmte begeisterten Gesang an. Das Trutzlied war es, das ein rascher Dichter in die Menge geworfen, und das, von Mund zu Mund verbreitet, eine große Volkstümlichkeit erlangt hatte:

»Kecker Ban,
Komm nur an!
Sieh die Wälle stolz gebrüstet,
Wenn es dich nach Blut gelüstet,
Hunderttausend sind gerüstet,
Legen die Gewehre an! ... «

Ladurner zog eine kurze Tabakspfeife aus der Brusttasche und setzte sie in Brand. Sie lauschten dem in der Ferne verklingenden Gesange ...

»Hunderttausend sind gerüstet ... « wiederholte Fred mit innerlich bewegter Stimme.

»Hunderttausend – sell wohl!« sagte Ladurner; »aber das Kummet ersetzt den Hafer niacht.«

»Was meinst du damit?«

»Ich meine, daß der Gaul niacht bloß den Willen haben muß,« sagte der Tiroler; »er muß auch die Kraft dazu haben.«

»Wir sind dem Ban an Zahl mindestens doppelt überlegen. Außerdem stehen wir hinter Wällen.«

»Ein Soldat nimmt zehn Garden und Mobile in seinen Tschako. Allein richten wir's niacht, sell ischt unmögliach.«

»Die Magyaren werden uns Sukkurs senden! Und Deutschland? Kann die deutsche Zentralgewalt es ruhig geschehen lassen, daß dieser Tilly aus Wien ein zweites Magdeburg macht?«

Gemächlich paffte Ladurner dicke Rauchwolken in die Luft. »Verlaß dich drauf, daß die Lerche den Acker düngt!«

Sie schwiegen und saßen still, jeder seinen Gedanken nachhängend. Gegen Mitternacht fing es an, empfindlich kalt zu werden. Da hüllten sie sich fester in ihre Mäntel und standen schließlich auf, um sich am verflackernden Lagerfeuer zu wärmen. Die Leute lagen friedlich rings umher und schliefen. Alles war in Zucht und Ordnung zugegangen, niemand hatte sich eine Ausschreitung zuschulden kommen lassen.

Als Fred und Ladurner sich im Bereich der ausstrahlenden Wärme gelagert hatten, trat aus dem nächtlichen Dunkel eine Gestalt auf sie zu und beugte sich über Fred, um sein Gesicht aus der Nähe zu sehen.

»Da bist du's endlich!« rief Mießrigel, denn er war es.

»Von Nußdorf herüber hab' ich den ganzen Linienwall abgesucht, um dich aufzufinden.«

»Hättest du lieber von der Erdberger Seite angefangen!« sagte Fred lachend.

»Freilich! Aber so geht es immer, wenn man etwas sucht ... Wenigstens hab' ich mir auch ein Platzerl am Feuer verdient,« meinte er und legte sich hin.

»Eigentlich finden nur Bewaffnete hier Platz,« bemerkte Fred.

»Die Waffen werd' ich mir schon mit der Zeit aus dem Zeughaus holen. Kannst du einen braven Korporal brauchen, so möcht' ich mich wärmstens empfohlen halten. Meine militärischen Referenzen sind gar nicht übel. In der Nacht vom dreizehnten zum vierzehnten März hab' ich der Freiheit zu Ehren ein leidlich gutes Kalbsfell zuschanden getrommelt.«

»Ich brauche verläßliche Leute. Du springst mir wieder aus, wenn es dir paßt.«

»Sei kein Kind, Bruderherz! Damals war es ein ernsthafter Spaß, jetzt ist es spaßhafter Ernst geworden. Den Unterschied weiß ich zu würdigen.«

Ladurner lachte.

»Nach einer Weile sagte Fred: »Wer soll den ›Bst! Bst!‹ herausgeben, wenn du unter die Krieger gehst?«

»Den ›Bst! Bst!‹ muß ich ohnedies eingehen lassen,« versetzte Mießrigel. »Der Setzer hat nicht mehr so viele Rufzeichen in seinem Letternkasten, als ich jetzt für meine Artikel brauchen würde. Es ist auch nicht schade um das Blatte! – was soll ich die Feinde mit Worten totschlagen? Das besorgen schon die andern, der Reichstag, der Gemeinderat und das Studentenkomitee. Mich gelüstet es jetzt nach Taten, bei denen Blut fließt, nicht Druckerschwärze.«

»Wenn du mit uns ziehen willst,« sagte Fred, »so müßtest du dich bei den Mobilen einreihen lassen.«

»Gerade das möcht' ich eben,« versicherte Mießrigel.

Warum er nicht lieber zur Nationalgarde gehe? fragte Ladurner.

»Das will ich Ihnen ganz genau erklären. Erstens muß man bei der Nationalgarde eine Uniform besitzen; wir brauchen aber jetzt unsere Schneider, daß sie Wien verteidigen helfen. Auch könnt' es mir, falls der Ban Glück hat, leicht passieren, daß er zum Burgtor hineinmarschiert, eh' meine Uniform fertig wird.«

»Du scheinst großes Zutrauen zu unserer Sache zu haben,« bemerkte Fred.

»Ich sage: Wenn der Ban Glück hat; er kann ja schließlich auch Pech haben. Zweitens –! Die Nationalgarde ist keine Elitetruppe mehr, denn seit dem Latourtag haben sich die meisten Bessergestellten daraus verduftet und sind mit Zylindern aufgetaucht.«

»Sell ischt leider wahr!« stimmte Ladurner bei.

»Ein Mitglied dieses Angströhrenkorps zu werden, ist tief unter meiner Würde. Drittens und letztens kann der Mensch nicht von der Luft leben. Einem Mobilen aber geht es gar nicht schlecht. Er bezieht eine Löhnung von zwanzig Kreuzern Konventionsmünze den Tag, Brot und Wein, die verabreicht werden, nicht einmal zu rechnen.«

»Also auf Ihre Kosten wollen Sie kommen?« sagte Ladurner mißtrauisch.

Fred seufzte und sah betrübt drein.

»Ich kenne ihn! Er will uns nur auf seine Weise zu verstehen geben, daß der gemeine Mann in den meisten Fällen auch nicht aus selbstloser Begeisterung zur Fahne der Freiheit schwört.«

»Aber gar nicht!« versicherte Mießrigel eifrig. »Ich rede ganz im Ernst und bloß von mir selbst, an die andern denk' ich nicht einmal dabei! Stell dir nur vor, was ich als Mobiler für ein Glück machen kann! Allen Witwen der im Dienst Gefallenen ist eine jährliche Pension von zweihundert Gulden Konventionsmünze zugesichert! Wenn es mir am Ende gelingen sollte, noch rasch eine Frau zu finden, dann brauche ich nichts zu tun als zu fallen, so ist sie versorgt. Habe ich aber das Schwein, bloß zum Krüppel geschossen zu werden, so brauche ich nicht einmal zu heiraten und beziehe mein Leben lang eine Unterstützung von der Gemeinde. So verlockende Aussichten kann ein Schriftsteller nicht mir nichts, dir nichts von der Hand weisen – das mußt du doch einsehen?«

Student Tauß tauchte auf einmal auf, mit einer prachtvollen Feldbinde quer über der Legionsuniform. Der war etwas Höheres geworden, eine Art Truppeninspektor. Den südlichen Linienwall entlang hatte er die Runde zu machen, um im Auftrage des Studentenkomitees die Wachposten der Mobilen zu inspizieren. Zuerst benahm er sich ganz gemessen und dienstlich und überzeugte sich, von Fred geleitet, durch Augenschein, ob der ausgestellte Posten nicht eingeschlafen war. Da er alles in Ordnung fand, wurde er nach und nach gemütlicher und setzte sich schließlich ans Lagerfeuer, in das man ein frisches Scheit geworfen hatte. Ein Proletarier brachte ihm einen Krug Bier, eine wohlhabende Hausfrau aus der Nähe hatte ein ganzes Fäßchen herübergeschickt.

»Ihr wißt es doch schon, daß wir endlich ein Oberkommando haben? Jetzt ist also die gesamte Volkswehr in einer Hand vereinigt: Nationalgarde, Legion und Mobile. Höchste Zeit, daß es geschah; denn auch der Gegner faßt seine Streitkräfte zusammen und wird stärker sein, als wir anfangs meinten. Fürst Windischgrätz ist zum Feldmarschall und Kommandierenden der ganzen österreichischen Wehrmacht ernannt worden. Auch davon wißt ihr noch nichts? Beim Oberkommando, wo ich jetzt bin, sitzt man halt doch näher an der Quelle.«

Fürst Windischgrätz! Fred senkte das Haupt. Es kam ihm die Erinnerung wieder, wie in den Märztagen ihm der Fürst im inneren Burghof die Hand gereicht und die Hoffnung ausgesprochen hatte, Studenten und Soldaten möchten einander nie wieder feindlich gegenüberstehen ...

»Auch die Armee des Bans ist unter den Oberbefehl des Fürsten gestellt,« sagte Tauß. »In wenigen Tagen soll er mit allen in Böhmen, Mähren und Galizien verfügbaren Truppen vor Wien eintreffen. Es wird ein Kampf auf Leben und Tod!«

»Was macht der Reichstag?« fragte Ladurner erregt.

Tauß zuckte die Achsel.

»Er steht auf legalem Boden.«

»Und die Minister? Sind die wirklich alle verschwunden?«

»Nur der Finanzminister Kraus ist noch zu sehen, der weiß sich zu halten, weil er sich in einen Mantel von Zweideutigkeiten hüllt. Mit der rechten Hand versorgt er den Jellachich und den Windischgrätz mit Geld, Lebensmitteln und Kriegsbedarf, weil der Staat kaiserliche Soldaten doch nicht verhungern lassen kann; mit der linken Hand zahlt er dem Reichstag Vorschüsse aus dem Staatsschatz, um die Verteidigung der Stadt ins Werk zu setzen, bestreitet die Löhnung der Mobilen und die Spesen des Oberkommandos.«

Wie das neue Oberkommando aussehe? wollte Fred wissen.

»Wer ischt der Gottöberschte?« fragte Ladurner.

»Ein ehemaliger Offizier, ein gewisser Wenzel Cäsar Messenhauser,« sagte Tauß.

Messenhauser? Den Namen hatte weder Fred noch Ladurner je gehört. Wessen Geistes Kind das sei, hätten sie gern gewußt. Aber auch Tauß kannte ihn noch nicht näher und wußte nichts über ihn zu berichten.

»Der Messenhauser?« rief Mießrigel, dem die Nachricht gleichfalls neu war. »Der Messenhauser? Hören Sie auf! Der Messenhauser?« Und er schlug sich vor Verwunderung auf die Schenkel, daß es klatschte.

»Kennen Sie ihn?«

»Na, ob ich ihn kenne! Der Messenhauser! O du verflixte Komödie! Der Messenhauser Oberkommandant –! So ist es recht! Bravo, bravo! Einen Poeten mußte diese verdrehte Revolution sich zum Spiritus rector kiesen. Einen Dichter, dessen Reich nicht von dieser Welt ist! Also machen wir das Kreuz über die ganze Geschichte und fliegen wir alle miteinander zu den Wolken!«

Man bestürmte ihn mit Fragen. Jeder wollte etwas Näheres über Messenhauser erfahren. Und warum man ihn zum Oberkommandanten gewählt habe? Und ob er wirklich ein Dichter sei?

»Freilich ist er ein Dichter,« sagte Mießrigel; »sogar ein höchst mittelmäßiger! Jetzt scheint er sich selbst zum Helden umgedichtet zu haben. Aber die Dichtung wird schwach sein wie alles, was bisher auf diesem Acker gewachsen ist. Warum man gerade auf den verfallen ist? Da fragt ihr mich zu viel, das kann ich auch nicht sagen. Vielleicht, weil er sich Wenzel Caesar schreibt. Der Gemeinderat wird sich halt denken, es könnt' vielleicht ein Julius Caesar in ihm stecken.«

»Ich bitte um Respekt!« sagte Tauß, der von Seiten des Studentenkomitees seit einigen Stunden dem Hauptquartier zugeteilt war und sich als Behörde fühlte. »Doktor Becher, der Redakteur des ›Radikalen‹, soll den Messenhauser empfohlen haben, und der wird schon wissen, warum.«

»Hoffen wir's!« sagte Mießrigel. »Wenn ich mich recht erinnere, hat Messenhauser in den Märztagen seinen Dienst als Offizier quittiert. Das wird freilich den Ganzroten gut gefallen haben.«

»Ich weiß vorderhand nichts von ihm,« sagte Tauß, »als daß er sein Hauptquartier im Schwarzenbergpalais aufgeschlagen und neue Federbüsche und Feldbinden für seinen Generalstab eingeführt hat. Zu den Ganzroten scheint er mir nicht zu gehören, wenigstens ist die Garde, mit der er sich umgeben hat, aus allen Kompagnien der Volkswehr zusammengesetzt, sogar Schwarz-Gelbe vom reinsten Wasser befinden sich darunter.«

»Er wird doch niacht auch auf legalem Boden stehen?« rief Ladurner.

Wer sonst noch dem Oberkommando angehöre? hätte Fred gerne gewußt.

Tauß zählte eine Reihe von Namen her. Da war einmal ein gewisser Haug, der Chef des Generalstabes ...

»Haug? Nie gehört!«

»Ehemals Oberleutnant, zuletzt in Nordamerika, um gegen Mexiko zu fechten, durch die Revolution nach Österreich zurückgelockt. Soll am Latourtag einen Proletarierhaufen geführt und sogar persönlich an der Ermordung des Grafen teilgenommen haben.«

Ferner Jelowicki, der Chef des gesamten Artillerie- und Befestigungswesens ...

»Jelowicki? Gänzlich unbekannt!«

»Polenflüchtling von 1831, geradenwegs aus Algerien kommend, wo er zuletzt gelebt.«

Ferner der wackere Fenner von Fenneberg, der erste Feldadjutant Messenhausers.

»Der sell ischt ein Tiroler,« sagte Ladurner.

»Aber ein Radikaler, der die Revolution erst seit dem Latourtag seiner Beachtung wert gefunden hat. Sohn eines k. k. Feldmarschall-Leutnants, früher selbst Offizier bei den Kaiserjägern, aber schuldenhalber kassiert ...«

»Merkwürdig, wie sich das aus aller Herren Länder zusammenfindet!« wunderte sich Fred. »Lauter unbekannte Namen und manches zweifelhafte Element darunter, wie mir scheint.«

Mießrigel lachte.

»Wo Aas ist, sammeln sich die Geier.«

»Mit Latour-Mördern sollte man nicht gemeinsame Sache machen.«

Tauß fühlte sich verpflichtet, das Hauptquartier in Schutz zu nehmen.

»Was willst du? In solcher Zeit muß man die tüchtigen Männer nehmen, wo man sie findet.«

»Freilich,« sagte Mießrigel, »daß es Abenteurer sind, kommt dabei garnicht in Betracht, und ein bißel Schulden oder Mord nimmt man auch noch mit in Kauf.«

»Ich glaube, es sind hervorragende und überzeugungstreue Leute darunter,« fuhr Tauß unbeirrt fort. »Der Bedeutendste von allen aber dürfte der General Bem sein; auf den werden die größten Hoffnungen gesetzt.«

»General Bem? Gleichfalls nie gehört! Österreichischer General?«

»Ach wo! Auch Polenflüchtling. Soll bei Ostrolenka gegen die Russen großen Heldenmut bewiesen und bei dem Sturm auf Warschau die gesamte polnische Artillerie kommandiert haben. Seither lebte er als Emigrant und Agitator für den polnischen Einheitsstaat in Paris. Ein kleines, urhäßliches Kerlchen, das aussieht, als hätt' es den Teufel im Leib! Ich glaube, an dem haben wir wirklich einen großartigen Feldherrn gewonnen.«

Da richteten die gebeugten Gemüter sich auf, und alle wurden wieder zuversichtlich. Wenn man nur einen einzigen weitblickenden und feurigen Mann da oben wußte, so wollte man mit tausend Freuden an einen Erfolg der guten Sache glauben und seine Brust begeistert den Kugeln des Feindes entgegenstellen.

Es war spät geworden. Tauß mußte jetzt seinen Rundgang fortsetzen, die Posten der Mobilen zu inspizieren, und auch Mießrigel verabschiedete sich. Fred und Ladurner wickelten sich in ihre Mäntel und streckten sich zum Schlafe hin. Aber schon nach wenigen Stunden, beim ersten Morgengrauen, war Fred wieder wach. Er konnte nicht mehr schlafen. Er dachte an seinen Vater, der die Freiheit so heiß geliebt hatte. War er nicht glücklich zu preisen, daß er den Frühling noch gesehen, aber den Herbst nicht mehr erlebt hatte?

Er erhob sich leise, schlich behutsam zwischen den auf dem Erdboden liegenden Schläfern hindurch und begab sich auf den Linienwall, um Ausschau zu halten. Es war ein vollkommen wolkenloser Oktobermorgen, doch lagerte noch ein trübes Gemisch von Nebel, Rauch und Dämmerung über der gleichsam wie verdrossen und erschöpft ausruhenden Stadt.

Der Posten am Wall machte ihm Zeichen und deutete über die Böschung. Vorsichtig darüber hinweglugend, sah Fred eine abenteuerliche Gestalt auf dem Damm der Gloggnitzer Bahn stehen, die gleichlaufend mit dem Linienwall in geringer Entfernung jenseits vorüberführte. Unbeweglich wie eine Bildsäule stand die Gestalt im Zwielicht, nebelhaft flächig gegen den helleren Horizont. Erst als der Tag an Kraft gewann, war zu erkennen, daß es ein Seressaner war, einer jener gefürchteten Leute, die die Heerscharen des Bans zum Schrecken der Bevölkerung machten. Ein hochgewachsener, wahrhaft hünenhafter Mann, trug er eine schafpelzbesetzte grüne Jacke, weite blaue Beinkleider, die sich unterhalb der Kniee gamaschenartig verengten, und auf dem Kopf eine lange, nach hinten hängende rote Haube, die mit einer blauen Quaste geschmückt war. Der hellrote Kragen oder Mantel, der ihm am Rücken hing, wehte im Morgenwinde und flatterte wie ein paar mächtiger roter Schwingen an seinen Schultern.

Wie er jetzt sein Antlitz, anscheinend völlig sorglos, der aufgehenden Sonne zuwendete, konnte Fred sogar die schöngeformten bronzenen Gesichtszüge deutlich erkennen und ein ganzes Arsenal von Pistolen, Dolchen und Chandjaren mit eingelegten und ziselierten Griffen in seinem roten Leibgurt blitzen und funkeln sehen. Das Ungewohnte und Fremdartige der seltsamen Erscheinung berührte Fred ganz eigen und erfüllte ihn mit Bitterkeit. War denn das jetzt nicht abermals eine Art von Türkenbelagerung, wie die ruhmreichen Vorfahren sie zweimal bestanden hatten? Eine Bedrohung der westlichen Kultur und ihrer Freiheit durch barbarische, zurückgebliebene Völker, die in dumpfer Sklaverei dahinlebten? Nur, daß der Feldherr des Kaisers sich jetzt der rohen und wilden Völker des Ostens bediente, um im Dienste der Kamarilla die selbständige freie Entwicklung des österreichischen Deutschtums zu unterbinden!

Während Fred noch die Gestalt des fremden Kriegers beobachtete, fiel rechter Hand, von einer Barrikade in der Nähe der Favoritenlinie, ein dumpfer Schlag – Mobilgarden hatten einen Kanonenschuß gegen den einzelnen Wachposten des Kroatenheeres abgegeben. Unmutig stampfte Fred den Boden.

»Es scheint, daß man die Leute mit zu viel Munition versehen hat!«

Der Seressaner war verschwunden. Von der Barrikade erhob sich Jubelgeschrei. Dort schien man sich der Meinung hinzugeben, ein Heldenstück vollbracht zu haben. Ladurner kam gelaufen, durch den Schuß aufgestört.

»Die tun, als hätten sie einen Sieg über Jellachich erfochten,« sagte Fred, »weil sie gegen einen einzelnen Vorposten eine Kanone gelöst haben.«

Ob er denn gefallen sei? fragte Ladurner.

»Ich glaube, er hat nur Deckung hinter dem Bahndamm gesucht.«

Sie beschlossen einen Ausfall zu machen, um nachzusehen. Ihre Mannschaft in zwei kleine Streifkorps teilend, von denen eins Fred, eins Ladurner führte, stiegen sie in die Einsenkung jenseits des Linienwalles nieder und klommen drüben vorsichtig den Bahndamm hinauf, der eine rechts, der andere links von der Stelle, wo der Seressaner gestanden hatte. Es gelang ihnen, den Mann, der sich auf der andern Seite platt in die Grasböschung niedergeworfen hatte, zu überrumpeln und gefangen zu nehmen. Als von weiter draußen einzelne Schüsse gegen sie abgegeben wurden, beeilten sie sich zurückzukommen und sich selbst und ihren Seressaner in Sicherheit zu bringen.

Fred und Ladurner hatten gemeint, aus ihrem Kriegsgefangenen wichtige Aufschlüsse über Stärke und Stellung des Gegners herauslocken zu können. Hierin sahen sie sich freilich betrogen. Der stattliche junge Mensch, dessen äußere Erscheinung sogar von schöner, edler Männlichkeit war, zeigte sich geistig ziemlich beschränkt und begriff nichts von dem Sinn der Operationen, an denen er teilnahm. Indessen interessierte es sie, Näheres über die persönliche Art der Truppe zu erfahren, der er angehörte, und sie fragten ihn weidlich aus, nachdem sie ihn durch Wein und Schnaps zutraulich gemacht hatten.

Da kamen sie nach und nach dahinter, daß er sich nicht einmal bewußt war, vor Wien zu stehen. Er mochte die Stadt, die er belagern half, für Ofen-Pest halten, oder für irgend eine andere ungarische Stadt. Bloß daß es eine sehr böse und verworfene Stadt sei, davon war er durchdrungen, eine Art Sodom oder Gomorrha, das den Zorn Gottes auf sich herabgeschworen habe und zerstört werden müsse. Denn in dieser Stadt lebte die »Ola«, womit er offenbar die Aula meinte, und worunter er sich irgend einen höllischen Dämon der Finsternis vorzustellen schien. Und die »Ola« habe den Kaiser vom Thron gestoßen und halte ihn gefangen, weshalb der Kaiser seine braven Seressaner zu Hilfe gerufen hätte, ihn aus seinen Ketten zu befreien. Und wie er vom Kaiser sprach, wies er mit der Hand auf den Dom von St. Stephan, der über dem Häusermeer aufragte, und den er für das Schloß des Kaisers hielt.

»Wir beide gehören auch zur Aula,« sagte Fred halb belustigt. »Dieser und ich, beide sind wir von der Aula.«

Aber das wollte der Seressaner durchaus nicht gelten lassen, und zwei Reihen großer, prachtvoller weißer Zähne bleckend, sagte er grinsend: »Oh – oh! Gospodine schön! Gospodine brav! Nix Ola, Gospodine! Gospodine brave Soldat! Brave Soldat Ola abkrageln! Ola viel Geld, viel Masse Geld! Brave Soldat Geld wegnehmen! Brave Soldat werden reich, kaufen schöne Anzug, schöne Pferd, schöne Weib! Brave Soldat gehen gut, nix arbeiten mehr!«

»Dürft ihr denn plündern?« fragte Ladurner.

Der kühne Krieger hob drei Finger und sagte strahlend: »Drei Tage!«

»Drei ganze Tage dürft ihr plündern? Wer hat es euch erlaubt?«

»Herr Leibnampt!« versicherte befriedigt das Naturkind.

Sie ließen ihren Kriegsgefangenen ins Hauptquartier abführen. Nun wußten sie es, womit man die Seressaner zum Kreuzzug gegen die Freiheit begeistert hatte ...

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