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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 41
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
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Inzwischen hatte der Muschir, nachdem Poldi von zuhause weggegangen war, sich zu einem Rundgang gerüstet, denn er wollte sich auch ein wenig umsehen. Seit das Geschäft ihn nicht mehr so sehr in Anspruch nahm, interessierte er sich mehr für die öffentlichen Dinge. Und wie es in der inneren Stadt zugegangen war und heute dort aussah, das mußte er selbst in Augenschein nehmen. Aber lange freute es ihn nicht, er hatte bald genug und drehte geschwind wieder um. Ins »Goldene Stuck« zurückgekehrt, polterte er mit Neuigkeiten geladen in die große Familienstube hinein, wo Bethi und Julie Charpie zupfend still beieinander saßen. Schön ging es zu da drin, in der Stadt! Schon das Hineinkommen war eine Kunst: Das Schottentor verrammelt, Proletarier und Legionäre als Wachposten davor! In den Straßen Kappelbuben mit eisernen Sturmhauben auf dem Kopf, statt der Kappeln, und ziselierten Harnischen um die Brust, eine tolle Maskerade! An der hohen Brücke, von wo sie das Zeughaus bombardiert hatten, Leichen – haufenweise! Und am Hof, da flatterte noch ein Strickende an dem gewissen Kandelaber – Bagage, vermaledeite!

»Das kommt schließlich heraus bei dem verflixten Regieren von unten hinauf!« sagte er. »Wenn die Korden an einem Jacquard sich verrütten und die Messer, weil sie verbogen sind, die Platinen nicht mehr richtig heben, so kann natürlich kein Mensch mehr ordentlich darauf weben. Deswegen geht man aber doch nicht auf die Gasse hinunter und holt ein paar Leute herauf, die zufällig vorübergehen und sagt ihnen: Richtet mir meinen Jacquard! Sondern zum Webstuhlmechaniker wird man schicken! Das Regieren aber soll auf einmal jeder Schuster und Schneider und Zeitungsschreiber und Deichgraber verstehn, wenn er gerade in irgend einem Demokratenklub oder Sicherheitsausschuß sitzt oder gar im Reichstag! Von den Buberln nicht einmal zu reden, die man von der Schulbank holt, damit sie dem Kaiser regieren helfen.«

Die Frauen ließen ihn austoben, und schließlich sagte Julie: »Wir hätten eine Bitte!«

»Kommst du mit dem Wirtschaftsgeld nicht aus? Meinetwegen! Es sind teure Zeiten, dafür kannst doch du nichts! Deswegen brauchst du nicht so furchtsam tun – geh!«

Er gab ihr einen leichten Backenstreich, der zärtlich und nachsichtig gemeint war.

»Das ist es nicht,« sagte Bethi. »Wir haben dich bitten wollen ...«

»Ob du vielleicht erlauben möchtest ...«

»Also heraus mit der Sprache! Bin ich denn der Krampus?«

Da nahmen sie sich einen Rand. Einen Schwerverwundeten hatten sie ins Haus aufgenommen. Der war bewußtlos zusammengebrochen, drüben an der Kirche St. Ulrich. Offenbar über den Spittelberg aus der Stadt kommend, um sich mit durchschossener Brust nach Hause zu schleppen, irgendwohin, wo er wohnen mochte, weit draußen, wo die elendesten Hütten stehen; denn es war ein ganz herabgekommener und zerlumpter Proletarier.

»So einen schickt man doch ins allgemeine Krankenhaus?«

»Die werden ohnedies alle Hände voll zu tun haben,« sagte Julie. »Dreihundert Verwundete sollen dort liegen.«

»Wollt ihr ihn vielleicht in mein Bett legen?« fragte der Muschir halb grollend, halb scherzend.

»Du würdest durch den armen Sünder nicht behelligt,« meinte Bethi. »Wir haben im Hoftrakt die Kammer neben dem Seidenmagazin für ihn ausräumen lassen. Wenn du es doch erlauben wolltest? Er dauert uns so!«

»Jetzt – als ob ich ein Indianer wär'!« sagte der Muschir etwas verletzt. »Wenn ihr euch schon durchaus um so einen Falotten annehmen wollt – warum soll ich es denn nicht erlauben?«

»Weil es halt noch ein besonderes Bewandtnis mit ihm hat,« meinte Julie beklommen.

Der Muschir wurde ungeduldig.

»Ein Abgestrafter kann es doch nicht sein, oder sonst ein schlechter Kerl?«

»Ein reines Gewissen wird er freilich nicht haben,« meinte Bethi zaghaft.

Jetzt kannte sich der Muschir aber wirklich nicht mehr aus.

»Ja – wißt ihr denn von dem Menschen überhaupt etwas Näheres?«

»Es ist der Götsch Schani,« sagte Julie leise.

»Der Götsch Schani! ... Den wollt ihr pflegen? ... Den wollt ihr in unser Haus aufnehmen? ... Weil sich der Götsch Schani,« sagte er bitter, »halt gar so viel Verdienste um unsern armen Görgi erworben hat!«

Die Frauen schwiegen und zupften Charpie.

»Es kommt Julien – und auch mir,« sagte Bethi endlich, »wie eine Art Sühne vor, nach allem, was geschehen ist.«

Julie schluckte an Tränen.

»Was läßt sich nach so einem Unglück, für das es keinen Trost gibt, noch tun, als seinem Urheber Gutes erweisen? Darin liegt doch etwas wie eine Beruhigung?«

»So –? Also! Wenn es euch eine Beruhigung ist ... «

Er ging mit gesenktem Haupt im Zimmer umher. Schinackel trat ein, der sah übernächtig aus; die Sitzung des Reichstages hatte die ganze Nacht, bis in den Morgen hinein gedauert. Er hatte sich gar nicht mehr zu Bett gelegt.

»Bei mir ist das ganz eigen,« sagte er aufgeräumt; »Hunger und Schlaf hab' ich in ein- und demselben Sack. Wenn ich viel schlafe, so kann ich von der Luft leben, und wenn ich viel esse, so kann ich anstandslos die Nächte zum Tag machen. Ihr werdet nichts dagegen haben, daß ich hier bei euch frühstücke?«

»Du Ärmster hast noch nicht einmal gefrühstückt?« rief Bethi voll Mitleid.

»Nicht gefrühstückt? Wer sagt denn das? Zweimal schon! Bis Susanns Vorräte erschöpft waren und eine Hungersnot in der Roveranigasse ausbrach. Da dacht' ich mir, auf dem Platzel würden sie schon noch etwas haben.«

Bethi wollte sich erheben: »Hoffentlich hast du dich nicht getäuscht, ich werde gleich nachsehen ... «

»Bitte bemühe dich nicht! Ich gehe immer gleich zum Schmied, und nicht erst zum Schmiedel. Michella hat mir goldene Berge versprochen und wird gleich etwas bringen.«

»Jetzt wissen wir wenigstens, was uns das Vergnügen verschafft,« sagte Julie lächelnd.

»Ihr zupft Charpie?« fragte er.

»Für unser Spital zur christlichen Barmherzigkeit,« brummte der Muschir und verließ mit schweren Schritten das Zimmer.

»Es soll so viele Verwundete geben?«

Schinackel schlug bekümmert die Hände zusammen.

»Wenn alle Frauen Wiens so fleißig sind wie ihr, so werden sie gerade so viel Charpie zustande bringen, als man jetzt gut brauchen kann.«

Michella brachte auf einer großen silbernen Platte ein paar erlesene Schüsselchen und Näpfe, Teller und Besteck, eine funkelnde Karaffe und einige seltsam und besonders aussehende Flaschen.

»Sapperlot, was sehen meine Augen?« rief Schinackel übermütig frohlockend. »Feines Geflügel, wildes und zahmes, frische und gesalzene Meer- und Flußfische, Mayonnaise, Austern und Kaviar, Gesulztes und Geräuchertes vom Haus- und Wildschwein, den Hasen nicht zu vergessen, das Reh und den Birkhahn – kurz alle Pikanterien der kalten Küche mit Einschluß der zugehörigen Desserts, und zur entsprechenden Verdauung die vorzüglichsten inländischen, französischen, spanischen und Rheinweine, nebst Champagner, dem Nirgendsfehlenden!«

»Du übertreibst,« sagte Michella beschämt. »Gar sehr übertreibst du, Schwager!«

Bethi und Julie lachten.

»Seine Phantasie gaukelt ihm die wildesten Orgien vor.«

»Man sieht daraus, was er sich eigentlich erträumen möchte.«

»In Wahrheit,« sagte Schinackel essend, »bin ich nicht gekommen zu schwelgen, sondern um nach Fred zu sehen. Der Junge trug gestern einen Verband um die Stirn.«

»Der Patzenhauer macht nichts daraus,« sagte Bethi; »nur ein paar Tage sollt' er zuhause bleiben, das ist mir gerade recht. – Was habt ihr im Reichstag ausgekocht?«

»Eigentlich sind wir nur mehr ein Rumpfparlament. Das tschechische Haupt hat sich selbst geköpft.«

»Der Reichstagspräsident Strobach?«

»Ist mit den übrigen tschechischen Deputierten auf Holländisch ausgekratzt. Wir anderen nahmen uns die Hydra zum Vorbild und ließen uns geschwind einen neuen Kopf wachsen, einen polnischen diesmal. Unter dem Vorsitz des Vizepräsidenten Smolka haben wir uns permanent erklärt und einen Sicherheitsausschuß für Wien und die ganze Monarchie ernannt, dem unser Herrgott hoffentlich zu seinem Amte auch den nötigen Verstand verleihen wird.«

»Was sagt der Kaiser zu den entsetzlichen Ereignissen von gestern?«

»Wir sandten noch in der Nacht eine Deputation an ihn und erbaten die Ernennung eines wahrhaft volkstümlichen Ministeriums, die Abberufung des Bans Jellachich aus Ungarn und eine allgemeine Amnestie für die Vorgänge des gestrigen Tages. Man müßte ja halb Wien einsperren oder hängen, wollte man alle zur Verantwortung ziehen, die sich am Tabor, am Stephansplatz, am Graben oder am Hof gegen die legale Ordnung vergangen haben!«

»Der Monarch in seiner Güte und Nachsicht wird sicher Gnade vor Recht ergehen lassen,« meinte Julie.

»Wenigstens wurde die Reichstagsdeputation noch um Mitternacht in Schönbrunn empfangen. Sie brachte die schriftliche Zusage des Kaisers zurück, in der von uns vorgeschlagenen Weise ein volkstümliches Ministerium bilden zu wollen, um mit diesem unverzüglich die zum Wohle der Monarchie nötigen Maßnahmen zu beraten.«

Jetzt sahen sie alle erstaunt auf, als die Tür sich öffnete und Fred eintrat, die Stirn verbunden, die Wangen von Fieberhitze glühend.

»Du hättest doch im Bette bleiben sollen, Fred?« rief Bethi ihm vorwurfsvoll entgegen.

»Ich konnte es nicht länger aushalten. Wer kann im Bette liegen, wenn das Haus brennt?«

»Das Haus brennt?« zeterte Michella und sprang in die Höhe.

»Ich meine es symbolisch. Das Haus, die Stadt, das ganze Reich! Ladurner war eben bei mir – weißt du es schon, Ohm Schinackel? Der Kaiser hat Schönbrunn verlassen!«

»Der Kaiser? Doch nicht wieder nach Tirol geflohen?«

»Unter starker militärischer Eskorte abgereist, nach Olmütz, heißt es. Zwanzig Kompagnien Infanterie, ein halbes Dutzend Eskadronen und acht Feldgeschütze sollen noch in der Nacht aus Krems herangezogen worden sein, ihm das Geleite zu geben! Da hat wieder die Kamarilla ihre Hand im Spiel! Man will die Ausschreitungen eines durch gerechte Entrüstung fanatisierten Pöbelhaufens zum Vorwand nehmen, den Kaiser einzuschüchtern und für die Gegenrevolution zu gewinnen!«

»Himmel noch einmal!« seufzte Schinackel, seinen Teller von sich schiebend; »und der Mob hat dreißigtausend Musketen in der Hand!«

»Wenigstens sind wir nicht wehrlos!« rief Fred mit flammenden Augen. »Was kann jetzt kommen? Erste Möglichkeit: Der Kaiser ernennt von Olmütz aus ein volkstümliches Ministerium und gewährt Amnestie. Unwahrscheinlich, fast ausgeschlossen! Zweite Möglichkeit ... «

»Ich bemerke,« sagte Schinackel lächelnd, »daß du noch immer mit dem kleinen Finger zu zählen anfängst, wie ich dirs einst beibrachte.«

»Dafür hab' ich mir in den Wachstuben das Tabakrauchen angewöhnt.«

»Dem bin ich noch immer nicht hold,« sagte Schinackel, »aber zählen tu' ich längst vom Daumen aus. Und mein dicker Daum, das ist die gewichtigste und überhaupt einzige Möglichkeit: Der Kaiser wäre nicht mit militärischer Eskorte auf und davon, bestünde in den Kreisen der Kamarilla nicht die feste Absicht, Wien die Rute zu geben!«

»Somit gestehst du zu, daß die dreißigtausend Gewehre für uns ein Glück sind?«

»Mit Nichten! Ich bin sonst ein ehrlicher Demokrat, aber ich stehe auf legalem Boden, das heißt, obendrauf auf der Masse, nicht unter ihr. Auf der Spitze der Pyramide, verstehst du, wo die Himmelsluft der Freiheit weht – unter der Steinlast begraben sein, das halte ich für kein Vergnügen. Wenn nun aber der Pöbel die Macht in Händen hat –?«

»Mit den meuterischen Richtergrenadieren und mit den Mördern Latours wird sich deswegen niemand identifizieren wollen.«

»Wir werden immerhin höflich mit ihnen umgehen müssen, gerade wegen der dreißigtausend Musketen. Und schließlich brauchen wir sie vielleicht sogar noch, wenn es uns ihrethalben an den Kragen gehen sollte. Denn wenn die Kamarilla am Ende auch die anständigen Leute und überhaupt die gesamte Bürgerschaft mit dem bewaffneten Mob in einen Topf wirft und in ganz Wien nichts anderes mehr sieht als einen einzigen großen Schweinetrank, der aufgefressen zu werden verdient, so wird uns nichts übrig bleiben, als uns gemeinsam zu wehren, wollen wir nicht gemeinsam aufgefressen werden.«

»Der Legion wird jede Bundesgenossenschaft willkommen sein,« beharrte Fred, »wenn sie sich für die Freiheit und gegen die Reaktion zur Verfügung stellt!«

Er ging erregt von Fenster zu Fenster, als zög' es ihn nach der Straße, ins Freie, in das Getriebe des Kampfes. Vergeblich blieb Bethis Mahnen, er möge sich wieder zu Bette legen. Julie entfernte sich mit einem Pack Charpie, nach dem armen Blessierten zu sehen, den sie unter ihren Schutz genommen hatte. Dagegen trat jetzt der alte Herr Beywald ein, ernst und mit fast verstörter Miene. Er wußte es auch schon, daß der Kaiser Schönbrunn verlassen hatte. Freilich wußte er es, natürlich!

Wie es Cajetana gehe? fragte Bethi.

»Unter Üblichkeiten leidet sie diesmal,« sagte er verstimmt, »Man sollte meinen, daß sie es jetzt schon gewöhnt sein könnte ...«

»Am Ende gibts noch Zwillinge,« meinte Schinackel.

»Auch möglich ... Mein Franzl möcht' ich sein. Den läßt das Unglück der Stadt und des Landes gänzlich kühl. Wenn die Cajetana einmal – mit Verlaub – erbricht, so ist das ein zehnmal wichtigeres Ereignis für ihn, als daß sie den Latour aufgehängt haben und der Kaiser die Flucht ergriffen hat.«

»Schließlich geht es ihn auch näher an,« meinte Michella lachend, indem sie den Tisch abräumte. »Ich werde der Cajetana einen Tee schicken, den nehmen Sie dann später mit, nicht wahr? Er wirkt unfehlbar gegen solche Zufälle.«

Und dann ging sie hinaus, das Geschirr in die Küche zurückzutragen. Beywald zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche: »Kennen Sie das schon, Herr Scheichenstuhl?«

»Was ist es?«

»Das Manifest des Kaisers aus Schönbrun: ›Wien ist mit Brand und Mord erfüllt‹ ...!«

Fred stampfte mit dem Fuße: »Der Tod Latours kann noch der Tod der Freiheit sein!«

Der alte Beywald las: »In diesem entscheidungsvollen Augenblicke vertraue ich auf Gott und auf mein Recht und verlasse die Nähe meiner Hauptstadt, um Mittel zu finden, der unterjochten Bevölkerung von Wien Hilfe zu bringen und die durch die empörendsten Frevel bedrohte Freiheit zu retten ...«

»Die Kamarilla will die bedrohte Freiheit retten!« rief Fred.

»Die eine Stelle gibt besonders zu denken,« meinte Schinackel: »Der Kaiser verläßt die Hauptstadt, um der unterjochten Bevölkerung von Wien Hilfe zu bringen?«

»Unter der unterjochten Bevölkerung,« sagte Bethi, »werden die Studenten und überhaupt alle Unständigen gemeint sein, die die Ermordung Latours mißbilligen.«

Bitter lachte Fred auf.

»Die sogenannten Gutgesinnten sind damit gemeint, die Schwarz-gelben!«

»Der unterjochten Bevölkerung Hilfe zu bringen?« wiederholte Beywald nachdenklich. »Wißt ihr, was damit gemeint ist? Daß eine Armee zusammengezogen und auf Wien losgelassen werden soll.«

»Hoho!« machte Schinackel; »so weit sind wir doch noch nicht! Noch gibt es einen Reichstag, noch gibt es konstitutionelle Minister, die dem Reichstag verantwortlich sind! Der Reichstag muß jetzt nur um so fester auf seinem Posten ausharren. Nur zu ihm hat die Bevölkerung Vertrauen. Er allein, wenn überhaupt jemand, ist noch imstande, jetzt das äußerste Unheil abzuwenden.«

Er sah nach der Uhr.

»Wir sind in Permanenz erklärt,« sagte er, »die unterbrochene Sitzung muß längst wieder aufgenommen sein. Laßt uns den Kopf oben behalten, jetzt gilt es Besonnenheit und Mut, soll nicht alles verloren sein!«

Der alte Beywald war wenig zuversichtlich.

»Es ist schon alles verloren! Alles verloren – die Freiheit ist dahin!«

»Noch gibt es eine akademische Legion,« rief Fred glühend, »und die Kamarilla ist weit!«

»Ach, die Kamarilla –! Die allein würde die Freiheit nicht umbringen! Aber der Pöbel, der Pöbel! Der ist jetzt unser absoluter Monarch von Gottes Gnaden! Denk einmal – dreißigtausend Musketen!«

»Dreißigtausend Musketen!« wiederholte Schinackel, mit den Fingern schnalzend, und suchte ungeduldig nach seinem Hut.

Bald nachdem er sich mit Beywald entfernt hatte, wandelte Fred eine Ohnmacht an. Bethi sprang ihm bei und labte ihn, heftig fiebernd wurde er zu Bett gebracht. Es blieb ihm nichts übrig, als nachzugeben und sich den Anordnungen Patzenhauers zu fügen. Ladurner kam täglich nach ihm zu sehen und tröstete ihn, er versäume nichts, es sei ohnedies nicht viel los. Die ganze Stadt habe einen Kater und befinde sich in Aschermittwochstimmung. Seit dem Vormärz sei es so ruhig und ordentlich nicht mehr zugegangen. Nicht einmal vom Proletariat sehe man viel, und vom Militär gar nichts. Das erstere habe sich in seine Schlupfwinkel verkrochen und warte vielleicht nur die Gelegenheit ab, wieder zum Vorschein zu kommen. Das Militär habe der General Graf Auersperg auf der beherrschenden Höhe des Schwarzenbergparkes und Belvederes zusammengezogen, wo es eine beobachtende Stellung einnehme und wahrscheinlich auch nur die Gelegenheit abwarte, für den Tod des Grafen Latour Revanche zu nehmen. So wäre Wien gegenwärtig eigentlich ganz zufrieden und hätte das schönste Leben, fühlte es sich nicht sozusagen zwischen zwei Feuern.

»Es ischt geradeso,« sagte er, »wie wenn die Kinder Maipfeiflan schneiden und dazu singen:

Kimmscht du über die Brucken,
Fressent dich die Mucken,
Kimmscht du hin ins Pfarrerhaus,
Jagent dich die Hündlan aus.«

Auch Mießrigel kam einmal, ihn zu besuchen. Mit dem Rufe: »Wünsch' ein glückseliges neues Jahr!« trat er bei ihm ein.

»Soviel ich weiß, schreiben wir Oktober,« sagte Fred.

»Was ist der Jahresanfang, lieber Freund? Ein Begriff, eine Konvention. Die Rosen und Schwalben fangen das neue Jahr mit dem Frühling an, die Soldaten mit dem Oktober, die Juden mit dem November, die Hausherrn mit dem zweiten Februar, die Eintagsfliegen mit dem Morgen, und am Abend sind sie tot. Die Franzosen der ersten Revolution haben bekanntlich ihr Neujahr von der Republik datiert – warum sollen wir es ihnen nicht nachmachen? Der Kaiser ist fort, die Soldaten sind fort, die Minister sind verschwunden, es gibt nichts mehr als einen Reichstag, und sogar der ist nur halb. Ich schreibe, jetzt das Jahr Nummer eins. Es hebt die große neue Ära an, die Ära der Freiheit, wie ich sie meine.«

»Zwinge dich mir zulieb nicht zu Scherzen,« sagte Fred nachsichtig; »ich weiß, daß sie dir nicht vom Herzen kommen. Du hast einen herben Verlust erlitten. Glaub es mir, daß ich innig mit dir empfinde!«

Er ergriff seine Hand und drückte und schüttelte sie herzlich. Mießrigel riß sich von ihm los, trat ans Fenster und weinte in den nassen, nebligen Oktobertag hinaus. Es war kürzlich seine alte Mutter gestorben, und er stand jetzt ganz allein.

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