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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 40
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
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»Jetzt wird der Herr Poldi auch einen schweren Stand haben,« sagte am andern Morgen Frau Brodbeck zu Pappelmann, der wie gewöhnlich bei ihr frühstückte.

»Warum?«

»Weil das Volk das kaiserliche Zeughaus geplündert hat. Das muß für die Zeugweberei doch ein großer Schaden sein?«

»Was stellen denn Sie sich unter einem Zeughaus eigentlich vor?« fragte Pappelmann.

»Was werd' ich mir weiter darunter vorstellen?« sagte sie gereizt. »Ein kaiserliches Zeughaus ist halt ein großes Magazin, wo alles Seidenzeug aufgehoben wird, das sie bei Hof für die Prinzessinnen und Hofdamen brauchen. Und wenn dieses ganze Seidenzeug auf einmal unters Volk kommt, so wird niemand mehr eins kaufen wollen. Deswegen sag' ich, daß das Geschäft jetzt schlecht gehn muß, und daß der Herr Poldi einen schweren Stand haben wird.«

»Wenn ich gewußt hätt', daß Sie so dumm sind,« sagte Pappelmann, »so hätt' ich nicht zweimal sieben Jahr lang um Ihnen gedient wie Jakob um Rebekka am Brunnen, oder wie die geheißen hat! Ein Zeughaus ist ein Haus, wo Säbel und Gewehre und Patrontaschen und Tornister und noch eine Menge anderes dummes Zeug aufbewahrt wird; darum heißt es Zeughaus – verstanden? Mit der Zeugweberei hat das gar nichts zu tun.«

»Und was machen denn die Leut' mit den vielen Säbeln und Patrontaschen?« fragte sie erstaunt. »Deswegen können sie doch das Zeughaus nicht gestürmt haben? Es wird halt auch wieder erlogen sein. Vielleicht war es das Pfandleihhaus, das gestürmt worden ist, das ist auch ein Haus und auch kaiserlich.«

»Es wird schon das Zeughaus sein,« entschied Pappelmann. »Ich hab' mir gleich so etwas gedacht, wie ich die Nacht hab' schießen hören aus der Stadt heraus. Und wissen Sie, warum das Volk jetzt auf einmal Gewehre und Säbel haben will? Weil es ein schlechtes Gewissen und eine damische Angst haben wird wegen dem Latour.«

»Da hätt' ich freilich auch ein schlechtes Gewissen und eine damische Angst,« meinte sie nachdenklich, »wenn ich einen Grafen aufgehängt hätt'!«

Der Weber Priesching kam vorbei und machte wie üblich ein Sprüngerl herein, eh' er an seine Arbeit ging. Der war besser als eine Morgenzeitung, alles wußte er. Natürlich, nicht das Pfandleihhaus, das Zeughaus hatten sie gestürmt und geplündert, das kaiserliche Zeughaus in der Renngasse! Die ganze Nacht war darum gerauft worden, bis der Kommandant die weiße Fahne aufziehen ließ. Da schleppte dann das Proletariat die Waffen auseinander, eine Menge altes Rüstzeug und an die dreißigtausend Stück gute Gewehre. Dreißigtausend Stück!

»Jetzt kann es gut werden,« sagte er, »wo jeder Strawanzer und Falott seine Muskete hat! ... Und vom Loisl haben sie noch nichts gehört?«

Der Loisl – damit war ihr Neffe gemeint, der junge Brodbeck. Was hätte sie von ihm hören sollen?

»Weil er doch bei den Richterischen Grenadieren ist, die gemeutert haben,« meinte Priesching. »Es sollen viele sogar mit dabei gewesen sein, wie sie den Latour aufgehängt haben.«

»Ah – da ist mir nicht bang,« sagte sie zuversichtlich und stolz. »Meutern tut der Loisl nicht, und einen Grafen aufhängen schon gar nicht! Auf den kann sich der Kaiser verlassen! Übrigens ist er garnicht in Wien, weil der Kaiser gesagt hat, er kann ihn halt soviel gut brauchen, in Ungarn unten, gegen die Türken.«

Fred schickte Nachricht, die Frau Brodbeck möchte hinaufkommen, er hätte ihr etwas Wichtiges mitzuteilen. Er selbst könne nicht herunterkommen, weil der Patzenhauer ihm wegen einer unbedeutenden Verwundung ein paar Tage Zimmerruhe verordnet habe.

»Es wird doch nichts passiert sein?« sagte sie etwas beunruhigt, tat schnell ihr Fürtuch ab und machte sich davon.

Der Priesching brachte die Viertelstunde, die sie ausblieb, damit hin, von Zeit zu Zeit zu versichern, jetzt müsse er aber an seine Arbeit denken und könne nicht länger warten, so gern er auch wüßte, was das sein könne, das Wichtige? Schließlich erlebte er es doch noch, daß sie zurückkam, und half ihr mit Pappelmann klagen und Tränen vergießen und die vortrefflichen Eigenschaften des auf dem Feld der Ehre Gebliebenen rühmen.

»Wem ich jetzt das Meinige vermache,« sagte sie schließlich, »das muß ich mir erst noch überlegen. Ihren Verwandten (zu Pappelmann gewendet) einmal sicher nicht! Aber ein Trost bleibt es doch, daß er wenigstens für den Kaiser gefallen ist!«

Darauf ging sie mit Priesching den alten Brodbeck verständigen. Der hatte wie gewöhnlich die Schnur im Mund, mit der er seine Flaschen festzuhalten pflegte, und klebte gerade die Dornenkrone an das Schweißtuch der Veronika. Er konnte auch garnicht aussetzen, sonst wäre alles zusammengefallen und zerbrochen, und fuhr in seiner Arbeit fort, während sie ihm das ebenso traurige als ehrenvolle Ende seines Enkels berichteten. Erst nachdem der Klebestoff gut angetrocknet war, legte er sein Instrument auf den Tisch und tat die Schnur aus dem Mund.

»Seiner Fahne treu ...« sagte er befriedigt. »Es ist gut, daß ich ihm eines von meinen Flascherln in seine Soldatentruhe mitgegeben habe.«

Pappelmann hatte sich inzwischen ins Kontor begeben und Poldi gemeldet, was er über das Zeughaus wußte. Der ging schnell entschlossen zum Muschir hinauf und sagte ihm, daß er sogleich auf den Braunhirschengrund fahren wolle.

»Es war schon gestern ein Gefrett mit den Arbeitern; heute läuft die Hälfte davon, wenn ich sie nicht herumrede.«

»Traust dich denn?« fragte der Muschir. »Wenn das Gesindel bewaffnet ist –!«

»Mir tun sie nichts; aber wenn ich mir's recht überlege, ist es besser ich gehe, statt zu fahren. Das ist unauffälliger und fordert nicht heraus.«

»Sag ihnen nur ordentlich unsere Meinung!« eiferte der Muschir ihn an. »Wer heute wegbleibt oder eine Waffe in die Fabrik mitbringt, wird stantapedi entlassen!«

»Lieber möcht' ich es anders anpacken, wenn du nichts dagegen einzuwenden Haft, Onkel. Ich werde versuchen, ihr Ehrgefühl zu wecken, und ihnen vorstellen, daß die uralte Kunst des Webens von je für eine edle Beschäftigung gegolten hat, und daß ein Weber, der etwas kann und leistet, nicht mit dem beschäftigungslosen Proletariat oder mit Erdarbeitern gemeinsame Sache zu machen braucht. Wenn aber einer ein paar Tage aussetzen und es einmal mit dem Revoltieren versuchen wolle, so hätt' ich auch nichts dagegen, möcht' ich ihnen sagen; sie solltens nur probieren. Wer sich innerhalb dreier Tage anständig wieder einfindet, der würde gern wieder aufgenommen. Auf diese Weise, denk' ich, könnte ichs erreichen, daß wir die Besseren und Besten festhielten, und die Unbeständigen und Schlechten bei dieser Gelegenheit loswürden.«

»Das sag' ich ja!« rief der Muschir zufrieden. »Genau so mein' ich es auch! Also tu nur so, wie ich dir's gesagt habe, du wirst es schon deichseln!«

Poldi machte sich auf den Weg und begegnete zu seiner Überraschung bei der Mariahilfer Linie den Gärtner Vogel, der in die Stadt hereinpilgerte. Die Kunde vom Sieg des Proletariats am Tabor und von der Ermordung des Grafen Latour war schon bis ins Himmelhaus gedrungen. Ob er Geschäfte in der Stadt zu besorgen habe? fragte Poldi verwundert. Vogel wurde ein wenig verlegen und hielt die Tuchmütze in der Hand.

»Geschäfte eigentlich nicht, aber weil es halt heiße, daß jetzt bald ausgeteilt würde ...«

»Ausgeteilt? Geld und Gut, meinen Sie?«

Er nickte. Ja, so meinte er es.

»Wer nicht mit dabei wäre, der könnt' sich halt nachher den Mund wischen und hätte das Nachsehen.«

»Denen, die etwas haben,« sagte Poldi, »müßte also das Ihrige genommen werden – so meinen Sie es, nicht wahr? Und glauben Sie nicht, daß das Raub und Diebstahl wäre?«

»Dabei tät' ich doch nicht mit, junger Herr!« wehrte er sich gekränkt. »Aber was so die Gleichheit und Brüderlichkeit ist – die sind doch auch kein Katzendreck?«

Poldi lachte herzlich, sagte nichts weiter und riet ihm nur, er möge sich im »Goldenen Stuck« bei Tante Michella zum Mittagessen melden, auf seine Verantwortung hin; es gebe was Gutes heute.

Da wallte Vogel etwas beschämt von dannen, geisterte noch eine Weile wie ein steuerlos gewordenes Schiff in den Straßen der Stadt umher und begab sich dann ins »Goldene Stuck«, wo er erzählte, er habe sich auch einmal umsehen wollen, wie es dem gnä' Herrn gehe, und er hatte sich ohnedies nicht hergetraut, hätte der junge Herr ihn nicht so freundlich zum Mittagstisch eingeladen.

Als Poldi am Braunhirschenschloß vorbeikam, hielt eben ein Wagen, dem der Freiherr und Elfe entstiegen. Sie zeigten sich sehr bestürzt und waren eigens von Schloß Auenwald hereingefahren, weil sie mit der gräflichen Familie Latour in freundschaftlichem Verkehr standen. Der Freiherr, dem die Gelegenheit erwünscht kam, zu erfahren, wie es in der Stadt zugehe, bat Poldi einen Augenblick einzutreten und fragte ihn aus. Poldi erzählte, was er von Fred wußte oder sonst gehört hatte. Die näheren Umstände von Latours Tod machten einen tiefen Eindruck auf den Freiherrn, so wenig er dessen Politik gutheißen konnte.

»Er war zu viel Soldat,« sagte er, »und zu wenig Diplomat.«

»Ich hätte eher das Umgekehrte geglaubt,« versetzte Poldi. »Das Mißtrauen des Volkes ist krankhaft überreizt. Jede Politik verträgt es heute eher als die der Unaufrichtigkeit.«

»Sie billigen doch nicht diese entsetzliche Tat?« fragte Elfe rasch.

»Können Sie fragen? Ich verabscheue sie aus tiefster Seele.«

Sie atmete auf.

»Und Ihr Bruder?«

»Er sah sich selbst durch die Volkswut bedroht, da er sie, ebenso wie alle Studenten, offen mißbilligte.«

»Wer wird dem Pöbel die dreißigtausend Musketen wieder abnehmen?« rief der Freiherr verzagt, indem er mit großen Schritten im Zimmer auf- und niederschritt.

Als Poldi sich verabschiedete, ließ Elfe es sich nicht nehmen, ihn bis in den Vorsaal zu begleiten. Ihr Vater und sie selbst, entschuldigte sie sich, seien durch den unerwarteten und schrecklichen Tod des Grafen so erschüttert, daß sie es versäumt hätten, sich auch nach ihm selbst zu erkundigen. Die plötzlich ausgebrochene Pöbelherrschaft würde gewiß Schwierigkeiten in der Fabrik nach sich ziehen?

Das bleibe noch abzuwarten, sagte er; eben befinde er sich auf dem Wege nach der Fabrik.

»Und wir halten Sie mit müßigen Fragen auf, während Sie selbst den Kopf voll Sorgen haben! Ist es nicht eigentlich eine Gefahr, in die Sie sich begeben?«

Er zeigte sich zuversichtlich und erklärte ihr, wie er sich den Arbeitern gegenüber verhalten, und was er ihnen sagen würde. Das fand sie frei, menschlich und klug, schien sich aber trotzdem um ihn zu bangen.

»Ich möchte so gern über den Ausgang der Sache erfahren,« sagte sie, »und wissen, ob Sie Erfolg haben. Wenn Sie zurückkommen, so treten Sie doch einen Augenblick in unsern Park und berichten mir! Ich will an der kleinen Mauerpforte, die gegen Ihre Fabrik liegt, auf Sie warten.«

Er versprach es gerne und empfahl sich. Sie ließen ihre Hände ineinander ruhen und sahen sich ins Auge.

»Ich wünsche Ihnen Kraft und das Glück, das auch der Starke braucht. Gott mit Ihnen!«

Poldi war bewegt und unsäglich dankbar und glücklich, daß sie so innigen Anteil an ihm nahm.

»Das Bewußtsein, daß ich nicht allein stehe, und daß Ihre guten Wünsche mich begleiten, wird mir Ruhe und Sicherheit geben. Ich danke Ihnen!«

Es dauerte gut eine Stunde, eh' er zurückkehrte. Er fand die Gartenpforte in der Mauer, die sie ihm bezeichnet hatte, und schlüpfte hinein. Da stand Elfe mit großen, erwartungsvollen Augen. Sie sah es gleich: er war zufrieden mit sich und aufgeräumt. Freudestrahlend streckte er ihr beide Hände entgegen, froh, daß er jemand hatte, dem er erzählen konnte. Eine ganze Revolte hatte er vorgefunden. Aufwiegler, die den Leuten mit kommunistischen Ideen die Köpfe verdrehten. Unlust zur Arbeit, Trotz und Gehässigkeit. Aber er hatte ihnen gelassen und wahrhaft ihre Lage vorgestellt und auseinandergesetzt, daß ein Seidenweber schon etwas anderes sei als ein nächstbester Handlanger, der keine Lieb' und Treu' zu seiner Arbeit kenne.

»Da fanden sich schon einige,« sagte er munter, »die sich auf meine Seite schlugen. Erst war ich überall auf mißtrauische Blicke gestoßen, weil sie meinten, ich käme als Racheengel mit dem Flammenschwert. Als ich es aber schließlich einem jeden freistellte, ein paar Tage wegzubleiben und sich in den Straßen umzutun, da meinten die meisten, sie wüßten es ohnedies, daß dort nichts zu holen sei, und setzten sich besonnen wieder in ihren Stuhl. Bloß ein paar wilde und zweifelhafte Bursche, die sich von je zu den Unzufriedenen gehalten hatten, zogen mit den Rädelsführern ab. Ich denke, die werden nicht wiederkommen, und das ist mir gerade recht.«

»Gottlob, daß Sie selbst wohlbehalten zurück sind! Ich habe mich so sehr um Sie gebangt, Poldi!«

Es traten ihr Tränen in die Augen, er war hingerissen und zog sie leise an sich, da sank sie an seine Brust und weinte sich aus. Mit zitternder Hand strich er über ihr Haar, das wie seine, goldige Rohseide war.

»Elfe! Elfe!« ...

*

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