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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
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Ein großer Ligusterschwärmer war unglücklicherweise in die Glasglocke des Windlichts geraten und sengte sich die Flügel an. Wenn man ihn nicht rasch befreite, so wurde er elend verstümmelt. Poldi, der zunächst saß, zog sein Taschentuch hervor, um das heiße Glas damit anzufassen, aber in demselben Augenblick hatte Fred die Glocke bereits mit bloßen Händen ergriffen und abgehoben. Der Schmetterling schien noch keine bösartige Verletzung davongetragen zu haben, wie ein Pfeil surrte er in die Nacht hinaus.

Das heiße Glas brannte Fred an den Fingern, mit einem Schmerzenslaut warf er es auf den Gartenkies, daß es zerschellte. Ein Windhauch verlöschte die schutzlose Kerze, aber da in entsprechenden Abständen noch zwei andere Lichter auf dem weißen Tischtuch standen, konnte Fred die erschrockenen Gesichter der um den Tisch Sitzenden unterscheiden.

»Eigenbau Fred! Echt und unverfälscht!« sagte Onkel Muschir und lachte. Wenn er lachte, so war es, wie wenn ein Bauer im Zirkus lacht, so unschuldig, natürlich und ungeschlacht. Wer ihn gar nicht kannte und nur einmal lachen hörte, der hatte ihn entweder gern, oder dachte bei sich: »Derber Schlüffel!«

Etwas beschämt und betreten stand Fred da.

»Man kann ihn doch nicht verbrennen lassen!«

»Warum denn nicht? Was geht dich der Schmetterling an? Seine eigene Sache, wenn er so dumm ist!«

»Er hat mich so gedauert!«

»A pah! Das sind Extremitäten!« entschied der Muschir. Alles was ihm überstiegen, besonders zu weichlich im Gefühl vorkam, nannte er »extrem«. Und daraus hatte er sich auch ein Hauptwort, die »Extremitäten« gebildet.

Bethi zog Fred an sich und versetzte ihm einen Kuß, während Poldi mit Hilfe Tante Michellas die Glasscherben auflas.

»Ich wäre mit meinem Sacktuch zu spät gekommen; ein Glück, daß Fredl schneller war.«

»Und was weiter?« Mit hochgezogenen Brauen blickte der Muschir zu ihm hinüber.

»Wenn man sich das nur vorstellt: bei lebendigem Leib verbrennen!«

Fred schlenkerte noch immer die Hand.

»Sich die Finger verbrennen ist auch nicht angenehm, weißt du! Der Onkel hat recht: Warum war der Schmetterling so dumm? Ein ander Mal laß ich ihn, wo er ist!«

Alfred Leodolter, Poldis und Freds Vater, sah mit einem stillen, versonnenen Lächeln seinen Knaben zu. Diese beiden guten, lieben Buben, die sein Alles waren! Kinder gleicher Eltern und wie grundverschieden einer vom andern!

»Na –! Ich denke, es wär an der Zeit, daß ihr ins Bett kämt?

Sie traten den Rundgang an, gute Nacht zu sagen. Bei Josepha Leodolter, die als Älteste von den Geschwistern den Vorsitz am Familientisch führte, wurde der Anfang gemacht.

»Gute Nacht, Tante Sephine!«

»Kommt morgen das Pianoforte-Fräulein?«

»Nein, der Schina –«

»Brauchst nicht erschrecken, Fredl,« sagte sie und lachte ihre Ringe an, »Ich frag' nicht nach, ob du fleißig geübt hast.«

Eine überschlanke Dame mit schon leicht angegrautem Haar, war sie stark kurzsichtig und hatte die Gewohnheit, wenn sie lächelte, die Hand bis knapp vor die Augen zu erheben und scheinbar aufmerksam ihre Ringe zu betrachten, worunter sich einige sehr wertvolle befanden, mit Smaragden, die sie bevorzugte, in prachtvollen alten Fassungen.

»Ich erschrecke nie!« Fred warf sich in die Brust. »Ein Indianer kennt keine Furcht. Unwandelbarer Gleichmut ist ihm Ehrensache.«

Sie gingen eine Station weiter.

»Gute Nacht, Onkel Muschir!«

Eigentlich hieß er Georg. Abel anläßlich einer kleinen Meinungsverschiedenheit in der Familie hatte er einmal sein Gewicht als ältester Bruder in die Wagschale geworfen und die strittige Angelegenheit in seinem Sinne entschieden, indem er im Spaß sagte: »Hört, hier hab' ich das letzte Wort, denn ich bin der Pascha von drei Roßschweifen!« Und weil nun ein Pascha von drei Roßschweifen zum Unterschiede von anderen Paschas, denen nur zwei gebühren oder gar nur einer, »Muschir« heißt, so war ihm der Name geblieben, denn die Leodolterischen hatten alle eine gewisse Neigung zu scherzhaften Umtaufungen.

»B'hüt Gott, Buben!« machte er gutmütig und klopfte Fred auf die Wange: »Lebensretter!«

Poldi gab er aber nur lau die Hand, er mochte es ihm ein wenig nachtragen, daß er für den Bruder eingetreten war. Ein lärmender, heftiger Mann, vollblütig, groß und stark, ohne dick zu sein, leidenschaftlich und heiter, gewaltsam, hart und gutmütig, alles in einem Atem, hatte er eine gewisse Schwäche für das rasche, oft unüberlegte Wesen Freds, das zwar nichts weniger als musterhaft war, aber wenigstens keine Rätsel aufgab. Die besonnene, zurückhaltende und für seine Jahre merkwürdig ernste Art Poldis indessen war ihm unheimlich. Wenn er sich so recht gehen ließ und auf einmal das Auge des Knaben still und aufmerksam auf sich ruhen fühlte, da empfand er es oft, als würde Kritik an ihm geübt.

Als sie Tante Bethi gute Nacht wünschten, sagte sie: »Ich gehe mit euch!« und stand auf. Auch Michella, die gleich die Gelegenheit ergriff, ein paar zurückgebliebene Teller und Dessertmesser mitzunehmen, verabschiedete sich, da sie in der Küche zu tun habe. Fred machte sich noch den Spaß, auch den leeren Stühlen gute Nacht zu sagen.

»Gute Nacht, Onkel Edi! Gute Nacht, Tante Cajetana! Gute Nacht, Tante Susann!«

Dem Vater fielen die beiden Knaben um den Hals.

»Gute, gute Nacht, Petz!«

Sie nannten ihn »Petz«, nach einem Spiel, wobei er einmal den Bären gemacht hatte. Er spielte gern mit ihnen, hatte sich etwas Kindliches bewahrt in seiner schlichten, stillen, harmlosen Art. Im Geschäft fiel ihm der zeichnerische Teil zu, weil seine Hand geschickt war und voll Anmut der Erfindung.

»Kannst du nicht morgen einmal heraußen bleiben? Es wird ein so schöner Tag! Nur ein einziges Mal? Bitte!«

»Wo denkst du hin, Fredl? Es geht nicht! Nächsten Sonntag – da wollen wir wieder miteinander in die Wälder steigen, nicht wahr?«

Sie mußten sich vertrösten.

»Du siehst müde aus, Petz!« Poldi sah ihm forschend ins Gesicht, mit seinen großen, ernsten Augen, fast wie ein Arzt, der eine Diagnose stellt. Der Vater küßte ihn auf die Stirn.

»Mußt dir nicht immer Sorgen machen, Poldi!«

Die Knaben gingen mit Michella und Bethi ins Haus, während die drei ältesten Geschwister noch sitzen blieben. Diese kühlen Sommerabende, nach der Arbeit des Tages und der Hitze der Stadt, waren ohnedies das einzige, was sie vom Landleben genossen, wenn man von den Sonntagen absah. Darum verweilten sie gerne im Freien, bis in die Nacht hinein, so oft die Witterung es zuließ. Besonders der Muschir fand nicht leicht ein Ende, bei seinem Pfaffstettner sitzend, den er mit unendlichen Güssen frischen Brunnwassers mischte und aus einem großen Stutzen trank. Es wurde an solchen Abenden manches besprochen, wofür es in der Hast des Geschäftstages an Zeit und Ruhe mangelte.

»Ein merkwürdiger Bursch, der Poldi! Mir kommt vor, der hört das Gras wachsen!«

Es schlich sich leicht ein Ton von Gereiztheit in des Muschirs Stimme, wenn er von Poldi sprach; aber Petz hatte sich gewöhnt, nicht groß darauf zu achten.

»Es geht alles tief bei ihm. Das Leben wird ihm nicht leicht werden.«

»Wenn ich denke, wie wir in dem Alter waren! Ich wenigstens! ... Es ist manchmal, wenn er einen so anschaut, als ob er sich wundert, daß da ein Haus steht und ein Garten ist und Menschen darin sind!«

Sephine sagte: »Ich glaube immer, er hat noch eine leise, ferne Erinnerung an seine Mutter und denkt viel an sie.«

»Das sind Extremitäten! Jedenfalls bleibt es unnatürlich, wenn so ein Bub nicht lustig ist! Was geht ihm denn ab? Ich hab' in dem Alter schon beim Latzenziehen aushelfen müssen. Damals war es noch nicht so –! Er soll dankbar sein, daß er eine sorglose Jugend hat und von vermöglichen Eltern ist!« »Lassen wir ihn! Wer kann hineinschauen in eine so junge Seele? ... Wollen wir nicht die Lichter löschen?«

Sie taten es. Der tiefblaue Himmel mit den vielen Sternen war über ihnen. Das unausgesetzte Röcheln der Unken oder Frösche aus den Teichen, die sich jenseits im Schloßpark befanden, scholl aus der Ferne herüber. Aus dem Garten stieg der Duft von Rosen auf, und wonnige Kühle wehte von den Bergen ...

Das sogenannte Himmelhaus, der Landsitz der Familie, ein schlichter, ehrlicher Bau aus der Frühzeit des Kaisers Franz, lag eine kleine Wegstunde von den westlichen Linien der Stadt, am Ausgang eines von Laubwäldern umrauschten Wiesentales, wo die Hänge des Wienerwaldes sich gegen das weite Flachland senken. Die Geschwister, die im Geschäft zu tun hatten, kamen regelmäßig jeden Abend heraus. Gewöhnlich erst gegen acht, wo dann auf dem Kiesplatz zwischen dem Wohnhaus und dem freien Sand- und Wiesenflöz, auf dem die edlen Rosen gezogen wurden, das gemeinsame Abendmal eingenommen zu werden pflegte. Um sieben wurden die Kontors geschlossen, und es war Herkommen, daß die Inhaber der Firma die Geschäftsstunden ebenso gewissenhaft einhielten, wie sie es von ihren Angestellten und Arbeitern verlangten. Sogar Sephine, die mit der Umsicht eines erfahrenen Geschäftsmannes die Bücher führte, machte nicht leicht auch nur eine halbe Stunde früher Feierabend als die andern. Am nächsten Tage fuhren sie dann alle schon frühmorgens wieder in die Stadt zurück, um mit Beginn der Geschäftsstunde zuverlässig an der Arbeit zu sein. Und so wie eine Uhr, einen Werktag wie den andern in der guten Jahreszeit, solange eben der Landaufenthalt währte. Bloß Edi, der jüngste von den Brüdern, der im Geschäft das fünfte Rad am Wagen war, tat so ziemlich, was er wollte, und kam und ging, wann es ihm beliebte, was Sephine als arge Ungehörigkeit empfand, ohne jedoch etwas zu sagen. Denn es war üblich unter den Geschwistern, sich gegenseitig mit heiterer Umgänglichkeit zu begegnen, und vom Muschir abgesehen, der seinem Temperament manchmal die Zügel schießen ließ, gab nicht leicht eins dem andern ein unebenes Wort.

»Ich möchte längst etwas mit euch besprechen. Mit euch zuerst, weil es auch das Geschäft angeht ... « Der Muschir lehnte sich zurück und legte den Kopf in den Nacken. Er sah den gestirnten Himmel über sich und atmete tief. »Ich hab' mich entschlossen ... Ihr werdet euch wundern ... In der ersten Jugend bin ich freilich nicht mehr. Aber wie das schon so kommt ... Also kurz und gut, ich habe die Absicht, mich zu verheiraten.«

»Gottlob, daß du endlich daran denkst!« Petz reichte ihm die Hand über den Tisch. Der Muschir ergriff sie und schüttelte sie warm.

»Herzlichen Dank, Alfred! Ich hab' es nicht anders von dir erwartet.«

Sie schwiegen. Alle drei dachten sie in diesem Augenblicke an dasselbe: an das Testament des Vaters. Sephine war die erste, die wieder das Wort nahm.

»In wie vielen Familien, wenn man so herumschaut, ist der Zwist! Und geht man der Ursache nach – nicht selten ist's ein Testament. Unter uns Geschwistern soll dergleichen für immer ausgeschlossen sein!« Sie drückte den Brüdern die Hand. »Wir haben uns kein Urteil zu erlauben. Der letzte Wille unseres Vaters muß uns heilig sein. Darüber reden wir gar nicht. Es steht alles in Gottes Hand. Deine Ehe soll gesegnet sein, Georg. Du hast dich dein Leben lang redlich gemüht. Wir wünschen dir Nachkommen und dem Geschäft einen Erben. Nicht nur ich, auch Alfred ... Aber wer ist deine Braut? Kennen wir sie?«

»Vielleicht vom Sehen. Sie ist eine geborene Patruban.«

Patruban? Ein angesehener Name auf dem Brillantengrund. Ein wohlhabendes Haus, das mit drei Töchtern gesegnet war. Die beiden älteren schlugen nach der Mutter, die zu Sittlichkeit und Fülle neigte, man nannte sie scherzweise die »Austria«. Die jüngste hatte mehr die Gestalt des Vaters, der »kleinbeinlert« war, wie die Leute auf dem Schottenfeld den schmächtigen Menschenschlag nannten. Überdies waren bei der Tochter noch alle Formen ins Weibliche verzierlicht und verfeinert. Sephine und Petz hatten alle drei Mädchen gelegentlich einmal am Sonntag in St. Ulrich gesehen, es nahm sie Wunder, welche von ihnen nun wohl die Erwählte sein würde. Und sie staunten, denn gerade die Sylphide hatte der Muschir sich ausgesucht.

»Wißt ihr warum? Also! Die andern zwei, die hätten gleich ja gesagt. Sofort! Das spürt man so. Die aber, die Julie – na! ... «

Die Liebe verjüngte ihn, er schwärmte fast, als stünd' er noch in den Jünglingsjahren.

Die Geschwister hörten schweigend zu, nachdem sie ihm von Herzen Glück gewünscht. Was ließ sich auch weiter sagen? Das Eintreten eines neuen Mitglieds in eine Familie bedeutet stets den Austausch eines sicheren und bekannten Zustandes gegen einen wenigstens im Augenblicke schwankenden und unergründlichen. Man mußte abwarten. Nur wünschen und hoffen konnte man inzwischen, wünschen, daß seine Wahl sich als eine glückliche erweisen würde, hoffen, daß die Liebe ihn nicht blind gemacht habe. Denn offenkundig war er vernarrt. Wenn ein anderer Verliebter und Verlobter, und gar in seinen reifen Jahren, so groß geredet hätte, so hätte er sicher gelacht und etwas von »Extremitäten« gesagt.

»Mit einem Wort, sie ist ein herziger Schatz! Ihr werdet sie kennen lernen, ihr werdet sie liebgewinnen! Ich bin sicher, daß ihr sie liebgewinnen werdet! Eigentlich versteh' ich es gar nicht, daß sie mich nimmt! Der Altersunterschied ist ein bissel groß. Und auch sonst ... Aber denkt euch! Sie hat mich wirklich gern! Wirklich und wahrhaftig! Tatsache!«

Sein Lachen wetteiferte mit dem Konzert der Unken und Frösche in der Ferne.

»Das ist ein Wunder, das unerwartet und unverdient da ist – man weiß nicht woher. So wie die Sonne gerade auf dieses Fleckerl Gras scheint, gerade auf dieses eine, auserwählte, und auf jenes andere nicht, wiewohl es eigentlich das viel schönere wäre ...«

Sephine wurde fast ein wenig ungehalten.

»Du machst ja rein, als ob du gar keinen Wert hättest? Schließlich bist du doch ein Leodolter, und obendrein der Muschir.«

»No ja,« sagte er wieder ernst. »Ich mein's ja nicht so. Ein bissel was wird schon an mir auch sein. Ein ganz tüchtiger Arbeitsmensch vielleicht und im Grund ein guter Kerl. Aber wenn man sich so ein frisches, bagschierliches Geschöpf anschaut, daß man hineinbeißen möcht', und dann zufällig einmal da hinaufgreift und dabei etwas spürt, was sich wie der Anfang von einem kleinen Glatzerl anfühlt – da kann man's halt nicht glauben, nein, da kann man es fast nicht glauben!«

Also – er war glücklich und tobte sich noch eine Weile aus. Endlich kam er aufs Geschäftliche zu sprechen. Den Oberstock des Leodolterischen Stadthauses, wo jetzt ein Teil der Fabrik untergebracht war, wollte er räumen und sein eigenes Nest darin einrichten. Sephine wunderte sich.

»Und die Webstühle, die Schweifrahmen, die Spulmaschinen – wo sollen die hin?«

»Was im Hinterhaus ist, kann bleiben. So hat man das Notwendigste bei der Hand. Das andere kommt vor die Linie.«

Auf dem Braunhirschengrund war ihm ein großes, leerstehendes Fabriksgebäude zum Kauf angeboten. Zwei Stock hoch und so und so viel Fenster Front.

»Wo denkst du hin, das wär' doch viel zu groß!«

»A pah! Wir können nicht ewig in denselben Schuhen gehn, die unser seliger Vater ausgezogen hat. Schließlich werden sie uns halt zu eng.«

Sephine war eine vorsichtige und beharrliche Natur. Sie veränderte nicht gern. Sie wußte, es würde sie nichts nützen, aber eine Weile wollte sie sich wehren. Umziehen! Eine ganze Fabrik! Nach dem Braunhirschengrund!

»Freilich! Gerade nach dem Braunhirschengrund! Da werden die Gesellen, Spulerinnen und Schweiferinnen endlich aufhören müssen zu raunzen. Und reden die Herrschaften noch einmal etwas von Erhöhung des Stücklohnes wegen der Verzehrungssteuer, so sagt man ihnen einfach: Bleibt draußen! Denn warum nicht? Sollen vor der Linie bleiben, wenn es ihnen herinnen zu teuer ist! Lohn erhöhen? Im Gegenteil! Herabsetzen werd' ich den Stücklohn.«

Dagegen aber lehnte Petz sich auf.

»Die Leute sind eingewöhnt. Wie viele noch vom Vater her! Man darf sie auch nicht vor den Kopf stoßen. Es geht ihnen wirklich nicht gar so gut. Und die paar Kreuzer auf oder ab – ich bitte dich!«

»Die paar Kreuzer? Ja, kalkulier' nur einmal! Das kommt dir so vor bei deinem Kattegat ...«

Gemeint war nicht die Jütländische Meerenge, sondern die Carta rigata, mit der Petz zu tun hatte. Für die gemusterten Seidenzeuge, die den Ruf der Leodolterischen Fabrik begründet hatten, erfand und entwarf er selbst die Zeichnungen, deren Vorwürfe meist der Natur, am häufigsten dem Formenreichtum der Pflanzenwelt entlehnt waren. Vor der Ausführung des Musters auf dem Webstuhl mußte eine genaue vergrößerte Abbildung des zu webenden Stoffes hergestellt werden, die dem Weber über den Verlauf eines jeden Kett- und Einschlagfadens zuverlässige Auskunft gab. Zu diesem Zweck wurde der Entwurf auf ein mit kleinen Vierecken bedecktes Papier übertragen. Die Vierecke, die offen zutage liegende Kettenfäden vorstellten, wurden leer gelassen, die Vierecke aber, die einen Schußfaden vorstellten, welcher oben lief und die Kette deckte, wurden in der richtigen Farbe der zu verwebenden Seide ausgemalt. Das Patronpapier, dessen man sich hierbei bediente, hieß die Carta rigata. Und die mühsame und verantwortungsvolle Tätigkeit, die darin bestand, eine solche vergrößerte farbige Vorlage herzustellen, aus der der Weber dann die entsprechende Einrichtung seines Stuhles ableiten konnte, nannte man »ein Muster in die Carta rigata setzen«. Aber der Muschir hatte ein »Kattegat« daraus gemacht. Und scherzweise hieß es manchmal gar, dieser oder jener Entwurf müsse erst noch »ins Skagerrak und Kattegat« gesetzt werden.

Also bei seinem »Kattegat« hatte Petz leicht sagen: »Die paar Kreuzer auf oder ab«. Was kümmerte ihn die Kalkulation? Die Arbeit, die er leistete, war mehr die eines Künstlers als die eines Geschäftsmannes. Wußte er überhaupt etwas von Lohnverhältnissen? Mit dem guten Herzen kann man kein Geschäft führen. Nein, was das rein Kaufmännische war, da ließ der Muschir sich nichts dreinreden. Hier fühlte er sich ganz als »Pascha von drei Roßschweifen«. Übrigens – schroff wurde er nicht; wenn er etwas vorschlug, so hatte jedes Warum auch sein Darum.

»Hört nur, wie ich's meine, dann werden wir uns bald verstehen. Ein Blutsauger bin ich schließlich auch nicht. Aber ein Fabriksherr kann nicht großmütig sein, das wär' ungesund; er muß rechnen!«

Und er entwickelte seine Pläne.

»Beim Umzug wird es sich ganz wie von selbst machen, daß man in der Fabrikation manches Veraltete erneut und manches, das heute schon unzulänglich geworden ist, verbessert. Es ist Zeit, daß das einmal geschieht. Wir arbeiten sogar noch mit ganz alten Zampelstühlen und ähnlichen Handzugmodellen. Man muß aber heutzutag' mit dem Fortschritt gehn. Wir leben nicht mehr in der Zeit von damals, wo unser seliger Vater im »Goldenen Stuck«Stuck, so viel wie: Kanone. oder dem Petz sein Schwiegervater im »Blauen Guguck« zu fabrizieren angefangen haben. Darum sag' ich: fort mit dem alten G'lumpert! Mit einer schönen, neuen eisernen Jacquardmaschine webt ein geschickter Arbeiter in derselben Zeit schier das Doppelte wie auf einem alten Zampelstuhl. Selbstverständlich, daß dann der Stücklohn billiger sein muß! Wie denn sonst? Dem Arbeiter werd' ich doch nicht das Doppelte zahlen? Billiger verkaufen werd' ich und trotzdem mehr verdienen am Stück als früher und außerdem noch einen größeren Umsatz machen!«

Das klang freilich nicht übel. Aber die vermehrte Fabrikation – ob die denn auch den nötigen Absatz finden würde? Das wollte Sephine gern wissen.

Der Muschir suchte es ihr zu beweisen. Der Umstand, daß er auf Freiersfüßen ging, und wohl auch die Hoffnung auf Nachkommenschaft gaben seinen Gedanken und Wünschen Antrieb und Schwung.

»Stillstehen heißt krebsen! Über kurz oder lang muß alles ins Große gehn. Es werden ja auch immer mehr, die von unserm Geschäft leben wollen. Wie lange wird es dauern, so wachsen dem Petz seine Söhne heran, und ich bekomm', so Gott will, auch noch Kinder. Dazu das unglückselige Testament. Die Leute glauben, weiß Gott, wie viel wir hätten! In Wahrheit sind wir alle miteinander nichts als Nutznießer, das bissel Pflichtteil ausgenommen. Der Lohn für das, was jeder auf seine Person leistet – das hat schließlich jeder Arbeiter auch. Gar so viel ist es nicht, wenn man lebt, wie wir es gewohnt sind. Der Ertrag muß gesteigert werden. Mit den handwerksmäßigen Betrieben ist es vorbei in unserer Branche, und je größer eine Fabrik ist, desto leichteren Stand hat sie. Der Verdienst am einzelnen Stück wird mit jedem Jahr, kann man sagen, geringer. Die vielen kleinen Webereien, die es noch gibt, müssen nach und nach eingehen. Wer nicht Kraft zum Wachstum in sich hat, wird sich nicht halten können. Wir gehören freilich zu den Größten. Aber wir müssen noch um vieles größer werden, wollen wir uns von der Konkurrenz nicht überflügeln lassen.«

Jetzt stimmte Petz zu. Er las viel und allerhand, auch aus dem Ausland, Erlaubtes und Verbotenes, und sah die Weltkonkurrenz kommen. Aber er schreckte sich nicht davor; er liebte, was ins Große ging, alles Freie und Natürliche, alles, was Tüchtigkeit erfordert, aber auch Tüchtigkeit hervorruft. Wie Brausen des Sturmwinds, der stählt und frisch macht, klang ihm das Wort: Weltkonkurrenz!

»Wir werden mit ihr rechnen müssen, heut oder morgen, gar nicht unmöglich! Denn ob das Prohibitivsystem sich wird halten lassen, ist die Frage. Unter Kaiser Franz ist es unserer Industrie freilich gut gegangen. Fast zu gut, möcht' ich sagen. Der Mops, der auf dem Divan liegt, setzt Speck an und wird bequem. Wer weiß, was heut' oder morgen geschieht? Ein neues Zeitalter steht vor der Tür und klopft an. Wehe dem, der nicht getrost »Herein!« sagen kann!«

»Na – na! Nur schön langsam voran!« Der Muschir war kein Freund von weitgehenden Behauptungen, wenn ein anderer sie aufstellte. »Gleich ein neues Zeitalter? Warum denn? Das sind Extremitäten! Die neuen Zeitalter fangen in Österreich immer um fünfzig Jahr' später an als in andern Ländern!«

»Es heißt,« sagte Sephine, »daß der Kaiser Ferdinand seinem Vater auf dem Sterbebett versprochen hat, alles beim Alten zu lassen. Ein neues Zeitalter? Du hast einen starken Glauben, Petz!«

»Kann sein. Aber so etwas macht man nicht und hemmt man nicht. Niemand ist stark genug dazu – niemand! Es wird wie von selbst, wenn es mag. Und der Kaiser ... unser guter Kaiser ...«

Er schwieg bedrückt. Wie wenn man eine Hoffnung aufgeben muß, eine Hoffnung auf etwas, das man liebt.

»Unser armer Kaiser –!« Ein guter Patriot durch und durch, hielt auch der Muschir inne und seufzte ... »Er ist leidend,« sagte er; »man spricht von einer Regentschaft. Der Metternich wird jetzt erst recht die erste Geige spielen, verlaßt euch darauf!«

Aber Petz glaubte an bevorstehende Umwälzungen.

»Ewig kanns nicht bleiben, wie es ist. Endlich muß auch bei uns eine freiere Luft wehn. Wie lang wird es dauern, so haben wir Eisenbahnen nach allen Windrichtungen – das Privileg für die Nordbahn soll der Rothschild schon nachgesucht haben, hör' ich. Und wie ich neulich an Hetzendorf drüben vorbeigekommen bin, da hab' ich Ingenieure an der Arbeit gesehen, die Strecke für die neue Gloggnitzer-Bahn auszumessen. Unheimlich viel Menschen gibt es auf einmal in der Welt, es wurlt nur grad so. Bald wird man anfangen müssen, verteufelt gescheit zu sein, wenn man obenauf bleiben will, und einen veralteten Mechanism wird man dann nirgends mehr brauchen können, in der Staatsmaschine sowenig als in der Seidenzeugfabrikation. Der Metternich? Du lieber Himmel, der ist auch nur ein Mensch. Warten wir es ruhig ab, und inzwischen schauen wir dazu und tun, was unsere Sache ist.«

»Ja, wenn wir nur täten, was unsere Sache wäre, wir Bürger! Die Kanzleien müßte man ausräuchern und die Adligen zum Kuckuck jagen!«

Die Brüder lachten. Immer lachten sie, wenn Sephine wild wurde und »wir Bürger« sagte. Sie nannten sie »den Jakobiner« und fanden es spaßig, daß sie im Politischen gern stürmte, während sie sonst so vorsichtig und beharrend war. Aber es geschah ohnedies immer seltener, ihre radikale Gesinnung glühte für gewöhnlich nur verborgen unter der Asche ausgebrannter Hoffnungen. Sie hatte es fast aufgegeben daran zu glauben, daß irgend etwas im öffentlichen Leben sich jemals zum Bessern wenden könnte. Denn wie auch? Auf friedlichem Wege? Nicht zu denken! Und mit Gewalt? Du lieber Gott! ... Indessen reizte sie jetzt das Lachen der Brüder, und sie geriet in Eifer.

»Also! Bitte! Ist es vielleicht nicht wahr? Bürgerliche Freiheit! Schön! Was wissen wir davon? Haben wir etwas mitzureden? Einfach die Hände sind uns gebunden!«

»Bürgerliche Freiheit? Warum nicht? Die Freiheit tüchtige Bürger zu sein. Wer kann uns die nehmen? Die Freiheit, unserm Vaterland zu dienen auf unsere Weise. Auf unserem Posten. Als Fabriksherrn und Webermeister. Wer kann uns diese Freiheit streitig machen? Das ist's, was ich meine: Arbeiten wir, seien wir gescheit, fleißig, obenauf, schaun wir nicht rechts und nicht links – der Metternich wird schon von selber stolpern, und es kommt eine andere Zeit!«

»Die Freiheit, die der kleine Finger hat! Als ob er tun könnte, wie er will, wenn der ganze übrige Körper nicht mag und vielleicht auch nicht kann, weil er krank ist.«

»Freiheit! Freiheit!« Ungeduldig trommelte der Muschir auf den Tisch. »Es wird jetzt gar so viel davon geredet. Ich bitt' euch! Was fehlt uns eigentlich? Solang das Geschäft gut geht und mir niemand nichts dreinredet, bin ich zufrieden. Wozu brauch' ich da noch eine Freiheit?«

Das war wieder jene Gleichgültigkeit den öffentlichen Dingen gegenüber, die Sephine in Harnisch bringen konnte. Immer Fabrikant – dachte sie im Stillen, nichts als Fabrikant! Als ob heutzutag' nicht jeder Mensch auch Bürger wär' und seine Bürgerpflichten hätte!

»Darum bringen wir es zu keiner Konstitution in Österreich,« eiferte sie, »und zu keinem Fortschritt, weil die bürgerlichen Stände immer nur gemächlich zuschauen! Daß die Bauern sich das Fell über die Ohren ziehen lassen, das ist noch zu begreifen; und daß die Arbeiter allein nichts vermögen, sieht jeder ein. Daß aber auch die Bürger sich nicht aufzumucken trauen und die Galle ihnen nicht steigt, wenn sie wie Schulbuben behandelt werden, das ist eine Schande! Ich wiederhol' es so lange, bis ihr daran glaubt: Die Kanzleien müßte man ausräuchern und die Adligen zum Kuckuck jagen! Aber ihr seid zufrieden, wenn die Geschäfte leidlich gehen, und laßt für alles andere die liebe Obrigkeit sorgen. Wer kann sich da noch wundern, wenn die goldgestickten Fräcke immer übermütiger werden? Gott, wenn ich bloß ein Mann wäre!«

Aus Inbrunst kippte ihr beim letzten Wort die Stimme um, daß es gekrischen klang. Und die Brüder, so ungern sie sie kränken mochten, konnten sich nicht halten und mußten lachen. Indessen machte Sephine sich wenig daraus. Wer recht hat, der ist nicht empfindlich. Und hatte sie vielleicht nicht recht? Was waren das für Männer, Petz, der ein Herz dafür hatte, so gut wie der Muschir, der keins dafür hatte! Warum rührten sie sich nicht? Stand es denn so fest, dieses Franziszeische Dogma, daß der Untertan nichts dreinzurede habe? Hatte in früheren Zeiten der Bürger nicht alle erdenklichen Gerechtsamen besessen, seinen Bürgermeister selbst gewählt und sein Gemeinwesen frei und selbständig verwaltet? Und jetzt? Standen sie nicht in allem und jedem unter Vormundschaft? Nicht einmal still für sich lesen innerhalb ihrer vier Wände durften sie, was sie wollten! Warum ließen sie sich das gefallen? Warum traten sie nicht zusammen und lehnten sich auf? Warum wehrten sie sich nicht? Was geschah gegen die fortgesetzte Schmach, die man ihnen tagtäglich von oben her zufügte? Was kehrten sie alle miteinander dagegen vor? Nichts! Brummen allenfalls – ja, kritisieren, Witze über die Regierung und sich selbst machen, schimpfen, drohen vielleicht gar – gut! Aber hinaustreten, Einfluß nehmen, die Gemüter aufwühlen, die Faust zeigen – nicht zu denken! ... Gott, wenn sie Hosen angehabt hätte!

Und jetzt lachten die Herrn Brüder über ihren Eifer, wo man doch von ernsten Dingen sprach? Also – denen würde sie es schon zeigen, daß sie gut wußte, wo der Hase im Pfeffer lag! Und sie beschloß einen kräftigen Vorstoß, schürzte im Geist die Ärmel und ging auf ihr eigenstes Ressort über, wo sie der Pascha von drei Roßschweifen war.

»Dabei haben wir noch immer vom Wichtigsten nicht geredet. Ja, wißt Ihr denn nicht, wo uns der Schuh am meisten drückt?«

Sie waren schier gespannt nach solcher Einleitung.

»Ins Große arbeiten – schön! Jetzt, das wissen wir aber alle, dazu gehört Kapital, nicht wahr? Wir haben's, gut, ich geb' es zu! Aber bitte, wie Heu haben wir's nicht! Und heute, wo der Geldwert so unsinnig schwankt, heißt es vorsichtig sein!«

Sie hielt inne und führte ihre Ringe an die Augen und suchte das Licht der Sterne in den Steinen aufzufangen.

»Ihr beide habt es gut,« sagte sie lächelnd, »du Petz bei deinem Kattegat, und du Muschir bei deinen Jacquards. Ihr könnt leicht sagen: Arbeiten und nicht rechts und nicht links schauen! So gut hab' ich es nicht! Jeden Tag werde ich an unser sauberes Regierungssystem erinnert, das der Industrie angeblich so hold ist. Bis in meine Kasse spür' ich die miserable Geldwirtschaft. Da sieht man's: ein bissel hängen die Dinge halt doch zusammen, die kleineren mit den ganz großen. Denn solang die Geheimtuerei mit den Staatsfinanzen nicht aufhört, solang niemand weiß, wieviel Schulden eigentlich hinter dem Rücken der Bevölkerung gemacht werden, solang das Mißtrauen nicht schwindet und die Angst vor einem neuen Staatsbankerott, solange gibt es auch keine Sicherheit im Geschäftsleben, keinen verläßlichen Kredit und trotz aller künstlichen Schutzmittel keine gesunde, der großen Weltkonkurrenz gewachsene Industrie.«

Muschir und Petz schwiegen etwas betreten und nickten nur stumm vor sich hin.

»Ja, seht ihr,« sagte sie, insgeheim triumphierend, daß sie das Ausgelachtwerden heimgezahlt hatte –, »daran muß man denken, wenn es heißt, ins Große arbeiten. Ich sperre mich nicht dagegen, wir können noch darüber reden, aber ›ja‹ sag' ich nicht, bevor ich nicht jede Zahl geprüft und jede Berechnung dreimal nachgerechnet habe.«

Der Finanzminister der Firma Leodolter hatte gesprochen. Und das Wort fiel schwer und wuchtig in die Wagschale, wie immer, wenn ein Finanzminister spricht. Die Brüder waren still geworden. Sie wußten, was sie an ihr hatten, und achteten ihr Urteil. Sie fühlten, in dem einen Punkte hatte sie recht: es gab Zusammenhänge, die sich nicht übersehen ließen, man lebte nicht auf einer Insel, und wenn man auch auf seine Arbeit schaute, nicht rechts, nicht links, nach unten nicht und nach oben nicht – auf einmal spürte man den Metternich doch ...

»Mir scheint fast, es ist spät geworden,« sagte der Muschir endlich. »Wir reden noch darüber ... Für heute werden wir nicht ändern, was uns drückt, und morgen ist wieder ein Arbeitstag.«

Ein Luftzug trug das Quaken der Frösche durch die duftende Nacht herüber, daß es auf einmal ganz laut und nahe klang. Ein eintönig trauriges Lied, so zwecklos scheinbar und unnütz, wie ein ununterbrochenes Klagen, das zum kalten, schweigenden Himmel steigt und keine Erhörung findet ... Es war Zeit, schlafen zu gehen. Mit einem tiefen Atemzug erhob sich Petz.

»Alles, was wir so aussprechen und auf dem Herzen haben – die oben wissen es wohl und hören es, wenn auch auf Umwegen. Und es ist ihnen genau so viel wert wie das Geplärr der Unken und Kröten da drüben.«

Langsam gingen die Geschwister gegen das Haus. Alle drei empfanden es in diesem Augenblick, als laste eine schwere, verständnislose Hand auf ihrem Scheitel und versuche es, sie zu Boden zu drücken. Sephine blieb stehen und lauschte noch einmal zurück. Ueber den klaren Sternen sah sie den weißen Lichtnebel der Milchstraße schimmern. Sie fühlte sich erregt, ihre Wangen glühten.

»Wer kann in die Zukunft blicken? Vielleicht kommt noch der Tag, wo abgerechnet wird! Und wer weiß, ob sich dann das Quaken der Frösche nicht in das Heulen von Wölfen verwandelt und in das Brüllen von Löwen?«

Der Muschir lachte auf.

»Geh! Jakobiner du!«

Und noch während sie die Treppe hinaufstiegen, hörte man ihn lachend die Schwester aufziehen und mit den Unken und Fröschen necken, die sich eines Tages in reißende Bestien verwandeln würden.

*

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