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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 37
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
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projectid17fc2956
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Auf dem Braunhirschengrunde stand das neue Fabriksgebäude fertig da, nicht so groß wie das abgebrannte gewesen war, aber ausreichend, zweckmäßig und nett. In einem der Säle waren sogar schon Stühle in Gang, die man aus dem »Goldenen Stuck« herausgeschafft hatte, um sich im Hinterhaus besser rühren zu können. In einem andern Saale arbeitete Seyfried mit seinen Gehilfen, Jacquards zu montieren.

Schinackel und Poldi gingen durch das Haus, um miteinander zu besprechen, was noch weiter vorzukehren wäre. Der Muschir hatte sich den Sommer über erholt und war fast derselbe geworden, der er früher gewesen. Nur ein Schleier von Milde und Nachdenklichkeit blieb über ihm, der seinem Wesen fast etwas Weiches und Rührendes gab, wenn das alte Temperament den Schleier nicht plötzlich zerriß und mit ungebrochener Wucht zwischen seinen Fetzen hervorpolterte. Er legte jetzt Wert darauf, bei geschäftlichen Fragen zurate gezogen und in die neuen Pläne eingeweiht zu werden. Indessen fügte er sich in der Regel in Poldis Anordnungen und setzte mit emsigem Kopfnicken sein Siegel darunter. Im Stillen wunderte er sich, daß Poldi genau alles so traf, wie er selbst es für vernünftig hielt. Das war sein eigentlicher Sohn, der Poldi, der hatte mehr von ihm, weitaus mehr, als Görgi je gehabt hätte, wäre er herangewachsen. Aber manchmal wollte er auch zeigen, daß er der Erfahrenere war und der Chef des Hauses, nicht Poldi; dann ließ er ihn plötzlich hart an, erklärte alles für Unsinn und gab seine eigenen Befehle, die mit etwas veränderten Worten und Ausdrücken genau dasselbe bestimmten, was Poldi bestimmt hatte.

In die Stadt zu fahren und die geregelte Tätigkeit wieder aufzunehmen, hatte Patzenhauer ihm untersagt; bis in den Spätherbst hinein wenigstens müsse er sich Ruhe gönnen und sich als Patient betrachten. Der Muschir murrte dagegen und nannte Patzenhauer Julien gegenüber einen »magnetischen Trottel«; im Grunde aber paßte ihm das Ausspannen. Es genügte ihm, daß Poldi seine Obergewalt anerkannte; die beschlossenen Dinge ins Werk zu setzen, überließ er gerne der jüngeren Kraft. Er fühlte sich alt geworden und müde, die täglichen Quälereien des Geschäftslebens, deren er sich halb und halb entwöhnt hatte, neuerdings auf sich zu nehmen – dazu reichte wohl auch die Kraft nicht mehr. Das gestand er sich freilich rundweg nicht ein und getraute sich auch nicht, es auf einen Beweis des Gegenteiles ankommen zu lassen. Es hätte ihn gebrochen, wär' es plötzlich unzweifelhaft und offenbar geworden, daß der Weitblick, die Spannkraft und Leistungsfähigkeit von früher abhanden gekommen waren; darum verschanzte er sich hinter harmlosem Selbstbetrug.

»Der Patzenhauer bildet sich ein,« sagte er lachend zu Poldi, »ich könnt' es noch nicht deichseln. Lächerlich –! Aber warum soll ich mir's nicht auch einmal gut geschehen lassen? Ich komm' jetzt auf den Geschmack, es ist garnicht so übel, da heraußen im Himmelhaus zu faulenzen. Mich bringt ihr sobald nicht wieder hinein in die Bude ... Bist ja auch du da!«

Er beschäftigte sich jetzt mit Gartenkultur und Blumenzucht. Julie half ihm gern dabei und stupfte im Glashaus unzählige Geraniensetzlinge in irdene Blumentöpfe. Es gab Geranienarten in Mengen, aber immer noch sollten neue Abarten gezogen werden; das blieb die dankbarste aller Gartenblumen, wenn sie sich auch nicht gerade durch Vornehmheit auszeichnete. Seit der Muschir keiner eigentlichen Krankenpflege mehr bedurfte, war Julie gar ziellos geworden.

»Efeu!« sagte sie von sich selbst. Bethi gegenüber nannte sie sich einmal so. Die sah sie fragend an. Da erklärte sie näher, wie sie es meinte.

»Braucht einen Stamm; und hat er keinen, so kriecht er am Boden.«

»Eine gute, liebevolle Hand kann der Muschir immer brauchen.«

»Ich stupfe ohnedies Geraniensetzlinge.«

Mosch-Eskeles, den der Muschir seit Petzens Tod näher an sich herangezogen hatte, war sein Ratgeber und Evangelium bei der neuen Liebhaberei. Über jeden Strauch, den er im Garten umsetzen lassen oder neu pflanzen wollte, holte er Moschens fachmännisches Gutachten ein. Der war aber auf diesem Gebiete Dilettant wie der Muschir selber und verstand nur etwas von der eigentlichen Blumenzucht. In seiner zart und schonend mitempfindenden Art merkte er indessen, wie segensreich es für den Muschir war, daß er eine harmlose kleine Beschäftigung gefunden hatte, die seine Gedanken von traurigen Dingen ablenkte; und um ihm wenigstens keine ganz verkehrten Ratschläge zu geben, hatte er sich einen Berg von deutschen, englischen und französischen Büchern über Gartenkunst und Gartenkultur angeschafft und brachte ganze Nächte damit zu, sie gewissenhaft durchzustudieren.

Gemeinsam hatten sie dann im Laufe des Spätsommers eine hübsche kleine Idee ausgeheckt, die ihren Herzen Trost und ihrem Tätigkeitstriebe Befriedigung gewährte. Es sollte nämlich aus einem allzudichten Buchenwäldchen, das sich inmitten des Gartens befand, eine Anzahl überständiger Stämme herausgenommen und dafür ein kleiner, mit Felsen verkleideter Hügel aufgeschüttet werden, der so recht lauschig im grünen Schatten versteckt liegen würde. Und auf der bescheidenen Höhe, zu der ein gewundenes Weglein hinanzuführen wäre, müßte dann eine halbrunde Steinbank sich erheben, in der Mitte durch einen Pylon gegliedert, in den eine kreisförmige Marmorscheibe mit dem Reliefkopf Petzens eingelassen werden sollte. Bank und Pylon von Efeu umsponnen, zwischen den Felsbrocken des Hügelchens Singrün gepflanzt – so stand das Werk schon so gut wie fertig in ihrer Einbildung da, ein dauerndes Denkmal der Pietät und – ihrer neugebackenen Gärtnereiwissenschaft.

Einmal waren sie damit beschäftigt, Ausmessungen an der Stelle vorzunehmen und den Rauminhalt des Erdreichs zu berechnen, das nötig wäre, den Kern des geplanten Erinnerungshügels aufzubauen. Da gesellte sich Bethi zu ihnen, die ins Vertrauen gezogen war, und brachte ein Blatt braunen Papiers, auf dem sie mit weiß aufgehöhten Lichtern des verewigten Bruders Profil nach einer alten Daguerreotypie entworfen hatte, um dem Bildhauer einen Anhalt für die Modellierung des Reliefs zu geben. Mosch stand ergriffen, da er die Zeichnung sah, und hüstelte nur leise, um die Tränen zu schlucken, die nach innen flossen. Er war nicht imstande, etwas zu sagen, und faßte bloß Bethis Hand und sah in die großen dunklen Augen, in denen ein kränklich schmachtender Ausdruck stand. Das Oval des zarten Gesichtes war schmaler geworden und wie eingeengt zwischen den glatten Scheiteln, die die Schläfen bedeckten. Sie erwiderte den Druck seiner Hand, und es war wie ein stummes Einverständnis zwischen ihnen: Stetige Freundestreue wie immer, nie weniger und niemals mehr!

Der Muschir hatte das Bild des Bruders garnicht ansehen können, er mußte gleich wieder wegblicken und polterte mit der Meßlatte herum.

»Der Vogel ist auch ein schlampeter Kerl, man macht sich ganz schmutzig daran – rein das Sacktüchel müßte man dazu hernehmen, Wischtücher gibt es keine, scheints, für einen Gärtner!«

Und er säuberte mit dem weißen Taschentuch die Latte von oben bis unten und zeigte befriedigt das gänzlich beschmutzte Tuch: »Da seht her! Den Dreck! Wie das jetzt ausschaut!«

»Die Michella wird eine Freude haben,« bemerkte Bethi lächelnd.

»Es ist merkwürdig, wie Fred ihm ähnlich wird!« sagte Mosch, noch immer in das Bildnis des hingegangenen Freundes versunken.

»Wir haben gute Nachricht,« versetzte Bethi; »Fred kommt nächster Tage zurück.«

»Sollte lieber bleiben, wo er ist,« meinte der Muschir.

»Das schiene auch mir angezeigter,« sagte Mosch.

»Warum?« fragte Bethi; »weil die Schwarz-Gelben und Gutgesinnten sich vor den Radikalen fast verkriechen müssen?«

»Das wüste Treiben der Demagogen wäre keine Gefahr für die edle Jugend, wenn nicht zugleich in Ungarn die schwarz-gelbe Fahne jetzt mit Wort- und Verfassungsbruch befleckt würde!«

»Ich verstehe nichts von diesen Dingen; aber die Jugend, wenn sie rein und begeisterungsfähig ist wie unser Fred, hat eine Art Schutzengel an der Seite, kommt mir vor. Oder nennen wir es simpler: Instinkt zum Rechten. Auch Petz hat es immer gesagt: Die jungen Leute kommen auch auf Irrwegen ans Ziel, man muß sie gewähren lassen.«

»Das sind Extremitäten! Im Irrgarten in Schönbrunn kommt man überhaupt an kein Ziel, man rennt nur zwecklos herum und schwitzt sich ab dabei. Wer ans richtige Ziel kommen will, muß auch den richtigen Weg gehen ... Glauben Sie, Mosch, daß wir den Baum da auch noch umhauen sollen?«

Und sie setzten, während Bethi sich wieder entfernte, ihre Arbeit fort und wendeten so viel Eifer und Umsicht daran, als sie treue Erinnerung für den Bruder und Freund in ihren Herzen trugen.

»Fred kommt zurück!« sagte auch Poldi, vor Freude strahlend, als er das nächste Mal wieder mit Schinackel durch die Räume der Braunhirschenfabrik ging.

Schinackel stutzte.

»So, so? Hm! Steht es schon fest? Ist er schon auf dem Wege? Nun, dann läßt sich nichts mehr dagegen tun ... Das Untergeschoß, denk' ich, lassen wir ganz leer einstweilen. Kommt Zeit, kommt Rat. Die Zukunft gehört doch den Kraftstühlen. Inzwischen erfahren sie wohl noch allerhand Verbesserungen. Rom ist auch nicht an einem Tage gebaut worden. Ich will dem Muschir nicht nahe treten, aber der Gipfel der Lösung wird sein mechanischer Seidenwebstuhl noch kaum gewesen sein. Wäre auch garnicht zu verlangen bei einem ersten Versuch. Es wäre Unsinn, jetzt neues Geld in dieses Modell hineinzustecken. Sogar der Seyfried gibt zu, daß es verbesserungsbedürftig ist. Fred schrieb ihm und machte ihn auf einige Möglichkeiten aufmerksam, die von vornherein sozusagen gewissermaßen garnicht von der Hand zu weisen wären – meint der Seyfried ... Also greifen wir der Zukunft nicht vor, aber sparen wir einen Raum für sie aus! Einverstanden?«

»Vollkommen! Es war auch meine Meinung. Orgeln wir vorderhand auf Handstühlen, bloß Jacquards oben drauf. Der Kraftstuhl fordert auch einen viel zu großen Betrieb. Wir müssen wieder bescheiden von unten anfangen. Klein und gewiß ist größer als groß und ungewiß.«

Der junge Brodbeck näherte sich und stellte sich in Positur.

»Melde gehorsamst, daß ich am ersten Oktober einrücken muß.«

»Ja richtig, der ist ausgelost worden!« sagte Poldi. »Gehst du denn gern dazu?«

»Der Esel frißt auch Disteln, wenn er muß, und nur wenn es ein rechter Esel ist, sagt er, daß ers nicht gerne tut.«

»Zu den Kaiserlichen kommt er?« fragte Schinackel. »Merk dir das eine: Gehts gegen den Feind – ins Herz zielen! Gehts aber wieder einmal gegen das Volk – dann sind die Spatzen auf der Dachrinne auch zu was gut!«

»Um Gottes Christi willen, dazu wirds doch nicht mehr kommen, wo der Kaiser wieder in Schönbrunn sitzt und obacht gibt, daß nichts geschieht? Und wo wir jetzt einen richtigen Reichstag haben, der fürs Volk ist und sogar Untertänigkeit und Robot abschaffen will!«

In welche Garnison er komme? fragte Poldi. Grenadier werde er, sagte der junge Brodbeck nicht ohne einen Anflug von Stolz. In die Gumpendorfer Kaserne rücke er ein, zum Richterschen Grenadierbataillon. Schinackel kannte sich aus da unten, die Gumpendorfer hatten ihn in den Reichstag gewählt.

»Also wirst du wenigstens unter Landsleuten sein: Nieder- und Oberösterreichern. Sind wackere Bursche darunter, unter den Richterschen. Die Unteroffiziere davon haben der Nationalgarde und der akademischen Legion militärische Dressur gegeben. Und dabei haben sie selbst auch etwas gelernt; die verstehen nicht nur Knöpfe zu putzen, die wissen auch, was das Volk ist und die Konstitution und der Reichstag.«

»Da hätt' ich also wieder einmal mehr Glück als Verstand gehabt, daß sie mich gerade zu denen stecken,« meinte der junge Brodbeck vergnügt; »denn wenn sie mich gefragt hätten – ich wär' halt am liebsten zu den Bombardieren gekommen.«

Als Schinackel und Poldi miteinander heimgingen, erkundigte sich Poldi, wie es jetzt im Reichstag stehe. Nicht zum besten stehe es, sagte der. Die meisten Demokraten seien zu radikal, darum blieben sie auch ewig in der Minderheit und würden an die Wand gedrückt, das mache sie dann ganz rabiat. Und die Tschechen wieder, die seien schwarzgelber als die meisten Minister und sympatisierten ganz offen mit Ban Jellachich, der jetzt die Magyaren kneble.

Mit welchem Recht der Ban von Kroatien gegen die Magyaren vorgehe? wollte Poldi wissen.

»Mit welchem Recht? Mit dem Recht des Stärkeren! Weshalb sollen die Magyaren nicht ihre Freiheit haben? Im März hat man ihnen erlaubt, daß sie ihre Suppe allein kochen dürfen, und die Ehebetten in aller Stille auseinandergerückt. Jetzt auf einmal gehört Ungarn wieder zur Gesamtmonarchie, und ein königlicher Kommissär, der ohne Gegenzeichnung aus dem Ärmel der Kamarilla gebeutelt wird, soll die Ehebetten wieder zusammenschieben. Das ist Absolutismus, und an dem Punkt sind die Magyaren kitzlich.«

»Und ist dieser königliche Kommissär der Ban Jellachich?« fragte Poldi.

»Es ist der Feldmarschalleutnant Graf Lamberg. Liest du denn keine Zeitungen, Mensch?«

»Ich stecke wohl ein bißel gar zu viel in der Arbeit und kenne mich in diesen verwickelten Verhältnissen nicht recht aus.«

»Die Sache ist ganz einfach,« sagte Schinackel lachend. »Hör einmal! Der Kaiser von Österreich findet, daß der konstitutionelle König von Ungarn sich zu viele Eigenrechte anmaßt. Darum schickt er den Ban Jellachich aus, er soll den König von Ungarn unterjochen. Die Magyaren wollen ihren konstitutionellen König nicht im Stich lassen und machen gegen den Feldherrn des Kaisers mobil. Jetzt ernennt der König von Ungarn den Grafen Lamberg zum königlichen Kommissär und überträgt ihm das Oberkommando über sämtliche in Ungarn befindlichen Truppen, auch über die Truppen des Kaisers, die unter Ban Jellachich stehen.«

»Da kann also jetzt der Ban Jellachich den Magyaren nichts mehr tun, wenn der königliche Kommissär es nicht will?«

»Er will es aber! Capisti? Denn der sogenannte königliche Kommissär ist in Wahrheit ein kaiserlicher Kommissär – da liegt der Hase im Pfeffer!«

»Einfach finde ich diese Geschichte nicht, sondern im Gegenteil noch immer kompliziert genug.«

»Also noch simpler: Der Kaiser von Österreich will den konstitutionellen König von Ungarn auffressen. Das werden sich die Magyaren nicht gefallen lassen, es wird einen blutigen Bürgerkrieg geben – er hat sogar schon angefangen – und die schäumenden Wogen werden auch nach Wien herüberspritzen. Darum ist es mir gar nicht recht, daß Fred jetzt zurückkommt. Denn die Aula spitzt schon wieder ihre Ohren nach Ungarn hinüber.«

Ob es nun aber dem Ohm Schinackel recht war, oder nicht – als Poldi ins »Goldene Stuck« trat, flog ihm Fred schon entgegen und geradenwegs an den Hals. Zum erstenmal in ihrem Leben waren die Brüder voneinander getrennt gewesen. Jetzt, da sie sich wieder hatten, fühlten sie erst, wie eng sie zusammengehörten.

Abends fuhren sie gemeinsam ins Himmelhaus. Fred blieb dann ein paar Tage draußen, plauderte mit den Tanten und leistete dem Muschir Gesellschaft. Der hatte aber nicht viel Zeit übrig, er mußte in Garten und Warmhaus noch manches fertig bringen, da man in wenigen Tagen in die Stadt übersiedeln wollte. Die Abende wurden schon empfindlich lang, auch Fred drängte es nach der Stadt zurück. Der Oktober war angebrochen, nun mußten die Kommilitonen sich wieder einfinden. Er hoffte auf ein gesegnetes Studienjahr und wäre froh gewesen, wenn, es sich ohne Zwischenfälle abgespielt hätte, denn er sehnte sich von der Schule fort, ins wirkliche Leben zu kommen und Poldi zur Seite zu stehen. Indessen führte doch sein erster Weg ihn nicht ins Polytechnikum, sondern auf die Aula.

Da fand er zu seiner Überraschung den Universitätsplatz voll von Legionären, ganz wie einst, gerade als ob es gar keinen Sommer gegeben hätte. Das einzige, was ihm als neu auffiel, das waren die vielen abenteuerlich aussehenden Gestalten von Demagogen und Proletarierführern, die sich unter die Studenten mischten, als wären sie hier zuhause.

Er trat auf eine Gruppe von Kommilitonen zu und jubelte auf: da standen die alten Kampfgenossen beisammen, eine ganze Schar, mit denen er so viele bange und gefahrvolle, so viele begeisterte und freudetrunkene Stunden durchlebt hatte! Auch die näheren Freunde darunter: Sturz und Tauß! Und da war ja auch der Riesenkerl mit dem Gotenschädel, der wackere Ladurner! O, über solche Händedrücke des Wiedersehens unter jungen Leuten, die gemeinsam etwas erlebt haben!

Aber persönliche Erlebnisse zu erfragen und zu erzählen, war keine Zeit, schon befanden sich neuerdings die Gemüter in politischer Spannung und Bewegung.

»Hast du gehört? Graf Lamberg ist auf der Ofener Schiffsbrücke ermordet worden! Ban Jellachich hat von den Magyaren unter Moga Plesche gekriegt und mußte nach Stuhlweißenburg krebsen!«

Sturz konnte, indem er es erzählte, seine Freude nur schwer verhehlen.

»Die Ermordung des Grafen kann freilich niemand gutheißen,« sagte er gleichsam zu seiner Entschuldigung; »aber warum hat er sich auch zum Sendboten des Absolutismus hergegeben?«

»Nicht einmal! Ein Sendbote der Kamarilla ist er gewesen!«

»Genau so, wie einige von unseren Ministern!«

»Hoho! Die sind ehrliche Leute! An die reicht kein Verdacht!«

»So? – Und der Graf Latour?« schrie Tauß. »Und der Graf Latour? ... Wenn es wahr ist, daß er dem Jellachich insgeheim Geld schickt?«

»Es ist aber nicht wahr!«

»Ich habe wohl etwas Ähnliches gelesen,« sagte Fred.

»Gelesen! Was liest man nicht alles! Beweise! Beweise!«

»Ich halte Latour für einen ehrlichen Mann,« sagte Sturz. »Er hat wiederholt in öffentlicher Reichstagssitzung erklärt, keine Beziehungen zum Ban zu unterhalten.«

Wenn er es in öffentlicher Sitzung erklärt habe, dann sei auch darauf zu schwören, daß es wahr sei, versicherte Ladurner.

»Luigen kann er niacht als Offizier, luigen niacht!«

»Kauft den ›Bst! Bst!‹ Kauft den ›Bst! Bst!‹« schrieen Ausrufer, die einen zweirädrigen Karren vor sich her über das Pflaster rollten.

Der Karren baute sich hoch auf wie ein Schrank mit Fächern, in denen man Stöße von Zeitungen liegen sah. Alles Holzwerk war rot gestrichen, obenauf flatterten zwei Trikoloren, dazwischen stand in großen roten Lettern: »Bst! Bst! Preis 1 Kreuzer K. M.« Ein zerlumpter Strawanzer mit breit über Ohren und Schläfen vorgekämmtem Haar schob den fahrenden Zeitungsverkaufsladen, ein fettes Weib, das einer Hökerin glich, half ihm dabei. Und beide schrieen sie ununterbrochen mit voller Lungenkraft: »Kauft den ›Bst! Bst!‹, Kauft Mießrigels Kreuzerjournal! Die neuesten Nachrichten von der ungarischen Revolution um einen Kreuzer Konventionsmünze! Kauft Mießrigels Kreuzerjournal! Kauft Mießrigels Bst! Bst!«

»Ich hätte mir einen klangvolleren Titel gewählt für eine Zeitung,« sagte Tauß.

Fred hingegen, der zuerst befremdet war, dann lachte und schließlich begriff, sagte: »So übel ist der Name nicht für ein Journal, das auf der Straße ausgeschrien werden soll. Macht man doch auch hinter einem Bekannten, den man anrufen will: Bst! Bst!«

Inzwischen ließen die Ausrufer, deren Geschäft nach dem ersten Andrang wieder abzustauen begann, schweres Geschütz auffahren: »Sensationelle Enthüllungen um einen Kreuzer Konventions-Münze! Die Briefe des Ban Jellachich an den Grafen Latour aufgefangen! Sensationelle Enthüllungen! Und kosten nur einen Kreuzer Konventions-Münze!«

Die Studenten drängten sich um die Verkäufer und stürmten beinahe die fahrende Bude, es gab niemand auf dem weiten Platze, der nicht seinen »Bst! Bst!« in Händen hielt und mit gierigen Augen darin las. Da stand ein Artikel, ein magyarischer Schweinehirt hatte einen Kurier mit Briefen des Ban Jellachich an den Grafen Latour abgefangen, aus denen endlich mit unwiderleglicher Beweiskraft sich ergebe, daß der Ban vom österreichischen Kriegsminister Geldsendungen empfangen habe und ihm überdies noch die Zusage gemacht worden sei, er dürfe auch auf Unterstützung durch Truppen und Kriegsbedarf zählen. Die Briefe selbst wurden hierauf in ihrem vollen Wortlaut wiedergegeben. Wenn sie nicht vom ersten bis zum letzen Buchstaben gefälscht waren, so kompromittierten sie den Grafen Latour aufs schwerste.

Im Augenblicke schwebten die altbekannten Dämonen wieder um die Aula: Die Furcht vor der Reaktion, das Mißtrauen, der Argwohn! Die ganze Giftsaat des Metternichschen Regimes schoß neuerdings in die Halme, als ob es nie einen März und nie einen Mai gegeben hätte, und nur ein Gedanke war wieder in allen: »Erst soll die magyarische Freiheit ans Messer geliefert werden, dann kommen wir selbst an die Reihe!« Vergessen war der stille, friedliche Sommer, den beinahe alle in der Ferne, in ruhigen, freundlichen Verhältnissen verlebt hatten. Vergessen Ekel und Schauder über den wüsten demokratischen Taumel der letzten Maitage, von dem angewidert gar mancher sein Haupt verhüllt und sich vom politischen Leben abgewendet hatte. Sie wußten nur eines mehr: Daß die Freiheit gefährdet war, um die so viel Blut geflossen, für die sie so viel Leid und Sorge, Kampf und Todesgefahr auf sich genommen hatten! Die Freiheit, um die die Aula wie um ihr Schmerzenskind gebangt hatte, gefeiert und geschmäht, zum Himmel erhoben und in den Kot hinabgestoßen worden war!

Tauß schlug vor, die akademische Legion sollte nach Ofen-Pest marschieren und den Magyaren gegen den verhaßten Ban zu Hilfe eilen. Aber es waren noch weitaus nicht alle Legionäre nach Wien zurückgekehrt. Und wenn sie ihrer fünftausend gewesen wären – sie sahen ein, daß es ein Häuflein blieb gegenüber einer Armee von sechzigtausend Mann regulärer kaiserlicher Truppen.

»Wir sind auch unentbehrlich in Wien,« sagte Sturz. »Die Tschechen im Reichstag halten es mit den Kroaten. Sie träumen von einem slavischen Österreich, das auf Kosten der Deutschen und Magyaren errichtet werden soll. Das einzige, was sie noch im Zaume hält, ist Wien mit seinen demokratischen Vereinen und der akademischen Legion!«

Die wildbärtigen Demokratenführer gingen zwischen den Studenten um wie die Wölfe um den Schafstall und wühlten: Der Latour müsse an die Laterne! Aber dafür hatte niemand ein Ohr. Für den äußersten Fall blieb noch immer die Möglichkeit einer Sturmpetition nach Schönbrunn. Jetzt tauchte auf einmal Mießrigel auf und wunderte sich, seinen »Bst! Bst!« in jedermanns Hand zu finden. Er war merkwürdig gealtert über den Sommer. Ob er krank gewesen sei? fragte Fred. Nein, krank nicht, aber einsam, einsam! ...

»Du bist mir abgegangen, Herzensjunge! Meine Überzeugung ist ein schwankes Rosenbäumchen, das einen stützenden Stecken braucht, an dem man es aufbinden kann. Vergebens hab' ich müßige Luftwurzeln getrieben, es half alles nichts, der befruchtende Regen fehlte. So hing ich wie ein nasser Fetzen von meinem Redaktionsstuhl herunter, bald auf die rechte Seite, bald auf die linke. In den Hundstagen wäre ich fast aus der Haut gefahren vor Sehnsucht nach der Reaktion. Sie hätte wenigstens ein bißchen Abwechslung ins ewige Einerlei gebracht. Die Demokratie ist abgestanden wie ein Bierrest im Glase, in dem die Sommerfliegen herumschwimmen. Aber die heilige Reaktion tat mir vorderhand noch nicht den Gefallen, irdische Gestalt anzunehmen. Um nicht vor Langerweile zu sterben, blieb mir nichts übrig, als meinen »Bst! Bst!« zu gründen.«

»Das Blatt ist doch durchwegs freiheitlich, will ich hoffen?« rief Fred.

»Es übertrifft alles bisher Erlebte an radikaler Gesinnung, wenigstens an Tagen, wo ich gut aufgelegt bin. Ich mache auch leider glänzende Geschäfte damit, das Schweineblattl geht reißend ab – ekelhaft! Ich glaube, ich lasse es wieder eingehen und gründe eine Zeitung von vornehmer Haltung, bei der ich wieder zubuttern kann, was ich jetzt zurücklege. ›Gegen den Strom‹ soll sie heißen, und niemand wird sie lesen. Was Zuspruch findet, ist immer ordinär. Die wahre Aristokratie ist die Erfolglosigkeit!«

»Du bist doch nicht gemein geworden?« fragte Fred mißtrauisch. »Sag mir auf Ehrenwort: Die Briefe des Ban Jellachich an den Grafen Latour – sind sie eine Fälschung?«

»Sie sind echt wie meine innerste Überzeugung!« beteuerte Mießrigel. »Der Schweinehirt, der sie auffing, hat Haar und Bein und Fleisch und Blut so gut wie du und ich, bloß, daß sie nach Knoblauch stinken; meine Phantasie, ausgetrocknet wie sie durch den langen Sommer ist, wäre viel zu schwach gewesen, ihn zu erfinden. Er existiert wirklich und tatsächlich, ich habe ihn zu meinem Spezialkorrespondenten im Bakonyerwald ernannt. Die sensationellen Briefe, an deren Authentizität nicht zu zweifeln ist, hat er mir auf dem Wege über das ungarische Amtsblatt zugemittelt, das sie auf Beschluß der Nationalversammlung in Pest veröffentlichte.«

Fred fiel ein Stein vom Herzen, er hätte sich für immer entrüstet von dem Freunde abgewendet, wäre dieser einer gemeinen Fälschung fähig gewesen. Aber, daß die Briefe echt waren, das erfüllte ihn nun doch wieder mit Leid und Sorge.

Am Abend suchte er Schinackel in der Roveranigasse auf, um dessen Urteil über die Lage zu hören. Er war nicht zuhaus. Susann machte ihm selbst die Tür auf, das kleine Schinäcklein an der Brust; das Mädchen hatte sie ums Abendbrot geschickt. Mehr als trocken Brot und ein Stückchen Wurst dazu gebe es nicht für ihren Mann, bevor er nicht schärfer ins Zeug gehe fürs Volk. Er sollte es nur an sich selbst spüren, wie die armen Leute es hätten, da würde er es schließlich doch satt bekommen, immer auf dem sogenannten Boden der Legalität zu stehen!

Sie hatte ihn zu der Lampe hineingeführt und fuhr ungeniert fort, den kleinen Revolutionsmann zu säugen, von dem Fred schon wußte, daß er irgendwo ein rotes Mal haben sollte. Es war ein liebes und reizendes Bild, wie sie blühend, gesund und gemächlich dasaß, die Füße auf einem Schemelchen, auf dem Schoße zärtlich das Kind, das die schöne weiße Brust mit seinen winzigen Händchen derb gepackt hatte und wie ein Wahnsinniger an ihr sog. Ob sie denn auch auf Strafkost gesetzt sei und das frugale Mal ihres Mannes teilen müsse? fragte Fred lachend; oder für sich selbst besonders aufkochen lasse?

»O, ich muß sehr viel Milch trinken, Mehlbrei essen, Griesköche, Aufläufe und so weiter. Aber auch ein bissel Bier bekomm' ich,« sagte sie lustig ... »Es ist alles wegen der Milch. Ich hab' auch eine schwere Menge! Da sieh her!«

Und sie tippte sich mit dem Finger fest auf die Brust und war stolz, daß es fast nicht nachgab und straff blieb wie eine vollsaftige Apfelsine.

Bald kam Ohm Schinackel heim, es hatte eine stürmische Reichstagssitzung gegeben. Fred lauschte gespannt und erfuhr, daß ein Radikaler an den Kriegsminister eine Anfrage gerichtet habe, ob er die vom »Bst! Bst!« veröffentlichten Briefe des Ban Jellachich als echt anerkenne? Worauf Latour erwidert habe, es sei nicht angegangen, die kaiserlichen Truppen in Ungarn ohne Sold, ihre Offiziere ohne Gage zu lassen, darum habe er dem Ban Vorschüsse im Gesamtbetrage von rund 300 000 Gulden zur Verfügung gestellt.

»Und was meinst du nun, Fred,« sagte Schinackel, »was der Reichstag hierauf antwortete?«

»Er hat den Minister in Anklagezustand versetzt!« rief Fred.

»Da kennst du unsern Reichstag schlecht! Er hat die Erklärung des Ministers gut geheißen! Die tschechische Mehrheit übertönte das Zischen der demokratischen Fraktion mit Beifall. Man billigt es also, daß der österreichische Kriegsminister auf unsere Kosten eine Armee in Ungarn unterhält und das Königreich mit Krieg überzieht. Man billigt es, daß er die für solchen Zweck verausgabten Summen unter irgend einem Scheintitel im Budget bemäntelt und der österreichische Reichstag hierüber erst durch den Schweinehirten aufgeklärt wird, der zufällig die Bitt- und Dankbriefe des Bans kaperte. Und das nennt man in Österreich Konstitution!«

»Siehst du Ferdinand,« sagte Frau Schinackel, »das kommt davon, wenn man immer auf dem sogenannten legalen Boden steht!«

Seither sann Schinackel darüber nach, wie er dem Kriegsminister durch eine Interpellation Verlegenheiten bereiten, oder ihn gar zur Demission zwingen könnte.

An einem der nächsten Abende befand Fred sich abermals in der Roveranigasse, da sprach der junge Brodbeck vor, stattlich genug anzusehen in seiner Grenadiersuniform, und schon mit einer Haltung, die garnicht mehr rekrutenmäßig war; weil er schon von Haus aus Disziplin und Diensttreue im Leib hatte, da brauchte es nicht viel, daß auch der äußere Schliff sich einfand. Zum Großvater wolle er hinüber, sagte er, und zur Frau Tante im »Goldenen Stuck«, sich verabschieden, weil es heiße, daß er fort müsse. Und wie er nun durch die Roveranigasse gegangen, da sei es ihm gekommen, daß er eigentlich um Rat fragen könnte, weil schon der Herr Abgeordnete sich in der Welt so gut auskenne und in Gumpendorf ganz besonders.

»Verabschieden will er sich?« fragte Schinackel aufhorchend, »was soll denn los sein?«

Bestimmt sei es freilich noch nicht, meinte er, aber es gehe halt das Gerücht, daß das Bataillon Richter übermorgen Wien verlassen solle, um nach Ungarn zu gehen und dem Ban gegen die magyarischen Rebellen zu helfen.

Schinackel und Fred wechselten einen Blick und spitzten ihre Ohren. So – so! Und was es nun dabei für einen Rat zu erteilen gebe?

»Da sind halt Leute in Gumpendorf,« sagte der junge Brodbeck, »die reden uns zu, daß wir bockig tun und nicht abmarschieren sollen. Das ist aber eine kitzliche Geschichte. Denn ich hab' dem Kaiser geschworen und weiß auch schon, daß es Meuterei ist, wenn der Soldat nicht folgt, bald ihm seine Vorgesetzten etwas schaffen tun.«

»Du hast dem konstitutionellen Kaiser geschworen!« sagte Fred. »Das Ministerium hat kein Recht, ohne Zustimmung des Reichstages auch nur einen einzigen Soldaten an Jellachich abzugeben!«

Aber geschworen habe er halt doch, gab der junge Bursch zu bedenken, und auf Meuterei stehe der Tod.

Das sei allerdings eine kitzliche Geschichte, gestand Schinackel zu. Er könne es auch garnicht glauben, daß der Kriegsminister die Richterschen Grenadiere nach Ungarn abkommandieren wolle.

»Denn das Bataillon ist ein deutsches,« sagte er, »und gehört zu den deutschen Bundestruppen. Es wäre sogar die Zustimmung des Bundesparlaments in Frankfurt dazu nötig, wenn man es im Ausland verwenden wollte. Und Ungarn ist jetzt Ausland, seit es sein eigenes Ministerium hat.«

»Was sagen denn die Unteroffiziere und die älteren Grenadiere dazu?« fragte Frau Susann.

»Da hat jeder seine böhmische Köchin, von der er nicht gern weggeht,« erklärte der junge Brodbeck. »Weil ihnen die böhmischen Köchinnnen halt die Menage aufbessern tun. Und dann zahlen auch die Bürger und Garden ihnen Wein und reden ihnen zu, und der Grinzinger, der ist nicht gut für die Disziplin, es hat schon mancher versprochen, daß er halt einfach nicht geht. Mir zahlt aber kein Mensch einen Wein, und Köchin hab' ich auch noch keine, also kann ich eigentlich nicht mitreden ... Nur daß ich halt ein Soldat bin und dem Kaiser geschworen hab'.«

»Dem Kaiser, aber nicht der Kamarilla!« rief Fred aufgebracht. »Wollt ihr Hand in Hand mit den Krowaten gegen die Freiheit kämpfen?«

»Das sagen die Herren von der Nationalgarde auch. Und erinnern uns daran, was sie dem Regiment Gutes getan hätten. Denn sie haben es durchgesetzt, daß nicht geprügelt werden darf, solang das Regiment in Wien steht. Wie wir aus Wien hinauskommen, gleich ist der Profos mit dem Haslinger wieder da! ... Aber dem Kaiser geschworen haben wir halt deswegen doch ...«

»Ich will mit den Offizieren sprechen und mich überhaupt näher erkundigen,« erklärte Schinackel schließlich. »Für euch Grenadiere gibt es nichts als: Gehorchen! Niemand soll den legalen Boden verlassen, am allerwenigsten der Soldat!«

Frau Susann stand auf und rief zur Tür hinaus: »Rosi, hole zum Abendessen für den Herrn wieder ein Brot und eine Vierkreuzerwurst!«

Als der junge Brodbeck sich entfernt hatte und auch Fred sich verabschieden wollte, sagte Ohm Schinackel: »Ich komme mit dir!«

»So –? Wohin gehst du noch so spät am Abend?«

»In ein Restaurant, abendessen.«

»Wenn du so fortfährst, mich zu vernachlässigen, wie es in letzter Zeit geschehen ist«, rief Susann empört, »so wirst du es erleben, daß du einmal nachhause kommst und mich nicht mehr vorfindest. Ich werde mit meinem Sohn ins Elternhaus zurückgekehrt sein.«

Schinackel lachte.

»Ich werde Mittel und Wege finden, euch zurückzuzwingen.«

»Ei –? Du würdest dich wohl auf legalen Boden stellen und die Gesetze in Anspruch nehmen? Und das nennt sich eine freiheitliche Gesinnung! Ich werde mich vor meinen Richtern zu verantworten wissen und mich darauf berufen, daß ich dir freiwillig gefolgt bin in die Roveranigasse, und daß es mir folglich auch freistehen muß, mich wieder zu entfernen, wenn es mir beliebt. Und sie werden das Recht des Weibes und der Mutter in mir anerkennen, wenn es noch eine Freiheit gibt in Österreich!«

»O du verrückter kleiner Schafskopf!« rief er verliebt, küßte die Widerstrebende gewaltsam auf den Mund und eilte Fred nach, der schon die Treppe hinunterging.

»Du hast mich vergewaltigt!« zeterte sie hinter ihm drein. »Ich habe deinen Kuß nicht erwidert, daß du es nur weißt!« –

Der junge Brodbeck hatte sich inzwischen ins »Goldene Stuck« begeben.

Als er von der Tante Brodbeck Abschied nahm und erzählte, daß er vielleicht in den Krieg müsse, da fing sie zu weinen an, war aber nebenher auch ein bißchen stolz dabei, daß sie einen Grenadier zum Neffen hatte, den der Kaiser schon gegen die Ungarn brauchen konnte. Sie verwechselte gern die Ungarn und die Türken miteinander, es wohnte alles »da unten«. Jetzt sprach sie von Janitscharen und edelsteingeschmückten Turbanen und mahnte ihn, sich von den Harems fernzuhalten, denn das könne einem die Ohren kosten, wenn man da hineingucke. Überhaupt solle er obacht auf sich geben, denn er sei ihr Erbe, und sie habe immer auf das Ihrige geschaut ...

»Wenn ich jetzt auch den Pappelmann heirate,« sagte sie; »Kinder bekomm' ich keine mehr, darüber bin ich hinaus. Und der Pappelmann hat sich schon auch etwas zurückgelegt, das Meinige laß' ich deswegen nicht aus!«

Der alte Brodbeck, der Großvater, der jetzt schon verschrumpft war wie eine gedörrte Birne, schenkte ihm eine Flasche mit den »Leiden Christi.«

»Die tu in deinen Soldatenkoffer,« sagte er; »und denk auch manchmal daran. Ist gut gegen den Ganggerl, wenn er anklopfen tut. Sonst kann ich dir nichts sagen; tät' auch gar nichts nützen. Es muß halt jeder wieder für sich selber schauen, wie er drauskommt – mit unserm Herrgott und mit dem Ganggerl!«

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