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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 35
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
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Während der jüngstverflossenen Tage war der Dienst, den die Freiheit forderte, immer strenger geworden. Nun hatten die Studenten auch Wachtposten zu beziehen ...

Plaudernd und aus langen Burschenpfeifen rauchend, saßen Fred und ein paar Legionäre aus seiner Rotte vor der Wachstube im inneren Burghof. Ein Kommilitone im »deutschen Hut,« das kurze »deutsche Schwert« an der Seite, ging mit geschulterter Muskete auf dem Laufbrette vor ihnen auf und nieder. So oft er sich gegen den Amalienhof umwendete, wo die große Uhr sich befand, warf er jedesmal einen sehnsüchtigen Blick hinauf, ob denn der Zeiger ewig nicht vom Fleck rücken wolle? Es fehlte nicht mehr viel auf zwölf, dann mußte die Wachablösung kommen. Ladurner, der neben Fred auf der Bank saß, hatte einen dieser Blicke aufgefangen ...

»G'spaßige Zöch' sind wir!« sagte er den Kopf schüttelnd.

»Warum?«

Weil sie sich das als ein heiliges Recht erstritten hätten, daß sie da Soldaten spielen und den Kaiser in der Burg bewachen durften! Und dabei sei der Kaiser nicht einmal da und lasse sichs in Innsbruck gut geschehen ...

»Das wär' mir freilich auch lieber, wenn ich im Tirol sein und bei mei'm Moidele liegen könnt', statt da auf der Pritschen!«

»Landsknecht!« sagte Fred.

»Der Mensch ischt halt einmal so ...«

Er war herabgestimmt und entmutigt. Seit dem achtzehnten Mai habe die Aula allen Boden verloren in der Bevölkerung. Man werfe ihr vor, daß sie an der Abreise des Kaisers schuld trage, und behandle die Legionäre wie Schuhputzer. Das spüre er an seiner Stubenwirtin, die sei ein gutes Barometer, weil sie es als Miedernäherin mit den Weibern zu tun habe. Im März, da hätten die Weiber nicht genug Mieder kaufen können, damit sie recht schlank aussähen und den Studenten gefielen. Die seien damals noch die »goldenen Jungen« gewesen, und die Weiber hätten ihnen Augen gemacht wie die Gänse, wenn es wetterleuchtet. Jetzt habe das Blatt sich gewendet, so geschumpfen habe seine Wirtin lange nicht, die ganze Aula müßte man demolieren, ging' es nach ihr! Denn das Miedernähen werfe nichts mehr ab, die Studenten seien auf einmal die Unfriedenstifter und Lärmschlager, die Weiber wollten von ihnen nichts mehr wissen ...

»Die Begeisterung vom März,« sagte er, »hat mancher einen dicken Bauch gemacht; ein Mieder braucht jetzt keine mehr ... Undank ischt eine bittere Wurzel, jetzt sitzen wir auf der Schattseiten im Letten!«

»Er hat recht!« versicherte Tauß. »Früher war es eine Ehre, bei der akademischen Legion zu sein, jetzt ist beinah' eine Schande draus geworden. Sogar der Greisler, bei dem ich meine Wurst kaufe, hat mich angerempelt: Ich sollt' lieber meinen Stürmer heruntertun und anständigen Leuten das Geschäft nicht verderben!«

»Was wollt ihr?« tröstete Sturz. »Die alten Wiener Phäaken! Erschlafftes Volk von Backhähndelfressern! Sollen in ihren Wurstelbrater gehen! Laßt euch nicht irre machen durch Philister und Krämer! In unsere Hände sind die Ideale des deutschen Volkes gelegt! Auf die deutsche Jugend Österreichs kann Altdeutschland sich verlassen!«

Eine Abteilung Rugent-Infanterie marschierte über den Platz und näherte sich. Die Glocken verkündeten die Mittagsstunde. In wenigen Minuten waren die Förmlichkeiten der Wachablösung erledigt. Die Soldaten ergriffen Besitz von der Wachstube.

»Die Herren werden sich künftig nicht mehr zu bemühen brauchen,« sagte der Offizier.

»Hoho?« machte Sturz. »Es kann uns sehr bald wieder die Reihe treffen.« »Haben Sie den Tagesbefehl vom Stadtkommandanten nicht gelesen? Die Nationalgarde und Legion sind vom Nachtdienst wieder enthoben.«

Die Mitteilung rief Bewegung hervor unter den Legionären.

»Unmöglich! Der Stadtkommandant kann nicht zurücknehmen, was der Kaiser gewährt hat!«

Der Offizier war ein Bürgerssohn, ein Wiener, ein harmloser netter Kerl, dem es unverständlich blieb, wie man sich deswegen aufregen konnte?

»Ich möcht' gleich mit Ihnen tauschen! Das war' ein Leben, wenn's keinen Wachtdienst gäb'! Wie kann man sich denn darum reißen?«

»Wir stehen im Kampf um die Freiheit! Verstehen Sie das nicht?«

»Aber ich bitt' Sie! Vierundzwanzig Stunden in einer Wachtstube, in so einem Flohtrüherl knurren, ist denn das eine Freiheit? Da hab' ich einen andern Begriff von der Freiheit, das muß ich schon sagen!«

»Bedenken Sie die politische Seite, Herr Offizier! Daß man uns schwarz auf weiß verbriefte Zugeständnisse einfach wegeskamotieren will? Das wäre nicht schlecht, wenn man sich einen solchen Wortbruch stillschweigend gefallen ließe!«

»Die Herren werden doch um Gotteswillen deswegen nicht gleich wieder eine Revolution anfangen? Das ist gar so peinlich für uns Offiziere! No ja, was soll man machen? Soldat ist man schließlich doch, wenn man hundertmal einsieht, daß das Volk eigentlich Recht hat. Jetzt sagt man halt der Mannschaft – soweit man sich mit ihr verständigen kann, denn ich hab' lauter Böhm': Schießt in die Luft! Wenn aber nachher Steine herüberfliegen, da werden halt die Leut' auch wild und halten manchmal den Lauf ein bissel tiefer, als es notwendig wär' ... Sakrament, ich hab' die Geschichte satt, wenn's noch lang so fortgeht, quittier' ich! ... Und ich Esel laß' mich noch eigens zu Nugent versetzen, damit ich in Wien bleiben kann! Meine früheren Kameraden, die haben's gut, die stehen jetzt unter Vater Radetzty bei Peschiera. Ja, gegen die KatzelmacherItaliener. ›Feuer‹ kommandieren, das ist freilich was anderes!«

Nachdem die Legionäre abmarschiert waren und Fred auf der Aula seine Muskete abgelegt hatte, traf er, auf den Universitätsplatz hinaus tretend, mit Mießrigel zusammen. Der zog eine Nummer der »Wiener Zeitung« aus der Rocktasche und reichte sie ihm hin.

»Die Erzwungenschaften vom fünfzehnten Mai sind wacklig geworden, seit der Kaiser fort ist. Da hast du schwarz auf weiß die wohlverdiente Nase, steck sie ein und mach dir nichts draus!«

Fred tanzten die Lettern vor den Augen. Soweit er verstehen konnte, was da gedruckt stand, tadelte der Kaiser in einem aus Innsbruck datierten Manifest an seine Völker die Aula: Durch fremde Aufwiegler war sie irregeführt! Abgewichen von der gewohnten Treue! Widerrechtlich erstürmt hatte sie mit bewaffneter Hand die jüngsten Errungenschaften! Also waren Freiheit und Liebe zum Kaiserhaus Gegensätze? Und wenn man das mit der kaiserlichen Unterschrift und der Gegenzeichnung der Minister versehene Patent vom fünfzehnten Mai einfach annullierte, wer verbürgte dann noch den dreizehnten März?

Mit tiefster Erregung wurde das Blatt von Hand zu Hand gereicht. Legionäre aller Fakultäten liefen zusammen und lasen es.

»Kamarilla! Kamarilla!«

»Da steckt der Graf Bombelles dahinter, das Haupt der Hofkamarilla!«

»Eine gesunde Luft weht aus deinem Innsbruck!« wurde Ladurner aufgezogen.

»Was kann Innsbruck dafür?« wehrte sich der. »Dem Bombelles gefallt es halt dort zu gut. Der sitzt weit vom Schuß und trinkt ein Viertele Tiroler Spezial nach dem andern. Wenn ich nicht der Ladurner war', so möcht' ich der Bombelles sein!«

»Ich möchte nicht mit ihm tauschen! Das Volk wird die Kamarilla in den Staub treten!« sagte Tauß.

»Freuen wir uns, meine Herren! Freuen wir uns!« rief Mießrigel. »Der Till Eulenspiegel hat auch eine Freude gehabt, wenn er bergab ging!«

Und er sang:

»Brüderlein fein, Brüderlein fein,
Einmal muß geschieden sein!
Scheint die Sonne noch so schön,
Einmal muß sie untergehn ...«

»Was willst du damit?« herrschte Fred ihn an.

»Es geht abwärts, Brüderchen, es geht abwärts! Die Freiheit zahlt der Natur ihren Tribut und bereitet sich zum Sterben. Das werden wir nicht überleben, Bruderherz, du vielleicht, du hast noch einen guten Rest von Glauben in dir – ich nicht! Ich sterbe an Hunger und am gebrochenen Herzen! Ist der Pater Füster nicht da, daß er für mich und die Freiheit beten kann? Sein Herrgott wird den federngeschmückten Stürmer heruntertun und wieder sein vergoldetes Dreieck aufsetzen. Laßt uns beten, Brüder in der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, um eine möglichst schmerzlose Todesstunde: Heilige Maria von Egypten – bitt für uns! Heiliger Fürst Metternich – bitt für uns! Heilige Katharina von Siena – bitt für uns! Heiliger Graf Sedlnitzky – bitt für uns! Heiliger Johann von Nepomuk ... «

Sturz hielt ihm die geballte Faust vor die Augen: »Schweigen Sie, oder ich lasse Sie von diesem Platz hinwegweisen!«

»Wir protestieren gegen das Manifest des Kaisers! Wir protestieren!« riefen die Legionäre.

»Laßt uns eine Abordnung wählen,« schlug Tauß vor, »die unsern Protest dem politischen Zentralkomitee mitteilen und mit seiner Unterstützung an das Ministerium leiten soll!«

Mießrigel wies mit der Hand auf das Konviktsgebäude, das der Aula gegenüber, auf der andern Seite den Universitätsplatz umfriedete.

»Hinter diesen ehrenrührigen Mauern – Verzeihung! Hinter diesen ehrwürdigen Mauern, wollt' ich sagen, tagt in dieser selben großen Stunde das politische Zentralkomitee – oder vielmehr, es nächtiget daselbst. Denn sein Tag neigt sich bedenklich dem Abend zu und droht in der schweigsamen Nacht des Nichtseins zu versinken. Nirwana! Nirwana! Könnt' man da net wana.«weinen.

Man umdrängte ihn mit Fragen, ob im Zentralkomitee etwas vorgehe? Und ob er etwas davon wisse? Schließlich konnte man ihn doch immer wieder brauchen, als Zeitungsmann war er oft nicht schlecht unterrichtet. Während er noch mit den Legionären redete, sah Fred eine Anzahl Männer die Stufen des Konviktsgebäudes herabeilen, Nationalgarden und Vertrauensmänner der Legion, auch Fischhof unter ihnen, die meisten im gewöhnlichen Zivilanzug und ohne Abzeichen. In größter Erregung sprachen sie miteinander und entfernten sich, als sie die Ansammlung von Studenten gewahr wurden, so rasch als möglich durch die untere Bäckerstraße, die jetzt »Märzstraße« hieß. Es sah gerade so aus, als hätten sie ein böses Gewissen.

Unter den Letzten, die aus dem Tore traten, erblickte Fred den alten Herrn Beywald. Er ging bedächtig auf seinen Rohrstock gestützt und blieb stehen, als er Fred erkannte; ein freundliches Aufleuchten glitt über sein sorgenvolles glattrasiertes Gesicht ...

»Herzensjunge! Laß dirs sagen: Ihr seid jetzt noch die einzige Hoffnung des Vaterlandes! Jung wie ihr seid, habt ihr noch ein gutes Recht auf ehrliche Torheit! Bleibt eurer Überzeugung treu! Schließt keine faulen Kompromisse! Was so um dreißig herum oder weit darüber ist, das ist auf einmal so verteufelt vernünftig worden, bläst zum Rückzug oder sinnt wohl gar darauf, sich irgendwie sein Süppchen zu kochen. Euer Alter allein und das meinige allenfalls kennt keine Zwecke. Wir haben nichts zu verlieren als eine Zukunft oder eine Vergangenheit. Die Herzen, die an einer Gegenwart hängen, werden leicht zag und bieten keinen schönen Anblick.«

»Was ist geschehen?« fragte der Jüngling bestürzt.

»Das politische Zentralkomitee hat sich soeben aufgelöst. Begründung? Weil die Sicherheit der Nation und des Staates sich gegenwärtig im Großen, Ganzen nicht gefährdet zeige. Im Großen, Ganzen! Wer lacht da? Hast du gelacht? Nein? Dann war ich selbst es, der lachte. Merk dir, Fredl, ein ehrlicher Satz darf nichts enthalten, als Subjekt und Prädikat. Wenn Ausdrücke darin vorkommen wie: Im Großen Ganzen, Allerdings zwar, Bei genauerer Erwägung der Umstände und dergleichen mehr, so steckt schon eine Lüge dahinter, darauf kannst du wetten!«

Fred begleitete ihn noch eine Strecke Weges, traurig, entmutigt, todmüde, und empfahl sich dann. Er suchte ein Speisehaus auf, sein Magen war leer, in ein ganz unregelmäßiges Leben war er geraten. Nachhause kam er halbe Wochen lang nicht mehr, nicht einmal des Nachts, wo er oft auf einer Strohschütte in den zur Kaserne umgewandelten Hörsälen übernachtete, wenn nicht gerade der Wachtdienst ihn traf. Er konnte nur eine Kleinigkeit genießen, die Enttäuschung war zu groß in ihm. Und Mießrigel, der ihm nachgekommen war und an seinem Tische saß, trug nicht dazu bei, seine gesunkenen Lebensgeister wieder aufzurichten. Denn der führte aus, wie die Aula jetzt allen Kredit bei der Bürgerschaft verloren hätte und wieder die Philister ans Ruder kommen würden.

»Alle lassen sie euch im Stich, alle! Zieht euch ins Privatleben zurück! Geh in ein Kloster, Ophelia! In ein Kloster! Geh! ...«

Und dann sang er wieder ganz schwermütig unter tief aus der Brust emporgeholten Seufzern:

»Scheint die Sonne noch so schön.
Einmal muß sie untergehn!«

Fred machte sich bald von ihm los und begab sich in ein Kaffeehaus, um durch eine Tasse Schwarzen seine ermatteten Sinne anzuregen. Kaum hatte er sich niedergelassen, so näherte sich ein eleganter Herr in Zylinderhut und schwarzem Taillenrock und bat, an seinem Tische Platz nehmen zu dürfen.

»Sie kennen mich wohl nicht mehr, Herr Leodolter? Mein Name ist Pluderer – früher Leibjäger des Freiherrn von Auenwald, gegenwärtig Geheimagent der Staatspolizei.«

»So – der sind Sie?« sagte Fred, ohne sein Unbehagen zu verbergen. »Das angeblich liberale Ministerium Pillersdorf braucht also auch Naderer? Wieder ein Berührungspunkt mit dem System Metternich!«

»Solange die Menschen nicht Engel und die Minister nicht Erzengel sind ... Ein glücklicher Zufall übrigens, daß ich Sie hier treffe, ich suchte Sie schon auf der Aula.«

»Haben Sie den Auftrag, meine Gesinnung auszuforschen, so sparen Sie sich die Mühe und sagen Sie Ihrem liberalen Auftraggeber: Wenn es nach mir geht, so werden Barrikaden gebaut, falls die Regierung es wagen sollte, die Legion zu maßregeln!«

»Wäre meine Mission eine politische, so hätte ich nicht meine Karten vor Ihnen aufgedeckt, das können Sie sich denken. Ich bin geradezu auf Ihren eigenen Auftrag in Bewegung gesetzt worden und stehe gewissermaßen in Ihrem persönlichen Dienst.«

»Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich näher erklären wollten.« »Es handelt sich um die Tochter des Rentmeisters Ensbrunner auf Schloß Auenwald. Das Studentenkomitee hat auf Ihr Betreiben Nachforschungen über den Verbleib der jungen Dame einleiten lassen.«

»Ist ihr etwas zugestoßen?« fragte Fred rasch.

Ein gemeines Lächeln spielte um die Lippen des Polizisten.

»Beruhigen sie sich, sie hat sich nichts angetan! Vermutlich wird sie auch nicht spröde sein, wenn Sie mit Weibern umzugehen wissen. Der Leutnant hat sie verlassen, sie ist, sagen wir Strohwitwe.«

»Mäßigen Sie Ihre unflätige Zunge, Herr!« sagte Fred entrüstet. »Das Mädchen war meine Jugendgespielin, und das Interesse, das ich an ihr nehme, sucht kein anderes Ziel, als sie vor weiterem Unglück zu bewahren. Sobald Sie mir ihre Adresse angegeben haben, werden Sie Ihre Mission als beendet betrachten dürfen.«

»Die Adresse will ich Ihnen gerne geben«, versetzte Pluderer und schrieb sie auf ein Zettelchen. »Damit ist meine amtliche Aufgabe allerdings erledigt. Auf die privaten Informationen, die ich Ihnen über die Angelegenheit geben konnte, scheinen Sie keinen Anspruch zu machen.«

»Welcher Art könnten diese Informationen sein?«

»Nun – es könnte doch sein, daß es Ihnen zum Beispiel wünschenswert wäre zu erfahren, warum der Leutnant das Mädchen verlassen hat, obgleich er verliebt war und sie heiraten wollte.«

»Er fügte sich dem Wunsche seines Vaters.«

»Da kennen Sie die Verliebten im Allgemeinen ebenso schlecht wie den Leutnant im Besondern.«

»Und die pekuniäre Abhängigkeit? Es läßt sich leicht begreifen, daß der Leutnant von seiner Gage nicht leben kann.«

»Für einen Baron und Offizier gibt es genug gefällige Juden.«

»Das ist richtig. Also –?«

»Die Informationen sind, wie erwähnt, mein Privateigentum. Ich habe Zeit, Mühe und Kosten aufwenden müssen, sie zu erlangen, rund wenigstens hundert Gulden.«

Fred erhob sich, suchte den Kaffeesieder auf, der mit Edi Leodolter jeden Abend ein paar Stunden lang Préférence zu spielen pflegte, und redete mit ihm. Nach wenigen Minuten kehrte er zurück und legte hundert Gulden auf das Tischchen, die Pluderer ruhig in sein Portefeuille schob.

»Eigentlich sind es nur fünf Wörter,« sagte er, »die das Rätsel lösen. Jedes Wort unter Brüdern hundert Gulden wert. Ich mache Ihnen einen Vorzugspreis und lasse Ihnen alle fünf um diesen Betrag. Anna ist nicht Ensbrunners Tochter.«

Fred stützte den Kopf in die Hand und dachte nach. Die Zusammenhänge waren ihm nicht sofort deutlich.

»Da der Rentmeister nicht ihr Vater ist,« sagte Pluderer, »so muß ein anderer es sein. Verstehen Sie?«

»Der Freiherr? Entsetzlich!«

»Mit diesem Dietrich öffnen Sie alle Schlösser.«

»Besitzen Sie Beweise?«

»Ich habe in dem Pfarramt, in das Schloß Auenwald eingepfarrt ist, selbst das Geburtsregisterblatt in der Hand gehalten, das den Beweis liefert, und das später durch ein gefälschtes ersetzt wurde. Anna war die Tochter einer Magd, der der Freiherr solange Alimente zahlte, bis sie starb und das Kind vom Rentmeister adoptiert wurde.«

»Entsetzlich –!« wiederholt« Fred. »Und Anna? Sie weiß doch nicht –?«

»Nein. Sie tut ihrem Geliebten Unrecht und ist überzeugt, die unüberwindlichen Standesvorurteile seines Vaters hätten ihn bestimmt, sie treulos zu verlassen.«

»Das war bis zu diesem Augenblick auch meine Erklärung,« sagte Fred. –

Es war, als ob sich jetzt plötzlich alles vereinigen wollte, seinen Glauben an seine Sendung als Freiheitsheld zu erschüttern. Die Bürgerschaft, sogar die fortschrittlich gesinnte Bürgerschaft, fühlte sich durch die Aula nicht befreit, sondern bedrückt, der Kaiser wendete sich mit einer strengen und bekümmerten Gebärde von ihr ab wie von einem geliebten, aber irregeleiteten Kinde, das Zentralkomitee verlor das Vertrauen in seine eigene Daseinsberechtigung und beging Selbstmord. Und nun vertrocknete auch die Wurzel, aus der er seinen Haß gegen die bevorrechteten Stände gesogen hatte: Nicht der Leutnant, der Anna liebte und sie ehrlich zu seiner Frau hatte machen wollen, trug im letzten Grund Schuld an des Mädchens Unglück, und nicht die Standesvorurteile des Freiherrn stießen sie in die Einsamkeit und das Elend, das ihrer harrte – ein düsteres, schier unabwendbares Schicksal, dessen Grausamkeit in keinem Verhältnis zu der menschlichen Schuld der Beteiligten stand, hing wie in einer strengen griechischen Tragödie über ihren schwer getroffenen Häuptern ...

Er verzichtete darauf, Anna aufzusuchen. Was konnte er ihr helfen? Was hätte er ihr sagen sollen? Und wenn sie ihn aufrichtig um seinen Rat gefragt hätte, was hätte er ihr sagen müssen? Die Donau war tief, schon manches unheilbare Mißgeschick hatten ihre Fluten verschlungen. Er fürchtete jetzt Annas Nähe, er fürchtete die leidenschaftliche Verzweiflung seiner Zunge. Und wenn es ihm auch gelungen wäre, sich im Zaum zu halten, lieber mied er von vornherein die Gefahr, daß sie aus seiner dumpfen Trostlosigkeit ein Geheimnis hätte erschließen können, das ihr für immer verborgen bleiben mußte. –

Für den späten Nachmittag war eine allgemeine Versammlung auf der Aula angesagt. Die Atmosphäre, die auf der ganzen Stadt lastete, bedrückte auch hier die Gemüter, Dem Sinn der einzelnen Reden zu folgen, fühlte sich Fred außer stande. Aber er begriff den grollenden Grundton, der durch das ganze tobende Chaos hindurchklang: Entmutigung! Wie zerschlagen an Leib und Seele wankte er spät am Abend aus dem Saale ...

»Laßt uns sogleich zur Ruhe gehen!« mahnte Sturz, »Morgen vor Sonnenaufgang müssen wir mit frischen Kräften wieder auf den Beinen sein.«

»Was wollen die Herren so früh aufstehen?« fragte Mießrigel. »Liest der Pater Füster eine Seelenmesse zum frommen Gedächtnis der akademischen Legion?«

»Der Kleinmut, der nun auch in unsere Reihen einzuziehen beginnt,« versetzte Sturz, »kann mich in meiner Pflicht nicht wanken machen. Es ist für morgen früh vier Uhr Legions-Exerzitium im Stadtgraben angesagt. Ich werde bewaffnet zur Stelle sein.«

»Komm mit, Fred! Gehst du heim?« fragte Mießrigel.

»Es lohnt nicht die Mühe, ich übernachte gleich in der Aula. Auch ich werde zur festgesetzten Stunde bewaffnet zur Stelle sein. Gute Nacht!«

»Komm mir nur den Flügeln der Windmühlen nicht zu nahe, Bruderherz!« sagte Mießrigel und entfernte sich allein. Man hörte ihn gefühlvoll durch die hallende Gasse singen:

»Scheint die Sonne noch so schön,
Einmal muß sie untergehn ...«

Es war dieselbe Nacht, in der Petz auf der Himmelswiese den schweren Anfall von Krankheit erlitt. Als ob eine Ahnung in ihm gewesen wäre, so dachte Fred in den langen Stunden, da er sich schlaflos auf seiner Strohschütte hin und her warf, an seinen Vater. Und dieselbe Frage, mit der Petz sich gequält hatte, marterte auch ihn: War das nun die Freiheit? ...

Als er in der kühlen, schattigen Frühluft gegen das Stubentor eilte, um sich rechtzeitig bei seiner Abteilung im Stadtgraben einzufinden, sah er bewaffnete Legionäre die Dominikanerbastei herunter laufen. Tauß, der sich unter ihnen befand, hielt ein von einer Mauer herabgerissenes Plakat in der Hand, das wie eine Fahne im Morgenwind wehte.

»Die Legion ist aufgelöst! Die Waffen sind abzuliefern! So stiehlt man uns unsere verbrieften Rechte! Komm mit, Leodolter! Eilen wir auf die Aula!«

Aus dem Stadtgraben liefen die alarmierten Studenten zusammen.

»Die Universität soll geschlossen werden? Das Polytechnikum und die Akademie – geschlossen?«

»Mundtod wollen sie uns machen! Das können wir uns nicht bieten lassen! Heute erst beginnt die wahre Revolution!«

»Die Regierung hat uns das Wort gebrochen! Sie muß von der Bildfläche verschwinden! Wir oder sie! Auf die Aula! Auf die Aula!«

Fred wurde mitgerissen. Es war ihm fast die Empfindung für diese Dinge abhanden gekommen. Aber die Kommilitonen nahmen ihn in ihre Mitte. Mit klirrenden Waffen die Wollzeile hinaufeilend stimmten sie das Fuchsenlied an:

»Was kommt dort von der Höh',
Was kommt dort von der Höh',
Was kommt dort von der ledernen Höh',
Ça, Ça, ledernen Höh',
Was kommt dort von der Höh'? ... «

Auf dem Universitätsplatz gab es schon lebendiges Treiben. In allen Kasernen stehe das Militär mit Sack und Pack bereit, hieß es.

»Kinder, jetzt wird es Ernst!« sagte Sturz. »Wenn wir heute den Kürzeren ziehen, so schreibt morgen Österreich wieder den zwölften März!«

An den Toren des Universitätsgebäudes arbeiteten bereits Studenten, sie mit herbeigeschleppten Schulbänken zu verrammeln. Andere führten in Schubkarren Straßenschotter herbei und schichteten Haufen davon in den oberen Stockwerken, um sie im Notfalle als Wurfgeschosse zu verwenden. Beständig hörte man Fenster klirren, die zerschlagen wurden, um aus der Bleifassung der Verglasung Kugeln zu gießen. Einige Legionäre führten aus einer nahen Reitschule gesattelte Pferde herbei. Die verläßlichen Abteilungen der Nationalgarde und die Proletarier, die von der Regierung bei den Dammbauten an der Donau beschäftigt wurden, sollten verständigt werden. Nach allen Seiten sprengten die Boten davon. Da scholl schon Trommelwirbel vom Lugeck her durch die beiden Bäckerstraßen, die jetzt März- und Studentenstraße hießen. Die weißen Waffenröcke der heranmarschierenden Soldaten leuchteten in der Morgensonne, und die Bajonette blitzten.

Es war Fred das alles wie ein Traum. Ging es jetzt wieder um die Freiheit? Um wessen Freiheit eigentlich? Fühlte die arbeitende Bürgerschaft, das eigentliche Volk, sich nicht frei genug? Wollte sie noch eine andere Freiheit, als die sie besaß? Oder handelte es sich bloß um die Freiheit der Legion? Die Legion allerdings, die war in ihrem Bestande bedroht – was tat es, wenn niemand die Legion mehr wollte und niemand die Freiheit, die sie meinte? Vielleicht hatte sie ihre Aufgabe erfüllt und täte besser sich freiwillig aufzulösen, wie das Zentralkomitee sich aufgelöst hatte, in dem doch viele reife Männer und wackere Bürger saßen! Nur um den Bestand der Legion kämpfen – war das die Freiheit? Und was mühten die Menschen sich überhaupt um die Freiheit, wenn ein ehernes Schicksal über ihnen schwebte, gegen das sie ohnmächtig waren? Wenn das reinste Gefühl der ersten jugendlichen Neigung in der ahnungslosen Brust zerschlagen werden konnte, wie es ihm zerschlagen worden war? Wenn die blühende Mädchenliebe, die Anna zu ihrem Liebsten gezogen hatte, zur schuldlosen Schuld werden und in Blutschande ersticken konnte? Wie hinfällig blieb doch das Ringen der Menschen untereinander, da sie schließlich allsamt unter den klirrenden Sohlen jener unfaßbaren Riesenmacht zertreten wurden, die achtlos und wahllos über sie hinwegschritt! ...

Und wie im Halbschlummer hörte er das Sturmglockenläuten von den Türmen der Universitätskirche und das Rufen der Alarmtrommeln durch die angrenzenden Straßen ... Hörte, wie Pater Füster von den Kirchenstufen herunter die Studenten zu erneutem Kampfe aufstachelte, sie als Helden feierte und ihnen unvergänglichen Lorbeer verhieß ... Hörte, wie Mießrigel, der unversehens wieder neben ihm stand, in seiner trockenen Art sagte: »Ich habe ihm Unrecht getan, er wird nicht im Exil und nicht an der hänfenen Halsbinde sterben – er wird im runden TurmIrrenhaus. an Größenwahn zugrunde gehen und sich einbilden, er sei ein Student ...«

Und dann sah er wieder, wie sich ganze Scharen von Proletariern auf den Universitätsplatz ergossen, mit Krampen und Schaufeln beladen, und wie sie das Pflaster aufrissen, wie Bänke, Katheder, Schränke und Kisten aus den Gebäuden geschleppt wurden und Barrikaden sich gegen die März- und Studentenstraße, gegen die Schönlaternstraße und gegen die Wollzeile zu türmen begannen.

Viel später, es mochte schon gegen Mittag gehen, forderte Tauß ihn auf, sich ihm anzuschließen. Er war ganz willenlos geworden und tat, was man ihn zu tun hieß. Sie begaben sich auf einen Rundgang durch die Straßen und mußten überall über Barrikaden klettern, die größtenteils von Proletariern besetzt gehalten wurden. Das ganze Stubenviertel war verbaut, vom Graben und hohen Markt bis an die Biber-, Dominikaner- und Stubentorbastei. Ein schier unbezwingbares Kriegslager, mit hundert mächtigen Steinriegeln verriegelt. Wozu? Gegen wen? Das Militär hatte sich zurückgezogen, kein Schuß war gefallen in der ganzen Stadt.

An der Barrikade, die die Bischofsgasse gegen den Stefansplatz absperrte, trafen sie Ladurner und Sturz. Die bemerkten ironisch, der Kriegsminister Latour sei ein ebenso seelenguter Mensch wie der Kaiser selbst: Auf die Wiener lasse er nicht schießen. Weil nämlich die Garnison zu schwach sei und die Soldaten an vielen Punkten den Gehorsam verweigert hätten; denn die wüßten ihre Brüder und Verwandten unter den Proletariern.

»Das Guetsein ischt leicht,« sagte Ladurner, »wenn einem zum Wauwauspielen der Schürhaken fehlt.«

Die Barrikade, die sich an den bischöflichen Palast anlehnte, reichte fast bis zum zweiten Stockwerk; oben wehte eine blutrote Fahne in der Mitte, und rechts und links daneben flatterten die Farben aller österreichischen Nationen. Uniformierte Garden, Proletarier und Studentenlegionäre lagerten an ihrem Fuße, und auch Weiber und Mädchen saßen unter ihnen, denen es an Liebkosungen nicht fehlte. Fleißig kreisten die Becher, und aus dem bischöflichen Keller wurden Weinfässer heraufgerollt. Angewidert wendete Fred sich ab: »Gehen wir! Gehen wir!«

»Sie, junger Herr, Sie gefallen mir!« rief eine Dirne ihn an. »Seien Sie auch ein bissel fesch, es ist nicht alle Tage Kirtag!«

Ein Legionär, der den Arm um ihre Mitte geschlungen hatte, schlug sie auf den Mund: »Hast mit einem noch nicht genug? Duan, beschwipste!«

»Was geht dich das an?« rief sie mit lallender Zunge; »ich bin für die Freiheit! Ich belohne einen jeden, der einen deutschen Hut auf hat, wenn ich verscharmeriert in ihn bin!«

»Fort! Fort von hier! Gehen wir!« flehte Fred zu seinen Gefährten.

Am Nachmittag wurde er auf die große Barrikade kommandiert, die quer über den Stefansplatz gezogen war, vom Dome selbst bis zum Konsistorialgebäude hinüber. Das Ministerium hatte längst gedruckte Kundmachungen verteilen lassen: Die Auflösung der Legion sei zurückgenommen! Es nützte nichts, die Barrikaden standen nun einmal da. Bald darauf kam die Butter aufs Brot: Die Errungenschaften vom fünfzehnten Mai wurden neuerdings garantiert ... Die Studenten lachten: Es gab doch nichts Besseres für die Freiheit als so eine Handvoll Pflastersteine! Nun ließ auch die Wurst nicht länger auf sich warten: Das Ministerium versprach hoch und teuer, den Proletariern regelmäßige Arbeit und dauernden Verdienst zu garantieren ... Jetzt lachten die Proletarier: Bezahlt wollten sie überdies noch sein für das Abtragen der Barrikaden, eher rührten sie keinen Finger. Es ruhte sich gar nicht schlecht im Schatten dieser Straßenburgen. Mißmutig saß Fred auf den inneren Stufen seiner Barrikade. Es mußte doch jede Bewegung Sinn und Ziel haben! Was konnte die Regierung jetzt noch bewilligen? War das noch ein Kampf um die Freiheit? Nur die Disziplin hielt ihn fest, daß er seinen Posten nicht verließ. Eine Ernüchterung war über ihn gekommen wie damals in seinen Knabenjahren, da er Adler, Gemsen, Steinböcke und Antilopen zu jagen glaubte und Poldi ihm ganz trocken gesagt hatte, daß es Kerfen waren, die sie auf Nadeln spießten.

Die Stadt belebte sich immer mehr, es strömten Leute aus allen Vorstädten zusammen, die unblutigen Barrikaden zu besichtigen, geradeso wie man am Charfreitag Gräber besuchen geht. Die Proletarier hatten zu tun, den Damen und Herrn die Hand zu reichen und sie über die Bretter zu geleiten, die man als Brücken gelegt hatte. Die Trinkgelder flossen reichlich, der Freiheitskampf wurde zur ergiebigen Einnahmsquelle. Fred schüttelte der Ekel. Die Proletarier und auch die meisten Legionäre schienen sich in ihrer Rolle als müßige Freiheitshelden nicht übel zu gefallen. In ihm aber war nur ein Gedanke: »Fort von hier! Fort!«

Da stand eine Gestalt vor ihm und reichte ihm die Hand hin.

»Anna! Du hier! In solcher Umgebung!«

Sie setzte sich neben ihn auf die Steine. Ihr Blick glitt den Turm von St. Stephan hinauf, der sich schon in leichte Dämmerung zu hüllen begann. Beinahe zu Füßen der schwindelnd hohen, steil in den Himmel stürzenden Pyramide saßen sie ...

»Wie oft haben wir von der Himmelswiese auf ihn hinabgesehen!« sagte Anna.

»Wie oft! Und waren froh dabei und frei, wie Kinder sind!«

»Du träumtest von Heldentaten!«

»Und du –? Vom Glück?«

»Und von der Liebe. Dein Traum hat sich erfüllt.«

»Können Träume in Erfüllung gehen?«

»Du bist ein Held der Freiheit geworden!«

»Die Wirklichkeit ist hart und häßlich. Der edelste Kampf befleckt, der glänzendste Sieg bleibt eine Niederlage des Herzens!«

»Und die Freiheit?« »Ach, sie wohnt nur, wie der Dichter sagt, im Reich der Träume, und das Schöne blüht nur im Gesang ... Laß uns von dir sprechen, Anna!«

»Was bin ich dir?« sagte sie hart; »was bist du mir?«

»Was du mir bist, will ich dir sagen. Eine helle Gestalt aus dem Lande, wo das Erträumte noch nicht Wirklichkeit war, aus dem Land der Sehnsucht, aus meiner Kindheit. Darum ist dir auch ein Platz in meinem Herzen aufbewahrt, eine geheiligte Stätte der Freundschaft, zu der du flüchten kannst und sollst, so oft dir danach zumute ist. Ich kenne dein Unglück, und weiß, was geschehen ist. Was soll nun weiter mit dir werden?«

Anna hatte ihr Gesicht in den Händen verborgen und weinte still vor sich hin.

»Du bist gut, Fred, und ich danke dir,« sagte sie endlich ihre Tränen trocknend. »Aber in mir ist nichts mehr, das blüht, nichts als Bitterkeit und Haß. Verraten, im Stich gelassen, zertreten, um elender Standesvorurteile willen!«

Fred mußte schweigen, er konnte den Leutnant nicht in Schutz nehmen.

»Ein Mädchen aus dem Volk,« sagte sie, »das seinen Blick zu hoch erhob! Eine Gefallene, die man ihrem Schicksal überläßt! Warum lebe ich noch? Ich wüßt' es nicht, wenn nicht das eine wäre ... «

»Du denkst an deinen Vater?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Wir sind einander niemals nahe gewesen ... Aber die Freiheit braucht Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben; in ihren Dienst will ich mich stellen! Ich werde für die wahre Freiheit kämpfen, für Gleichheit und Brüderlichkeit! Ich werde kämpfen gegen die Hohen und Stolzen, gegen die Übermütigen und gegen die Hartherzigen – und diesem Kampf zulieb werde ich leben.«

»Ein neues Lebensziel für dich,« sagte er gepreßt; »ein neuer Lebenszweck ... Aber was ist ein Leben, Anna, das seine Kraft aus dem Hasse zieht?«

»Auch aus der Liebe!« sagte sie flammend. »Ich liebe das gemeine Volk, die Armen und Rechtlosen, ich liebe die Darbenden und Hungernden, die Verzweifelnden und die Verachteten. Ich fühle mich eins mit ihnen, ich werde von meiner schwachen Hände Arbeit leben und selbst eine Proletarierin sein. Zu den ehrlich Unzufriedenen will ich gehören, die eine neue Ordnung ersehnen, zu den Entschlossenen, die auf die Zukunft hoffen. Seite an Seite mit ihnen werde ich für die Enterbten und Ausgestoßenen kämpfen! Ich werde mithelfen eine neue Zeit heraufzuführen, wo der Wert des Menschen nicht mehr nach Besitz und Titel geschätzt wird und die Rechte des Herzens nicht mehr einem hohlen Götzen geopfert zu werden brauchen.«

Auf der Höhe der Barrikade war zwischen schwarz-gelben und schwarz-rot-goldenen Fahnen ein Bild des Kaisers angebracht. Bunte Lämpchen umgaben es, die wurden jetzt angezündet, ganz festlich sah es aus. Studenten und Proletarier stimmten das rasch volkstümlich gewordene Barrikadenlied an:

»Es will das Volk sein gutes Recht
Erbetteln nicht als Gnaden,
Das Voll versteht zu betteln schlecht.
Es holt sein Recht sich im Gefecht
Hoch auf den Barrikaden!

Du Natternbrut, die Österreich
Gebracht zu Schimpf und Schaden,
Fort Adelstrotz und Pfaffenreich,
Wir halten heut' Gericht mit euch
Hoch auf den Barrikaden!

Mit Gott für Freiheit, Recht und Licht!
Auf, Brüder, laßt uns laden!
Ein Schuft, wer heut' sein Wort uns bricht,
Nicht ehrlich für die Freiheit ficht
Hoch auf den Barrikaden!«

Ein bitteres Lachen schwebte auf Freds Lippen: »Mit Gott für Freiheit, Recht und Licht!« ... Er sah Dirnen mit Proletariern und Studenten hinter die Tore der nächst gelegenen Häuser schleichen ... Niedrigkeit! Habgier! Völlerei und Unzucht! Alles unter dem Banner der Freiheit! Das Satyrspiel, das der reinen und begeisterten Tragödie der Märztage auf dem Fuße folgte ...

»Zum gemeinen Volke willst du hinabsteigen, Anna,« sagte er, »und dich selbst freiwillig ins Proletariat hinunterstoßen? Sie werden die wahre Freiheit nie erkämpfen, es fehlt ihnen an Zucht und Ordnung, sie haben keine Ideale und keinen Gott!«

Sie sah ihn von der Seite an.

»Bourgeois!« Es kletterte jemand die Barrikade herüber. Die Arbeiter legten ihm Bretter und halfen ihm. Als er niederstieg, erkannte Fred, daß es Ohm Schinackel war, der ihn zu sich winkte.

»Ich bin auf der Suche nach dir, Fred! Der Vater ist recht krank! Eile dich!«

»Der Vater? Der gute Vater!«

Seine Augen füllten sich mit Tränen. O, wenn er ihn nur noch am Leben traf, daß er ihm ... daß er ihm Liebe erweisen konnte! Denn immer ist es so und an jedem Sterbebett fühlen wir es: Daß wir mehr Liebe hätten erweisen können!

*

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