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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 33
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
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In dem wogenden Blütenmeer, das sich jetzt vom Himmelhaus bis hinüber nach Schloß Auenwald ausdehnte, gab es jeden Morgen Freikonzert. Vor Tagesgrauen fing es an, um vier spätestens, und war vorüber, wenn die Menschen aufwachten. Nur der Muschir, dem Doktor Patzenhauer geraten hatte, auch des Nachts die milde reine Landluft durch die Fenster streichen zu lassen, hörte es und lag andächtig lauschend mit offenen Augen, wenn der Jubelchor der Drosseln, Finken, Meisen und Pirole einsetzte.

Fast war es ein wenig zu viel, daß jeder Morgen mit Gesang anhub, unter der Woche hätte er lieber seine Jacquards klappern hören; es kam ihm vor, als sei immer Sonntag, und er fühlte sich überflüssig auf der Welt. Die Sehnsucht nach Arbeit zehrte an ihm und hätte ihn aufgezehrt, hätte ihr das Ruhebedürfnis des hinfälligen Körpers nicht das Gegengewicht gehalten. Er spürte, daß er noch nicht fähig war, etwas zu leisten; das machte ihm die Untätigkeit erträglicher. Auch zu seinem Verstande hatte er noch kein rechtes Zutrauen wieder fassen können. Es kam vor, daß er sich in den Zimmern des Himmelhauses nicht zurechtzufinden vermochte, weil er im »Goldenen Stuck« am Platzel zu sein glaubte. Oder er sprach von alten Bekannten wie von Lebenden und mußte erst darauf aufmerksam gemacht werden, daß sie längst gestorben waren. Dann verstummte er wie beschämt und wurde rot wie ein ertappter Schuljunge. Er gewöhnte sich an, zögernd und mit einer gewissen Vorsicht zu sprechen. Das gab seinem ganzen Wesen eine veränderte Färbung.

»Die Stille, die jetzt um ihn ist, macht mir bange,« sagte Bethi. »So wie wenn eine Mühle nicht mehr lärmt, geradeso unheimlich ist es.«

Sephine versuchte manchmal absichtlich, ihn durch eine hochrote politische Äußerung zu reizen, nur um ihn sagen zu hören: »Das sind Extremitäten«. Aber er tat ihr nicht den Gefallen, ließ alles gelten und sagte höchstens: »Vielleicht geht es auf diese Art; ich trau' mir nichts zu sagen, mir ist alles mißlungen ... «

Übrigens war Patzenhauer nicht unzufrieden mit ihm und tröstete, es würde sich schon wieder machen. »Man muß nur dem Mesmerismus Zeit lassen, sich neu zu kristallisieren. Denn die Krankheit ist eine magnetische Kraft und die Gesundheit auch, nur daß die eine negativ ist und die andere positiv. Darum vertragen sie sich nicht miteinander, und erst wenn die Krankheit aus dem Körper ausströmt und ins Weltall abfließt, kann der Mesmerismus der Gesundheit wieder Wurzel schlagen. Im Grunde genommen ist es genau so wie in der Politik; denn alle Dinge hängen miteinander zusammen auf dieser Erde. Absolutismus und Freiheit ist beides nichts anderes als Magnetismus, negativ und positiv, darum der Haß, der zwischen ihnen besteht. Der Metternich ist gestürzt, jetzt haben wir das Chaos. Der gesunde Volksmesmerismus muß sich erst entsprechend kristallisieren, vorderhand brodelt er noch und wirft Blasen. Ein solches Kristallisationsprodukt wäre im Staatsleben eine wahrhaft freiheitliche und dabei doch starke Regierung; im Dasein des Einzelnen entspricht dem der Wille zu einem neuen, gereifteren und einsichtsvolleren Leben.«

Unter den Schwestern war es besonders Bethi, die sich Patzenhauers Lehrgebäude gegenüber etwas zweiflerisch verhielt. Michella hingegen, die niemals krank gewesen war, hörte ihm gerne zu und freute sich, daß er die dunkelsten Geheimnisse der Natur so klar und reinlich auseinanderzulegen verstehe. Wo der negative Krankheitsmagnetismus eigentlich hinkomme, wenn er aus dem Körper ausgeströmt sei, wollte sie jetzt wissen; und ob der Nordpol oder der Südpol der Erde der positive sei?

»Beide Pole sind negativ,« erklärte der alte Herr; »von Eis und Schnee starrend, ertöten sie alles Leben. Der positive Magnetismus hingegen sammelt sich unter der Sonnenwärme um den Äquator herum und strahlt von da in die Welt der Lebewesen, und zwar um so intensiver, je näher sie dem Äquator wohnen. Man sieht es schon daraus, daß Löwen, Tiger und ähnliche tropische Tiere die größte Sprungkraft in sich haben.«

»Aber die Eisbären,« meinte Bethi, »besitzen doch auch eine ansehnliche Stärke?«

»Springen wie die Löwen und Tiger können sie doch nicht,« versetzte Patzenhauer. Er fühlte aber selbst, daß das Argument schwach war und wurde nachdenklich. »Bekanntlich bestätigen Ausnahmen nur die Regel,« sagte er endlich; »wir dürfen nicht vergessen, daß die Eisbären höchstwahrscheinlich von Haus aus braune oder schwarze Bären gewesen sind, die irgend ein Unstern aus ihren angestammten Wohnsitzen verdrängt und in jene unwirtlichen Gegenden verschlagen hat. Da erbt sich dann noch eine Zeitlang der ursprüngliche Magnetismus fort; aber die Sorge um ihren kargen Lebensunterhalt und die weite Entfernung von der Sonnenwärme, der Quelle alles Lebens, hat ihr Fell bereits weiß gemacht, was bekanntlich eine Alterserscheinung ist.«

»Und die Schimmel,« fragte Michella, nun gleichfalls in ihrem Glauben etwas wankend geworden; »woher haben die ihre weiße Farbe?«

»Bei den Schimmeln ist es wieder eine ganz andere Sache, wie es denn oft vorkommt, daß scheinbar gleiche Wirkungen ganz verschiedene Ursachen haben. Einen Fall dieser Art, der uns näher angeht als die ganze Naturgeschichte,« sagte er, geschickt zu einem anderen Thema überlenkend, »können vielleicht Sie mir aufklären, Demoiselle Leodolter? Nicht bloß der Herr Muschir ist krank, auch der Herr Petz, und der macht mir sogar größere Sorge. Er sieht geradezu zum Ängstigen aus, wie soll ich mir das deuten? Für ihn ist die Revolution doch kein Unglück gewesen, im Gegenteil, eine Erfüllung seiner Sehnsucht. Und doch scheint auf einmal sein Magnetismus nachzulassen?«

»Ich habe es selbst bemerkt, daß er angegriffen aussieht,« sagte Michella. »Die politischen Treibereien, die ewigen Beratungen und Versammlungen sind einfach zu anstrengend für ihn.«

»Mehr noch vermute ich die Ursache in dem Kummer, den er um Fred trägt,« sagte Bethi. »Denken Sie nur! Die kühnsten Hoffnungen seiner politischen Träume sind plötzlich erfüllt, er findet nichts mehr zu wünschen. Die Jugend dagegen bleibt unbefriedigt und läßt sich immer mehr in ein Fahrwasser drängen, das ihr und der jungen Freiheit gefährlich werden kann. Das muß ihn drücken, stell' ich mir vor. In seiner großdenkenden Art hielt er freies Gewährenlassen für das Naturgemäße, das schließlich von selbst zum richtigen Ziele führen würde. Und nun muß er mit ansehen, wie den Besonnenen die Zügel entgleiten, wie sogar sein eigener Sohn den roten Redensarten der Demagogen williger sein Ohr leiht, als der mahnenden Stimme des Vaters. Das kränkt ihn wahrscheinlich, und er gehört zu jenen Naturen, bei denen leicht eine Rückwirkung auf das Allgemeinbefinden eintritt, wenn sie sich etwas zu Herzen nehmen.«

»Sie werden auf der richtigen Fährte sein,« sagte Patzenhauer, »Jedenfalls möchte ich Ihnen raten: Tun Sie, was in Ihrer Macht steht, Ihren Herrn Bruder zu bewegen, daß er sich einige Zeit Erholung auf dem Land gönnt.«

Der Mai hatte sommerlich heiße Tage gebracht, die Fliederbüsche im Garten des Himmelhauses waren rasch verblüht, und der Jasmin erschloß seine wohlriechenden Blütenbecher früher, als er es sonst zu tun pflegte.

Der Gärtner Vogel sagte:

»Wenn der Becherlholler früh aufgeht,
Ist's für manche Jungfer schon zu spät,
Sie kann kein Kränzel mehr draus machen ...«

Und er dachte an die Rentmeisters-Anna, von der man allerhand redete.

Einige Zeit nach seinem Besuch bei dem Freiherrn von Auenwald war Fred aus dem Himmelhaus ins Schloß hinübergegangen, um den Rentmeister Ensbrunner aufzusuchen.

»Ich komme, um Ihnen offen zu sagen, daß ich es trotz Ihrer gegenteiligen Meinung für nötig gehalten habe, den Freiherrn in die bewußte Angelegenheit einzuweihen. Wenn ich Ihrem Wunsche nicht Rechnung trug, ihm das Vorgefallene geheimzuhalten, so bestimmte mich dazu die Hoffnung, Annas trauriges Schicksal dadurch zu verbessern. Nur eine Verehelichung mit dem Leutnant kann ihren Ruf retten und ihre Zukunft sichern. Ob es mir gelungen ist, die Zustimmung des Freiherrn zu dieser Heirat zu erwirken, muß ich allerdings fast bezweifeln.«

Er habe längst von Freds Unterredung mit dem Freiherrn Wind bekommen, versetzte der Rentmeister ziemlich ungehalten. Das sei auch überflüssig gewesen, daß einer sich einmischte, der nicht wissen könne, worum es sich eigentlich handle. Aber in gewissem Sinne habe die Intervention Freds schließlich doch ihren Zweck erfüllt, wenn auch in ganz anderem, als er sich träumen lasse. Denn nun seien die jungen Leute wenigstens von einander getrennt.

»Der Leutnant hat Anna im Stich gelassen?« rief Fred empört.

»Es ist ihm nichts anderes übrig geblieben. Der Freiherr hat seine Verbindungen. Der Leutnant ist Knall und Fall nach Kroatien versetzt worden.«

Erregt fragte Fred nach Anna.

Das Mädel nehme sich die Sache natürlich zu Herzen, sagte Ensbrunner. Daß er nicht einmal Abschied von ihr genommen habe, das verletze sie am tiefsten.

»Der Elende!« rief Fred, die Faust ballend.

Der Rentmeister zuckte die Achsel.

»Was wollen Sie? Von seiner Gage kann der junge Baron Bela nicht leben. Der Freiherr hat ihn in seiner Hand. Er muß nach seiner Pfeife tanzen. Und der Freiherr war natürlich außer sich, ganz wie ich es vorausgesagt habe.«

»Annas wenigstens wird er sich doch angenommen haben? Wo ist Anna?«

»Das mag unser Herrgott wissen!«

»Sie wissen nicht einmal, wo sie sich aufhält?«

Und Ensbrunner berichtete, er wisse nur so viel, daß sie sich in Wien verborgen halte; vor ihm und vor dem Freiherrn. Weil sie viel zu stolz sei und nichts annehmen wolle. Mit Geld lasse sie sich nicht abfertigen, habe sie ihm geschrieben. Und ganz aufgebracht sei sie gegen ihn gewesen, weil er ihr geraten, das Geld zu nehmen. Denn der Freiherr habe ihr eine schöne Summe ausgesetzt, nur unter die Augen dürfe sie ihm nie wieder treten. In einem Kloster habe er sie unterbringen wollen und ihm aufs strengste untersagt, sie wieder zu sich zu nehmen, wenn er seinen Posten nicht verlieren wolle ...

»Sie werden unter diesen Umständen doch Ihren Posten selbst aufgeben und sich Ihrer Tochter annehmen?«

»Einen guten Posten gibt man so leicht nicht auf.«

»Wenn es sich um das eigene Kind handelt?«

»Was würde es meinem Kinde nützen, wenn ich auch noch in Not käme? In meinen Jahren findet man nicht leicht einen neuen Posten. Begreifen Sie das nicht?«

»Am allerwenigsten begreife ich,« sagte Fred hitzig, »warum Sie die Rechte Ihrer Tochter selbst preisgegeben haben und von vornherein mehr auf der Seite des Freiherrn als auf der des armen Mädchens zu stehen scheinen!«

Ensbrunner antwortete nicht darauf und ging nur mürrisch im Zimmer auf und nieder.

»Sie haben Verbindungen in Wien,« sagte er schließlich noch, »und die Polizei war ja sonst immer findig genug. Wenn Sie sie aufsuchen lassen könnten und ihr zureden wollten, daß sie vernünftig wird und das Geld doch annimmt?«

»Ich achte ihren Stolz,« versetzte Fred.

»Wenn sie sich aber ein Leid antäte?«

Da erschrak er und nahm sich vor, Nachforschungen nach ihr einleiten zu lassen ...

In den jubelnden Frühlingschor der Singvögel, der sich an jedem erwachenden Tage im Garten des Himmelhauses hören ließ, zwitscherte eines grauen Morgens das winzige Stimmchen eines neugeborenen Menschenkindes hinein. Frau Susann hatte der Welt einen kleinen Schinackel geschenkt.

»So einen Buben hab' ich noch nicht gesehen, das muß ein Amerikaner sein,« sagte Madam Rußwurm; »wiegt seine zehn Pfund und ist so fertig, daß ihm gerade nur der Schnurrhart fehlt. Wenn die Revolution noch eine Weile dauert, stecken sie ihn noch unter die Nationalgarden.«

»Gibt es denn schon wieder Revolution in der Stadt?« fragte Susann.

»Wissen Sie es gar nicht? Der Kaiser hat sogar die Flucht ergriffen, aus Angst, daß ihn die Marktweiber eines Tages aus der Burg herausholen könnten, wie es Louis Quatorze, dem Zwölften – oder war es der Dreizehnte? – vor hundert Jahren in Versailles passiert ist. In aller Stille, genau um Mitternacht, heißt es, ist er als Hoflakai verkleidet und mit einer schwarzen Maske vor dem Gesicht in einen sechsspännigen Reisewagen eingestiegen und so schnell als möglich auf und davon ins Tirol hinein, wo die Berge am höchsten sind und rundherum nichts als Gletscher.«

»Das war auch überflüssig, Madam Rußwurm, daß sie ihr das erzählen!« bemerkte Schinackel, der am Korbwagen saß und seinen Sprößling bewunderte. »Erstens ist das alles nur Tratsch, das mit der Maske und dem sechsspännigen Wagen und der Verkleidung als Hoflakai; und zweitens haben wir ihr die neu ausgebrochene Revolte und die Flucht des Kaisers aus Wien überhaupt verheimlichen wollen, damit sie nicht am End' vor Schreck zu früh niederkommt.«

»Na, na, na,« machte die Wehmutter beleidigt; »jetzt ist doch keine Gefahr mehr, daß sie zu früh niederkommen könnte?«

»Wegen einer Revolution komm' ich überhaupt nie zu früh nieder,« sagte Susann. »Vor einer Revolution fürcht' ich mich gar nicht, im Gegenteil, es ist immer interessant, davon zu hören ... Sehen Sie doch noch einmal genau nach, Madam Rußwurm, ob der Kleine nicht irgendwo ein rotes Abzeichen hat?«

»Was wollen Sie ewig mit Ihrem roten Abzeichen?« brummte die Madam unwirsch.

»Sie meint wahrscheinlich ein rotes Mal, ein Muttermal,« klärte Schinackel sie auf.

»Ich hab' ihn eh' schon von oben bis unten abgesucht, er ist so blank wie ein frisch gelegtes Ei.«

»Pfui Teuxel, sind Sie grauslich!« klagte die Wöchnerin; »als ob ich ein Hähndel wäre!«

»Warum soll denn aber auch das Kind durchaus ein rotes Mal haben?« fragte Schinackel ungeduldig.

»Im März,« sagte sie, »wie der Himmel über unserem Hof in der Roveranigasse ganz blutrot war vom Feuerschein, da hab' ich immer an die linke Wange des Kindes denken müssen. Und es wäre mir ganz recht gewesen, wenn es auf der linken Wange ein rotes Abzeichen bekommen hätte, kein zu großes freilich; daß man gleich hätte sehen können, daß es ein Kind aus dem Revolutionsjahr ist. Und irgendwo hat es auch bestimmt ein rotes Mal, wenn auch bloß ein winziges – haben Sie den Rücken schon angeschaut, Madam Rußwurm?«

Diese tat ihr endlich den Gefallen, das Kind noch einmal auf den Fatschtisch zu tragen und einer neuerlichen sorgfältigen Leibesvisitation zu unterziehen.

»Der junge Herr von Scheichenstuhl ist gänzlich unbemalt!« erklärte sie schließlich.

»Siehst du,« sagte Susann zu ihrem Gatten; »so war es also doch gut, daß ich die ganze Zeit nichts Gesalzenes genossen habe!«

Er sah zwar den Zusammenhang nicht ein, ließ ihr aber die Freude. Aus den Armen der Wehmutter nahm er das wieder reinlich eingefatschte Kind in Empfang und trug es ihr ans Bett.

»Willst du ihm einen Kuß geben?«

»Leg ihn ein bißel da neben mich!«

Sie schaute verliebt auf das winzige, rote, von einem Häubchen umrahmte Gesichtchen des Sprößlings nieder: »Gar so grauslich ist er nicht einmal! ... «

»Im Gegenteil,« versicherte Schinackel aus voller Überzeugung; »ich habe nie ein schöneres Kind gesehen!«

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