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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 31
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
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Fred stand auf dem Universitätsplatz und verschlang die neueste Nummer des »Freimütigen«, nicht ohne eine gewisse parteipolitische Genugtuung und doch mit einem Gefühl des tiefsten Abscheus. War denn das noch »Freimut«, und nicht vielmehr plumpe Roheit und Gemeinheit zu nennen, was aus diesem erst kürzlich gegründeten politischen Witzblatt geiferte? Und mußte es der guten Sache nicht eher schaden als nützen, wenn so anrüchige Bundesgenossen sich ihrer annahmen? Wohin würde man schließlich gelangen, wenn es so weiterging? Schon drohte der »Freimütige« dem Blatte, an dem Mießrigel mitarbeitete, der »Konstitution«, den Rang abzulaufen, nur weil er noch um einen Grad wilder und unverschämter war als dieses und ganz offen das Wort Börnes auf seine Fahne geschrieben hatte: »Hoch lebe die Lumperei!« ... Da klopfte ihn jemand auf die Schulter, und eine Stimme sagte: »Kennscht mi' noch?«

Er drehte sich herum und sah Ladurner vor sich stehen. »Sapperment noch einmal, siehst du aber martialisch aus!«

Die Mammutknochen des hünenhaften Menschen staken in einer funkelneuen Legionärsuniform. Der Waffenrock war dunkelblau, der umgeschlagene Hemdkragen oben darübergelegt, um die Mitte ein schwarzer Glanzgurt geschnallt, an dem das neu erfundene »deutsche Schwert« hing. Auf dem hohen, schmalen Gotenschädel saß kühn der federngeschmückte Stürmer mit dem Korps- und Kompagnieabzeichen und der schwarz-rot-goldenen Kokarde daneben.

»Wie kommst du zu der glanzvollen Kluft? Hast du einen Terno gemacht?«

»Sell ischt alles von dem Geld, das der Rothschild und der Sina geblutet haben. Eine ganze Juristenkompagnie ischt davon ausgerüstet worden, und gut zu essen und zu trinken kriegen wir auch noch. Das ischt eine Freiheit, die laß' ich m'r gefallen!«

»Jetzt weiß ich wenigstens, wo du die ganze Zeit her steckst,« sagte Fred: »Beim Schneider! Der Pillersdorf ist gestern auf der Aula gewesen und hat uns zugeredet, wir möchten zu den Studien zurückkehren. Er schlug vor, die beliebtesten Professoren sollten Kollegien über zeitgemäße Gegenstände ankündigen, über konstitutionelles Verfassungsrecht, Geschichte des englischen Parlaments und dergleichen mehr. Das wäre ja schön und gut, aber wer von uns hat jetzt Zeit, Vorlesungen zu hören?«

Die Studenten stünden im Dienst, bestätigte Ladurner; kein k. k. Beamter hätte so viel zu tun wie sie.

»Wenigstens wüßt' ich nicht,« meinte Fred, »was die vielen Bittsteller und Hilfsbedürftigen anfangen sollten, wenn sie die Aula gesperrt und uns in den Hörsälen fänden. Vorderhand können wir noch nicht an uns selbst denken, all' unsere Kräfte gehören der Allgemeinheit und dem öffentlichen Wohle. Das ist der Sinn der Freiheit: Keiner für sich, jeder für alle!«

Sturz war zu ihnen getreten. »Das hätte den Herrn Ministern freilich gepaßt, uns hinter die Schulbücher zu schicken, damit sie besser im Trüben fischen können!«

Ladurner lachte: »Sell will ich gern glauben, ein glatter Ochs tat' ihnen besser gefallen als ein stößiger Stier!«

»Eine schöne Verfassung wäre es, die da herauskäme,« sagte Sturz, »wenn ihnen das Studentenkomitee nicht ein bißchen auf die Finger schaute! ... Übrigens ist es Zeit, in die Sitzung zu gehen,« mahnte er, nach der Uhr blickend.

Das Studentenkomitee war aus den einzelnen Kompagnien der akademischen Legion gewählt, anfangs nur mit der Bestimmung, die Angelegenheiten der Universität zu ordnen. Aber allmählich hatte es sich zu einer Art von Nebenregierung aufgeschwungen, die in mancher Hinsicht einflußreicher war als das vom Kaiser berufene Ministerium. Es hielt sich für berechtigt, ja für verpflichtet, jede Äußerung und jeden Schritt der Regierung aufs strengste zu überwachen und ihr nicht bloß auf die Finger zu schauen, sondern sie auch, wenn es nottat, auf die Finger zu klopfen. Seine Macht wurzelte in der Presse, in der noch immer anwachsenden Not des Proletariats und im Vertrauen der gesamten Bevölkerung, die sich mit allen ihren Rechtshändeln, Wünschen und Beschwerden lieber an die rasch beliebt gewordenen Studenten wendete, als an die längst in Verruf geratene Bureaukratie. So war es gekommen, daß das Studentenkomitee ganz unversehens zur maßgebendsten Verwaltungs-, Justiz- und Regierungsbehörde nicht bloß für Wien, sondern für ganz Deutschösterreich geworden war. Seine Geschäfte häuften sich derart, daß bald die Notwendigkeit eintrat, Unterausschüsse zu bestellen. In einem dieser kleineren Senate, die es an Selbstbewußtsein nicht fehlen ließen, hatten auch die drei jungen Leute Sitz und Stimme, die sich jetzt in das Konviktsgebäude neben der Jesuitenkirche verfügten, wo in einem ehemaligen Hörsaal bereits eine Anzahl von Parteien darauf warteten, ihre Anliegen vorbringen zu dürfen.

Eine Abordnung beschäftigungsloser Arbeiter wurde vorgelassen. Sie beschwerten sich, die Erdarbeiten würden zu schlecht bezahlt. Es waren die Notstandsarbeiten, die die Regierung vornehmen ließ, um das herrschende Elend einigermaßen einzudämmen. Am Wiener-Neustädter Kanal, im Prater und an der Donau gab es solche Arbeitsplätze ... Aber von dem Hungerlohn könne niemand leben, sagten die Proletarier, und die Regierung verweigert eine Aufbesserung! Darum kamen sie zu den Studenten.

Allzuviel Zeit und Kopfzerbrechen forderte der Fall nicht. Die Studenten waren keine Bureaukraten, die erst hätten müssen »Erhebungen pflegen lassen«. Nein! Das lag auf der Hand, daß zwanzig Kreuzer für den Tag gerade genug zum Verhungern waren, da gab es gar nichts darüber zu reden! Sollte der Pillersdorf es nur einmal probieren, ob er von zwanzig Kreuzern leben könne! Und kurz und bündig entschied Sturz, der den Vorsitz führte, die Aula werde die Regierung veranlassen, einen höheren Taglohn zu zahlen.

»Ihr könnt euch darauf verlassen!« sagte er. Und mit einem »Hoch!« auf die Aula zogen die Proletarier ab.

Es wurden jetzt die Vertreter einer niederösterreichischen Waldbauerngemeinde hereingeführt, die mit ihrer Gutsherrschaft in einen langwierigen Rechtsstreit verwickelt war. Es handelte sich um Weideservitute, und der Gemeindevorsteher fing beinahe von Adam ab zu erzählen an und berichtete umständlich über die Entstehung des Streites, den bisherigen Verlauf der Sache und alle erflossenen Entscheidungen und ergriffenen Rekurse. Das war nun freilich im Handumdrehen nicht zu erledigen. Sturz versprach, daß eine Juristenkommission sich an Ort und Stelle begeben und sich der Sache annehmen werde. Ladurner wurde beordert, die nötigen Schritte einzuleiten. Fred erkundigte sich noch um den Namen des Richters, der den Handel offenbar verschleppen wolle, um der Gutsherrschaft gefällig zu sein.

»Wir wollen ihn inzwischen in die Zeitung setzen,« sagte er, »und ihm zu verstehen geben, daß die vormärzliche Justiz ausgeröchelt hat. Da wird er geschwind andere Saiten aufziehen.«

Nun trat ein einzelner Mann vor, und Fred erkannte ihn sogleich: Der Ensbrunner war es, Annas Vater, der Rentmeister auf Schloß Auenwald. Er legte seine Papiere vor, um sich zu legitimieren, Sturz fragte um sein Anliegen. Der stämmige Mann, der sonst fest in seinen Stiefeln stand, und ein wenig wie ein schlauer und verschlagener Förster aussah, schien befangen. Er kämmte mit den Fingern den angegrauten Bart: Jetzt, wo er da sei, werde es ihm schier ein bißel schwer, darüber zu reden ...

Fred streckte ihm die Hand über den Tisch und begrüßte ihn. Ob er etwas helfen könne?

»Das ist ja der junge Herr Leodolter!« sagte der Mann. »Sie werden Augen machen, junger Herr! Sie haben die Anna von Kindheit auf gekannt!«

»Gewiß! Wie geht es ihr?« fragte Fred, nichts Gutes ahnend.

Der Ensbrunner zuckte die Achsel.

»Hab' sie schon eine ganze Weile nicht gesehen. Deswegen bin ich eigentlich da ... «

»Wollen Sie uns Ihr Anliegen vorbringen,« mahnte Sturz. »Es warten noch eine Menge andere Leute draußen, denen wir helfen sollen.«

Stockend erzählte der Rentmeister, der Leutnant Baron Auenwald habe ihm das Mädchen entführt. Irgendwo in Wien lebe sie mit ihm. Aber einem kaiserlichen Offizier könne man nicht leicht an, darum wende er sich an die Aula ...

Und er erging sich in Versicherungen, daß Anna sonst ein braves Mädchen gewesen sei, und daß er sie streng erzogen habe, zum Gehorsam und zur Sitte – seine Schuld sei es nicht, daß jetzt so etwas vorkomme! Höchstens, daß er nicht mißtrauisch genug gewesen und an nichts Schlimmes gedacht hätte – denn jetzt nachträglich höre er freilich, daß der junge Baron Bela es schon lange mit dem Mädchen gehabt, woran er im Traum nicht gedacht haben würde, arglos wie er sei. Was könne er also dafür? Viel eher treffe den Freiherrn die Verantwortung, der seinem Sohn von je die Zügel viel zu locker gelassen! Aber der Freiherr wisse nichts von dem Unglück und dürfe es auch nicht erfahren ...

Bewegt horchte Fred auf. Er sah Anna vor sich, wie sie zum ersten Male drüben, jenseits des Mühlbaches stand, da sie beide noch Kinder gewesen. Er erinnerte sich, wie er ihr einen Zweig voll Pflaumen hinübergeworfen, und wie er und Poldi an das Mädchen ohne Hände aus dem Märchen gedacht hatten, als sie sich nicht bückte, die Pflaumen aufzuheben, und nur immer ihre Arme versteckt hielt. Und dann dachte er daran, wie er ins Wasser gesprungen war, und zum ersten Male der Zauber der Weiblichkeit sein junges Herz berührt hatte, da er neben ihr stand ... Was war inzwischen aus diesem Kinde geworden! Es tat ihm weh, sich zu erinnern, und doch kam ihm alles wieder, wie es damals gewesen –

Er mußte an die Himmelswiese denken, wo er und Poldi so oft in harmloser Wunschlosigkeit mit ihr zusammen gesessen hatten, während die Finken aus dem Buchenwald schlugen und über dem hochstehenden, blumendurchwirkten Grase die duftige Ferne sich auftat, mit den Türmen und Bastionen der Stadt und dem weiten, in Dunst und Nebel verschwimmenden Donaulande dahinter. Wie sie von Türken und Franzosen miteinander geredet hatten und von kommenden Kämpfen, bei denen er mithelfen würde, das Vaterland zu befreien ... Wie märchenhaft weit lag das nun alles zurück, verklärt durch die erfahrungsarmen Träumereien der Kindheit, und wie hart standen jetzt die Dinge im Licht der Wirklichkeit! –

»Erzählen Sie uns die näheren Umstände«, inquirierte Sturz. »Ihre Tochter ist entführt worden. Der Entführer ist ein kaiserlicher Offizier, wie Sie sagen. Das wird die Sachlage wesentlich erschweren. Immerhin wollen wir versuchen zu tun, was in unsern Kräften steht. Es wird sich darum handeln, bei der Militärbehörde durchzusetzen, daß der Verführer zur Verantwortung gezogen und dazu gezwungen wird, die Folgen seiner Handlungsweise auf sich zu nehmen. Er weigert sich natürlich, Ihre Tochter zu ehelichen?«

Nein, erklärte Ensbrunner, das sei gar nicht der Fall, die Anna habe ihm sogar geschrieben, daß der Leutnant sie zu heiraten gedenke, wenn auch insgeheim vorderhand, ohne Wissen des Freiherrn. Aber gerade das wolle er nicht, zurückhaben wolle er die Anna, in aller Stille, ehe der Freiherr von der ganzen Sache erfahre.

»Ich kann Sie nicht ganz verstehen,« sagte Sturz. »Wenn der Leutnant Ihre Tochter entführt hat, so wird es nicht ohne deren Einwilligung geschehen sein. Die einzige Sühne, die ich in solchem Fall kenne, wäre die nachfolgende Ehe. Ist der Entführer bereit, diese Ehe einzugehen, und sind Sie als Vater derjenige, der die Einwilligung verweigert, so fehlt uns jede Handhabe, gegen den Leutnant einzuschreiten.«

»Eine Heirat werde ich nie zugeben!« beteuerte der Rentmeister. »Ich kann sie nicht zugeben! Es darf nicht sein!«

»Und welche Gründe bestimmen Sie zu dieser Weigerung?«

»Es wäre nicht standesgemäß.«

»Mein Gott, seit dem dreizehnten März hat sich manches geändert; und schon früher sogar hat ein Erzherzog eine Postmeisterstochter geheiratet. Jedenfalls könnten Sie es der Gegenpartei überlassen, dieses Argument vorzubringen. Sie müssen andere Gründe dafür haben!«

Der Mann gab ausweichende Antworten, verwickelte sich in Widersprüche, man sah, daß er Ausflüchte gebrauchte, und gewann den Eindruck einer gewissen Hinterhältigkeit.

»Und ich erlaub' es halt nicht,« wiederholte er schließlich. »Ich will nichts als meine Tochter zurückhaben.«

»Hören Sie, Herr Ensbrunner,« nahm Fred das Wort; »mit Gewalt wird niemand Ihre Tochter und den Leutnant trennen, da die Liebe sie zusammenführte. Wäre es nicht doch möglich, daß Sie sich an den Freiherrn wendeten? Er ist ein rechtlich denkender Mann. Er wird seinem Sohne gegenüber nicht ganz einflußlos sein. Wenn er erfährt, daß Sie selbst einer Verehelichung widerstreben, so ist anzunehmen, daß Sie einen Helfer an ihm gewinnen.«

»Daran ist nicht zu denken!« wehrte Ensbrunner ab. »Der Freiherr darf unter keinen Umständen etwas erfahren, er wäre außer sich, ich würde meinen Posten verlieren!«

»Warum sollte der Freiherr außer sich sein?« fragte jetzt wieder Sturz. »In seinen Kreisen ist es eine alltägliche Sache, daß ein junger Mann mit einem Mädchen unter seinem Stande ein Verhältnis eingeht. Erzürnt könnte er höchstens sein, wenn Sie dem Leutnant eine nicht standesgemäße Ehe zumuten wollten. Da Sie aber darauf verzichten, ja seltsamerweise sogar erklären, eine Heirat auf keinen Fall zugeben zu wollen, so verstehe ich nicht, warum Sie ihn in die Angelegenheit nicht einweihen? Er würde Ihnen sicher behilflich sein, der Liebelei seines Sohnes ein Ende zu machen, und alles daran setzen, das Mädchen in Ihr Haus zurückzuführen. Da er ein Ehrenmann ist, ist auch anzunehmen, daß er Ihre Tochter wenigstens soweit schadlos hatten würde, als ein solches Geschehnis durch Geldmittel überhaupt zu reparieren ist.«

Es erregte einigermaßen Befremden, daß Ensbrunner dabei beharrte, der Freiherr dürfe nichts wissen, die Anna sei sein Mündel, er habe sich immer um sie bekümmert und sie fast wie eine Tochter vom Haus gehalten, so oft die Familie im Schloß weilte. Es wäre ihm ein zu großer Kummer, das Vorgefallene zu erfahren, und er, der Rentmeister, müßte es entgelten. Darum hätte er sich eben an die Aula gewendet, daß sie einen Druck auf den Leutnant ausübe, das Mädchen in aller Stille wieder heimzuschicken.

Das Tribunal befand sich in einiger Verlegenheit. Nach kurzer Beratung kam man zu der Überzeugung, daß in Anbetracht der seltsamen Nebenumstände keine Möglichkeit, aber auch kein Anlaß zum Einschreiten gegeben sei. Indessen wurde Fred, der in die näheren Verhältnisse eingeweiht sei, beauftragt, die Angelegenheit im Auge zu behalten und gegebenenfalls darüber zu berichten.

»Es wird geschehen, was möglich ist,« erklärte schließlich Sturz dem Rentmeister. »Die Sache war für uns nicht ohne Interesse. Wir sehen einen neuen Beweis darin, daß mit dem Übermut und der Leichtfertigkeit der adligen Offiziere aufgeräumt werden muß, eh' es die wahre Freiheit geben kann in Österreich!«

So wurde für die regierenden Studenten alles, was ihnen unterkam, zum Beweis dessen, was sie bewiesen sehen wollten. Und Sturz winkte, befriedigt von seinen Worten, dem bewaffneten Legionär, der an der Tür stand, die nächste Partei vorzulassen ...

Als Fred am Abend dieses Tages nachhause ging, waren Kopf und Herz ihm voll von all dem Elend und der Sorge, die ihm und seinen Kommilitonen während der langwierigen Sitzung aufgebürdet worden. Was gab es nicht alles für Kummer und Widerstreit in dieser Welt, und was hatten all diese Menschen früher getan, ihre Last loszuwerden und ihrer Not Hilfe zu schaffen, bevor die Aula in Tätigkeit getreten war, die menschlich und durch keine Paragraphe verengt, diesen menschlichen Seufzern ihr Ohr öffnete? Die schwachen Kräfte, das mußte er sich freilich eingestehen, reichten nicht aus, immer und überall zu bessern und zu lindern. Auch die Freiheit mit ihrer brüderlichen Liebe würde nicht imstande sein, alles Leid aus der Welt zu schaffen. Aber war es nicht schon ein Schritt nach vorwärts, in der Richtung gegen eine neue Menschenordnung, daß so viele bedrängte Herzen ihre Sehnsucht und ihre Klage vor jene Stelle trugen, wo sie die treuesten Anwälte der Freiheit wußten? ...

Am meisten beschäftigte ihn, was er durch Rentmeister Ensbrunner erfahren hatte. Die Beziehungen des Leutnants zu Anna waren ihm ja längst nicht mehr neu; aber die alte Wunde brach jetzt wieder auf und begann zu bluten. Und der volle Schmerz der eisten Enttäuschung stellte sich erst jetzt ein, da kein Zweifel mehr blieb.

Die unaufgeklärten Widersprüche in der Haltung des Rentmeisters versuchte er vergebens zu enträtseln. Kein Zweifel, die Rechnung stimmte nicht, es mußte ein verborgener Faktor mit in Betracht kommen, der sich seiner Einsicht entzog. Es ging ihm jetzt manches aus seinen alten Erinnerungen durch den Kopf, dem er damals keine Aufmerksamkeit geschenkt und keine Bedeutung beigemessen hatte ... Ein Wort des Gärtners Vogel fiel ihm ein, der einmal gesagt hatte, man müsse eigentlich Fräulein zu Anna sagen, denn es sei etwas Besonderes mit ihr, und das gereiche dem Rentmeister nicht zum Schaden ... Warum wollte dieser von einer Verbindung der Liebenden durchaus nichts wissen? ... Warum war er bleich geworden vor der Zumutung, dem Freiherrn die Entführung des Mädchens durch seinen Sohn zu hinterbringen? ...

Dann dachte er wieder an Bela, wie der als Kadett neben Anna am Mühlbach aufgetaucht war und, mit der Reitgerte ungeduldig auf die Schäfte seiner Reiterstiefel schlagend, zu ihr gesagt hatte: »Was gibst du dich mit denen ab?« Und an den Leutnant dachte er, der ihm an jenem wilden Abend im herrschaftlichen Schloß Braunhirschen entgegengetreten war und ohne Not gegen die dichtgedrängte Proletariermenge »Feuer« kommandiert hatte ... Das war jener Geist der Überhebung, den er haßte, jene Härte von oben, die das überwundene System gezeitigt und zu einer Art von angemaßtem Recht ausgebildet hatte. Jene Erziehung zum hohen Herrn, dessen Ehre durch Zuchtlosigkeit gegenüber einem armen Mädchen nicht beeinträchtigt werden konnte. Das war der Geist jenes aristokratischen Militarismus, gegen den sein Bürgerblut sich auflehnte! Blieb es nicht eine Notwendigkeit, mit der Freiheit vollen Ernst zu machen? ... Und er schwur sich aufs neue, daß keine Bitten und Vorstellungen, und kämen sie selbst von seinem Vater und von Poldi, ihn davon abwendig machen sollten, den Weg, den er beschritten, bis ans Ende zu verfolgen, und nicht eher zu ruhen, bevor nicht Volk und Vaterland von allen Bedrückern, seien sie groß oder klein, und von jeder unnatürlichen Bevorrechtung befreit wären.

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