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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 30
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
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Im Garten des Himmelhauses blühten die Kirschbäume, und wenn eine milde Luft durch die Zweige strich, so wirbelten zarte, weiche Schneeflocken ins saftgrüne Gras ... Der Muschir saß auf dem Balkon und ließ sein Auge über die frischbegrünten Baumriesen des Auenwaldischen Parkes hinweg in die Ferne ziehn, wo die blauen Hügelketten sich übereinanderschoben.

»Es wird kühl,« sagte er leise und hob schwerfällig sein Haupt aus dem großen Ohrenlehnstuhl. Julie brachte eine warme Decke und breitete sie sorgsam über seine Beine.

»Ist es recht so?«

Er nickte, und sie kauerte zu seinen Füßen und sah schweigend zu ihm auf. Nach einer Weile wollte sie sich erheben, um im Hause nachzusehen. Er hielt ihre Hand fest.

»Wenn man gesund ist,« sagte er, »das ist schon etwas ...

Aber man sieht dabei doch nur immer« – – er hielt inne und suchte nach einem Ausdruck – »doch immer nur die Halbscheid,« sagte er endlich. Sie wußte nicht recht, wie er es meinte, und blickte ihn fragend an.

»Die Halbscheid, mein' ich,« wiederholte er. Das Sprechen und sogar das Denken schien ihm Mühe zu machen. Er bewegte die Lippen, es war, als wollt' er noch etwas äußern, sich irgendwie mit ihr aussprechen.

»Das sind Extremitäten,« sagte er schließlich. »Geh nur!«

Im Garten gingen Poldi und Schinackel miteinander auf und nieder.

»Die Frühjahrsmode ist gut für uns,« sagte Poldi. »Weber wären auch genug da. Die Erdarbeiten gefallen doch den meisten nicht. Und der Hunger noch weniger. So bleiben sie lieber bei der Weberei. Jetzt wär' ich froh, wenn ich die alten Zampelstühle hätte, die der Muschir seiner Zeit als altes Holz losgeschlagen hat.«

»Die Wörter »wäre« und »hätte« soll man nie in den Mund nehmen,« meinte Schinackel. »Vielleicht leiht uns der Patruban eine Handvoll Stühle? Der erstickt ohnedies im Taft.«

»Es fehlt uns auch an Raum sie aufzustellen.«

»Wir mieten einfach irgendeine leerstehende Wohnung.«

»Ich will mit Herrn Patruban sprechen ...«

»Da ist noch die alte Eichenlaube!« sagte Schinackel. »Übrigens das muß ich sagen, deine Tante Susann bleibt ein wunderliches Frauenzimmer. Jetzt sieht sie Mutterfreuden entgegen; die Folge davon ist, daß sie nur Ungesalzenes genießt.«

Poldi beglückwünschte ihn. Seine ahnungslosen Augen hatten noch nichts bemerkt.

»Ich will dir einen Rat geben Ohm,« sagte er scherzend; »laß Tante Susann vom Patzenhauer zur Salzfreude ummesmerisieren.«

»Dann lauf' ich Gefahr, daß mein Kind als Hochschlafmütze auf die Welt kommt. Und im andern Falle, daß es keine Knochen mitkriegt. Ich tröste mich damit, daß jeder Unsinn seinen tieferen Sinn hat. Man muß ihm seinen Lauf lassen. Es ist geradeso wie jetzt mit der Politik. Da hilft kein Vernunftpredigen, das Wetter will seinen Willen haben.«

Petz, der soeben aus der Stadt eingetroffen war, kam den Kiesweg herunter und begrüßte sie.

»Habt ihr die neue Nummer der »Konstitution« gelesen?« fragte er. »Eine so verruchte und blutrünstige Sprache ist noch nicht geführt worden in Österreich! Häfner oder Mießrigel, oder wer sonst dieses Zeug schreibt, fängt jetzt an gegen das Zweikammersystem zu wühlen. Vor ein paar Monaten noch hätten wir jeden für einen Faselhans gehalten, der uns vorausgesagt hätte, daß wir so bald eine Konstitution bekommen würden. Und heute soll schon die belgische Verfassung, die Pillersdorf sich zum Vorbild nehmen will, nicht mehr liberal genug für uns sein und eine zweite Kammer nichts anderes bedeuten als eine verfassungsmäßige Sanktionierung der Kamarilla.«

»Wenn ein Ver sacrum von neuen jungen Menschen hinauszöge auf irgendeine ferne, noch unbewohnte Insel, um dort einen neuen Staat zu gründen,« sagte Schinackel, »so brauchten sie freilich mit dem geschichtlich Gewordenen nicht zu rechnen. Als solches Ver sacrum fühlen sich jetzt die Studenten und unser guter Fred mit ihnen. Sie vergessen, daß wir eine tausendjährige Tradition auf dem Buckel mitschleppen, die immerhin auch ein Wörtchen dreinzureden hat.«

Petz nickte eifrig und seufzte.

»Das System hat dafür gesorgt, daß jetzt niemand reif ist für die Freiheit, niemand im ganzen Staate, die oben so wenig wie die unten. Wie sollte man es gerade von den jungen Brauseköpfen verlangen dürfen? Der Fehler war nur, daß man ihr Selbstgefühl durch übertriebene Lobeshymnen zu einer Art Größenwahn steigerte. Aber in der Form wenigstens könnten sie vornehmer sein, das wäre schließlich von ihnen zu verlangen. Ich muß sagen, es tut mir weh, daß auch Fred sich an diesen ewigen Katzenmusiken beteiligt, die die Bevölkerung Abend für Abend beunruhigen!«

Poldi fragte, was diese Katzenmusiken zu bedeuten hätten.

»An der WienTheater an der Wien« erklärte ihm Schinackel, »führen sie jeden Abend ein altes Stück von Benedix auf, das »Bemooste Haupt«, worin Studenten auf der Bühne einer mißliebigen Person ein scheußliches Ständchen bringen. Das hat der Aula so gut gefallen, daß sie es nachmacht. Ein harmloser Spaß, kommt mir vor.«

»Kein harmloser Spaß!« versetzte Petz ernst. »Denn die Katzenmusiken werden allen Personen gebracht, die man für »Gutgesinnte« hält, das heißt für solche, die zur Ordnung und zu normalen Zuständen zurückkehren möchten. Neuestens geht es gegen alle, die mit oder ohne Grund im Verdachte stehn, für das Zweikammersystem einzutreten. Damit hört die Sache auf ein Studentenulk zu sein und wird zum politischen Unfug. Umsomehr als die Aula den Pöbel aus den Vororten dazu heranzieht. Die Folge davon ist, daß der Adel und die reicheren Leute, der steten Behelligung müde, die Stadt verlassen und sich auf ihre Landsitze und Villen zurückziehen. Die Geschäftsleute empfinden es hart, müssen Personal entlassen, die Zahl der Beschäftigungslosen vermehrt sich noch immer!«

»Das sollten wir doch Fred vorstellen,« meinte Poldi beunruhigt. »Es ist keine würdige Rolle mehr, die die Studenten spielen!«

»Ich habe mit ihm gesprochen,« sagte Petz verstimmt. »Er steht ganz unter dem Einfluß seiner Kommilitonen und entfremdet sich mir immer mehr. Es beginnt eine Kluft zwischen Bürgerschaft und Aula sich zu öffnen, die trennt nun auch Vater und Sohn ... «

Die alte Sabin kam in den Garten herunter, die Herren zu suchen. Michella ließ melden, daß die Abendmahlzeit bereit stehe. Im Himmelhaus, das man früher als sonst bezogen hatte, besorgte sie die Wirtschaft für alle und war wieder einmal recht in ihrem Element. Dem Muschir, für den noch besondere Krankenkost bereitet werden mußte, und Julien wurden die Mahlzeiten aufs Zimmer geschickt.

»Man sollte einen Speisenaufzug konstruieren,« sagte Edi, »einen Fahrstuhl mit Dampfbetrieb, es würde ein ganz kleiner Motor genügen. Direkt vom Herd hinauf auf den Tisch!«

»Gleich vom Herd auf den Tisch?« wunderte sich Michella. »Das ginge doch gar nicht!«

»O, das ließe sich schon machen,« ereiferte er sich. »Im Fußboden des Zimmers müßte natürlich ein rundes Loch ausgeschnitten sein und darüber der Tisch stehen, in dessen Platte sich gleichfalls ein rundes Loch befinden müßte. Das reine Tischlein deck dich! Wäre das nicht ein hübscher Effekt?«

»Es wäre ganz überflüssig,« sagte Michella. »Das Mädchen bringt die Speisen in verdeckten Geschirren noch brühwarm aufs Zimmer.«

»Wenn ich einmal Zeit finde,« sagte er, ganz in seine müßige Idee verbohrt, »so will ich das Projekt genauer studieren.«

Alle mußten lächeln, weil nicht einzusehen war, was er eigentlich zu tun hatte.

»Ja, dann will ich es einmal ganz genau durchstudieren und in allen Einzelheiten ausarbeiten; dann lasse ich mir von einem geschickten Mechaniker einen Überschlag machen, was es kosten würde. Der Seyfried müßte so etwas doch auch verstehen?«

»Der Seyfried hat jetzt mit unsern Stühlen genug zu tun,« sagte Poldi trocken.

Susann sah ausnehmend herzig aus in ihrer schon weit vorgeschrittenen Rundlichkeit. Auch für sie mußte besonders gekocht werden, da sie nichts Gesalzenes zu sich nahm. Die verwickelten Dispositionen, die alle diese Rücksichten erforderten, gaben Michella Gelegenheit, ihr häusliches Feldherrngenie leuchten zu lassen. Mit wahrem Stolz saß sie bei den Abendmahlzeiten (zum Mittagessen kamen die Herren nicht heraus) am untersten Ende, in freiwilliger Unterordnung, und hielt doch alle Fäden in ihrer Hand, eine stille Heldin, die sich freudig für das leibliche Wohl eines ganzen Tisches von Leodolterischen aufopferte.

»Wie geht es dem Muschir?« fragte Petz. »Ich wollte ihn nicht mehr aufsuchen, er legt sich früh zu Bett, und das Sprechen strengt ihn an.«

»Er lebt so hin,« sagte Sephine, die auf dem Ehrenplatz saß. »Alles was ihn früher beschäftigte, ist wie verflogen. Ein gebrochener Mann! Das Unglück hat ihn weich gemacht; das ist ein schlimmes Zeichen bei solchen Naturen.«

Bethi erhob Einsprache.

»Nicht doch! Er empfindet zum erstenmal in seinem Leben den Segen des Krankseins und das seltsam wehmütige Glück der Rekonvaleszenz. Er schaut in sich hinein und findet lauter unbekannte Dinge. Da staunt er und schweigt.«

»Du meinst also, seine Stimmung sei keine trostlose?« fragte Schinackel.

»Ich glaube, daß der Muschir und auch Julie, so lange sie verheiratet sind, noch niemals in dem Maße ein Gefühl des inneren Friedens empfunden haben, wie gerade jetzt. Das mag wunderlich klingen, aber sind wir Menschen nicht wunderlich? Daß wir in scheinbar glücklichen Zeiten so oft aus unserer Haut möchten, während bei schwerem Unglück, das sich eingestellt hat, mancher stille Augenblick sich findet, wo mir uns so tröstlich eins fühlen mit Gott und der Welt ... «

»Darf ich um Pfeffer bitten?« sagte Susann.

»Kein Salz, aber Pfeffer!« rügte sie Schinackel.

»Man darf seinen Gelüsten nachgeben, man soll es sogar ... in dieser Zeit. Patzenhauer hat es gesagt! Das ist das einzige Gute daran.«

Edi empfahl sich bald, um nach der Stadt zurückzukehren.

»Warum übernachtest du jetzt nie mehr auf dem Lande?« fragte Schinackel. »Du mußt doch nicht bei den Katzenmusiken mithelfen?«

»Politik? Pfui Teufel! Kann mir gestohlen werden!« brummte Edi, erklärte sich aber nicht näher und ging.

Er besaß schon seit vielen Monaten ein nettes kleines Absteigequartier in einer stillen, verschwiegenen Gasse, wo er die Toni aushielt, seine Geliebte, eine ehemalige Spulerin, die er zur Dame erzogen hatte, wenigstens äußerlich. Sie war die Schwester des Pölzl Heinrich, der früher in der Leodolterischen Fabrik gearbeitet hatte, und fürchtete sich jetzt, seit die Proletarier wild geworden und zu Macht gekommen waren, nachtüber allein zu bleiben, weil sie ihrem Bruder, der ihr aufsässig war, alles zutraute; denn Edi hatte seinen fortgesetzten Erpressungen, die ihn zu ruinieren drohten, schließlich einen Riegel vorschieben müssen.

»Der Edi geht wahrscheinlich in die Stadt,« scherzte Michella, »um sogleich sein Projekt mit dem Speisenaufzug auszuarbeiten.«

Niemand wußte es, daß er ein doppeltes Heim besaß, nur Sephine hatte davon erfahren; auf dem Weg über die Andreasgasse war es ihr zugetragen worden. Aber sie hatte den Geschwistern nichts verraten, machen ließ sich doch nichts dagegen. Auch jetzt schwieg sie und senkte nur den Blick aufs Tischtuch, entschieden chokiert ...

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