Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Emil Ertl >

Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/ertl/freiheit/freiheit.xml
typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090714
projectid17fc2956
Schließen

Navigation:

In derselben Nachmittagsstunde machte in dem stattlichen alten Landhaus, das im oberen Teile des Gartens lag, ein Zufall von dem angestammten Rechte aller Zufälle Gebrauch, zeitweise bestimmend in die Schicksale der Menschen einzugreifen.

Mit einem flinken englischen Traber bespannt, hielt ein elegantes zweirädriges Stanhope vor der Eingangstür des Hauses. Ein schlanker junger Mann reichte dem hinter ihm sitzenden Kutscher die Zügel und stieg ab.

»Soll ich auf Ew. Gnaden warten?« fragte der Kutscher.

»Nein! Kehr' er gleich wieder um und halt' er sich auf dem Weg nicht auf – hört er? – damit Wagen und Pferd noch vor dem Gewitter daheim sind!«

Der Kutscher warf einen Blick auf den Himmel.

»Es kommt selten so grob, als es herschaut.«

Er hob den Zylinderhut, der mit einer schwarzen Kokarde geschmückt war, wendete langsam das Gespann und fuhr davon. Der junge Herr trat in den Flur, sah sich nach einem dienenden Geist um, fand aber niemand und stieg langsam, über allerlei nachsinnend, die teppichbelegte Treppe hinauf. Er war im schwarzen Frackanzug, mit knapp anliegenden Beinkleidern, die nur bis an die Knöchel reichten, und niedrigen, mit Bandschleifen verzierten Lackschuhen. Über den Schultern hing ihm ein leichter Pelerinenmantel aus feinem englischen Tuch in der Modefarbe »Londner Rauch«. Das ziemlich lange, seitlich gescheitelte und über den Ohren sorgfältig gekräuselte braune Haar bedeckte ein plüschartiger Klapphut, eine Art Zweispitz mit schwarzem Straußfedernbesatz an der oberen, bogenförmig geschwungenen Kante, wie ihn die Fashionables um 1835 auf Bällen zu tragen pflegten.

Auf dem Vorplatze des ersten Stockes legte er den Mantel ab und klemmte den Hut unter den Arm. Es mündeten wohl fünf oder sechs Türen in den Korridor, aber er glaubte die Tür zu kennen, die in den Salon führte, überlegte nicht lange, war überhaupt zerstreut oder in Gedanken, klopfte nur flüchtig an und trat ohneweiters ein. Ein Schrei, ein Husch – wie eine aufgescheuchte weiße Taube flüchtete eine helle Gestalt hinter einen chinesischen Wandschirm. Der junge Herr war so bestürzt, daß er nicht einmal zurückprallte, sondern einen Augenblick fassungslos stehen blieb. Die alte Sabin, in ihrer Hausmütterhaube über den angegrauten, an den Schläfen breitgedrückten Haarbrezeln, trat ihm mit der Würde und gerechten Indignation einer Obersthofmeisterin entgegen, eine ätherische Wolke von Seide und Tüll über dem Arm, in der er ein duftiges Frauenkleid erkannte.

»Excüsieren, Herr von Beywald, Fräul'n Cajetana sind noch bei der Toilette.«

Er stammelte eine Entschuldigung und zog sich beschämt zurück. Was war ihm in den Sinn gekommen, aufs geratewohl bei der nächstbesten Türe hineinzuspazieren? Befand sich nicht die Eingangstür zum Salon wie fast immer und überall der Treppe gerade gegenüber, leicht zu finden? Der Kleiderrechen, auf den er seinen Mantel gehängt, mußte ihn von der natürlichen Richtung abgelenkt haben. Der Kleiderrechen war schuld an der ganzen Sache, entschied er, einzig und allein der Kleiderrechen! Aber was nützte es ihn? Der Fauxpas würde darum doch auf ihm selbst sitzen bleiben und nicht auf dem Kleiderrechen!

Ärgerlich betrat er jetzt den Salon, den er im ersten Anlauf so leichtsinnig verfehlt hatte. Niemand befand sich darin, hier wehrte kein Zerberus mit Haarbrezeln an den Schläfen ihm den Eintritt. Der ziemlich geräumige helle Saal, der behaglich im altbürgerlichen Geschmack eingerichtet war, schien bloß auf ihn gewartet zu haben. »Willkommen Herr Beywald!« sagten die freundlichen Sonnenlichter, die auf dem Fußboden spielten. »Willkommen!« sagte die gute alte Stutzuhr auf dem marmornen Spiegeltischchen, ein kleines Prachtstück aus schwarzpoliertem Holz mit Goldbronze-Beschlägen und schlanken Alabastersäulchen; und fröhlich grüßend nickte sie ihm zu mit ihrem eilfertigen Perpendickel, das eine von Flammen umstrahlte messingene Sonnenscheibe vorstellte. »Willkommen!« sagten die vielen, mit schwefelgelber Seide überzogenen Arm- und Polsterstühle, die in Gruppen verteilt umherstanden, und luden ihn freundlich ein, Platz zu nehmen und sichs bequem zu machen, wie er es sonst getan. Aber er fühlte sich zu unruhig, zu sehr erregt, um dieser Einladung Folge zu leisten. Die beiden Flügel der an der Fensterwand befindlichen Glastür standen weit offen, ein grün umwachsener Balkon lief außen die ganze Breite des Zimmers entlang. Von dort überblickte man den großen, gut gehaltenen Garten mit seinen Rosenkulturen in der Nähe des Hauses, seinen Gebüschen, Lustwäldchen und Obstpflanzungen. Bis hinunter, wo der Mühlbach die ansehnliche Besitzung gegen einen alten Schloßpark abgrenzte, dessen Baumriesen wie der Saum eines Urwaldes herübergrüßten. Eine ganze Kette sanft geschwungener Waldberge erhob sich dahinter, und immer wieder lugte ein entfernterer einem näherstehenden über die Schultern, immer blauer und blauer. Und das ganze liebliche Bild, wie man es nicht leicht in solcher Nähe einer großen Stadt zu finden vermutet hätte, präsentierte sich in einem Rahmen von blühenden Kletterrosen, die den Balkon umrankten, und in deren Duft eine Menge geschäftiger Bienen summten.

Herr Beywald war hinausgetreten, er liebte diesen Blick und hatte ihn oft bewundert. Diesmal aber erreichte die von Natur und Gartenkunst gemeinsam hervorgezauberte Schönheit, die diesen Fleck Erde auszeichnete, nur sein leibliches Auge, ohne ihm recht ins Bewußtsein zu dringen. Er war zerstreut und unaufmerksam, die Ungeschicklichkeit, die er sich hatte zu schulden kommen lassen, ging ihm nach, aber nicht sie allein. Es war noch etwas anderes, das ihn beschäftigte, zu dem er immer wieder zurückkehrte, etwas ganz Eigenes, das ihn seltsam spannte und süß verwirrte. Und dieses Sonderbare nahm, ihn selbst überraschend, mehr und mehr von seinen Gedanken Besitz und verdrängte immer erfolgreicher seine peinlichen Empfindungen über die alberne Figur, die er soeben gespielt.

In den Salon zurücktretend, warf er einen Blick in den Spiegel und stand eine Weile lauschend unter dem Kronleuchter still. Sein Herz pochte, die Ungeduld des Wartens verzehrte ihn. Sein zierlich gekräuseltes Schnurrbärtchen zwirbelnd, fing er an, auf dem kunstvoll eingelegten Parkettboden auf- und niederzugehen. Vielleicht war es gar nicht der Kleiderrechen, vielleicht war es die leibhaftige Vorsehung selbst gewesen, die ihn vom richtigen Wege abgelenkt und ihm die Tür zu Cajetanas Stube gewiesen hatte? Und wer weiß, ob er nicht den Kobold des Zufalles dereinst noch einmal segnen würde, der heute den Handlanger des Schicksals gespielt? Unerwartete Möglichkeiten waren unversehens vor ihm aufgetaucht, und so gleichgiltig er vor wenigen Minuten noch dies Haus betreten, so reizvoll dünkte es ihn nunmehr, hier zu sein. Ja er konnte es kaum erwarten, Cajetana zu sehen, sie zu begrüßen, ihre Verzeihung zu erbitten. Infolge einer Verabredung mit ihrem Bruder war er gekommen, sie zu einer Tanzunterhaltung abzuholen, an nichts weiter denkend; kannte er sie doch fast von Kindheit auf. Und nun hatte er unter dem chinesischen Wandschirm, hinter den Cajetana geflüchtet war, ein ganz klein wenig nur, den untersten Saum jenes heimlichsten weiblichen Kleidungsstückes aus feiner, weißer Leinwand hevorgucken sehen, das nach der damaligen Mode bis weit unter die Knie getragen wurde, mit einer allerliebsten, reichen Garnierung von Spitzen und Blonden um die zierlichsten Knöchel, die je ein straffer Seidenstrumpf umschloß. Und darunter waren ein paar wohlgeformte kleine Tanzschuhe aus rosa Atlas zum Vorschein gekommen, die mit kreuzweise gebundenen Taffetbändchen um den reizendsten Frauenfuß befestigt waren, den es nach seiner Schätzung auf der weiten Welt geben konnte. In diese süßen, kleinen, unschuldigen Geheimnisse Cajetanas, die für gewöhnlich durch ein höchst ehrbar langes Kleid verdeckt wurden, hatte Herr Beywald sich im Handumdrehen sterblich verliebt. Aus der Jugendgespielin war ihm urplötzlich ein reizend schönes, blühend junges Weib geworden, unbemerkt bis dahin von seinen gedankenlosen Augen, von denen es auf einmal wie Schuppen fiel, daß sie fröhlich und unternehmungslustig in die Welt hinaus blitzten.

Noch damit beschäftigt, seine Gedanken und sein Schnurrbärtchen zu quälen, fuhr er unwillkürlich zusammen, als die Eingangstür jäh aufgerissen und donnernd wieder ins Schloß geworfen wurde. Ein etwas unordentlich aussehender, noch ziemlich junger Mensch stand wie aus der Kanone geschossen im Zimmer, klopfte sich – was er freilich besser draußen hätte besorgen sollen – mit einem baumwollenen Taschentuch den Staub von den Schuhen, stellte den langen, etwas ruppigen Seidenfälbelhut auf ein Tischchen und ließ sich mit sanfter Wucht in einen gelbseidenen Armsessel sinken.

»Ich bin nämlich der Mießrigel,« sagte er gegen die Wand hin.

»Mein Name ist Beywald,« bemerkte der andere, der ein Mann von Welt war. »Freund Edi Leodolter hat mir eröffnet, daß Sie auch von der Partie sein würden. Es freut mich. Sie kennen zu lernen, da wir doch Berufsgenossen sind.«

»Sind wir das? Mir kanns recht sein. Dann bedank' ich mich halt schönstens für die Ehr'.«

»Bitte! Keine Ursache! Wüßte nicht ...?«

»Ja, wenn Sie mich wirklich als Kollegen gelten lassen – sehr liebenswürdig jedenfalls von Ihnen.«

»Liebenswürdig? Wieso eigentlich?«

»Na, ich mein' nur so. Weil Sie in unserm Fach sozusagen ein Gipfel sind. Ein Chimborasso gewissermaßen. Dagegen ich? Der Galiziberg höchstens. Nicht einmal! Ich bitt' Sie! Was bin denn ich? So ein Mitläufel halt im Geschäft von meinem Herrn Vater. Und ein ziemlich begriffstütziges obendrein ...«

»Mit der Zeit werden Sie sich schon hineinfinden. Und dann später einmal das Geschäft vermutlich selbst übernehmen?«

»Ich? O nein! Die Geschichte freut mich nicht recht, ich sag's ganz offen. Und die Ganzkleinen, wie wir sind, die werden ja doch heut' oder morgen aufgefressen. Ich bitt' Sie! Eine Pfründnerei ist es!«

»Es gibt noch genug kleinere Betriebe, die sich mit Ehren halten.«

»Mit Ehren sagen Sie? Eine schöne Ehre das! So wie ein Postwagerl, das noch alleweil auf der staubigen Landstraße weiter humpelt und daneben bauen sie schon an der Eisenbahn! Ist das eine besondere Ehre für das Postwagerl? Ich bitt' Sie! Hören Sie mir auf! Mit der kleinweisen, ehrbaren Bastlerei, wie mein Herr Vater will, wird sich nicht mehr lang etwas aufstecken lassen. Je mehr die Arbeit sich teilt und je mechanischer sie wird, desto größer müssen die Fabriken werden. Und die sich nicht vergrößern können, weil sie die nötigen Kapitalien nicht aufbringen, die gehn halt schön langsam ein. Wir leben in einer spaßigen Zeit! Wird noch ein spannendes Jahrhundert werden, das neunzehnte! – Ist das ein seidenes Schnupftuch, daß Sie benützen?«

»Gewiß!«

»Hat man jetzt solche? Dann kann ich mir auch eins zulegen. Mit Verlaub, wie schau' ich überhaupt aus? Bin ich halbwegs in Ordnung?«

Er stand auf, um sich mustern zu lassen. Beywald warf einen schonenden Blick über den langen, hageren Menschen, der sich seinen schlecht sitzenden Frack von seinem »Herrn Vater« oder irgend einem andern alten Herrn ausgeborgt haben mochte.

»Vollkommen!« sagte er zurückhaltend.

»Das Haar?«

»Etwas jakobinisch vielleicht.«

»Macht nichts! Wir dürfen nie darauf vergessen, daß wir auf einem Vulkan tanzen.«

»Auf einem Vulkan?«

»Die eingezwängte Lava da unten – der wird es zu eng. Sie will heraus an die Luft, ans Licht. Auf einmal wird es einen Knall geben wie bei einer Champagnerflasche. Der Stöpsel fliegt in die Luft, und die darauf sitzen, auf dem Riesenstöpsel nämlich, der den Vulkan verstopft, die fliegen mit. Aber was herauskommt, das ist freilich kein Champagner nicht. Das ist eine grausliche schwarze Sauce, die nach Pech und Schwefel riecht: das Proletariat! So schaut die Zukunft aus, pfui Teufel!«

»Ei –! Sie sind so einer?«

»Ja, glauben Sie vielleicht, Herr von Beywald, daß die Welt sich so mir nichts, dir nichts wird umkrempeln lassen, ohne wenigstens ein bissel dabei zu strampeln?«

Beywald zog seine Uhr.

»Daß Freund Edi so lange auf sich warten läßt?« sagte er ablenkend.

»Die Damen werden mit der Toilette noch nicht fertig sein,« meinte Mießrigel.

Die harmlose Bemerkung trieb Beywald das Blut in die Wangen. Er trat an die Wand, um eines der Ölgemälde näher zu betrachten, die dort hingen. Mießrigel lachte vergnügt vor sich hin, während er mit zwei Fingern seine Nase zupfte.

»Ich hab' es schon bemerkt, das vom Vulkan, das hören Sie nicht gern. Und vielleicht haben Sie recht. Scheren wir uns nicht darum, was geht es uns an? Unterhalten wir uns, so lang wir das Leben haben! Es ist unbändig lustig auf der Welt, so bucklig sie ist! Besonders bei uns da, in der Kaiserstadt! Nichts als Theater und Zirkus, Tänzerinnen und Tausendkünstler! Überall Walzer und Feuerwerke, am Tivoli und im Prater, im Odeon und beim Dommayer. Was will der Mensch mehr? Man soll nicht gar so unzufrieden sein. Wozu brauchen wir eigentlich die sogenannte Freiheit, wenn wir uns ohnedies unterhalten? Lassen wir sie denen, die sich mopsen, den Engländern zum Beispiel, die vor lauter Gähnen fast sich selber auffressen. Sie, die Engländer, die sind eigentlich ein rückständiges Volk! Die lassen sich noch, hör' ich, mit Staatshaushalt, Gesetzgebung und allem möglichen Tod und Teufel sekkieren! Ja, wozu ist denn nachher die Regierung da? Schauen Sie, da ist es bei uns ganz anders! Wir brauchen uns um gar nichts zu sorgen! Wir brauchen uns nur zu unterhalten! Der selige Kaiser Franz hat es uns gut gemeint. Seinem Nachfolger hat er die Sorgen vermacht und das viele Geld, uns Untertanen aber seine Liebe!«

Beywald schwieg.

»Für die Erbhuldigung soll der Stuwer etwas ganz Besonderes vorbereiten,« nahm Mießrigel abermals das Wort. »Fronten, wie man sie noch nicht gesehen hat! Die verschlungenen Anfangsbuchstaben der neuen Majestäten in riesiger Feuerschrift auf dem schwarzen Nachthimmel! Und Funkenräder wie ein halbes Dutzend Sonnen, daß die Nacht sechsmal so hell sein wird wie der Tag. Sie, da werden die Leut' Augen machen! Es ist gut, das wir den Stuwer haben! Das ist ohnedies der einzige, der für die Aufklärung sorgt.«

»Oh –!«

»Entschuldigen!« sagte Mießrigel etwas beschämt. »Wenn einem keine guten Witze einfallen, so muß man halt schlechte machen.«

Beywald zuckte die Achsel. »Wirklich? Muß man?«

Eine schöne blasse Frau, in der Mitte der Zwanziger etwa, trat ein. Es war Bethi Leodolter, die mittlere von den fünf Schwestern. Sie bewegte sich mit einer gewissen Vorsicht, wie Menschen, die viel an Kopfschmerz leiden, als sei sie beständig auf der Hut, ihre Nerven nicht zu erschüttern. Die langen, glatten braunen Scheitel, die ihre Schläfen und Ohrmuscheln bedeckten, gaben dem schmalen Eirund des Gesichtes mit den großen dunklen Augen etwas krankhaft Schmachtendes.

Sie lud die beiden Herren ein, auf dem Balkon Platz zu nehmen.

»Die Mädchen werden nicht mehr lange auf sich warten lassen.«

Ihr Lächeln war unendlich sanft und liebenswürdig, aber wie mit einem leichten Schleier von Müdigkeit überhaucht. Obgleich der Altersunterschied nicht mehr als einige Jahre betragen konnte, pflegte sie von den jüngeren Schwestern nicht anders als von »den Mädchen« zu sprechen. Ihr selbst hatte das Leiden, dem sie von Kindheit auf unterworfen war, die Reife und Überlegenheit einer verheirateten Frau verliehen.

»Cajetana und Susann putzen sich wie zu einem Ball. Soll denn am hellen Tage getanzt werden?«

»Der Tanz beginnt erst um neun,« bemerkte Beywald, der ihr einsilbig gegenübersaß und sie ernst und aufmerksam betrachtete.

»Und Sie wollen schon so früh hinfahren?

»Vorher ist nämlich eine Nachmittagsreunion.« Mießrigel hatte die Gewohnheit, mit dem Stuhle zu schaukeln, es war aufregend, ihm zuzusehen; jetzt und jetzt, meinte man, er würde das Gleichgewicht verlieren. Er redete lebhaft, stoßweise und fahrig. »Eine Gartenassamblee mit Musik unter dem Titel: Grazienfest. Das dürfen wir natürlich nicht versäumen, denn das Fest wird zu Ehren der seligen Grazien und ihrer schönen modernen Mitschwestern veranstaltet.«

»Im Paradeisgartel?« fragte Bethi lächelnd.

»Nein, in Dommayers Kasino in Hietzing. Außerdem hat auch der Kapellmeister Strauß heut' seine Einnahme. Der Benefiziant wird seine neuesten Kompositionen, die Grazientänze und die Huldigungswalzer zum erstenmal vortragen. So steht's wenigstens in der Einladung. Also, da müssen wir als gute Patrioten doch dabei sein?«

»Als gute Patrioten?«

»Das liegt auf der Hand, Fräulein Leodolter! Und warum? Ganz einfach! Weil man sich nichts denken kann, wenn man sich gut unterhalten tut!«

»Aber ich bitte Sie!« machte Beywald ungeduldig.

»Nein, im Ernst!« versicherte Mießrigel. »Stellen Sie sich nur einmal vor, was wir uns alles denken könnten, wenn wir nicht immer auf der Gaudi wären!«

»Und halten Sie es für patriotisch, sich nichts zu denken?« fragte Bethi.

»Selbstverständlich! Gerade das sind die gefährlichen Menschen, die sich alleweil etwas denken wollen! Für jeden, der sich etwas denkt, braucht der Staat einen Naderer.Geheimagent der Polizei. Darum steht es mit unseren Finanzen so schlecht trotz dem zwanzigjährigen Frieden! Weil es noch immer viel zu viel Leut' gibt, die sich etwas denken. Sie, das kostet etwas, alle diese Naderer standesgemäß zu erhalten! Da kommt so ein musikalisches Glanzfest viel billiger. Das bezahlen wir aus unserem eigenen Sack, jeder seine vierzig Kreuzer Konventionsmünze! No, und die vierzig Kreuzer, die opfert jeder gern auf dem Altar des Vaterlandes!«

Beywald lachte gezwungen. »Sie belieben zu scherzen.«

»Nein! Gar nicht! Im vollen Ernst!« beteuerte Mießrigel. »Der Platon war ein Narr! Der hat es nicht gewußt, wie wertvoll das Bum-tatara, Tschin-tatara für ein geordnetes Staatswesen ist! Was glauben Sie denn? Denken Sie nur, wenn wir keine Walzer hätten! Wieviel unnötiges Zeug da die Leut' zusammenplauschen täten, wenn der Tag lang ist! Während so, wie es jetzt steht – da kann der keckste Schnabel nicht aufkommen. Also bitte, zum Beispiel! Es sitzt irgendwo eine Gesellschaft beisammen, ein überflüssiger Mensch, den der Haber sticht, ist natürlich auch dabei; und der fängt auf einmal zu stänkern an und sagt, daß die Eisenbahnen die Völker einander naher bringen und daß man unser Land nicht mehr so gut gegen die Ideen von außen wird absperren können, wenn wir einmal mehr Eisenbahnen haben. Das gehört sich doch nicht, daß einer so etwas sagt, nicht wahr? Schadet aber nichts, in demselben Augenblick hat er auch schon seine Antwort: Bum-tatara, tschinn-tatara, bum, bum, bum!«

Er machte die entsprechenden Gesten dazu, als hätte er Trommel und Pauken vor sich, und ahmte geschickt die Musik eines ganzen Orchesters nach.

»Sie wissen dick aufzutragen,« sagte Beywald halb belustigt.

»Bitte! Garnicht! Ich sag's nur, wie es ist! Das sind Tatsachen, keine Erfindungen, das kommt jeden Tag vor! Heut' so und morgen so! Überzählige Menschen gibt es immer, die durchaus den Mund nicht halten können. Wie es zum Beispiel neulich gewesen ist, wie wir beim Sperl waren, also, da geht man doch zum Vergnügen hin, nicht wahr? Aber nein – muß so ein g'schnappiges Individium von der hohen Politik zu reden anfangen, und daß es heutzutage eigentlich eine überlebte Geschichte wär', wenn die Grundherren ihre eigenen Justitiäre hätten, die von ihnen abhängig wären, und daß sich jede geordnete Rechtspflege dabei aufhören müßt'. Gut! Jetzt – wie leicht kann sich aus so einer unpassenden Bemerkung ein staatsgefährliches Gespräch entwickeln! Aber nein! Davor braucht man bei uns keine Angst zu haben! Der Strauß, oder der Lanner, oder wer gerade sonst an dem Tag für die öffentliche Ruhe zu sorgen hat, klopft an seine Geige, und noch eh' jemand etwas darauf sagen oder denken kann, was sich für einen braven Untertan nicht schickt, ist schon wieder die Antwort da: Tralalala, bimbim, bumbum, tralalala, tralalala, bim, bim, bim! Ist das nicht ein Segen? Das müssen Sie doch einsehen!«

Bethi lachte herzlich, während Beywald den Kopf schüttelte.

»Bei Ihnen weiß man nie, Herr Mießrigel, machen Sie sich über sich selbst, oder über andere lustig?«

»Aber ich red' doch ganz im Ernst, Herr von Beywald!« verteidigte sich Mießrigel und verfiel, anscheinend gekränkt, in ein längeres Schweigen.

Der Himmel hatte sich mit schwarzen Wolken überzogen, es blitzte und krachte ein paarmal in nächster Nähe, und man hörte vereinzelte schwere Tropfen mit metallischem Klang auf das Blechdach des Balkons klatschen. Beywald gab sich Mühe, Bethi zu unterhalten. Er widmete ihr mehr Aufmerksamkeit als sonst, er forschte in ihren Zügen und Bewegungen nach kleinen Familienähnlichkeiten, die an die jüngere Schwester erinnern konnten, er fühlte sich dazu gestimmt, Anteil an ihr zu nehmen. Zum ersten Male legte er sich die Frage vor, wie dieses zarte, leidende Geschöpf sich mit dem Leben abfinden mochte, das ihr so wenig gewährte und so viel versagte. Während ihre Geschwister tätig ihren Geschäften nachgingen oder sich vergnügten, war sie dazu verurteilt, den größten Teil ihres Lebens von Schmerzen geplagt im Lehnstuhl, auf dem Divan oder im Bette zuzubringen. Und doch hatte er sie nie anders als gütig, hilfsbereit und gleichmäßig heiter gesehen. Niemals verzagt, niemals unlustig oder gar übellaunig. Niemals andern das Gute neidend, das sie selbst entbehren mußte, niemals sich beklagend, niemals auch nur mit dem leisesten Worte andeutend, daß sie sich vom Schicksal benachteiligt fühle.

»Es wäre uns, falls Sie sich wohl genug fühlten, eine wahre Freude, wenn Sie auch einmal mitkommen wollten. Die Musikaufführung würde Ihnen eine kleine Abwechslung und Zerstreuung gewähren, und wenn Sie Wert darauf legen, vor Einbruch der Nacht wieder zu Hause zu sein, so bereitet es mir selbstverständlich nur ein Vergnügen, Sie begleiten zu dürfen.«

»Ich danke Ihnen! Dort ist nicht meine Welt! Jeder muß wissen, wohin er gehört. Übrigens täte es mir leid, wenn das Fest verregnete. Die Mädchen freuen sich so!«

Wie von ihrem Wunsche gebannt, hörten die Tropfen fast ganz auf zu fallen, nur ab und zu klopfte es noch wie mit gekrümmten Fingern auf das Dach.

»Und dann bin ich auch hier nicht so leicht entbehrlich, als Sie glauben,« sagte sie nach einem kurzen Schweigen. »Es wäre eine arge Enttäuschung für Poldi und Fred. Als Tante bin ich doch ein bischen was nütz, mein' ich. Wir lesen uns gegenseitig vor. Geschichten und Märchen und alles Mögliche. Manchmal lese ich, wenn es geht, manchmal Poldi, der es schon recht gut macht. Dem Fredl wird es etwas schwerer, obgleich er in vieler Hinsicht der Aufgewecktere ist. Jetzt sind wir bei den Lederstrumpf-Erzählungen und stürzen uns jeden Abend in neue Abenteuer und Gefahren. Kennen Sie diese Geschichten?«

Sie erzählte ihm mit Lebhaftigkeit von dem Buche, das damals gerade zum erstenmal in deutschen Übersetzungen verbreitet wurde. Er beobachtete sie im Stillen, während sie sprach. Sie saß in einen bequemen Sessel zurückgelehnt, den Kopf durch ein längliches Kissen unterstützt, das an einer Schnur über der Rückenlehne hing. Ihre Schönheit hatte etwas Großzügiges, etwas, das ihn an manche, durch englische Vorbilder beeinflußte Frauengestalten Danhausers erinnerte, Sie trug sich nicht so jugendlich, als es ihren Jahren entsprochen hätte. Das schmiegsame Seidenzeug, dessen Falten ihre schlanke Gestalt in reicher Fülle umflossen, zeigte auf kaffeebraunem Grunde breite, satinierte weiße Streifen, und um jedes ihrer Handgelenke, wo die weiten, tonnenförmigen Ärmel sich verengten und knapp anlagen, war statt alles sonstigen Schmuckes ein schwarzes Sammetband geschlungen. Von den Bergen, wo das Gewitter sich bereits in voller Wucht entladen haben mochte, wehte Kühlung herüber. Sie fröstelte ein wenig und zog einen ultramarinblauen Florschal, der ihr um die Schultern hing, fester über der Brust zusammen. Beywald lehnte sich zurück und sog die köstliche Luft ein, die die zuckenden Blitze aus den feuchten und reinen Regionen der Wolken mit sich auf die Erde herabzuführen schienen. Es war ihm, als atme er balsamische Düfte, und er konnte nicht umhin, das merkwürdig Stärkende und seelisch Beruhigende, das er von Bethis Wesen auf sich überströmen fühlte, in seinen Gedanken mit dieser vom Gewitter gereinigten Himmelsluft zu vergleichen.

Allmählich war das Gespräch verstummt, das sie nur zu zweit, in halbem Ton, wie vertraute Freunde geführt hatten, ohne Mießrigels Beteiligung zu vermissen. Sie lauschten den wieder reichlicher fallenden Tropfen und sahen dem Regen zu, der noch immer nur gleichsam zögernd sein silbernes Saatkorn über den Garten streute. Gleichzeitig vereinigten sich ihre Blicke auf einer von den Kletterrosen an einer blühenden Ranke, die in steter Bewegung war. Von einem wiederkehrenden Tropfen berührt, der in regelmäßigen Zwischenräumen vom Dache fiel, schien die Rose verzweifelt um ihr Leben zu kämpfen, immer wieder getroffen, immer wieder emporschnellend. Wenn man sie ihrem Schicksal überließ, so mußte sie schließlich entblättern. Wie hilfesuchend sah Bethi auf Beywald. Er verstand, erhob sich, bog die Ranke zurück und schlang sie ins Dickicht des übrigen Gezweiges. Dankbar lächelte Bethi.

»Gerettet! ...«

Aus dem Salon wurden Stimmen laut, und helles Lachen erklang. Edi Leodolter erschien in der Tür, an jedem Arm eine der Schwestern, rechts Cajetana, links Susann, beide für den Tanz geputzt, beide in Jugend und Schönheit strahlend.

»Gebt dem Beywald einen Apfel! Er soll entscheiden, wer von uns dreien am schönsten ist?«

Beywald und Mießrigel waren von ihren Sitzen emporgeschnellt und standen fast geblendet vor dem frühlinghaft blühenden Liebreiz der beiden jungen Mädchen. Beywald etwas verzagt, halb zerknirscht und beschämt, gleichsam stumme Abbitte leistend und den demütigen Blick wie vor einer Göttin zu der schlanken, dunkelhaarigen Cajetana erhoben, während Mießrigel mit heißen, hungrigen Augen die mehr rundliche, blondlockige Susann zu verschlingen drohte.

»Äpfel gibt es jetzt keine, aber vielleicht läßt sich zu dem Urteil des Paris auch ein Gugelhupf verwenden!«

Michella, die vierte Leodolter-Schwester, flink und lebendig aus dem Zimmer tretend, rief es unter klingendem Lachen und brachte geschäftig auf flachem Porzellanteller den appetitlich bezuckerten Kuchen, den sie Beywald darreichte. Er ergriff das Messer und teilte ihn genau in zwei Hälften, die er ein wenig auseinanderschob, so daß ein leerer Raum dazwischen entstand.

»Das in der Mitte gehört für Edi! Die gleichen Teile rechts und links den beiden Göttinnen der Anmut, die sicher die Schönsten auf dem heutigen Grazienfest sein werden.«

»Er weiß sich aus der Schlinge zu ziehen!« lachte Edi, Dann bemerkend, daß seine Schwester Michella mit Hilfe einer Magd den Jausentisch zu decken begann, fragte er verwundert: »Was treibst du eigentlich? Es ist Zeit, daß wir fortkommen!«

»Etwas Kaffee könnt ihr schon vorher noch trinken. Den Regen müßt ihr doch abwarten!«

Die Sorge für das leibliche Wohl des Hauses war ihr anvertraut. Eine geborene Wirtschafterin, kannte sie kein größeres Vergnügen, als Speisezettel zusammenzustellen, die Küche zu überwachen, mit Marktleuten zu feilschen, die Möbel klopfen zu lassen oder im Keller ein Faß Wein abzuziehen. Sie hatte mehrere vorteilhafte Partien ausgeschlagen, weil sie sich nicht entschließen konnte, den großen Haushalt, den sie den Geschwistern führte, fremden Händen anzuvertrauen und ihr Talent in den engen Grenzen einer eigenen Menage zu Zweien zu vergraben. Ein einziges Mal war sie nahe daran gewesen, zu heiraten, als ein Witwer mit fünf Kindern um sie freite. Das wäre wenigstens ein gesicherter Wirkungskreis gewesen. Aber dann überlegte sie sichs doch. Sie hing mit beispielloser Liebe an ihren Geschwistern. Mit jener Liebe, die sich nur durch fortgesetztes Schaffen, Sorgen und Sichaufopfern für andere in uns ausbildet. Besonders zu ihrer Brüdern, mitsamt ihren Schwächen und Fehlern, sah sie um einer Art von hingebungsvoller Bewunderung auf, halb wie eine allzuschwache Mutter, halb wie eine anbetende Gattin. Nein, wenn sie nicht einen Leodolter heiraten konnte, so blieb sie lieber ledig. Und da dies in der Tat unmöglich war, so hatte sie die beste Zeit versäumt und blickte, nahe an dreißig, der dauernden Ehelosigkeit mit dem unbekümmerten Frohsinn einer herzhaften Person ins Auge, die alle Hände voll zu tun und an Wichtigeres zu deuten hat als an Herzensangelegenheiten.

Sie hätte es krumm genommen, wäre ihre Jause verschmäht worden, und um die Gesellschaft festzuhalten, behauptete sie, es schütte, daß man keinen Hund vor die Tür jagen möchte.

Edi sagte: »Ich habe die neue Landau-Kalesche einspannen lassen, mag es regnen, so viel es will! Uebrigens wird gar nichts daraus. Ein kleiner Regen dämpft ein großes Gewitter, heißt es im Sprichwort.«

Es hatte wirklich aufgehört zu regnen, noch eh' etwas Rechtes gekommen war.

»Ich entscheide mich für die Jause,« erklärte Mießrigel, »Ich bleibe da und esse den Kuchen!«

»Ich auch,« sagte Beywald. »Zwar nicht den ganzen, aber wenigstens ein Stück, vorausgesetzt, daß Herr Mießrigel mir etwas übrig läßt.«

Susann klatschte vor Vergnügen in die Hände.

»Herr Mießrigel, Sie haben es gesagt. Sie müssen allein den ganzen Gugelhupf aufessen.«

Sie begünstigte Mießrigel seit einiger Zeit, und als Bethi einmal ihr Befremden darüber ausdrückte, gestand sie ein, daß es nicht aus Neigung geschah, sondern weil ihr Mießrigel so ungeheuer unterhaltsam vorkam. Er schmachtete in ihren Banden und sie konnte mit ihm anfangen, was sie wollte. Er war ihr Sklave. Das bereitete ihr Vergnügen, besonders weil sie fand, daß er nicht ernst zu nehmen sei und ein bißchen was Verrücktes an sich habe. Bethi ermahnte sie oft deswegen und erklärte es für häßlich, es so zu treiben, wie sie es mit Mießrigel trieb. Aber die übermütige kleine Name sagte mit der unbekümmerten Grausamkeit ihrer Schönheit und Jugend: »Laß ihn mir! Er macht mir Spaß! und du siehst doch, wie glücklich er dabei ist! Warum sollen wir nicht beide unsere Freude haben?«

Einmal sagte Bethi zu ihr: »Du kommst mir vor wie ein Afferl, das ich einmal in Schönbrunn gesehen habe. Es hatte als Spielzeug ein Karnickel im Käfig, das es malträtierte und an den Ohren zog. Geradeso treibst du es mit Mießrigel.«

Der nicht ganz unzutreffende Vergleich verfehlte aber die erziehliche Wirkung, die beabsichtigt war, denn Susann hatte nur unbändig darüber gelacht und nannte Mießrigel seither ihren Karnickel. –

Beywald lehnte mit Cajetana in den Rosen.

»Hören Sie mich, ehe Sie mich verurteilen! Ich wollte in den Salon treten, eine unbekannte magnetische Kraft muß es gewesen sein, die mich in ihre Nähe zog ...«

Man redete damals gern von magnetischen Kräften.

»Werden Sie mir verzeihen können? Ich bin ein rechter Tölpel gewesen.«

»Warum? Wenn es doch eine magnetische Kraft war! Was können Sie also dafür?«

Ihm fiel ein Stein vom Herzen, sein Auge ruhte mit Entzücken auf ihr. Sie war in eine Wolke von weißer Seidengaze gehüllt, der glockenförmige Rock des Ueberkleides mit schürzenartigem Bandbesatz aus rosa Atlas geschmückt. Die kurzen, weiten Aermel, die den schön geformten Unterarm freiließen, schlossen über dem Ellenbogen abermals mit rosa Atlasschleifen, und um den tiefen Ausschnitt des Kleides, der hinter zarten Tüllschleiern die Wölbung des jungendlichen Busens durchschimmern ließ, hatte sie eine sogenannte Stola umgelegt, eine Art verkümmerter Mantille aus reich mit Blumen besticktem Nesseltuch. So duftig und rein wie frischgefallener Schnee kam sie ihm vor, oder wie eine Kirschbaumblüte, die man kaum anzublicken wagt, aus Furcht, den unbeschreiblichen Hauch der Makellosigkeit, der darüber liegt, zu verscheuchen.

»Die magnetische Kraft, die den Menschen zieht – wissen Sie, wie man die nennt? Es war der Zug des Herzens, Cajetana, der mich in Ihre Nähe trieb! Darf ich sagen: Es war der Zug des Herzens?«

»Warum nicht? Von mir aus dürfen Sie es schon sagen. Wenn es nämlich wahr ist – verstehen Sie?«

Sie neigte ein wenig den Kopf mit den kunstvoll gekräuselten Lockenpolstern an den Schläfen und dem wie ein großer Schmetterling aufgebauten Turm von dunklen Haarflechten, der auf dem Scheitel ragte, und senkte den Blick zu Boden.

Er konnte nicht länger an sich halten. In der blumigen, etwas überschwenglichen Ausdrucksweise der Zeit, mit dem ganzen mythologischen Bilderreichtum, der ihm zur Verfügung stand, erklärte er ihr seine Liebe und nannte sie wohl ein halbdutzendmal ein »englisches Weib«, wobei er aber nicht an England dachte, sondern an die Engel. Und als ihm schließlich die Worte fehlten, erschrak er über seine eigene Kühnheit und bat kleinlaut um Verzeihung, daß er es gewagt, seine Wünsche bis zu ihr zu erheben. Sie lächelte beglückt, sie war ehrlich, es fiel ihr nicht ein, sich zu zieren.

»Aber gar nicht! Ich hab' Sie ja selber furchtbar gern! Schon längst! Schon seit einem halben Jahr beinahe! Wissen Sie, damals im Winter, wie bei uns zuhaus die Lampe heruntergefallen war und Sie mit einem einzigen Blaser das Feuer gelöscht haben – da, glaub' ich, war es, daß ich mich in Sie verguckt habe. Spaßig – was? Und die ganze Zeit her hab' ich mir immer gedacht: Bin doch neugierig, wann er endlich einmal den Mund aufmachen wird?«

Nun war er entzückt, redete, was man in solchen Fällen redet, und wurde gar kühn. Einen Kuß hätte er gern gehabt. So lange hatte er die Gelegenheit versäumt, sie zu lieben, jetzt kam's stürmisch über ihn. Wann er den ersten Kuß bekommen würde? fragte er ungeduldig. Das hieß denn doch ein bischen gar zu hitzig ins Zeug gehen! Schien er nicht auf einmal wie aus Rand und Band geraten? Aber im Grund gefiel es ihr. Das Bösetun wollte ihr durchaus nicht gelingen, ein verheißendes Lächeln wurde daraus. Sie blickte um sich.

»Hier vor allen Leuten geht es halt doch nicht!«

Michella lud zum Kaffeetisch, der auf der Veranda gedeckt stand, mit Rosen geschmückt. Beywald taumelte fast, so berauscht war er von seinem jungen Glück. Wie im Traum nahm er neben Cajetana Platz, verstand kaum, was um ihn herum gesprochen wurde, gab auf alles verkehrte Antworten, rührte mit der Zuckerzange, die er unversehens statt des Kaffeelöffels in der Hand behalten hatte, seine Tasse um und strahlte dabei unausgesetzt wie Sonnenschein. Mießrigel wurde von Susann mit Kuchen gestopft. Er ließ sichs gefallen und aß davon so viel er konnte, und hatte immer den Mund voll, teils um ihr eine Freude zu machen, teils Michella zu Gefallen. Er war entschlossen, sich bei der älteren Schwester für alle Fälle »ein Bilderl einzulegen«, wie man sagt, und versäumte die Gelegenheit nicht, beiläufig ein paar anerkennende Worte über den Kuchen fallen zu lassen; denn er dachte, was einem eine fürsorgliche Hausfrau vorsetze, dürfe man mit einer gewissen Delikatesse immerhin delikat finden, das schmeichle ihr im Grunde doch stets ein wenig.

Die Liebe machte Cajetana findig.

»Ach, der neue Fendi! Herr Beywald, haben Sie das neue herzige Bildchen von Fendi gesehen, das der Muschir gekauft hat? Ich muß es Ihnen zeigen!«

Sie sprang auf und eilte ihm voraus in den Salon. Er folgte ihr, sie führte ihn in eine geschützte Ecke, wo in goldenen Rahmen eine Gruppe von größeren und kleineren Bildern an der Wand hing.

»So,« sagte sie, »da haben Sie jetzt ihr Bussel!« und hielt ihm den Schnabel hin.

Er ließ sich nicht lange bitten, aber seiner Verliebtheit genügte der einzige Kuß nicht, er wollte deren mehrere haben. Indessen bemerkte sie, daß Finettl, der schwarze Familienpudel, dabeistand und alles gesehen hatte, da bekam sie einen roten Kopf. Beywald wurde ungestüm und versuchte sie an sich zu ziehen, aber sie wehrte sich.

»Nein,« sagte sie flammend, »Herr Beywald, jetzt hören Sie einmal! Ich habe mich nicht gespreizt oder hopataschi gestellt. Weil ich Sie nämlich wirklich gern hab'. Aber deswegen dürfen Sie nicht glauben, daß ich so eine bin, bei der man nur ›Haferl‹ zu sagen braucht! Alles was recht ist! Ihren Kuß haben Sie, jetzt benehmen Sie sich aber, wie es sich gehört, und bilden Sie sich ja nicht ein, daß es gar keinen Fendi gibt, und daß ich ihn nur erfunden hätt', damit wir in das Winkerl da kommen. O nein! Gar nicht! Ich bitte! Da hängt er, der Fendi! Schauen Sie sich ihn nur gut an! Wenn Sie gefragt werden, wie er Ihnen gefallen hat, so müssen Sie doch etwas darüber sagen können!«

Er sah es ein und vertiefte sich beschämt in die Betrachtung des süperben kleinen Genrebildes, das wie eine auf Elfenbein gemalte Miniatur mit spitzem Pinsel glatt und zierlich ausgeführt war. Hohe Zeit, daß er es tat, denn im nächsten Augenblick trat Edi ins Zimmer, um zum Aufbruch zu mahnen. Die Sonne war durch die Wolken gebrochen, über dem Gebirge schimmerte blaß und duftig, gerade daß man ihn noch sehen konnte, der farbige Schein eines Regenbogens.

Michella nahm sich der Mädchen an. Ein Fest für sie, wenn andere zum Tanz fuhren, da fühlte sie sich in ihrem Element. Susann hatte falsche Handschuhe erwischt, die zu eng waren, der Ausweiter wurde geholt, aber beim Ausweiten platzte ein Fingerling. Jetzt blieb nichts übrig, als daß sie die alten anzog, aber Michella mußte sie geschwind noch putzen. Cajetana fand im letzten Augenblick ihren Fächer nicht, und Michella kehrte in ihren Schubladen das Unterste zu oberst, um irgend einen verblichenen Ballfächer aus ihrer eigenen Tanzzeit zu suchen. Zu guter Letzt ging Susannen noch eine Haarmücke auf, die neu gerollt sein wollte, und als Cajetana, um dabei behilflich zu sein, sich bückte, riß ihr ein Bändchen an der Korsage. Michella mußte mit Nadel und Faden zu Hilfe eilen. Mit heißen Wangen schoß sie umher und hatte ihre Freude dran, daß es etwas zu schaffen gab. Vielleicht unterhielt sie sich besser dabei, als wenn sie mitgefahren wäre aufs patriotische Grazienfest beim Dommayer.

»Wenn nur die Michella sich abwursteln kann!« pflegte der Muschir zu sagen, der übrigens jetzt noch nicht da war, weil er immer erst des Abends mit den übrigen Geschwistern, die im Geschäft zu tun hatten, aufs Land hinauskam.

Endlich hatten die beiden Mädchen ihre schwarzen, mit rosenrotem Gros de Naples gefütterten Seidenmäntelchen um und wurden in die Kalesche gehoben. Jetzt erst tauchte die Frage auf, wo der Fünfte sitzen würde, denn im Wagen waren nur vier Plätze.

»Ganz einfach, ich setze mich zum Kutscher«, erklärte Edi.

»Nein!« entschied Susann. »Herr Mießrigel setzt sich hinten auf, das macht sich besser!«

Noch bevor Edi es verhindern konnte, war Mießrigel auf den erhöhten Bedientensitz geklettert, der an der Rückseite der Kalesche angebracht war.

»Brav so!« lobte sie ihn und reichte ihm über die Schulter zurück ihre Hand, die er stürmisch küßte, indem er sich von seinem Sitz etwas erhob und vornüberbeugte. Die Pferde zogen an, er setzte sich auf dem mit einem niedrigen Geländer umgebenen Lederpolster zurecht und kreuzte die Arme über der Brust, glücklich, eine Kleinigkeit von Susanns vollem Nacken vor sich zu erblicken, der zwischen Hut und Mäntelchen hervorlugte. Und war es auch nur ein ganz schmales Streifchen rosiger Haut mit dem Ansatz des glatt zum Himmel emporgestrichenen Blondhaars, ihn dünkte es doch ein wahrhaft kußliches Plätzchen, von dem er kein Auge wendete und das er in seinen Gedanken den »Thron der Charitinnen« nannte, eine Metapher, auf die er bei günstiger Gelegenheit ein ganzes Gedicht zu gründen beschloß. Denn er schriftstellerte im Geheimen, hatte die Spaziergänge des Wiener Poeten unter dem Kopfkissen liegen und machte gelegentlich sogar selbst Verse.

*

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.