Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Emil Ertl >

Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 28
Quellenangabe
pfad/ertl/freiheit/freiheit.xml
typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090714
projectid17fc2956
Schließen

Navigation:

Der Muschir war von den Ärzten aufgegeben. Doktor Patzenhauer hatte selbst die Einberufung eines Konsiliums verlangt, und die Kapazitäten stellten fest, daß die Entzündung beide Lungenflügel ergriffen hatte. Ein Blick, den sie miteinander wechselten, genügte, volles Einverständnis über die Prognose zwischen ihnen herzustellen: Moribundus!

Der Muschir arbeitete Tag und Nacht wie eine Maschine, an der der Hebel gebrochen ist, mit dem man sie abstellen kann. Entweder er leuchte wie ein Ertrinkender, stöhnte und rang nach Atem, oder er tobte und schrie, hatte es mit den Arbeitern zu tun, machte dem Webstuhlmechaniker Seyfried Vorwürfe, daß es mit den Kraftstühlen noch immer nicht klappe, und bildete sich ein, es brenne im Haus und Görgi sei bei ihm, um es gemeinschaftlich mit ihm zu verteidigen. Schon sein bloßes Umdrehen im Bette verursachte jedesmal ein kleines Erdbeben, und er blieb nicht eine Minute ruhig liegen, sondern warf sich unablässig von einer Seite auf die andere, daß alles krachte. Es war ein überaus langwieriges und geräuschvolles Sterben.

Julie pflegte ihn mit der Geduld und der Umsicht einer barmherzigen Schwester. Nur vom treuen Pappelmann ließ sie sich dabei unterstützen und zeitweilig ablösen. Es war rätselhaft, woher sie auf einmal die Kraft und Stärke nahm, sich aufrecht zu erhalten. Wer sie damals gesehen hatte, in Görgis früher Jugend, wie sie ängstlich hinter ihrem Kinde her war, jeden seiner Schritte zu bewachen und ihn sogleich in ihren Armen aufzufangen, wenn er hinfallen sollte, der hätte es nicht für möglich gehalten, daß sie den Tod des Knaben überleben würde. Und nun ging sie umher wie eine Gefeite, mit einem fast überirdisch festen und ruhigen Blick in den tränenlosen Augen.

»Der Zwang, den sie sich unausgesetzt auferlegt, muß sie schließlich aufreiben,« meinte Sephine, »sie zeigt eine wahrhaft heroische Selbstüberwindung, die niemand ihr zugetraut hatte.«

»Das kommt vor,« sagte Patzenhauer; »gerade bei zarten und empfindsamen Frauen. Die Angst ist eine negative Elektrizität, die den Mesmerismus latent hält. Wenn aber dann einmal das Unglück wirklich da ist und sie sich vor eine Aufgabe gestellt sehen, so schöpfen solche Gemüter oft ungeahnte Kräfte aus ihrem aufgespeicherten Vorrat.«

Bedeutend hoffnungsvoller sah es in der anderen Krankenstube aus. Poldi befand sich auf dem Wege der Besserung. Aber er sollte still liegen und nicht viel sprechen. Petz und Fred, die nichts helfen konnten und einsahen, daß sie hier überflüssig waren, beschränkten sich auf kurze Besuche, um sich zu überzeugen, daß es vorwärts gehe. Dann drückten sie ihm innig die Hand, saßen eine Zeitlang sorgend und liebevoll an seinem Bette und entfernten sich wieder. Die Politik warf ihre Netze nach ihnen aus. Zur normalen Tätigkeit fehlte es nicht bloß an Sammlung. Die Geschäfte stockten vollständig, und was weiter werden sollte, nachdem die Fabrik zerstört war, blieb vor der Hand unentschieden. Das Polytechnikum hatte seine Pforten noch nicht wieder geöffnet. Das neugeborene öffentliche Leben hingegen beanspruchte ihre Mitwirkung. Es war eigentlich alles erst im Werden, und das Wichtigste noch lange nicht getan. Der kurze Freudenrausch war rasch verflogen; nun sollte das Versprochene erst noch in Tat umgesetzt weiden. Schon tauchten Gerüchte auf, die Reaktion verrichte in aller Stille ihre Maulwurfsarbeit; man müsse auf seiner Hut sein, daß das Errungene nicht eines Tages zusammensinke wie ein Kartenhaus. So zog sowohl die Abneigung, die Tage müßig und zwecklos verstreichen zu lassen, wie auch das verruchte Mißtrauen, das allen Freiheitsfreunden als eine Erbschaft des verflossenen Systems gleich einer schleichenden Krankheit im Blute zurückgeblieben war, Petz und Fred neuerdings aus dem Hause, den Vater in die Vereine, den Sohn in die Aula.

Auf seinem ersten Wege durch die innere Stadt gewahrte Fred allenthalben die Anzeichen der neuen Zeit. Aufrufe an den Straßenecken, die eine seltsam kühne Sprache führten. Bewaffnete Studenten und Bürgerwehr auf den Wachposten – Polizei und Militär nirgends zu sehen. Viel Gesindel in allen Gassen, Weiber und Buben, die mit frechem Geschrei Flugschriften ausboten und verkauften. Die Buchhandlungen stellten Bücher und Broschüren zur Schau, die früher konfisziert gewesen und jetzt freigegeben waren, auch eine Menge Steinzeichnungen und Holzschnitte mit allegorischen Darstellungen oder Zerrbildern: Wie Büreaukraten, Pfaffen und Fledermäuse vor der Fackel der Freiheit das Weite suchten, bekannte Literaten den Sarg der Zensur trugen, während ein dienstfertiger Geist eine Ladung »Grenzboten« durch die weitgeöffneten »Gedankenzollschranken« hereinschleppte. In vielen Auslagefenstern bemerkte Fred das Bildnis eines Judenknaben mit weit abstehenden Ohren, den er nie gesehen hatte. Gedichte und Flugblätter, die darunter hingen, besagten, daß es Heinrich Spitzer sei, der »Heldenjüngling«, der »Vorkämpfer der Freiheit«, der am dreizehnten in der Herrengasse als erster den Opfertod erlitten habe.

In einem Buchladen m der Herrengasse, die er mit wunderlichen Gefühlen seit jenem dreizehnten zum erstenmale wieder betrat, fand er eine Nummer der Wiener Zeitung ausgehängt, worin der Kaiser den Studierenden der Universität und des polytechnischen Instituts die allerhöchste Zufriedenheit mit ihrer Haltung während der Tage der Not und Gefahr aussprach. Das las er mit Freude und Stolz und glaubte die Gewähr einer überzeugten Umkehr darin erkennen zu dürfen. Am Graben blieb er vor dem Schaufenster einer Kunsthandlung stehen, ein koloriertes Blatt fiel ihm auf, das den ehemaligen Staatskanzler ängstlich davonlaufend darstellte, ziemlich porträtähnlich und wohlgetroffen. Eine Inschrift darunter besagte: »Fürst Metternich, der unbeweglichste aller Staatsmänner, hat sich auf den RennwegAm »Rennweg« lag die Privatvilla Metternichs. begeben.« Ein zweites Blatt hing daneben, auf dem der Fürst im goldgestickten Staatsfrack und betreßten Zweispitz, mit einer ungeheuren Nase und einem Bündelchen am Arm eilfertig der Hauptstadt den Rücken kehrte, deren Basteien und Türme im Hintergrund der Landschaft aufragten. Die Legende darunter lautete: »Jede Konstitution fordert Bewegung.« Das alles mutete ihn so fremd und ungewohnt an, es kam ihm zynisch und ein bißchen gemein vor. In seinem hochschlagenden Herzen ließ die Freude über die neue Freiheit keinen Raum für wohlfeilen Hohn.

Während er die Bilder noch betrachtete, klopfte ihn jemand auf die Schulter; Student Tauß stand neben ihm.

»Ich habe Ihnen neulich unrecht getan,« sagte dieser, ihm die Hand reichend. »Es wäre in der Tat zwecklos vergossenes Blut gewesen, hätten wir die Hofburg gestürmt. Jeder muß Ihnen dankbar dafür sein, daß Sie uns davon abhielten. Vergessen Sie die Worte, zu denen ich mich in der Aufregung hinreißen ließ!«

»Herzlich gern,« sagte Fred, die dargebotene Hand schüttelnd. »Wir haben beide dasselbe gewollt, nur bezüglich der Mittel waren wir verschiedener Meinung. Der Sieg ist unser, es soll keine Verstimmung zwischen Kommilitonen zurückbleiben. Übrigens wäre zu wünschen,« bemerkte er, indem er lächelnd auf die ausgestellten Blätter wies, »daß die Göttin der Freiheit ihren Geist ein wenig anstrengte und bessere Witze zur Welt brächte.«

»Das Wortspiel mit dem Rennweg ist natürlich von Saphir. Der alte Jud' macht nach dem dreizehnten März dieselben faden Witze wie vor dem dreizehnten. In der Hinsicht ist die Revolution wirkungslos geblieben. Bloß daß er sich jetzt an die gestürzten Machthaber von ehedem herantraut. Da gehört aber Courage dazu, einem toten Hund noch einen Fußtritt zu versetzen! Soll er lieber über das neue Ministerium Witze machen!«

»Haben wir ein neues Ministerium?« fragte Fred gespannt.

»Wissen Sie es noch nicht? Es ist geboren! Drei Grafen und zwei Barone zieren es. So spottet man des Volkes!«

Und während sie gemeinsam ihren Weg fortsetzten, sagte Tauß noch: »Es sind dieselben Bureau- und Aristokraten wie früher, nur daß sie sich jetzt Minister nennen. Dem Baron Pillersdorf sagt man freilich nach, daß er liberal sei, aber ein altösterreichischer Beamter ist er halt doch!«

Am Stock-im-Eisen stieß der Student Sturz zu ihnen, der schon den flotten, federngeschmückten Stürmer trug, wie ihn der junge Bildhauer Gasser für die Studenten ausgedacht hatte. Er sah schmuck genug darin aus, trotz der Brille, mit seinem golden wallenden Haar und dem vollen blonden Bart. Während sie über den Stefansplatz gingen, schaute er angelegentlich nach dem Turm hinauf und wechselte mit Tauß ein paar halblaute Bemerkungen. »Glaubt mir, Brüder,« sagte er schließlich, »wenn wir Studenten das Heft nicht in der Hand behalten, so bleibt die ganze Konstitution auf dem Papier!«

Fred erschrak.

»Das wäre empörend! Was ist vorgefallen? Erzählen Sie, ich bin nicht auf dem Laufenden. Traurige Familienereignisse hielten mich ab, auf die Aula zu kommen.«

»Ich meine es nur im allgemeinen,« antwortete Sturz. »Das neue Ministerium bietet keine Gewähr für die Freiheit und besitzt unser Vertrauen nicht. Was sich sonst ereignet hat, ist bald erzählt. Ein paar Metternichmarionetten sind, was eigentlich selbstverständlich ist, in der Versenkung verschwunden: Der Bürgermeister Czapka und der Graf Sedlnitzky. Ein Gemeindeausschuß von Bürgern leitet inzwischen die Geschäfte der Stadt, Ihr Herr Vater ist auch hineingewählt; hoffentlich erinnern sich die Herren, daß die Wiener ein altes Recht darauf besitzen, ihren Bürgermeister selbst zu kiesen. Der Abgang Sedlnitzkys wird uns wenig nützen, kommt halt ein anderer Haslinger.Die Polizisten trugen im Vormärz einen Haselstock. Das wichtigste für uns bleibt, daß die ungarische Reichstagsdeputation mit ihren Juraten in Wien gewesen ist.«

»Eine Abordnung der Ungarisch-Liberalen?«

»Der Kossuth,« sagte Tauß, »hat dem Hof ein selbständiges Ministerium für Ungarn abgetrotzt. Wir riefen ›Eljen!‹, wo wir eine dieser edlen und mutigen Magyarengestalten erblickten.«

»Ein selbständiges Ministerium für Ungarn?« rief Fred erstaunt. »Bei diesem Eljen hätt' ich nicht mitgetan! Das heißt ja zu deutsch: Ungarn ist keine Provinz mehr, sondern ein Reich für sich? Das heißt zu deutsch: Die Monarchie ist in zwei Stücke zerschlagen! Haben wir dafür unser Blut zu Markte getragen?«

»Spintisieren Sie nicht!« sagte Tauß. »Es handelt sich jetzt bloß um die Freiheit, alles andere wird sich finden. Die Magyaren verstehen sich von altersher auf konstitutionelle Einrichtungen. Sie werden sich eine liberale Verfassung geben, mit einem richtigen Parlament und allem, was dazu gehört. Dann mag des Teufels Großmutter in eigener Person kommen, sie wird uns unsere Konstitution nicht mehr wegeskamotieren können!«

»Das Reich zerschlagen!« klagte Fred, von der unerwarteten Nachricht noch immer angedonnert. »Das haben wir doch nicht gewollt?«

»Gewollt oder nicht,« entgegnete Tauß; »jedenfalls sind wir unschuldig daran. Als ob das bissel Rummel, das wir verbrachten, genügen würde, ein Reich zu zerschlagen! Das System ist schuld daran! Hätte man der Monarchie vor dreißig Jahren eine freiheitliche Konstitution gegeben, so gäbe es heute kein selbständiges ungarisches Ministerium! Das ist oft so, daß der Anlaß mit der Ursache verwechselt wird; ich verwahre mich dagegen vor der Weltgeschichte: Wenn Österreich zerfällt, so mag die Revolution der Anlaß sein; die Ursache ist die bornierte Schulmeisterei, die man seit Menschengedenken bei uns Staatskunst nennt! Sie hat die Völker zu boshaften Schulbuben gemacht, die vom Lehrer und der Schulstube nichts mehr wissen wollen und am liebsten auseinanderlaufen möchten!«

»Das verhüte Gott!« sagte Fred. »Unter der Ägide der Freiheit werden sie zu Männern reifen und einsehen lernen, daß ein einiges, großes und mächtiges Österreich eine Notwendigkeit ist.«

»Die Freiheit allein tut es auch nicht,« sagte Sturz. »Das Deutschtum muß stärker betont werden, es ist neben der Dynastie das einzige Bindemittel. Die Provinzen, die deutsches Bundesgebiet sind, müssen eine engere Verbindung mit dem Reiche suchen, um den fremdsprachigen Nationen das Gegengewicht zu halten. Wir sind bisher alle schwarz-gelb gewesen trotz dem dreizehnten März! Schwarz-rot-gold muß unser Banner sein! Vor wenigen Tagen erst hat der Bundestag diese heiligen Farben zu den seinigen gemacht, eine Nationalvertretung aller deutschen Lande wird in Frankfurt zusammentreten. Wir haben bisher nur immer von der Freiheit im allgemeinen gesprochen. Die deutsche Freiheit ist es, die ich meine!«

Sie waren von der oberen Bäckerstraße auf den Universitätsplatz eingebogen, wo dicht gereiht die bewaffneten Studenten standen, nach Fakultäten geordnet, mit ihren Professoren und Rottenkommandanten. Auch eine zahlreiche Geistlichkeit hatte sich versammelt. Eben schlug die Glocke von der Jesuitenkirche die zwölfte Stunde, da ordneten sich die Reihen zu einem Zuge, sechs Mann hoch jedes Glied, Trauerfahnen voraus, unter dem Wirbel der mit schwarzen Floren umschleierten Trommeln. Fred, Tauß und Sturz eilten in das Universitätsgebäude, um aus einem der Hörsäle, der als Zeughaus diente, ihre Waffen zu holen und sich anzuschließen.

»Sind es die Opfer der Revolution, die heute begraben werden?« fragte Fred.

»Nur die fünfzehn vom dreizehnten März,« erklärte Tauß, »die in der Herrengasse, auf dem Glacis und auf dem hohen Markt vom Militär erschossen oder erstochen wurden. Zwei Frauen darunter und zwei Studenten: Ein Techniker und ein Humanitätsschüler.«

Als sie wieder herunter kamen, stand Mießrigel da, in elegantem schwarzen Anzug, den hohen Zylinder mit Flor umwickelt, eine schwarze Schärpe quer über der Brust. Die Pistole und den Türkensäbel hatte er inzwischen einem Trödler verkauft, um sich neu auszustaffieren. Ob er sich anschließen dürfe? fragte er; er sei als Vertreter der Presse da.

Alle vier gingen sie nebeneinander im Zuge. Die Studenten betrachteten Mießrigel verwundert von der Seite.

»Vertreten Sie eine Zeitung?« fragte Tauß.

»Die ›Konstitution‹,« sagte Mießrigel.

»Von diesem Blatte habe ich nie gehört!«

»Das will ich glauben. Sie werden aber noch davon hören. Die erste Nummer erscheint erst in wenigen Tagen.«

»Welche Richtung vertritt die neue Zeitung?« fragte Sturz.

»Die einzig richtige Richtung natürlich! Verhütung der Reaktion, Niederhaltung des Militarismus, Bekämpfung der Kamarilla, Ausrottung der Pfaffen, Hinrichtung der Büreaukraten, Guillotinierung aller Volksfeinde! Mein Chef, Herr Leopold Häfner, der Herausgeber der ›Konstitution‹, ist verkrüppelt und verwachsen, das sagt genug. Er wird seinen Buckel an allen rächen, die keinen haben!«

Sturz sah ihn wieder von der Seite an und schwieg.

Nach einer Weile wendete er sich leise an Fred: »Was ist das für eine Gattung Mensch? Kennen Sie ihn? Ich erinnere mich, daß wir ihn einmal für einen Naderer hielten?«

Fred zuckte die Achsel.

Im Hofe des allgemeinen Krankenhauses angelangt, gruppierten Nationalgarden, Legionäre und Vereine sich um die kleine Kapelle, in der die Geistlichkeit die Einsegnung der Leichen vornahm. Die Feierlichkeit war schnell vollzogen, die Särge wurden herausgetragen, und auf die bereitstehenden Leichenwagen gehoben. Etwas abseits, bei den zwei rohen fichtenen Särgen, die die Leichen der gefallenen Juden enthielten, stand der Rabbiner im schwarzen Ornat, der zu zögern schien. Fred sah, wie ein wohlbeleibter katholischer Priester im weißen Chorhemd lebhaft auf ihn zuschritt.

»Verehrter Herr Kollege,« rief er, »wir sind hier alle in demselben Amte, um denen, die für die Freiheit gefallen sind, die letzte Ehre zu erweisen. Wollen Sie mir die Freude machen, sich uns anzuschließen? Warum sollen Altes und Neues Testament sich nicht unter der Fahne der Freiheit zusammenfinden?«

Der Zug setzte sich in Bewegung, und man erlebte das noch nicht gesehene Schauspiel, daß ein katholischer Priester und ein Rabbiner nebeneinander hinter den Särgen herschritten.

Auf seine Frage nach dem katholischen Geistlichen erfuhr Fred, es sei Pater Füster, der Professor der Religionswissenschaft an der Universität, welcher für den wärmsten Freund der Studenten und der Freiheit galt. Schon vor dem dreizehnten sollte er den Universitätshörern von der Kanzel herab zugerufen haben, dem Geist Gottes, der durch die Zeiten wehe, könne keine Erdenmacht widerstehen, und für das Vaterland dürfe ihnen kein Opfer zu groß sein!

Fred hatte das lebhafte, feurige Wesen des zu derber Körperfülle neigenden Universitätspaters Wohlgefallen; wie denn die Jugend gerne ihre Neigung solchen Männern zuwendet, die, rasch und gerade heraus, keine Bedenklichkeiten kennen. »Er macht den Eindruck,« sagte er, sich den Kommilitonen anschließend, »als sei er aus demselben kernig-bäuerlichen Holze geschnitzt wie ein Gregor der Große oder ein Luther.«

»Er wird auch im Exil sterben wie Gregor, oder sich aufhängen wie Luther,« sagte Mießrigel. »Außer es hätten die Inder recht, die sich einbilden, es sei jedem Menschen eine bestimmte, knappe Anzahl von Wörtern zugemessen, und wenn er die gesprochen, müsse er sterben. Denn wenn dieser Glaube richtig ist, so wird der Füster nicht alt, und es muß ihn der Schlag treffen, noch ehe die Reaktion ihm den Brotkorb höher hängt.«

»Bei ehrlichen Menschen,« sagte Fred scharf, »die aus ihrer wahren Überzeugung heraus sprechen, werden zehn Wörter für eines gerechnet werden.«

Es war ein Leichenzug, wie Wien ihn noch nicht erlebt hatte. In unübersehbarer Ausdehnung entwickelte er sich über die Glacis. Bürgergrenadiere und Scharfschützen, weißgekleidete Mädchen, Arbeiter und Musikbanden, die Geistlichkeit, die fünftausend Studenten in Waffen, die Humanitäts- und Gymnasialschüler, der juridisch-politische Leseverein und hundert andere Korporationen, die rasselnden Geschütze der Bürgerartillerie, die vierspännigen Leichenwagen in der Mitte, von Blumen und Fackeln und Uniformen der Nationalgarden umgeben, und über den Köpfen der ernst Dahinziehenden die flatternden Fahnen mit ihren Aufschriften, die Loyalität und Ordnungsliebe ausdrückten oder die Schlagwörter des Tages wiederholten: »Ferdinand!« »Standrecht für Raub und Brandlegung!« »Freiheit und Ordnung!« »Preßfreiheit und Konstitution!«

Eine ungeheure Menschenmenge bildete den ganzen Weg entlang Spalier, lautlos, mit entblößten Häuptern, und auf dem Exerzierplatz vor dem Franzenstor stand die ganze Garnison in Paradeausrückung und präsentierte. Auch das Pionierbataillon, das damals die Herrengasse gesäubert, und die Grenadierabteilung, die auf dem hohen Markt eine Salve abgegeben hatte, waren kommandiert, den Gefallenen die letzte Ehre zu erweisen. Die Studenten erblickten hierin ein vollständiges Kapitulieren der Militärgewalt vor dem Volke, und Tauß sagte ingrimmig: »Das sollen unsere Offiziere und Generäle sich nur hinter die Ohren schreiben, daß mehr Heldenmut dazu gehört, für die Freiheit zu sterben, als auf Unbewaffnete schießen zu lassen.«

»Es ist merkwürdig,« sagte Mießrigel, »daß die Menschen die großen Männer immer erst erkennen, wenn diese tot sind. Der Strumpfwirker und der Spenglergehilfe, das alttestamentarische Jüngelchen und der Bäckerlehrling, die wir da zu Grabe geleiten – wer hätte geahnt, daß sie Helden waren? Nicht einmal sie selbst! Sie liefen einfach dem Lärm nach, wie viele andere auch, um nachzusehen, was eigentlich los sei. Erst der Umstand, daß die wahllosen blauen Bohnen sich gerade in ihre Brust verirrten, belehrt uns darüber, daß wir es mit verkappten Freiheitshelden zu tun hatten. Nun ergeht es ihnen, wie es allen wahren Helden ergeht: Die Verehrung, die wir ihnen zollen, kommt zu spät. Hätten wir bei ihren Lebzeiten erkannt, was wir an ihnen besaßen, so hätten wir den Strumpfwirker und den Spenglergehilfen zu Ministern, den Bäckerlehrling zum Bäckermeister und den Bocher wenigstens zum Oberrabbiner ernannt.«

»Spotten Sie nicht so unflätig,« sagte Sturz strenge. »Wir wissen ganz gut, daß die Ehre, die wir den Toten erweisen, nicht ihrem persönlichen Wert gilt. Wir bestatten sie mit so viel Feierlichkeit, weil jeder von uns statt ihrer in einem dieser Särge liegen könnte, hätte der Zufall es gewollt, und weil wir ihrem Schicksal Mitleid und Ehrerbietung schuldig sind; vielleicht umsomehr, je harmloser und unschuldiger die Opfer fielen, die unser Ringen um die Freiheit forderte.«

»Dann sollte man aber auch den jungen Spitzer nicht in Wort und Bild als einen Heldenjüngling feiern,« murrte Mießrigel.

»Das tun seine Glaubensgenossen, die sich enttäuscht fühlen, daß von der Gleichstellung der Konfessionen noch immer nichts verlautet. Wollen sie es den vielen intelligenten Juden, die sich in den letzten Tagen um die gute Sache verdient gemacht haben, verargen, daß sie auch an die Emanzipation der Juden denken, wenn sie von der Freiheit sprechen?«

»Die ganze Revolution mauschelt!« sagte Mießrigel.

»Sei nicht engherzig!« mahnte Fred. »In einem Staat, der zeitgemäße Reformen anstrebt, wäre es doch auch ein Widersinn, Bestimmungen aufrecht zu erhalten, die den Juden auf Schritt und Tritt Prügel zwischen die Füße werfen! Ich gesteh' es offen, das beschämt mich immer, wenn ich daran denke. Es sieht rein aus, als trauten wir uns die Tüchtigkeit nicht zu, auf gleich und gleich neben ihnen zu bestehen, und müßten deshalb zu Gewaltmitteln unsere Zuflucht nehmen. Das ewige Niederhalten stärkt auch nur den Groll und entwickelt schlimme Eigenschaften. Den Metternich sind wir los, sollen wir jetzt zu kleinen Metternichen gegenüber den Juden werden? Das wäre die rechte Freiheit nicht und eine Todsünde an ihrem Geist!«

»Sie haben recht,« sagte Sturz. »Gleichheit und Brüderlichkeit jedem Mitstreiter, der sich zu Deutschtum und Freiheit bekennt!«

Auf dem Schmelzer Friedhof überflutete ein warmes, sehnsüchtiges Erinnern Freds Gemüt. Hier lagen seine Voreltern begraben, die Leodolterischen in stattlicher Familiengruft, daneben unter schlichten Rasenhügeln die Ahnen von der mütterlichen Seite, soweit er von ihnen wußte, der Urgroßvater aus der Kaiserstraße, den sie den »Groben Schroll« genannt hatten, wegen seines einsamen und wuchtigen Wesens, und der Urgroßvater aus dem »Blauen Guguck« in der Zieglergasse, von dem erzählt wurde, daß er anno neun vom Linienwall mit einer alten Arkebuse auf die Franzosen habe schießen wollen. Die wußten alle nichts von ihm in ihrer kühlen Erde und hatten nie etwas von ihm gewußt, und lebten doch fort in ihm und kämpften durch sein Herz und seine Hand für die neuen Ideale einer neuen Zeit, von denen sie gleichfalls nichts wußten und nie etwas gewußt hatten. Alle waren sie Seidenweber gewesen, ehrbare und biedere Geschäftsleute, die treu und fleißig ihrem Handwerk lebten, und vielleicht hätte das verheißungsvolle Flügelrauschen des Zeitgeistes sie nur erschreckt, wenn sie hätten aufstehen können aus ihren Gräbern. So wollte es das Gesetz der Verjüngung, daß das fortgeerbte Blut sich wieder neuen Zielen zuwandte und immer wieder nach neuen Höhen ausblickte ...

An der offenen Grube, die den Gefallenen zur gemeinsamen Ruhestätte dienen sollte, ergriff zuerst der Rabbiner das Wort. Er forderte abermals Mießrigels Spott heraus, wie er den beiden Glaubensgenossen, dem kleinen Spitzer und dem jüdischen Drechslergesellen, ehrende und vielleicht allzuhoch klingende Worte nachrief: Sie hätten sich als Sprößlinge aus dem heldenmütigen Stamme bewährt, aus welchem Ehut und Simson, David und Jonathan entsprungen und die ritterlichen und glorreichen Makkabäer hervorgegangen seien! Aber die Ergriffenheit und Begeisterung der übrigen Zuhörer fand nichts Übertriebenes in solchen Dithyramben; man kannte keine Scheidemünze des Wortes in jenen Tagen und war gewohnt, großmütig, wie es Siegreichen und freigebig, wie es Glücklichen so wohl ansteht, bei jeder Gelegenheit die schwersten Goldstücke des Ausdrucks verschwendet zu sehen. Und als nun erst Pater Füster das Wort ergriff und seine volkstümliche Beredsamkeit auf die Gemüter wirken ließ, da blieb kein Auge trocken, sogar Mießrigels Auge nicht, und aus der offenen Gruft der Toten, dieser stummen, gleichgiltigen, namenlosen Zufallsopfer, erhob sich in Riesengröße der Gedanke, für den sie unbewußt verblutet hatten, und segnete Österreichs Jugend mit seinem heiligen Feuer.

Weithin klang die Stimme des kühnen Priesters: »Heil ihnen! Sie starben den schönsten Tod, den Tod fürs Vaterland! Heil ihnen! Sie starben für eine große Idee und künden die Herrlichkeit und Siegeskraft der Ideen! Sieget ihr heiligen Ideen! ... Es siege die Wahrheit, die Himmelstochter, bei deren Namen die Herzen im Hochgefühle schlagen! Es siege das Recht, das unveräußerliche, dem Menschen angeborene, vor Gott geheiligte Recht! Es siege die Freiheit, die Schwester des Rechts, die Schwester des Friedens und der Liebe! ... «

Er hielt inne und trat einen Schritt zurück und breitete die Arme aus, als ob er die ganze Stadt, das ganze Vaterland segnen wollte ...

»Und du, Mutter Erde! Bewahre die Samenkörner, die wir dir anvertrauen! Trage die himmlische Saat, die aus ihnen erwachsen muß, aus ihnen erwachsen wird! Verkünde es weit hinaus, du heilige Stätte, auf der wir weilen, das Wort des ewigen Meisters: Eine größere Liebe hat niemand, als wer das Leben gibt für die Brüder!«

Fred hob den Blick und sah den klaren, sonnigen Vorfrühlingshimmel über dem Friedhof leuchten; und sah im Abendglanz die Höhenzüge des Kahlenberges und des Leopoldsberges erglühen, der ewigen Zeugen und treuen Wächter dieser herrlichen, uralten deutschen Stadt. Und er streckte die Hände aus und vereinigte sie in stummer Ergriffenheit mit den Händen seiner Kommilitonen: Ein heiliges Gelöbnis, über dem Errungenen zu wachen und die Waffen nicht eher aus der Hand zu legen, als bis es gegen jede Gefahr gesichert und den Volkswünschen getreu dauernd befestigt wäre!

*

 << Kapitel 27  Kapitel 29 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.