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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 27
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
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Am andern Tag gegen Mittag begab Mießrigel sich nach der Aula, um nachzusehen, was es Neues gebe. Er traf Fred auf dem Universitätsplatz, wie er eben seine Rotte ordnete, bereit auszumarschieren.

»Wo bist du gestern auf einmal hingekommen?« rief Fred ihm entgegen. »Ich suchte dich vergebens, nachdem wir vom Josefsplatz zurückgekehrt waren.«

»Wo werd' ich hingekommen sein? Nach Haus gegangen bin ich, ausschlafen. Auf denselben glorreichen Gedanken wirst hoffentlich auch du verfallen sein. Was gibt es Neues auf dem Braunhirschengrund?«

»Ich bin seit dem Morgen des dreizehnten nicht mehr zu Hause gewesen,« sagte Fred. »Diese Nacht kampierte ich mit vielen anderen, die es ernst meinen, in einem Hörsaal.«

Mießrigeln waren durch seine Mutter Gerüchte zu Ohren gekommen von bösen Dingen, die sich auf dem Braunhirschengrund vor dem Leodolterischen Fabriksgebäude ereignet haben sollten. Aber er glaubte nicht recht daran – wenn man allen Unheilkrächzern, die Schreckensgerüchte herumtrugen, hätte glauben wollen! Der Wachposten, den Fred in jener Nacht im Garten des Fabriksgebäudes ausgestellt, hatte keine Meldung erstattet und das Studentenfähnlein nicht zu Hilfe gerufen. Allerdings war er überhaupt nicht mehr erschienen, Mießrigel wenigstens hatte ihn seither nicht wieder gesehen. Aber es war nichts Ungewöhnliches und kam öfter vor, daß Freiheitshelden sich einfach drückten und nicht mehr zum Vorschein kamen. Auf alle Fälle wollte er Fred nicht unnötig beunruhigen.

»Da wird aber den Tanten im ›Goldenen Stuck‹,« sagte er scherzend, »das Heizerl klopfen, wenn sie sich nicht erklären können, wo ihr Fred bleibt.«

»Sie werden sich in Geduld zu fassen wissen. Übrigens traf ich gestern auf dem Josefsplatz für einen Augenblick mit dem Vater zusammen und sagte ihm, daß ich nicht eher nach Hause kommen würde, bis nicht der Sieg endgültig unser ist. Aber es wird Zeit, daß wir abmarschieren! Beeile dich, bitte, und hol' rasch deine Trommel!«

»Die ließ ich gestern in der Aula in einem Winkel stehen,« sagte Mießrigel; »irgend ein Volksheld wird sie inzwischen gestohlen haben. Es ist auch kein Schad' um sie, das Kalbfell war durch, es ist für die Freiheit geborsten. Übrigens brauch' ich keine Trommel mehr, ich tue ohnedies nicht mehr mit. Ich bin Volkswehrmann und Beamter der Zensurhofstelle gewesen; die Volkswehr ist aufgehoben, die Zensur ist abgeschafft, ich existiere eigentlich gar nicht mehr. Was soll ich da noch trommeln?«

»An die Stelle der Volkswehr ist die Nationalgarde getreten,« sagte Fred.

»Eben deshalb! Die Nationalgarde soll es jetzt machen. Ich habe das Meinige zur Befreiung der Völker beigetragen und in den letzten achtundvierzig Stunden getrommelt wie ein Held. Jetzt haben wir die Freiheit in der Tasche, jetzt will auch ich ein wahrhaft freier Mann sein und nach meinem eigenen Kommando marschieren. Ich ziehe mich ins Privatleben zurück und bitte mich von nun ab nur mehr als Hospitanten zu betrachten.«

Fred warf ihm einen strenge prüfenden Blick zu, kommandierte: »Vorwärts marsch!« und setzte sich mit seinem Fähnlein gegen die Bäckerstraße in Bewegung. Andere Studentenrotten zogen voraus, andere folgten.

»Wohin marschiert ihr eigentlich?« fragte Mießriegel, der, seiner neuen Freiheit froh, gemächlich neben ihm hertrottete.

»Auf den Kohlmarkt, Spalier bilden. Der Kaiser wird sich seinem Volke zeigen und eine Spazierfahrt durch die Stadt unternehmen.«

»Ich hatte also doch eine gute Nase, als ich meine Trommelschlägel hinlegte und mich in den wohlverdienten Ruhestand zurückzog. Zu Repräsentationspflichten bin ich verdorben. Das trefft ihr auch ohne mich!«

»Du bist in Irrtum,« entgegnet Fred, »wenn du meinst, daß wir fertig wären und die Freiheit in der Tasche hätten. In dieser Nacht erst ließ Fürst Windischgrätz ein Plakat an allen Straßenecken anschlagen, wodurch der Belagerungszustand über Wien verhängt werden sollte. Wir verbrannten den Wisch in der Aula, und nur dadurch, daß wir durch Professor Hye einen Druck auf den Fürsten ausübten und ihm zu verstehen gaben, daß wir zum Äußersten entschlossen wären, wurde das Unheil abgewendet. Unseren schönen Augen zulieb hat er nicht nachgegeben, und kalten Blutes würde er seine Kanonen gegen uns auffahren lassen, wenn er nicht ebensogut wüßte wie wir, daß die Garnison zu schwach ist. Auch haben wir Grund zu argwöhnen, daß man in aller Eile aus Prag Verstärkung heranzieht und uns nur noch ein paar Tage hinhalten will, um dem Volke dann, statt mit ein paar windigen Konzessionen, mit Kartätschen zu antworten. Darum dürfen wir jetzt nicht locker lassen, eine Konstitution muß gewährt werden, ehe neues Militär in Wien eintrifft! Noch immer ist der Kaiser von Ratgebern umringt, die keine andere Sprache verstehen als die der Gewalt. Darum sind wir entschlossen, die Hofburg zu stürmen, wenn nicht heute noch die Proklamierung der Konstitution erfolgt. Ich bin frühmorgens im Bürgerspital gewesen, dort liegen sechzig entstellte Leichen mit Tannenreisig geschmückt, Deutsche und andere Nationen, Christen und Juden, Arme und Wohlhabende. Das Blut, das geflossen ist, darf nicht verloren sein, es ist der Kitt, der im neuen Österreich alle Völker, alle Konfessionen, alle Stände zu einer freiheitlich organisierten Gemeinschaft verbinden wird. Und wenn man dieses Blut heute noch nicht für ausreichend halten sollte zu dem Bau, den wir aufführen wollen, so sind wir bereit, Ströme neuen Blutes zu vergießen.«

»Fix noch einmal,« rief Mießrigel, »jetzt gift' ich mich aber, daß ich meine Trommel nicht da hab'! Warum hast du mir das nicht früher gesagt? Wie wollt ihr die Hofburg stürmen, wenn ich nicht ›Sturm‹ dazu trommle? Eine richtige Konstitution ist noch gar nicht gewährt worden, darauf hätt' ich beinah' vergessen; gut, daß du mich daran erinnerst! Was ist denn das bißchen Einberufung von Landständen? Konstitution muß es heißen! Schwarz auf weiß! Selbstverständlich! Eher geben wir keinen Frieden!«

Sie waren aufs Lugeck eingebogen, es ging jetzt nur ganz langsam vorwärts. Die Straßen füllten sich immer mehr mit Neugierigen. Bürgermilitär, Nationalgarden, Studentenrotten drängten sich an einander vorbei, um die ihnen angesagten Stellungen zu beziehen.

Ein Straßenjunge zupfte Mießrigel am Ärmel und bot ihm Waffen zum Kaufe an, die er unter seiner zerrissenen Jacke verborgen hielt. Mießrigel sah, als der Junge seine Lumpen zurückschlug, einen türkischen Säbel und eine eingelegte Reiterpistole hervorgucken und fragte nach dem Preis. Der jugendliche Gauner verlangte fünfzig Gulden W. W. für jedes Stück, ging aber, als Mießrigel feilschte, rasch auf fünf Gulden für beide herunter und machte sich eilig aus dem Staub, sobald Mießrigel die Waffen an sich genommen und ihm das Geld eingehändigt hatte.

»Verfluchtes Gesindel!« sagte Fred. »Das sind gestohlene Waffen aus dem bürgerlichen Zeughaus, du mußt sie natürlich zurückstellen.«

»Das werden wir uns noch überlegen,« meinte Mießrigel. »Vorderhand und so lange das Schwert des Windischgrätz über unserem Haupte schwebt, hat jedermann das Recht, sich Waffen zu nehmen, so er sie kriegen kann. Übrigens wüßte ich nicht, wie es einem Gassenbuben hätte gelingen sollen, Waffen aus dem bürgerlichen Zeughaus zu entwenden.«

»Du weißt wohl nicht, daß die Proletarier gestern das Zeughaus gestürmt haben?«

Mießrigel staunte.

»Die Proletarier? Das ist mir neu!«

»Es war bald, nachdem du uns abhanden gekommen warst,« erzählte Fred. »Der Bürgeroffizier, der die kleine Wachabteilung im Zeughaus kommandierte, schicke nach mir und ließ mich bitten, ihm zu Hilfe zu eilen. Es waren Tausende von Proletariern am Hof angesammelt, die nach Waffen schrien, ich konnte keinen Grund einsehen, warum man ihnen die Bewaffnung verweigerte? Sie sind die einzigen vollkommen verläßlichen Bundesgenossen, die wir Studenten heute besitzen. Das stellte ich dem Kommandanten der Bürgerwache vor, ohne ihn indessen überzeugen zu können.«

»Hör Fred,« sagte Mießrigel, »du nimmst es gar zu ernst mit der Freiheit! Dieselbe Bande, die uns auf dem Braunhirschengrund so viel zu schaffen machte, wolltest du noch mit Waffen versehen?«

»Unter der Voraussetzung, daß sie diese Waffen in den Dienst der guten Sache stellen! Schon dieses Vertrauen allein hätte die Leute auf eine menschlichere Stufe emporgehoben. Wer trägt Schuld daran, daß sie die neue Freiheit so verstehen, als hätten sie jetzt einen Freibrief, zu sengen und zu plündern? Das alte System allein, das sie in Unbildung und Roheit niederhielt, statt sie zu Menschen und aufgeklärten Staatsbürgern zu erziehen! Nur der Mut des Glaubens an das Gute in den Menschen macht sie wahrhaft frei und reif und weckt das Gefühl der Verantwortung. Auch dieses stellte ich dem Kommandanten der Bürgerwache vor, er lächelte aber nur und meinte, ich sei ein Idealist und Schwärmer. Noch während er über mich spottete, legten die Proletarier eine Leiter an und stiegen durch ein zertrümmertes Fenster des ersten Stockwerkes in die Säle. Unter den vordersten sah ich den Pölzl Heinrich, einen der Unzufriedenen aus unserer Fabrik, und den Götsch Schani, der sich auf dem Braunhirschengrund so wild gebärdet hat. In der Menge unten stand Leb Pinkas, der vielleicht die Seele des Ganzen war, harangierte die Leute und hielt den Emporkletternden eigenhändig die Leiter. War es nun besser, daß sie sich die Waffen selber holten, daß sie, gereizt durch den langen Widerstand, sogar die Bürgerwache bedrohten, die sich darauf beschränken mußte, wenigstens die historischen Trophäen vor Verschleppung zu schützen, was ihr nur höchst ungenügend gelungen ist, wie dein Waffenkauf lehrt. Kunt und bunt warfen sie alles durcheinander, und jeder suchte sich heraus, was ihm gerade anstand. Und als schließlich ein falsches Gerücht, Militär rücke an, ihnen Schrecken einjagte, schmissen sie ganze Haufen von Gewehren, Säbeln, Pistolen und Patrontaschen zu den Fenstern hinaus auf die Straße, wo der Pöbel, Arbeiter, Hökerinnen und Gassenbuben sich darum balgte.«

»Man sollte die Szene,« meinte Mießrigel, »durch den Stift eines Künstlers verewigen lassen und darunter schreiben: Freiheit, Gemeinheit und Zuchtlosigkeit.«

»Und doch,« sagte Fred schmerzlich bewegt, »ruhen unsere Hoffnungen auf den niederen Volksschichten. Was haben wir bisher erreicht? Die Nationalgarde, die den meisten nichts weiter bedeutet als eine Art Sicherheitspolizei, und die Aufhebung der Zensur, die noch lange keine Preßfreiheit garantiert. Und doch gibt es unter den Satten und Wohlhabenden Leute genug, die meinen, wir Studenten könnten jetzt endlich Ruhe geben, sie seien ohnedies schon geschädigt, weil die Verkaufsläden die letzten Tage geschlossen bleiben mußten. Was bedeutet den Krämerseelen die Freiheit, wenn sie keine Geschäfte dabei machen? Ich fange nach und nach an, den Besitz zu hassen, er macht die Menschen feig und dumm, die Freiheit kann die Proletarier nicht entbehren, wenn es zum Äußersten kommen sollte!«

Sie waren auf dem Kohlmarkt angelangt. Fred zählte seine Mannschaft, ordnete sie zum Spalier und stellte sich selbst in die Reihe. Mießrigel stand hinter ihm unter dem Volke und guckte vergnügt zu den Fenstern der engen Zeile empor, an denen sich zwischen Blumen und bekränzten Kaiserbildnissen hübsche Mädchenköpfe zeigten, blond- und braungelockte, daß es eine Freude war. Bunte Teppiche hingen an den Häuserfronten nieder, weiß-rote und schwarz-gelbe Fahnen wehten, und alle Menschen an den Fenstern und in der Straße hatten sich mit weißen Schärpen, weißen Kokarden, weißen Bändern und Schleifen geschmückt.

»Das nenn' ich eine verrückte Revolution!« sagte Mießrigel, der seinen Türkensäbel über den Rock geschnallt und die Sarazenenpistole in den Ausschnitt seiner Weste gesteckt hatte. »Jetzt steht ihr Studenten mit dem Bürgermilitär und mit den Nationalgarden im Spalier, um dem Kaiser zuzujubeln, wenn er spazieren fährt; und sobald er wieder in der Burg sitzt, wollt ihr sie stürmen?«

»Verstehst du uns noch immer nicht?« sagte Fred bitter. »Der Kaiser ist ein Gefangener der Kamarilla, es wäre schon ein halber Sieg unserer guten Sache, wenn er überhaupt ausfährt, und wenn es den Volkshassern bei Hofe nicht im letzten Augenblicke noch gelingt, ihn mit Mißtrauen zu erfüllen und zurückzuhalten. Wir wollen ihm zeigen, daß die Volksbewegung sich nicht gegen ihn und die Dynastie richtet, vielleicht macht er sein Herz zum Verstande und gewinnt die Kraft zu unterscheiden, wo die wahren Freunde Österreichs zu suchen sind!«

»Küß die Hand für die heilsame Zurechtweisung!« sagte Mießrigel. »Jetzt weiß ich wenigstens, wie ich meine Forderungen präzisiere. Mit der Konstitution allein begnüge ich mich noch lange nicht, es muß auch der große Monarchentitel geändert werden und von nun ab lauten: Wir Ferdinand I., von Dr. Fischhofs und Leb Pinkas' Gnaden ... Auch darf der Titel ›König von Jerusalem‹ nicht mehr hinten nachhumpeln, wie es bis jetzt der Fall gewesen ist, sondern muß ganz vorne stehen, gleich nach dem ›König von Hungarn‹. Und dahinter ist einzuschalten: Gefürsteter Graf der Studentenschaft und des gesamten waffentragenden Proletariats‹!«

»Du solltest auf einem Esel reiten!« sagte Fred zornig; »denn der Titel, den dir neulich einer verliehen hat, paßt famos auf dich: ›Sancho Panza der Revolution‹!«

»Ich käme in Verlegenheit,« entgegnete Mießrigel, »wem ich Gefolgschaft leisten sollte; denn es wimmelt von Don Quijoten.«

Unter der starken Grenadierabteilung, die vor dem Riesentor der Hofburg am Michaelerplatz aufgestellt war, machte sich eine ausfallende Bewegung bemerkbar. Kommandorufe ertönten, die Bärenmützen öffneten eine Gasse, standen in langer Front, rissen die Gewehre vor die Brust: »Präsentiert!«

Trommelwirbel. Pauken und Trompeten: »Gott erhalte, Gott beschütze! ... « Ein vieltausendstimmiger Jubel des Volkes.

Mit hochklopfendem Herzen sah Fred die edlen Pferde des Hofwagens zum Vorschein kommen, deren Feuer durch die sicher geführten Zügel zu einem vornehm tänzelnden Traben gemäßigt wurde. Sah hoch über der Menge den betreßten Kutscher mit quergesetztem Zweispitz und das wechselnde Flirren der vergoldeten Radspeichen. Sah, wie aus allen Fenstern Tücher und Fahnen geschwenkt wurden, und ein Regen von Blumen ununterbrochen auf den Wagen und die Straße niederfiel, während hoch über den Häusern das mächtige Brummen der großen Bummerin von St. Stephan schwebte, die des Sturmläutens müde, ihre eherne Stimme erhoben hatte, das hohe Lied des Friedens, der Liebe und der Treue anzustimmen.

Und nun sah er den Kaiser selbst, wie er bescheiden in seiner Karosse saß, gebeugt durch eine unsichtbare, allzuschwere Bürde, die niederdrückend auf seinen dürftigen Schultern zu lasten schien, älter als es seinen Jahren entsprach, angegriffen und verfallen, gleichsam ein wenig scheu und ängstlich um sich blickend mit diesen guten, stehenden Kinderaugen, die fortwährend überliefen, daß er sie mit den Fingern auswischen mußte. Es war ein ergreifendes Bild, diesen Erben des nüchternen und starren franziszeischen Dogmas vor sich zu sehen, der mehr zum Wohltun als zum Regieren geboren schien, mehr zum Verzeihen als zum Herrschen, zur Güte mehr als zur Macht, und der wie verschüchtert die Frage an das Schicksal auf den Lippen zu tragen schien, warum es ihn mit dem Fluch belastet habe, es niemanden recht machen zu können, wo er doch Tag und Nacht darauf sann, es allen recht zu machen. Aber der begeisterte Empfang, der ihm bereitet wurde, tat ihm sichtlich wohl, verjüngte, ermutigte ihn. Nun empfing er und gab, was sein Lebenselement bildete, wonach er in diesen wildbewegten, entsetzlich bangen Tagen vergebens gedürstet haben mochte: Liebe! Und Fred glaubte wahrzunehmen, wie seine ermatteten Augen sich belebten, die Weisheit des Herzens aus ihnen zu leuchten anfing, glaubte etwas wie einen allmählich reifenden Entschluß zur freiwilligen Befreiung der Völker in ihnen wiedergespiegelt zu sehen, der unversehens wie eine überirdische Eingebung in ihm aufdämmern mochte.

An der Seite des Kaisers erblickte er jetzt auch den allbeliebten Erzherzog Franz Karl, den wohlwollenden Schirmer freiheitlicher Bestrebungen, der gleichfalls tief ergriffen, mit unermüdlichem Neigen des Hauptes nach allen Seiten freundliche Grüße sendete. Und ihnen gegenüber, in Zivilkleidung wie sein Vater und sein Oheim, saß der fürstliche Knabe, auf dem die Hoffnung des Reiches ruhte, Erzherzog Franz Josef, ernst in seiner jugendlich edlen Haltung, mit einem offenen, klugen und schon beinahe männlichen Blick in den klaren hellblauen Augen. Es liefen Fred die Tränen über die Wangen, als er sie so, umrauscht von der Begeisterung des Volkes, an sich vorüberfahren sah, diese letzten Glieder einer langen, langen Ahnenreihe, mit der das Schicksal dieses Reiches seit mehr als einem halben Jahrtausend aufs innigste verknüpft gewesen. Und er gelobte sich aufs neue, wenn es nottun sollte, seinen letzten Blutstropfen für den Gedanken hinzugeben, der daran arbeitete, dieses große, ehrwürdige, reichgesegnete und heißgeliebte Vaterland zu verjüngen, um es dem hoffnungsvollen Sprossen des Habsburg-Lothringischen Hauses zu erhalten und als ein würdiges Mitglied der europäischen Staatenfamilie in die Zukunft hinüber zu retten.

Wenige Stunden nach dieser freudig umjubelten Ausfahrt des Kaisers bot das Straßenbild am Kohlmarkt und am Michaelerplatze einen völlig veränderten Anblick dar. Die leitenden Kreise des Lesevereins, des Gewerbevereins und der Aula hatten den Eindruck empfangen, daß nicht der Wille des Monarchen ihnen das letzte und entscheidendste Zugeständnis versage: die Gewährung einer Konstitution. Denn sonst hätt' er sich nicht, meinten sie, vertrauensvoll mitten unter sein Volk begeben, um es seiner fortdauernden Huld und Gnade zu versichern. Er kenne die Volkswünsche gar nicht, hieß es, man verheimliche sie ihm; und mit der Schnelligkeit eines vom Sturm gepeitschten Schadenfeuers stammte der Haß gegen die Kamarilla durch die ganze Stadt. Schon zogen neuerdings Proletarierhaufen und Studentenrotten gegen die Hofburg. Fred aber hatte sich mit seinem Fähnlein den Nationalgarden angeschlossen, die das Riesentor gegen den Michaelerplatz absperrten. Er glaubte an einen freiwilligen Entschluß des Kaisers, seit er ihm ins Auge geschaut. Es war ihm, als hätt' er unter dem Eindruck des begeisterten Empfanges, den das Volk dem Monarchen bereitet, den Entschluß in diesem Auge aufleuchten sehen, zu gewähren, statt zu versagen. Jetzt hielt er es für nötig, Zeit zu gewinnen und abzuwarten. Aber die Volksmenge schwoll an, drängte sich unübersehbar Kopf an Kopf, ein Fieber der Ungeduld hatte die Masse ergriffen, und die Losung lautete: Die Hofburg stürmen! Es kostete Fred Mühe, Kommilitonen und Proletarier zu beschwichtigen und ihnen vorzustellen, wie zu einem Handstreich immer noch Zeit wäre, wenn die nächsten Stunden die erhoffte Frucht nicht zum Reifen brächten.

»Da soll sich ein Mensch auskennen!« sagte Mießrigel, der plötzlich wieder neben ihm aufgetaucht war. »Jetzt hab' ich mir erst zu Mittag um mein teures Geld einen schönen Türkensäbel zugelegt und eine mit Perlmutter eingelegte Reiterpistole, die nicht losgeht; weil du mich für einen Sturm auf die Hofburg zu begeistern wußtest. Und nun finde ich dich selbst als Cherub mit dem Flammenschwert vor der Pforte des Paradieses aller Schranzen und Finsterlinge! Wer stürzt mir diese Sphinx in den Abgrund? Meine Seele fängt an irre zu werden, denn sie ist nur ein hilfloser Säugling an den straffen Brüsten deiner Überzeugung.«

»Soll die Freiheit geboren werden,« sagte Fred, auf seinen launigen Ton eingehend, »so muß sie wie jedes Kind Vater und Mutter haben. Der Unsinn allein bringt sie nicht zur Welt, es gehört auch die Besonnenheit dazu. Die Hofburg ist jetzt, wenn mich nicht alles trügt, eine Wochenstube geworden. Wir müssen leise auftreten und dürfen das Ereignis nicht forcieren wollen, sonst könnte leicht eine Fehlgeburt erfolgen.«

Mießrigel lachte.

»Du kannst recht haben, warten wir halt. Den Kaiserschnitt nur im äußersten Notfall!«

Ein Student mit geschultertem Gewehr, den Fred persönlich kannte, trat auf ihn zu und redete erregt auf ihn ein.

»Geben Sie die Bahn frei, Herr Leodolter! Bereden Sie die Nationalgarden, das Volk einzulassen! Eine Kundgebung in den Gemächern des Kaisers selbst wird ihre Wirkung nicht verfehlen. Vereint mit den Proletariern sind wir stark genug, die Konstitution zu erzwingen!«

Fred machte Gegenvorstellungen und bat ihn, nur noch eine Stunde zu gedulden, er habe die Überzeugung, die Konstitution sei auf dem Wege.

»Glauben Sie mir Herr Tauß!« sagte er mit glühenden Wangen. »Vertrauen Sie mir in diesem verantwortungsvollen Augenblicke! Ich fühle, daß die besten Absichten des Kaisers mit uns sind, und daß er alles daran setzen wird, die günstigen Eindrücke, die er bei seiner Rundfahrt empfing, in die Tat umzusetzen!«

»Auf Gefühlspolitik können wir uns nicht einlassen!« sagte Tauß, der eine bunte Burschenmütze und ein schwarzrotgoldenes Band quer über der Brust trug. »Wir verpassen die Zeit, und man führt uns an der Nase. Ich warne Sie, Herr Leodolter, Sie kommen in Verdacht, mit den Feinden der Freiheit gemeinsame Sache zu machen!«

»Über einen solchen Verdacht bin ich erhaben,« entgegnete Fred stolz.

»Werfen Sie sich nicht in die Brust,« sagte Tauß, »es sind Arbeiter da, die erzählen, daß Sie auf dem Braunhirschengrund mit Musketen gegen das Proletariat haben schießen lassen.«

»Die Musketen waren nicht geladen,« erwiderte Fred; »und übrigens war es unsere Pflicht, Plünderungen zu verhüten.«

»Man sieht, daß Sie einer Bourgeoisfamilie angehören, auch in diesem entscheidenden Augenblick schlagen Sie sich wieder auf die Seite der Spießer. Der Unwille des Volkes wird auch mit diesen, nicht bloß mit den Machthabern in der Hofburg aufzuräumen haben. Das allzu üppige Bürgertum wird den Kürzeren ziehen, wie es auf dem Braunhirschengrund den Kürzeren gezogen hat. Die Zerstörung der Leodolterischen Fabrik durch das Volk sollte Sie darüber belehrt haben, wer der Stärkere ist. Volkesstimme ist Gottesstimme! Darum rat' ich Ihnen zum letztenmal: Geben Sie die Bahn frei! Die Nationalgarden stehen kaum ihrer Hundert der vieltausendköpfigen Schar von Freiheitskämpfern entgegen.«

Fred war erblaßt, es war noch keine Kunde von der Zerstörung der Fabrik an sein Ohr gedrungen. Er dachte an seinen Bruder, an den Muschir ... Er wußte es ja gar nicht, wer etwa sonst noch sich in dem Gebäude befunden haben mochte? Welches Unheil konnte sich inzwischen vollzogen haben, ohne daß er etwas davon ahnte! Erschöpft und ermüdet wie er war, mußte er sich auf seinen Säbel stützen, eine plötzlich eintretende Schwäche drohte ihn zu übermannen. Tief aufatmend, rang er nach Fassung. Und bittere Vorwürfe wühlten ihm in der Brust, daß er sich durch das Nichterscheinen des von ihm ausgestellten Wachpostens hatte in Zuversicht wiegen und zu der Annahme verleiten lassen, es drohe der Fabrik keine Gefahr ... Aber jetzt stand er im Dienst. Was ihm persönlich nahe ging, mußte für ruhigere Stunden aufgespart bleiben. Die Pflicht forderte Selbstbeherrschung.

»Freiheitskämpfer sind auch wir,« sagte er sich bezwingend. »Nur daß mir in diesem Augenblicke die Umsichtigeren sind. Ich hielte es für den Ruin der Volkssache, wenn in dieser Stunde, wo die günstige Entscheidung vielleicht schon erflossen ist, ein Putsch versucht würde. Darum bin ich entschlossen, nur der Gewalt zu weichen. Ich bitte Sie noch einmal: Überlegen Sie wohl, was Sie tun! Ein Angriff auf die Hofburg wird den endgültigen Sieg, der vielleicht nahe bevorsteht, verzögern, wahrscheinlich sogar zunichte machen und die Bewegung, die sich bisher nur gegen die Kamarilla richtete, in einen Kampf von Bürgern gegen Bürger verwandeln.«

»Es wird immer ein Kampf der wahren Freiheitsfreunde gegen die Halben und Scheinpatrioten bleiben,« sagte Student Tauß und trat in die Volksmenge zurück.

Fred sah ihn von Gruppe zu Gruppe schreiten und die Leidenschaften der Studenten und Proletarier aufstacheln. Überall, wo er erschien, erhoben sich lebhafte Wechselreden und wildes Geschrei. Die Fahnen der einzelnen Studentenrotten wurden geschwenkt, die weißen Bänder und Kokarden verschwanden und wurden durch rote ersetzt; es hatte jeder eine ganze Garnitur von beiden Farben in der Tasche, die je nach der wechselnden Stimmung hervorgezogen und in Verwendung gebracht wurde. Die Nationalgarden, denen der Schutz der Hofburg anvertraut war, beobachteten mißtrauisch und nicht ohne Sorge die verdächtige Bewegung, die sich vorzubereiten schien. Sie bestanden größtenteils aus Bürgern, nur wenige Studentenrotten hatten sich ihnen angeschlossen. Fred richtete eine kurze Ansprache an seine Kommilitonen und erklärte ihnen die Lage. Daraufhin verließen einige von ihnen die Reihen der Verteidiger und schlugen sich zu den Gegnern. Die Mehrzahl aber ließ sich durch seine Worte überzeugen und beschloß an seiner Seite auszuharren. Es konnte jeden Augenblick zu einem Zusammenstoß kommen. Bisher hatte das Volk immer nur Soldaten gegenüber gestanden. Jetzt zum erstenmal stand Volk gegen Volk. Wie das schwüle Schweigen vor der gewaltigen Entladung eines Gewitters lag es über dem Michaelerplatze. Jeder fühlte, daß in der nächsten Minute der Vorhang sich heben und ein neuer Akt des Revolutionsdramas seinen Anfang nehmen konnte: Der eigentliche Bürgerkrieg.

Da wurde Fred ersucht, einen Augenblick hinter die Front zu treten, es wolle jemand mit ihm sprechen. Er beeilte sich, der Aufforderung zu folgen, ein Stabsoffizier trat auf ihn zu, der sich als Obersthofmeister des Erzherzogs Franz Karl vorstellte.

»Die Konstitution ist gewährt!« sagte er mit fliegendem Atem, auf ein Blatt Papier weisend, das er in der Hand hielt. »Ich habe den Auftrag, diesen höchst persönlichen Entschluß Seiner Majestät dem Volke so rasch als möglich bekannt zu geben. Es können indessen Stunden vergehen, ehe die Plakatierung in den Straßen erfolgen kann, nur dieser erste Abzug ist inzwischen aus der Staatsdruckerei eingetroffen, Geben Sie mir einen Rat: Wie verbreite ich die freudige Nachricht, eh' es zu neuem Blutvergießen kommt?«

Mit zitternder Hand ergriff Fred das Papier, da leuchteten ihm die Worte entgegen: »Einberufung von Abgeordneten ... Verstärkte Vertretung des Bürgerstandes zum Behufe der Konstitution des Vaterlandes ...«

»Wollen Sie mir das Blatt anvertrauen?« rief er freudetrunken. »Ich werde es vorlesen! Wie mit einem Schlage wird sich der Unwille des Volkes in Begeisterung verwandeln!«

»Ich bin Ihnen dankbar dafür! Aber nehmen Sie ein Pferd, damit alle Sie sehen!«

Er zog ihn in den Burghof, wo an die hundert Pferde der Kavallerieabteilungen und Garden, die hier kampierten, angebunden standen. Freds Begleiter wollte sich in seinem Eifer ohne weiteres eines der Pferde bemächtigen. Aber ein Dragonerleutnant trat ihnen entgegen und entschuldigte sich, er dürfe kein Pferd abgeben, die Mannschaft sei im Dienst.

»Wir wollen uns an die Garden wenden,« sagte der Obersthofmeister.

Aber die Kapitäne der ungarischen und italienischen Leibgarden, die im Hof beisammen standen, entschuldigten sich ebenfalls: Die Pferde seien Eigentum des Marstalles, und nur das Hofstallmeisteramt dürfe darüber verfügen.

Der Obersthofmeister eilte mit Fred über Treppen und Gänge und führte ihn in eine Kanzlei. Der amtierende Beamte zuckte die Achsel und sagte, der Kanzlei-Direktor sei beim Speisen, er besitze nicht die Vollmacht, in einem solchen Falle zu entscheiden. Rasch drehten sie wieder um, und das Glück wollte es, daß sie auf dem Gange mit dem Kanzlei-Direktor zusammen trafen, der eben zurückkehrte. Aber auch er zuckte die Achsel und erklärte, es tue ihm leid, ohne besondere Ermächtigung Seiner kaiserlichen Hoheit des Erzherzogs Ludwig dürfe er kein Pferd zur Verfügung stellen.

»Es wird vielleicht noch eine Sitzung der Staatskonferenz dazu nötig sein,« grollte Freds Begleiter. Und während sie wieder die Treppen hinab eilten, bemerkte er ungehalten: »Da haben Sie ein Bild des alten Österreich: Von Instanz zu Instanz bis zum obersten Staatslenker hinauf – wegen einer Sache, die, rasch erledigt, eine Lappalie wäre, und deren Verzögerung die weittragendsten Folgen nach sich ziehen kann!«

»Ich will hinauseilen, wie ich bin!« sagte Fred von Ungeduld brennend. »Man wird mich auch so hören und die Nachricht von Mund zu Mund verbreiten!«

Als sie in den Burghof zurückgekehrt waren, ritt eben ein in Zivil gekleideter Kavalier herein, der mit Freds Begleiter bekannt war. Er hörte, worum es sich handle, und stellte sofort sein Pferd zur Verfügung.

»Geben Sie ihm ein paar Trompeter mit, damit er sich Gehör verschaffen kann!« wendete der Obersthofmeister sich wieder an die beiden Gardekapitäne, die, das Pferd betrachtend, dabeistanden.

Sie entschuldigten sich abermals; ohne Befehl des Stadtkommandanten, des Fürsten Windischgrätz, seien sie nicht berechtigt, Mannschaft zu beordern. Der Zufall fügte es, daß in diesem Augenblicke der Fürst selbst in Begleitung einiger Generäle und Stabsoffiziere über den Burghof ging und auf die Gruppe zutrat. Freds Begleiter brachte ihm sein Anliegen vor.

»Ich habe nichts dagegen,« antwortete der Fürst; und zu Fred gewendet, den er aufmerksam und nicht ahne Wohlwollen betrachtete, sagte er ernst: »Sorgen Sie dafür, daß Beruhigung eintritt und Ihre Kommilitonen in die Hörsäle zurückkehren! Ich hoffe, es wird niemals wieder notwendig werden, daß Soldat und Student einander feindselig gegenüberstehen.«

»Es ist auch mein Wunsch und meine Hoffnung, Durchlaucht,« sagte Fred, »daß eine solche Nötigung nie wieder eintreten möge!«

Der Fürst reichte ihm mit freundlicher Herablassung die Hand und entfernte sich. Fred schwang sich in den Sattel und ritt zum Riesentor hinaus. Zwei Trompeter der ungarischen und zwei der italienischen Leibgarde zogen zu Pferde vor ihm her, eine Fanfare blasend. Das Geheul des Volkes, das noch immer in drohender Haltung den Nationalgarden gegenüberstand, verstummte. Fred richtete sich in den Bügeln auf, hielt das Papier hoch in die Luft und schwenkte es wie eine Friedensfahne. Man verstand, daß etwas Außerordentliches sich ereignet haben mußte, und öffnete eine Gasse. Inmitten des Michaelerplatzes angelangt, hieß Fred die Trompeten schweigen und verlas mit weithin tönender Stimme das Konstitutionspatent. Da erhob sich ein unsäglicher Jubel, Fahnen und Tücher wurden geschwenkt, ein brausendes: »Hoch die Konstitution! Hoch unser konstitutioneller Kaiser!« erschütterte die Luft, die Leute fielen einander um den Hals und vergossen Freudentränen.

Und Fred zog weiter, von der frohlockenden Menge umringt, über den Kohlmarkt nach dem Graben, und verlas abermals die frohe Botschaft, und auf dem Stefansplatz ein drittes Mal. Da fingen alle Glocken zu läuten an, und er hob sein Auge und ließ es den steilen, kühnen Turm emporsteigen und sah, wie der goldene Knauf im letzten Strahl der sinkenden Sonne glitzerte und flammte, geradeso wie einst, vor vielen Jahren, als er, ein Knabe noch, von der Himmelswiese hinuntergeschaut gegen die ferne Stadt, und die dunkle Sehnsucht nach großen Ereignissen und Taten ihm Tränen erpreßt hatte. Und wenn er damals in seinen kindlichen Phantasien davon geträumt, seine Vaterstadt und sein Vaterland von einer neuen Türken- oder Franzosennot zu befreien, so schienen jetzt diese Träume schöner noch, als er sie je geträumt, in Erfüllung gegangen und zur Wirklichkeit geworden; war es ihm doch vergönnt gewesen, bei der Niederwerfung eines noch viel gefährlicheren Feindes, der seit Jahren am Mark des Staates zehrte, tatkräftig mitzutun! Und nun wurde ihm gar die seltene Genugtuung zu teil, die verheißungsvolle Botschaft eines vollen Sieges auf allen Linien dem jauchzenden Volke mit eigenem Munde zu verkünden! Es war diese Stunde eine jener seltenen, einzigen, von denen man fühlt, daß sie einen Höhepunkt des Lebens bedeuten, über den es keinen Aufstieg mehr geben kann. Und doch empfand er gerade in diesem hohen Augenblicke sich selbst in innerlichster Demut nur als ein schwaches, unscheinbares Werkzeug in der Hand jenes heißgeliebten ruhmgekrönten deutschen Volkes, das ihn aus den verwitterten Steinen dieses uralten gewaltigen Domes zu grüßen schien; dieses uralten gewaltigen Domes, den es in jahrhundertelanger Arbeit hier aufgebaut hatte, am Gestade der Donau, inmitten der lebensfrohen, völkerumdrängten Stadt, die als ein äußerstes, tief in den Südosten des Reiches vorgeschobenes Bollwerk deutschen Geistes und deutscher Sitte den Übermut tatarischer und welscher, slavischer und magyarischer Herrschaftsgelüste so oft an ihren Bastionen hatte zerschellen sehen. Er glaubte daran und war überzeugt davon: Daß auch die neue Freiheit, so weit es an ihm und seinen Mitstreitern läge, ein mannhaft deutsches Volk vorfinden würde, an dieser ehrwürdigen alten Stätte deutscher Kultur!

Sobald die Dunkelheit eingebrochen war, erstrahlte Wien in einem Meer von Licht, eine freudig bewegte Menge wogte festlich in allen Straßen, und die Studenten trugen in feierlichem Umzug ein blumengeschmücktes Kaiserbild mit Liedern und wehenden Fahnen durch die Stadt. Fred hingegen war es nicht vergönnt, den Sieg, den er erstreiten helfen, zu feiern. Dem Zug seines Herzens folgend, eilte er nun endlich nach St. Ulrich hinaus, in banger Vorahnung der Nachrichten, die ihm dort bevorstünden. Aber er sah seine schlimmsten Befürchtungen noch übertroffen, als er von dem grenzenlosen Unglück erfuhr, das inzwischen über die Familie hereingebrochen war.

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