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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 26
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
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Für die Familie Beywald in der Rittergasse war die Nacht vom dreizehnten zum vierzehnten März sozusagen ein Freudentag gewesen. In der Tat hatte die geheimnisvolle Macht, welche dafür sorgt, daß die Menschheit nicht ausstirbt, die fröhliche Cajetana gezwungen, die Nacht zum Tage zu machen. Denn sie pflegt sich nicht darum zu kümmern, ob eine junge Mutter schlafen will oder nicht, und zwingt die Kinder ans Licht, sobald ihre Stunde geschlagen hat. Cajetana hatte sich nachgerade fast daran gewöhnt, daß das Licht der Welt, das ihre Kinder erblickten, in einer Lampe bestand.

»Es ist spaßig,« erzählte sie jedem, der es hören wollte; »meine Buben bringe ich immer bei Tage zur Welt und meine Mädeln in der Nacht.«

Die letzten zwei waren Mädchen gewesen. Und das achte, eben dasjenige, welches in der Nacht vom dreizehnten zum vierzehnten März ankam, war wieder ein Mädchen.

Als Franz Beywald am späten Morgen beim Frühstück saß und der Kontordiener ihm die Korrespondenz überbrachte und gleichzeitig erzählte, es habe gestern in der Stadt eine richtige Revolution gegeben, der Metternich sei gestürzt und die Proletarier hätten vor den Linien Brände gestiftet, da horchte er groß auf und meinte: Das seien Ereignisse! Aber sie gingen ihm nicht lange nach, und kaum daß der Diener sich entfernt hatte, so rief er in die Nebenstube: »Hat es schon die Brust genommen?«

»Das könntest du endlich wissen, Franzl!« antwortete die Stimme der Wöchnerin, »daß es vierundzwanzig Stunden lang überhaupt nichts zu trinken bekommt!«

»Das muß aber unangenehm sein,« sagte er vergnügt und wendete sich mit dem Appetit des glücklichen Vaters, der seine Nacht doch nicht ganz ohne Herzklopfen zugebracht hatte, wieder der Schokolade zu. Für die Freiheit war er gewiß sehr eingenommen, vielleicht würden die Geschäfte dann besser gehen, wie Schwager Petz immer behauptete. Aber wenn die großen Ereignisse es sich nicht besser einzurichten wußten, als daß sie gerade in die Zeit fielen, wo Cajetana niederkam, so konnten sie von ihm auch nicht verlangen, daß er sich an ihnen beteiligte. Vater werden war ihm schließlich doch wichtiger als den Metternich stürzen, und von den beiden wichtigsten Ereignissen, die zur Vaterschaft führen, hielt er es für anständig, sich nicht nur an jenem angenehmen persönlich zu beteiligen, bei dem die Anwesenheit des Vaters unerläßlich ist, sondern auch an jenem minder angenehmen, bei dem sie allenfalls entbehrt werden kann.

Bei der zweiten Tasse Schokolade fiel ihm ein, sich den Kalender herzulangen und darin zu blättern. Die Geschäftsbriefe konnten so lange warten, bis er gefrühstückt hätte.

»Weißt du, daß am vierzehnten März Mathilde ist?« sagte er, Butter auf ein Weißbrod streichend. »Der Name gefällt mir. Wir wollen unsere Jüngste Mathilde heißen. Dann fällt der Namenstag mit dem Geburtstag zusammen, und das Schenken geht gleich in einem hin.«

»Sie ist am dreizehnten geboren, und am dreizehnten ist Rosina,« antwortete aus dem Nebenzimmer Cajetana, die längst ihren Kalender zur Hand hatte und gleichfalls darin blätterte.

»Es war lange nach Mitternacht, als Mathilde zur Welt kam,« stellte er fest.

»Auf die Minute kommt es dabei nicht an, das hängt vom Zufall ab,« behauptete die Wöchnerin. »Die Geburt Rosinas hat am dreizehnten begonnen, folglich ist der dreizehnte ihr Geburtstag.«

»Wir werden uns auf Mathilde Rosina einigen,« schlug er vor.

»Meinetwegen,« sagte sie; »nennen wir sie also Rosina Mathilde.

Schon bezüglich der ersten beiden Mädchen hatten sie ein ähnliches Kompromiß geschlossen und die eine auf die Namen Cajetana Sephine, die andere aus die Namen Sephine Cajetana taufen lassen. Und so nannte er die erste Cajetana und die zweite Sephine, sie dagegen umgekehrt, die Ältere Sephine und die Jüngere Cajetana.

Nun mußte er aber ins Kontor, wo sich die Arbeit häufte. Den ganzen vorausgegangenen Tag hatte er Cajetana Gesellschaft und der Wehmutter Assistentendienste geleistet. Denn darauf verstand er sich: Das Lager zu bereiten, Bäder zu rüsten und die Dreiviertelsmutter behutsam im Zimmer spazieren zu führen. Auch Cajetana in den schwersten Stunden bei der Hand zu halten und ihr den Angstschweiß von der Stirn zu trocknen, hatte er sich niemals nehmen lassen. Dazwischen lachten sie miteinander wie im Theater und staken voll heiterer Einfälle, eins dem andern zulieb.

»Ich bin froh, daß der Herr von Beywald eine gut gehende Sammt- und Plüschfabrik hat,« sagte Frau Rußwurm, die »Madam«; »sonst tät' er mir am Ende meine Kundschaft abknöpfeln.«

Gar zu gut ging die Sammt- und Plüschfabrik freilich dermalen nicht, aber weil der alte Herr sich schon ein bißchen entlastet hatte, gab es für Franzl genug zu tun, besonders wenn es galt, einen versäumten Tag wieder einzubringen. So wurde es Jausenszeit, eh' er dazu kam, mit seiner Freudenbotschaft ins »Goldene Stuck« zu eilen, von dem er noch nicht ahnte, daß es sich inzwischen in ein Trauerhaus verwandelt hatte. Erschüttert erfuhr er, daß den Leodolterischen ein junges Menschenleben entrissen worden war, vielleicht in derselben Frühstunde, die ihm ein neues geschenkt hatte. Und was erfuhr er nicht alles sonst! Es war, als hätte das Schicksal seit Jahren und Jahren alles Unheil von dem stillen Haus am »Platzel« abgehalten, um es heimtückisch in ein großes Füllhorn zu sammeln und in dieser einen Nacht über die Familie auszugießen. Die Fabrik auf dem Braunhirschengrund in einen Schutthaufen verwandelt, Poldi schwer krank an Brandwunden danieder liegend, der Muschir durch die ausgestandenen Erregungen oder infolge einer Erkältung, da seine Kleider bei den Löscharbeiten triefend naß geworden waren, in einen Fieberparoxismus verfallen! Julien sah er nur einen Augenblick, als sie herauskam, ihre Eltern zu begrüßen, die mit Sephine und Susann beisammensaßen und bekümmerte Gesichter machten. Sie schien merkwürdig gefaßt, hatte keine Tränen und reichte mit einem stummen Zucken der Mundwinkel allen Anwesenden der Reihe nach die Hand, worauf sie sich still wieder entfernte, um an das Krankenlager des Muschirs zurückzukehren, der fortwährend aus dem Bette springen und mit den Arbeitern handgemein werden wollte.

Frau Patruban erging sich in unendlichen Ausführungen, was man alles hätte tun können und sollen, und wie es dann ganz anders gekommen wäre. Und was sie selbst getan und gemacht hätte, wenn sie der Muschir gewesen wäre oder Julie oder Poldi oder sonst wer. Vor allen: den Görgi hätte sie nicht auf den Braunhirschengrund mitgenommen und auch dem Muschir nicht gestattet, hinauszufahren; und wenn sie schon fuhren, so hätten sie wenigstens nicht die Nacht in der Fabrik bleiben sollen, und wenn sie schon blieben, so hätte man wenigstens Fred mit seinen Studenten nicht wieder abziehen lassen dürfen. Am allergescheitesten aber wäre es gewesen, überhaupt nie eine Fabrik auf dem Braunhirschengrund zu bauen.

»Willst du das jetzt nicht lassen, Therese?« meinte Herr Patruban bescheiden; »was geschehen ist, kann man halt nicht mehr ungeschehen machen.«

»Reden wird man wohl noch darüber dürfen,« sagte sie gereizt und weinend, »wenn man eine Großmutter war und jetzt auf einmal keine mehr ist?« Die kleine Frau Susann, die guter Hoffnung war, hatte sich vorgenommen, nicht zu weinen. Denn sie bildete sich ein, wenn eine Mutter in diesem Zustand viel weine, werde ein Tränenkrügerl aus dem Kind. Und ein neugeborenes Kind sehe ohnedies aus wie ein alter Affe; wenn es heule auch noch, würde sie sich einfach davor graulen und vor dem kleinen Schinäcklein davonlaufen. Indessen fand sie sich doch genötigt, ab und zu ihr Schnupftuch an die Augen zu führen. Sie war Görgi zugetan gewesen und bangte um Poldi und den Muschir.

Auch Herr Patruban vergoß Tränen. Der Tod Görgis ging ihm nahe, er konnte noch gar nicht recht daran glauben.

»Wer hat so etwas voraussehen können?« sagte er. »Das sind ja keine Menschen, diese Proletarier, das sind wilde Tiere! Den ganzen Tag über hat das Sengen und Brennen vor der Linie kein Ende genommen. Und in der kommenden Nacht soll es erst recht losgehen, heißt es. Da ist kein Mensch mehr sicher in seinen vier Wänden! No ja? Gerade aus der Welt liegt die Andreasgasse auch nicht oder die Rittergasse oder das Platzel! Und es sollen entlassene Arbeiter aus allen Fabriken dabei sein.«

»Um Gotteswillen, Patruban, sag so etwas nicht!« rief die Gattin erschreckt. »Bis jetzt haben wir wenigstens im Geschäft leidlich Glück gehabt!«

Und sie klopfte mit der Faust unten an die Tischplatte, um es nicht zu verschreien.

»Die Andreasgasse ist sogar die allernächste an der Linie,« sagte Susann boshaft. »Sie hätten sich lieber in der Roveranigasse ansiedeln sollen, Madame Patruban.«

»In der Roveranigasse? Das ist keine feine Gegend,« versetzte Frau Patruban schnell bereit. »Es wohnen manche Leute dort, die nicht ganz comme il faut sind.«

Doktor Patzenhauer kam mit Schinackel aus der andern Krankenstube herauf. Er hatte Poldi aufgeweckt, um seine Wunden zu untersuchen, aber der Patient war ihm unter den Händen wieder entschlummert.

»Das Sensorium ist ungetrübt,« sagte er; »Gehirnerschütterung liegt zum Glück keine vor. Ich ließ meinen Mesmerismus auf den Kranken überströmen, das hat ihn in Schlaf versenkt und wird ihm gut tun. Ruhe bleibt jetzt die Hauptsache. Demoiselle Leodolter kann die Wundbehandlung trotzdem fortsetzen. Aus magnetischem Hochschlaf erwacht man nicht so leicht.«

Daß Bethi die Pflege Poldis übernommen hatte, fand Frau Patrubans Billigung nicht. Nach ihrer unmaßgeblichen Meinung hätte die selbst einer Krankenpflegerin bedurft. Und sie erklärte sich bereit, eine Schwester vom Allerheiligsten Herzen Jesu zu verschaffen; ihr würde man es nicht abschlagen, da sie schon wiederholt Gelegenheit gefunden hätte, dem Kloster kleine Wohltaten zu erweisen.

»Du erinnerst dich doch, Patruban?« sagte sie, ihren Mann als Zeugen aufrufend.

Bethi hänge so innig an Poldi, entgegnete Sephine, daß es eine Qual für sie wäre, seine Pflege anderen Händen zu überlassen. Sie habe sich's nun einmal ausgebeten, ihn selbst zu betreuen; das könne niemand ihr verwehren. Aber Frau Patruban beharrte auf ihrer Meinung und erklärte, sie sei zwar nicht gewohnt, sich in die Angelegenheiten anderer zu mischen, halte es aber für ihre Pflicht, darauf aufmerksam zu machen, daß man einer durch und durch kränklichen Person, wie Bethi eine sei, nicht in allem und jedem nachgeben und ihren Willen lassen dürfe. Die Vernunft gehe voraus, und schließlich sei Bethi als bloße Tante nicht verpflichtet, sich wie eine Mutter aufzuopfern.

»Was wollen Sie?« sagte Schinackel. »Von Kindheit auf ist Bethi wie eine Mutter zu ihm gewesen; und nun soll man sie von seinem Krankenlager verdrängen? Das würde sie selbst krank machen. Es gibt Fälle, wo man mehr Rücksicht auf die Seele als auf den Körper nehmen muß – wenigstens bei Frauen, die eine Seele haben, wie es bei Bethi der Fall ist.«

»Sehr richtig!« stand Doktor Patzenhauer ihm bei. »Demoiselle Bethi lebt nicht von Essen und Trinken; sie lebt, weil sie mit dem Weltmagnetismus im Zusammenhang steht, der ihren Willen speist. Vor so einem Naturspiel wird unsere ganze Weisheit zu Schanden, wir können nichts tun als bewundernd zusehen.«

Frau Patruban schwieg gekränkt, und es trat eine Pause ein, während der Franz Beywald nach Fred und Petz fragte. Man wußte von beiden nichts. Petz hatte sich nach einer kurzen Nachtruhe früh morgens wieder von Hause entfernt, noch ehe irgend eine Nachricht von den traurigen Geschehnissen vor den Linien in die Stadt gedrungen war.

Jetzt fand sich auch der alte Herr Beywald ein. Ernst, würdig, im langen schwarzen Rock. Die Trauerkunde war längst zu ihm gedrungen, aber er hatte sie seinem Sohne verheimlicht; dem würde früh genug der Leodolterische Wermutstropfen in den Vaterfreudenbecher fallen. Mit ihm kam auch Mosch-Eskeles, der tief erschüttert war; denn er hatte an Görgi gehangen wie ein Nahverwandter, die Kinder seiner Freunde ersetzten ihm die eigenen.

Doktor Patzenhauer entfernte sich, um noch einmal nachzusehen, wie es mit dem Muschir stünde. Herr Beywald und Mosch flüsterten mit Schinackel am Fenster und wiegten bekümmert die Häupter. Dann traten sie auf Sephine zu und richteten teilnahmsvolle Worte an sie. Beywald entschuldigte sich, daß er nicht früher habe abkommen können.

In der gutmütigen Absicht, die Anwesenden von ihren traurigen Gedanken abzulenken, erzählte er, welch' ein bewegter Tag der heutige für ihn gewesen sei. Man hätte ihn in verschiedene Bürgerdeputationen gewählt, was langwierige Besprechungen, stundenlanges Antichambrieren in der Hofburg und oft recht hitzige Unterredungen mit verschiedenen hohen Herrn zur Folge gehabt hätte.

»Von dem Durcheinander, das jetzt in der Stadt herrscht, macht man sich keinen Begriff!« sagte er. »Wo fünf Leute beisammen stehen, beschließen sie eine Petition an den Monarchen und laufen in die Burg. Im Vorzimmer des Erzherzogs Ludwig fangen sie nachher erst an darüber nachzudenken, was sie eigentlich wollen, und die verschiedenen Deputationen geraten einander beinahe in die Haare, weil eine jede etwas anderes will oder wenigstens einen andern Wortlaut. In den inneren Gemächern rennt alles durcheinander. Minister und Erzherzöge, Hoflakeien und Generäle. So oft eine neue Deputation ankommt, fragt sie der, der gerade hinaus- oder hineingeht, was sie wünsche? Nachher findet drin geschwind ein Familienrat statt, ob man die Forderungen bewilligen soll oder nicht? Auch die hohen Damen nehmen daran teil, heißt es – den armen Kaiser haben sie abgesperrt, er soll bewußtlos daniederliegen. Schließlich kommt einer heraus und verkündet, der Erzherzog Ludwig sei jetzt verhindert, aber die Volkswünsche würden in wohlwollende Erwägung gezogen werden. Jetzt fangen die Deputationen an Lärm zu schlagen. Da geht der betreffende Minister oder General, oder wer es sonst ist, schnell wieder hinein und verspricht, dem Erzherzog die Forderung noch einmal vorzutragen. Nach einer Weile kommt er wieder heraus und bringt eine Viertelbewilligung mit. Die Deputationen werden jetzt erst recht ungehalten, der Mittelsmann entschließt sich endlich, ein drittes Mal hineinzugehen. Und so geht es fort, hinaus, hinein, hinaus, hinein, bis endlich ein Bleistiftzettel mit der Unterschrift des Erzherzogs zum Vorschein kommt, alles sei bewilligt. Nachher bringen die Deputationen ein Hoch auf den Kaiser aus und ziehen auf die Straße, um den angesammelten Menschen zu verkünden, daß sie der freien Staatsbürgerschaft wieder um eine Staffel näher gerückt seien. Eine so zizerlweise Revolution,« sagte er, »war noch nicht da, seit es eine Weltgeschichte gibt.«

Was denn nun schließlich erreicht worden sei? wollte Schinackel wissen, und auch Sephines politische Neugierde fing an wieder reger zu werden.

»Die Nationalgarde haben wir durchgesetzt,« sagte Herr Beywald. »Natürlich hat der Fürst Windischgrätz zuerst eingewendet, der Name habe etwas Anrüchiges, denn der Louis Philipp sei von den Nationalgarden abgesetzt worden. Wir entgegneten, das französische Volk hätte seinen König selbst eingesetzt, folglich könne es ihn auch wieder absetzen; das treffe auf unsern Kaiser aber nicht zu, ganz abgesehen davon, daß wir ihn gern haben und gar nicht absetzen wollen. Dies schien ihm einzuleuchten. Na, schließlich nach vier Stunden Feilschens und Makelns, war die Bewilligung da, und das bleibt die Hauptsache. Denn die gestern Hals über Kopf geschaffene Volkswehr ist eine Horde! Es muß doch eine gewisse Organisation hinein kommen und endlich wieder Ordnung geschaffen werden! Denn wie seit vierundzwanzig Stunden die Menschen verwildert sind, das ist grauenerregend!«

»Wird die neue Nationalgarde auch die Proletarier besser im Zaum halten?« fragte Frau Patruban.

»Sicher! das ist ja ihr Hauptzweck.«

»Gott sei Dank, so kann man in der Nacht wieder ruhig schlafen. Also war es doch nicht so ganz überflüssig, daß die Deputationen so lange gefeilscht und gehandelt haben!«

»Gegen das Resultat ist nichts einzuwenden,« sagte der alte Beywald. »Sie wissen, ich gehe mit dem Fortschritt, und die Nationalgarde ist auch eine Schutzwehr dagegen, daß man uns das bißchen Errungene nicht wieder wegnimmt. Aber die entsetzliche Kopflosigkeit bei Hof bekümmert mich und das unwürdige Mitsichmarktenlassen! Sollen sie sich doch ehrlich und mannhaft auf den Boden der Reform stellen und das Vernünftige freiwillig gewähren! Wenn es so fortgeht wie heute, so wird schließlich auch noch das Unvernünftige zugestanden, und dann ade, Freiheit! Dann haben wir den Absolutismus von unten, statt von oben! Maßlose gibt es überall, und der Appetit kommt beim Essen. Denken Sie nur, wenn sich bloß ein paar Leute zusammen zu tun und im Vorzimmer des Erzherzogs zu randalieren brauchen! Und wenn jeder nächstbeste, indem er sich auf die Straße beruft, zum Kronrat werden kann! Das verbreitet sich, und die Extremen fühlen es geschwind: Wir haben ja den Kaiser im Sack! Sie werden sehen, es kommt jetzt jeden Tag eine neue Forderung, und findet sich bei Hofe kein aufgeklärter und zugleich starker Mann, so haben wir in ein paar Monaten die Anarchie oder – die Kanonen!«

»Pfui Teufel!« machte Patruban erschrocken.

Doktor Patzenhauer kehrte zurück, mit Edi Leodolter, der gleichzeitig mit ihm beim Muschir gewesen war. Des Doktors Augenbrauen standen auf der Stirn, während Edi jene anständige Gemessenheit zur Schau trug, die er aufzusetzen pflegte, wenn die Situation keine Scherze erlaubte.

»Ich fürchte, wir bekommen eine Lungenentzündung,« sagte der Arzt, von Sephine befragt; »das wäre mir recht fatal, denn mit dem Herzen steht es so so, la la. Vorderhand hab' ich den Pappelmann um Blutegel geschickt.«

»Gott, wenn ich so grausliche Viecher an mir saugen lassen müßte,« sagte Frau Susann, »da stürb' ich schon von vorn herein.«

Die Tür flog auf und Petz stand da, leuchtend vor Freude, beschwingt wie ein olympischer Sieger, ahnungslos bis in die Fußspitzen. Nicht einmal die Anwesenheit Patzenhauers machte ihn stutzig, der kam ja öfters ins Haus, Bethis halber.

»Die Zensur ist aufgehoben!« rief er den Versammelten zu, »Preßfreiheit gewährt!«

Es wunderte ihn nicht im Geringsten, die Verwandten hier beisammen zu finden; überall wurden die Tagesereignisse besprochen und neue Nachrichten erwartet.

»War das ein heißer Tag!« sagte er, »Aber unblutig, Gottlob! Die merkwürdigste Revolution, die es je gegeben hat! So voll Loyalität und Begeisterung für den Kaiser und fast für das ganze Kaiserhaus! Eine Revolution, die fortschrittliche Reformen fordert, nur um die Dynastie auf dem Throne zu erhalten und das Vaterland für sie zu retten! Wo gibt es etwas ähnliches? Wirklich, es wäre keine Kunst, das österreichische Volk zu regieren und zum ersten in der Welt zu machen!«

»Bloß die Ausschreitungen des Proletariats müßte man niederzuhalten wissen,« sagte Schinackel, der verzweifelt einen Weg suchte, ihm die entsetzlichen Ereignisse, die sich inzwischen vollzogen hatten, schonend beizubringen.

»Jawohl, die Proletarier ...« sagte Mosch und legte seine Hand auf des Freundes Arm, wie um Einhalt zu tun.

»Das hat keine Gefahr!« entgegnete Petz lebhaft. »Die Proletarier haben sich den Studenten angeschlossen und stehen vollkommen unter ihrem Einfluß. In den späteren Nachmittagsstunden war die Lage eine äußerst zugespitzte. Sturmkolonnen von Studenten und Proletariern zogen auf den Michaeler- und den äußeren Burgplatz, um Preßfreiheit zu erzwingen. Es hing nur an einem Haar, daß die Hofburg gestürmt worden wäre.«

»Das ist eben das böse Beispiel,« sagte Frau Patruban, »daß dann auch die Arbeiter vor den Linien zu solchen argen ... zu solchen argen Exzessen, wie sie letzte Nacht vorgekommen sind ...«

»Freilich ist es bedauerlich genug, daß man zu solchen Mitteln seine Zuflucht nehmen mußte,« versetzte Petz ahnungslos nach wie vor. »Aber die falschen Ratgeber, die sich noch immer zwischen Volk und Dynastie drängen, verstehen keine andere Sprache, als die der Gewalt. Eben noch rechtzeitig brachte eine Abordnung, die mit dem Grafen Kolowrat unterhandelt hatte, die erlösende Botschaft: Aufhebung der Zensur! Da waren mit einem Schlage die wilden Revolutionsmänner in dankbare Untertanen verwandelt, die dem Kaiserhaus ein nicht enden wollendes Lebehoch zujubelten. Die roten Wimpel an den Fenstern der Häuser wurden eingezogen und durch weiße ersetzt, alles schmückte sich mit Bändern und Schleifen in der reinen Farbe des Friedens. Ich befand mich gerade auf dem Josefsplatze, die Studenten zogen vor das Denkmal, ich sah Fred mitten unter ihnen ...«

»Fred?« unterbrach ihn Schinackel. »Wir sahen ihn letzte Nacht auf dem Braunhirschengrund, er führte eine kleine Abteilung Studenten. Es ist schlimm hergegangen da draußen, ich muß dir davon erzählen ...«

»Ich konnte ein paar Worte mit ihm wechseln,« fiel Petz lebhaft ein, so voll der neuen Eindrücke, daß er noch immer nicht begreifen wollte. »Er erzählte mir selbst, daß es ihm gelungen sei, die Ansammlungen vor unserer Fabrik zu zerstreuen. Noch viel schlimmere Abenteuer hatte er später vor der großen Kattundruckerei in Fünfhaus zu bestehen. Aber er scheint seine Aufgabe wacker erfüllt zu haben und ist wohlbehalten. Auch heute führte er, Mießrigel als Tambour an der Seite, eine kleine Volkswehrrotte und zog mit ihr unter Tausenden von Studenten vor das Josefsdenkmal. Sie sangen begeisternde Lieder, und ein Junge kletterte aus das Denkmal und steckte dem unvergeßlichen Volkskaiser eine wehende Fahne in die Hand, von der in leuchtenden Lettern das Wort »Preßfreiheit« glänzte. Ich werde diese Stunde nie vergessen und bin glücklich, mit dabei gewesen zu sein. Nun hat es keine Not mehr, die Revolution ist zu Ende, und ein verjüngtes Österreich wird strahlend aus diesen wirren Tagen der Leidenschaft und des Schreckens hervorgehen!«

Die Anwesenden schwiegen, aufs Peinlichste durch den Gedanken berührt, daß seiner schönen Wärme eine so bittere Ernüchterung bevorstand. Das machte Petz endlich doch aufmerksam, und er schaute mißtrauisch in die Runde, von einem zum andern, und traf überall auf teilnehmende oder verlegen ausweichende Blicke.

»Wo ist Poldi?« fragte er sich besinnend.

»Er ist nicht ganz wohl und liegt zu Bette,« antwortete Schinackel. »Ich will dich zu ihm begleiten.«

Ernst und auf das Schlimmste gefaßt stand Petz auf und verließ mit Schinackel und Patzenhauer das Zimmer.

Es war ganz still unter den Zurückbleibenden, man hörte nichts als das Atemziehen der Frau Patruban, die immer mehr zur Beleibtheit neigte. Niemand fand ein Wort, das sich der bedrückten Stimmung eingefügt hätte, die alle beherrschte. Es dämmerte stark, aber man hatte noch keine Lampe angezündet. Auf einmal drang aus des Muschirs Krankenzimmer ein entsetzlicher, langgezogener Ton durch die ganze Reihe geschlossener Türen herüber, wie das ferne Brüllen eines wütenden Rindes. Der starke, gewaltige Mann wehrte sich mit der Urkraft eines Tieres gegen die heranschleichende Krankheit.

Da standen die Verwandten auf und empfahlen sich. Ein Schauer des Schreckens und des Mitleids lief ihnen über den Rücken. Das Unheil ritt noch schneller in diesen Tagen als gewöhnlich, niemand konnte ahnen, was morgen mit ihm sein würde. In solchen Zeiten gehörte der Bürger, der sich an Eigentum und Leben jeden Augenblick bedroht sehen konnte, vor Einbruch der Dunkelheit in sein Haus.

Frau Patruban gab ähnlichen Gedanken Ausdruck, als sie sich verabschiedete. Edi tröstete sie, Petz habe doch eben erst verkündet, daß die Revolution zu Ende sei.

Kaum aber war sie zur Tür hinaus, so sagte er zu Susann: »Bei der hat's keine Gefahr! Die braucht nur zum Fenster herauszusehen, so laufen die wildesten Proletarierhorden davon.«

»Schnabel!« sagte Susann und gab ihm eine jener Maulschellen, mit denen die beiden Geschwister von Jugend auf sich gegenseitig ihre Liebe bezeigt hatten.

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