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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 23
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
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Die Gassen des Schottenfelds waren stockfinster, die Laternen nicht angezündet, aber der westliche Himmel über der Stadt glühte wie Nordlicht.

»Wovon ist denn der Himmel so rot, Vater?« fragte Görgi. »Sieht man den Sonnenuntergang in jeder Nacht so lange?«

»Das kommt nicht vom Sonnenuntergang, das sind Brände.«

»Wo brennt es denn?«

»Irgendwo draußen. In Sechshaus, in Hernals oder auf dem Braunhirschengrund.«

»Vielleicht gar in deiner Fabrik?«

»Möglich.«

»Werden wir das Feuer ganz in der Nähe sehen?«

»Es kann leicht sein.«

»Ich werde löschen helfen. Darf ich?«

»Wir wollen es abwarten.«

Als sie in die Zieglergasse einbogen, begannen gerade die Glocken von St. Laurenz zu läuten. Görgi erschrak heftig und blickte nach dem Turm, der von der westlichen Seite ganz unheimlich rot angeglüht war.

»Ist das Läuten, Vater, damit die Feuerwehrmänner zusammen kommen?«

Der Kutscher auf dem Bocke drehte sich um und sagte: »Sturmläuten!«

Hie und da sah man jetzt an den Fenstern Kerzen stehen, manchmal nur zwei, manchmal eine ganze Reihe nebeneinander wie bei einem Freudenfest. Was das zu bedeuten habe? wollte Görgi wissen.

»Sie illuminieren,« sagte der Muschir, »weil der Metternich gestürzt ist.«

»War der Metternich ein böser Mann?«

»Böse nicht, aber alt.«

»Alten Menschen soll man doch Ehre bezeigen?« sagte Görgi.

»Wenn sie sich rechtzeitig pensionieren lassen, tut man es auch,« sagte der Muschir und lachte.

Görgi verstand ihn nicht und sah scheu am Vater hinauf.

Jetzt fuhren sie über die Mariahilferstraße. Da bewegte sich eine große Menschenmenge und fast an allen Fenstern standen Lichter, daß die Häuserzeilen auf und nieder im Festglanz funkelten. Dazwischen gab es Fenster, an denen durch Steinwürfe die Scheiben eingeschlagen waren, und die jetzt tot, wie ausgeronnene Augen in die Welt blickten. Aber solcher waren nur da und dort welche zu sehen, an den meisten standen Lichter, und auf der Straße war es hell wie am Tage. Denn es loderten auch riesige Fackeln aus dem Pflaster, an den Stellen, wo man die Gaskandelaber ausgerissen hatte, und tauchten Häuser und Menschen in eine fantastische Beleuchtung.

Görgi, zwischen Furcht und Entzücken schwankend, hatte sich im Wagen aufgerichtet und lugte über den Kutschbock hinweg nach vorne.

»Vater, schau! Dort brennen sie gar ein Feuerwerk ab!«

»Der Muschir neigte sich zur Seite, um an dem Kutscher vorbeizusehen. Um die Mariahilferlinie leuchtete es wie von Feuerrädern und pyrotechnischen Fronten. Raketen gleich stoben Feuergarben hoch auf. Und ein langgezogener Ton, wie das ferne Johlen von Tausenden von Menschen, lag in der Luft, während hoch darüber, als ob es aus dem bewölkten Himmel käme, das dumpfe Dröhnen der Sturmglocken schwebte, die von allen Türmen läuteten. Da hielt der Wagen still.

»Ich kann nicht mehr weiter,« sagte der Kutscher.

»Hauen Sie auf die Pferde ein, die Leute machen schon Platz!«

Im Schritt ging es vorwärts. Rechts und links Mauern von Menschen. Der Lichtschein immer greller, das Geschrei der Menge näher und näher.

Da züngelte ein riesiger Scheiterhaufen. Die Flügel des Linientores hatten sie ausgehoben und die Latten in die Flammen geworfen. Aus dem grell bestrahlten Verzehrungssteuer-Gebäude schlug dicker Qualm, Möbel und ganze Ballen von Akten flogen aus den Fenstern und prasselten in die Glut. Gerade zerrte ein heulender Menschenhaufen irgend einen Gegenstand aus der zu ebener Erde gelegenen Wachstube und schleuderte ihn im Schwunge mitten in den Feuerherd.

»Sie verbrennen sogar die Einrichtungsstücke!« sagte der Muschir.

Aber der Gegenstand, der in den Scheiterhaufen geflogen war, lebte. Er raffte sich auf und rannte aus den Flammen. Man sah, daß es ein Mensch war, der die Uniform eines Steuerbeamten trug. Seine Kleider brannten und qualmten. Es war entsetzlich, wie der Unglückliche schrie. Die jauchzende Menge umringte ihn, zerlumpte Weiber und Falotten. So wurde er in die Glut zurückgestoßen, bis er verstummte.

Görgi hatte laut aufgeschrien, bleich vor Entsetzen.

»Vorwärts! Weiter!« befahl der Muschir dem Kutscher.

Die Pferde zogen an, die Menge wich, es ging nun im Trab. Die Straßen wurden freier und dunkler, indessen stieß man noch immer auf Pöbel-Rotten. Ein paarmal stellte sich ein Proletarier den Pferden in den Weg und schrie, das sei auch ein Reicher, ein Ausbeuter, der da fahre, man solle ihn aus dem Wagen reißen. Aber die Leute achteten nicht darauf, es hatten die meisten Wichtigeres zu tun. Bald da, bald dort sah man sie an ihrer Arbeit. Wie sie mit eisernen Stangen und Äxten ein Kaufmannsgewölbe erbrachen, von einer Horde kreischender Weiber angefeuert, die schon ihre Zeger und Körbe mitgebracht hatten, um sie mit den erbeuteten Vorräten zu füllen; oder vor einem geplünderten Bäckerladen, einem demolierten Selchwarengeschäft lagerten und sich einmal weidlich satt aßen.

An einem kleinen Wirtshaus, das an der Straße lag, waren die Scheiben eingeschlagen und sogar ein paar Fensterstöcke herausgerissen. Die Fässer wurden auf die Straße gerollt und angezapft, und wo ein neuer Spund sich auftat, da balgten sich zerlumpte Gesellen, Weibsbilder und Kinder um den ersten Platz am geöffneten Piphahn und ließen sich, auf dem Rücken liegend, den Wein in den Mund rinnen, daß sie sich beinahe ertränkten. Das meiste aber floß in die Gosse.

»Es lebe die Freiheit!« rief der Muschir hinüber, in einer schier wahnwitzigen Laune, die ihn plötzlich erfaßt hatte.

Ein paar verdächtige Gestalten, die den Hohn ahnten, hoben die Fäuste und machten Miene, dem Wagen nachzusetzen. Der Kutscher brummte etwas von Verrücktheit und hieb auf die Pferde. Um den belebten Straßen auszuweichen, bog er in rasendem Galopp in die stille, dunkle Feldgasse ein; da befanden sie sich auf einmal in fast ländlicher Umgebung. Über die niedrigen Häuser hinweg sah man in Fünfhaus drüben ein großes Fabriksgebaude brennen. Es war ein fast erhebender Anblick, wie in der plötzlich schweigsam gewordenen Nacht die Flammen lautlos aus Dach und Fenstern züngelten.

Jetzt fuhren sie die lange Mauer des Braunhirschenschlosses entlang, hinter der der Park schlummerte, ruhig wie im tiefsten Frieden. Es kam das große schmiedeiserne Gitter, das die Einfahrt gegen die Frontseite des Hauptgebäudes abschloß. Da richtete der Muschir sich im Wagen empor und sah aufmerksam hinein. Aus dem Dunkel des Vorhofes blitzte es wie von Waffen.

»Stand da nicht Militär vor dem Schlosse?« fragte er den Kutscher.

»Freilich war es Militär. Soldaten sind drin. Der Herr Baron läßt sich bewachen.«

Der Muschir ergrimmte. Hier lagen Grenadiere wie vor einem Staatsgebäude und beschirmten den Besitz des Freiherr von Auenwald, den er in Verdacht hatte, den ganzen Rummel von der Landstube aus inszeniert zu haben. Wahrlich, Sephine hatte so Unrecht nicht: die Adligen sollte man zum Kuckuck jagen!

»Dem braucht freilich vor der Freiheit nicht bange zu werden, dem Auenwald,« sagte er mit zornigem Lachen. »Sind ja die Musketen da!«

Aber im Grund war es ihm doch lieb, daß er Militär in der Nähe wußte. Das war ohnedies sein erster Gedanke gewesen, als der Priesching mit seiner Hiobspost kam: »Manchmal ist es garnicht so übel, der Nachbar eines hohen Herrn zu sein, der sich auskennt.«

Der Wagen bog um den Schloßpark und fuhr in das Leodolterische Grundstück ein. Hier war es totenstill, nur aus weiter Ferne hörte man noch immer das Rufen der Sturmglocken. Mit toten Fenstern, wie ein riesiger grauer Würfel, lag die Fabrik da. Der Muschir wunderte sich.

»Die werden doch nicht in ihren Betten liegen, die Schlafmützen?«

Gerade trat der Mond zwischen ziehenden Wolken hervor und warf seinen Schimmer über das flimmernde Dach des Hauptgebäudes. Ein scharf umrissener Schatten fiel jetzt über den offenen Garten, durch den die Fahrstraße führte, und breitete sich wie ein schwarzes Bartuch über die letzte Strecke des Weges. In einer Anwandlung von Weichheit schlang der Muschir den Arm um den Knaben an seiner Seite und küßte ihn.

»Du wirst an diese Nacht noch denken, Görgi, wenn ich nicht mehr bin. Es sind schlimme Zeiten, wo der Bürger um sein schwer Erworbenes bangen muß. Merk es dir für dein Leben: Nur der Mann gilt in der Welt, der sich durchzusetzen und sich um das Seinige zu wehren weiß.«

Görgi blieb befangen und gab sich Mühe, das alles, das er nur halb verstand, in seinem Knabengehirn zurecht zu legen. Immer bedrückte es ihn, wenn er mit dem Vater allein war, denn der wußte nicht recht mit ihm zu reden. Sie hielten an der Haustür, er war froh, wieder in bekannte Umgebung zu kommen, lief voraus und klopfte.

Man hörte behutsame Schritte innen und ängstliches Flüstern und schließlich Herrn Vielkinds Brummbaß von oben: »Fragen Sie, wer es ist!«

»Wer es ist? Sollt ich fragen,« flötete ein süßer Diskant durchs Schlüsselloch. Es war die vor Angst wackelnde Stimme seiner Hauserin, die durch schmeichelnden Tonfall die Räuber und Mörder, die vermutlich draußen stünden, zu begütigen und milder zu stimmen hoffte.

»Gut Freund! Nur rasch aufgemacht!«

»Um Gotteswillen, der gnädige Herr!« hörte man Vielkinds befreite Stimme, und der Schlüssel wurde umgedreht.

»Daß Sie sich aber trauen, Herr von Leodolter! Und gar der junge Herr auch? Mein Gott, mein Gott, sind das Zeiten! Nach allen Windrichtungen sieht man die Feuerzeichen am Himmel stehen!«

»Lassen Sie uns Rat halten,« sagte der Muschir knapp und schritt voraus die Treppe hinauf. Herr Vielkind folgte mit schlotternden Knien, nachdem er der Hauserin zugeraunt hatte, für Wein und Backwerk zu sorgen.

»Wie viele verläßliche Leute haben wir im Hause?« leitete der Muschir den Kriegsrat ein, kaum daß er sich auf das Sofa in Vielkinds Stube niedergelassen.

Der alte Mann schob die kreisrunden Brillengläser vor die Augen, weil man zum Zählen nichts zu sehen brauchte, und begann mit dem Daumen: »Da haben wir erstens einmal den jungen Brodbeck.«

»Wo ist er?«

»Oben auf dem Dachboden bei den Wasserbottichen, die er nachzufüllen anfing, wie der erste Feuerschein zu sehen war.«

»Gut! Ausgezeichnet sogar! Zweitens?«

»Zweitens den alten Handel, den Nachtwächter.«

»Wo ist dieser?«

»Der bewacht drüben die Maschinenhalle.«

»Die Maschinenhalle können wir nicht halten, die müssen wir preisgeben, es ist mir auch nicht gar so sehr darum. Die Hauptsache bleibt, daß den neuen Kraftstühlen nichts geschieht. Wir müssen unsere Kräfte sammeln. Der alte Handel soll herüberkommen!«

Görgi lief, den Befehl zu bestellen.

»Drittens?«

»Wir sind schon fertig,« sagte Herr Vielkind kleinlaut. »Sonst ist niemand mehr.«

»Der Schumeier?«

»Fortgelaufen.«

»Der Spika?«

»Gehört zu den Unzufriedenen.«

»Der alte Pölzl und der Pölzl Heinrich?«

»O je! Das sind Haupträdelsführer, alle beide!«

»Der Götsch Lebold?«

Herr Vielkind nahm eine Prise und gebrauchte sein »Fazolettl«.

»Herr von Leodolter vergessen, daß der Götsch Lebold schon seit mehr als zehn Jahren nicht mehr da ist.«

Der Muschir stützte die Stirn in die Hand.

»Ich vergaß darauf. Man hat so viel zu denken ... Er ist mir nur gerade eingefallen, weil ich an die alten Getreuen dachte, die noch unter dem Vater da waren. Übrigens – kommt mir vor – wollte der Götsch Lebold doch später wieder aufgenommen sein?«

»Demoiselle Bethi hat sich damals für ihn verwendet, aber er war nicht mehr aufzufinden.«

»So, so! Hm! Da wären wir also fertig?«

Herr Vielkind zuckte die Achsel. »Leider, leider,« sagte er, indem er seine Brillen wieder von den Augen fortrückte, um bequemer darüber hinweg zu sehen.

»Haben Sie Waffen im Haus?«

»Waffen?« fragte Herr Vielkind von Schreck gelähmt. Schon bei dem bloßen Gedanken an ein Gewehr, das losgehen könnte, stockte ihm das Blut.

»Aber doch wenigstens Hämmer, Äxte, Hebestangen, Eisenteile! Heute heißt es: Hilf, was helfen kann! Der Handel soll alles dergleichen Zeug im Vorhaus zusammentragen! Wir andern verbarrikadieren indessen die Eingänge.«

Der Nachtwächter Handel hatte sich inzwischen eingefunden, eine treue Seele, man brauchte ihn nur anzusehen, um es zu wissen. Der junge Brodbeck wurde vom Dachboden heruntergeholt, der blickte gemächlich und frisch, als ob er bereit wäre, es mit der Hölle aufzunehmen. Herr Vielkind, Görgi und sogar die Hauserin stellten sich in die Reihen der Verteidiger. Der Muschir hielt Revue über die kleine Schar und wies jedem seine Aufgabe zu.

Auf einmal ein heftiges Pochen an der Hinterpforte.

»Jesses und Josef, jetzt sind sie da!« kreischte die Hauserin und wurde fahnenflüchtig. In der Speisekammer neben der Küche hatte sie Flaschen und Vorräte aufgehäuft, um die Wut des Proletariats von ihrer Person abzulenken.

Die Männer (auch Görgi zählte sich dazu) gingen selbst hinunter, nachzusehen. Wer draußen sei?

»Poldi und der alte Priesching!« Görgi jubelte auf. Im nächsten Augenblick streckten sie einander die Hände entgegen. Der Muschir umarmte seinen Neffen. So geliebt hatte er ihn sein Leben nie. Und der alte Priesching! Der noch mit seinem Vater in die Schule gegangen war! Es gab doch noch ein anderes Band zwischen Weber und Fabriksherrn, als den Arbeitsvertrag! Konnte wenigstens eines geben! ...

Aber da stand ja noch einer? Schinackel war es, der Aristokrat mit dem Demokratenbart. Sicher, fest und heiter wie ein richtiger Amerikaner stand er da. Und mit einem derben Stock bewaffnet, aus dessen Griff er lachend ein langes Stilett hervorzauberte.

» Dulce est pro patria mori

Nun waren sie auf einmal zuversichtlich und aufgeräumt.

Wie sie denn da herauskämen? wollte der Muschir wissen. Der Poldi natürlich, erzählte Schinackel, hätte wieder einmal vor Sorge nicht schlafen können, weil ihm geschwant, daß der plötzlich losgelassene Kettenhund sich's nicht versagen würde, um sich zu beißen und zu pissen. Und da hätt' er sich mit dem Priesching zusammen gefunden, der im »Goldenen Stuck« geisterte, um jemanden zu finden, dem er seine Schauermären aufbinden könne.

»Und wie sie nachher gemeinsam dich suchen gingen,« sagte er, »und von Julie erfuhren, daß du herausgefahren, so ließ es ihnen erst recht keine Ruhe mehr vor Bangen um dich und Görgi. Da alarmierten sie auch die Roveranigasse, und wir wurden eins, daß unser Herrgott recht hätte, das Kreuz über uns zu machen, wenn wir nicht nach dem Unsrigen sähen. Also schlugen wir uns durch, als liederliches Kleeblatt, indem wir uns so falottenhaft als möglich benahmen und überall mit den Wölfen heulten, wo ein Rudel uns umringte und mißtrauisch beschnupperte. So oft wie diese Nacht hab' ich die Freiheit nie hochleben lassen; und es kam mir von Herzen, weil ich die Tyrannis des Mobs noch nie aus solcher Nähe sah.«

Jetzt gingen sie fröhlich an die Arbeit. Es war zwei Uhr geworden, und der Muschir meinte, die Gefahr sei für diese Nacht wohl vorüber und die Proletarier würden gegen Morgen ihres Zerstörungswerkes müde werden, sich zur Ruhe begeben und ihren Rausch ausschlafen. Das liederliche Kleeblatt hingegen wußte es besser, das hatte den Pöbel eben noch an der Arbeit gesehen, unermüdet, mit der Rastlosigkeit des Ingrimms, durch steten Zuzug frischer Mannschaft verjüngt und immer zu neuen und noch größeren Greueln aufgelegt, je weniger die schon begangenen Rächer fanden, und je mehr die Überzeugung sich festsetzte, daß mit der Regierung zugleich auch die Polizei hinweggefegt worden sei. Also fand man es angezeigt, sich für alle Fälle vorzubereiten. Alles, was als Waffe dienen konnte, wurde zusammengetragen, wie der Muschir es schon angeordnet hatte, jeder Eingang mit Einrichtungsgegenständen verrammelt und bei jedem Fenster des Oberstocks ein Gefäß mit Wasser aufgestellt, um alle, die sich in feindlicher Absicht dem Hause nähern wollten, zu taufen, oder etwa ausbrechendes Feuer sogleich zu unterdrücken. Und dann setzten sie sich mit jener Befriedigung, die in Stunden der Not das Bewußtsein gewährt, wenigstens das Mögliche getan zu haben, in Vielkinds Stube zusammen, um die Ereignisse des Tages zu besprechen und bei einer Tasse Tee ihre Lebensgeister wachzuhalten. Nur Görgi hatte sich über Poldis Zureden im Nebenzimmer auf Vielkinds Bett hingestreckt und war auch sogleich eingeschlafen; und der junge Brodbeck, dem es respektwidrig geschienen hätte, mit den Herren zusammenzusitzen, ließ es sich nicht nehmen, die Wache zu besorgen, indem er unermüdlich in den noch leeren Sälen des zweiten Stockwerks, die an Vielkinds Wohnung grenzten, die Runde machte, um nach allen Himmelsgegenden auszulugen.

Er sah die Brände da und dort verglosen und dafür an anderen Stellen wieder neue Feuersbrünste auflodern. Er konnte, wenn er ein Fenster öffnete, das Heulen der Proletarierhorden aus der Ferne hören und von der Stadt her das Klingen der Glocken. Der große freie Gartenraum hingegen, der sich rings um das Fabriksgebäude breitete, und der angrenzende Park des Braunhirschenschlosses lagen wie schlafend still im Dunkel, und in der näheren und ferneren Umgebung des Hauses zeigte sich nicht das geringste verdächtige Zeichen.

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