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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 21
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
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Poldi hatte den ganzen Tag im Werksaal des Hinterhauses daran gearbeitet, eine neue Kette aufzubäumen. Nie hundert Handgriffe, die dabei zu erlernen waren, hatte er längst weg, aber trotzdem versah er heute manches und oft das Einfachste. Seine Gedanken liefen ihm immer wieder davon. Frühmorgens hatte sich Fred fortgeschlichen, ohne Frühstück und ohne dem Bruder Lebewohl zu sagen. Was mochte der im Schilde führen? Und im Lauf des Vormittags ging auch der Vater weg, er müsse in den juridisch-politischen Verein sehen, es sei ein wichtiger Tag heute. Beide waren sie zur Mittagmahlzeit nicht nach Hause gekommen.

Poldi ahnte, daß es sich um ernste Dinge handeln mußte. Nachmittag blieben auch die Arbeiter und Arbeiterinnen weg. Da saß er ganz allein im Werksaal und hatte ein banges Herz. Es ging etwas vor ohne Zweifel, er wäre gern an Freds Seite gewesen. Aber finden könne er den Bruder doch nicht in der großen Stadt, dachte er, unter den vielen Menschen. Und irgendwer müsse bei der gewöhnlichen Tätigkeit bleiben, damit nicht alles ins Stocken geriet! Und das beste für ein banges Herz sei noch immer die Arbeit. Darum schuftete er, als müsse das Seidenzeug heute noch fertig werden, dessen Kette er aufbäumte.

Gegen vier kam der alte Priesching, der Weber, der noch mit dem Großvater Leodolter in die Schule gegangen war.

Der setzte sich aber gar nicht in den Stuhl und ging nur unstet hin und her, als wolle er irgendwo anpacken und wüßte nicht, wo?

Schöne Geschichten seien das! Saubere Geschichten! Das ganze Gesindel aus den Vororten befinde sich auf den Beinen. Auf der Mariahilferstraße wimmle es nur so von Proletariern, die die Laimgrube hinunterzögen gegen das Burgtor. Und mit einem Geschrei, daß einem die Ohren weh täten. Aber auch Weber habe er darunter gesehen, Weber vom Braunhirschengrund! Eine Schande sei es!

Was das zu bedeuten habe? fragte Poldi an sich haltend, und was es eigentlich gebe?

»Revolution gibt es«, sagte der alte Priesching. »Die Hausherrn sollen keinen Zins mehr verlangen dürfen und die Mautner keine Verzehrungssteuer mehr einheben. Das wollen sie dem Kaiser abtrotzen, und deswegen belagern sie ihn in der Burg, heißt es. Weil sie zu faul sind zu arbeiten, die Sauludern!«

Und auf einmal schien er sich zu besinnen, das er selber auch nicht arbeitete, setzte sich still in seinen Stuhl und begann mit dem Jacquardtritt zu rattern.

»Wenn ich bloß von Fred etwas wüßte?« sagte Poldi. dem die Zähne aufeinanderschlugen.

Er spannte den Seidenbaum ein und schickte sich an, die Kettfäden durch die Augen zu ziehen. Nicht lange, so hielt der Priesching wieder mit Weben aus und lauschte. Ein dumpfes Zittern und Schwingen und Rauschen erschütterte die Luft.

»Was ist das für ein Gebrumm? Hören Sie nichts, junger Herr?«

»Sturmgeläut von St. Stephan!« rief Poldi entsetzt.

Jetzt ließ es ihm keine Ruhe mehr. Er eilte die Treppe hinunter und lief über den Hof. Durch den Himmelsausschnitt hoch über den Dächern zog es wie ein fernes Heulen oder Brausen des Windes. Die Geschäftsstuben des Vorderhauses waren leer, sogar Tante Sephine fehlte an ihrem Pult, auf dem das große Kontobuch noch aufgeschlagen lag, gerade als wäre sie mitten aus ihrer Arbeit davongelaufen. An einem offenen Fenster stand Pappelmann und lauschte in den sinkenden Abend hinaus. Er fuhr, als Poldi eintrat, mit dem Kopfe zurück und machte sich zu schaffen, damit niemand glauben sollte, daß er müßig gehe.

»Es geht los, junger Herr! Hören Sie die Sturmglocken? Bloß in St. Ulrich schlafen sie noch.«

Ob der Onkel Muschir da sei?

Pappelmann wies mit dem Kinn auf die Tür zum Nebenzimmer. In dem großen, gewölbten Magazin neben seinem Kontor saß der Muschir vor einem der neuen mechanischen Webstühle, den er sich hier hatte aufschlagen lassen, um Versuche anzustellen. Statt der Transmission hatte der Stuhlbauer Seyfried ihm einen Kurbelantrieb eingerichtet, daß er den Mechanismus durch einen Trittschemel in Bewegung setzen konnte. Noch immer rissen, wenn das Werk im Gange war, die zarten, straffgespannten Seidenfäden der Kette allzuleicht, und wenn der Weber es nicht sogleich bemerkte und den Stuhl noch eine Zeitlang weiterlaufen ließ, so schlich der Fehler sich durch eine ganze Reihe von Gängen und war nur durch einen ungeheuren Aufwand von Zeit und Mühe wieder auszumerzen. Dem wollte der Muschir abhelfen. Auf dem Braunhirschengrunde standen die neuen Kraftstühle bereits aufgeschlagen, ein ganzer großer Saal zu ebener Erde. Aber sie hatten ihre Arbeit noch nicht aufnehmen können, die große Dampfmaschine im Kesselhaus sollte erst fertig montiert werden. Noch in letzter Stunde war dem Muschir ein Gedanke gekommen, wie man durch eine kleine Verbesserung ihre Leistungsfähigkeit steigern könnte. Und er studierte und experimentierte Tag und Nacht, um die Zeit abzukürzen und zugleich auszunützen, seiner kleinen Armee eiserner Heloten gewissermaßen den letzten Drill und Schliff zu geben und sie umso sicherer zum Siege zu führen. Noch um einen Hauch mehr menschlicher Vernunft sollte dem störrischen Mechanismus eingeflößt und aufgezwungen werden, daß er sich selbst ausschaltete und stillestand, sobald ein Faden riß.

Poldi war eingetreten, der Muschir bemerkte ihn erst gar nicht, so vertieft war er in sein Problem.

»Ich bitte, Herr Onkel, dürft' ich vielleicht Feierabend machen, ich habe solche Angst um Fred und möchte sehen, ob ich ihn finden kann.«

»Willst du auch fortlaufen?« brauste er auf. »Sind noch nicht Gaffer genug bei dem Rummel?«

»Von allen Türmen läuten die Glocken, es muß etwas Ernstes vorgehen, und Fred, fürcht' ich, ist auch dabei. Wenn ihm etwas geschähe, und ich könnt' ihm nicht helfen –!«

»Bist du seine Kindsfrau? Nun also! Der Fred wird sich schon selber helfen, übrigens geschah' ihm recht, wenn sie ihn erwischten! Soll er nur ein paar Tage im Kotter brummen! Was geht ihn die Aula an? Ist er nicht Polytechniker? Student kommt von studieren. Aber Lärmschlagen ist freilich kurzweiliger.«

Das empörte Poldi. Er selbst war ja schwerfällig und nur ein Weberlehrling, der nichts zu tun hatte mit den großen Dingen und aus mehr als einem Grunde sich nicht berufen fühlte, einzugreifen in die öffentlichen Angelegenheiten, um die es sich jetzt handelte. Fred hingegen, als Student und geheimer Bursch, der mit weiten politischen Kreisen in Verbindung stand – für ihn war es Ehren- und Herzenssache, mitzutun, wenn es einmal losging, und niemand sollte ihn geringschätzig beurteilen dürfen deswegen, er glaubte dem Vaterland zu dienen in seiner Weise und hoffte etwas zu wirken, auch für die Zukunft.

»Ums Lärmschlagen ist es dem Fredl sicher nicht, Onkel, das kannst du mir glauben!« flammte er auf. »Die Freiheit will er erringen helfen, und wie ich ihn kenne, ist er bereit, sein Leben dafür hinzugeben.«

»Na, na!« machte der Muschir. »Warum denn gleich sein Leben?«

»In der inneren Stadt soll die Revolution ausgebrochen sein, heißt es.«

»Das sind Extremitäten! Revolution? Lächerlich! Zu was wäre denn das viele Militär da und die Polizei? Das pfeifen ja seit einer Woche die Spatzen auf dem Dach, daß es am Dreizehnten losgehen soll. Glaubst du, der Metternich und der Sedlnitzky sind solche Trotteln, daß sie sich nicht vorgesehen hätten?«

Er lachte auf.

»Schöne Revolution das! Deine Tante Sephine ist auch dabei.«

Immer war es, wenn er an einem etwas auszusetzen hatte, des andern Tante oder Onkel oder dergleichen, wovon er sprach, nicht seine eigene Schwester, sein Bruder und so weiter.

»Tante Sephine?«

»Freilich! Meinst du, die dürfe fehlen bei so etwas? Ganz wild ist sie geworden und davongerannt wie ein Bader. Wahrscheinlich organisiert sie die Hökerinnen vom Naschmarkt als Damen der Halle. Weil das Pariserische jetzt Mode ist ... Also lauf ihr halt nach, deiner guten Tante, und schau, was sie treibt,« sagte er halb beißend und halb erheitert.

Und als Poldi Miene machte zu gehen, stand er auf und nahm ihn am Arm und tat fast geheimnisvoll.

»Übrigens möcht' ich dir etwas zeigen, wenn du noch einen Augenblick Zeit hättest. Schau einmal her da? Das ist wichtiger für uns als die hohe Politik! Was meinst du, wenn ich hier eine Feder anbrächte, gerade hier an dieser Stelle, und eine leichte Drahtspange daran, die die Kettfäden niederhält ...? Wir wollen es probieren! Halt einmal das Lineal, bitte, und drücke damit leicht auf die Spannung der Seide. So! Danke!«

Er bewegte den Antrieb, griff mit dem Finger in die Kette und riß einen Faden durch.

»Teuxel noch einmal, so könnts gehen,« sagte er befriedigt, und sein ganzes Antlitz verklärte sich.

Poldi blickte voll Achtung und stiller Ehrerbietung zu ihm auf. Wer so bei dem Seinigen blieb, das ihm oblag, während draußen die Sturmglocken heulten, und sich nicht abdrängen ließ von dem Wege, der ihm der richtige schien, das war doch auch ein Starker und Fester, der dem Vaterland diente, auf seine Art, wie er es eben verstand und für gut hielt. Und um das Aufleuchten, das des Muschirs Angesicht erwärmte, als er seiner Erfindung sicher zu sein glaubte, tat Poldi dem Oheim stille Abbitte, daß er ihm im ganzen immer nur wenig Liebe hatte zuwenden können. Denn die harte und herrische Art, wie der Muschir sie für gewöhnlich zur Schau trug, ließ keine Annäherung zu, und man mochte ihn wohl verkennen, wenn man nicht einen solchen Augenblick miterlebt hatte, wo auf einmal ein Sonnenstrahl sein innerstes Wesen aufzuhellen schien.

Als Poldi vors Haus trat, dunkelte es bereits, und als er jetzt pochenden Herzens gegen die Glacis hinunterlief, wurde es stockfinster in den engen Gassen, deren Häuser wie ausgestorben waren, die Läden geschlossen, die Straßenlaternen nicht angezündet. Es kam ihm in den Sinn, wie er einst Gelübde getan hatte in der Not. Während der Schulstunden, wenn er für Fred zitterte. Wie er da Dankgebete versprochen und in das Schuldbuch des lieben Gottes eingetragen hatte. Und mitten in seiner Angst um Fred, die ihn auch jetzt wieder schüttelte, mußte er lächeln, als er sich all der kleinen Umstände erinnerte, die damit zusammenhingen, mußte lächeln über sich selbst und über den armseligen Gott, der damals der seinige gewesen ... Niemals hatte er seine Schuld abgezahlt, sie war verjährt. Der Gott, den er jetzt kannte, forderte sie nicht, er lächelte mit ihm über die kindlichen Sorgen von damals, über das beschränkte, aftergläubige Formenwesen, das ihn befangen gehalten, über die Enge jenes schulknabenmäßigen Weltbildes und die Dürftigkeit des konfessionellen Gottbegriffes. Bedurfte es der Sturmglocken, um frei zu werden? ...

Gott forderte jetzt anderes von ihm. Schwereres. Die Kraft und Sicherheit, die der Arbeit entströmen, Besonnenheit und Umsicht in den schweren Tagen, die hereingebrochen waren. Der Muschir allein konnte es nicht richten, der war in sein Erfinden verbohrt, und die andern dienten der Freiheit. Wer sollte das ganze umfassende Geschäftswesen, das schwere Not litt, zusammenhalten, die auftauchenden Wirren klären, den sich häufenden Verlegenheiten entgegentreten, wenn nicht er es tat? Ganz unvermerkt hatte sich schon jetzt ein beträchtlicher Teil der Sorgen und Lasten auf seine jungen Schultern gesenkt, die ein ausgebreitetes Fabriksunternehmen mit sich bringt, zumal in unruhigen und harten Zeiten. An ihn wendeten sich die Weber, die Spulerinnen und Schweiferinnen, die Vorarbeiter, Werkführer und Angestellten, wenn Schwierigkeiten auftauchten, wenn es etwas zu entscheiden oder zu schlichten gab, wenn Lohndifferenzen drohten, wenn der Betrieb stockte. An ihn wendeten sich die Seidenmakler und Färber, fragten ihn um seine Wünsche, erklärten ihm die Lage des Marktes, holten seinen Rat ein, erbaten seine Vermittlung. An ihn wendeten sich die Kaufleute und sonstigen Abnehmer, legten ihm ihre Aufträge ans Herz, beluden ihn mit ihren Beschwerden, bestürmten ihn um Stundung. Der Muschir war jäh und reizbar, Petz oft nicht zu finden, mit dem jungen Herrn, der schon jetzt die Seele des ganzen Unternehmens zu werden versprach, verkehrten alle am liebsten, er zeigte sich fest und gütig zugleich, ihm gab man manches nach, worauf man sonst hartnäckig bestanden hätte, jeder schätzte und liebte ihn. Und er rechtfertigte, so weit es in seinen Kräften lag, das Vertrauen, das ihm entgegengebracht wurde, ordnete, beriet und vermittelte, wo es nottat, entschied rasch und entschlossen, wo es Entscheidung galt. Und indem er von Petz und Muschir jede überflüssige Plage und Sorge fernhielt, lenkte er zum Guten, was zum Guten zu lenken war. In aller Stille, ohne daß jemand groß darauf achtete oder ein Wesen daraus machte, hatte er das Steuer ergriffen und steuerte das Fahrzeug, das die Flagge der Firma Leodolter trug, behutsam zwischen den unzähligen Klippen und Sandbänken hindurch, an denen die tobende See der allgemeinen wirtschaftlichen und politischen Exaltation so viele andere zum Scheitern und Stranden gebracht hatte ...

Das Läuten der Glocken wurde lauter, als er um die Straßenecke gebogen war. Nun dröhnte, aus nächster Nähe scheinbar, das gewaltige Brummen der großen Brummerin von St. Stephan, und vom Schottenfeld oben antwortete, wie um Hilfe rufend, die eherne Stimme des »Schustermichels«. Wie das Brüllen der Meeresbrandung donnerte vom Glacis her, dem er sich näherte, ein tausendstimmiges Johlen und Schreien. Da trat er hinaus aus dem Gewirr der kleinen Gassen und sah wildgeballte Menschenknäuel an sich vorüberstieben, in der Richtung gegen den Paradeplatz. Das ganze Josefstädter Glacis entlang hatten aufrührerische Proletarier die Gaskandelaber aus dem Boden gerissen und das ausströmende Gas in Brand gesteckt, daß armdicke Riesenfackeln aus der feuchten Frühlingserde qualmend gegen den weiten Himmel emporloderten, auf dem, vom Winde gejagt, finster geballte Wolken dahintrieben. Ihre abenteuerlichen Umrisse nahmen bisweilen menschenähnliche Gestaltungen an, daß man sich einbilden konnte, gigantische Ringer und Kämpfer zu erblicken, die sich mit ungestümen Bewegungen gegen die himmlischen Gewalten auflehnten.

»Zum Schottentor kommt!« hörte er Leute rufen, »dort legen sie Feuer an.«

»Können Sie mir sagen, wo die Studenten sich befinden?« wendete er sich an einen zerlumpten jungen Menschen, der müßig dastand und damit beschäftigt war, seinen Zigarrenstummel in Brand zu stecken.

»Die Studenten? Die sind in der Stadt drin und hängen derweil den Metternich auf.«

»Einer solchen Brutalität wären Studenten nicht fähig!« sagte Poldi empört.

Da maß der junge Mensch ihn mit drohenden Blicken.

»Halten Sie es vielleicht mit dem Militär? Sind Sie ein Feind der Freiheit?«

»Mit Schandtaten wird die Freiheit nicht erstritten!«

»Maul halten, schwarz-gelbes Mistvieh!« schrie der Falott und rieb mit der Faust gegen ihn auf.

In einer Bretterbude am Glacis befand sich ein Tabakladen, eine Rotte halbwüchsiger Bursche war aufs Dach geklettert und riß gröhlend den kaiserlichen Doppeladler herunter.

»Wo kommt auf einmal all das Gesindel her?« fragte sich Poldi entsetzt. Da wurde er von einem Menschenstrom erfaßt und mitgerissen, der sich in der Richtung gegen die kaiserlichen Stallungen wälzte. Ausgehungerte Proletarier in schmierigen und zerfetzten Gewändern sah er rings um sich. Und die Feuersäulen, die aus dem Boden flackerten, warfen einen höllischen Schein auf die wutverzerrten Gesichter, daß er unter eine Horde von Teufeln zu geraten sein glaubte.

Vor dem großen Tor, das dem Gebäude der ungarischen Garde gegenüberlag, staute sich die Menge. Poldi hörte dumpfe Schläge, die gegen die eisenbeschlagenen Torflügel und auch gegen das Mauerwerk geführt wurden. Mit Beilen, Brecheisen und den Trümmern der aus dem Boden gerissenen Laternenpfähle wüteten die Vordersten gegen das Tor, um sich Eingang ins Stallgebäude zu erzwingen. Und auch in die Mauer, hieß es, würden sie bald eine Bresche gebrochen haben.

Dicht neben sich sah er einen Mann in mittleren Jahren, der einen anständigen und friedfertigen Eindruck machte und ein kleiner Handwerksmeister sein mochte. Der wunderte sich in einemfort und schien nicht zu begreifen, wie er auf einmal mitten in den Mob kam, und worum es sich handle?

»Was wollen die Leute eigentlich? Wissen Sie es vielleicht?«

Aber Poldi wußte es ebensowenig. »Wenn sie es nur selber wissen?« meinte er.

»Eine Konstitution, heißt es, wollen sie,« sagte wieder der andere. »Und dann auch die Freiheit, so wie sie in England und jetzt auch in Paris ist. Ja, das werden sicher gute und schöne Sachen sein, wenn man sie kriegen könnt'. Aber braucht man deswegen die kaiserlichen Stallungen zu demolieren? Bei den Rössern im Marstall wird doch die Konstitution nicht versteckt sein, schätz' ich, und die Freiheit auch nicht!«

Ein fürchterliches Johlen und Pfeifen erhob sich. Daß die am Tor ewig nicht fertig wurden, machte den Mob ungeduldig.

»In dem Haus, worin ich wohne,« sagte der Handwerksmeister wieder zu Poldi, »da ist im Hof ein großer Hund. Der war früher ein guter Kerl und ein ganz gemütliches Vieh. Aber der Hausherr – er gehört nämlich dem Hausherrn, der Hund – verstehen Sie?«

»Jawohl. Der Hund gehört also nicht Ihnen, sondern dem Hausherrn,« ermunterte Poldi den schwerfälligen Erzähler.

»Ganz recht. Und der Hausherr, der war kein guter Herr für den Hund. Zu fressen hat er ihm wenig gegeben, dafür um so öfter einen Fußtritt, ohne daß der Hund gewußt hat, warum? Und schließlich hat er ihn an eine schwere Kette angehängt. Seither ist das Luder wie ausgewechselt und schnappt, wenn ihm einer in die Nähe kommt. Jetzt, wer ist schuld daran, frag' ich, daß der Hund bissig geworden ist? Der Hund oder der Hausherr? Der Hausherr, sag' ich! Denn warum? Der Hund hat natürlich den Verstand nicht, aber der Hausherr hätte ihn haben können. Und geradeso, stell' ich mir vor, ist es auch in der hohen Politik. Und der Metternich darf sich nicht wundern, wenn das Luder bissig wird ... Da ist auch ein Hund«, sagte er, »gehört der Ihnen?«

Poldi blickte um und sah Finettl neben sich stehen, der ihm nachgelaufen sein mochte, ohne daß er es bemerkt hatte. Er bückte sich nieder und kraute ihm das Fell: »Was machst denn du da, Finettl? Bist du auch mitgekommmen? Braves Hunderl!«

Das gute alte Tier lehnte seinen Kopf an ihn und sah zu ihm auf, mit einem Blick, so menschlich ernst und bekümmert.

Es fielen auf einmal Schüsse, eine ganze Salve knatterte, die Torflügel des Stallgebäudes waren aufgesprungen, und in der Einfahrt leuchteten weiße Waffenröcke und Gewehrläufe blitzten. Der Handwerksmeister, der neben ihm stand, fing erbärmlich zu schreien an: »Die Hand ist hin! Die Hand ist hin!« Poldi sah, wie er sich in Schmerzen krümmte und mit der Linken nach dem rechten Arm faßte, der tot und schlaff herabhing. Er wollte ihm beispringen, da wurde er von seiner Seite gerissen und willenlos fortgewirbelt in wilder Flucht, gestoßen, geschoben, getragen. Wie Kehricht, den der Sturmwind durch die Straßen fegt, stob die Menge auseinander. Aber sogleich sammelten sich die Beherzteren wieder hinter den Bäumen der Glacis-Allee, die gegen die Roveranigasse führte.

»Sie haben aufs Volk geschossen, sie müssen hängen!«

Wie ein Lauffeuer lief es von Mund zu Mund: Es befänden sich nur kleine Postenabteilungen im Stallgebäude, das Tor an der Mariahilferstraße sei unbesetzt. Und gleich einem ungeheuren Rudel ausgehungerter Wölfe, die nach Blut lechzen, setzte die Menge sich gegen die Mariahilferstraße in Bewegung.

Poldi gelang es, sich abseits zu drücken. Er schaute nach Finettl aus, der schleppte sich mühsam heran wie ein sterbendes Tier und legte sich leise winselnd zu seinen Füßen auf den Boden. Ein Zucken lief in krampfhaften Stößen durch seinen Körper. Poldi hob ihn auf und bettete ihn nebenan auf den Rasen. Er kniete nieder und untersuchte den Leib Finettls, da wurden seine Hände blutig, der Pelz an der Flanke war von Blut durchnäßt, und auch vom Maul tropfte Blut. Er streichelte und liebkoste ihn, und der Hund leckte noch einmal kurz und müde seine Hand. Bald spürte er, daß der Körper erkaltete. Finettl war verendet.

Poldi stürzten die Tränen aus den Augen. Es war ihm, als hätt' er einen Jugendfreund verloren. Wie viele Erinnerungen der Kindheit verknüpften sich unlösbar mit dem alten treuen Tier! Ein Mann trat heran und stand neben ihm. Aufblickend erkannte er Ohm Schinackel.

»Da ist auch einer, der für die Freiheit gefallen ist?«

»Vielleicht war er nicht der Geringsten einer, der für sie verblutet. Sag, Oheim, was soll dies Wüten und Toben gegen Gesetz und Ordnung, dies Hinschlachten Unschuldiger? Kann uns daraus die Freiheit geboren werden?«

»Sie wird uns geboren werden, aber unter Schmerzen und Wehen. Der Aufstieg der Völker läßt sich durch kleine Künsteleien nicht hemmen, der Geist ist zu mächtig, der seine Gesetze bestimmt. Nenn ihn Gott, nenn ihn Natur, nenn ihn Freiheit – er ringt sich schließlich ans Licht und achtet der Opfer nicht, die für ihn fallen, ob es ein Mensch ist oder ein Hund. Sie zählen nicht in seiner Rechnung, die aufs Ganze geht, er weiß nichts von der schreienden Menge, die ihm nur wertloses Rohmaterial ist für seine Arbeit, er kennt nur sein Ziel, das in der Zukunft liegt. Zu lange schon haben die Mächtigen gewissenlos sich gegen ihn gestemmt, wer wird sie zur Verantwortung ziehen? Nichtig und unzulänglich gegenüber dem Unendlichen ist, was wir Gerechtigkeit nennen, die Sünden der Väter werden die Enkel tragen und Schuldlose für die Schuldigen bluten ... Komm,« sagte er, »laß uns in die Stadt hineingehen und nachsehen, ob die Perücken schon ins Wackeln geraten? Es wird in diesen Tagen mancher nackte Kahlkopf zum Vorschein kommen, der sich Jahrzehnte lang erfolgreich unter einem ganzen Berg schön gekräuselter Locken verborgen hatte.«

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