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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 20
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
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Beim Muschir war jeden Samstag Tarockabend. Die Partie bestand außer dem Muschir selbst aus Herrn Patruban, Petz und Franzl Beywald. Auch Mosch-Eskeles erschien meistens zu diesen Abenden im »Goldenen Stuck«, kiebitzte aber nur und blieb dann beim Abendessen. Er kam nie, ohne für Julie, die er verehrte, eine merkwürdige Tulpe, eine Orchidee oder sonst eine seltene Blüte mitzubringen, die er in seinem Wintergarten gezogen hatte. Denn er war Blumenliebhaber und besaß in der vornehmen kleinen Villa, die er auf der Landstraße, in der Nähe des Palais Metternich bewohnte, alle Einrichtungen, die einem Blumenzüchter wünschenswert sind. Für Görgi hatte er gewöhnlich ein Scherzspiel, ein Bildchen oder sonst eine Kleinigkeit in der Tasche. Als Freund der Jugend spielte er in allen Familien, wo er verkehrte, die Rolle des Onkels. Görgi indessen war er besonders zugetan, weil er alle Hilfsbedürftigen liebte. Und der schmächtige blasse Junge, der so gar nichts von der schäumenden Lebenskraft seines Vaters ererbt hatte, kam ihm wie eine seiner vornehmen bleichen Orchideen vor, die nur die Kunst erhielt, und die zugrunde gingen, sobald man sie einem frischen Luftzug aussetzte. Es war fast wie ein Naturspiel, daß die Familie, die im Vater gleichsam ihre ganze urwüchsige Energie zusammengefaßt hatte, sich in dem stillen, edelgearteten Knaben auf einen ebenso feinkultivierten als passiven und elegischen Ausklang vorzubereiten schien.

An diesem Samstag im Winter ließ Petz auf sich warten, was sonst seine Gewohnheit nicht war, und auch Mosch-Eskeles erschien nicht. Herr Patruban, der sein Spielchen nicht gern versäumte, blumte so lange, ob nicht sonst jemand da sei, der inzwischen den Vierten machen könne, bis Julie verstand. Sie nahm nicht gern Karten zur Hand, um aber ihrem Vater das Vergnügen nicht zu stören, setzte sie sich schließlich mit den Herren an den Spieltisch. Der erste Gang ging zu Ende.

»Au weh zwick!« stöhnte Herr Patruban und legte seine letzte Karte auf das grüne Tuch.

Und Franzl Beywald, indem er den Pagat daraufhieb, triumphierte: »König abgestochen!«

Da kam endlich Petz, war aber unruhig und ging im Zimmer auf und nieder. Fürs Spiel konnte er keine Sammlung finden. Im Gewerbeverein hatte es stürmische Auftritte gegeben.

»Es liegt etwas in der Luft, Großes bereitet sich vor! Wenn die Regierung sich nicht schleunigst zu eingreifenden Reformen entschließt, so stehen wir vor ernsten Ereignissen, sogar die Dynastie ist gefährdet, fürcht' ich. Die Nachrichten aus Italien lauten bedrohlich, jeder Tag kann Überfälle auf unsre braven Truppen bringen. Deutschland und Frankreich stehen am Rand der Revolution. In wenigen Tagen kann durch ganz Europa die Fackel des Aufruhrs lodern – dann wehe uns!«

»Es wird nichts so heiß gegessen, als es gekocht ist,« sagte der Muschir.

»Es ist unendlich viel Zündstoff angehäuft in allen Kreisen der Bevölkerung. Die Studenten sind, wenn ich aus Freds Andeutungen schließen darf, zum Äußersten entschlossen. Die Arbeiter haben in Gaudenzdorf gar eine Massenversammlung abgehalten. Das Elend in den unteren Volksschichten schreit zum Himmel. Es braucht nur ein Funke hereinzufliegen, so geht die Pulvertonne in die Luft.«

»Ach was! Extremitäten! Die Polizei wird mit dem Rummel schon fertig werden!«

»Die Macht der Polizei hat auch ihre Grenzen. Wenn die besonnenen Fortschrittsfreunde sich nicht bald Gehör zu verschaffen wissen, so steht zu befürchten, daß die Leidenschaft zu Wort kommt. Und trotzdem setzen Erzherzog Ludwig und Metternich ihren Kopf auf und lassen offiziös bekannt geben, daß alles vergeblich ist und eine Änderung des Kurses nicht eintreten wird. Das ist barer Wahnsinn unter den gegenwärtigen Umständen! Sogar Mitglieder des Kaiserhauses wie Erzherzogin Sophie und Erzherzog Johann begreifen es und setzen sich, wie es heißt, für zeitgemäße Reformen ein. Aber man hört auch auf sie nicht, rein wie aus Trotz treiben die Machthaber mit offenen Augen dem Abgrund entgegen!«

»Lassen wir sie treiben,« sagte Herr Patruban; »das ist ihre Sache. Wem nicht zu raten ist, dem ist auch nicht zu helfen. Sollen wir deshalb um unser Spielchen kommen? Geh' her, Petz, rege dich nicht so auf! Mit der Julie ist nicht zu tarockieren, die spielt miserabel. Vorhin sag' ich einen Königultimo an, und sie spielt die gerufene Farbe aus, obgleich sie mein Partner war! Hast du so etwas schon einmal gehört? Natürlich hat mir der Franz den König abgestochen!

»Verzeiht, aber es ist mir jetzt unmöglich zu spielen. Der Gewerbeverein bereitet eine Adresse an den Kaiser vor. Ich bin mit andern beauftragt, einen ersten Entwurf zu liefern, der als Grundlage für die weiteren Beratungen dienen soll. Entschuldigt mich nur für eine Stunde. Mein Herz ist so voll, ich will sofort niederschreiben, was ich zu sagen habe.«

»Wenn einer mit der Politik zu tun kriegt, hört sich wirklich die Gemütlichkeit auf!« sagte Herr Patruban ärgerlich und warf die Karten auf den Tisch.

Mosch-Eskeles trat ein. Der Muschir wollte aufstehen, ihn zu begrüßen, aber er nötigte ihn auf seinen Stuhl zurück.

»Bleiben Sie sitzen, Herr von Leodolter, bleiben Sie sitzen! Seien Sie froh, daß Sie sitzen, und fallen Sie nicht herunter von ihrem Sessel, wenn Sie die Neuigkeit hören, die ich bringe!«

»Kommt am Ende die Fanny Elßler nach Wien?« fragte Franzl Beywald gespannt.

»Weiß ich es?«

»Oder die Jenny Lind?«

»Weiß ich es?« wiederholte Mosch-Eskeles, der in der Erregung unwillkürlich in den Jargon seiner Rasse zurückfiel, von dem er sich für gewöhnlich freizuhalten wußte.

»Also heraus mit der Sprache!« drängte der Muschir. »Spannen Sie uns nicht in den Bock!«

»In Paris haben sie die Republik ausgerufen!« sagte Mosch-Eskeles.

»Woher haben Sie die Nachricht?«

»Von Anselm Rothschild, dem ich eben begegnete auf dem Ballplatz. Er kam aus der Staatskanzlei, wo er überbrachte die Depesche dem Metternich. Der Staatskanzler soll einfach meschugge gewesen sein.«

»Republik in Frankreich?« rief Petz. »Weißt du es bestimmt?«

»Hab ich doch selbst gesehen die Depesche!«

»Was stand darin?«

»Ein einiges Wort: Republik! Nichts weiter. Was willst du mehr? Ist es nicht genug? Republik!«

»Republik in Frankreich! Die Orleans des Thrones verlustig! Das kann auch für uns nicht ohne Folgen bleiben! Jetzt wird der Metternich doch wohl klein beigeben? Sicher wird er Räson annehmen! Er muß ja, er muß, wenn er nicht wahnsinnig ist! Republik in Frankreich! ... Das bedeutet für uns die Freiheit!« sagte er frohlockend. »Denk' einmal! Das kann für uns die Freiheit bedeuten!«

»Die Freiheit? Vielleicht! Aber zu teuer bezahlt, viel zu teuer für unsern Staatskredit!« sagte Mosch-Eskeles. »Wo liegen jetzt die Kurse?« – Er zeigte mit dem Finger auf den Boden. »Da unten liegen die Kurse,« sagte er, »da können wir sie jetzt aufklauben!«

»Frankreich ist weit,« meinte Herr Patruban, »und was gehen uns die Kurse an?«

»Die Börse ist wie ein Mensch,« sagte Mosch, »sie hat ein Hirn und ein Herz und Muskeln und Nerven. Und ihre Nerven sind über die ganze Welt verzweigt und verästelt. Wenn man sie zwickt in die große Zehe, so spürt sie es. Und wenn man sie zwickt in den kleinen Finger, so spürt sie es auch. Haben nicht Ende Jänner Metalliques gestanden über pari? Heute sind sie herabgegangen auf 95, murgen werden sie fallen auf 85, in vierzehn Tagen stehen sie auf 70. Das gehe uns nichts an, glauben Sie? Das geht uns alle sehr nahe an, Herr Patruban! Es bedeutet: das gesamte Geschäftsleben stockt. Es bedeutet: Tausende gehen pleite. Es bedeutet: das Elend der Massen wächst ins Ungemessene. Vielleicht bedeutet es überdies noch den Staatsbankerott. Was nützt uns die Freiheit, wenn wir sind ruiniert?«

»Die Hilfsquellen, die eine konstitutionelle Staatsordnung erschließt, werden uns wieder auf den Damm bringen,« sagte Petz. »Die Hauptsache bleibt, daß die Gärung, die auch bei uns besteht, sofort durch freiheitliche Reformen niedergeschlagen wird.«

»Wir hätten die Freiheit billiger haben können!« beharrte Mosch-Eskeles. »Warum hat die Staatskonferenz solche Reformen nicht vor vierzehn Tagen beschlossen? Jetzt ist es zu spät. Um Millionen und Millionen ist Österreich heute ärmer, als es gestern noch war!«

»Zugeständnisse machen kann der Metternich jetzt erst recht nicht!« sagte der Muschir. »Ihr werdet doch nicht glauben, daß er und Erzherzog Ludwig auch nur den Schein einer Beeinflussung durch die Vorgänge in Frankreich erwecken werden? Damit würden sie nur ihre eigene Autorität untergraben. Noch starrer und härter als bisher müssen sie jetzt werden, das liegt auf der Hand!«

Bekümmert ging Petz im Zimmer auf nieder.

»Das wäre die Revolution! Verhüte Gott es, aber dann bliebe uns kein anderer Weg mehr offen. Dann hätten wir die Revolution! Ja, dann hätten wir die Revolution!«

Das Wort fuhr ihnen doch allen in die Beine ... Revolution! Ein Spaß war das nicht! ...

Julie lud zum Abendbrot. Es hatte jetzt niemand mehr Lust zum Kartenspiel, auch Herr Patruban war nachdenklich geworden. Recht einsilbig ging es bei Tisch zu. Der gutmütige Mosch scherzte mit Görgi und machte Anstrengungen, auch Juliens Gedanken auf freundlichere Gegenstände zu lenken. Er hatte kürzlich, um den alten Brodbeck zu unterstützen, eine Flasche mit den »Leiden Christi« erstanden.

»Sie wird in Ehren gehalten, können Sie dem Künstler sagen. Er soll nicht glauben, daß ich sein Werk nicht schätze, weil ich Jude bin. Ich habe Ehrfurcht vor allen, die leiden und gelitten haben.«

»Wollen Sie mir eine große Freude machen, Mosch?« fragte Julie.

Das wollte er für sein Leben gern.

»Bringen Sie dem alten Brodbeck eine ihrer Pfauentulpen im Topf. Er soll auch einmal etwas Blühendes haben in seiner Kammer, etwas Seltenes und Besonderes.«

Er versprach es mit tausend Freuden.

Bei der Zigarre fand der Muschir seine Laune wieder.

»Was lassen wir uns eigentlich durch die Franzosen ins Bockshorn jagen? Die habens von je anders gehalten als wir. Die wechseln ihre Könige wie Handschuhe. Eine Revolution bei uns? Das sind Extremitäten! Eine Revolution kann es bei uns überhaupt nicht geben. Dazu sind die Wiener viel zu gemütlich. Und mit den paar Studenten und Arbeitern, die von ausländischen Emissären aufgehetzt sind, wird der Sedlnitzky schon fertig werden!«

Als am andern Morgen Petz ins Kontor kam, ließ er sich sogleich von Pappelmann die »Wiener Zeitung« holen. Richtig, da stand schon ein Artikel, der die Pariser Ereignisse besprach. Aber in welcher Sprache! Als ein gegen Eigentum, Leben und Familie gerichtetes Attentat wurde die freiheitliche Bewegung in Frankreich gebrandmarkt. Und wie zum Hohne für die unter dem österreichischen Szepter schmachtenden Völker als einziges Mittel des Heils gepredigt: »Festes Anschließen der Regierten an ihre Regierung.« Kein Wort der Erkenntnis, des Insichgehens! Keine Spur von einer Absicht, bestehende Übelstände zu beseitigen! Keine Andeutung bevorstehender konstitutioneller Reformen! Gerade das Gegenteil von alledem: Verdammung aller Volkssouveränität, Apell an den beschränkten Untertanenverstand, Glorifizierung des Absolutismus. Empört knüllte Petz das Blatt zusammen und schleuderte es auf den Boden.

»Gut, so mögen denn die Dinge ihren Lauf nehmen!« ...

Die Brodbeck machte sich im ersten Stock zu schaffen, was Pappelmann übel vermerkte.

»Was wollen Sie denn heute da heroben?«

»Auf den Herrn wart' ich, sehen Sie das nicht?«

»Der Weg zum Herrn geht über mich, verstanden? Zuerst müssen Sie um eine Audienz ansuchen, nachher werden wir erst sehen, ob ich Sie anmelde. Also, was haben Sie für ein Anliegen?«

»Machen Sie keine Spassetteln in diesen traurigen Zeiten! Urlaub will ich mir nehmen, auf die Sparkasse muß ich gehen.«

Das gefiel dem Pappelmann über die Maßen. Am Ende würde er sie doch noch einmal bekommen, wenn er nicht locker ließ und immer wieder um sie freite!

»Ihnen geht es gut,« sagte er schmunzelnd. »Alleweil Gelder parat für die Sparkasse. Wieviel wird denn heute auf die Seite gebracht?«

»Garnichts wird eingelegt heute, was glauben Sie denn? Wirft man sein Geld in ein großes Loch? Herausnehmen tu' ich.«

»Herausnehmen?« fragte er mißtrauisch. »Zu was brauchen denn Sie auf einmal das viele Geld?«

»Geht Ihnen das was an? Vielleicht will ich heiraten?« zog sie ihn auf.

»Daß ich Ihnen nicht gut genug bin, weiß ich eh',« sagte er gekränkt.

»Keiner ist mir gut genug. Auf jeden von meinen zehn Fingern könnt' ich einen haben, wenn ich wollt'. Aber ich kann halt meinen Ersten nicht vergessen.«

»Das weiß man schon. Ein für allemal die Couraschi zum Heiraten hat er Ihnen genommen! Froh sind Sie, daß Sie ihn los sind! Ein Falott ist er gewesen! Geprügelt hat er Ihnen!«

»Darum sag' ich ja, ich kann ihn nicht vergessen.«

»Gerade deswegen sollten Sie es ein zweites Mal probieren. Wenn man sich einmal den Magen verdorben hat, so darf man nicht fasten, man muß einen Haring darauf essen. Was ein anständiger Mann ist, der tät' Ihnen den Magen schon einrenken, daß Sie wieder Appetit kriegen.«

»Ich bin pressiert,« sagte sie, »melden Sie mich beim Herrn! Und wenn Sie auch etwas Erspartes haben, so schauen Sie, daß Sie es in die Hand kriegen, sonst können Sie das Kreuz darüber machen.«

»Wär' nicht aus!«

»Ja, wundern Sie sich nur, es ist auch ein Skandal! Wer sich nicht tummelt, kriegt überhaupt nichts mehr heraus, heißt es. Alles geht bankrott, hab' ich mir sagen lassen: Die Sparkasse, der Magistrat und sogar der Kaiser. In Paris ist es auch so gewesen und bei uns machen sie schon einmal alles nach.«

»Der Kaiser wird bankrott machen!« sagte Pappelmann entrüstet. »Wer hat Ihnen denn den Bären aufgebunden? Wo er doch Schönbrunn und Laxenburg und noch eine Menge andere Schlösser hat, die er im Notfall verpfänden kann!«

»Ist garnichts Neues!« eiferte sie. »War es im Jahre elf nicht auch so, daß auf einmal der Papiergulden nur mehr drei Sechserln wert war? Daran weiß ich mich noch gut zu erinnern, wie mein Vater selig geschumpfen hat dazumalen.«

»Das war der Staatsbankrott, verstehen Sie?« sagte er aufklärend. »Aber der Staat ist etwas anderes als der Kaiser.«

»Ist mir gleich, wie es heißt, wenn ich nur mein Geld nicht verlier'.«

Da hörte man den Muschir nebenan in seinem Kontor auf- und abgehen. Die Brodbeck klopfte an und ging hinein. Bald darauf sah Pappelmann sie im grünen Sonntagshut eilfertig über das Platzel wallen. Es ging ihm durch den Kopf, daß es kein Vergnügen wäre, sein Geld zu verlieren. Da begab auch er sich in das Kontor und bat um Urlaub.

»Haben Sie auch Angst um Ihr Sparkassenbüchel?« grollte der Muschir.

»Sicher ist halt sicher,« meinte er. »Und wenn schon die Brodbeck so dumm ist – warum soll ich gescheiter sein?«

Jetzt trat auch der Weber Priesching ein und bat um Urlaub. Ein wahrer Sturm sei auf die Sparkasse, und wer sein Büchel nicht rechtzeitig behebe, würde das Nachsehen haben, heiße es. Gleich darauf erschienen noch andere Weber und dann der Buchhalter und der Disponent, und einer gab dem andern die Schnalle in die Hand. Und jeder bat sich den Vormittag aus um seine Spareinlage zu beheben.

»Ist denn der Teuxel los?« ärgerte sich der Muschir. »Wegen dem bissel Revolution in Frankreich werden wir doch nicht unser Geschäft zusperren!«

Aber die Panik war stärker als sein Wille.

Die Brodbeck kam erst am Nachmittag heim und schimpfte weidlich. Den ganzen Tag habe sie auf ihren Beinen stehen müssen, um ihre paar Gulden herauszubekommen, und dabei könne sie noch von Glück sagen, daß sie nicht erdrückt worden sei im Gedräng.

»Da müssen Sie es aber besonders gescheit angestellt haben,« machte Pappelmann sich lustig. »Ich bin schon zu Mittag wieder daheim gewesen.«

»Haben Sie denn Münze?« fragte sie.

»Münze? Zu was brauch' ich Münze? Banknoten hab' ich halt.«

»O, Sie Lapp!« legte sie los. »Ein paar Papierfetzen lassen Sie sich geben für Ihr gutes Geld? Die können sie gleich als Fidibus benützen!«

Und er erfuhr, daß er die Hauptsache versäumt habe, sich in der Bank die Noten gegen klingende Münze umwechseln zu lassen, und daß das Papier auf einmal nichts mehr wert war, kein Greisler nahm es für eine Mundsemmel!

»Da glaub' ich freilich, daß Sie bald fertig waren. Zum Mittagessen haben Sie natürlich zu Haus sein müssen, das wäre Ihr Tod gewesen, wenn Sie einmal Ihr Rindfleisch nicht rechtzeitig bekommen hätten! Schauen Sie mich an, ich habe gehungert, weil ich, was ich mache, ordentlich mache, wissen Sie! Aber Sie können warten, bis ich Sie heirate! Ein Mensch, der nicht auf das Seinige schaut, kann mir gestohlen werden, und wenn ich einen Mann nehme, so muß er ein bissel Moneten haben. Ihre bedruckten Papierzetteln können Sie sich einpanieren lassen. Sie Lapp, Sie! Oh, Sie Lapp!«

Er stand wie vernichtet, sie aber ging hinunter, und während sie sich einen Kaffee kochte, barg sie das hart eroberte Silber in einen Strumpf und nähte ihn zu unterst in ihre Matratze.

*

Mießrigel hatte verschlafen, es ging auf zehn, als er aus dem Bette fuhr. Er sah auf die Uhr und auf den Kalender.

»Teuxel, der dreizehnte März! Die Herrn Herren, Ritter und Prälaten hätten auch blauen Montag machen können!«

Es war der Tag, für den der Zusammentritt der niederösterreichischen Stände angekündigt war. Seit Wochen sah ihm die ganze Stadt mit wachsender Spannung entgegen. Man wußte, daß im Schoß der Ständeversammlung eine entschlossene Opposition gegen die Regierung keimte. Man munkelte von geheimen Zusammenkünften, in denen fortschrittsfreundliche Stände sich mit angesehenen Bürgern verbrüdert und ihnen nahegelegt hätten, mitzutun; ihre Stimmen allein seien nicht laut genug, die Bürgerschaft müsse sich auch rühren und wenigstens den dumpfgrollenden Chorus abgeben, wenn am Dreizehnten im Landhaus mit der geballten Faust im Sack schöne Reden gehalten würden. Das alles verlautete nur gerüchtweise, wurde bald bestritten, bald wieder als Tatsache erzählt. Eine bestimmte Vorstellung, was eigentlich geschehen könne, wußte sich niemand zu machen. Aber irgend etwas würde geschehen, am dreizehnten März in der Herrengasse, das galt für ausgemacht.

Sephine Leodolter ging umher gleich einem brüllenden Löwen. Wie in jungen Herzen der Lenz die Liebe weckt, so fing bei ihr gegen den Frühling die politische Ader stets lebhafter zu pulsieren an.

»Wir Bürger müssen es machen, sonst geschieht überhaupt nichts,« sagte sie jeden Morgen, bevor sie sich hinter ihr Kassenbuch setzte. Zu Fred aber sagte sie: »Ihr seid die Zukunft, ihr Studenten! Wollt ihr fortsumpern wie eure Väter?«

»Hab nur Geduld, Tante,« sagte Fred. »Am dreizehnten März geht es los.«

Sie setzte aber nicht viel Zutrauen in die Stände. Was wüßten die vom Volk? Und wann hätten Herren, Ritter und Prälaten sich für etwas anderes eingesetzt als für ihren Vorteil?

»Eine Petition an die Staatskonferenz werden sie beschließen, um Gewährung gewisser Rechte; und was dann weiter geschieht, das weiß jedes Kind. Der Erzherzog Ludwig sagt nein, der Metternich sagt auch nein, und der Kolowrat traut sich überhaupt nichts zu sagen, damit er sein Amt nicht verliert. Wenn es hoch kommt, wird das Schriftstück noch dem Kaiser vorgelegt, und der schließt es in seine Schreibtischlade und vergißt darauf.«

So wie Sephine dachten viele, und wenn in Wirts- und Kaffeehäusern die Leute die Köpfe zusammensteckten, gab es immer welche, die sagten: »Laßt mich aus mit dem dreizehnten März, es bleibt doch alles beim Alten! No ja? Was kann man machen?«

Mießrigel aber glaubte an den dreizehnten März. Und er wollte mit dabei gewesen sein. Wie der Blitz fuhr er mit dem Kopf ins Waschbecken und kam mit triefendem Haarschopf wieder heraus.

»Ein Handtuch, Mutter!« rief er mit der Faust an die Tür pochend.

»Hab' dir ohnedies eins hingehängt?« kam die Stimme der alten Frau aus dem Nebenzimmer.

»Wird schon so sein, aber jetzt ist es fort!«

Eine runzlichte alte Hand erschien in der Türspalte und reichte ein frisches Handtuch herein. »Hast es gewiß wieder für ein Sacktüchel gehalten und eingesteckt?«

»Wird schon so sein. Danke! Guten Morgen! Du! Mutter?«

»Also, was fehlt denn noch?«

»Meine Hose, wenn ich haben könnt', bittschön? Aber mit Extrapost womöglich, wenn sie schon ausgebürstet ist?«

»Warum ist es denn so pressant heute?«

»Weil ich schauen gehn muß, was die Herrn Herren, Ritter und Prälaten machen. Nicht einmal am Montag früh kann sich ein Christenmensch mehr ausschlafen!«

»Lassen sie dir wieder keinen Frieden, armer Narr! Weil sie dich halt gar so gut brauchen können!«

Die Mutter führte ihm, seit der alte Mießrigel gestorben war, die Wirtschaft und verwöhnte ihn, wo sie konnte. Sie lebte in dem Wahne, daß ihr Sohn eine unentbehrliche Persönlichkeit sei, und daß die Redaktion, für die er Theaternotizen und andere Tagesberichte schrieb, zusperren müßte, wenn er nicht mehr mittäte; von der Regierung gar nicht zu reden, die ohne ihn, da er doch als Beamter der Zensurhofstelle die rechte Hand Metternichs und Sedlnitzkys war, sich einfach nicht zu helfen gewußt hätte; davon war Frau Mießrigel fest überzeugt. Und unablässig bedauerte sie ihn, daß er so viel in Anspruch genommen sei und fast zerrissen würde vor lauter Unentbehrlichkeit.

»Warst du gestern im Kärntnertor?« fragte sie. »Und mußt schon wieder in aller Früh' auf die Redaktion laufen und schreiben? Hat die Madame Lutzer gesungen, oder ist die Demoiselle Zerr als Martha aufgetreten?«

»Nein – um etwas so Wichtiges handelt es sich diesmal nicht. Nur die Landstände treten heute zusammen, weißt du, die Herrn Herren, Ritter und Prälaten. Die dürfen heute wieder 'mal beraten, was sie seit langer Zeit nicht taten. Was sie beschließen, kann kein Mensch erraten, doch dürsten sie, sagt man, nach neuen Taten; der Metternich indessen riecht den Braten, Bereitschaft heißt es, hätten die Soldaten – wer weiß? Am Ende gibt es Muritaten?«

Die Mutter im Nebenzimmer kreischte vor Vergnügen. »Geh, bist ein Spirifankerl!« sagte sie verliebt. Und nach einer kleinen Weile erschien abermals die runzlige alte Hand im Türspalt und hängte die frisch gebürstete Hose an den Haken.

Während er sich mit dem Handtuch trocken rieb, hörte er die alte Frau nebenan wurmisieren und mit dem Kaffeegeschirr klappern. Nachträglich schienen ihr Bedenken aufzusteigen.

»Das von den Soldaten wird wohl nur ein G'spaß gewesen sein!«

»Gar kein Spaß, Mutter! Mach dich nur gefaßt! Heute kann es noch zu einer Revolution kommen!«

»Um Gottes, Christi, Himmelswillen, Pepi, versünd' dich nicht!«

Sie begriff es nicht, daß er eigens hinlaufen wollte, wenn Soldaten da waren, mit Musketen, die jeden Augenblick losgehen konnten.

»Ich muß doch helfen Barrikaden bauen,« neckte er sie, während er sich vor dem Spiegel die Haare bürstete. Als er aber merkte, daß sie wirklich besorgt war, zog er andere Saiten auf.

»Geh bitt' dich, Mutter! Bis bei uns etwas passiert! Es ist ja alles nur ein Pflanz. Wegen der sogenannten Freiheit halt, weil die jetzt in die Mode kommt. Die Herrn Herren, Ritter und Prälaten, die werden sicher kein Wasserl trüben, verlaß dich darauf! Es ist nur, damit die andern glauben sollen, sie hätten auch etwas dreinzureden. Und da tun sie halt, als ob sie sich um die sogenannten Volksrechte annehmen wollten«

»Könnten sich auch annehmen darum!« rief die Mutter eifrig, indem sie in die Tür trat. »Du, wenn du schon hingehst, so sag ihnen, sie sollen den Greislern und Fleischhackern auftragen, daß sie das Papiergeld nehmen müssen! Das ist jedesmal eine Metten, wenn man kein Silber hat!«

»Werd' ich ihnen gerne sagen,« versicherte Mießrigel und fuhr in seine Hose. Auf einmal stand er still und schlug sich auf die Stirn, daß es klatschte.

»Teuxel noch einmal! Wenn das wahr ist, was mir gestern einer erzählt hat? Und ich brodle da herum! ... Am Ende wird es wirklich Ernst mit der Freiheit!«

Er stürzte aus seiner Kammer, noch damit beschäftigt, die Kravatte um den Hals zu wickeln.

»Kann ich meinen Kaffee haben? Aha, da steht er schon, danke! Ja, du, wenn es wahr wäre, wenn es wirklich wahr wäre? ... Fix noch einmal!«

Er stampfte Semmelbrocken in die Schale und schlang wie ein Wolf. Und schließlich goß er den heißen Kaffee um und schlürfte ihn aus der Untertasse, um rascher damit fertig zu werden. Und dabei erzählte er, Universitätsprofessoren hätten gestern eine scharfe Adresse der Studentenschaft bei Hofe überreicht mit allerhand Forderungen vonseiten der Aula ...

»Dürfen denn die Studenten so etwas?« fragte die Mutter.

»Bei uns ist das so –« sagte er: »dürfen tut man gar nichts, aber tun tut man, was man mag. Und die Herrn Studenten, die möchten halt jetzt eine Zeitlang Ferien machen und lieber dem Kaiser regieren helfen als studieren.«

Ob man denn das Regieren nicht auch gelernt haben müsse? fragte sie betreten. Nein! versicherte er; gar nicht! Früher hätte man freilich gemeint, nur ein Graf verstünde etwas davon, ohne es gelernt zu haben. Neuestens indessen sei man dahinter gekommen, daß nur ihrer viele beisammen zu sein brauchten, so wären sie auf einmal auch so gescheit wie ein Graf, und das nenne man dann die Volkssouveränität.

Und darum hätten also die Studenten, erzählte er, eine scharfe Adresse überreicht und Lehr- und Lernfreiheit, Volksvertretung, Abschaffung der Zensur und noch eine Menge andere Schleckereien gefordert. Daß diese Adresse einfach in den k. k. Papierkorb wandern würde, darauf wär' er imstand gewesen, um ein Eckhaus zu wetten; gut, daß er keins besitze! Denn ganz unerwartet habe gestern spät am Abend auf einmal verlautet, die Staatskonferenz hätte wirklich halb und halb nachgegeben und den Professoren Hye und Endlicher versprochen, daß Landstände aus allen Provinzen nach Wien einberufen werden sollten ...

»Fix noch einmal, wenn das wahr ist!« wiederholte er, sich aufregend. »Das wäre ja schon beinahe ein Parlament, Mutter! Verstehst du? Das grenzt schon an Verfassung! Da fehlt gar nicht mehr viel auf die Konstitution!«

Sie konnte sich unter Parlament, Verfassung und Konstitution nichts Rechtes vorstellen. Um ihm aber gefällig zu sein, beteuerte sie, freilich wäre das etwas, immerhin etwas wäre es schon!

»Nicht bloß etwas! Alles beinahe!« rief er, immer mehr in Feuer geratend und sich begeisternd. »Das wäre keine Kleinigkeit, Mutter, wenn es wirklich wahr sein sollte! Mehr könnten wir uns vorderhand gar nicht wünschen! Denn so eine Konstitution ist wie dem Niccolo sein Gabensack. Da steckt alles drin, was man sich in seinen schönsten Träumen hat träumen lassen, auch die Preßfreiheit! Selbstverständlich! Du, dann wird eine andere Luft blasen! Dann gründ' ich mir meine eigene Zeitung, ja, das tu' ich! ›Der Unparteiische‹ soll sie heißen! Und dann schreib' ich geradeso, wie es mir jeden Tag vorkommt, heute so, morgen wieder anders, ohne jede Parteirichtung. Und nachher fahren wir zwei auch manchmal in einem Fiaker miteinander auf dem Glacis spazieren, ich und du, geradeso wie der Bäuerle und der Saphir – was meinst du? Nur daß ich keine gelbe Perücke dazu aufsetz' wie der alte Jud'.«

»Und wenn dieses Ding da, diese Konstitution, oder wie es heißt, wirklich einmal da ist,« fragte sie nachdenklich; »müssen dann die Hausherrn mit dem Zins heruntergehen?«

»Selbstverständlich!« sagte er, den Mund vollnehmend. »Dann heißt es nicht bloß Freiheit, sondern auch Gleichheit und Brüderlichkeit! Die Hausherrn, wenigstens die von den älteren Häusern, die haben mit dem vielen Zins, den sie seit so und so viel Jahren einstecken, ohnedies schon längst hereingebracht, was ihnen ihr Haus seinerzeit gekostet hat. Daß sie immer noch weiter Zins verlangen dürfen, das wird dann einfach abgeschafft, verlaß dich darauf! – Wo sind denn meine Stiefel? Jetzt wär' ich beinahe auf Pantoffeln fortgeritten!« ...

»Denn das wäre mir eine schöne Freiheit,« sagte er noch, sich die Stiefel anziehend, »wenn die Bürger, die zufällig Hausherrn sind, den andern Bürgern, die zufällig nur Mieter sind, ihr gutes Geld abnehmen dürften – verstehst du?«

Jetzt hatte er sich endlich fertig gebracht, umhalste die, die ihn geboren, und enteilte.

»Aber gelt, Pepi,« jammerte sie ihm nach, »du schaust, daß dir nichts geschieht?«

»Werd' schon obacht geben, nur kein Herzklopfen nicht!«

In der Hauptstraße gab es Proletarier, die einzeln oder in Träubchen mit geschwellten Segeln gegen die Stadt schlürften. Er dachte an den großen Riegel am Burgtor, der würde wohl vorgeschoben sein, aber nichts davon; dagegen blitzte es um die Burg selbst von blankgeputzten Knöpfen und Musketenläufen. Sogar ein paar Kanonen äugten herüber und schienen sich zu langweilen, wenigstens gähnten sie mit groß aufgemachten Mundlöchern. Und die Bombardiere daneben hätten sich wahrscheinlich gern eine Pfeife Tabak angezündet, weil sie schon den Fidibus in der Hand hielten – oder wars die brennende Lunte, die zum Losfeuern gehört? Auf dem Ballplatz ein lebendes Bild, von der bleichen Furcht gestellt, allegorische Versinnbildung des Regierungssystems: Auf der einen Seite Bureau, auf der andern Bajonette, weil nämlich der Staatskanzlei gegenüber, wo die Amtswohnung des Fürsten Metternich lag, wieder ein Trupp Musketen aufmarschiert stand. Der Minoritenplatz eine große Tonne voll Pickelheringen. Was los sei? fragte Mießrigel. Die Studenten seien vor's Landhaus gezogen, hieß es, und hielten dort Reden. Er versuchte in die Herrengasse vorzudringen, die war mit allen ihren Zugängen ein einziger Pferch. Von Zeit zu Zeit erhob sich ein Geschrei, die Pickelheringe pfiffen, johlten und kreischten, dann wurden sie wieder stumm wie richtige Fische, und auf einmal stimmten sie wieder in begeisterte Hochrufe ein und wußten nicht, auf was oder auf wen? Noch erfuhr er nach und nach, daß die akademische Jugend das Landhaus belagere und die Grau- und Weißhaarigen, die dort tagten, zwingen wolle, ihre Sitzung zu unterbrechen und unverzüglich eine Abordnung in die Hofburg zu senden. Und zwar zum Kaiser selbst womöglich, um ihm zu sagen, daß man die kalte Küche der Staatskonferenz satt habe und nahrhafte Kost verlange, ein Beefsteak à la minute: Erfüllung der Volksforderungen rundweg.

Sapperlot, da mußte er dabei sein, für einen so Dünnen wie er, würde sich am Ende noch ein Plätzchen finden vor dem Landhaus. Und indem er aus seinen Gliedern eine keilartige Phalanx formierte, versuchte er, die Schmalseite voran, gegen die Herrengasse vorzudringen. Von der Schenkenstraße, von der Teinfaltstraße, von der Freiung. Aber nirgends fand er eine Ritze im mörderischen Gedränge, um nur einen Finger hineinzustecken. Überall dagegen die gleichen wahnsinnigen Gesichter und weltfernen Mienen, unter Proletarierfilzen so gut wie unter Studentenzylindern. Da glühte Leidenschaft. Und sogleich entzündete sich das Wenige in ihm, das noch nicht Schlacke war, und begann zu glosen: Die Liebe zu Fred und die Angst um ihn. In dieser Stunde, wo aus lang genährtem Mißtrauen auf einmal die Flamme der Raserei loderte, hätte er an seiner Seite sein mögen, um ihn zu bemuttern, und, wenn es nottat, zu schützen. Denn jetzt waren die Möglichkeiten erschöpft, das fühlte er, und die Bewegung stand auf dem Punkte, wo Tausende bereit waren, ihr Blut für ein Nichts zu verströmen. Wo keine Versprechungen mehr geglaubt und die ehrlichsten Absichten in Zweifel gezogen wurden. Wo Worte nichts mehr wirkten und nur eine unzweideutige Tat helfen konnte. Wo der Druck von Jahren und Jahrzehnten sich plötzlich in einer nicht mehr zu bezähmenden Ungeduld Luft machte und jeder es für eine Schmach hielt, der Stimme der Besonnenheit Gehör zu schenken.

Ein Heringszug, der vom Heidenschuß in die Strauchgasse segelte, erbarmte sich seiner Sehnsucht und führte ihn mit. Jetzt trieb er mit und hatte ausgesorgt. So trug es ihn gegen das erwünschte Ziel, wo er Fred vermutete. Denn unter den Hintermännern würde der nicht stehen! Manchmal krachte sein Brustkorb, solche Stauungen gabs. Damit wechselten Stromschnellen, wo es drunter und drüber vorwärts ging. Da grinsten schon die Löwenköpfe am Torbau des Landhauses, ja, die grinsten heute. Eine mächtige Woge hob ihn vom Boden und spülte ihn durch das Portal in die breite Torfahrt. Der Hof war gesteckt voll von Zylinderhüten wie die Ofenröhren, kein Wunder, daß es Hitze gab. Aber er spähte nach einem Stürmer über blonden Locken. Wie der Geist Gottes über dem Gewässer, so schwebte ein bärtiger junger Mann über den Ofenröhren, der die Arme in die Luft warf. Weil er nämlich zu der Menge redete, hochgehoben auf den Schultern von Studenten. Ab und zu einmal trug die Luft eines der Schlagworte des Tages herüber, an die der Redner besondere Lungenkraft wendete: »Preßfreiheit! Volksvertretung! Glaubensfreiheit!«

»Wer ist es, der dort redet?« hörte er neben sich fragen. Aber niemand wußte es.

Die Leute riefen: »Bravo! Hoch die Freiheit! Die Zukunft Österreichs hoch! Hoch!«

»Hoch!« rief auch Mießrigel, um seine Begeisterung anzuspornen, die er schon wieder erlahmen spürte. Wenn er Fred nicht bald fand, aus dem er Kraft und Wärme ziehen konnte wie Antäus aus der Erde, so war sie überhaupt dahin. Preßfreiheit, Volksvertretung, Glaubensfreiheit – wie oft hatte er von diesen Dingen gehört! Und es wurde doch nur wieder darüber geredet ...

Der Geist Gottes tauchte nieder und verschwand in der Flut. Stürmisch dröhnte der Beifall hinter seinen letzten Worten. Aus den Fenstern sahen Mitglieder der Ständeversammlung herunter, auch von ihnen klatschten einzelne in die Hände. Man verlangte nach dem Namen des Mannes, der soeben gesprochen.

Da tauchte der Geist Gottes noch einmal über die Wasser. Stille trat ein, und ganz deutlich hörte man ihn sagen: »Meine Herren, das Damoklesschwert der Polizei schwebt über meinem Haupte, aber ich sage mit Hutten: Ich hab's gewagt, ich, Dr. Adolf Fischhof!«

Wieder begeisterte Hochrufe, und dann mit einmal ein wildes Drängen, ein rasender Tumult: »Zu den Ständen! Reden wir mit den Ständen!«

In die Ständemitglieder oben fuhr es wie ein panischer Schreck, die Köpfe verschwanden von den Fenstern, man hörte Scheiben klirren und sah die Verordneten über die Gänge laufen.

»In den Sitzungssaal! Reden wir mit den Ständen!« schrie es aus der Volksmenge, und wie eine brausende Woge ging es gegen die Prunkstiege, die in das Stockwerk führte. Aber noch einmal brandete die Welle zurück, und die Bewegung hielt ein. Man lauschte, und alle standen still ... Ein blutjunger Mensch hatte sich auf den mit Holz verschalten Brunnen in der Tiefe des Hofes geschwungen.

»Hier ist Kossuths Rede! Ich bringe Lajos Kossuths Rede!«

Da bemächtigte sich der Zylinder und der Proletarierfilze eine namenlose Lust, sich zur Besinnungslosigkeit aufpeitschen zu lassen und die persönliche Verantwortung des Einzelnen von den hochgehenden Wogen des Masseninstinktes verschlungen zu sehen.

Das politische Knäblein las, man verstand es schwer. Aber in Kossuths Preßburger Landtagsrede vom dritten März staken so viele revolutionäre Rosinen, das wußte jeder, daß die absolutistisch ausgehungerten Ohren nur so danach leckerten, man hätte gern jedes Wort vernommen. Was nützte es, »Lauter! Lauter!« zu rufen, wenn die Knabenstimme auf dem Brunnendach nicht trug? Da war schnell ein stimmlauterer Studentenknabe zur Hand, der überdies den Vorzug besaß, der Stärkere zu sein. Der stieß den andern ohne viel Umstände von der plötzlichen Parlamentstribüne und wollte selbst lesen. Der erste begehrte auf, sie balgten sich, es war gar zu süß nach dem langen Stummsein, seine Stimme zu hören, ob man eine hatte, oder nicht. Die beschriebenen Blätter blieben als Siegespreis dem handfesteren Apostel und Volksbefreier, der jetzt damit die Rostra erkletterte. Über diesen ganzen Vorgang amüsierte Mießrigel sich unbändig, und der Kobold, der ihm längst wieder im Nacken saß, gab ihm unvorsichtige Worte ein, daß er lachend sagte: »Da sieht man, wie die wahre Freiheit ausschaut: der Stärkere hat Recht – o du verflixte Komödie!«

»Man will doch etwas verstehen!« murrten die Umstehenden, indem sie ihn mißtrauisch von der Seite betrachteten. Und alle rückten von ihm ab, so weit es in dem Gedränge möglich war, weil sie ihn für einen »Vertrauten« hielten. Ihm tat es nichts, er war nur froh, daß er sich jetzt freier bewegen konnte.

Der vorlesende Student fand die Rosinen nicht gleich und geriet in die speckigen Stellen des politischen Kuchens. Der Text drehte sich um eine weitläufige Erörterung von Bankfragen, die niemanden interessierte und Mießrigeln eine leise Versuchung in den Kinnbacken zuzog. Der Depossedierte, der noch immer Prätendent für den Brunnenthron blieb, machte sich die Unruhe zunutzen und unterbrach den Vorleser: Die Einleitung könne fortbleiben, die berühre nur Ungarn und habe keinen Bezug auf österreichische Verhältnisse! Aber aus der Antwort, die die Versammlung darauf gab, tönte vollbrüstige Entrüstung. Die Gewöhnung an Geheimtuerei hatte die Sucht erzeugt, überall Geheimnisse zu wittern, und der Argwohn gegen jede Zensur maß einem Schriftstück umso größere Bedeutung zu, je ungestrichener es zur Kenntnis genommen werden konnte. So siegte das Mißtrauen über die Langeweile. Alles müsse gelesen, kein Wort dürfe verschwiegen werden!

»Wir sind freie Männer!« rief Mießrigel. »Wir dürfen uns auch anöden lassen, wenn wir wollen!«

Da antworteten viele, die den Spott nicht aufgefaßt hatten, mit lautem »Heil!« und »Bravo!« und man hielt ihn nicht mehr für einen »Vertrauten«, weil er von » freien Männern« gesprochen hatte.

Inzwischen hatte der Vorleser allmählich sich doch bis an die Rosinen durchgegessen. Da war gleich eine saftige: Das Verlangen nach konstitutionellen Einrichtungen für alle Länder Österreichs! An der begraste sich die Menge gut ein paar Minuten lang und klatschte Beifall, als ob der Stuwer ein Feuerwerk abgebrannt hatte. Und sogleich kam eine zweite zum Vorschein: Daß Bureau und Bajonette ein elend dürftiges Band seien, die Völker der Monarchie zusammen zu halten, und daß nur die Freiheit solches vermöge. Das mußte man zwei- und dreimal hören und verlangte die Wiederholung der Stelle. Später nahm man sich nicht mehr so viel Zeit, es gab ganze Schichten von Rosinen mit süßen Mandeln untermischt, man brauchte nur in einemfort zu schlucken. Ganz trunken wurden die Zuhörer von der ungewohnt hitzigen Nahrung, der von dem Geiste beigemischt war, welcher toll macht. Und die Tollheit wirkte ansteckend. Ihr Lärmen und Rasen machte aus achthundert oder tausend armen Narren, von denen jeder einzelne Verantwortlichkeit fühlte, im Handumdrehen einen souveränen Haufen.

Jetzt gar, wie es hieß, derjenige sei der zweite Gründer des Hauses Habsburg, der das Regierungssystem in konstitutionellem Sinne reformiere und den Thron des erlauchten Herrscherhauses auf die Freiheit seiner treu ergebenen Völker gründe. Das war Revolution und Loyalität in einem Atem. Das System, das dickköpfige und verbohrte System reformieren! Den Thron, den Gottesgnadenthron, der seit einem halben Jahrhundert nur über Untertanen, nicht über Staatsbürger geherrscht hatte, auf die Freiheit gründen! Und alles nur aus Kindesliebe zum erlauchten Herrscherhaus! Gerade die rechte Mischung von Herz und Faust, von Patriotismus und Jakobinertum für diesen dreizehnten März! Denn die meisten, wenigstens von den Zylindern, liebten und verehrten ihren Monarchen von ganzer Seele und hätten sich vierteilen lassen für ihn – nur tun sollt' er, wie sie wollten. Und sie begannen zu toben vor Begeisterung, als von einem Staatsmanne die Rede war, der schon zu alt und starr sei, um seine Irrtümer zu begreifen und ihnen zu entsagen.

Irgendwo in Österreich – wird überliefert – hätt' es während der Reformationszeit die merkwürdige Sekte der »Springer« und »Purzler« gegeben, die ihren Gottesdienst in der Weise verrichtet haben sollen, daß sie »sich wunderlich in die Höhe geschwungen, das Angesicht verkehret und seltzamb erzeiget« hätten. Einen solchen heiligen Tanz hätten nun auch die im Hof des alten Landhauses versammelten Leute ausgeführt, wären sie nicht Schulter an Schulter auf dem engen Raume zusammengekeilt gewesen. Denn es fiel das Wort von dem hoffnungsvollen Sprossen des Hauses Habsburg, Erzherzog Franz Joseph, auf welchen die Erbschaft eines glänzenden Thrones warte, der seine Kraft aus der Freiheit schöpfen werde. Aber es blieb ein Ding der Unmöglichkeit, Arme und Beine zu rühren, so konnte die Begeisterung sich lediglich durch Schreien Luft machen: »Konstitution! Konstitution! Nieder mit Metternich! Nieder mit Erzherzog Ludwig! Die Zukunft Österreichs hoch!«

Der Taumel von Besessenheit hallte den versammelten Ständen in ihren Beratungssaal, wo sie in ihrer Zerfahrenheit und Angst alles eher trieben als sich beraten. Vergeblich suchten die freiheitlich Besonnenen darzutun, daß es Sache der Stände sei, zwischen der absoluten Gewalt und der drohenden Gesetzlosigkeit zu vermitteln. Es hörten nur wenige auf besonnene Worte, denn unablässig liefen die Ständemitglieder aus und ein, um zu beobachten, welchen Gang die Ereignisse im Hofe nehmen würden: Die Konservativen schäumend vor Wut, daß sie keinen Ausgang frei fanden, um zu entkommen, und sich gezwungen sahen, durch ihr unfreiwilliges Dableiben den Schein zu erwecken, als nähmen sie an einer Sitzung teil, der durch die gewalttätigen Ausschreitungen der unreifen Jugend und des Pöbels jede Würde und Freiheit benommen sei; die Liberalen mit einem hoffnungsvoll blitzenden und einem verängstigten Auge, triumphierend, daß es endlich losging, und doch von geheimen Gewissensbissen gequält, voll Sorge, die Besen, die sie gerufen, möchten sie allesamt hinwegfegen. Denn bei dem Brüllen des Volkslöwen, das ununterbrochen aus dem Hof emporstieg, kam ihnen allgemach zu Bewußtsein, wie schwer es sein würde, der entfesselten Bestie die Klauen zu beschneiden, nun da sie einmal wachgerüttelt war. Bleich und vor Aufregung zitternd, stand der Freiherr von Auenwald in einer Ecke des Saales, von schlotternden Zauberlehrlingen umdrängt, mit denen er, ein vertrautes Flüstern unterhielt. Nun hatten sie den erwünschten Widerhall aus der Gasse. Aber das war nicht der geordnete Aufzug einer braven Komparserie zu Demonstrationszwecken, wie er ihnen in den Kram gepaßt hätte – das war wirkliches Volk, das da unten heulte, tausendköpfig, unbedacht und maßlos, das war die Kanaille, die sie im Grunde verachteten, weil sie sich vor ihr fürchteten.

»Die treiben es zu weit, da unten!« sagte Auenwald. »Sie befinden sich auf geradem Wege zur Revolution! Man muß sie um Gotteswillen beschwichtigen, soll nicht alles verloren sein!«

Und er riß ein Blatt aus seinem Notizblock und warf mit fliegender Hand ein paar Zeilen darauf. Felsenfest möge das Volk auf die Stände bauen und ihnen die Führung der Volkssache vertrauensvoll überlassen! Denn sie seien ehrlich gewillt, sich beim Kaiser dafür zu verwenden, daß ein Ausweis über den Bank- und Staatshaushalt vorgelegt und ein landständischer Ausschuß aller Provinzen zur Beratung zeitgemäßer Reformen zusammenberufen würde ... Das schien ihm so bündig und großartig, daß er schon wieder lächelte. Mehr konnten sie doch nicht verlangen? Und weil er selbst zufrieden war, meinte er, auch das Volk müsse es sein. Sogleich eilte einer seiner Trabanten aus dem Saale, um den Zettel von einem Gangfenster in den Hof flattern zu lassen.

Mießrigel sah die Botschaft niederschweben, ein Dutzend Hände streckte sich aus, sie aufzufangen. Unter Tumult und Geschrei ging das Blatt von Hand zu Hand und erreichte die Brunnenrostra, wo die Catos, Brutusse und Demosthenesse sich ablösten. Der kurze Inhalt wurde verlesen, ein Sturm der Entrüstung brauste durch den Hof. Bank- und Staatshaushalt – wo man soeben den Metternich abgesetzt und die Konstitution proklamiert hatte! Ein beschriebener Wisch mit leeren Versprechungen statt einer erlösenden Tat! Nun blieb kein Zweifel mehr, daß auch die Stände es nicht mit dem Volk hielten! Verräter waren die Stände! Nieder mit den Ständen! Mießrigel sah einen blonden Jüngling über dem Brunnendache auftauchen und jubelte ihm zu, es war Fred, glühend von Begeisterung, mit den sieghaften Augen eines Drachentöters. Hoch hielt er das Papier empor, auf dem die Botschaft aufgeschrieben stand, und zerriß es in der Luft, daß die Fetzen umherflogen.

Jetzt donnerte die aufgeregte See, und die Erde schien zu beben. Hüte und Tücher schwenkten, ein Rausch der Leidenschaft umnebelte die Menge. Und auch Mießrigel tobte mit den Tobenden. Seit er Fred gesehen, strahlend in Knabenschönheit und Jünglingsmut, gehörte er der Revolution! Nun wußte er nichts mehr von sich, wollte nichts wissen, bloß daß auch er eine Kehle besaß, nach Freiheit und Konstitution zu schreien. Und daß die Studenten, die noch immer einer nach dem andern als Redner auftraten, die blinde Ungeduld und Sehnsucht, die alle wahnsinnig machte, nicht stillen konnten. Denn es war unmöglich, noch etwas von Belang vorzubringen, nach dem entschlossenen und anschaulichen Symbol, das Fred durch Zerreißen der Ständebotschaft hingestellt hatte. Und daß der weißhaarige alte Mann da oben, der auf einen Balkon heraustrat, um als Landmarschall, oder was er sonst sein mochte, listig begütigende Worte zum Volk zu sprechen, niedergebrüllt werden mußte, weil auch er zu denen gehörte, die darauf ausgingen, zu vertrösten, auf die lange Bank zu schieben und vielleicht zu betrügen, während Doktor Adolf Fischhof, wie ein plötzlich aufspringendes Gerücht wissen wollte, oben festgenommen worden sei und gefangen gehalten würde. Ei der Tausend, da könnte es ja auch Fred an den Kragen gehen, wenn die Stände doppeltes Spiel spielten und insgeheim die Polizei arbeiten ließen, daß in aller Stille ein Feuergeist nach dem andern auf die Seite gebracht würde, während sie die dumme Herde mit Worten, Worten und Worten hinhielten? Und nun dachte er an nichts anderes mehr als an Fred, daß der den Häschern anheimfallen würde wenn die Bewegung jetzt noch einmal versanden sollte. Zu viel hatte sich schon ereignet, was dem System ins Gesicht schlug, nun mußte auch eine richtige Revolution daraus werden, sollte der Spielberg sich nicht mit jungem Blut bevölkern.

Da nahm er entschlossen selbst den Ruf auf: »Nieder mit den Ständen!« und drängte gegen die steinerne Stiege. Eine Springflut riß ihn auswärts, halb gestoßen, halb getragen, taumelte er die Stufen der Freitreppe empor. Ein fürchterliches Wutgeschrei erfüllte die Hallen, ein Klirren von brechenden Fenstern und zerschmetterten Spiegeln, ein Krachen zertrümmerter Tische, Möbel und Aktenschränke. Die erbitterte Menge, in deren Mitte er sich befand, wütete wie ein Haufen Vandalen und beschäftigte sich damit, krumm und klein zu schlagen, was sich erreichen ließ. Mießrigel selbst war gestolpert und zu Boden gefallen, er fürchtete niedergetrampelt zu werden, raffte sich auf, erhielt einen Stoß in den Rücken und torkelte durch die zerschmetterte Tür in den Sitzungssaal der Ständeversammlung. Studenten und Mob hinter ihm drein, wie die aus den Ufern tretende Donau, wenn der Eisstoß geht, die Gelände überflutet. In heller Verwirrung sah er Herren, Ritter und Prälaten auseinanderstieben und nach Verstecken suchen, Akten und Drucksachen flogen durch die Luft, der Landmarschall verließ die Präsidentenestrade und forderte die Ständemitglieder auf, sich um ihn zu scharen, indem er die Fliehenden zurückzuhalten suchte und in den Saal rief: »Eilen wir zum Kaiser, meine Herren! Ich bitte, wer kommt mit? Begleiten Sie mich zum Kaiser, alle, alle!«

Die Menge stutzte und stand wie eine Mauer. Ein ungezogenes Kind, das zu schreien aufhört, sobald man ihm den Willen tut. Zum Kaiser wollten sie gehn und das sofort, wie das Volk es verlangte? So waren sie doch keine Verräter und hielten es mit der Sache des Volks! Wo man eben noch gewütet, fing man jetzt zu jubeln an. Einer brachte sogar ein Vivat auf die Stände aus: Und mit demselben Atem fast, mit dem sie gerade erst »Nieder!« gerufen hatten, riefen sie jetzt »Hoch!« Das klang erlösend in die Schlupfwinkel – Auferstehung der Toten! Der Freiherr von Auenwald und seine Zauberlehrlinge kamen wieder zum Vorschein und sammelten sich um die Konservativen, von denen eine grollende kleine Gruppe eng aneinander geschlossen in der Mitte des Saales standgehalten hatte, als trotziger Fels in der Brandung. Der Landmarschall setzte sich in Bewegung und schritt würdig voraus, die Ständemitglieder schlossen sich an, finster blickend die einen und fest überzeugt, die Erniedrigung des Senats zu einem politischen Wertzeug der Plebs könne zu nichts Gutem führen; sichtlich erleichtert und mit der Menge fraternisierend die andern, von denen mancher schon überlegte, wie man den Volkslöwen wieder in seinen Käfig sperren würde, wenn er seine Rolle ausgespielt und mitgeholfen hätte, die Rechte der Herren und Ritter auf Kosten der Zentralgewalt und der Prälaten zu erweitern. Beinahe war es ein Wunder wie am Roten Meer, als die Juden hindurchzogen, daß sich zwischen den dichtgekeilten Menschen eine Gasse bilden konnte, die Treppe hinunter, durch die Torfahrt und in der Herrengasse. Der Freiherr von Auenwald wurde erkannt, man jubelte ihm zu. Studenten vor dem Landhaus stimmten das Freiheitslied an:

»Freiheit, die ich meine,
Die mein Heiz erfüllt ...«

Das erbitterte einen der abziehenden Landstände dermaßen, daß er die Kühnheit fand, in die Menge hineinzurufen: »Wir weichen der Gewalt!«

Es war ein schneeweißer alter Herr mit viel Violett am geistlichen Gewand, Prälat oder dergleichen. Mießrigel, der sich in der Absicht, seine ebenso kurze als erfolgreiche politische Laufbahn wieder mit dem Privatleben zu vertauschen, dem Zuge angeschlossen hatte, trottete zufällig an seiner Seite und stieß ihn an, er möge um Gotteswillen vorsichtiger sein. Aber der erboste Greis, der nicht gewillt schien, sich ein Blatt vor den Mund zu nehmen, fuhr nur umso lauter zu eifern fort, das sei nicht die Freiheit, die er meine, das sei Gewalt, die man wider Gesetz und Recht den Landständen antue.

Es trafen ihn drohende Blicke, und ein Proletarier, dem Rock- und Hosentaschen von Steinen starrten, versuchte die Umstehenden aufzuwiegeln: »Er schimpft auf die Freiheit, der Pfaff! Hauen wir ihn!«

Der Prälat sah sich von zweifelhaften Figuren umringt und bedroht. Indessen brach Mießrigel ihm Bahn und schob ihn fort. Nun richtete die Wut der Proletarier sich gegen diesen. Das sei auch ein Freiheitsfeind, ein Nummerierter, ein Naderer, ein Volksverräter, der es mit den Pfaffen halte! Sie packten ihn und rissen ihm fast den Rock vom Leibe. Mießrigel aber behielt kaltes Blut und lachte nur. Er verstand es, mit den Leuten zu reden. Der geistliche Herr sei einer von den Landständen, sagte er, und die müsse man ziehen lassen; weil sie sich nämlich auf dem Weg in die Burg befänden, um den Kaiser um Abschaffung der Verzehrungssteuer zu bitten.

»Kapiert ihrs jetzt?« sagte er, mit dem Zeigefinger auf die Stirnen seiner Angreifer tippend.

Wie sie von Verzehrungssteuer hörten, stutzten sie; das sei freilich etwas anderes, und ließen ihn los. Er war in der Laune zu flunkern und versprach ihnen das Blaue vom Himmel herunter. Und schließlich schenkte er einem jeden einen Silberzwanziger – an einem Tag wie heute komme es ihm nicht darauf an – und trug ihnen auf, dem alten Prälaten nachzueilen und ihn als Leibgarde zu umgeben, falls er noch einmal so unvorsichtig sein sollte, etwas gegen die Freiheit zu sagen. Sie bedankten sich schön und versprachen dafür zu sorgen, daß dem alten Herrn kein Haar gekrümmt würde.

Es war eine eigene teuflische Freude in Mießrigel, so viel Ungereimtes, als ihm irgend zu Gebote stand, in diese ernste Bewegung hineinzutragen. Sein Puck besaß nicht die Macht des Elfenkobolds, sonst hätte er allen Menschen Eselsköpfe anzaubern lassen. Aber im Geiste wenigstens sah er sie mit der Zier ellenlanger Ohren herumgehen, war munter und aufgeräumt und summte sein beliebtes: »O du verflixte Komödie« vergnügt im Rhythmus des Krapfenwaldl-Walzers.

Vor dem Landhaustor, wo sich noch immer die Menge staute, traf er endlich Fred Leodolter. Der sah wie ein Cherub aus, mit einer schönen ernsten Falte zwischen den Brauen, und seine hellen Augen suchten den Himmel über der engen Häuserzeile. Ihm war in diesen Stunden die Freiheit geboren. So hoffnungstreu dichtete seine Jugend den illegalen Anfang in ein legales Ende um. So vertrauensrein spiegelte seine erwachte Seele die grandiosen Worte, die sein Ohr noch erfüllten, als grandiose Taten wieder. Ihm waren es Offenbarungen der Sehnsucht, wert, in eherne Tafeln gegraben zu werden! ...

»Eine Dynastie, die sich auf die Freiheit der Völker stützt, wird treuer behütet sein, als durch Polizei und Bajonette; denn wahrhaft treu kann nur ein freier Mensch sein! ... Wurde Treffenderes je ausgesprochen?«

»Es ist so treffend,« sagte Mießrigel, »daß mancher wird dafür ins Herz getroffen werden! Laß uns heimgehn, Fred?«

Aber davon wollte der Jüngling nichts wissen. Alle warteten, auch er wollte warten. Man müsse noch erfahren, welche Antwort die Landstände vom Kaiser zurückbrächten! Schon ein paarmal hatten ältere Männer gemahnt, zur Ordnung zurückzukehren und die Sache des Volks der Zukunft anheimzustellen, da sie jetzt in guten Händen liege. Aber die Jugend hatte sie niedergeschrien und fast als Verräter behandelt. Mitten im freudigen Hoffen verdüsterte auch Freds Stirne der Argwohn: »Wer weiß, ob man uns nicht bloß hinhalten, irreführen, täuschen will?«

»O das Mißtrauen, das uns allen im Blute liegt!« seufzte Mießrigel. »Das ist die Kapitalsünde des Systems, daß es uns mit Mißtrauen vergiftet hat. Hundert Jahre noch wird Österreich daran krank sein!«

Er kopfhängerte vor sich hin und erwog, was allenfalls aus ihm hätte werden können, in einer andern Umgebung, unter einem andern Volke, mit ein bißchen Glauben an Entwicklung und Fortschritt, ohne den Stich ins Trostlose, der seinen guten Willen in Leichtfertigkeit umgewandelt hatte, seine Fähigkeiten in Tändelei, seine Heiterkeit in Galle und seinen Geist in ätzende Schärfe ...

Also blieben sie mit den andern und warteten ...

Ab und zu wurde ein junger Mann mitten aus der Menge emporgehoben, warf die Arme in die Luft und redete von den Schultern seiner Kameraden herunter. Das Fieber der Beredsamkeit ging um, wenige gab es, die sich nicht berufen fühlten. Und wenn einer ausgefiebert hatte, dann riefen die Nachstehenden »Hoch! Hoch!«, und die Entfernteren, ob sie etwas verstanden hatten oder nicht, stimmten begeistert ein. Dazwischen feierte unablässig die Sucht der Wichtigtuerei ihre Orgien. Bald tat sich da, bald tat sich dort ein Träublein begeisterter Jünglinge zu einem Ausschuß zusammen, ließ sich mit erhobenen Händen in irgend ein Komitee wählen, von dem niemand wußte, was es wollte und sollte, und konstituierte sich dann durch Wahl eines Präsidenten, eines Stellvertreters, eines Schriftführers und verschiedener anderer Funktionäre. Ein paarmal machten Soldaten, aus einer der Seitengassen vordringend, den Versuch, die Herrengasse zu räumen, wurden aber jedesmal mit Gejohl empfangen und zogen sich still wieder zurück, nachdem sie eine Zeitlang hin- und hergedrängt worden waren. Es vergingen Stunden der Ungewißheit. Den jungen Leuten flogen sie hin, genug hatten sie damit zu tun, das Geschehene zu rühmen und das Kommende zu enträtseln. Fred unterredete sich leise mit Kommilitonen, die nicht minder heiß glühten wie er selbst, während Mießrigels Laune unbarmherzig von den Geiern der Langweile zerfleischt wurde.

»Gehen wir heim, Fred, ich bitte dich! Meinst du, ich sei als Pickelhering auf die Welt gekommen? Wenn die Politik noch einen Funken menschlichen Fühlens in dir übrig gelassen hat, so nimm deine Kameraden zusammen und formiere ein Dreieck. So brecht ihr das Eis, und ich segle im Kielwasser.«

»Ich bleibe!« erklärte Fred entschlossen.

»Mir ist öde in Herz und Magen, und wenn es noch lange dauert, so fühl' ich, daß ich sterben muß. Die Weltgeschichte ist eine harte Herrin, sie wird unbarmherzig über meinen Leichnam hinwegschreiten. Bewahre wenigstens du mir ein ehrendes Angedenken, Fred, und laß mir einen Grabstein errichten, hier an dieser Stelle, mitten in der Herrengasse. Eine goldene Inschrift soll der Nachwelt künden, wer ich gewesen: Hier ruht Pepi Mießrigel, das erste Opfer der Märzrevolution. Er war ein Held, er hat sich für die Freiheit zu Tode gelangweilt!«

»Ich bitte dich, spare in dieser ernsten Stunde deine Scherze! Ich kann diesen Platz nicht verlassen, auf den die Pflicht mich stellt, ehe ich nicht weiß, daß der Erfolg unser ist. Laß dich durch mich nicht beirren, und wenn du gehn willst, so geh!«

In diesem Augenblicke erhob sich ein ohrenbetäubendes Geschrei aus der Menge. Alles rief durcheinander: »Militär kommt! Soldaten! Grenadiere! Verrat! Man will das Landhaus besetzen! Fort mit dem Militär! Wir sind wehrlos! Fort mit den Schinderknechten!«

Durch das enge Landheimsgäßchen sah Fred weiße Waffenröcke blinken. Langsam, Schritt für Schritt, mit gefälltem Bajonett, ging ein Zug Soldaten gegen die Herrengasse vor, die pfeifende, höhnende, vor Wut johlende Menge vor sich her treibend. Ein fürchterliches Gedränge entstand, ein wirres Geschrei, ein unbeschreiblicher Tumult. Aus den geöffneten Fenstern des Landhauses flogen zerbrochene Stühle und Pulte, Glasscherben, Tintenfässer, ganze Fensterflügel auf die Soldaten herunter.

»Ladstock in Lauf!« kommandierte der Hauptmann.

»Sie wollen schießen,« kreischte es; »bewaffnen wir uns!«

Ein Schilderhäuschen, das vor dem Landhaus stand, wurde umgerissen, Fred sah, wie Proletarier zersplitterte Plankenteile davon abtrennten, Aushängetafeln und Schilder der nächstliegenden Geschäfte herunterrissen, um irgend etwas in der Hand zu haben, das eine primitive Waffe ersetzen konnte, einen Span, ein Brett oder auch nur ein Stück Blech.

Es krachte eine Salve.

Ein einziger Aufschrei des Schreckens, der Entrüstung ging durch die Menge, die wie geängstigte Tiere im Pferch in wilder Flucht auseinanderstieben wollte und nicht konnte. Gleich Bergnebeln wallten undurchdringliche Wolken weißen Pulverdampfes vor Freds Augen. Er sah Menschen an sich vorübereilen, es wurde freier rings um ihn, er lief eine kleine Strecke und blickte zurück. Der Rauch schlug sich zu Boden, von der Freiung rückten in der ganzen Breite der Straße Pioniere an.

»Schlagt an! Feuer!«

Abermals knatterten die Gewehre.

Eine Hand faßte Fred am Ärmel und riß ihn beinahe zu Boden. Er beugte sich nieder und blickte einem Sterbenden ins brechende Auge. Ein alter Mann mit langem weißen Haar, der neben ihm auf dem Pflaster lag und wie hilfesuchend zu ihm aufsah. Fred kniete an seiner Seite und stützte seinen Kopf. Der Mann bewegte die Lippen, als ob er noch etwas sagen wollte, bäumte den Oberkörper und sank zurück. Er war tot.

Rechts und links hörte Fred die Pioniere im Laufschritt über das Pflaster trappen, um die Menschenmenge zu verfolgen, die sich schreiend und kreischend gegen den Michaelerplatz wälzte. Er kümmerte sich nicht darum, er kniete noch immer an der Leiche des Greises, das Bild des Todes brannte sich wie ein Feuermal in seine erschütterte Seele.

Aber es war jetzt nicht die Zeit, Tode zu betreuen. Er riß sich los und sprang empor. Er wußte es: Nun hörte die Freiheit auf, ein blasser Schatten zu sein, sie hatte Blut getrunken! Leute, die wie gehetztes Wild an ihm vorbeiliefen, hörte er rufen: »Man hat auf Bürger geschossen! Waffen! Sturmläuten! Revolution!«

Ein junger Mensch rannte keuchend an Fred heran. Wo das Zeughaus sei? fragte er in gebrochenem Deutsch

»In der Renngasse das kaiserliche, das bürgerliche am Hof. Sind Sie Student?«

»Ich bin Jurist,« sagte der andere. »Mein Name ist Blavohil.«

»Leodolter, Polytechniter.«

» Ćech a Nĕmec jedno tĕlo!«»Böhm und Deutscher sind ein Leib« rief der Böhme mit fliegendem Atem und schüttelte ihm mit Tränen in den Augen die Hände.

»Kommen Sie, Kommilitone! Eilen wir auf die Aula!«

*

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