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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 19
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
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In einer verborgenen Spelunke in der inneren Stadt saß ein Tisch junger Leute beisammen, Studenten von der Universität: Mediziner, Juristen und Philosophen. Auch Polytechniker darunter und ein paar angehende junge Künstler von der Akademie. Es waren fast alle österreichischen Nationalitäten vertreten: Deutsche, Ungarn, Italiener, Polen, auch die böhmischen und Süd-Slaven fehlten nicht ganz.

»Kommilitonen! Freunde! Brüder!« sagte Student Sturz, der das Präsidium führte. »Wir sind Kinder verschiedener Nationen, treu und mannhaft steht ein jeder von uns zu seinem Volke. Und doch haben wir alle zusammen ein gemeinsames Vaterland, eine Heimat, einen Kaiser, und einen Glauben: den Glauben an die Freiheit und an die Zukunft Österreichs!«

Begeisterte Rufe erschütterten die Luft. Sturz streckte seine Hand über den Tisch.

»Schlagt ein Brüder! Reicht mir eure Rechte! Wir gehören zu einander, wir sind Österreicher, wir sind Jünger der Wissenschaft und Musensöhne! Laßt uns den Schwur der Treue leisten: Eher den Tod als ein Preisgeben unserer Ideale!«

In jugendlicher Begeisterung vereinigten sie ihre Hände.

»Eher den Tod!« klang entschlossen die frische, kräftige Stimme Fred Leodolters.

»Es lebe die Freiheit! Es lebe die Freiheit!«

»Silentium!« kommandierte Sturz.

»Silentium!« echote Student Tauß, der den Kontrapunkt innehatte.

»Es steigt das Lied: Freiheit, die ich meine ... «

Da verstummte sogleich alles Gespräch, ergriffen, begeistert, mit Tränen in den Augen, sangen sie wie aus einem Munde Schenkendorfs altes Freiheitslied:

»Freiheit, die ich meine,
Die mein Herz erfüllt,
Komm mit deinem Scheine,
Süßes Engelsbild!
Magst du dich nicht zeigen
Der bedrängten Welt?
Führest deinen Reigen
Nur am Sternenzelt? ...«

Als der Gesang verklungen war, erschollen ungestüme Hochrufe: »Prosit! Heil! Eljen! Slava! Zivio! Evviva!«

»Evviva l'Italia indenpendente!« schrie ein kleiner blasser, glutäugiger Italiener.

»Colloquium!« verkündete Sturz.

»Colloquium!« antwortete das Echo aus dem Munde des Studenten Tauß.

Ein hochgewachsener Tiroler mit Bauernknochen und einem gotischen Langschädel schlug ingrimmig auf den Tisch: »Tuifel auch, sell ischt ein starker Tobak!«

»Halt's Maul, Ladurner, und laß sie rummeln, die Katzelmacher!«In Österreich übliche verächtliche Bezeichnung für Italiener. stieß ihn sein Nachbar an. »Ohne sie kriegen wir unser Lebtag keine Freiheit zu sehen!«

Das Wort war von einem eleganten blonden Polen aufgefangen worden, der ihnen gegenüber saß.

»Das ist richtig, was Sie da sagen! Ausgezeichnet! Ohne die Polen und Italiener macht ihr es nicht! Der Deutsche hat kein Talent zur Freiheit! Die müssen anders aussehen, ich bitte, die die Kastanien aus dem Feuer holen!«

»Fehlt es uns Deutschen etwa an Mut?« wendete Fred Leodolter sich herausfordernd an ihn.

»Das habe ich nicht gesagt, ich bitte, das ist wieder etwas ganz anderes! Aber den Boden der Legalität wollen die Deutschen nicht verlassen! Was kann man dabei erreichen, ich bitte? Pour faire une omelette, il faut casser des oeufs. Vive la Charbonnerie démocratique!«

»Prosit! Hoch! Die Köhler sollen leben!« riefen einige Stimmen.

Aber da schnellte der kleine blasse Italiener jählings in die Höhe: »Oh –! Geine Carbonari mehr! Eine neue Bund für die Sukunft! La giovine Italia wird sie 'eißen, und wird 'elfen der Freiheit und wird jagen die Papst und wird jagen die Gönige! Fort! 'Inaus vor die Tür! Eine Fußtritt für die Tyrannen! Unser 'Aus ist unser 'Aus! Geine Fremde mehr darin und einig die Vaterland! Evviva Mazzini!«

Wiederum stiegen Vivats und Hochrufe.

»Laßt mir den Republikaner aus dem Spiele!« grollte Sturz mißmutig, indem er sich die Lippen biß.

Hinter seinem offenstehenden Wams lugte ein schwarz-rot-goldnes Band hervor, das ihm quer über die Brust lief. Er war ein großer, bärtiger Mensch mit goldblonden Locken und scharfen Brillen vor den blauen Augen. Die verbotene Mütze, die ihm auf dem Kopf saß, hatte sich verschoben, daß ihr Schirm sein linkes Ohr beschattete.

»Meine Blume dem jungen Italien!« Student Tauß hatte sich erhoben und hielt seinen Krug hoch in die Luft. »Kühn und offen spreche ich es aus, ich ein deutscher Jüngling und guter Österreicher: Was brauchen wir ein lombardo-venezianisches Königreich, wenn wir die Freiheit haben? Sie macht alle Völker zu Brüdern, keines wird mehr über das andere herrschen wollen und keines dulden, daß es beherrscht wird!«

»Hoch das junge Italien! Hoch Mazzini!« riefen viele durcheinander.

»Brüder! Hört! Daß ihr es wißt!« überschrie Sturz den Lärm, und seine Augen flammten. »Wir führen eine gerechte Sache! Wir sind keine Revolutionäre! Wir sind treue Bürger unseres Vaterlandes! Wir werden den Boden des Rechts und des Gesetzes nicht verlassen, wir wollen das monarchische Gefühl nicht erschüttern, wir wollen es befestigen! Den falschen Ratgebern des Kaisers gilt unser Kampf, nicht ihm! Unser geliebter Monarch ist milde und gütig, er wird unseren Bitten nicht widerstehen, wenn sie nur erst bis an sein Ohr gedrungen sind! Er wird nicht länger über geknechtete Untertanen herrschen wollen, und freie Völker werden sich in Liebe und Verehrung um seinen Thron scharen!«

Der Italiener begehrte gegen ihn auf, alle schrieen durcheinander.

»Silentium!« donnerte Sturz. »Es steigt das Lied: Der Gott, der Eisen wachsen ließ ... «

Da wurde es sogleich wieder still und mit vollen, männlichen Stimmen setzten sie ein:

»Der Gott, der Eisen wachsen ließ,
Der wollte keine Knechte ... «

Und als die letzte Strophe verklungen war:

»Und hebt die Herzen himmelan
Und himmelan die Hände,
Und rufet alle, Mann für Mann:
Die Knechtschaft hat ein Ende!«

da brachen sie in neue begeisterte Hochrufe aus ... Sie nahmen sich bei den Händen und schüttelten sich, sie fielen einander um den Hals. Ein Freudenrausch hatte sie alle ergriffen: »Freiheit! Freiheit!« ...

In ausgesprochen slavischem Akzent fiel der Ruf: »Unser Kaiser soll leben!«

Es war ein bescheidener, ärmlich gekleideter Jüngling mit glattem strohgelbem Haar, der »Kaisr« statt Kaiser und »lehben« statt leben sprach.

Der Kaiser sei gütig und liebe alle seine Völker wie ein Vater seine Kinder, versicherte er; man informiere ihn nur falsch oder gar nicht. Was wisse er z. B. von den böhmischen Zuständen? Sand in die Augen streue man ihm! Aber das böhmische Volk werde eines Tages aufstehen wie ein Mann und das Joch seiner Unterdrücker abschütteln!

»No ja?« sagte er eifrig, »weil es eine Lehbensfrage ist für Esterreich!«

Und dann lehnte er sich in seinem Sessel zurück und redete mit halber Stimme leidenschaftlich auf seinen Nachbar ein, während die nervösen Hände unruhig an den Schnüren der nationalen Tschamara herumfingerten, die er trug.

»Wissen Sie, Herr Kuchaz, wie die Feinde des böhmischen Volkes heißen?« rief Student Tauß. »Metternich und Sedlnitzky heißen sie! Die sind es, die die Nationen dieses Staates gegeneinander ausspielen! Das System ist schuld an allem! Das System muß beseitigt werden! Ich wiederhole es: Die Freiheit macht alle Völler zu Brüdern!«

Ein Radikaler geriet in Hitze: »Der Metternich und der Sedlnitzky sagen Sie? Gut! Aber doch nicht sie allein! Wo bleiben die andern, die noch viel höher stehen? Wo bleiben die andern? He? Wo bleiben die andern?«

»Was wollen Sie, Herr Schuda? Schreien sie nicht so! Ich stehe Ihnen zur Verfügung! Was wollen Sie eigentlich?«

»Wo bleiben die andern?« wiederholte der Aufgeregte. »Wo bleiben die andern? He? Wo bleibt die Staatskonferenz mit dem Erzherzog Ludwig an der Spitze? Hört mir auf mit der ganzen Lothringischen Dynastie!«

»Still! Ruhig! Silentium! Schweigen!« rief es von allen Seiten.

»Es ischt unser angestammtes Herrscherhaus!« sagte Ladurner ernst.

Fred Leodolter eilte auf den Hitzkopf zu.

»Seien Sie nicht ungerecht! Eine große Anzahl Prinzen sind ohnedies fortschrittlich gesinnt! Auch die Erzherzogin Sophie, das weiß jedes Kind!«

Das Lokal lag eine Treppe tief unter der Erde, der zweite Tisch, der sich noch darin befand, war unbesetzt; man brauchte keinen Lauscher zu fürchten. Die Luft in dem engen Raum war zum Schneiden dick, die meisten Studenten qualmten aus langen, bequasteten Burschenpfeifen, und vor einem jeden stand ein gewaltiger Krug Bier.

Student Sturz hielt jetzt eine Rede und faßt die Wünsche und Forderungen der akademischen Jugend zusammen.

Das absolutistische System hätte sich überlebt, es gleiche einem Koloß auf tönernen Füßen, der heute oder morgen zusammenbrechen müsse. Die Willkür beschränkter Beamter, die schamlose Protektion bei Vergebung aller höheren Posten, die ungerechte Verteilung der Steuern, die leichtsinnige Finanzgebarung und die muckerische Zensur, die jede freie geistige Regung unterdrücke – das alles zusammengenommen habe den Staat trotz eines dreißigjährigen Friedens an den Rand des Verderbens gebracht. Die Liebe zum Monarchen und zum Vaterlande zwinge die Studenten als Jünger der Wissenschaft und Repräsentanten der Intelligenz, auf Abhilfe zu dringen. Ihre Forderungen ließen sich in einem einzigen Worte zusammenfassen, sie forderten nicht mehr und nicht weniger, als was andere, glücklichere Völker längst besäßen: Staatsbürgerrechte!

»Menschenrechte!« warf Tauß dazwischen und stärkte sich mit einem Halben.

»Menschenrechte!« wiederholte Sturz. »Prost, ich komme nach. – Gut, sagen wir Menschenrechte!«

Und er führte weiter aus, daß es das ursprünglichste und unveräußerlichste Recht eines jeden Menschen sei, die Intelligenz, die Gott ihm verliehen habe, nach bestem Wissen und Gewissen zu gebrauchen. Daß aber das ängstliche System der Bevormundung den freien Gedanken beschränke, das offene Wort durch Polizeimaßregeln unterbinde, die Quellen der Bildung durch engherzige Zensurvorschriften verstopfe.

»Darum fordern wir mit dem Mute der vollen Überzeugung,« rief er, »Freiheit vor allem auf dem Gebiete des geistigen Lebens, fordern Gedankenfreiheit, Redefreiheit und Abschaffung der Zensur, fordern Lehr- und Lernfreiheit für uns und unsere Nachkommen!«

Ein stürmischer Beifall, in den alle einstimmten, brauste durch das Lokal.

An der unteren Ecke saß Leb Pinkas, ein junger Mann von scharf ausgeprägtem jüdischen Typus, mit Anzeichen von Kummer und verhaltener Leidenschaft in den unsteten Augen.

»Wir fordern Glaubensfreiheit!« rief es von dieser Seite.

»Wir fordern auch Glaubens- und Gewissensfreiheit!« redete Sturz weiter. »Wir fordern Gleichheit vor dem Gesetz für alle! Denn alle sind wir Brüder, alle Völker, alle Stände, alle Konfessionen! Fallen müssen die konfessionellen Schranken, die verknöcherte Dogmen zwischen den Menschen aufgerichtet haben, verschwinden die künstlichen Scheidewände, durch die eine stümperhafte Staatskunst die Völker dieses Reiches auseinanderhält. Unter dem Schutze der Freiheit werden sie sich brüderlich die Hände reichen und ihre Kräfte im edlen Wettstreit des Zusammenwirkens ins Ungemessene steigern. Darum fordern wir für alle Stände, für alle Konfessionen, für alle Nationalitäten Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, fordern gleiches Recht für den magyarischen und slovakischen, polnischen und ruthenischen, böhmischen und deutschen Bauer, Bürger und Adligen!«

»Aber erlauben Sie gütigst,« unterbrach Herr von Jablonowsky den Redner, »ein polnischer Schlachziz und ein ruthenischer Bauer ist wieder etwas anderes, ich bitte! Gehen Sie nach Galizien, und man wird Ihnen sagen, daß Sie die Verhältnisse nicht kennen! Jedna owca parczywa wsystko stádo nakazí«

»Was ist das eigentlich, ein Ruthene?« fragte Student Tauß. »Wo wohnt denn das?«

Einige Slaven sprachen auf ihn ein und klärten ihn auf.

Ladurner wunderte sich.

»Es ischt gar niacht zu glauben, wieviel Kompatrioten auf einmal zum Vorschein kommen!«

Der Jüngling in der Tschamara stieß seinen Freund und Landsmann an. Sie flüsterten miteinander und lachten über den Tiroler, der sich offenbar einbilde, Österreich sei ein deutsches Land!

Sturz fuhr in seiner Rede fort und führte aus, es sei nicht zu wundern, wenn einzelne Unklarheiten und Mißverständnisse sich gelegentlich sogar unter Gesinnungsgenossen einschlichen. Aber alle Nebel würden in nichts zerfließen, wenn einmal die Sonne der Freiheit über den Völkern dieses Reiches leuchte. Es fehle ihnen eben an Gelegenheit zu ungezwungenem Meinungsaustausch, es fehle eine Tribüne für die freie Rede für das offene, ehrliche Manneswort!

»Darum fordern wir,« rief er, »eine Konstitution! Darum fordern wir eine Verfassung, wie fast alle andern zivilisierten Nationen sie besitzen! Darum fordern wir ein Repräsentativsystem, eine einzige, echte, unverfälschte Volkskammer!« ...

»Ich bestehe auf zwei Kammern!« warf Tauß dazwischen.

Man lachte und wollte ihm klar machen, daß zwei Kammern weniger seien als eine. Aber er wurde ganz unwirsch. Andere Völker hätten auch zwei Kammern, und zwei sei immer mehr als eins!

»Ein Repräsentativsystem,« fuhr Sturz fort, »auf Grund des allgemeinen, gleichen, direkten Wahlrechtes ...«

Da schnitt plötzlich ein pfeifender Ton durch die Luft.

»Achtung! Still! Ruhig!« warnte es vom Eingang her. Ein Posten, der außen als Aufpasser aufgestellt war, um den Zugang zu dem Kneipkeller zu bewachen, erschien an der Tür und machte Zeichen.

»Mützen herab! Naderer da!« flog es von Mund zu Mund.

Ein Herr in hohem eleganten Zylinder trat ein, grüßte höflich und ließ sich am Nebentische nieder. Fred wollte kaum seinen Augen trauen und sah schärfer hin, ob er sich nicht täusche; es blieb kein Zweifel, das war Mießrigel! Mießrigel – unter die Naderer gegangen? Mießrigel – ein Judas? Freds Atem stockte vor Leid und Empörung, er duckte sich hinter seinen Nebenmann, um nicht gesehen und erkannt zu werden, und beschloß, Mießrigel aus dem Hinterhalte zu beobachten und, wenn es nottun sollte, zu entlarven. Der neue Ankömmling indessen schien sich um die Studenten wenig zu kümmern, saß hinter seinem Stutzen Wein und redete in halblautem Tone mit ein paar schlichten Leuten, Kleinbürgern oder Arbeitern, die bald nach ihm eingetreten waren und sich an seinen Tisch gesetzt hatten.

Um die Tafelrunde der Studenten war es jetzt ganz stille geworden. Nur mühselig wurde ein gezwungenes Gespräch gestiftet, um keinen Argwohn zu erregen. Dazwischen umkreisten mißtrauische Blicke den verdächtigen Gast, dessen blanker Zylinder wie ein Rätsel neben den abgegriffenen Filzen und proletarischen Mützen seiner Begleiter an der Wand hing. Es kamen immer noch neue Leute, die sich zu ihm gesellten, manch ein verlottert aussehender Bursche darunter, dessen Zusammensitzen mit einem Naderer nicht leicht zu erklären war.

Auf einmal wendete Mießrigel sich herum und sagte zum Studententisch hinüber: »Die Herren singen garnicht? Und zum fröhlichen Naß gehört doch ein Rund- und Weihegesang. Studentenlieder haben so schöne Melodien! Zum Beispiel das wunderbare – wie geht es doch gleich?« Er sang:

»Freiheit, die ich meine,
Die mein Herz erfüllt ...«

» Agent provocateur!« flüsterten die Studenten einander zu.

»Wir sind ungeübt,« sagte Sturz. »Wollen Sie nicht vielleicht selbst etwas singen?«

»Gern, wenn es Ihnen genehm ist,« sagte Mießrigel.

Der Aufwärter brachte eine Laute. Mießrigel setzte sich zurecht, versuchte die Saiten, stimmte und präludierte. Und plötzlich legte er los und sang, während er mit kräftigen Griffen die Gitarre meisterte, daß ihr Ton fast dem einer Harfe glich, zu einer beflügelten, wilden Melodie:

»Die Welt durchrast der Zeiten Sturm,
Die Hütte steht, es schwankt der Turm,
Das ist ein Kämpfen, ist ein Morden,
Seitdem die Völker Mode worden!
Vergangenheit sank in die Gruft;
Atome zittern in der Luft
Von neuen Welten, ungeboren
Und nie geahnt von blöden Toren.
Wo wäre wohl die Stirn von Erz
Und wo das marmorkalte Herz,
Das so umstürmt nicht rascher schlüge,
Nicht seinen Gott um Lösung früge?
Du Freiheit bist der Zauberspruch ... «

Ein begeistertes Klatschen, Heil- und Prositrufen unterbrach den Gesang. Mießrigel hielt inne, lächelte und wartete, bis der Jubel sich gelegt hatte. Dann griff er neuerdings in die Saiten und fuhr fort:

Du Freiheit bist der Zauberspruch,
Der uns gebannt des Dunkels Fluch,
Darunter knirschend wir erlagen,
Du Morgenhauch von schönem Tagen!
Es grüßt dich jubelnd alt und jung
In seliger Verbrüderung!
Gefallen sind die schwarzen Schranken,
Die Herzen trennten und Gedanken,
Der Bettler hebt den Kummerblick
Empor zum neuerschaffnen Glück.
Der Mächt'ge birgt der Hoheit Kleid,
Verscheucht entfliehen Groll und Neid,
Und Gleichheit heißt der edle Ringer,
Der sie erschlug im Sklavenzwinger.
Das Äthermeer, des Opfers Rauch,
Die Menschenbrust durchweht dein Hauch,
O Freiheit, laß zu deinen Füßen
Mich deinen Sternenmantel küssen!«

Er hatte das Lied packend, mit schier diabolischem Schwung vorgetragen, die hingerissenen Zuhörer stampften, jubelten, sprangen auf, schüttelten ihm die Hände und begrüßten ihn als einen der Ihrigen. Fred kam ans Licht und lachte ihn an, wieder vertrauensvoll, mit zerstreutem Argwohn. Aber Mießrigel schien sich garnicht zu wundern, daß er ihn hier fand, und nickte ihm zu, als ob es selbstverständlich wäre und er sich nichts andres erwartet hätte.

»Das sind Studenten, seht ihr!« wendete er sich aufgeräumt an seine Leute. »Auf die könnt ihr euch verlassen, wenn es einmal um die Freiheit geht. Denn ihr gehört zusammen: Arbeiter und Studenten! Ihr habt noch Ideale, ihr müßt miteinander gehn, gegen die Vollgefressenen und Satten, gegen die Volksverdummer und Volksunterdrücker! Euch gehört die Zukunft, legt eure Hände ineinander! Und ihr, meine Herrn Studenten, tragt kein Bedenken, eure Rechte in die schwielige Hand des Proletariers zu legen! Auf ein Zeichen von euch wird er seine Bataillone unter euer Kommando stellen, und Schulter an Schulter werdet ihr kämpfen und siegen!«

Einer von den Leuten trat vor und streckte seine Hand hin: »Ich heiße Götsch Schani. Meinem Ruf folgen viele. Ein ganzes Regiment von Proletariern! Ich bin für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Die Großen müssen klein gemacht werden! Wollen Sie dasselbe, so schlagen Sie ein!«

Fred legte die Hand in die seinige: »Die Übermütigen sollen gezüchtigt und die Frechen gedemütigt werden!« ... Er dachte in diesem Augenblick an Baron Bela.

Die Studenten und die Proletarier verbrüderten sich. Leb Pinkas traf Bekannte unter den Arbeitern und saß zwischen ihnen. Er redete von der Schmach, die man dem Judentum antue, und erzählte, der berühmte Tonkünstler Meyerbeer habe es abgelehnt, nach Wien zu kommen, weil er sich beim Judenamte hätte melden und für einen mehr als dreitägigen Aufenthalt einen Leibzoll entrichten müssen.

»In ganz T'rol darf überhaupt kei' Jud' bleibe',« sagte Ladurner.

»Eine Schmach!«

»Es ischt uns noch nia niachts abgegangen deswegen.«

»Das ist dunkelstes Mittelalter, eine Schande für Österreich!« eiferte Leb Pinkas. »Gehören wir nicht zur europäischen Völkerfamilie? Aber es kennzeichnet den Geist des Systems, daß es die Intelligenz des Judentums fürchtet!«

Auf seinen Backenknochen bildeten sich rote Flecken, und seine heißen Augen loderten. Und sich an die Proletarier wendend, erklärte er ihnen, wie alles zusammenhänge, und wie man die Glaubensfreiheit nur deshalb nicht gewähre, um den erbgesessenen Fabrikanten ein Monopol zu sichern, daß sie freie Hand hätten, die Arbeiter nach Gutdünken auszubeuten.

Die böhmischen Studenten saßen mit den slavischen Proletariern beisammen. Sturz und Tauß hielten Reden und wurden nicht müde, in schwungvollen Worten die gemeinsamen Ideale zu feiern, die Freiheit und die Verbrüderung aller Nationen. Fred glühte von Begeisterung und fragte nur immer, ob es nicht bald losgehe, und ob man sich nicht zum Kaiser begeben solle, ihn um Berücksichtigung der Volkswünsche zu bitten?

Als sie spät nachts voneinander schieden, hatten sie die Welt aus dem Chaos neu erschaffen, daß sie blank und funkelnd dastand wie am ersten Schöpfungstage, nur weit vollkommener noch und tadelloser. In der nächtlichen Straße vor dem Kneiplokal verabschiedete sich Fred von Mießrigel und drückte ihm kräftig die Hand.

»Du hast uns alle mitgerissen, daß die Gegensätze schwanden und nur ein Gedanke in allen Herzen war! Was für ein glücklicher Zufall, daß wir hier zusammentrafen, Studenten und Proletarier!«

»Hältst du es für einen Zufall?«

»Du konntest doch von unserer geheimen Studentenbesprechung nichts wissen?«

»So? Konnte ich davon nichts wissen? Du scheinst den Sedlnitzky und seine Leute ein bißchen zu unterschätzen, lieber Freund! Merk es dir bloß: Wir wissen alles! Auch daß ich dich hier finden würde, wußt' ich genau. Wenn ich dir raten darf, ahnungsloser Engel du, so rat' ich dir: Seid ein bißchen vorsichtiger! Es hätte euch schlimm ergehen können heute, wenn ein anderer gekommen wäre als ich!«

Das Wort ging Fred nach, als er durch die finstern Gassen heimkehrte, und neuerdings nisteten Zweifel sich in seiner Brust ein, ob man einem Menschen wie Mießrigel trauen dürfe, oder ob er vielleicht nur eine kühne Rolle spiele, um desto erfolgreicher zu spionieren.

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