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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090714
projectid17fc2956
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Poldi wurde die Befürchtung nicht los, daß sein Vater sich zu viel zumute und nicht genügend schone. Er sei doch schon einmal krank gewesen, wie leicht komme dergleichen wieder! Man müsse ihn entlasten, daß er nicht so viel im Kontor zu sitzen brauche und sich während der guten Jahreszeit ausgiebige Erholung im Himmelhaus gönnen könne. Ohnedies plage er sich zu viel mit dem Studieren politischer Schriften, mit Besprechungen und Versammlungen im Gewerbeverein und im Leseverein. Das war eine ständige Sorge für Poldi. Er hatte es abgelehnt, sich am Polytechnikum auszubilden. Von der Pike auf wollte er sich heraufdienen und sein Handwerk in den kleinen Finger bekommen, indem er wie ein Lehrling gleich praktisch mit angriff.

Darum fing er damit an, den Weberbaum vorzurichten und die Kettfäden einzuziehen. Der Weber Priesching, der noch mit dem Großvater Leodolter in die Normalschule gegangen war und seit urdenklichen Zeiten im Hinterhaus des »Goldenen Stucks« im Stuhle saß, war sein Lehrmeister. In der freien Zeit übte er sich an Blumen und Gräsern im Zeichnen. Und wenn er eine Form gewonnen hatte, die verwertbar schien, so ließ er sich die Mühe nicht verdrießen, sie in die Carta rigata zu setzen. Oft bis in die Nacht hinein saß er hinter seinem Tuschkasten und bemalte mit unermüdlichem Eifer die kleinen Quadrate, die den Verlauf der Kett- und Schlußfäden anzeigten. Nichts konnte ihn glücklicher machen, als wenn Petz unter einem Stoß mißlungener Entwürfe, die er ihm vorlegte, einen als brauchbar oder gar vortrefflich bezeichnete.

Durch diesen selbstgewählten praktischen Lehrgang, den er mit eiserner Strenge einhielt, hoffte er dem Vater in kürzester Zeit ein verwendbarer Helfer zu werden. Mit dem lieben Gott stand er jetzt auf dem besten Fuße. Der hatte eines Tages einen kräftigen Strich durch sämtliche Schuldforderungen gemacht, die in jenem kleinen, dickgeschwollenen Notizbüchlein auf sein Konto gebucht standen, und zu Poldi gesprochen: »Wofür hältst du mich eigentlich, wunderlicher Wurm? Suche mich nicht im Gebet, suche mich in der Arbeit, so wirst du mich finden!« Also suchte er ihn in der Arbeit, und fand ihn auch.

Der Muschir verzieh Poldi jetzt seine humanistische Vorbildung. Es gefiel ihm, daß er genau auf dieselbe Weise lernte, wie er es selbst gelernt hatte.

»Wenigstens hat er keinen Fuhm,«Dünkel. sagte er zu Julie, »und das ist schon etwas. In der Hinsicht macht die sogenannte Bildung meistens dumm. Es kann noch ein brauchbarer Fabrikant aus ihm werden. Der Chef wird freilich Görgi sein, das ist einmal so vorbestimmt, ich kann nichts daran ändern.«

»Sie werden sich miteinander vertragen,« versetzte Julie. »Poldi ist nicht nur ein tüchtiger und gewissenhafter, sondern auch ein herzensguter Mensch; Görgi hingegen kein eigener und keiner, der führen wird. Es ist sein Glück, wenn er einen an der Seite hat, der ihm wohlwill und ihn stützt.«

»Görgi ist ein Kind! Was willst du jetzt schon über ihn sagen?« brauste der Muschir auf.

»Das Kind ist der Vater des Mannes, heißt es. Er wird nicht werden wie du bist, das läßt sich jetzt schon voraussehen. Es wechselt häufig so zwischen Vätern und Söhnen.«

»Verzärtelt ist er, weiter nichts,« sagte der Muschir unmutig und nahm sich vor, mehr Einfluß auf Görgis Erziehung zu nehmen. Aber es blieb beim Vorsatz. Wie die meisten tüchtigen Arbeitsmenschen war er alles andere eher als ein Erzieher.

Petz ließ Poldi gewähren, war aber im Grunde nicht ganz einverstanden mit der Art, wie er es anpackte. Aus dem Kleinen heraus, meinte er, würde sich ein Überblick über das Große nicht leicht gewinnen lassen, und ein moderner Fabriksherr, wie die Zeit ihn fordere, brauche sich mit dem rein Handwerksmäßigen nicht aufzuhalten; das Aufbäumen der Kette würden ihm schon seine Arbeiter besorgen. So wie Fred es machte, das gefiel ihm. Der verlor sich nicht im Engen und strebte nach der Höhe. Dem Weitausschauenden und Beherrschenden gehörte die Zukunft, und nicht bloß darauf kam es an, ein bestimmtes Metier zu erlernen; ein junger Mann sollte auch Einblick gewinnen in das Räderwerk des wirtschaftlichen Betriebs und in das Spiel der politischen Kräfte, wo um Macht und Einfluß gerungen wurde. Darum begünstigte er Freds Anschluß an die politischen Kreise, die sich innerhalb der Studentenschaft gebildet hatten.

Indessen benützte Fred, da ein unmittelbarer Anlaß zur Tätigkeit nicht drängte, die Vollblüte dieses Sommers dazu, eine jener lyrischen Epochen in sich durchzuleben, wie sie leicht empfänglichen und von äußeren Sorgen freien Jünglingen nicht immer erspart bleiben. So ferne die Schwermut seinem Wesen sonst lag, so schwelgte er jetzt in der süßen, melancholischen Liebesmelodik Nikolaus Lenaus, deren Seufzer noch vom Atem des Lebens geschwellt schienen; denn der unglückliche Dichter hatte, in Döbling hoffnungslos hinsiechend, sein düsteres Schicksal noch nicht vollendet. Es ist wahrscheinlich, daß Fred in dieser Zeit selbst Verse schrieb, aber auf die Nachwelt sind sie nicht gekommen. Das wäre schade, wenn es richtig wäre, daß der Wert poetischer Erzeugnisse ausschließlich von der Echtheit des Empfindens abhänge. Denn wäre es der Fall, so hätten Freds elegische Liebesgedichte denen Lenaus kaum nachgestanden; so innig fühlte er, so echt war sein Feuer. Der erwachte Ungestüm des jugendlichen Blutes ersetzte die Prosodie. Möglich, daß das Mädchenbild, um das die zauberhaften Märchenblumen seiner ersten Liebe sich rantten, nur zufällig Anna hieß. Aber die Verblendung der Leidenschaft stempelte den Zufall zur Notwendigkeit.

Und es kamen die lauen Abende im Garten des Himmelhauses, wo die Sterne funkelten wie nie zuvor und die Frösche röchelten wie einst, da er ein Knabe gewesen. Da lockten ihn die majestätischen Finsternisse des Parkes, die jenseits des Mühlbaches schlummerten. Da lockte ihn der Schein eines hellen Kleides, das er durch die Dunkelheit hatte huschen sehen. Und er eilte die Gartenpfade hinauf und schlich den Feldweg entlang, der gegen die Mühle führte. Am Wirtschaftshof und am stattlichen Schloßgebäude vorüber stahl er sich in den herrschaftlichen Park und lauschte in den finster rauschenden Schatten der Baumriesen. Einem breiten Kiesweg folgend, den bleiche Gestalten auf steinernen Sockeln beiderseits bewachten, glaubte er Schritte hinter sich vernommen zu haben und hielt still. Hinter einem Baumstamm vortauchend, näherte sich die Gestalt eines Mannes, der ihn insgeheim begleitet zu haben schien. Er winkte ihm und forderte ihn auf, ihm zu folgen. Das Abenteuer war zu spannend, als daß Fred es über sich gebracht hätte, zurückzubleiben.

Der Unbekannte eilte voraus, nach einer kurzen Strecke bogen sie in die dichtverwachsene Allee gegen die Teiche. »Sie sollen etwas Rares sehen!« flüsterte der Fremde und schob ihn die Uferböschung hinauf. Und Fred erblickte, wie die Büsche sich teilten, auf dem dunklen Wasser einen Kahn, in dem zwei Menschen nebeneinander saßen, die sich umschlungen hielten. Wortlos, mit pochendem Herzen strengte er sein Auge an, die Finsternis zu durchdringen.

Es war, als schwebte der Kahn über einem tiefen Abgrund, so schwarz und unbewegt lag das Wasser. Und die helle und die dunkle Gestalt, die sich darin befanden, schienen Zeit und Raum zu vergessen, lautlos in einander versunken.

Freds Begleiter drängte sich an sein Ohr und träufte ihm Gift in die Seele. Wie es auf diesem Schlosse zugehe, wie jede Reinheit sich bedroht und jede Unschuld sich verfolgt sehe. Der Ärgste sei der Freiherr selbst, und der Apfel auch nicht weit vom Stamm gefallen. Und wenn einer etwas dagegen sage, so falle er in Ungnade, wie es ihm geschehen, und bleibe auf die Mildtätigkeit guter Menschen angewiesen. Aber er werde noch manches aufdecken, was er wisse!

Fred stieß den Menschen von sich und erkannte, wie er jetzt sein Gesicht gegen ihn kehrte, den entlassenen Jäger des Freiherrn, den er zufällig im Himmelhaus gesehen hatte, als jener sich dem Muschir vorstellte, um einen Dienstposten zu erlangen. Er gab ihm an Geld, was er bei sich trug, und wendete sich mit Abscheu von ihm: »Entfernen Sie sich!« Da glitt der Schurke die Wegböschung hinab und war verschwunden.

Jetzt plätscherte sachte ein Ruder, die kleinen Wellen des Teiches glucksten gegen das Ufer. Eine lichtere Spur hinter sich zurücklassend, zog der Nachen leise dahin. Irgend etwas Goldenes wie von einer militärischen Litze blitzte für einen Augenblick darin auf, im schwachen Schein des Sternenhimmels. Bleich und unbestimmt, wie ein ziehender Nebel, schwebte die hellere Gestalt neben der dunklen, die das Ruder führte, über dem schwarzen Abgrund. Und so näherte sich das Schemen langsam dem jenseitigen Ufer und entschwand unter überhängenden Bäumen ...

In dieser selben Nacht stieg Fred noch auf die Höhe zur Himmelswiese hinauf. An der Stelle, wo sie so oft mit Anna gesessen hatten, warf er sich auf die Erde und wühlte sein tränenüberströmtes Antlitz ins taufeuchte Gras.

Unter Stürmen der Leidenschaft und Verzweiflung übermannte ihn schließlich der Schlaf der Jugend, und es war dämmernder Morgen, als er erwachte. Da stieg über den gelben Kornfeldern jenseits des Marchfeldes die Sonne herauf und warf ihre ersten Strahlen über die ins Donaugelände gebettete Stadt. Und wie dereinst, an jenem Abend, da Fred noch ein Knabe gewesen, so stammte auf dem obersten Turmknauf von St. Stephan ein Licht auf und loderte gleich einer Fackel zum Himmel, wie das Notzeichen einer von Feinden bedrängten Stadt, die nach Befreiung schreit. Jetzt wußte er es besser als damals, daß nicht die Türkengefahr drohte und nicht die Franzosennot, jetzt kannte er den Feind, den es zu besiegen galt, und haßte ihn grimmiger als Halbmond und gallischen Hahn. Und wie damals breitete er weit seine Arme aus, als wollte er Stadt und Land da unten zu seinen Füßen in Liebe umfassen, und erneute den Schwur der Treue, daß es an ihm nicht fehlen sollte, wenn es einmal galt, und daß er seinen letzten Blutstropfen verspritzen würde für die Freiheit, wie er sie meinte, für die Erlösung des Volkes vom adligen und bureaukratischen übermute, für ein heiliges konstitutionelles Vaterland!

So schürte der Schmerz um Anna und der Haß, den er jetzt gegen den Leutnant Baron Auenwald nährte, die lodernden Flammen seines politischen Zornes.

*

Susann Leodolter saß in der Eschenlaube im Garten des Himmelhauses und häkelte an einer Spitze. Seit bald zwei Jahren häkelte sie daran. Und immer, wenn das fertige Stück eine bestimmte Länge erreicht hatte, trennte sie es wieder auf und fing von vorne an. Bethi war ihr einmal dahinter gekommen und hatte entsetzt die Hände zusammengeschlagen.

»Kind, was treibst du eigentlich? Bist du nicht recht bei Trost?«

»Es ist die Spitze zu meinem Brauthemd,« sagte sie. »Ich vertröste meine Freier damit. Sobald sie fertig ist, heirate ich den Karl Patruban, darauf hab' ich ihm mein Ehrenwort gegeben.«

An diesem Tage in der Eschenlaube war sie eben im Begriffe, die Häkelnadel wegzulegen und mit dem Wiederauftrennen der Spitze zu beginnen, als sich Schritte im Kiesweg herunter näherten. Ein breiter, stämmiger Mann vom Aussehen eines Proletariers stand vor ihr, einen großen Kalabreser Schlapphut auf dem Kopf, Gesicht und Kinn ausrasiert, um den Hals einen mächtigen Demokratenbart, den Hemdkragen umgeschlagen und durch eine rote Halsbinde zusammengehalten, deren Zipfel im Winde flatterten.

»Guten Tag, Fräulein Susann!« sagte er. »Sie erkennen mich wohl nicht, weil Sie mich so erstaunt ansehen? Ich bin nämlich der Mann von drüben, wissen Sie, und komme Sie zu fragen, ob Sie meine Frau werden wollen?«

»Herr Schina –? Herr Scheichenstuhl?« fragte sie bebend und tonlos.

»Ganz richtig, Ferdinand Scheichenstuhl & Cie. Diesmal in ganz persönlichen Angelegenheiten.«

»Woher kommen Sie so plötzlich?«

»Geradenwegs aus Brasilien. Aber plötzlich garnicht! Es war eine ziemlich langwierige Fahrt. Meine Ungeduld, Sie zu sehen, hat Schiff und Eisenbahn nicht beflügeln können. Da bin ich endlich, mein Wort einzulösen. Den Brief, den ich Ihnen vor ein paar Jahren schrieb, werden Sie erhalten haben. Sonach wissen Sie, worum es sich handelt. Ich bitte Sie, mir kurz und bündig zu sagen, ob Sie mir die Hand fürs Leben reichen wollen oder nicht?«

»Ihr Erscheinen überrascht mich. In der Geschwindigkeit werden Sie mir doch nicht zumuten, eine so weittragende Entscheidung zu treffen?«

»Ich denke, ich hätt' Ihnen Zeit genug gelassen, die Sache zu überlegen. Sie haben meinen Brief nicht beantwortet. Ich habe ein Recht zu erfahren, wie ich daran bin. Hinhalten laß' ich mich nicht, bei mir heißt es aut–aut. Ich frage Sie ein drittes und letztes Mal: Wollen Sie die Meine werden, oder wollen Sie nicht?«

»Ich will!« hauchte Susann.

»Dann kommen Sie mit mir,« sagte er befriedigt.

Er bot ihr den Arm und führte sie den Garten hinauf wie damals, da er sie aus Mießrigels Klauen befreit hatte. Indessen führte er sie nicht ins Haus, sondern ging daran vorbei, und Susann ging wie ein zahmes Lämmlein an seiner Seite hin, voll Bangigkeit und Seligkeit, halb ängstlich und halb beglückt. Sie traten auf die Straße hinaus, wo ein Wagen hielt, er half ihr hinein, die Pferde zogen an, sie fuhren davon.

Jetzt fing er ganz trätabel zu plaudern an und sagte, wie er sich nach ihr gesehnt habe, und wie er sich freue, daß sie sein Weib werden wolle. Aber die Häkelarbeit möge sie endlich fortlegen – denn die hatte sie im ersten Schrecken in der Hand behalten; das sei eine müßige Spielerei, die keinen Zweck habe. Und als sie zögerte und das Häkelzeug noch immer krampfhaft festhielt, löste er es sanft aus ihren Fingern.

»Sie werden sich die Nadel noch in die Hand stoßen,« sagte er besorgt und liebevoll. »Das kann ich unmöglich zugeben!« Und im nächsten Augenblick flog das ganze Zeug zum Wagen hinaus, Knäul, Spitze und Häkelnadel.

»Wohin fahren wir eigentlich?« fragte sie in einer Aufwallung von Angst.

»In die Roveranigasse. Unsere Wohnung ist schon eingerichtet und das Nest bereitet. Wir brauchen bloß einzuziehen.«

»Ich bin doch noch garnicht Ihre Frau!« wendete sie schüchtern ein, während ein angenehmer Schauer von freudigem Gruseln ihren Rücken überlief.

»Warum nicht, da Sie mir doch Ihr Jawort gaben!«

»Meine Angehörigen wissen nichts davon! Was wird der Muschir dazu sagen?«

»Sie sind doch kein kleines Mädchen mehr und sogar schon majorenn, was wollen Sie? Und da ich Sie liebe und Sie mich doch wohl auch ... oder nicht –?«

Sie nickte eifrig.

»Nun sehen Sie, somit wäre alles gut und in bester Ordnung. Wollen wir uns du sagen? Erlauben Sie, daß ich Sie küsse?«

Sie war mit allem einverstanden. Im Grunde fand sie es entzückend, daß sie so mir nichts dir nichts genommen wurde, so ohne weiteres gepflückt wie eine Blume. Da war einmal einer, der wußte, was er wollte!

»Es ist nur alles ein wenig ungewöhnlich,« meinte sie.

»Das nun freilich, aber ich bitte dich! Im Ganzen geht es ohnedies urlangweilig und gewöhnlich zu auf dieser Welt. Sollen wir auch noch dazu beitragen?«

Es war eigentlich ganz nach ihrem Sinn, was er sagte. So spannend, wie es jetzt kam, hätte sie sich ihre Verlobung in ihren schönsten Träumen nicht auszumalen gewußt. Aber jetzt, da das Unwahrscheinliche zur Wirklichkeit wurde, ließ ihr Mut sie fast im Stich.

»Die Verwandten werden sich skandalisieren. Schließlich ist es doch Gepflogenheit, daß man sie einlädt und ihnen vorerst einmal die Verlobung kundgibt.«

»Abcr Susannerl,« sagte er, sie wie ein kleines Mädchen am Kinn fassend; »daran wird dein Herz doch nicht hängen? Wenn wir einander gern haben, was brauchen wir die Madame Patruban dazu? Überhaupt der ganze Firlefanz, der drum und dran hängt, ist mir zuwider. Die Familiensimpelei, die Festreden und Toaste, das Getue, das gemacht wird, der Aufmarsch der Verwandtschaft, all diese Bourgeoissitten! Sieh, wie schlicht und schön ist das: du liebst mich, ich liebe dich, du bist ein Weib, ich bin ein Mann, wir nehmen uns, wie Gott uns geschaffen hat, und gehören einander fürs Leben, aus Neigung, aus freiem Willen. Wen geht das etwas an, außer uns beiden?«

Sie war schon halb gewonnen, da fuhren sie durch die Mariahilferlinie und kamen unter mehr Menschen. Es wurde ihr auf einmal bewußt, daß sie im einfachen Gartenkleid neben ihm saß, ohne Hut und Staat.

»Das ist alles schön und gut,« sagte sie. »Es ist etwas Freies darin, das mir gefällt; garnicht so langweilig wie sonst, wo immer eine Menge geredet werden muß. Aber wie seh' ich aus! So wie ich geh' und stehe, kann ich unmöglich bei dir einziehen und deine Frau werden! Ich muß doch auch eine Ausstattung mitbringen?«

Er lachte.

»Wenn es sonst nichts ist –! Die Ausstattung holen wir uns später heim, und das Notwendigste ist vorbereitet. Was du brauchst, um es auf dem Leib zu tragen, läßt sich leicht besorgen.«

Er blickte um sich. Sie fuhren an einem großen Modewarenhaus vorüber.

»Kutscher halten!«

Er stieg aus und wollte ihr aus dem Wagen helfen. Fröhlich sprang sie in seine Arme. Er stellte sie behutsam auf den Boden, Arm in Arm gingen sie in den Warenladen. Er kaufte ihr einen stattlichen Hut, eine gestickte Mantille und einen seidenen Sonnenschirm. Dann wählten sie miteinander ein paar neue Toiletten für sie aus. Und schließlich versorgte sie sich mit Leibwäsche, mit Spitzen und Bändern, Handschuhen, Strümpfen und allem, was man braucht. Einkaufen, ohne das Geld dabei anschauen zu müssen, das war von je ihre Passion gewesen.

Jetzt fühlte sie sich schon ganz anders, als sie wieder neben ihm im Wagen saß. Sie hielt seine Hand fest und drückte sie von Zeit zu Zeit. Ausgelassen froh war sie, daß sie hätte jubeln mögen, so heiter und frei, wie ihr das Leben vorkam. Aus der Neubaugasse durch die Wendelstadt bogen sie an St.6nbsp;Ulrich vorbei gegen die Roveranigasse hinunter. Wie sie aber die alte Kirche sah, erbleichte sie und erschrak.

»Um Gotteswillen, da fällt mirs ein: Wir sind doch vorerst nur verlobt miteinander? Eine Trauung muß doch auch stattfinden, eh' ich zu dir ziehen und deine Frau werden kann!«

»Es ist wahr,« lachte er; »man soll gar nicht glauben, was es alles zu bedenken gibt! Aber das wollen wir gleich im Vorbeigehen besorgen. Kutscher, halten!«

Sie stiegen abermals aus, traten in die Sakristei und fragten nach dem Herrn Pfarrer. Der saß gerade beim Essen und war ziemlich ungnädig, als er endlich zum Vorschein kam. Was zu wünschen stehe? Getraut wolle er werden, sagte Schinackel, und zwar sofort. Der Pfarrer erklärte, dies sei ein Ding der Unmöglichkeit, erst müsse er die Papiere sehen, dann ein dreimaliges Aufgebot vornehmen und dann erst könne in Anwesenheit beglaubigter Zeugen die Trauung stattfinden. Schinackel wurde ungeduldig.

»Was dieses Europa für eine rückständige Halbinsel ist! Ich glaube, es erstickt noch einmal in Formenkram und Akten!«

Susann hatte Manzonis » Promessi sposi« gelesen und wollte Nutzen aus dem Falle ziehen.

»Wir erklären einfach, die Ehe miteinander einzugehen, das bleibt die Hauptsache. Die Formalitäten können später erledigt werden.«

»Ja, das erklären wir!« sagte Schinackel.

»Ja, das erkläre ich!« sagte Susann.

»Halten Sie ein!« rief der Pfarrer und hielt sich die Ohren zu. »Ich habe nichts gehört, ich will nichts gehört haben! Es gibt keine giltige Trauung mit passiver Assistenz! Sie erklären, die Ehe miteinander einzugehen? Ich erkläre, nichts gehört zu haben! Bevor Sie die gesetzlichen Vorschriften nicht erfüllen, kann ich Sie nicht ins Kirchenbuch eintragen.«

Es lag aber Schinackel und Susann wenig daran, ob sie ins Kirchenbuch eingetragen wurden, oder nicht. Wenn sie nur Mann und Frau waren, und dafür hielten sie sich jetzt. Den Pfarrer beruhigten sie, indem sie ihm die Versicherung gaben, es würde alles ordnungsgemäß erledigt werden. Ihre Papiere würden sie ihm schleunigst senden, er möge nur gleich mit dem Aufbieten anfangen. Schließlich legte Schinackel noch einen ansehnlichen Geldbetrag für die Armen der Pfarrgemeinde auf den Tisch. Der Pfarrer, der im Grunde ein gutmütiger Mann war, dankte und bemerkte lächelnd, einem demokratischen Amerikaner müsse man schon etwas nachsehen, und wenn die Papiere in Ordnung befunden würden, wie er hoffe, so solle es an ihm nicht fehlen, Aufgebot und Trauung zu beschleunigen.

»Wir würden nicht gar so pressieren. Hochwürden,« sagte Susann fromm, »wenn wir nicht seit Jahren durch einen ganzen Ozean von einander getrennt gewesen wären.«

»Liebesleut', Liebesleut'! Sind alle gleich!« sagte er wohlwollend und gab ihr einen väterlichen Backenstreich.

Sie empfahlen sich. Schinackel bot Susann den Arm. »Kommen Sie, Madame Scheichenstuhl!«

»Brav sein, brav sein!« rief ihnen der Pfarrer nach. »Und für alle Fälle vor der Trauung schön beichten, das bitt' ich mir aus!«

Als sie in der Roveranigasse ankamen, führte er sie in die behaglich eingerichtete Wohnung, in die auch das kleine Hofzimmer einbezogen war, wo er als Junggeselle und Stundenlehrer gewohnt hatte. Aus dem einzigen Fenster sah man auf den Hof hinaus, der früher seine Welt gewesen war, mit seinen Feuermauern, Dächern und Schornsteinen und dem kleinen Endchen Himmel darüber, wo die Wolken zogen, die in die Ferne lockten. Da wurde er empfindsam und sagte, seinen Blick in ihre blauen Augen versenkend: »Mein Himmel da droben war oft bewölkt und trübe, jetzt hab' ich einen andern, der soll immer heiter und sonnig sein, das wünsch' ich und hoff' ich! Was ich dazu tun kann, das will ich tun!«

Sie war dankbar und ergriffen.

»In meinem Tagebuch steht, du seist ein grauslicher Mensch. Jetzt seh' ich es erst: Du bist doch ein guter Kerl!«

»Mein Gott, beim Seifensieden verlernt man es, Worte zu machen. Aber das kannst du mir glauben: Wahrhaft lieb hab' ich dich!«

So glückselig war sie in ihrem Leben nicht gewesen.

Auf dem Tisch lag schon ein Stoß schön lithographierter Vermählungsanzeigen bereit. Vergnügt setzten sie sich hin, falteten die Blätter, klebten Oblaten darauf und versahen sie mit Adressen. Noch an demselben Tage schickten sie die Anzeigen an alle Freunde und Verwandten aus, an die nächsten Angehörigen sogar durch Eilboten.

»So etwas kann auch nur wieder der Susann einfallen!« sagte der Muschir ungehalten, als er die Nachricht erhielt. Und alle Leodoltergeschwister waren eine Zeitlang besorgt um sie. Bloß Michella, die Schinackeln die Seifensendung aus Brasilien nicht vergaß, sah keine Gefahr. Denn ein Seifenfabrikant sei schon von vornherein ein Kulturmensch, und Herr Scheichenstuhl im besondern, wenn auch vielleicht etwas wunderlich, sicher ein außerordentlicher Mann. Daran könne niemand zweifeln, der es wisse, wie er allmählich seine Vorurteile abgelegt und sich von einem verwahrlosten Stundenlehrer zu einem Förderer und Verbreiter der Zivilisation im fernen Westen emporgeschwungen habe.

Die Bedenken, die bestanden hatten, zerstreuten sich rasch, als das neuvermählte Paar bei den nächsten Angehörigen Besuch machte und Herr Schinackel sich als ein Mann von Haltung und Weltblick, als tadelloser Charakter und als sehr wohlhabend erwies. Und nachdem einige Wochen später in aller Stille die kirchliche Trauung stattgefunden hatte, waren alle froh, Susannen, der man schon prophezeien zu müssen glaubte, daß sie den Stephansturm reibenIm Wiener Volksmunde Bezeichnung für Altjungferntum. würde, so unerwartet glücklich vermählt und glänzend versorgt zu wissen. Nur Madame Patruban, die die Hand Susannens ihrem Karl zugedacht hatte, ließ sich durch die allerdings etwas verspätete Trauung nicht versöhnen und behauptete, mit den Scheichenstuhls könne man gesellschaftlich nicht verkehren, die seien nicht » comme il faut«.

Ein äußerst liebenswürdiges Verhältnis entwickelte sich bald zwischen Ohm Schinackel und seinen ehemaligen Schülern. Für Poldi, der sich mehr und mehr in die Geschäfte einlebte und in aller Stille manche Agende übernahm, die sonst liegen geblieben wäre, wurde er ein treuer und erfahrener Berater, der in kommerziellen Dingen gut Bescheid wußte. Gewissermaßen war er ja nunmehr auch Teilhaber der Firma, da Susannens Vermögensanteil in der Fabrik steckte und es dem Muschir im gegenwärtigen Zeitpunkt einige Verlegenheit bereitet hätte, hätte er sie auszahlen müssen. Mit Fred fand er politische Berührungspunkte und half ihm die freiheitliche Bewegung schüren. Daß vom Volk alles Heil ausgehen würde, wie Fred glaubte, war freilich seine Ansicht nicht. Im ganzen besaß er wenig Respekt vor dem Volke und noch weniger vor der Volkssouveränität. Aber trotzdem sollten nach seiner Meinung die Persönlichkeiten und die Einzelnen, auf die es ankomme, aus dem Volk hervorgehen und nicht bureaukratisch gekürt werden.

»Dazu sind eben die unzähligen Dummen, Schlappen und Zufriedenen da,« sagte er, »daß sie ein paar Gescheiten, Aufgeweckten und Unzufriedenen emporhelfen.«

»Im Grunde bist du ein Aristokrat, Ohm Schinackel,« meinte dann Fred. »Eine wahre Freiheit kann es doch nicht geben ohne Gleichheit und Brüderlichkeit?«

»Die wahre Freiheit der Völker,« sagte Schinackel, »besteht darin, daß Kraft, Schönheit und Sehnsucht ungehindert hinaufkommen können. Die Agave schießt auch einen langen Stengel heraus und ganz oben steht dann die Blüte. Das Grün- und Krautzeug darunter ist gemein, aber es muß doch da sein, damit es oben eine Blüte treiben kann. Und die Blüte muß aus dem gemeinen Grün- und Krautzeug hervorwachsen und nicht künstlich aufgebunden sein, sonst hätte sie keine Nahrung und müßte welken. So gehören sie innig zueinander und brauchen sich gegenseitig. Und geradeso müssen die, auf die es ankommt, aus dem gewöhnlichen Kraut da unten herauswachsen. Mit dem Kraut allein aber, wenn wir es immer gleich und brüderlich zustutzen wollten, brächten wir es eben zu keiner Blüte.«

*

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