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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 17
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
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Schon seit zwei oder drei Jahren konnte jeder, der wollte, Mießrigeln Unheil krächzen und eine nahe bevorstehende Katastrophe verkünden hören. Die Fülle der Zeit sei gekommen, die Menschen hätten kein Geld mehr, das sei noch überall der Anfang vom Ende gewesen, die Geschichte aller Zeiten und Völker lehre es.

»Denn wo das Geld ausgeht,« sagte er, »da fangen die Ideale an, und die sind immer das gefährlichste.«

In der Tat war die Teuerung in Stadt und Land eine entsetzliche. Die Geschäfte wollten nicht mehr gehen, das Heer der Arbeitslosen wuchs in beängstigender Weise. Herr Patruban, der nicht bloß Taftfabrikant, sondern auch mehrfacher Hausherr war, klagte über rückständige Zinse.

»Das ist auch einer von den Hausgeiern, die uns bewuchern,« sagte Mießrigel, der in einem seiner Häuser wohnte und schon das dritte Quartal den Zins schuldig blieb.

»Es muß alles anders werden,« tröstete Fred, der kürzlich mit Mießrigel näher bekannt geworden war. Er ging jetzt aufs Polytechnikum, um etwas von der Mechanik der Webstühle zu lernen. Bei einer geheimen Burschenbesprechung im Medizinerviertel hatten sie sich einander genähert und sogar Smollis getrunken. Denn Mießrigel, der für reichsdeutsche Zeitungen korrespondierte, wußte sich zu den intimsten Konventikeln Zutritt zu verschaffen, und Fred, dem der erste goldige Bartflaun an den Wangen glänzte, fühlte sich als Student und hatte Neigung zum Politischen. Er gehörte zu den jungen Leuten, die so viel edlen Willen in sich fühlen, daß sie meinen, mit ihnen hebe die Weltgeschichte an.

»Im Proletariate gärt es,« sagte er; »von unten herauf muß die Erlösung kommen.«

»Von den Juden wird sie kommen,« sagte Mießrigel; »das ist schon einmal das Volk der Erlöser.«

Verwundert blickte Fred auf.

»Nicht von Mosch-Eskeles und seinesgleichen; aber vom Proletariat der Intelligenz,« erklärte Mießrigel. »Dort stecken die Maulwürfe, die die Wühlarbeit leisten. Da ist ein gewisser Leb Pinkas, ein Mauschel wie er im Buch steht. Sein Großvater, Schabsel genannt, war ein jüdischer Hausierer, den die Leute auf dem Schottenfelde mit Füßen traten. Der Enkel hat sich den Studien zugewendet. Was willst du? Die Staatsämter sind ihm durch das Gesetz und viele andere Berufe durch Herkommen verschlossen. So fristet er als kleiner Advokaturschreiber ein elendes, von Haß und Rachsucht erfülltes Dasein. Der stachelt und schürt unter den brotlosen Arbeitern, als ob er dafür bezahlt würde. Und solcher freiwilliger Agitatoren gibt es viele. Was haben diese Existenzen von einer gründlichen Umwälzung zu fürchten? Nichts! Was haben sie davon zu hoffen? Alles! Die nicht kleine Advokaturschreiber sind, sind obskure Tagesschriftsteller, meine Herren Kollegen. Schmutzkonkurrenz, natürlich! Mir kann es gleich sein, ich bin nebenher auch k. k. Staatsbeamter. Die kleinen Beamten nagen zwar geradeso am Hungertuch in diesen bösen Zeiten wie die kleinen Zeilenschinder, doch hab' ich es immerhin noch besser als die andern, weil ich an zwei Hungertüchern zugleich nage. Auch hier geben zwei Verneinungen eine Bejahung, und wenn man in mehreren verschiedenen Anstellungen hungert, so wird man schließlich doch halbwegs satt dabei.«

»Daß du es mit deiner Gesinnung vereinbarlich findest, bei der Zensurhofstelle zu dienen?«

»Der kaiserliche Adler öffnet manche Tür und verschafft mir Informationen, die ich sonst entbehren müßte.«

»Darin liegt aber doch eine gewisse ... «

»Unaufrichtigkeit, möchtest du sagen? Du lieber Gott, es gibt in den höchsten Stellen Beamte, die fortschrittlich gesinnt sind und doch vor dem Metternich ergebenst dienern! So lange er eben den goldgestickten Frack noch trägt. Wem sind die Hände nicht gebunden auf dieser besten aller Welten? Wer ist wahrhaft frei?«

»Der Bursch!« sagte Fred und reckte mit heiterem Kraftbewußtsein die jugendlich schlanken Glieder.

Das siebenundvierzigste Jahr des Jahrhunderts setzte mit einem überaus strengen Winter ein, aus den Provinzen wurden Hungersnöte gemeldet. Aber nur von Mund zu Mund ging die böse Kunde, und mancher getraute sich nicht, sie anders als flüsternd weiterzuerzählen.

»Es ist, als ob unsere Zeitungen auf dem Mond erschienen,« sagte Petz unmutig. »Kein Sterbenswort wissen sie von der Not zu berichten, die das Land erschüttert.«

Im Lesezimmer des juridisch-politischen Vereins sitzend, warf er ärgerlich den »Österreichischen Beobachter« auf den Tisch. Mosch-Eskeles, der neben ihm saß, blätterte zerstreut in Bäuerles »Theaterzeitung«.

»Wo sollen die Zeitungen den Platz hernehmen?« sagte er, während ein ironisches Lächeln um seine seinen glattgeschabten Lippen spielte. »Müssen sie doch ganze Spalten über die Sängerinnen schreiben, die gastieren am Kärntnertor oder Triumphe feiern an der Wien! Und der Fasching mit seinen Elitefesten und Redouten hält nicht nur die feine Gesellschaft in Atem, er hält auch in Atem die Zeitungsschreiber. Es wäre kein gutes Geschäft, wenn sie ihren Abonnenten die Laune verderben wollten. Wer liest gerne von Elend und Not und zahlt noch außerdem 24 Kreuzer Konventionsmünze für das Blatt?«

»Du hast recht, Mosch! Und wenn eine Zeitung selbstlos und gewissenhaft genug wäre, den Finger an die Wunde zu legen, aus der unser Staatswesen zu verbluten droht, es würde nichts nützen, wir bekämen das Blatt nie zu sehen. Untertanen, denen es nicht gut geht, darf es ein für allemal nicht geben in Österreich, die Zensur erlaubt es nicht.«

»Und doch,« sagte Mosch Eskeles ernst, »ist nirgends die Not größer als gerade in Wien, unmittelbar unter den Augen der Regierung.«

Der alte Herr Beywald war zu ihnen getreten, der zu den Vorkämpfern der fortschrittlichen Bürgerpartei zählte.

»Den Vogel Strauß sollte Österreich im Wappen führen,« sagte er beißend; »weil die Regierung es ihm so schön abgeguckt hat, wie man am einfachsten aus der Welt schafft, was einem unbequem ist.«

Prinz Schöps, der Seidenmakler, zu dessen Beruf es gehörte, die Kunden, bei denen er verkehrte, in heitere Laune zu versetzen, hatte das Wort irgendwie aufgefangen und prägte ein Bonmot daraus, das vom Schottenfeld durch die ganze Stadt flog. Welcher Vogel zwei Hälse besitze, aber keinen Kopf? Der Doppeladler! Weil er beide Köpfe in den Sand stecke.

Je unfähiger die Regierung sich erwies, dem allgemeinen Elend zu steuern, um so bereitwilliger war das Bürgertum, dem Rufe zu folgen, den eine neue Zeit an es ergehen ließ. Jetzt oder nie war der Augenblick gekommen, wo es beweisen konnte, daß es den sozialen Forderungen des Jahrhunderts Verständnis entgegenbrachte. Und es setzte seinen Ehrgeiz darein, ohne die goldgestickten Fräcke fertig zu werden. Im Gewerbeverein und im juridisch-politischen Leseverein gab es ein emsiges Zusammenstecken der Köpfe in Versammlungen und Besprechungen. Petz und Herr Beywald sen. gehörten nicht nur zu den eifrigsten Besuchern, sondern auch zu den maßgebenden Persönlichkeiten. Man fragte sie um ihre Meinung, man hörte auf ihren Rat. Aber auch den Muschir und Edi, den jüngeren Beywald, sogar Herrn Patruban spülte die Woge der Zeit manchmal mitten ins erwachende Vereinsleben, daß sie sich auf einmal vor politische oder wirtschaftsreformerische Fragen gestellt sahen.

Mit mehreren Gesinnungsgenossen und unter Beihilfe einiger liberaler Landstände, zu denen auch Baron Auenwald gehörte, hatte Herr Beywald sen. und Petz Leodolter die Begründung eines allgemeinen Hilfsvereines angeregt, der sich die Aufgabe stellte, Rumfortersuppe gegen geringes Geld oder Freimarken an die Darbenden zu verteilen. Mosch-Eskeles, der ansehnlich wohlhabend war und insgeheim sein halbes Einkommen gemeinnützigen Zwecken opferte, hatte reichlich Geld zur Verfügung gestellt, und Bethi Leodolter trotz ihrer Gebrechlichkeit in der Damenwelt ein reges Interesse für dieses wohltätige Unternehmen wachzurufen gewußt. Unter übertriebenem Aufwand an großen Worten und mit gewissenhafter Einhaltung der parlamentarischen Formen wurde die Beratung der Statuten eingeleitet. Man fühlte sich als eine Art Wohlfahrtsausschuß und tat sich an dem Vorgeschmack von Konstitutionalismus gütlich, den die Sitzungen gewährten, Das paßte Petz wenig in den Kram. Politisches Formendreschen war ihm leidig; Resultate wollte er sehen.

»Bringt das die keimende Freiheit mit sich, diese Lust am Worte? Heißt Freisein Reden halten? Und was für Reden! Unendlich viel Wasser und blutwenig Fleisch, ganz wie die Rumforter Suppe selbst. Wann werden wir zu einem Ende kommen?«

»Dem Ochsen, der da drischt, sollst du das Maul nicht verbinden,« versetzte Mosch-Eskeles.

Der alte Herr Beywald beklagte sich darüber, daß es Teilnehmer gebe, denen es mehr darum zu tun sei, die Behörden zu ärgern, als darum, den Notleidenden zu helfen.

»Es sind halt doch nur Extremitäten,« meinte der Muschir. »Dieses ganze Vereinswesen, dieses Regieren von unten, dieses Getue und Gemache! Muß es nicht schließlich immer einen Unterschied geben zwischen Regierung und Regierten, so wie es Fabrikanten geben muß und Fabrikarbeiter? Bleibe jeder bei seinem Metier! Was pfuscht ihr der Behörde ins Handwerk?«

Wirklich sahen es die Behörden mit schelen Augen, wie zu dem sonst so löblichen Zweck, Bettelsuppe zu verabreichen, ein hitziges kleines Winkelparlamentchen sich konstituierte, das ganz ungeniert politische Angelegenheiten in Beratung zog. Am liebsten hätte man die ganze Bewegung unterdrückt, wäre es irgend angegangen, einer Veranstaltung der öffentlichen Mildtätigkeit in den Arm zu fallen.

Endlich waren, weniger durch das viele Reden als trotz desselben, die Dinge doch so weit gediehen, daß beim »Blauen Herrgott« auf dem Michelbeurischen Grunde mit der Verteilung der Suppenportionen begonnen werden konnte. Petz hatte sich dazu eingefunden und sah, wie Hunderte von halbverhungerten Menschen sich um die Suppenquelle drängten. Ein Gefühl von Befriedigung überkam ihn. Wenig zwar, aber doch immerhin etwas, meinte er, sei an zeitgemäßer sozialer Fürsorge hier zum ersten Male in bescheidenen Anfangen verwirklicht.

Während er durch die Reihen der Armen ging, die ausgespeist wurden, fiel im ein alter Mann auf, der sich aus einem Prellstein niedergelassen hatte und begierig aus dem mitgebrachten Topfe löffelte. Seine Erinnerung durchforschend, gedachte er jenes alten Webers, den der Muschir vor Jahren wegen Widersetzlichkeit entlassen, und für den Bethi sich damals verwendet hatte. Aber mit voller Sicherheit erkannte er ihn nicht, so verkommen und zerlumpt wie der Mensch aussah.

Ob er der Götsch Lebold sei? fragte er, auf ihn zutretend.

Der war er; aber seinen ehemaligen Fabriksherrn erkannte er nicht wieder und glotzte nur verständnislos, als Petz seinen Namen nannte. Alter und Not schienen den Verstand des Mannes abgestumpft, wo nicht gänzlich zermürbt zu haben. Auf Petzens Fragen über die näheren Umstände seines Lebens gab er nur undeutliche und verworrene Auskunft, sofern er die Antwort nicht überhaupt schuldig blieb. Und als Petz schließlich seine Brieftasche hervorzog und ihm ein nicht unbedeutendes Geldgeschenk reichte, schob er es ohne ein Wort des Dankes in die Hosentasche und langte wieder nach dem Löffel, um seine Mahlzeit fortzusetzen.

Ein stämmiger junger Mensch trat hinzu, der Petz mit einem wenig respektvollen Blicke maß und den Alten in die Seite stieß: »Das hätten Sie nicht nehmen sollen, Großvater, das Sündengeld! Gleich geben Sie es wieder her!«

Aber der Alte wehrte sich und hielt seine Tasche zu. Petz, der nichts gehört haben wollte, sagte noch zu ihm: »Wenn Sie wieder etwas benötigen, so kommen Sie in das Leobolterische Geschäft am Platzel. Sie haben viele Jahre bei uns gearbeitet und sollen in ihren alten Tagen keine Not leiden.«

»Wir brauchen nichts geschenkt, wir werden uns schon selber helfen,« sagte der junge Mensch, indem er die Hände in die Hosentaschen versenkte und sich vor seinem Großvater aufpflanzte. Es war Schani, der ehemalige Latzenzieherbub, an den Petz sich noch gut erinnern konnte. Er streifte ihn mit einem bekümmerten Blick und wendete sich ab. Nichts tat ihm weher als solch ein rohes Wort. Er war empfindlich wie alle Menschen von guten Absichten, die sich ihr Weltbild mehr nach ihrem Herzen als nach der Wirklichkeit aufbauen.

Im Weggehen hörte er noch, wie der Schani Drohungen hinter ihm ausstieß und die armen Leute aufwiegelte, die ringsum mit ihren Suppenportionen saßen. Das sei auch einer von den Blutsaugern, die jetzt andere Saiten aufzögen, weil sie anfingen, sich zu fürchten. Aber die Proletarier würden es ihnen schon zeigen, mit dem Gesüff, das ein TrankSchweinefutter sei und keine Suppe, würden sie sich nicht abspeisen lassen!

»Denn in Wahrheit ist es doch nur auf ein Geschäft abgesehen, wie bei allem, was die reichen Leute tun! Das Fleisch essen sie selbst, für uns aber soll ein Absud von Zeller und Puri gut genug sein, in die Haut hinein! Und kostet auch noch einen Groschen die Portion – als ob ein Häferl Abwaschwasser einen Groschen wert wäre! Man muß sie nur kennen, diese Leutschinder, diese Hungerwucherer, diese Menschenausbeuter!«

Am Ausgang traf Petz mit Mießrigel zusammen, der als Berichterstatter da war für irgendein reichsdeutsches Blatt, dem er insgeheim Korrespondenzen aus Öfterreich lieferte.

»Das nenn' ich einmal eine Aktion!« sagte dieser, den Mund voll nehmend. »Die Regierung könnte sich ein Beispiel nehmen, wenn sie wollte, das Komitee hat sie beschämt und in den Schatten gestellt. Eine echt demokratische Veranstaltung: Für das Volk, durch das Volk!«

Aber Petz war kleinlaut geworden und ernüchtert. Die undankbaren Worte Götsch Schanis hatten ihn hart betroffen. Beschämt empfand er es, wie schwer der Wohlstand sich hineinzudenken vermag in die Bitterteit und den Haß des Elends.

»Vielleicht wird man es überhaupt ganz anders machen in Zukunft. Eigentlich ist Wohltätigkeit nur ein Notbehelf, keine gesunde soziale Fürsorge. Sie befriedigt höchstens den gebenden Teil. Man muß die Menschen in den Stand setzen, sich selbst zu helfen, besser noch, gar keiner Hilfe zu bedürfen, Die ganze Gesellschaft muß umgebaut werden, wenn wir vorwärts kommen wollen. Die wahre Freiheit werden wir erst erlangen, wenn es keine Wohltätigkeit mehr gibt, mehr geben kann, mehr zu geben braucht. Alle müssen frei und unabhängig werden, alle Stände voneinander, alle Menschen voneinander.«

»Das ist ja die soziale Revolution, was Sie da predigen, Herr von Leodolter?«

»Ein Freund des Umsturzes bin ich nicht, aber ein Freund der Entwicklung und des Fortschritts.«

»Der Fortschritt tritt alleweil irgendwem auf die Hühneraugen,« sagte Mießrigel, »und das ist den wenigsten angenehm; darum gibt es keinen Fortschritt ohne Umsturz. Worin besteht die Freiheit? Darin, daß die andern sie nicht haben. Geben sie den Schafen die Freiheit, so wird der Schäfer ihr Knecht. Verleihen sie den Proletariern Bürgerrechte, so drücken sie die Bürger zu Proletariern herunter, machen sie die Völker frei, so werden die Könige zu Dienern.«

»Es sollen auch die Herren sich als Diener fühlen!« versetzte Petz lebhaft, »Nicht daß wir über andere gesetzt sind, darf unser Bewußtsein beherrschen. Als Gleiche unter Gleichen dienen wir einer gemeinsamen Sache, dienen wir der Zukunft und der Menschheit, dienen wir Gott!«

»Vorderhand dienen wir dem Sedlnitzky und dem Metternich,« bemerkte Mießrigel trocken. »Und die wiederum dienen den jüdischen Bankiers, die ihnen das Geld geben zum Weiterwursteln. Aber es wird bald aus sein mit der Herrlichkeit, schätz' ich. Denn das Geld wird rarer, und dem Metternich selbst fangen schon an die Grausbirnen aufzusteigen. Wer weiß, ob er nicht eines schönen Tages freiwillig die Zügel der Regierungsgewalt aus der Hand legt und mit aufgehobenen Händen bittet: Liebes Volk, ich trau' mich keine Schulden mehr zu machen, sei um Gotteswillen so gut und mach' sie selber!«

»Das eine ist sicher: der alte Polizeistaat kracht in allen Fugen. Die Ideale der Zeit werden siegreich bleiben.«

»Die Ideale der Zeit sind arme Hascherln wie alle Ideale. Märchenkinder, die keine Kleider anhaben, sich im Wald verstecken, wo er am grünsten ist, und sich in ihre schönen, langen goldenen Haare einhuscherln, damit sie nicht erfrieren. Die Ideale der Zeit werden es nicht richten, aber das, was hinter ihnen steht: die Not, die sie geboren hat. Der Kredit fängt an schäbig zu werden, und der Staatsbankrott steht am Horizont wie ein Komet mit einem langen Schwanz von Verlegenheiten. Der Staatsbankrott wird den Staat retten, der Staatsbankrott ist der wahre Vater des Vaterlands!«

Petz lächelte und schüttelte den Kopf über solche Kapriolen, die ihm nicht ganz ernstgemeint erschienen. Sie schieden voneinander. Trübselig trottete Mießrigel durch die langen Gassen gegen die innere Stadt, um das Bureau der Zensurhofstelle zu erreichen. Er brauchte immer jemanden, der seinen Witz aufpulverte; für sich allein blieb er stumpf. Es fehlte ihm etwas, er wußte nicht was; aber er spürte die Leere an einer bestimmten Stelle, wo etwas hätte sein sollen, das nicht war, ein Ding vielleicht wie das Herzblatt des Keims. Mit der Überzeugung stand es windig nach wie vor; jedes Ding hatte zwei Seiten, und ihm war die unselige Gabe verliehen, beide Seiten zugleich zu sehen. Allerhand Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Ob der Metternich stürzte oder nicht, es war gehupft wie gesprungen. Sein Ämtlein freilich verlor er, wenn die Zensur abgeschafft wurde – was tat es? Dann würde er eine Zeitung gründen, eine fortschrittliche natürlich – oder auch eine rückschrittliche, je nachdem. Beide Parteien hatten Recht, und beide Unrecht. Peccatur extra et intra muros ... Er seufzte. War es nicht eine Art Unglück, von Natur aus so gerecht veranlagt zu sein, daß man es zu keinem Parteistandpunkt bringen konnte? Fast einschichtig kam man sich dabei vor ...

Auf dem Glacis begegnete er Fred Leodolter; da erinnerte er sich, daß er beschlossen hatte, sich ihm zulieb mit Macht in die Partei der Konstitutionellen zu stürzen. Er fand es reizend, daß der wackere Junge, der mit seinem rosigen, von blondgewelltem Haar umschmeichelten Antlitz fast einem verkleideten Mädchen glich, von politischer Leidenschaft glühte. Und er stellte sich willig unter die Brause dieser sicheren jugendlichen Überzeugung, die ihn erfrischte, stärkte, fröhlich machte. So hatte der viel Jüngere Einfluß auf den bedeutend Älteren gewonnen; aber wenn er gerade nicht in der Nähe war, konnte es geschehen, daß Freds freiheitlicher Mesmerismus (wie Doktor Patzenhauer gesagt hätte) auf Mießrigel zu wirken aufhörte und dieser ganz unversehens in den starrsten Absolutismus umkippte und den beschränkten Untertanenverstand rundweg für das wahre Glück der Völler erklärte. Er freute sich und lebte förmlich auf, da er jetzt den jungen Freund erblickte.

»Stärke mich armen Sünder, Bruderherz! Laß belebende Frühlingsstürme über das Stoppelfeld meiner Seele brausen, mein Zorn braucht Futter, meine Galle ist eingetrocknet, und das einzige, was noch nicht völlig erstorben ist in mir, das ist das Zwerchfell. Leg los! Was gibt es für neue Gravamina gegen das verhaßte System?«

Fred ließ sich nicht lange bitten und erzählte. Sie gingen die Glacisallee miteinander auf und nieder. Eine Menge Neuigkeiten gab es, und auch Mießrigel wußte allerlei zu berichten, das auf bevorstehende Ereignisse deutete. Lebhaft tauschten sie ihre Meinungen, krempelten im Geiste die Welt um und waren ein Herz und eine Seele. Schon begann die Aula, von der Fred eben gekommen war, ihre Rolle zu spielen.

»Der Jenny Lind wollen sie eine Adresse schicken, die Backhähndel-Wiener, was sagst du dazu? Die Studentenschaft wird dagegen protestieren, in einer stürmischen Versammlung, der ich beiwohnte, haben wir es soeben beschlossen. Es ist nicht die Zeit, Sängerinnen zu ehren! Auch Anastasius Grün hat es gesagt: Wichtigere Adressen wären jetzt zu beschließen!«

»Pfeift sie aus, die schöne Jenny und schickt eine Adresse an den Ehrenbürger von Wien,Graf Sedlnitzky war Ehrenbürger von Wien., er soll die italienische Stagione am Kärntnertor wieder erlauben. Sagt ihm, es gebe jetzt eine reizende neue Oper in Italien, sie heißt: Abasso i Tedeschi

»Sie meinen gar nicht Österreich mit ihrem ›Abasso‹, die Italiener,« versicherte Fred. »Sie meinen die Knechtung, sie meinen das System. Sie wollen dasselbe, was wir wollen: Die Freiheit! O es ist eine Freude, in unserer Zeit zu leben! Es will Frühling werden, überall regt es sich von neuen Trieben, der Papst selbst hat sich an die Spitze der liberalen Bewegung gestellt! Denke, was es heißt! Das Haupt der Kirche wirft seine Autitorität in die Wagschale des Konstitutionalismus! Da kann es unmöglich fehlen, die Menschheit muß sich verjüngen und die Weltgeschichte ein neues Kapitel anfangen. Von den Domen wird das Licht der Zukunft ausstrahlen und hineinleuchten in die dumpfen feudalen Schlösser und in die staubigen Schreibstuben der Bureaukratie. Und die italienischen Kommilitonen werden an unserer Seite stehen so gut wie die böhmischen und die ungarischen, wenn es einmal gilt, den Kaiser aus den Händen seiner verbrecherischen Ratgeber zu befreien. Dann schlägt auch dir die Stunde der Erlösung, Mießrigel, du wirst deine Fähigkeiten besser verwerten, als es jetzt bei der Zensurhofstelle der Fall ist; denn die erste Freiheit, die wir fordern, wird die Preßfreiheit sein!«

»Selbstverständlich begründe ich dann eine Zeitung großen Stils, die die Führung der Geister zu übernehmen berufen sein wird. Die ›Fanfare‹ soll sie heißen und den Ruhm des jungen Österreich hinausposaunen in alle Welt, die Schlafmützen aufrütteln und die Säumigen um unsere Fahnen sammeln. Verlaßt euch auf mich, hier hast du meine Hand darauf, daß ich zu euch stehen werde bis zum letzten Atemzug!«

»Daran hab' ich nie gezweifelt,« sagte Fred. Und indem er die dargebotene Rechte ergriff und kräftig schüttelte, ging er von ihm mit Schritten, die von Freude und Zuversicht beschwingt waren. Ein paarmal noch drehte Mießrigel sich nach ihm um und sah ihm nach. Dann seufzte er, seine Züge verfielen, trübselig setzte er seinen Weg fort. Für einen Augenblick hatte die Nähe des Freundes ihm Wärme eingeflößt, Begeisterungsfähigkeit verliehen. Kaum daß er allein blieb, war alles verflogen, und die Zweifel kehrten wieder. Wußte er es nicht im voraus, wie der Kampf um die Freiheit enden würde? Geradeso, dachte er, wie wenn zwei Faustkämpfer von sehr ungleichen Kräften miteinander ringen: Bald liegt der eine oben, bald der andere unten.

Für keine von den notleidenden Provinzen interessierten die Schottenfelder Seidenweber sich angelegentlicher als für das lombardo-venezianische Königreich. Frühjahrsregen hatten Überschwemmungen verursacht, die Seidenernte mißriet, die jungen Würmer erlagen der feuchten Witterung. Dazu kam die Lebensmittelteuerung, die Kartoffelkrankheit und fortdauernde Proletarierrevolten, von dem heißen Blut der italienischen Rasse genährt. Das alles zusammen genommen bewirkte, daß die Rohseidenpreise eine unerschwingliche Höhe erreichten, ohne daß die Filanden sonderlich dabei prosperierten. Vergebens führte Prinz Schöps seine Bonmots ins Treffen, die Fabrikanten wollten keine Seide einkaufen. Wozu auch? Der Geschäftsgang war ein viel zu schlechter.

Jetzt wühlte, weil sie die Not am eigenen Leibe spürten, die Politik, um die bis dahin die wenigsten sich gekümmert hatten, auf einmal auch die Gemüter der Gemächlichen und Selbstsicheren auf. Sogar der Muschir redete von Konstitution und Preßfreiheit, Edi Leodolter, der nie etwas ordentliches gelernt hatte, von Lehr- und Lernfreiheit und Herr Patruban von Volksvertretung und Schwurgericht, obgleich er nur ganz schleierhafte Vorstellungen von diesen Dingen besaß. Die Nachfrage nach Seidenroben war so gering geworden, als hätte die Göttin der Vernunft in eigener Person die neueste Damenmode diktiert.

Wenige Firmen gab es, die sich nicht genötigt gesehen hätten, den Betrieb einzuschränken. Die Beywalds in der Rittergasse entließen die Hälfte ihrer Arbeiter, was Franzi nicht hinderte, Cajetana, sofern sie nicht mit den Wochen zu tun hatte, fleißig ins Theater und in den Redoutensaal zu führen, um ihre Augen und ihre Brillanten blitzen zu sehen. Herr Patruban in der Andreasgasse ließ überhaupt keinen Stuhl mehr laufen und zehrte von seinem Lager; die ahornen Warenschränke seines Magazins waren bis oben mit Taft gefüllt. Aber auch er kam deswegen nicht aus dem Gleichgewicht und ging gemächlich jeden Vormittag zum Poinstingel, saure Nierndeln zu frühstücken. Und so nährte, wie der Siebenschläfer, wenn er seinen Winterschlaf hält, sich manche Firma von dem Fette, das sie in den vorausgegangenen guten Jahren angesetzt hatte. Von den Kleineren aber, deren Weizen schon früher nicht sonderlich geblüht hatte, und von den Unvorsichtigen, die sich auf gewagte Unternehmungen eingelassen hatten, purzelte eine ganze Anzahl über den Haufen.

Das Haus Leodolter stand felsenfest. Aber daß das Kapital, das in den Jacquards steckte, sich schlecht verzinste, wurmte den Muschir. Geirrt sollte er sich haben? Lieber hielt er die ganze Welt für verrückt; nicht recht zu behalten, galt ihm für die größte Schande. Und er wußte schon, warum seine neuen Einrichtungen den erwarteten Erfolg nicht liefern wollten. Weil er auf halbem Wege stehen geblieben war mit dem Modernisieren. Die Jacquards bedeuteten freilich einen Fortschritt gegenüber den alten Zampelstühlen, aber Handbetrieb blieb Handbetrieb. Reduzieren, wie die andern es jetzt taten, hielt er für kurzsichtig. Die Mehrheit mußte es tragen, wie denn sonst? Denn je größer der Betrieb, um so wohlfeiler die Ware; und wenn er wohlfeiler fabrizieren konnte als seine Konkurrenz, was kümmerte ihn dann die Politik? Wohlfeile Ware würden die Leute immer kaufen, mit und ohne Konstitution, ob der Metternich regierte, oder ein anderer. Und kein System, der Absolutismus so wenig wie die sogenannte Freiheit, würde auf die Dauer die Damen davon abhalten, in Samt und Seide zu stolzieren.

Während die andern den schlechten Geschäftsgang dazu benutzten, sich ihr Tagwerk zu erleichtern, legte der Muschir sich mit verdoppeltem Eifer in die Stränge. Für ihn gab es kein Theater, keine Redoute und keinen Poinstingel. Von allen seinen Bekannten existierte jetzt nur ein einziger für ihn, Herr Seyfried, der Stuhlbauer. Den ganzen Winter hatten sie fast allabendlich zusammengesteckt und über einer Idee gebrütet, die zu verwirklichen der Muschir sich in den Kopf gesetzt hatte. Der mechanische Baumwollstuhl sollte durch entsprechende Veränderungen und Verbesserungen in einen selbsttätigen Kraftstuhl für Seide umgebaut werden.

»Im Zollverein liege die Zukunft, glauben viele,« sagte er zu Herrn Seyfried; »sind Sie auch dieser Meinung?«

Der Stuhlbauer, im Zweifel darüber, ob der Muschir ein Ja oder Nein von ihm erwarte, versuchte mittendurch zu kommen und erlaubte sich zu bemerken, gewissermaßen könne es wohl zutreffen, wenn nicht sozusagen das Gegenteil sich als richtig herausstellen sollte.

»Da glauben Sie wohl auch, daß wir vor politischen Umwälzungen stehen?« forschte der Muschir weiter.

»Ohne Zweifel, das liegt auf der flachen Hand!« versicherte Herr Seyfried, der die richtige Fährte gefunden zu haben glaubte.

»Unsinn!« brauste der Muschir auf. »Die Maschinen, das sind die Vorboten der neuen Zeit, und nicht die politischen Emissäre aus Polen, Italien und dem Reich, die sich jetzt in Wien herumtreiben und gegen die bestehende Ordnung hetzen. Sie als Mechaniker wenigstens sollten das begreifen!«

Gegen Lichtmeß waren die Versuche so weit gediehen, daß Seyfried daran gehen konnte, den ersten Modellstuhl zu bauen. Und der Muschir fühlte sich seiner Sache so sicher, daß er auf dem Braunhirschengrund mit den Erdaushebungen für das Kesselhaus und die Maschinenhalle anfangen ließ. Denn die Dampfkraft sollte an die Stelle der Handarbeit treten, so wollte es der Pascha von drei Roßschweifen. Und er freute sich auf den Augenblick, wo er allen Arbeitern, die ihm Schwierigkeiten bereitet hatten, ihr Büchel würde zustellen lassen. Der Dampf, das war ein Handwerksgesell, wie er ihm paßte, der gehorchte aufs Wort und kannte keine Widerrede. Und ohne je eine Lohnaufbesserung zu beanspruchen, würde er allein mit seinen Riesenkräften die ganze Fabrik in Bewegung setzen.

In aller Stille gingen die Dinge ihren Gang, seine Pläne an die große Glocke zu hängen, liebte der Muschir nicht. Aber da man auf dem Braunhirschengrund zu bauen anfing, so konnte es nicht fehlen, daß Gerüchte von dem Besonderen, das sich hier vorbereitete, die Geschäftsfreunde und Fachgenossen alarmierten. Und an einem Sonntag im Sommer, da ein Teil der Verwandtschaft im Himmelhause zum Mittagessen geladen war und die Gelegenheit dazu nötigte, zögerte der Muschir nicht länger, seine Karten aufzudecken.

Die Frauen hatten sich nach Tisch zurückgezogen, die Männer saßen unter dem Birnbaum am Rosenflöz, um Kaffee zu trinken und eine Zigarre zu rauchen. Jeder hatte sich vorgenommen, einmal von etwas anderem zu reden als von der Geschäftsmisere. Aber die Gedanken waren zu voll davon, es wollte kein gemütliches Plaudern zustande kommen. Die heimtückische Krankheit, die jetzt auch im eigenen Lande die Kartoffeln faulen machte unter der Erde und die Not der kleinen Leute ins Ungemessene steigerte, schien auch die Gemüter der Menschen ergriffen zu haben, daß ihre Heiterkeit kränkelte und ihr Frohsinn hinwelkte in diesem unfruchtbaren und sorgenvollen Sommer.

»Wir sitzen fein da beieinander und lassen uns nichts abgehen,« sagte der alte Herr Beywald. »Aber wenn ich an das Elend denke, das rings um uns ist, so will mir kein Essen schmecken und keine Zigarre munden. Wir Fabrikanten freilich, wir halten ein paar schlimme Jahre aus, weil wir in den guten etwas zurücklegen konnten. Hingegen die Vielen, die von der Hand in den Mund leben –? Erst gestern haben wir wieder ein Dutzend Arbeiter auszahlen müssen, brave, verläßliche Leute darunter. Wohin soll das noch kommen?«

»Es geht auch bei uns nicht anders,« sagte der Muschir; »und eigentlich paßt es mir so. Entlassen müßten wir auf alle Fälle, sobald ich das neue Merkel in Gang hab'. Und da macht es sich noch unauffälliger jetzt, wo alle es tun.«

»Ist es denn wahr, was man munkeln hört,« fragte Benwald, »daß du dich auf Dampfkraft einrichten willst?«

»Wird schon so sein, wenn die Leute es munkeln. Warum denn nicht?«

Herr Patruban argwöhnte zuerst, man wolle ihn aufsitzen lassen. Bald aber merkte er, daß es Ernst war, er sah ganz verblüfft drein.

»Gibt es denn das überhaupt? Von einem Kraftstuhl für Seide hab' ich noch nie nichts gehört! Soviel ich weiß, arbeiten sie nicht einmal in Lyon mechanisch, und die verstehn sich doch sonst auf den Zauber.«

»Einer muß immer den Anfang machen, aber in Lyon braucht es nicht gerade zu sein. Mit Löffeln haben sie es nicht gegessen, die Parlez-vous, und bei uns gibt es schon auch Leute, die etwas verstehen. Im Ganzen läuft es auf dasselbe hinaus wie beim mechanischen Baumwollstuhl. Nur ein paar Finessen halt, die noch dazukommen.«

»Also was, zum Beispiel?« fragte Patruban gespannt.

Der Muschir lachte.

»Das werd' ich dir geschwind auf die Nase binden! Meinst du, ich hätt' mich geplagt, das Merkel auszuprobieren, damit ihr mir es nachher abspicken könnt?«

»Das hat keine Gefahr! In diesen schlechten Zeiten denkt unsereins nicht ans Sprüngemachen. Ich bin froh, wenn ich das Leben habe, was werd' ich Neuerungen einführen auch noch: Es gehört Couraschi dazu, das muß ich sagen!«

»Gar nicht! Im Gegenteil! Nichts machen und alles beim Alten lassen, dazu gehört Courage. Die Menschenarbeit ist zu teuer geworden heutzutage, siedendes Wasser hingegen kostet nicht viel. Warum soll ich den Wasserdampf nicht einspannen, wenn er mir zehnmal so viel leistet als ein Arbeiter?«

»Die Arbeiter werden sich bedanken,« meinte Patruban.

»Ihr entlaßt die eurigen ja auch?«

»Vorübergehend, bitte! Sobald wir etwas zu tun kriegen, nehmen wir sie schon wieder. Bei dir werden sie überhaupt überflüssig«.

»Alle doch nicht, aber die meisten, Gott sei Dank!«

»Auch die meisten kaum,« nahm Petz jetzt das Wort. »Das wär' doch allzu hart und empfindlich, wenn ihrer viele brotlos würden durch die Maschinen. Aber es wird gar nicht der Fall sein. Soll sich die mechanische Fabrikation rentieren, so muß ohnedies der gesamte Betrieb erweitert werden. Dann gleicht es sich wieder aus.«

Herr Patruban saß nachdenklich und schüttelte nur immer den Kopf.

»Baumwolle und Leinen, das ist schließlich ein Mist, aber die Seide, die ist etwas ganz anderes! Und so eine eiserne Maschin' bleibt halt doch alleweil ein Tappnachi. Denselben Spurius wie ein Mensch kann sie nie haben!«

»Akkurater arbeitet sie als ein Mensch!« versicherte der Muschir.

»Also, wenn ein Faden reißt – dreht ihn dann die Maschin' von selbst wieder an?«

Der alte Beywald lachte.

»Ein Mensch wird schon trotzdem noch dabeistehen müssen. Aber nur einer, während die Maschine dieselbe Arbeit leistet, zu der man früher ein halbes Dutzend Weber gebraucht hat. Das kann Krisen geben, schwere Krisen! Wo sollen die Leute alle hinkommen?«

»Ob Österreich schon reif ist für eine richtige Großindustrie, darauf kommt alles an,« warf Mosch-Eskeles dazwischen.

»Ein verjüngtes Staatswesen,« meinte Petz, »nährt unendlich viel mehr Menschen, als bei einer so engbrüstigen Wirtschaft existieren können, wie sie jetzt ist.«

»Das ist freilich wahr,« sagte Beywald. »Die Freiheit kann wirken wie Frühlingsregen auf die ausgetrocknete Erde. Wenn wir sie nämlich – einmal haben.«

Mosch-Eskeles stimmte ihm bei.

»Ohne Freiheit keine Großindustrie!«

»Und wozu brauchen wir eine Großindustrie?« fragte Patruban mißmutig. »Ist es nicht viel gemütlicher im Kleinen? Was wollt Ihr eigentlich? Ich bin ganz zufrieden in meiner Andreasgasse! Ich mag kein Industrieller sein, ich bin ein Webermeister!«

»Aber denken Sie nur,« eiferte Petz, »um wieviel besser werden wir die Arbeiter stellen können, wenn einmal alles ins Große geht! Um wieviel mehr Menschen wird die Industrie ernähren, nicht von heut' auf morgen, aber mit der Zeit, wenn die Unternehmungen sich vervielfältigen, der Wohlstand sich ausbreitet und reiche Geldmittel belebend durch die Adern der Nation strömen! Ein Bild des Blühens und Gedeihens im Gegensatz zu der notigen Kleinwirtschaft, die uns jetzt den Atem beklemmt. Und nicht nur wir Fabriksherrn werden hinauswachsen und zu neuen Aufgaben berufen sein. Auch der Arbeiterstand wird sich durch Intelligenz und Fleiß zu einem mächtigen und geachteten Faktor im Staatsleben emporringen und Hand in Hand mit uns für die Vervollkommnung des Menschengeschlechtes wirken! Die Voraussetzung zu dem allen ist freilich, daß endlich das System hinweggefegt wird, das die naturgemäße Entfaltung der vorhandenen Kräfte hindert. Die Voraussetzung dafür ist ein neues Österreich, ist die Konstitution, ist die Freiheit!«

»Na, na, na,« machte der Muschir ungeduldig. »Nur keine Extremitäten, bitte! Ein Fortschrittlicher bin ich natürlich auch, selbstverständlich! Ein jeder anständige Mensch ist ein Fortschrittlicher heutzutag. Also meinetwegen sollen sie die Zensur abschaffen und das Versammlungsrecht gewähren und das Schwurgericht einführen, wenns sein muß, und eine Volksvertretung auch und alles, was die Leut' sich wünschen, ich bin für alles, wenn ihr wollt, für den ganzen Speisezettel. Aber das muß ich schon sagen, schlafen kann ich auch ohne das, wißt ihr! Solang' ich in meinem Geschäft machen kann, was ich will, solang' bin ich mit jeder Regierung zufrieden. Ja, wer weiß – wenn wir heut' eine andere hätten, ob uns die kommoder wär'? Die jetzige hält es wenigstens nicht mit den Arbeitern und Proletariern. Den Donner übereinander, wenn dieses sogenannte Volk einmal was mitzureden hätt' und ein mächtiger Faktor im Staatsleben würde, wie der Petz sagt! Denn was die eigentlich möchten, das hat man damals gesehen, wie sie die Lerchenfelder Linie gestürmt und geplündert haben. Für so ein Gesindel darf es keine Freiheit geben, für die ist die Religion da, und wo die nichts hilft, die Polizei!«

»Die Religion will ich keinem nehmen,« sagte Herr Beywald; »aber mit der Polizei bleibt mir vom Leibe!«

Auch Petz begehrte auf.

»Die Polizei! Muschir! Wie kannst du so etwas sagen?« So oft sich auch Gegensätze zwischen den Brüdern auftaten, er konnte kaum glauben, daß der Muschir diesmal im Ernst redete. Er hatte Mitleid mit dem entsetzlichen Elend, das in der rasch anwachsenden Stadt seit einigen Jahren dicht neben dem üppigsten Reichtum sich breit machte. Er wußte von der Not, dem Hunger, der Verkommenheit von Tausenden, die arbeitslos durch die Gassen strichen und sich des Nachts unter Brücken und in den ekelerregenden Schlupfwinkeln der Kloaken vor der grausamen Rohheit der Häscher verbargen. Er dachte an die sogenannten Kappelbuben, die mit ihren Dirnen ungescheut auf den Glacis ihr Schandgewerbe trieben, und an die Strawanzer, die die Stadt unsicher machten und schon wiederholt nächtliche Passanten in den von den Toren gegen die Vorstädte führenden Alleen angefallen hatten wie Wegelagerer in den böhmischen Wäldern. Er schämte sich solcher Zustände in einer Stadt, die er aus ganzem Herzen liebte, deren Bürger er war, wie seine Väter es gewesen, deren Bürger er sich gerne mit Stolz genannt hätte. Es tat ihm weh, daß so viel überschüssige Volkskraft einfach verfaulte und vermoderte wie krankes Holz in einem schlecht gehaltenen Forst, das man gesund und nutzbar machen könnte, wenn man ernstlich wollte und es verstünde. Und er machte das bestehende Regierungssystem dafür verantwortlich, das er nicht bloß für unfähig und kurzsichtig, sondern auch für engherzig und verworfen hielt. Waren denn die Leute, die in die Stadt flüchteten, weil das Land sie nicht mehr nährte, Räuber und Mörder? Kamen sie, um zu sengen und zu plündern? Was wollten sie eigentlich? Arbeit! Die Zeit forderte Leben und Bewegung, Intelligenz, Bildung, neue Industrien und Unternehmungen, Fortschritt mit einem Wort, nicht Stillstand! ...

»Aber was da bei uns geschieht,« sagte er, »das heißt sich am Leben versündigen, an der gesunden Kraft des Volkes! Menschen, die leisten und ringen wollen, werden ins Proletariat hinabgestoßen, und hier wie überall heißt die ganze Weisheit der Regierung: Polizei. Mit denen wird schon der Graf SedlnitzkyPräsident der obersten Polizei- und Zensurhofstelle. fertig werden, denkt sich der Graf Kolowrat,Staats- und Konferenzminister für die inländischen Geschäfte. und damit ist die ganze Frage erledigt! ...«

Er hatte oft nachgedacht über diese Dinge, mit sorgender Menschenliebe. Trostlos wär' es, meinte er, wenn nicht die Bürger, die Fabriksherren, eine andere Antwort fänden als die hochmögenden Grafen, Staats- und Polizei-Minister! Freilich – nach dem Muschir, verstand er nichts von diesen Sachen, bei seiner Carta rigata. Gut! Er verstand es nicht, aber er glaubte es richtig zu fühlen, er empfand es, wie die kleinen Leute da unten hoffend aufblickten zu den Unternehmern und Arbeitgebern, zu den Bürgern und Fabriksherren, den einzigen im ganzen Staatswesen neben den Bauern, die erwarben und mehrten, nicht bloß bewachten und zehrten, den einzigen, die etwas für sie tun konnten, wenn sie nicht rückständig blieben und ihre Aufgaben richtig erfaßten ...

»Von uns Bürgern,« sagte er, »hängt ihre ganze Existenz ab; wir sind ihre natürlichen Bundesgenossen. Sie arbeiten für uns, wir müssen für sie arbeiten. Und das ist unsere bürgerliche Freiheit, die ich meine, und die niemand uns nehmen kann: Daß es in unserer Macht steht, den Gedrückten da unten hinaufzuhelfen zu Wohlstand und Menschentum. Und je mehr unsere eigene Arbeit ins Große und Weite geht, umso besser können wir es, umso weniger Proletarier wird es geben und einen umso gesünderen Arbeiterstand. Den aber brauchen wir, geradeso wie die Arbeiter einen gesunden Bürgerstand brauchen. Denn wir gehören zusammen, Fabrikanten und Fabriksarbeiter! Auf unsern Schultern ruht das Gedeihen und die Zukunft des Vaterlandes, nicht auf den Schultern der Kanzleiherren und der Polizeimänner! Wir müssen einander die Hände reichen, wir sitzen gemeinsam an ein und demselben Webstuhl, und was wir weben, ist eine neue, frohere und freiere Zeit!«

Mosch-Eskeles drückte ihm die Hand. Auch Beywald stimmte bei. Erwärmt, begeistert klopfte er Petz auf die Schulter.

»Gut hast du das gesagt! Wir gehören zueinander, Fabrikanten und Fabriksarbeiter! Alle haben wir das gleiche Interesse daran, daß einmal etwas vorwärts geht in diesem alten, von der Natur so reich gesegneten Lande, daß neue Erwerbsquellen sich allen Arbeitswilligen erschließen, und daß der Staat es endlich als seine Aufgabe erkennt, die Menschen zu fördern, statt sie zu bewachen! Die bureaukratische Bevormundung muß ein Ende nehmen, damit die Nation endlich frei die mannigfaltigen Kräfte entwickeln kann, die in ihr verborgen sind!«

Für den Muschir waren das einmal richtige »Extremitäten«!

»Jetzt weißt, Petz,« sagte er ruhig und lehnte sich überlegen in seinen Sessel zurück; »den Herrn Arbeitern zulieb plag' ich mich nicht, die gehen mich schon einmal gar nichts an. Die kriegen ihren Lohn, und wenn es einem nicht recht ist, so kann er gehn. Das wär' mir eine schöne Freiheit, daß der Fabrikant das Bummerl von seinen Fabriksarbeitern sein sollt'! Dank' schön dafür! Da sperr' ich lieber gleich zu! Zusammengehören täten wir, glaubst du, Bürger und Arbeiter? Bundesgenossen wären wir, die sich die Hände reichen sollen? Nimm mirs nicht übel, aber du redest wirklich wie ein Kind bei deinem Kattegat, wie ein halber Dichter, weil du immer mit Blumen und Sternen zu tun hast! Deine Welt wär' ja wunderschön und angenehm, die wirkliche schaut aber ein bissel anders aus, in der gehts nicht so verbrüderlich und gernhaberisch zu, wie du dirs vorstellst. Denn wenn dus noch immer nicht weißt –: Unsere bittersten Feinde sind sie, die Arbeiter! Auf dem Kraut auffressen möchten sie uns am liebsten und tätens auch, wenn sie könnten, und wenn wir nicht eine Regierung hätten, die ihnen den Daumen auf's Aug' setzt, daß sie kuschen müssen. Das Leben, wenigstens das geschäftliche, ist kein Bezirksgesangverein »Eintracht« oder »Harmonie,« und worauf es ankommt dabei, das ist einzig die Macht. Freiheit hin, Freiheit her! Dem Bürger seine Freiheit ist sein Wohlstand, der gibt ihm Unabhängigkeit nach oben und auch nach unten! Deswegen allein, nicht den Arbeitern zulieb, mein' ich, daß wir mit Maschinen und mehr ins Große arbeiten sollen. Denn wenn wir erst stark sind, sind wir auch frei. Dann brauchen wir uns um niemand zu scheren, um keinen Demokraten und um keinen Konferenzrat; dann kann mir die ganze hohe Politik gestohlen werden, ob sie von oben gemacht wird, oder von unten!«

»Jetzt, das ist nicht ganz richtig, lieber Schwiegersohn!« wehrte sich Patruban. »Dem Bürger kann oben oder unten nicht gleichgiltig sein. Denn die von unten – was wollen die? Mit uns zugleich hinaufkommen; die von oben dagegen, was wollen die? Uns alle miteinander nicht hinaufkommen lassen! Das ist der Unterschied, bitte!«

»Ist denn seit anno Paris Nummer Eins irgendwas vom Fleck gekommen ohne den dritten Stand?« rief der alte Beywald. »Und hat sich nicht seither ein vierter von ihm abgezweigt, den Zahl und Entschlossenheit zu einem wertvollen Bundesgenossen machen? Auf dieses Bündnis sollten wir verzichten, wo wir doch alle zusammen im weitesten Sinne Industriearbeiter sind? Was gehn uns die andern an, da oben in den Ämtern und Kanzleien! Was haben wir mit ihnen gemein? Sie leben von uns, wir bezahlen sie, sie sind unsere Angestellten, nicht wir die ihrigen! Und dabei sollen wir uns von ihnen schulmeistern lassen? Das muß anders werden, und ich hoff' es noch zu erleben! Nicht der Kaiser ist der Staat und nicht die Staatskonferenz und am allerwenigsten die Schar von Federfuchsern und Tintenverderbern, die uns wie gemeingefährliche Subjekte überwachen und uns mit kleinlichen Verordnungen und schikanösen Vorschriften zwecklos sekkieren, malträtieren und zwicken. Der Staat, das sind die Arbeitenden, die Werte erzeugen, der Bauer und der Handwerker, der Gelehrte und der Künstler, der Fabriksarbeiter und der Industrielle. Und Petz hat Recht: Wir gehören zueinander, Fabriksherren und Fabriksarbeiter. Unser Ziel ist das Gleiche, wir müssen zusammenhalten, gemeinsam siegen oder gemeinsam unterliegen!«

»Aber was wollt ihr eigentlich?« sagte der Muschir, nun auch ins Feuer geratend. »Hat uns etwas gefehlt all die Zeit her? Ist es uns nicht gut gegangen? Tatsachen beweisen! Wann hat die österreichische Seidenweberei besser floriert als in der vielverrufenen Aera Metternich? Industriefeindlich ist die Regierung nie gewesen, das kann ihr der bitterste Gegner nicht nachsagen!«

»Soweit sie uns zum Steuerzahlen braucht, ist ihr unsere Existenz nicht einmal unangenehm,« bemerkte beißend Herr Beywald.

»Nur beileibe zu groß sollen wir nicht werden,« sagte Petz; »wir könnten uns eines Tags erinnern, daß wir keine Schulbuben sind. Und um Gottes Willen nicht zu viele Arbeiter sollen beisammen sein an einem Platz! Denn immer steht denen da oben wie ein Gespenst die französische Julirevolution vor Augen – der Schreck ist ihnen ausgiebig in die Glieder gefahren! Als ob ehrliche Arbeiter, die gut verdienen, an Umsturz dächten!«

»Die verzweifelten Existenzen, die nichts mehr zu verlieren haben, die sind ihnen wahrscheinlich lieber,« sagte Mosch-Eskeles bitter. »Denn gegen das Gesindel kann man die Polizei brauchen, wenns nottut – so kalkulieren die goldgestickten Fräcke!«

Die alte Sabine brachte eine Karte. Der Name des Landstands Baron Auenwald stand darauf. Der Muschir wollte ins Haus, um ihn zu empfangen. Aber da kam der Freiherr selbst den Kiesweg herab und trat auf die Herren zu, sie zu begrüßen. Mit Beywald, Petz und Mosch war er aus dem juridisch-politischen Leseverein bekannt. Den Muschir nannte er »seinen verehrten Herrn Nachbar« und zeigte überhaupt eine liebenswürdige Lebendigkeit, die einen kavaliersmäßigen Anstrich hatte. Man redete über gleichgiltige Dinge, bis der Baron Veranlassung nahm, den Zweck seines Besuches zu erklären.

»Sie haben sich schriftlich um meinen früheren Jäger erkundigt, Herr Nachbar, den ich kürzlich entlassen mußte, und der sich um den Posten eines Hausdieners bei Ihnen bewirbt. Ich komme, Ihnen persönlich Auskunft über ihn zu geben. Er war ein treuer und ehrlicher Bursche. Aber solche Diener kann nur der Raimund brauchen, auf dem Theater, der Polizeistaat hat für sie keine Verwendung. Man hat mir den Menschen korrumpiert und ihn dazu angestiftet, seinen Herrn zu verraten. Ein liberaler Landstand bedarf strenger Überwachung, und da man ihn nicht zwingen kann, einen Naderer zu seinem Leibjäger zu machen, so verführt man seinen Leibjäger dazu, Nadererdienste zu leisten.«

Staunen und Unwille malten sich auf den Gesichtern der Zuhörer. Mit einem Ausruf der Entrüstung schnellte der alte Beywald auf: »Was erzählen Sie da? Das ist ja eine empörende Geschichte!«

Und der Freiherr berichtete, wie er dahinter gekommen sei, daß seine Korrespondenz insgeheim eröffnet und überwacht würde. Und wie nach einer scharfen Untersuchung, die er eingeleitet, sein Jäger sich ihm zu Füßen geworfen und alles eingestanden habe: Daß er, von der Polizei bestochen, regelmäßigen Rapport über seinen Herrn erstattet hätte, mit wem er verkehre, was für Briefe er schreibe, ja, was für Bücher oder Zeitschriften er lese.

»Können Sie sich vorstellen, meine Herren,« sagte Auenwald, »daß eine Regierung wirklich noch auf festen Füßen steht, die zu derartigen Mitteln ihre Zuflucht nehmen und sich auf solche Subjekte stützen muß?«

»Es kann nicht länger bleiben wie es ist!« rief Petz, zitternd vor Empörung. »Die Zustände fangen an unerträglich zu werden!«

Sogar Herr Patruban geriet in Hitze.

»Man ist ja nicht mehr sicher im eigenen Hause! Nächstens werden sie die böhmischen Köchinnen bestechen, daß sie neben dem Küchenbüchel ein geheimes Verhaltungsjournal über ihre Gnädige führen!«

»Kruzitürken noch einmal, das wird mir auch zu dick!« grollte der Muschir. »In seinen vier Wänden wenigstens muß der Mensch Ruh' haben, sonst hört sich ja alle Gemütlichkeit auf! Da sollte man doch einmal eine Denkschrift an den Kaiser richten und ihm klaren Wein einschenken!«

»Die liberalen Landstände wären längst bereit, etwas zu tun,« sagte Auenwald. »Sie sind die Berufensten, sich an die Spitze einer Bewegung zu stellen, die darauf abzielt, den Kaiser aus den Klauen seiner falschen Ratgeber zu befreien. Aber sie können diese Bewegung nicht selber machen verstehen Sie? Die Bewegung muß vorhanden sein, damit man sich auf sie berufen kann, und sie muß von einer möglichst breiten Bevölkerungsschichte ausgehen, damit sie genügenden Respekt einstößt. Helfen Sie uns! Erst in dem Augenblicke, wo wir sicher sind, das wohlhabende Bürgertum hinter uns zu haben, werden wir imstande sein, den Hebel anzusetzen.«

»Das wohlhabende Bürgertum haben Sie längst hinter sich!« beteuerte Petz. »Auf den Gewerbeverein können Sie sich verlassen!«

»Auf den juridisch-politischen Leseverein, dem Sie übrigens selbst angehören, nicht minder,« sagte Beywald.

Der Freiherr reichte ihm die Hand.

»Es kommt alles darauf an, daß die Herren vom Bürgerstand wirklich etwas tun, daß sie aktiv in die Bewegung eingreifen und es nicht bei der in aller Stille betriebenen Agitation bewenden lassen. Die Hochgestellten müssen es sehen, daß breite Schichten mit dem System unzufrieden sind, eine offensichtliche Gärung muß vorhanden sein, eine Gefahr drohen, verstehen Sie? Dann werden sich die Landstände in die Lage versetzt sehen, es durch ihre patriotische Pflicht zu rechtfertigen, wenn sie an die geheiligte Person des Kaisers mit Vorstellungen herantreten.«

Und er führte den Gedanken weiter aus und entwickelte umfassende Pläne wie ein geschickter Theaterregisseur, der die Fäden in der Hand hält und den Heldendarstellern, den Episodenspielern und der Komparserie ihre Aufgaben zuweist, Der Muschir hörte nur halb zu und zuckte ein paarmal die Achsel. Was gingen ihn die Landstände an? Auch Herr Patruban zeigte wenig Lust, sich ernstlich mit politischen Dingen abzugeben. Dagegen horchten die andern gespannt auf, nickten zustimmend oder warfen eine Bemerkung dazwischen. Sie wollten sich die Sache überlegen und tun, was in ihren Kräften stünde.

»Die allgemeine Weltlage treibt einer Katastrophe zu,« sagte der Freiherr schließlich. »Wer weiß, ob nicht von Frankreich her über kurz oder lang ein äußerer Anstoß gegeben wird, der auch bei uns die Dinge ins Rollen bringt. Warten wir ruhig ab und halten einstweilen unser Pulver trocken. Jedenfalls wollen wir miteinander in Fühlung bleiben. Der Leseverein ist von unberechenbarem Wert für die gute Sache. Er kann als Hauptquartier für eine weit verzweigte Organisation dienen, die im gegebenen Augenblicke die Aktion der Landstände zu stützen berufen wäre.«

Man schied von einander mit dem Versprechen, sich gelegentlich im Leseverein zusammen zu finden. Beywald, Petz und Mosch waren von den persönlichen Eigenschaften und den liberalen Ideen des Freiherrn erwärmt. Der Muschir blieb mißtrauisch und sagte: »Verlaßt euch nicht auf die hohen Herren! Der Bürger ist ihnen gerade gut genug, das Feuer zu schüren, woran sie ihre Suppe kochen wollen.«

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