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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
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Die jungen Beywalds in der Rittergasse hatten sichs so eingerichtet, daß sie ein Fest mehr hatten im Jahre, als die übrigen Leute. Zwischen Weihnacht und Ostern, so um Maria Lichtmeß herum, waren sie gewohnt, Kindstaufe zu feiern. Nur ausnahmsweise wichen sie davon ab und setzten wieder ein Jahr aus. Der erste Täufling trug eine Garnitur von Spitzen und Bändern wie ein Prinz, der zweite den abgelegten Täuflingsstaat des ersten, der dritte bekam wieder ein neues Jäckchen und ein neues Häubchen, aber ohne Spitzen und Bänder, und ein Steckkissen aus gröberer Leinwand. Der vierte mußte sich mit dem Täuflingsanzug des dritten genügen lassen, ebenso der fünfte. Der sechste, welcher wunderbarer Weise ein Mädchen war, befand sich eine halbe Stunde, bevor die heilige Handlung beginnen sollte, noch im Negligee.

»Cajetana, ums Himmelswillen,« rief der entsetzte Vater, »wo ist denn das Täuflingsgewand? Der geistliche Herr und unsere Gäste werden gleich da sein!«

»Der Täuflingsstaat ist irgendwo gut aufgehoben,« sagte gemächlich die Wöchnerin; »ich habe vergessen, ihn vor meiner Niederkunft hervorzusuchen, und außer mir findet ihn niemand.«

»Heißt das nicht, sich überflüssige Mühe machen?« sagte er ärgerlich. »Wozu das Zeug weiß Gott wohin verräumen, wo mir es doch mindestens einmal im Jahr benötigen? Das behielte ich doch lieber schön bei der Hand!«

»Es war so eine Ahnung in mir,« sagte sie, »daß es diesmal ein Mädchen sein würde. Und für ein Mädchen tut es auch ein gewöhnliches Fatschkissen.«

»So? Meinst du? Und warum eigentlich?«

»Weil Buben halt doch etwas ganz anderes sind.«

»Da hättest du dir eben ein Privileg auf Buben nehmen müssen. Übrigens habe ich in dieser Sache auch ein Wort mitzureden, und mir ist es recht, daß es diesmal ein Mädchen geworden ist; denn ich will auch Töchter haben, daß du es weißt! Und warum meine Töchter nicht einen ebenso schönen Täuflingsstaat anhaben sollen wie meine Söhne, das sehe ich wirklich nicht ein!«

»Mädchen werden leicht eitel und hoffärtig,« sagte sie, »man muß früh anfangen, sie an Einfachheit und Schlichheit zu gewöhnen, sonst kann man allerhand mit ihnen erleben, was einem nicht angenehm ist!«

»Bei meinen Töchtern ist so etwas ausgeschlossen!« erklärte Franz Beywald entrüstet. »Diese wenigstens, die heute auf den Namen Cajetana getauft werden soll, besitzt nicht die mindeste Anlage dazu, eitel und hoffärtig zu werden; und wenn sie sich nicht hinter ihren Brüdern zurückgesetzt sehen will und bei der heiligen Handlung, die ihr bevorsteht, auch ein hübsches Kleidchen anhaben möchte, so ist dies ein durchaus berechtigter Wunsch, den ich ihr auch erfüllen werde! Auf Wiedersehen!«

»Adieu!« sagte Cajetana. »Übrigens habe ich dir bereits bekannt gegeben, daß unsere Tochter nicht auf den Namen Cajetana, sondern auf den Namen Sephine getauft wird.«

»Ei wirklich? Nun, wir werden ja sehen!« sagte er und beeilte sich fortzukommen, um rechtzeitig wieder da zu sein, bevor seine Gattin den Pfarrer beeinflussen und für den von ihr gewählten Namen gewinnen könne.

Die Wöchnerin lachte in ihr Taschentuch hinein, daß es von Tränen durchnäßt wurde. Sie wußte, daß er jetzt in die Mariahilferstraße laufen und in dem großen Weißwarengeschäft gegenüber der Kirche einen prächtigen Täuflingsstaat einkaufen würde.

»Bringen Sie mir die Sephinerl!« rief sie der Amme ins Nebenzimmer.

Das Kind wurde ihr ins Bett gereicht, sie legte es neben sich und zupfte es am Näschen und am Härchen und am Öhrchen und sagte liebkosend dazu: »Ei, was für ein schönes Kleiderl und was für ein schönes Mascherl und was für ein schönes Hauberl bekommt mein kleins Sephinerl!«

Um der jüngsten Schwester, die entschieden kein Glück in der Liebe hatte, eine kleine Freude zu bereiten, hatten sie sie zur Patin gebeten. Und Susann, deren Rundlichkeit jetzt schon einem jungen Frauchen Ehre gemacht hätte, entledigte sich mit großer Würde ihrer Aufgabe und sah ganz verliebt auf Klein-Sephinerl hinunter, während sie es über die Taufe hielt.

Zuhause sagte sie dann zu Bethi: »Pfui Teuxel, ist so ein kleines Kind grauslich! .. Wenn ich nur auch eines hätt'!«

»Kann schon noch kommen,« tröstete Bethi. »Es finden nicht alle Mädchen gleich mit achtzehn Jahren den Richtigen.«

»Ich bin jetzt schon zu alt dazu. Überhaupt heiraten! ... Wen denn? Vielleicht den Karl Patruban?«

Später, auf ihrem Zimmer, holte sie ihr Tagebuch hervor, in das sie seit Monaten nichts eingetragen hatte. Heute war sie in der richtigen Stimmung.

»Ich werde mich nie verheiraten!« schrieb sie, alle Wörter dick unterstreichend, die ihr besonders aus dem Herzen kamen. »Ich mag die Männer nicht (meine Brüder natürlich ausgenommen). Als ich noch ein junges Mädchen war, sehnte ich mich nach Liebe wie alle jungen Mädchen und stellte mir etwas märchenhaft Schönes darunter vor, wie den Christbaum am Weihnachtsabend. Jetzt, da ich reifer geworden, bin ich erst dahinter gekommen, daß nichts überflüssiger ist auf der Welt als die Liebe. Was hat sie überhaupt für einen Zweck? Wär' es nicht besser, sie einfach abzuschaffen? Das einzige Unangenehme ist, daß man ohne sie eine alte Jungfer wird. Aber auch das wird sich ertragen lassen. Lieber eine alte Jungfer, als Gattin! Schon der Name klingt lächerlich und beinahe anstößig. Sollte nur einer kommen und mich zur »Gattin« haben wollen – einen Korb bekäm' er mit, so groß wie der Luftballon, der neulich im Prater aufgestiegen ist, Oder – wenn ich schließlich doch ja sagen und die Gattin meines Gatten werden würde, so geschähe es höchstens, um mich an dem ganzen Geschlechte zu rächen. Ich fühle das Zeug in mir, herzlos zu sein. Sind nicht auch die Männer herzlos? Was für Leiden verursachen sie uns, ohne mit emer Wimper zu zucken! Wenn wir nämlich das Unglück haben, uns in sie zu verlieben. Das ist mir Gottlob nie passiert. Darum können sie mir auch nichts anhaben. Aber wenn ich liebte, angenommen nur – diesen sonderbaren Wüstenheiligen zum Beispiel, der mit der Melone unterm Arm nach Brasilien fuhr – müßte ich jetzt nicht darunter leiden, daß er all die Jahre her nichts von sich hat hören lassen? Kein Sterbenswort, keine Zeile! Daß ich nicht einmal weiß, ob er überhaupt noch am Leben oder längst gestorben ist? Was für Qualen für mich, hätte sich einst in meinem unerfahrenen Herzen etwas wie eine leise Neigung zu ihm geregt! Zum Glück war es nicht der Fall, er ist mir von je völlig gleichgiltig gewesen, ich habe nie das geringste für ihn empfunden, hier diesem Buche, gegen das ich stets wahrhaft bin wie gegen mich selbst, würde ich es anvertrauen, wenn es wäre, aber es ist nicht und war nicht, niemals, nie! Aber angenommen, ich hätte mir etwas aus ihm gemacht! Er konnte es doch nicht wissen, wie gleichgiltig er mir war? Und wär' er nicht brutal und

herzlos wie alle, so hätt' er wenigstens einmal Nachricht von sich gegeben. Er hat es nicht für notwendig gehalten, wahrscheinlich erinnert er sich nicht einmal mehr des albernen kleinen Mädchens, das er einst so ritterlich gegen Mießrigels Zudringlichkeiten in Schutz nahm. Mir kann es gleich sein, ich denke ja auch nicht mehr an ihn, hab' ihn gleichfalls längst vergessen! Ich bin zufrieden und glücklich wie irgendeine von meinen Freundinnen, die alle bereits verheiratet sind. Wahrscheinlich sogar glücklicher und zufriedener! Denn was hat man von der Ehe? Daß man sich von seinem Mann eine Menge gefallen lassen muß! Und daß man sicher ein blasses Kind bekommt, wenn man sich ein rotwangiges wünscht, und ein Mädchen, wenn man sich einen Knaben erwartet hat. Das ist alles, was man von der Ehe hat! Ich freue mich geradezu darüber, daß mein Herz kalt und fühllos geworden ist, und daß mir die Liebe nichts mehr anhaben kann!« –

Wenige Tage, nachdem Susann diese Zeilen zu Papier gebracht hatte, erschien der Briefbote im Haus »Zum goldenen Stuck« und brachte ihr einen Brief aus Brasilien. Das war ein sonderbarer Brief! Ein ganz anderer Schinackel hatte ihn geschrieben als der mit den unförmlichen Stiefeln und dem Propheten-Bart. Schon die Hand allein – welche Veränderung! Keine schulmeisterliche Akkuratesse mehr, freie, gleitende Züge, gefällig und kommerziell. Und ohne viel Umschweife gleich hinein ins Volle.

Verehrte und geschätzte Fräuln Susann!

Ich nenne Sie Fräulein, weil ich hoffe, daß Sie noch nicht Madame sind, und ich schreibe an Sie und nicht an Poldi oder Fred, weil ich an niemand in der Heimat so oft denke als an Sie. Das hätte ich Ihnen längst gern gesagt, aber bisher hatte ich keine Zeit dazu, es gibt viel zu tun hier zulande, wenn man für all die dreckigen Kerle genug Seife fabrizieren und einem jeden ein Licht aufstecken will. Das Geschäft prosperiert, es gefällt mir hier recht gut, auch die Weiber sind nicht übel; haben ziemlich viel Feuer, weil es größtenteils Spanierinnen sind, aber eine Wienerin ist halt doch etwas anderes, und seine erste Liebe vergißt man nicht so leicht, da helfen alle späteren Abenteuer nichts dagegen. Meine erste Liebe waren Sie, Fräuln Susann, und sind es noch, ob es Ihnen recht ist oder nicht. Vielleicht haben Sie nicht einmal etwas davon gemerkt – mein Gott, was bin ich für ein Hornochse damals gewesen! Jetzt hören Sie, beste Susann! Mein Lebenlang Seife zu sieden und bis ans Ende meiner Tage unter diesen kauderwelschenden Faullenzern zu sitzen, paßt mir nicht. Ich bin ein leidlich wohlhabender Mann geworden, und wenn ich mein Geschäft günstig verkaufen kann, so möchte ich mich zur Ruhe setzen und in die Roveranigasse zurückkehren. (Nebenbei: Das Haus, wo ich geboren bin und so lange wohnte, habe ich durch meinen Rechtsvertreter bereits käuflich an mich gebracht.) Es weht Krisenluft durch den europäischen Kontinent, und die Demokraten fangen an, sich zu rühren. Hier, wo jeder Schuhputzer ein Kaffeehaussitzer, Schreier und Politikaster ist, wächst einem die Demokratie zum Halse heraus. Bei uns zuhause hingegen, wo es so biedere, bescheidene und arbeitsame Menschen gibt, müßte es eine wahre Freude sein, ihnen ein wenig aus der Metternichschen Stickluft herauszuhelfen und von dem fröhlichen Sturm zu erzählen, der einem um die Ohren bläst, wenn man über Meer fährt. O du mein gutes altes Österreich! Du wohldurchwärmte gemütliche Winterstube, in der der üble Geruch des qualmenden Ofens mit dem behaglichen Duft der gebratenen Äpfel wetteifert! Es kommt auch für dich die Zeit, wo man ein wenig die Fenster wird auftun müssen, um Licht und Sonne hereinzulassen! – Aber ich verliere mich, verzeihen Sie mir! Also kurz und bündig: Ich denke in die Heimat zurückzukehren, und wenn Sie nichts dagegen einzuwenden hätten und nicht ganz abgeneigt wären, es mit mir zu versuchen, so möchte ich Sie dann um ihre kleine rundliche Hand bitten. Freilich kann es noch eine gute Weile dauern, sagen wir zwei Jahre, eh' es mir möglich sein wird, mich von hier loszueisen. Denn verschleudern will ich mein Geschäft nicht, es ist eine Goldgrube, wenn einer es versteht, und man muß die Gelegenheit abwarten. So lange müßte ich mich noch in Geduld fassen, und so lange müßten auch Sie so freundlich sein, Ihre übrigen Freier hinzuhalten, wenn Sie die Wahl zwischen mir und ihnen haben wollen. Daß ich mich wie ein Kind auf den Augenblick freue, wo ich vor Ihrem Angesicht erscheinen und mir die Antwort auf diese Zeilen holen kann, bitte ich Sie aufs Wort zu glauben

Ihrem Sie und die Ihrigen freundlich begrüßenden Ferdinand Scheichenstuhl & Cie.

Die Gewohnheit, die Firma zu zeichnen, mochte die Hand verführt haben, daß sie sich auch bei Signierung dieser höchst persönlichen Zeilen des geschäftlichen Namenzuges bediente. Es stand wirklich schwarz auf weiß »Ferdinand Scheichenstuhl & Cie.« da. Auch das Briefpapier gehörte der Firma und enthielt den Aufdruck: »Erste Brasilianische Kerzen- und Seifenfabrik, Blumenau, Brasilien.« Und unten folgte noch eine Nachschrift: » PS. Lasse mit gleichem Schiffe ein sortiertes Probekistchen prima Blumenauer Frühlingsblütenseife gratis und franko an Sie abgehen und erbiete mich im Konvenierungsfalle eventuelle Nachbestellung promptest zu effektuieren. Obiger.«

Susann zog ihr Schnupftuch und trocknete sich die Augen.

Ein Probekistchen prima Blumenauer Frühlingsblütenseife! Von Scheichenstuhl und Cie.! Gott, was für eine Krämerseele mußte aus diesem Wüstenheiligen geworden sein! Einfach keine Zeit hatte er vorderhand noch für sie! Die Geschäfte gingen voraus! Eine Bagatelle war sie ihm, und Kerzenziehen wichtiger! Sie konnte ja warten, geduldig wie auf den Erlöser, vielleicht hatte er einmal die Gnade, herüberzukommen und nach ihr zu sehen. In ein paar Jahren, bis sie steinalt und krummbucklig geworden wäre. So lange mochte sie warten, eine schöne Zumutung! ... Aber wenigstens hatte er an sie gedacht all die Jahre her und befand sich noch unter den Lebenden – das war wieder ein Trost ... Eigentlich fühlte sie sich doch erleichtert, seit sie wußte, daß er noch lebte. So wenig er sie auch anging – das Leben gönnte sie ihm schließlich. Hätte er das nicht früher schreiben können, daß er noch am Leben war?

Ihre Tränen flossen reichlicher. Sie bemitleidete sich. So lange hatte sie nichts von ihm gewußt! So lange! ... Und nun hatte er doch ein Lebenszeichen gegeben. Und genau besehen stand nicht bloß von Kerzen und Seifen und Geschäften in dem Briefe zu lesen! Wenn man gerecht sein wollte, mußte man zugeben, daß auch persönliche Worte darin eingestreut waren. Warme Worte sogar, die sich auf sie bezogen und eine Neigung aussprachen, die die Jahre überdauert hatte. Er mußte doch etwas wie ein Herz haben bei seinem Seifensieden, der Herr Schinackel-Scheichenstuhl und Cie.! Vergessen hatte er sie nicht, so viel stand fest, und daß er ihrethalben sogar herüberkommen und um sie werben wollte, war doch im Grunde so übel nicht.

Auf einmal fiel ihr das Tagebuch ein. Dort stand es schwarz auf weiß, daß sie ihn nicht mochte, daß er ihr stets gleichgiltig gewesen. Und daß sie die Liebe für das Überflüssigste hielt auf Erden. Und daß sie sich nie verheiraten würde, niemals!

Was sie dem Tagebuche anvertraute und darin niederschrieb, das sollte von je ihre wahrhafteste und innerlichste Überzeugung sein, daran durfte kein Deut geändert werden. Nun konnte sie ihm freilich nicht mehr helfen, wenn es einmal im Tagebuch stand. Unter diesen Umständen war es unmöglich, daß sie die Seine wurde, und wenn er darüber zugrunde ginge! Warum hatte er auch nicht früher geschrieben? Jetzt war es zu spät, jetzt blieb ihr nichts andres übrig, als ihn seinem traurigen Schicksal zu überlassen!

Und indem sie den Brief fortlegte und das Taschentuch vor die Augen drückte, überließ sie sich einem herzbrechenden Schluchzen, denn zu dem Mitleid, das sie mit sich selbst empfand, gesellte sich nun auch das Mitleid mit ihm.

Aber es war so viel unbeschreibliche Süße in dieser weinerlichen Stunde, und die fließenden Tränen erleichterten ihr das Herz. Der Sturm ging vorüber, sie wurde nachsinnend und lächelte sogar ein wenig. »Ich probier' es und schreib ihm ab,« dachte sie, indem sie den Brief wieder zur Hand nahm. »Vielleicht stirbt er an gebrochenem Herzen – das wäre wunderbar traurig ... Dann müßte ich mein Leben lang ein schwarzes Kleid tragen ...«

Und sie fing an darüber nachzudenken, welche Stoffe und welchen Schnitt ... düsteren Seidenkrepp um Hals und Ausschnitt, einen Florschal, unter dem die bleichen Arme vorscheinen ... »Und früge mich jemand,« dachte sie, »um wen ich trauere, so wüßt' ich was ich tu'. Die Lippen fest aufeinander pressen und kein Sterbenswort verraten! Und nur immer an ein fernes, fremdes Land denken, jenseits des Ozeans ... «

Überhaupt, schweigen, ein Rätsel sein für die Nächsten, für die ganze Umgebung, für alle Welt – darin lag ein eigener Zauber. Das machte so innerlich stolz und stark, so geheimnisvoll zufrieden. Niemandem würde sie etwas davon sagen, daß Schinackel ein Lebenszeichen gegeben hatte. Die Freude wäre ihr verdorben gewesen und das wohlige Leid, dem sie sich hingab, wenn alle von Schinackel und seinem Brief gesprochen und Familienberatungen über ihre Zukunft abgehalten hätten. Ganz allein wollte sie in aller Stille beobachten, wie es weiter kommen würde. Völlig neugierig war sie darauf, als ob es sich um irgend jemand gleichgiltigen dabei handelte, gar nicht um sie selbst.

Als einige Tage später das Probekistchen mit der Seife wirklich ankam, wußte sie es einzurichten, daß niemand es sah, bevor sie nicht die Adresse gefälscht und den Namen Michellas statt ihres eigenen auf den Frachtbrief gekritzelt hatte. Ein erlaubter Betrug, wie sie meinte; denn Michella freute sich wie ein Schneekönig über die unerwartete Sendung, die den für Seife ausgeworfenen Posten im Wirtschaftsbudget für einige Monate entlastete. Nun verzieh Michella Herrn Schinackel die beschmutzten Handtücher von ehedem und bedauerte, ihn verkannt zu haben. Sogar warme und ehrende Worte fand sie für ihn. Denn Vorurteile abzulegen und sich eines bessern zu besinnen, sei das schwierigste auf der Welt, sagte sie. Wenn Einer solches vermöge, müsse man ihn achten. Und wer seine Irrtümmer freimütig und offen einbekenne und ihnen abschwöre, wie Schinackel durch diese stumme Sendung an sie getan, der sei in ihren Augen ein echter und wahrhaft freier Mann.

Eine gewisse Spannung herrschte im Hause. Man wartete auf einen Brief, der die näheren Lebensumstande Schinackels enthüllen sollte. Daß er es bei dem wortlosen Kistchen bewenden lassen würde, war kaum anzunehmen. Aber er ließ es wirklich dabei bewenden, seltsam genug. Michella, deren Herz er nun ein für allemal erobert hatte, nahm ihn in Schutz. Gerade das war fein und vornehm: Nichts als der duftende Gruß der Blumenauer Frühlingsblüten, kein Wort sonst! Und schließlich erzählte ja die Firma, die jedem Stück Seife eingepreßt war, einen ganzen Roman: »Erste Brasilianische Kerzen- und Seifenfabrik Ferdinand Scheichenstuhl und Cie.«

Susann lächelte und nickte, stimmte jeder Meinung zu, die geäußert wurde und verschloß, was sie wußte, in ihrem Herzen und Schinackels Brief in ihrem zierlichen Sekretär. Nur mit Finettl, dem Familienpudel, sprach sie flüsternd auf ihrer Stube über Schinackel und erzählte ihm alles. Er war ihr Vertrauter, er kannte doch Herrn Schinackel, gewiß, er mußte sich seiner noch erinnern, wenn auch sein Gedächtnis abgenommen hatte, da er anfing alt zu werden. In der Eschenlaube damals, als Finettl zum Wasser gezerrt wurde, um geschoren zu werden ... da hatte sich eigentlich ihr Schicksal entschieden.

»Wie schmutziges Spinnweb,« sagte sie, »ist es auf einmal von uns abgefallen, von dir der Pelz und von mir der Gedanke an Mießrigel. Da war uns frei und leicht zumute, uns beiden! Weißt du es noch? Kannst du dich entsinnen? Bist ein braves Hunderl, Finettl!«

Sie streichelte ihn, und er hielt den Kopf auf ihrem Schoß und sah traurig zu ihr auf. »Ich fange an alt und müde zu werden,« hätte er gesagt, wenn er hätte reden können; »ihr werdet euch bald um einen andern Pudel umsehen müssen.«

Außer dem Finettl vertraute sie aber niemandem ihr süßes Geheimnis, auch Bethi nicht. Diesen Winter wollte sie durchaus nicht tanzen. »Weil ich Braut bin,« sagte sie sich im Stillen. Den andern aber sagte sie gar nichts oder höchstens: »Weil ich einfach nicht mag.« Einen ganz verstockten und rätselhaften Eindruck machte sie.

Einmal wurde der Muschir ungeduldig.

»Hör Mädel, das ist begreiflich, daß du keinen Mann bekommst, so ein bockiges Ding, wie du bist!«

Ach, wie tat es wohl, so unschuldig gedemütigt zu werden! Duldend schlug sie die Augen nieder, verteidigte sich nicht, sagte gar nichts. Aber in ihrem Innern jubelte und triumphierte es: »Wenn ihr wüßtet, was ich weiß!«

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