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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
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Das Mädchen ohne Hände war die Tochter des Rentmeisters im Schloß, das drüben in dem großen Parke lag, jenseits des Mühlbaches. Zur Zeit, da man die Grundeln fängt, wurde die Bekanntschaft erneut und befestigt, die sich einst zur Zeit der Pflaumenernte angesponnen hatte. Die schönen Sommerferien waren wieder einmal da, die Ribesstauden hingen voll korallenroter Trauben, und die Hitze des Nachmittags betäubte die Fische im Bach, die wie kleine getigerte Schlangen aussahen und sich tief in den braunen Schlamm einwühlten. Man mußte das Fangnetz sachte gegen die Strömung bewegen, bis an die Stelle, wo das Fischlein lag, und dann einen entschlossenen Stoß in den Grund tun, um es von der Schwanzseite her zu überrumpeln. Hielt das Garn stand und ging nicht entzwei, so konnte es geschehen, wenn das Glück es wollte, daß in dem Klumpen mooriger Erde, der ans Licht gezogen wurde, ein geängstigter Gründling schnebelte. Bevor es aber so weit kam, mußte man das Fischlein erst gesehen haben, und das hielt oft schwer. Der Laubgitterschatten der Bäume bewegte sich leise schaukelnd in der Tiefe, und runde Sonnenlichter trieben dazwischen ihr Spiel. Und aus dem Spiegel des Wassers, das langsam und lautlos darüber hinzog, leuchtete eine Erscheinung, die bewirkte, daß die Knaben aller Grundeln vergaßen, die es auf der Welt geben mochte. Denn seit ihrer ersten Begegnung mit dem Mädchen ohne Hände hatten sie jeder für sich insgeheim gewünscht und gehofft, sie einmal wiederzusehen. Sie sollte sich aber bei Verwandten in einer fernen kleinen Stadt befinden, hieß es, das hatten sie durch harmlose Kreuzfragen gelegentlich aus dem Gärtner Vogel herausgekitzelt, der mit dem Rentmeister befreundet war. Und als Sommer um Sommer verstrich, ohne daß sie sichtbar geworden wäre, da meinten Poldi und Fred schließlich, sie käme überhaupt nicht mehr zurück, und sie würden sie niemals wiedersehen. Und allmählich hatten sie sie fast vergessen.

An diesem Tage nun stand sie unversehens wieder drüben, an der Stelle, wo sie damals gestanden, und das Wasser ließ ihr Bild in leuchtenden Farben über den Gründlingen schwimmen. Hoch aufgeschossen war sie inzwischen und etwas zu mager geworden, trug schon ein halblanges Kleid und das Haar geflochten und aufgesteckt. Sonst hatte sie sich wenig verändert – nur daß sie jetzt kein Mädchen ohne Hände mehr war, sondern alle Glieder besaß, die ein ordentliches Menschenkind besitzen muß, sogar eine Zunge zu reden, daß sie sich auf einmal in einem Gespräch miteinander befanden, wer weiß wie, gleich guten alten Bekannten. Und sie redeten höflich und gesetzt, fast wie Erwachsene, erst über die Grundeln und über die Hitze des Tages und über die winzigen Krebse, die es gab, wenn im Herbst der Mühlbach abgelassen wurde.

»Auf der Himmelswiese haben wir einmal eine Gottesanbeterin gefangen,« sagte Poldi.

»So eine möcht' ich auch einmal sehen,« meinte sie.

»Komm hin,« sagte Fred. »Du weißt doch, wo die Himmelswiese ist? Aber du kannst nicht über das Wasser!«

»O leicht! Am Schloß hin und durch die Mühle, so bin ich am Feldweg. Und dann immer geradezu, bis euer Gatter anfängt. Aber Baron Bela darf es nicht sehen.«

»Wer ist Baron Beta?«

»Der junge Herr vom Schloß. Er will den ganzen Tag Mühlfahren mit mir spielen. Sonst weiß er nichts anzufangen.«

»Bring ihn halt mit?«

Sie machte eine wegwerfende Gebärde, das freute Fred.

»Dann schleich dich fort,« riet er; »bist du einmal bei uns, so schützen wir dich! – Wie heißt du eigentlich?«

»Ratet einmal,« sagte sie.

»Vielleicht Rumpelstilzchen?« meinte Fred.

Sie sah aufmerksam hinüber und schwieg.

»Du blickst immer so ernsthaft wie die Königstochter, die niemand zum Lachen bringen konnte.«

»Der ist auch mehr ernst,« sagte sie und wies mit der Hand auf Poldi.

Man hörte Schritte, die Büsche teilten sich, ein schlankgewachsener Kadett stand da und schlug ein paarmal mit der Gerte, die er in der Hand hielt, auf die hohen Schäfte seiner Reiterstiefel. Er mochte nur um weniges älter sein als Poldi und Fred, sah aber reifer und jünglinghafter aus durch die Haltung, die das militärische Wesen ihm verlieh. Die drei jungen Leute maßen einander eine Weile von Ufer zu Ufer mit Blicken, die auf unausgesprochen Feindseligkeit deuteten.

»Heut' machst du dich wieder rar,« sagte der Kadett endlich zu dem Mädchen. »Was gibst du dich mit denen ab?«

Da wurde sie rot und ging gehorsam an seiner Seite hin, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen. Sie mochte sich vor ihren neuen Freunden schämen und dachte vielleicht an nichts, als ihn so rasch wie möglich zu entfernen.

Als die Knaben abends zu Bette gegangen waren, lag Fred auf dem Rücken und starrte unverwandt zur Decke hinauf.

»Schläfst du, Poldi?«

Aber der Bruder schlief noch nicht, er hatte versucht zu beten. Die Glorie des Himmels, die er schaute, senkte sich in das dämmernde Gemach, daß Worte und Begriffe des Gebets in dem verwirrenden Kampf der Strahlen untergingen, die vor seinen geschlossenen Lidern flirrten.

»Die Grafen und Herren und alle, die so sind wie diese, sollte man davonjagen,« sagte Fred.

»Warum?«

»Es muß noch einmal dazu kommen, in Paris haben sie es auch so gemacht. Denn diese mögen keine Freiheit und keine Gleichheit und halten sich für etwas Besseres als die andern Menschen sind. Wir sind aber von Natur aus alle gleich, und einer hat so viel Recht wie der andere.«

»Vor Gott, aber nicht in dieser Welt!«

»In Rom ist es auch so gewesen, darum ist Rom groß geworden. Alle Bürger waren frei und gleich vor dem Gesetz.«

»Es hat Patrizier gegeben und Plebejer.«

Darauf wußte Fred nicht gleich zu erwidern. Bis ihm die Volkstribunen einfielen, die er sich zu Zeugen aufrief, obgleich sie eigentlich gegen ihn zeugten.

»Überhaupt,« sagte er, »galt das Volk alles. Julius Cäsar wollte mehr sein als die andern Bürger. Es hat sich ein Brutus für ihn gefunden.«

»Damals sind die Menschen noch nicht Christen gewesen,« sagte Poldi nachdenklich.

»Das sollten aber gerade die Christen am besten wissen, daß alle Menschen gleich sind.«

»Christen sollen nicht Gewalt brauchen.«

Das wollte Fred nicht gefallen. Wer im Recht war, mußte sich wehren dürfen, solange die Welt stand, war es so gewesen. An Marathon und die Termopylen denkend, schlief er ein. Poldi aber hörte noch lange die Frösche in der Ferne quaken. Es war ihm, als hätte Gott die Hand von ihm gezogen. Und er bangte sich um den Bruder. Wie sollte er ihn behüten, wo er mit sich selbst solche Not hatte? –

Vom Gärtner Vogel erfuhren sie, daß das Mädchen von drüben jetzt bei ihrem Vater bleiben und in der Wirtschaft mithelfen sollte.

»Eigentlich ist sie etwas Besseres, die Anna,« sagte Vogel, »und man müßte sie fast Fräulein nennen. Der Ensbrunner hat Glück, denn es ist auch sonst nicht zu seinem Schaden.«

Er zwinkerte mit den Augen, sie verstanden ihn nicht recht und legten sich seine Worte dahin aus, daß es ein Glück für den Rentmeister sei, eine solche Tochter zu besitzen; woran sie auch nie gezweifelt hatten. Denn wie die meisten Knaben, die ohne Schwester aufwachsen, hegten sie eine stille Ehrfurcht vor Mädchen-Haar und -Kleidern. In die weiße Rinde einer Birke schnitt Fred den Namen Anna tief bis in den Splint Und niemand wußte es, denn der Baum stand verborgen. Nur sie allein wußten es. Aber in diesem Sommer sahen sie das Mädchen nicht wieder, erst im nächsten Jahre. Da waren sie um vieles älter geworden alle drei und wußten schon allerhand Ernsthaftes miteinander zu reden. Es dauerte nicht lange, so wurden sie wirkliche Freunde.

Jetzt trafen sie bisweilen wie zufällig auf der Himmelswiese zusammen. Und Anna konnte mit Grashalmen, die sie in den Mund nahm, einen Knoten schürzen, ohne die Hände zu Hilfe zu nehmen. Der Kadett wohnte diesen Sommer nicht auf dem Schlosse.

»Ich bin froh darüber,« sagte sie einmal, »er war wie eine Klette.«

Aber ein anderes Mal sagte sie wieder: »Es ist einsam heuer im Schloß ... Der junge Freiherr soll bald ein Leutnantspatent bekommen, heißt es, dann ist er Offizier des Kaisers, denkt einmal!«

Fred gab zu verstehen, ein Unterleutnant dünke ihn nichts sonderlich Großes; insgeheim aber beneidete er den jungen Kavalier, den sein Offizierspatent mit einem Schlag zum Manne machen würde.

»Wenn ich einmal aufs Polytechnikum komme und Student werde,« sagte er, dann will ich ein buntes Band über der Brust tragen.«

»Aber einen Säbel, wie Baron Bela ihn hat, darfst du doch nicht tragen.«

»Die Burschen, die tragen auch Säbel oder wenigstens Schläger. Und dann ist das so: Die Soldaten allein – meinst du, die könnten es richten? Auf dem Paradeplatz allenfalls; wo es aber Ernst gilt. Anno neun zum Beispiel – wie wär es damals dem Kaiser ergangen ohne die Studenten? Wenn man ihnen nicht Gewehre und Säbel und Uniformen gegeben hätte, genau wie den Offizieren! Das weiß ich vom Gugucksgroßvater, der selbst mit dabei gewesen ist auf der Bastei und in der Schlacht auf dem Marchfeld – da drüben, wo man die gelben Kornfelder sieht zwischen dunklen Waldstreifen. Und so ist es immer: Wo es um die Freiheit geht, da brauchen sie die Studenten dazu!«

»Wenn die Türken wieder einmal kämen?« ... sagte sie und blickte in die Ferne, wo die Stadt lag mit ihren Bastionen und Türmen.

»Oder wenigstens die Franzosen? Mir wär' es recht! Aber lieber noch wollt' ich, es kämen die Türken!«

»Solche Kriege gibt es garnicht mehr,« sagte Poldi. »Jetzt gibt es nur mehr Kriege der Armen gegen die Reichen und der Soldaten gegen die Bürger und ähnliche Kriege, wie man sie in Paris erlebt hat. Und das sind die allerschlimmsten und unchristlicher als die Kriege, die die Türken führen.«

»Unsinn!« sagte Anna ... »Übrigens wißt ihr, daß in Gutenstein drüben eine Höhle im Wald ist, wo noch ein Schatz versteckt liegen soll aus der Türkenzeit?«

»Heben wir ihn!« schlug Fred vor. »Aber du traust dich nicht hinein, wenn die Höhle tief und finster ist.«

»Glaub so was!« verteidigte sie sich. »Im Winter, wenn im ganzen Schloß niemand wohnt als der Vater und ich, dann weiß ich schon, wie ich es mache, wenn ich am Abend allein durch die Säle und dunklen Gänge gehen muß. Dann trag' ich eine Brennessel in der Hand vor mir her, und die scheucht alle Furcht. Aber selbst gepflückt muß man sie haben, sonst nützt es nichts. Darum sammle ich mir einen ganzen Vorrat davon ein im Sommer und trockne sie hinter dem Ofen ...«

Einmal brachte sie eine Freundin mit auf die Himmelswiese.

»Das ist die Elfe,« sagte sie, »nun wißt ihr genug.«

Die Mädchen kicherten miteinander und verrieten nichts weiter. Die Freundin sah aber wie eine wirkliche Elfe aus, hatte Haare so hell, so fein und schwer wie Rohseide und eine Gesichtsfarbe wie eine wilde Rose so zart. Auch trug sie viel vornehmere Kleider als Anna, und etwas Lieblicheres als ihre feingeformten Füße in den zierlichen Schuhen, wie sie so auf der Wiese saß, war nicht zu denken.

An diesem Tage blühten für Poldi die Blumen auf der Himmelswiese doppelt schön, und er konnte keinen Blick von Elfe wenden. Denn ihre sanfte, leidenschaftslose Art tat seinem Gemüte wohl, das grundlos gequält blieb, weil er sich über alles Gedanken machte und voll von Sorgen war um Gott und die Menschen. Elfe hingegen hielt sich mehr an Fred und drückte ihm einen Kranz von Eichenlaub, den sie gewunden hatte, ins blondgewellte Haar.

»Jetzt sehen Sie aus wie ein Held! Wofür wollen Sie kämpfen?«

»Für die Freiheit!« sagte Fred.

Er machte sich aber wenig aus Elfe, so schön sie war, und hatte Zutrauen zu Anna, in ihrem schlichten, ländlichen Kleide. Sie befestigte ihr Taschentuch an einem abgebrochenen dürren Zweige und ließ es wie eine Fahne im Winde wehen.

»Wir kämpfen für alle Armen und Unterdrückten! Es lebe die Freiheit!«

Da löste Fred den Eichenlaubkranz aus seinem Haar und drückte ihn auf ihr dunkles Haupt. So hätte er sich eine Jeanne d'Arc vorstellen mögen, am Rand des Waldes stehend und mit flammenden Auge in die Ferne blickend.

»Im Winter,« sagte Elfe, »da häkeln und stricken wir für die Armen. Aber Mama sagt immer, man darf ihnen nur das Notwendigste geben, sonst wollen sie immer mehr und schließlich auch nichts mehr arbeiten.«

Fred nickte und lächelte dazu.

»Das kenn' ich schon; so reden alle, denen es gut geht, Onkel Muschir auch.«

Ein Kreuzschnabel, der aus dem Gebüsch aufflog, brachte sie auf die Legende von den heiligen Kreuzesnägeln, an denen der Vogel sich den Schnabel verbogen haben sollte. Und dann erzählte Poldi von den »Leiden Christi«, die der alte Brodbeck in Kristallflaschen zusammenstellte. Darüber konnte Elfe sich nicht genug wundern, sie versprachen, ihr ein solches Kunstwerk zu verschaffen. Wenn sie wiederkäme, würden sie es mitbringen.

Aber sie kam nicht wieder und war nur wie eine holde Erscheinung, die vorüberzieht.

»Elfe ist fort,« sagte Anna, als sie das nächste Mal auf der Himmelswiese mit ihr zusammentrafen. »Die hat es gut und kommt in die Welt hinaus. Unsereins bleibt ewig auf demselben Fleck ... Übrigens hätte sie gar nicht mehr mitkommen dürfen. Die Baronin ist sehr böse gewesen auf Elfe und mich; in der Hinsicht hat Elfe es wieder schlechter als unsereins, immer wird sie bewacht und darf keinen Schritt machen, wie sie möchte.«

Und sie erfuhren, daß Elfe die Schwester Belas und Tochter des Freiherrn von Auenwald sei, und daß sie eigentlich Elfriede heiße.

Wie sie nun so mit Anna im Grase beisammen saßen und über dem fernen Flachland hinter der Stadt mächtige Gewitterwolken sich auftürmten, da fing das Mädchen ohne Grund zu weinen an, und ihre Tränen flossen in Strömen. Sie wußte nicht recht, warum sie weinte, es war ihr nur so seltsam bang und sehnsüchtig ums Herz. Und sie empfand es dankbar, daß ihre Freunde schwiegen und nur still und teilnehmend auf sie hinblickten.

Viel später erst, nachdem sie sich beruhigt hatte, fing sie selbst davon an und sagte: »Ihr müßt was Schönes von mir denken, daß ich vorhin so ungeschickt und albern war. Das kommt manchmal so, ich weiß nicht wie. Dann ist mir zumut, ich müßt' ganz wo anders sein, als wo ich bin, und ich wünsche mir Flügel statt der Arme, daß ich da hinauf fliegen könnte, wo die Wolken sind, oder weit übers Land hin, bis das große Meer anfängt.«

»Das möcht' ich wohl auch manchmal,« sagte Fred. »Und einmal tu' ichs und laufe fort, man braucht nicht einmal Flügel dazu. Wenn ich am Meere bin, geh' ich auf ein Schiff als Schiffsjunge oder Matrose und fahre hinüber, wo der Schinackel wohnt.«

»Wer ist der Schinackel?« fragte sie.

Da erzählten sie ihr von ihrem ehemaligen Lehrer, und daß er nach Brasilien gefahren sei, um die Nachtigallen singen zu hören. Wie es in Brasilien aussehe? wollte sie wissen.

»Stell dir einmal ein großes, großes Land vor,« sagte Fred, »wo es immer Frühling ist und überall seltsame Blumen blühen, wie bei uns in den Treibhäusern, und die Schmetterlinge größer sind als die Kolibrivögel, und in den Wäldern statt der Kiefern, Buchen und Eichen lauter Palmen stehen. Und auf den Palmen wachsen Datteln, Kokusnüsse und Palmkätzchen, wie sie bei uns am Palmsonntag in St. Ulrich geweiht werden. Aber die Palmkätzchen, die dort auf den Bäumen wachsen, die sind nicht geweiht, denn es wohnen nur Heiden in Brasilien, und die sind schwarz wie die Neger und schmücken ihre Ohren und Nasen mit rot oder blau gefärbten Straußenfedern. Ab und zu einmal begegnet man auch einem eingewanderten Weißen, und der trägt gewöhnlich eine Melone unterm Arm, um sich unter den nächsten schattigen Baum zu setzen und sie zu verzehren. Denn die Weißen nähren sich dort ausschließlich von Melonen, die unglaublich wohlfeil sind, weil sie überall wild wachsen wie bei uns die Brombeeren. Die Eingebornen jedoch verschmähen diese Frucht, denn in ihrem Aberglauben bilden sie sich ein, sie verursache das gelbe Fieber, was natürlich gar nicht der Fall ist. Denn wenn man wirklich das gelbe Fieber davon bekäme, so gäb' es überhaupt keine Weißen mehr in Brasilien, weil alle von dem vielen Melonenessen längst gelb geworden wären.«

»Faselhans!« sagte Anna und lachte. Fred aber freute sich, das es ihm gelungen war, sie wieder aufzuheitern.

Und es verging abermals ein Winter und ein Frühling, ohne daß sie sich sahen oder etwas von einander hörten. Aber in den nächsten Sommerferien kamen sie sich ganz erwachsen vor und sagten fürs erste »Sie« zu einander, wenn sie zufällig auf einem Feldwege zusammentrafen und ein paar fremdtuende Worte mit einander wechselten. Anna zeigte sich jetzt nicht mehr am Rande des Mühlbachs, nur von ferne sahen sie manchmal ihr helles langes Kleid durch den Park wehen. Und einmal ging eine vornehme junge Dame an ihrer Seite, und sie erkannten, daß es Elfe war. Sie hatten noch immer die Kristallflasche mit den »Leiden Christi« stehen, die sie damals vom alten Brodbeck erworben hatten, um sie Elfe zu bringen.

»Wir wollen die ›Leiden Christi‹ ins Schloß hinüber tragen,« sagte Fred. »Es scheint, daß Elfe jetzt dort wohnt.«

Aber Poldi errötete und weigerte sich mitzugehen, so ging Fred allein. Es war ihm weniger um die »Leiden Christi« zu tun, er hoffte Anna wiederzusehen, und sein Herz pochte, als er sich von der Mühle her dem Schlosse näherte. Da bog aus einem Parkweg Elfe gegen das Gebäude und winkte ihm entgegen, als hätte sie ihn erwartet. Mit unverhohlener Freude begrüßte sie ihn, und als er ihr das Kunstwerk des alten Brodbeck einhändigte, konnte sie es nicht genug bewundern und sagte, eigentlich wisse sie nicht, ob sie es annehmen dürfe, aber sie könne nicht anders, weil es ihr ein zu wertes Andenken sei.

Inzwischen wurde von der Veranda des Schlosses ein paarmal der Name Elfe gerufen.

»Ich will Sie meiner Mama präsentieren,« sagte sie verlegen und führte ihn einer vornehmen und kühlen Dame zu, die in der Veranda auf einer Chaiselongue ausgestreckt lag.

»Leodolter ...?« sagte die Dame: .. der Name ist mir nicht bekannt. Wir verkehren nur mit den adligen Familie?' des Landes.«

»Sieh, Mama, was Herr Fred Leodolter mir Hübsches gebracht hat!«

»Derartige Spielereien gewinnen erst Wert, wenn sie geweiht sind,« sagte die feudale Dame. »Was schulde ich dafür?«

Fred bat, Fräulein Elfe die kleine Kuriosität verehren zu dürfen, und erzählte vom alten Brodbeck, und wie er es anstelle, die ganze Gruppe von Leidens- und Marterwerkzeugen im Bauche einer enghalsigen Flasche aufzubauen. Dabei würde sie gern einmal zusehen, sagte Elfe; da versprach er, sie gelegentlich hinzuführen und mit dem alten Broddeck bekannt zu machen. Aber die Baronin erhob Einspruch.

»Hievon werde ich Sie entheben müssen, ich wünsche nicht einen derartigen Umgang für meine Tochter. Auch muß ich bitten, die ›Leiden Christi‹ wieder mitzunehmen, da Sie sich die Kosten nicht ersetzen lassen wollen. Es wäre unpassend, wollte meine Tochter Geschenke von einem jungen Herrn annehmen, mit dessen Familie wir nicht näher bekannt sind.«

Nach einem peinlichen Wortwechsel, dem Elfe vergeblich Einhalt zu tun versuchte, sah Fred sich in der Tat genötigt, das Kunstwerk des alten Brodbeck wieder zusammenzupacken. Er grüßte und entfernte sich mißmutig. Elfe eilte ihm nach, es war, als wollte sie ihm danken, vielleicht Abbitte leisten für die hochfahrende Behandlung, die ihre Mutter ihm hatte zuteil werden lassen. Indessen erscholl abermals die strenge Stimme der Baronin von der Veranda: »Elfe!« Da sagte sie nichts als: »Leben Sie wohl!« und kehrte zurück.

»Die Mama hat es nicht erlaubt,« sagte Fred spottend zu Poldi.

Der gespreizte Adelsstolz der Dame hatte ihn verwundet und gereizt. Und das war die Gattin eines liberalen Landstandes! Die Bürger würden sich wohl auf sich selbst verlassen müssen, dachte er, wenn es einmal die Freiheit galt. Aber er erzählte nichts weiter, nur daß Elfe sich angelegentlich um Poldi erkundigt habe und ihn grüßen lasse. Er wußte, daß er Poldi mit der kleinen Lüge eine große Freude bereitete. –

Anna schien das gewohnte Stelldichein auf der Himmelswiese in diesem Sommer nicht mehr für ganz passend zu halten. Einmal aber kam sie doch, und da saßen sie ganz wie früher still nebeneinander, zuhöchst im Schatten der Buchen, und Anna sagte:

»Jetzt ist es eigentlich doch nicht mehr dasselbe zwischen uns wie sonst. Früher waren wir fast in gleichem Alter, und jetzt bin ich auf einmal um vieles älter als ihr.«

Alle drei saßen sie mit einem Gefühl von Wehmut da, wie schön es einst gewesen, und wie anders es seither geworden. Unweit blühte ein Strauch wilder Rosen, die dufteten zart und fein. Und weil sie einander so viel zu sagen gehabt hätten, daß sie rein gar nichts miteinander zu reden wußten, so fingen sie von den wilden Rosen an zu reden und von den andern, die in den Gärten gezogen werden.

»In unserem Garten«, sagte Poldi, »sind so viele Sorten edler Rosen, mit fremden französischen Namen, daß ich gar nicht weiß, wie sie alle heißen. Aber es ist etwas eigenes um sie. Sie kommen mir fast zu schön vor und duften auch so schwer und reich, daß ich keine rechte Freude an ihnen haben kann. Und es wird mir in ihrer Nähe, als ging' es mir zu sündhaft gut auf dieser Welt.«

»So ist mir's noch nie geworden,« sagte sie aufrichtig. »Mir scheint, du bist noch immer so, Poldi, daß du gern Gedanken spinnst? Wozu eigentlich? Über einen Strauß schöner Gartenrosen freut man sich, und weiter tut gar nichts not.«

»Es ist eine Pracht, die mir bange macht. So wie mir einmal geträumt hat, daß ich sehr reich war und alles mögliche besaß. Froh wurde ich von dem Traume nicht ... Die wilden Rosen schenkt uns der Wald. Sie gehören jedermann und darum auch mir. Ihr Duft und ihre Schönheit machen mir Freude, und ich kann dabei doch bleiben, der ich bin.«

Sie schwiegen. Aber Poldi spann den Gedanken weiter.

»Überhaupt geht es mir immer so,« sagte er nach einer Weile. »Was gar stolz und prächtig ist, das paßt nicht zu mir. So wie wenn ich nichts zu sorgen und zu denken hätte und ich mir's allzu wohlig machte – da würde mir bang. Kennst du das nicht?«

»Mir kann es überhaupt nicht wohlig genug sein,« sagte sie lachend. »So sind die Menschen verschieden. Alles, was stolz und prächtig ist, gefällt mir; und an Sorge und Kummer mag ich gar nicht denken, das ist das Abscheulichste, überhaupt!«

»Es ist doch auch eine stille Freude dabei.«

»Er ist ein kompletter Sonderling geworden,« sagte Anna zu Fred.

Der hatte inzwischen ein paar Zweige von den Hagerosen gebrochen und brachte sie herbei. Am Finger blutete er, ein Dorn hatte ihn geritzt. Poldi blieb schwerfällig und versonnen.

»Wenn ich mir Jesus Christus vorstellen wollte mit Rosen im Haar! So etwa wie die vornehmen Römer bei Gastmählern sie trugen. Was wäre er uns dann? Nur weil er unter einer Dornenkrone blutet, bedeutet er uns so viel!«

Da wurden auch Anna und Fred ernst und schwiegen peinlich berührt.

Bis das Mädchen sagte: »Jesus Christus – das ist wieder ein ganz anderes Kapitel. Er hat für uns gelitten, darum brauchen wir nicht zu leiden. Der Pfarrer hat neulich gepredigt: Selig sind, die da Leid tragen ... Warum? Sind nicht viel seliger, die froh sind? Ich verstehe es nicht.«

»Ich verstehe es ganz gut,« sagte Poldi; »aber ich kann es nicht erklären ... «

Sie ging auf ein anderes Gespräch über und erzählte vom jungen Freiherrn, wie stattlich der in seiner neuen Uniform aussehe. Denn er hatte jetzt wirklich sein Patent als Unterleutnant erhalten. Die beiden jungen Leute waren ein wenig verstimmt, in ihrem Bürgerblut steckte eine gewisse Abneigung gegen zweifarbiges Tuch, die fast wie angeboren war.

»Ich möchte nicht Soldat sein,« sagte Fred. »Man darf keinen eigenen Willen haben und ist wie eine Maschine. Meine Freiheit wäre mir zu lieb.«

»Außer Dienst haben sie mehr Freiheit als die andern.«

»Oder nehmen sich wenigstens Freiheiten heraus, die ihnen nicht gebühren.«

Fred war nachträglich unzufrieden, daß er durch Gereiztheit das Beisammensein getrübt hatte – für sich selbst wenigstens. Überhaupt blieb etwas Unerfülltes zurück in seinen Gedanken, wie ein stiller Wunsch, sie wiederzusehen. Seine Einbildungskraft beschäftigte sich mit ihr. Mehr als es in ihrer Gegenwart der Fall gewesen wäre, erwachte vor ihrem Traumbild das Bedürfnis, ihr eine Art von schwärmerischer Ritterlichkeit und Verehrung zu widmen. Und je mehr die Zeit hinstrich, und je länger er sie nicht sah, um so drängender grüßte und lockte aus der Gespielin der Kindertage das neue und bestrickend fremde Rätsel der Weiblichkeit. Aber er fand fürs erste keine Gelegenheit mehr, sich ihr zu nähern.

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