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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
correctorreuters@abc.de
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Petz saß in seinem Arbeitskabinett, es klopfte und Mießrigel trat ein.

»Habe die Ehre, Herr von Leodolter! Ergebener Knecht! Sie erlauben schon, daß ich hereinspaziere, nicht wahr? Oder stör' ich vielleicht? Macht auch nichts. Eine brennheiße Neuigkeit bring' ich mit und eine gute dazu. Da ist es doch der Müh' wert, sich stören zu lassen! Was?«

Ohne seinen Unmut zu verbergen, hatte Petz sich erhoben und war ans Fenster getreten. Draußen stöberte es, nur wie durch einen getupften Schleier dämmerten von der gegenüberliegenden Seite des Platzels die Umrisse der Ulrichskirche herüber.

Mießrigel knöpfte den Mantel auf und schüttelte sich. Er schlug die aufgekrämpten Hosen nieder und trabte ungeniert mit den schweren nassen Stiefeln auf den Parkettboden. Aus allen Falten seiner Kleider fielen frische Flocken und flaumige weiße Schneekrusten auf den blankgebohnten Estrich nieder.

»Entschuldigen vielmals,« sagte er, »ich bin schon einmal so ein Schwein. Mir scheint gar, es schneit draußen? Vor lauter Freud' hab' ich es gar nicht bemerkt.«

»Was steht zu Diensten?« fragte Petz vom Fenster her.

»Wenn Sie nichts dagegen haben, zieh' ich den Mantel überhaupt aus. Es redet sich leichter im trockenen Zustand ... Erlauben Sie, daß ich Platz nehme!«

Er hing den Mantel über einen Kavilierstock und rieb sich umständlich die starr gewordenen Hände. Dann rückte er sich einen Stuhl zurecht, setzte sich und begann zu schaukeln und den Stuhl auf zwei Beinen zu balancieren, während er nachdenklich zu Boden blickte.

»Es ist lange her, daß ich nicht mehr das Vergnügen hatte. Schier eine halbe Ewigkeit, kommt mir vor. Ein ganz anderer Mensch wird man so mit der Zeit ... Damals wären Sie beinahe mein Herr Schwager geworden. Es hat nicht sein sollen – na, dagegen läßt sich jetzt nichts mehr machen. Ich hab' Ihre Schwester gern gehabt, sehr gern sogar. Es hat mir einen ordentlichen Bremsler gegeben, wie sie sich von mir abgewendet hat. Sie, so etwas tut weh! Oder glauben Sie vielleicht, daß verschmähte Liebe wohl tut? ... Es muß sie irgendwer aufgehetzt haben gegen mich, der Schinackel oder so einer. Denn ursprünglich hat sie mich auch gern gehabt, das weiß ich ganz bestimmt.«

»Sind Sie gekommen, mir das zu erzählen?«

»Nein, deswegen bin ich nicht gekommen. Es ist mir nur so herausgerutscht, wie ich Sie wiedergesehen habe. Gekommen bin ich wegen einer ganz anderen Sache. Also lassen wir das Vergangene vergangen sein. Es ist Gras darüber gewachsen, ich trage niemandem nichts nach. Unglück reift den Menschen, ich stehe heute als Charakter ganz anders da als damals. Sogar eine Überzeugung hab' ich, bitte!«

»Sehr erfreulich für Sie,« bemerkte Petz kühl, der am Fenster stehen geblieben war.

»Sie sagen das so quisiquasi, als ob Sie nicht recht daran glauben wollten?« bemerkte Mießrigel mißtrauisch, »Einmal haben Sie mir sogar zu verstehen gegeben, daß Sie mich geringschätzen, weil ich keine Überzeugung hätte. Das hat mich gewurmt. Auch den Wurm wurmt es, wenn er getreten wird. Und deswegen bin ich heute gekommen. Weil ich nämlich meine Reputation bei Ihnen wiederherstellen möchte.«

»Es wird mich freuen, wenn es Ihnen gelingen sollte.«

»Es wird mir gelingen, verlassen Sie sich darauf. Sie sollen sich heute davon überzeugen, daß ich eine Überzeugung besitze.«

»Sie scheinen guter Laune?«

»Weil ich stolz bin. Weil ich mir Verdienste erworben habe. Ja, schau'n Sie nur! Große Verdienste sogar hab' ich mir erworben! Um die Intelligenz, um das Bürgertum, um den Staat, um die Freiheit. Um all' das hab' ich mir Verdienste erworben!«

»Sie nehmen den Mund reichlich voll.«

»Waren Sie nicht unter den Männern,« sagte Mießrigel den Ton wechselnd, »die sich um das Zustandekommen des juridisch-politischen Lesevereins bemüht haben?«

Petz stutzte, hielt es aber für geraten, die Antwort schuldig zu bleiben. Unwillkürlich war er rot geworden, worüber er sich nicht wenig ärgerte. Mit einem überlegenen Lächeln sah Mießrigel zu ihm hinüber und schaukelte dabei mit seinem Stuhl, daß man jeden Augenblick meinte, er würde umkippen.

»Sie haben sogar bei der Ausarbeitung der Statuten mitgwirkt, Herr von Leodolter. Können Sie das leugnen?«

»Spitzel!« knirschte Petz empört.

»Spitzel? Hören Sie weiter! Der Verein soll Leseverein heißen, damit das Kind halt einen Namen hat. Die Projektanten wollen aber nicht bloß lesen. Beileibe! Sie wollen auch reden! Aufs Reden kommt es ihnen sogar mehr an als aufs Lesen. Sie wollen Tagesfragen besprechen, öffentliche Angelegenheiten erörtern. Sie wollen auch über die Regierung reden, vielleicht sogar Kritik an ihr üben. Haben Sie wirklich nur für einen Augenblick lang es für möglich gehalten, daß der Metternich eine solche Vereinigung zugeben wird?«

»Was fragen Sie mich? Man muß sich halt rühren. Wer sich selbst aufgibt, den gibt Gott auf. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen, das weiß ich leider nur zu gut, haben die Statuten freilich keine Aussicht genehmigt zu werden.«

»Sie sind genehmigt,« sagte Mießrigel großartig.

Seine Erregung kaum bemeisternd verließ Petz seinen Platz am Fenster und trat näher.

»Treiben Sie ihren Spaß mit mir, oder sind Sie ein Agent provocateur?«

»Keines von beiden. Sie sehen in mir einen ehrlichen Kerl, der es mit der guten Sache der Freiheit hält.«

»Ein Beamter der Zensurhofstelle?«

»Kann in seinem Herzen auch freiheitlich gesinnt sein.«

»Wenn ich Ihnen Glauben schenken soll, so werden Sie sich näher erklären müssen.«

Und Mießrigel erklärte sich näher. Eine kurze Urlaubsreise Metternichs hatte er dazu benützt, eine gut angeschriebene Persönlichkeit, die sich wissenschaftliche Anregung von dem neuen Verein versprach, in das Arbeitskabinett des Grafen Sedlnitzky zu lotsen, und während die beiden Herren bei einer Zigarre plauderten, war Mießrigel eingetreten, hatte seinem obersten Chef die eingetauchte Kielfeder gereicht und Papiere zur Unterschrift vorgelegt. Sedlnitzky hatte mechanisch ein paar Akten unterzeichnet, hielt dann einen Augenblick inne, stutzte und sagte zerstreut: »Das ist der neue juristische Verein! Sie interessieren sich dafür, Baron?«

»Gewiß interessiere ich mich dafür.«

»Eine ungefährliche Sache natürlich?« wendete der Gewaltige sich an seinen Subalternen.

»Diskussionen über Corpus juris Justinianeum,« sagte Mießrigel mit geringschätzigem Lächeln.

Da lächelte auch Graf Sedlnitzky, und im nächsten Augenblick stand sein Namenszug unter dem Schriftstück.

Das erzählte Mießrigel jetzt mit Behagen und tat sich nicht wenig auf seine Diplomatie zugute.

»Hab' ich es nicht gut gedeichselt, wie? Beste Schule Sedlnitzky! Der Lehrjunge übertrumpft seinen Meister. Es ist kein Fuchs so schlau, daß er nicht einen noch schlaueren fände. Was wollen Sie jetzt noch? Das System hat eine Bresche. Ich schenke Ihnen diese Bresche! Das Bürgertum braucht nur hineinzusteigen und das Zwinguri schön langsam von innen heraus zu demolieren. In ein paar Jahren kann, das wette ich, die Fahne der Freiheit über den Trümmern wehen. Ich habe das meinige getan, tun Sie jetzt das Ihrige!«

Er hatte sich erhoben und stand da wie Kaiser Franz auf dem ehernen Standbild, mit königlicher Gebärde die Völker segnend. Mit erglühenden Wangen ging Petz im Zimmer auf und nieder.

Der juridisch-politische Verein genehmigt! Ein Sammelpunkt geschaffen für alle fortschrittlichen Geister! Ein natürliches Hauptquartier für die freiheitliche Bewegung! Das war in der Tat ein Ereignis von unübersehbarer Tragweite! Ein erster bedeutsamer Schritt war damit nach vorwärts getan, das übrige würde sich finden. Nun bangte ihn fast nicht mehr um die Freiheit! Mit wehenden Flügeln rauschte die Zukunft nieder, den ersten Nagel in den Sargdeckel des Systems zu schlagen. Ein neues Kapitel der Weltgeschichte kündigte sich an. Die Wenigsten erst konnten ahnen, was kam, er aber spürte es, witterte es im voraus. Aus unscheinbaren Anfängen würde es aufwachsen zu Riesengröße. Ein einziger Augenblick der Sorglosigkeit hatte genügt, das Schneestäubchen in Bewegung zu setzen, aus dem der große Abrutsch hervorgehen sollte, der erlösende! Mießrigel hatte nicht zu viel behauptet: Seine Verdienste um die gute Sache waren unleugbar. Er blieb vor ihm stehen und streckte ihm beide Hände entgegen.

»Ich habe Ihnen Unrecht getan, verzeihen Sie mir!«

Mit ganz anderen Augen sah er ihn jetzt an. Ein Bundesgenosse, ein fortschrittlich Gesinnter, den widrige Umstände nötigten, sich zum Scheine den Gewalthabern zu verdingen, dessen Herz hingegen der Freiheit gehörte, für die er insgeheim wirkte, sogar mit Gefahr, sein Brot zu verlieren. In warmen Worten tat er ihm Abbitte. Sie besprachen die Bedeutung, die der Verein für die freiheitliche Sache gewinnen könne, gewinnen müsse. Alle Aufgeklärten würden sich dort zusammenfinden, die hervorragendsten Juristen und Professoren, die liberalen Industriellen und Kaufleute, die führenden Schriftsteller, die fortschrittlichen Landstände. Ein befruchtender Meinungsaustausch würde die politischen Fragen klären und den Anstoß geben zu ihrer befriedigenden Lösung!

Um Mießrigel einen Beweis seines Vertrauens zu geben, strömte Petz seine heiligsten Gefühle vor ihm aus und verhüllte ihm nicht seine heißesten Wünsche und seine kühnsten Hoffnungen. Und als jener sich nach einer Stunde von ihm verabschiedete, hielt er mit warmen Dankesworten nicht zurück, und sie schieden beinahe als Freunde. An der Tür noch blieb Mießrigel stehen und wandte sich zurück: Ob er es ihm jetzt glauben wolle, daß er eine Überzeugung hätte?

»Ich zweifle nicht länger daran, daß wir auf Sie zählen können. Möge die Stunde bald schlagen, in der alle Masken fallen dürfen!«

Viel später erst, nachdem die Überraschung verflogen war und Petz sich an das Unerwartete gewöhnt hatte, stiegen Bedenken in ihm auf. War es nicht ein doppeltes Spiel, das Mießrigel spielte? Und konnte man der Freiheit, der reinen, strahlenden, wie er sie träumte, auf Schleichwegen nahen, der Tücke der Gewalthaber obsiegen, wenn man sie mit denselben vergifteten Waffen bekämpfte, deren sie sich bedienten, statt ihnen mit dem unwiderstehlichen Rüstzeug der Ehrlichkeit und Offenheit entgegenzutreten? Er fühlte sich bedrückt, die Freude erstarb, und es war ihm zumute, als hätte schon bei dem allerersten Schritte, den sie aus dem Märchenreich der Wünsche in die Wirklichkeit hinaus getan, die Freiheit einen häßlichen Fleck bekommen, der sich nicht so leicht wieder fortwaschen ließ. Dann aber wiegelte wieder der gerechte Zorn gegen das System, das er verabscheute, seinen Trotz auf, und er versuchte sich einzureden, der Zweck heilige in diesem besonderen Falle die Mittel, und ein widerrechtlich Gefangener, der seine Ketten brechen wolle, müsse sich feinfühliger Bedenklichkeiten entschlagen. Schließlich habe, was Mießrigel getan, dieser allein zu verantworten, vor seinen Vorgesetzten, vor Gott, vor sich selbst. Das Feld im Brett gehörig auszunützen, das dadurch gewonnen worden, das blieb das Recht, das war die Pflicht aller derer, die es ehrlich meinten mit der Zukunft des Vaterlandes.

Aber so eifrig er auch solche Gedanken in sich zu befestigen suchte, es blieb in seiner ehrlichen Seele doch ein banger, leise mahnender Zweifel zurück, ob mit dem ersten, kleinen, noch so unscheinbaren Erfolge nicht auch bereits die Schuld ihren Anfang genommen hätte.

*

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