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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
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Madame Patruban war mit ihrer verheirateten Tochter unzufrieden. Eine junge Frau müsse etwas mitmachen, meinte sie, das gehöre sich. Madame Patruban wußte eine ganze Menge Dinge, die sich gehörten. Wenn sie ihr Dienstmädchen rief, so mußte dieses »Was schaffen?« antworten. Das gehörte sich. Wenn ein junges Mädchen Braut war, so mußte es Tanzunterhaltungen meiden; das gehörte sich auch. Und wenn eine junge Frau für das erste Kind einen wertvollen Schmuckgegenstand von ihrem Manne zum Geschenk erhalten hatte, was sich natürlich erst recht gehörte, so durfte sie keine Gelegenheit vorübergehen lassen. Redouten und Theater aufzusuchen, um ihren Schmuck zu zeigen. Das gehörte sich sehr, das war sie dem Gatten schuldig.

Julie hingegen sah nicht ein, warum sie dem kostbaren Perlenhalsband zulieb, das sie nach Görgis Geburt vom Muschir bekommen hatte, Unterhaltungen mitmachen sollte, wenn sie sich nichts daraus machte. Ihre ganze Verfassung war nicht danach, es fehlte ihr an Heiterkeit und Freiheit des Gemütes. Soweit es irgend möglich war, zog sie sich von jeder Geselligkeit zurück und lebte nur ihrem Kinde. In den ersten Jahren war der Muschir nicht immer einverstanden damit gewesen; er hätte gerne mit seiner Frau Staat gemacht, ihre Schönheit bewundern lassen, den Neid der Leute erweckt. Mit der Zeit aber fand er sich darein. Ihm stand von je der Sinn nach allem andern eher als nach Glanz und Festesstimmung; nur sie hätte er damit umgeben sehen wollen. Wenn ihr aber nichts daran lag, so konnte er es schließlich auch zufrieden sein.

So lange Görgi noch klein war, wich Julie fast nicht von seinem Korbwagen. Erforderte die Unruhe des kränklichen Lieblings nicht ihre Nähe, so war es ihr Glück, seinen Schlaf zu belauschen. Als er größer wurde und zu laufen anfing, folgte sie mit vorgestreckten Armen jedem seiner Schritte, immer bereit, ihn aufzufangen, falls er in Gefahr käme, hinzufallen. Die ständige Angst lebte sich in ihre Seele ein und wurde zum Krankheitszustand. Wie ein Schatten glitt sie hinter dem Kinde her, willenlos unter dem Banne übertriebener Befürchtungen.

»Wir sind doch alle Kinder gewesen,« sagte der Muschir. »Wie haben wir gehen gelernt? Durch vieles Hinpurzeln Hat uns das etwas geschadet? No also!«

Es war alles vergebens, die Vernunft richtete nichts gegen eine Angst, die ohne weiteren Grund aus dem Herzen kam. Görgi wuchs höher, er stand längst sicher auf seinen Beinen, die Angst wurde nicht kleiner deswegen, die Gefahren, die ihn umringten, mehrten sich nur. Es kamen die knabenhaften Tollheiten, die um so verführerischer lockten, je mehr die mütterliche Ängstlichkeit davor warnte: das Klettern auf Bäume und Mauern, das Springen über Gräben und Stakete. Heldentaten aller Art. Poldi und Fred, die um so viel älteren Vettern, blieben dem Kinde ein unerreichtes Vorbild. Julien zuliebe unterdrückten sie ihre Kraftproben, wenn Görgi sie sehen konnte, um ihn nicht zur Nachahmung zu reizen. Manchmal aber vergaßen sie sich und gaben schlechtes Beispiel. Wie zu olympischen Siegern blickte Görgi dann zu ihnen auf. Sie behandelten ihn zart und schonend wie ein Mädchen und waren stolz, wenn er ihnen anvertraut wurde und sie allein mit ihm spielen durften. Dann weihten sie ihn in alle Mysterien des Gartens ein, zeigten ihm die geheimsten Schlupfwinkel hinter den Büschen, wo ihre Wigwame sich befunden hatten, als sie noch Delawaren gewesen, und lehrten ihn das »Blutkraut« essen, die jungen Goldrübchen aus dem Gemüsegarten, die frisch aus der Erde gezogen und mit dem Federmesser notdürftig gereinigt, ganz indianisch gut schmeckten. Es war ein Fest für Görgi, wenn er so mit ihnen sein durfte, aber Julie gestattete es nicht gern; sie hatte keine ruhige Minute, wenn er ihr aus den Augen war.

Zum Überfluß war der Muschir schwach genug gewesen, den jungen Majoratsherrn mit einem niedlichen blanken Kutschierwagen zu beschenken, dem ein geruchloses, dafür aber um so widerborstigeres Ziegenböcklein vorgespannt war. Die Abenteuer, die Görgi mit dem harmlosen Böcklein bestand, wuchsen in Juliens Einbildung zu einer Bedeutung auf, als hätt' es sich um Bukephalos, den feurigwilden Renner Alexanders des Großen gehandelt. Manchmal beklagte sie sich über sich selbst, sie sehe ein, wie töricht sie sich benehme, sie könne sich aber nicht helfen, die Furcht nicht los werden.

»Und dann fühl' ich es so,« sagte sie zu Bethi, »als müßt' ich die Zeit ausnützen und dürfte keinen Augenblick verlieren, den ich in seiner Nähe sein kann. Denn es ist wie eine Ahnung in mir, daß er mir genommen werden soll.«

»Die Weltangst,« sagte Bethi.

Fragend schlug Julie die Augen auf.

»Das ist die Furcht,« erklärte Bethi, »die Weltkinder vor dem Leben haben.«

»Und eine Mutter, die sich um ihr Kind bangt, ist die auch ein Weltkind?«

»Es gibt keine heiligere Sorge, als die Sorge einer Mutter um ihr Kind. Aber höher als jede Sorge steht die Zuversicht.«

»Wer sie sein eigen nennen könnte!« seufzte Julie.

»Es gibt nur einen Weg, der zu ihr führt, den Weg des Glaubens. Mancher findet ihn mitten in der Dunkelheit, mancher findet ihn nie. Man soll niemand tadeln, der ihn nicht findet, er kann nichts dafür, er ist krank an der Welt. Du sollst glauben, sagen die Kirchlichen. Als ob nicht jeder wollte, der kann! Der Glaube gebe Zuversicht, sagen die Kirchlichen. Es ist umgekehrt. Zuversichtlich sein, heißt glauben können.«

»Was ist es also, worauf es ankommt?«

Bethi dachte nach.

»Ein Geschenk der Gnade wohl. Vielleicht die wahre Freiheit des Herzens, die die Ketten sprengt, mit denen wir an die Welt gefesselt sind.«

»Es war immer eine Sehnsucht in mir,« sagte Julie, »innerlich weit und frei zu werden. Und ich habe nichts errungen als meine Furcht.«

»Oft ist es gerade das Leid, das uns frei macht, und was wir fürchteten, wird uns zum Segen, wenn es da ist.«

Aber Julie klangen Bethis Worte zu hart, als daß sie ihr hätten helfen können. Sie hungerte nach Glück und verstand nicht, wie man es durch Leiden erringen könne.

Einmal, in der Stadt, sagte Bethi zu Julie: »Einen unserer Hausgenossen kennst du vielleicht noch gar nicht. Es wird nie über ihn gesprochen, und doch ließe sich viel über ihn sagen und manches von ihm lernen.«

»Wer ist es?« fragte Julie.

»Der alte Brodbeck. Komm, ich will dich zu ihm führen, laß uns Görgi mitnehmen.«

Julie hatte in der Tat noch nie von ihm gehört, und Bethi machte sie kurz mit seinen Umständen bekannt, während sie durch den Hof gingen. Er war der Vater von Frau Brodbecks verstorbenem Manne, einstmals Weber, seit vielen Jahren durch eine Lähmung, die die ganze linksseitige Körperhälfte ergriffen hatte, für sein Handwerk verdorben.

»Und nun gibt man ihm hier das Gnadenbrot?« fragte Julie.

»Weil gefehlt! Er bringt sich allein fort und nimmt niemands Hilfe in Anspruch. Seiner Schwiegertochter, die für ihn sorgt, bezahlt er redlich seinen Anteil, und weil der Muschir für die Kammer, die er bewohnt, kein Geld nimmt, so legt er die Miete allmonatlich in die Unterstützungskasse der Weberzunft. Der Muschir greint oft deswegen mit ihm und behauptet, das seien Extremitäten, Aber der Alte läßt sich's einmal nicht nehmen; er sei selbst ein Weber, sagt er, und wenn die Unterstützungskasse etwas besitze, so sei es sein eigener Nutzen, falls er einmal in Not käme.«

»Und womit verdient er seinen Unterhalt?«

»Er ist Künstler,« lächelte Bethi.

Sie waren durch den Fabrikstrackt in den rückwärtigen kleinen Hof gelangt und traten in ein windschiefes Häuschen, das sich an die Feuermauer lehnte und so niedrig war, daß ein hochgewachsener Mann, wenn er sich auf die Fußspitzen stellte, die Triebe der Hauswurz pflücken konnte, die zwischen den Dachziegeln wucherte. An einem fichtenen Arbeitstisch saß ein verhuzelter alter Mann, der mit dem Munde eine an einer Schnur befestigte Flasche festhielt, während er mit der Rechten ein langes Instrument vorsichtig in den Hals der Flasche einführte. Bethi erklärte, daß es die Kunst des alten Brodbeck sei, die »Leiden Christi« in Flaschen aus böhmischem Kristallglas zusammenzustellen. Einige Flaschen standen fertig auf dem Tisch, mit Glasstöpseln verschlossen, und wer sie erblickte, mußte staunen, wie die stattlich aufgebaute Gruppe von Marterwerkzeugen und Leidenssymbolen, die den Bauch der Flaschen füllte, durch den engen Hals hineingekommen sein mochte; ja die meisten, die solch ein Wunderwert erblickten, bildeten sich fürs erste ein, die »Leiden Christi« seien früher dagewesen, und das Glas der Flasche nachträglich erst um sie herum gegossen oder geblasen worden.

Auch Julie, obgleich sie den Mann an der Arbeit sah, wußte sich das fertige Schaustück im ersten Augenblick nicht anders zu erklären und verriet sich durch eine Bemerkung, die sie Görgi gegenüber fallen ließ, worüber der alte Brodbeck zu lachen anfing, daß in der Flasche die Lanze mit dem in Galle getauchten Schwamm umfiel, die er eben gegen das Kreuz zu lehnen im Begriffe stand. Da nahm er die Schnur aus dem Mund und stellte die Flasche auf den Tisch.

»Schon viele haben sich den Kopf zerbrochen, wie es gemacht wird,« meinte er pfiffig. »Weil man nämlich die einzelnen Stückeln in der Flasche drin zusammenleimen muß. No ja, denn sonst täten sie doch nicht durch den Hals gehen?«

Eine unsägliche Geduld gehöre wohl zu dieser Arbeit? meinte Julie.

»Ah belei! Auch nicht mehr als zu einer jeden andern!« wehrte sich der alte Brodbeck. »Glauben Sie, zum Weben zum Beispiel braucht man keine Geduld? Wenn die Kettfäden auf einmal das Reißen kriegen, oder der Baum nicht parieren will? Herrschaft, das kann einen giften! Wohingegen bei dem Geschäft da – das ist alles zu heilig, als daß man sich giften könnt'. Und wenn zehnmal das Schweißtuch der Veronika nicht halten will und die allerehrwürdigsten Nägel immer wieder herunterfallen und die Leiter nicht am Kreuz picken mag und die Dornenkrone zerbricht, die das heikelste ist, so sagt man sich immer dabei: Denk an Christi Leiden, ungeduldiges Menschenkind! Und da wird man so still und gefaßt und ruhig dabei und macht seine Sach' in Demut mit allem Fleiß und hat ordentlich eine Freud', wenn etwas halt durchaus nicht zusammengehen will. Weil es dann wie eine Prüfung ist, mit der man sich den Himmel verdient.«

»So denken Sie an das Jenseits bei Ihrer frommen Beschäftigung?« forschte Julie.

Aber davon wollte der alte Brodbeck nichts wissen.

»Ah belei! An den drübern Himmel nicht! Der ist weit, und der Weg schwer zu finden. Und war' auch viel zu glanzvoll für unsereinen. Aber so wie Jesus Christus es gemeint hat, stell' ich mir's vor, daß es den Mühseligen gut geht schon auf dieser Welt. Wenn sie nämlich zu spüren anfangen, daß alles einen Sinn hat, und ihr Los sie fest macht, daß sie die Zähne aufeinanderbeißen und doch den Kopf schön stat ducken dabei.«

Görgi sprach den Wunsch aus, eine dieser Flaschen mit den »Leiden Christi« zu besitzen. Aber alle, die da umherstanden, hatten schon ihre Herren, man mußte lange vorausbestellen beim alten Brodbeck, wenn man eines seiner Kunstwerke erstehen wollte. Die nächste Flasche, die er in Arbeit nehmen würde, versprach er für Görgi zurückzustellen.

»Sie gehen ab wie die warmen Semmeln, meine Flascherln,« sagte er schmunzelnd.

»Viele Leute glauben, daß sie Glück bringen wie geweihte Bilder oder Amulette,« bemerkte Bethi.

»Das ist auch, wenn man sie richtig gebrauchen tut,« behauptete Brodbeck. »Aber anschaun allein nützt nicht. Selbst muß ein jeder es probieren und die Leiden Christi so oder so aufbauen in seinem Herzen. Da kommen die Weber oft zu mir herunter und sitzen bei mir und erzählen mir von der neuen Freiheit, die sie sich hoffen. Ich muß nur lachen und sage nachher: Schaut mich an! Kann ich aus meinem engen Hof heraus und auf meinem Sessel mich rühren? Und bin doch ein freier Mann dabei. Warum? Weil die wahre Freiheit in jedem Menschen drin sein muß, außerhalb findet er sie doch nicht!«

Das Wort traf Julien, als wäre es auf sie gemünzt gewesen, und doch wußte der Mann nichts von ihr und redete nur aus seiner eigenen Erfahrung. Sie fühlte, daß es Dinge gab, die jeder Mensch durchleben mußte in seiner Art, ob er in den Niederungen sich mühselig fortbewegte, oder die Luft der Höhe atmete.

Der alte Brodbeck aber sagte noch: »Denn wie soll der Ganggerl mir ankönnen, wenn ich den ganzen Tag Leiden Christi fabrizieren tu'? No ja? Anklopfen tut er schon bei mir auch hier und da einmal, und eh' daß ich ›Herein‹ sagen kann, steht er schon hinter mir und schaut, was ich mach'. Ich aber tu', als hätt' ich ihn gar nicht bemerkt, und wenn er mich da so still und friedlich bei meiner Arbeit sitzen sieht, was bleibt ihm übrig? Knirschen tut er und spornstreichs zu seiner Großmutter in die Höll' zurückfahren!«

Er lachte vergnügt und Görgi lachte mit ihm, denn er hatte verstanden, daß mit dem »Ganggerl« der Teufel gemeint war, Die neue Bekanntschaft mit dem Manne gab Julien noch lange zu denken, fortab kam sie öfter hinunter, nach ihm zu sehen. Und wenn die Angst sie beschleichen wollte, so versuchte sie es, sich seinen Lebensmut zum Vorbild zu nehmen. Aber es gelang ihr nur unzulänglich, und je mehr es ihr mißlang, um so deutlicher erkannte sie, daß ihr Fall etwas Besonderes hatte, das sich nicht vergleichen ließ. Denn ihr beklommenes Bangen um Görgi wurzelte in dem Gefühle, daß sie nicht loszuwerden vermochte, als sei das Glück, ihn zu besitzen, durch eine Schuld erkauft.

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