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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid17fc2956
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Die beiden Leodolterbuben waren in die Grammatika eingetreten, Bildung mache frei, sagte Mosch-Eskeles, und Petz, der sich oftmals mit dem Freunde über Erziehungsfragen unterhielt, stimmte ihm bei. Die Humaniora könne auch ein Fabrikant brauchen, meinte er. Diesmal widersprach ihm der Muschir nicht, wie er es sonst wohl getan, und dachte sich nur sein Teil. Seine Geringschätzung gegen die unnütze Lernerei hatte sich um nichts vermindert; aber seit Julie Patruban ihm einen Erben geschenkt hatte, mochten seine Neffen auf Lateinisch studieren, wenn sie nichts Gescheiteres anzufangen wußten. Warum denn nicht? Schließlich müsse es auch Kanzleihocker geben, sagte er gelegentlich zu seiner Frau, und Dokters und Professoren und andere Hungerleider.

Wenn Julie so etwas hörte, erschrak sie förmlich und schlug wie beschämt die Augen zu Boden. Das Geschäft war doch wahrlich groß genug, es hatte mehr als einer Platz darin! Und warum sollte ein Fabrikant, der sonst noch etwas verstand und wußte, als was nur gerade zu seinem Metier gehörte, nicht trotzdem ein tüchtiger Fabrikant sein können? Schaden würde es ihm doch nichts, wenn er außerdem noch einiges gelernt hätte?

Aber davon wollte der Muschir nichts wissen.

»Lateinische Fabrikanten – das sind Extremitäten! Die Kanzleiherrn und Dokters lernen auch nicht weben, warum soll ein Weber das vertrackte Hokuspokus lernen? Wer reiten will, steigt von der Seite aufs Pferd, wo der nächste Weg ist. Wenn ich einen vom Schwanz aus hinaufkraxeln seh', so weiß ich schon, wieviel es geschlagen hat.«

Er redete jetzt gern vom Testament seines Vaters, gegen das er früher einen gewissen Widerwillen nur schwer hatte verhehlen können, und rühmte den Weitblick des Verewigten. Denn nach der letztwilligen Verfügung des alten Herrn sollte das ganze Geschäft und alles, was an unbeweglichem Besitz dazu gehörte, auf den letztgebornen Leodolterenkel übergehen, zu dessen Gunsten auch das flüssige Vermögen durch ein ganzes System verwickelter Klauseln künstlich vinkuliert war. Derart, daß ein guter Teil von dem, was sich etwa abspaltete, unter gewissen Voraussetzungen zum Hauptstock zurückströmen und sich schließlich in der Hand des einen Auserwählten wieder vereinen mußte. Soweit Gesetz und menschliche Voraussicht es zuließen, war hierdurch der Zersplitterung vorgebeugt und auf lange hinaus für den Glanz der Firma und die Herrlichkeit des Leodolterischen Namens gesorgt. Es steckten wahrhaft staatsmännische Finessen in dem weitläufigen Instrument, bei dessen Abfassung dem Testator etwas wie ein bürgerliches Fideikomiß vorgeschwebt haben mochte, und das die ganze Familie unter die Paragraphengewalt eines ehernen Hausgesetzes zwang. Das hatte dem Muschir sonst wenig gefallen. Seit aber der kleine Georg in der Wiege lag, leuchtete ihm plötzlich alles ein, und er legte einen gewissen Respekt vor dem winzigen Bübchen an den Tag, in dem er den künftigen Majoratsherren ehrte.

Julien dagegen war es peinlich, an Vorrechte erinnert zu werden, die ihrem Kinde zukommen sollten, und ihre geschärften Sinne witterten auch das Unausgesprochene, das nach dieser Richtung zielte. Wie ein Verrufen des Glücks und ein frevelhaftes Herausfordern des Schicksals empfand sie die ehrgeizigen Pläne ihres Gatten, die um den unschuldigen Schlummer des Neugeborenen kreisten. Ohnedies bangte ihr um ihr Kind. Es blieb schwächlich und kränkelte viel, ihr war zumute, als könnte Unheil auf sein Haupt herabbeschworen werden, wenn die Eltern sich durch Selbstsucht versündigten. Und das zarte, arglose Geschöpf, das, wie von unbekannten Schmerzen gequält, oft ganze Nächte hindurch wimmerte und um Hilfe zu flehen schien, sah wirklich nicht danach aus, als könnte es dazu bestimmt sein, irgend jemandem in der Welt im Wege zu stehen.

Poldi und Fred hießen, seit sie in die Grammatika eingetreten waren »Parvisten«, selbst aber nannten sie sich »Untergrammatikalschüler«. Der andere Name war ein Spott und eine Schmach. Wenn sie mit ihrer Klasse die Treppe herabkamen, so warteten die höheren Jahrgänge unten auf sie und ließen sie Spießruten laufen, indem sie im Chorus »Parvisten, Parvisten, Parvisten!« sangen. So erhaben fühlten die »Obergrammatisten« und »Syntaxisten« sich über die Eischale der ersten wissenschaftlichen Ausbildung, die sie selbst bereits vom Pürzel gestreift zu haben glaubten. Aber die Zeit der Unehre ging rasch vorüber. Nach kaum dreihundertfünfundsechzig Tagen waren Poldi und Fred selber Obergrammatisten, und nach weiteren zweiundfünfzig Wochen wurden sie gar Syntaxisten. Nun standen sie ihrerseits unten an der Treppe, wenn die Neulinge herunterkamen und sangen mit den andern im Chore: »Parvisten, Parvisten, Parvisten!«

Die schönen Jahre, wo die »Schieler« nicht mit »Kintnissen« zu luxurieren brauchten, waren nun dahin. Auf das »modiste Biniehmen« und das gewisse »Schinisiehkoa« kam es jetzt weniger an, als auf das »Pflichtgefiehl«. Überhaupt genügte es dem hochwürdigen Herrn Pater Cassian nicht, der nunmehr ihr Lehrer war, sie zu »Mienschen« zu erziehen, er wollte auch gute Lateiner aus ihnen machen. Besonders die Gedächtnisverse, die die Genusregeln und andere nützliche Fingerzeige enthielten, verlangte er am Schnürchen. Zu den Parvisten sprach er noch deutsch; in den höheren Jahrgängen redete er ein kühnes Kirchenlatein und half sich, wo ihm der Faden ausging, gelegentlich auch mit Küchenlatein weiter.

Wenn Pater Cassian seinen Blick schweifen ließ, um sich einen Prüfling aus der Klasse herauszuangeln, so betete Poldi, daß es nicht Fred treffen möge. Wußte er den Bruder besonders schlecht vorbereitet, so tat er wohl gar ein Gelübde und versprach Gott ein Dankgebet zu weihen, wenn die Gefahr vorüber ginge. Pater Ignatius, der Religionslehrer, hatte seine Schäfchen gelehrt, daß man Gottes Willen manchmal umstimmen könne, wenn man ihm in Demut ein Gebet weihe, zum Opfer gleichsam. Also versprach Poldi Dankgebete in seiner Herzensangst, Vaterunser und Englische Grüße. Abends nachher, im Bette, wenn er die Schuld abzahlen wollte, da geschah es gar leicht, daß er vor Müdigkeit einschlief während des Betens. Denn tagsüber hatte er für zwei gearbeitet und gesorgt. Beim Aufwachen erschrak er dann heftig, daß er sein Versprechen noch nicht eingelöst hatte. Aber jetzt am Morgen war keine Zeit zum Beten, der neue Tag brachte neue Sorgen, er buchte die Schuld gewissenhaft in sein Notizbüchlein. Und wenn eine neue Gefahr drohte und die Angst wieder da war, versprach er neue Gebete dazu, die seine Schuld noch vermehrten. In dem kleinen Kontobuch, das er für den lieben Gott angelegt hatte, häuften sich die Passiven. Manchmal gelang es ihm, eine kleine Abschlagszahlung zu leisten. Aber er betete schwer, weil er allzu gewissenhaft beten wollte. Und für jeden Schuldposten, den er streichen konnte, hatte er wieder neue, oft viel größere Forderungen zu buchen. Bis es schließlich wie ein Berg über ihm hing und ihm manchmal zumute war wie einem Kaufmann, der längst passiv ist und sich trotzdem gezwungen sieht, noch immer neue Schulden zu kontrahieren.

Fred wußte und merkte von dem allen nichts. Unbekümmert ging er an des Bruders Seite hin. Die Schule bereitete ihm geringe Sorgen, nicht einmal langweilig war sie ihm; denn er langweilte sich nie, er war einfach fort mit seinen Gedanken, wenn die Wirklichkeit ihm nicht paßte, weit fort, weiß Gott wo. Wie auf einem Zaubermantel ließ er sich durch seine Kunst, ein anderer zu sein, als der er war, durch die Lüfte tragen. Petz, der ihn im stillen beobachtete, äußerte sich gelegentlich einmal zu Bethi:

»Es gibt Menschen, die ihre Stimmungen zum Maß der Dinge machen. Dem, was sie sollen, zeigen sie sich nicht gewachsen, und was sie können, das wollen sie nicht. So ernten sie vom Leben nichts als Enttäuschung. In diese Art, fürcht' ich, wird Fred einmal schlagen.«

»Du tust ihm Unrecht,« sagte Bethi. »Es sind nicht die Geringsten unter den Menschen, die, um etwas zu sein, Wärme brauchen. Laß nur das Leben kommen! ... Er ist einer von den Sehnsüchtigen, die Ausschau halten.«

»Und die sich selbst überflüssig dünken,« sagte Petz unmutig, »solange sich nichts ereignet. Wie selten, o wie selten ereignet sich etwas!«

»Nimm alle Helden der Dichter von Schiller bis auf Herrn Doktor Grillparzer! Woraus lodert ihr Feuer? Aus ihrem Schicksal! Dem Alltäglichen wären sie allsamt nicht gewachsen.«

»Die im Alltag ihren Mann stellen,« entgegnete Petz lebhaft, »die Gewissenhaften und Treuen, so wie Poldi einer ist, das sind die Helden, die unsere Zeit braucht!«

Bethi schwieg. Vielleicht hatte sie selbst dazu beigetragen, Freds Einbildungskraft frühzeitig zu wecken, und ihr allzu willig Nahrung zugeführt? O wie selten bleibt, wer auf Kinder Einfluß nimmt, vor sich selbst ohne Vorwurf! Denn immer scheint noch irgend etwas versäumt und vergessen, dort des Guten zu wenig, hier zu viel getan, bald eine schlimme Neigung nicht genugsam bekämpft und bald ein Vorzug der Verkümmerung überlassen! Das fühlte sie jetzt. – –

Die Ferien verbrachten die Knaben allsommerlich im Himmelhaus. Pater Cassian, der ein leidenschaftlicher Entomologe war, ermunterte den Sammeleifer, der in jedem Jungen steckt. Es kam die Zeit, wo sie mit naturwissenschaftlicher Anmaßung, die von Seiten der Schule Begünstigung fand, den Schmetterlingen, Käfern und sonstigen Kerfen nachstellten. Im Gemüsegarten befand sich zwischen Kartoffeläckern, Spargel-, Zwiebel- und Rübchenbeeten ein länglicher Schachen, der dicht mit Dillkraut bewachsen war. Unter der Sonnenglut, wenn das Kraut hoch stand und seine Blütendolden entfaltete, oder würzige Samen ansetzte, surrte und schwirrte es hier tausendfältig von geflügeltem Kleinzeug. Ein ergiebigeres Revier konnte kein Waidmann sich wünschen. Da kamen im unendlichen Schwarm der Gemeinen die schlanken Wachs- und Wespenböcke zur Weide, die vornehmen Admirale und Trauermäntel und die edlen Apollofalter, die goldbestäubten oder perlmutterglänzenden Netz- und Glasflügler, die grün und blau emaillierten Libellen vom Mühlbach herauf und aus den Waldbergen die seltene Riesenhurnuß. Drüben, auf dem Rosenflöz wieder, im Herzen der Zentifolien, brüteten in ihrem smaragdenen Harnisch und der rubinroten Halsperge die winzigen Prachtkäfer, die scheuen und verstockten, die wie Juwelen aussahen und sich stumm zur Erde fallen ließen, wenn ein Schritt sich näherte, wie in der Sonne irisierende Tauperlen, die ins Gras niedertropfen. Und droben, im Nadelgehölz hinter der Himmelswiese, da tummelten sich unter den Strahlen der Mittagssonne die braunen und die grünen Sandläufer auf den heißen, steinigen Wegen, die gierigen Straßenräuber, die die Gesetze mißachten und von der Missetat leben. An Sonntagen manchmal, wenn die Glut des Sommers ihren Höhepunkt erreicht hatte und die Luft zitterte und es recht still und lauschig war und nur ein schwellendes Rauschen durch die Wipfel zog, da konnte man gar, wenn das Glück es wollte, den König des Käfervolkes an einem der harzduftenden Stämme sitzen sehen, stolz und schlicht, nur mit ein wenig Silberglanz über den Flügeldecken: Den großen, ernsten Kiefernprachtkäfer, wie er nachdenklich vor sich hinbrütete, in Sorgen um sein weites, die Welt umspannendes Reich. Denn die Unbotmäßigen, die keine Zucht kannten, und die Schwelgerischen, die in die Gärten der Menschen flogen und sich an Rosen und Dillkraut gütlich taten, bereiteten ihm viel Kummer.

Unter den Buchen am obern Rand der Himmelswiese fanden die Knaben einmal ein schlankes, zartes Geschöpf mit hellgrün durchsichtigen Seidenflügeln, das in die weltscheue Art der Heimchen zu gehören schien. Sie beobachteten es eine Weile und rieten auf seinen Namen, bis es einen kleinen, unbeholfenen Sprung ausführte, wobei es die Vorderbeine wie ringend zum Himmel aufhob. Da erkannte Fred das Tierchen, er hatte es nie gesehen, aber in einem Buche von ihm gelesen, wo es auch abgebildet war, und sich längst gesehnt, es einmal lebendig zu erblicken.

»Es ist eine Gottesanbeterin!« rief er frohlockend.

Sie sahen dem feinen Wesen zu, das nur wie ein Hauch war und bei jedem Sprunge die Arme gegen Himmel zu strecken und die Hände zu falten schien. Sie betete Gott an, die kleine Kreatur, man konnte es glauben, wenn man wollte. Und Poldi fühlte nach dem Herzen, wo das Schuldbuch des lieben Gottes in seiner Rocktasche stak. Ein Zug zur Frömmigkeit beherrschte ihn in diesen Jahren, aber es war ihm oft, als ob seine Liebe zu Gott keine Gegenliebe fände.

Fred zog sein Weingeistfläschchen hervor, aber Poldi wehrte ihm.

»Laß ihr das Leben! Ich will nicht, daß sie stirbt, hörst du!«

»Sie fehlt in unserer Sammlung!« meinte Fred wichtig.

»Gleichviel, Sie soll leben!«

Er wandte sich ab, saß stumm und blickte in die Ferne hinaus, wo das Donauland dämmerte und die Basteien und Türme der Stadt ragten.

Am Abend, als sie zu Bett gingen, sagte Poldi: »Ich höre überhaupt auf, Kerfen zu sammeln. Du sollst nicht töten, steht geschrieben, und was wir treiben, ist wirklich nichts als ein Morden. Die gelehrten Professoren, die die ganze Schöpfung zu erforschen haben, die können vielleicht nicht anders, mögen sie es tun. Wir sind dumme Buben, wir haben kein Recht über diese schwachen, hilflosen Kreaturen.«

»Wir sind eben Jäger! Jäger in den Wäldern der Delawaren.«

»Der Jäger in der Wildnis muß für seinen Unterhalt Sorge tragen. Aber Käfer und Schmetterlinge sind kein Wild. Es ist grausam und mutwillig, die armen Dinger an Stecknadeln zu spießen!«

Da trat bei Fred jener Augenblick der Ernüchterung ein, der ihn aus allen Himmeln stürzen konnte. Es waren also wirklich bloß Kerfen, die man auf Nadeln spießte? Bis dahin hatte er in den Schmetterlingen Adler, in den Hirschkäfern Hirsche, in den Läufern etwas wie Hasen oder Antilopen, in den Wachs-, Wespen- oder Riesenböcken Steinböcke oder Gemsen erblickt. Und nun sprach Poldi es trocken aus: Kerfen waren es, die man auf Nadeln spießte! Unter solchen Umständen bereitete ihm das Sammeln auch kein Vergnügen mehr.

Und von der Stunde ab unterließen sie es.

Knapp am Ufer des Mühlbaches standen ein paar stattliche Pflaumenbäume. Die Pflaumen waren diesen Herbst besonders gut gediehen, waren groß und weich, mit goldgelbem saftigem Fleisch und einem zarten Hauch der Frische und des Duftes über der tiefblauen Schale, wie Frühtau auf den Blüten von Bergenzianen schimmert. Die Baumkronen hingen über und schwebten zur Hälfte über dem ruhigen Spiegel des Baches. Es gehörte Geschicklichkeit dazu, die Pflaumen zu pflücken, und Fred, der in den schwanken Aesten saß, hatte nicht bloß darauf zu achten, daß er nicht herabstürzte; er mußte auch jede Bewegung wohl überlegen, um nicht unnötig Pflaumen zu verderben. Denn bei jeder stärkeren Erschütterung der Zweige hagelten die vollreifen Früchte ins Wasser nieder. Man durfte kaum Atem schöpfen, wenn man oben saß, es war ein verantwortungsvoller Posten. Aber Fred schien dazu wie gemacht, die knorrigen Aeste senkten sich nur unbedeutend unter der geringen Last seiner schlanken und biegsamen Knabengestalt, und an Umsicht ließ er es nicht fehlen. Während in der Tiefe die fruchtbeladenen Zweige sich spiegelten und der Segen des Herbstes sich scheinbar verdoppelte, pflückte er behutsam eine Pflaume um die andere und sammelte sie in ein Fischnetz, dessen Stiel, so oft es gefüllt war, er Poldi hinablangte. Der hob die süße Last vorsichtig zu sich herunter, entleerte das Netz und reichte es dem Bruder zurück.

Sie waren in ihre Arbeit vertieft und vergaßen sich selbst darüber, der große Korb zu Füßen des Baumes füllte sich mit lieblicher Frucht. Auf einmal stand, wie sie aufblickten, am drüberen Ufer des Baches ein Mädchen und sah ihnen zu, wer weiß, wie lange schon, ohne daß sie sie bemerkt hatten. Sie hielt die Arme auf dem Rücken gekreuzt und rührte sich nicht, nur daß sie ab und zu eine rasche Bewegung mit dem Kopf ausführte, um eine Haarsträhne zurückzuschütteln, die ihr aus der dunklen Mähne über die Schläfe geglitten war.

Die Knaben sahen sie stehen und sagten nichts. Als sie aber nach einer Weile noch ebenso dastand, immer die Arme auf dem Rücken, da wechselten sie einen Blick miteinander, es war ihnen unbehaglich, beobachtet zu werden. Befangen setzten sie ihre Tätigkeit fort und blieben still dabei. Bis plötzlich Freds Stimme aus der Baumkrone klang:

»Willst du auch ein paar Zwetschgen? Du!«

Sie schwieg und blickte nur aufmerksam zu ihm hinüber.

»Wenn du nicht »ja« und »bitte« sagen kannst, so bekommst du auch nichts.«

Da sprühte ihr Blick. Man sah es ihr an, daß sie sich eher die Zunge abgebissen, als »ja« und »bitte« gesagt hätte.

Fred pflückte weiter und reichte das Netz Poldi hinunter und nahm es wieder in Empfang und füllte es wieder. Was kümmerte ihn die ungebetene Zuschauerin da drüben?

Auf einmal brach er einen ganzen großen Zweig voll schöner Pflaumen, zielte und warf ihn hinüber, gerade ihr zu Füßen.

»Hier! Damit du siehst, daß wir nicht so stolz sind wie du!«

Der Pflaumenzweig lag vor ihr auf dem Boden, sie bückte sich nicht, sie langte nicht danach, sie blickte nur auf die Früchte nieder, rührte sich nicht und hielt die Hände auf dem Rücken.

»Nimm und iß! So süß wie die Zwetschgen in diesem Jahre sind, hast du noch keine gekostet!«

Sie schwieg noch immer und sah feindselig auf ihn.

»Bist du das Mädchen ohne Hände?« fragte Fred.

Er dachte an das Märchen vom Müller, der seinem Kind die Arme abgehackt hat, und das arme Kind kann jetzt nichts mehr anfassen und muß die Früchte mit dem Munde von den Bäumen pflücken.

»Verstehst du nicht deutsch? Ich frage, ob du Hände hast? Oder hast du keine?«

Da spielte ein spitzbübisches Lächeln um ihre Lippen, und sie schüttelte die Mähne.

»Sie hat wirklich keine Hände!« sagte Poldi.

»Hast du wirklich keine Hände?« fragte Fred.

Abermals bewegte sie den Kopf: »Nein!«

»Im Ernst?«

Sie nickte.

»Dann will ich dir helfen, die Pflaumen mit dem Mund vom Zweige pflücken! Warte! Eins, zwei, drei!«

Und schon hatte er sich vom Ast geschwungen und sprang hinunter, mitten in den Bach. Ein Hagel von Pflaumen prasselte hinter ihm drein. Das Wasser spritzte hoch auf und schlug fast über ihm zusammen, es reichte, wie er festen Fuß gefaßt hatte, bis an seine Brust, es verfing sich in seinen Kleidern und drängte und zerrte, daß er alle Kraft zusammen nehmen mußte, gegen die ziehende Strömung zu waten. Aus der andern Seite hing ein Weidenbusch über den Bachrand, er hielt sich daran fest und schwang sich ans Ufer. Nun stand er vor ihr: Aug' in Aug' sahen sie sich einander gegenüber, zwei schöne, blühende, blutjunge Menschen, halb Kinder noch beide. Und doch schon mit der ersten bangen Neugier und Befangenheit des erwachenden Geschlechts, Ohne daß sie sich dessen versehen hatten, fanden sie Gefallen aneinander. Eine süße kindliche Neigung stieg in ihnen auf und machte sie blöde und stumm, daß sie wie Stöcke dastanden und verlegen waren.

»Du bist naß,« sagte sie endlich und wies mit einer Bewegung des Kinnes auf ihn; »es wird dir kalt!«

Da bückte er sich, hob den Pflaumenzweig vom Boden und hielt ihn vor ihren Mund. Und sie lächelte und sah ihm zwischen den blauen Früchten und grünen Blättern hindurch belustigt in die Augen, streckte den Hals und hieb zwei Reihen spitzer, weißer Mausezähne in eine der saftigen Pflaumen. Aber ein dürres Ästchen streifte ihr Wange und Lid, unwillkürlich schlug sie die Hände vor und wehrte sich dagegen. Mit raschem Griff faßte Fred nach ihren Handgelenken.

»Da sind deine Hände!« rief er frohlockend.

»Laß los! Du tust mir weh!«

»Da sind deine Hände! – Lügnerin!« sagte er grimmig

Er zitterte fast vor Zorn. Das Mädchen warf die Lippen auf und machte finstere Brauen. Sie wand sich unter dem schmerzhaften Druck seiner Finger. Es gelang ihr, sich loszuringen.

»Lügnerin!« wiederholte er keuchend.

Einen Blick wie ein verfolgtes Tier, feindselig und furchtsam, warf sie ihm noch zu, dann sprang sie durch das Gestrüpp in den Parkweg hinunter und entfloh in der Richtung gegen das Schloß.

»Fred, ich bitte dich!« rief Poldi von der andern Seite. »Du wirst dich erkälten!«

Er stand und blickte ihr nach, solang er ihr wehendes Kleid sehen konnte. Dann kehrte er denselben Weg zurück, den er gekommen, und lief auf sein Zimmer, sich umzukleiden. – In diesen letzten Herbsttagen, die sie noch auf dem Lande verbringen konnten, machten die Knaben sich mehr als sonst in der Nähe des Mühlbaches zu schaffen. Aber das Mädchen sahen sie nicht wieder, Sie redeten kein Wort miteinander über sie. Den ganzen Winter hindurch nährten sie im Stillen die Hoffnung, daß sie sie wiedersehen würden, wenn die Sommertage kämen und die Ferien im Himmelhaus.

Um Weihnachten war Tante Bethi bettlägerig. Einmal ließ sie die Knaben kommen und bat, sie möchten ihr vorlesen. Da war noch dasselbe Buch, aus dem sie ihnen so oft vorgelesen hatte, in ihren frühen Kindertagen.

»Gleichviel was,« sagte Bethi müde. »Wo es sich von selbst aufschlägt.«

Poldi ließ das Buch aufklappen und las: »Das Märchen vom Mädchen ohne Hände.«

Da wurden sie beide rot.

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