Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Emil Ertl >

Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/ertl/freiheit/freiheit.xml
typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090714
projectid17fc2956
Schließen

Navigation:

An einem milden Frühsommermorgen lam Bethi ins Kontor herüber, wo Petz damit beschäftigt war, ein zartes Blatt- und Blütenmuster in die Carta rigata zu setzen.

»Verzeih, wenn ich dich bei der Arbeit störe. Ich möchte dich etwas fragen.«

»Ich dich auch; meinst du, daß ich hier ein Olivbraun angeben soll, oder Rostfarbe?«

Sie nahm die Seidensträhne, die als Farbmuster auf dem Tisch lagen, hielt sie ans Licht und wog die Töne gegeneinander ab.

»Es ist bei den Farben wie bei den Menschen,« sagte sie endlich; »eine Grundnote müssen sie miteinander gemein haben, um zu harmonieren. Der Rostfarbe fehlt die Spur von Blau, die in allen andern, wenn auch verborgen, enthalten ist.«

»Das war auch meine Empfindung,« sagte er befriedigt, tauchte den Pinsel ins Wasser und mischte in der Tuschschale den Ton, der ihm vorschwebte.

Sie trat ans Fenster und blickte hinaus. Das Endchen blauen Himmels, das über dem steilen verwitterten Dach der uralten Kirche St. Ulrich sichtbar blieb, und der warme Schein der Sonne, der das Gemäuer überflutete, erfüllten sie mit Sehnsucht. Sie preßte die Stirn an die Scheibe und verlor sich in Sinnen, und dabei blieben doch unwillkürlich ihre großen Augen mit gespanntem Ausdruck auf das enge ansteigende Gäßchen gerichtet, das vom Platzel um das Kirchenschiff herum gegen die Entengasse und Wendelstadt emporführte. So verharrte sie still, ohne sich zu rühren, während Petz im Eifer seiner Beschäftigung fast darauf vergaß, daß sie da war. Bis plötzlich ein leiser, halb unterdrückter Ausruf des Staunens oder Erschreckens über ihre Lippen glitt. Da hob Petz den Kopf von seiner Arbeit.

»Du wolltest mich etwas fragen, Bethi?« sagte er sich erinnernd.

»Gerade das ist es!« stieß sie hervor. »Komm her und sieh! Kennst du den Menschen?«

Er trat ans Fenster, Im Schatten des Kirchengäßchens lehnte eine zerlumpte Gestalt, ein alter hagerer Mann mit wirrem Haar, und blickte erhobenen Hauptes unverwandt nach dem Oberstock des Hauses »Zum goldenen Stuck« herüber, gerade als ob es da etwas besonderes zu sehen gäbe.

»Mir scheint, es ist der Bettler aus dem ›Verschwender‹?« sagte Petz lachend.

»Daran erinnert er mich auch, so oft ich ihn sehe. Und es ist mir dann, als ob er mahnend oder drohend zu uns herüberblickt ...«

»Hat er sich schon öfter gezeigt?«

»Jeden Morgen um dieselbe Stunde seh' ich ihn dort stehen. Wie eine Erscheinung taucht er auf einmal im Kirchengäßchen auf, lehnt eine Weile an dem alten Grabstein, der außen an der Kirchenmauer angebracht ist, und schaut wie eine Bildsäule auf unser Haus herüber. Und wenn ich nach einiger Zeit wieder ans Fenster trete, ist er fort. Du erkennst ihn nicht?«

»Es wird ein Armer sein, der an der Kirchentür bettelt.«

»Es ist der Götsch Lebold,« sagte sie.

Er wunderte sich, so verändert sah der Mann aus. Aber jetzt, da sie es sagte, erkannte er ihn.

»Der Muschir hat ihn entlassen,« sagte Bethi. »Er ist ins Elend geraten. Wir müssen uns seiner annehmen.«

»Wir werden ihm eine ausreichende Unterstützung hinüberschicken.«

»Damit ist ihm nicht geholfen! Ich kenne den Götsch und bin sicher, er nimmt nichts an, eher verhungert er. Wir müssen ihm Arbeit verschaffen. Er soll wieder aufgenommen werden.«

»Das wird schwer halten,« meinte Petz bedenklich. »Du weißt, der Muschir ist empfindlich in dem Punkt. Er duldet nicht, daß ihm in seine Geschäfte jemand hineinredet.«

»Während seiner Abwesenheit bist du der oberste Chef. Die Firma Leodolter kann nicht einen Weber im Elend zu grunde gehen lassen, der schon unter dem seligen Vater da oben im Stuhl gesessen hat. Sieh nur, wie herabgekommen –«

Sie warf einen Blick durchs Fenster und stockte. Die Gestalt an der Kirchenmauer war verschwunden.

»Hast du ihn weggehen sehen?« fragte sie leicht beunruhigt.

Petz lachte.

»Nein, aber aus einem sehr einfachen Grund. Weil ich zufällig nicht hinblickte. Oder meinst du vielleicht, daß eine Art Azur dahintersteckt, oder wie sonst die Geister in den Zauberkomödien gerne heißen?«

»Das glaub ich wirklich nicht,« sagte sie ernst. »Dergleichen gibts nur in der Leopoldstadt.Theater in der Leopoldstadt, wo Raimunds Zauberspiele aufgeführt wurden. Aber es ist mir manchmal, wenn ich den Alten sehe, als ob die Vergangenheit da unten stünde und uns warnen wollte vor der Zukunft, der wir entgegentreiben.«

»So betrachtet, geb' ich dir nicht ganz unrecht,« sagte Petz nachdenklich. »Es können Krisen kommen, die vielleicht ein paar Menschenalter lang dauern. Die Maschinen spielen den Wohlhabenden eine ungeheure Macht in die Hand. Weh ihnen, wenn sie diese Macht mißbrauchen!«

»Du meinst, daß dann die große Masse da unten sich gegen sie zusammenrotten könnte?«

»Das wär' noch das geringere Übel. Dann würde die Staatsgewalt sich ins Mittel legen und die Besitzenden mit ihren Bajonetten schützen. Auf diesem Wege kann ihnen nichts geschehen, dabei werden sie immer mit einem blauen Auge davonkommen. Aber denk nur! Wenn es einmal dazu käme, daß das arbeitende Bürgertum keinen andern Leitstern mehr vor sich sähe, als seinen Besitz zu vermehren und seinen Aufwand zu genießen! Wenn es keinen Glauben mehr hätte als an die Macht des Geldes, keine Religion als die Selbstsucht, keine höhere Klugheit als die geschickte Ausnutzung seiner Nebenmenschen, keinen Gegenstand der Verehrung als den Erfolg! Und wenn es dies alles mit falschen Namen schmückte und die Ausbeutung der Schwachen und die absolute Herrschaft des Geldsackes mit dem Banner der Freiheit deckte – meinst du nicht, daß es sich dann selbst aufgeben müßte und reif wäre, zum alten Eisen geworfen zu werden, wie die andern Stände auch, die wir heute als freiheitsfeindlich bekämpfen?«

»O, das glaub' ich gewiß!« rief Bethi mit glühenden Wangen. »Die Freiheit kann nichts andres sein als die Liebe der Menschen zueinander. Wenn ich mich erinnere, wie der selige Vater mit seinen Arbeitern gewesen ist! Für jeden einzelnen hatte er ein gutes Wort, Rat in schwerer Stunde, Hilfe in der Not. Das muß nun freilich aufhören, wenn es ihrer so viele sind. Aber die Gesinnung im ganzen kann die gleiche bleiben und soll es auch. Je mehr die Maschine Menschenarbeit ersetzt, desto freier, denk' ich mir, soll auch der Arbeiter das Menschliche ausbilden können, das in ihn gelegt ist wie in uns alle, die treue Gesinnung, die wahre Kraft und die Güte.«

Petz lächelte, indem er den Arm um ihre Schulter legte und ihr Haupt zärtlich an seine Wange drückte.

»Du sprichst recht wie eine Frau. Wollte Gott, daß es so würde! Ich bin vorderhand zufrieden, wenn wir den Haß nicht unnötig entfachen und die Gegensätze nicht bis zur Unheilbarkeit verschärfen. Es wird alles davon abhängen, ob das Bürgertum rechtzeitig erkennt, daß Macht auch Pflichten auferlegt. Die gegenwärtig am Ruder sind, haben es vergessen. Was wir erstreben, dürfen wir nicht für uns allein, müssen wir für die Allgemeinheit wollen. Nur dann wird auch die Umwälzung, die sich jetzt in aller Stille vorbereitet, unsern Kern und unser Wesen stärken, nicht bloß zu äußeren Erfolgen führen. Der Wirbel des Eigennutzes ist gefährlich, der Adel und die tote Hand, die Bankiers und die Großhändler geben ein böses Beispiel. Das arbeitende Bürgertum soll noch andere Ziele kennen als den Besitz, will es zur Führung berufen sein. Aber es ist schwer für den einzelnen, gegen den Strom zu schwimmen. Bei der Gesamtheit müßten vornehme Gesinnung und Herzenswärme zu finden sein, der Mut der Schlichtheit und echter Bürgerstolz.«

»Aber in diesem Falle, Petz – was den armen Götsch Lebold angeht, da kommt es gerade auf den einzelnen an, und dieser einzelne bist jetzt du.« Bethi hing sich schmeichelnd an seinen Arm. »Laß uns hinausfahren nach dem Braunhirschengrund! Ich sehne mich ohnedies so sehr an die Sonne zu kommen und wollte dich darum bitten; eben deshalb bin ich bei dir eingetreten. Wir wollen mit Vielkind reden, was meinst du? Es wird sich doch irgendwo in dem weitläufigen Gebäude ein Winkel finden, wo man dem Alten seinen Zampelstuhl wieder aufschlagen kann?«

Er konnte ihrer Bitte nicht widerstehen und schickte Pappelmann hinunter, einspannen zu lassen. Eine halbe Stunde später rollten sie im offenen Wagen die Mariahilfer Linie hinaus. Erst an Feldern und verstaubten Glasflächen entlang, zwischen denen die dunklen Lebensbäume des Schmelzerfriedhofes herübergrüßten. Dann kamen die ersten niedrigen Häuser des Vororts, und dann fing die lange, mit barocken Vasen geschmückte Mauer des Schloßparkes an. Vor dem hohen Gittertore des von der Straße etwas zurückstehenden herrschaftlichen Schlosses Braunhirschen, das die Grundobrigkeit über diese Gegend ausübte, soweit sie nicht unter Klosterneuburgischem Dominium stand, sahen sie im Vorüberfahren einen flotten Viererzug halten, mit zwei Paaren glattgestriegelter Rappen vor dem funkelneuen, grünlackierten Kutschierwagen. Ein fein und sympathisch aussehender Kavalier in mittleren Jahren setzte sich eben auf dem hohen Lederpolster des Kutschierbockes zurecht, nachdem er die Zügel ergriffen und in seinen behandschuhten Händen geordnet hatte. Eine schöne blasse Dame in grünem Federnhute schwang sich an seine Seite, während ein Knabe in der Uniform der Theresianischen Ritterakademie neben dem dahinter sitzenden livrierten Jäger Platz nahm. Als Petz mit dem Hut grüßte, schwang der Kavalier kordial seine Bogenpeitsche durch die Luft und machte freundlich zunickend und lächelnd eine leichte, weltmännisch herablassende Verbeugung herüber. Die vier gleichen Jucker, deren trockene Köpfe mit herabhängenden Lederstreifen geschmückt waren, stemmten sich in die Sielen, die Dame neigte ihre grünen Federn, und der Theresianist legte zwei Finger an die Silberborte seiner Uniformkappe.

»Wer ist es, den du gegrüßt hast?« fragte Bethi im Weiterfahren.

»Du kennst ihn nicht? Es ist unser Nachbar vom Himmelhaus, der Freiherr von Auenwald. Was jenseits des Mühlbaches liegt, ist alles sein: der Park, das Schloß, die Felder und ganze Berge mit Wald. Und außerdem ist er auch Dominialherr von Braunhirschen.«

»So – der?« machte Bethi gedehnt.

»Warum? Hast du etwas an ihm auszusetzen?«

Bethi lachte.

»Persönlich nicht das Geringste, ich kenn' ihn gar nicht. Aber der Muschir sagt, er sei einer von denen, die freiheitlich aushängen und dabei nur an sich selbst denken.«

»Wenn man allen Menschen unlautere Beweggründe zutrauen wollte,« sagte Petz, »so wäre die Welt gar zu traurig. So lange das Gegenteil nicht erwiesen ist, soll man an jedermanns reine Absichten glauben. Ich halte Auenwald für einen der Verläßlichsten unter den liberalen Landständen.«

»Der Muschir meint, die ganze Partei lege es darauf an, daß ihnen der Bürger- oder Bauernstand die Kastanien aus dem Feuer hole.«

»Es mag schon solche darunter geben, die den Sturz Metternichs nur aus dem Grunde wünschen, um auf den Trümmern des bureaukratischen Staates die alte Adelsherrschaft wieder aufzurichten.«

»Gibt es auch solche Freiheitshelden?«

Petz seufzte.

»Es versteht freilich mancher unter dem verführerischen Wort nichts anderes als sein eigenes Emporkommen auf Kosten der übrigen.«

Der Wagen rollte jetzt durch die Gassen der heute zum vierzehnten Wiener Gemeindebezirk gehörigen, damals noch unansehnlichen Ortschaft Braunhirschengrund, und sie sahen inmitten einer mäßig großen, nur von verstaubten Gebüschen und zertretenen Grasflächen eingenommenen Gartenanlage das neue stattliche Leodolterische Fabriksgebäude vor sich liegen.

»Drei Fensterreihen übereinander?« rief Bethi erstaunt. »Und welche Front!«

»Das oberste Stockwerk steht noch leer. Aber der Muschir meint, daß wir uns nach und nach durch das ganze Haus ausbreiten werden.«

Am Gattertor stiegen sie ab und gingen durch den Garten gegen das Haus. Aber bei einer Krümmung des Kiesweges hielten sie unwillkürlich still und sahen einander an. Durch ein Fliedergebüsch gegen das Gebäude hin gedeckt, stand da ein ungleiches junges Paar in vertrauliches Gespräch vertieft, so schien es. Ein blondes Fabriksmädel, wie es gerade aus dem Saale der Spulerinnen fortgelaufen sein mochte, im Arbeitskleid, ohne Umhängetuch. Und in ihrer Gesellschaft ein feingekleideter junger Herr, in welchem Petz und Bethi nicht eben zu ihrer Freude ihren Bruder Edi erkannten. Der junge Mann redete lebhaft auf das hübsche Ding ein, und sie sah verliebt zu ihm auf und lauschte seinen Worten – beide merkten sie nicht, daß quer über den Rasenplatz ein stämmiger. proletarisch aussehender Bursche sich wie ein Jäger ans Wild in behutsamen Sprüngen an sie heranpürschte. Er war ohne Hut und gleichfalls im Arbeitskittel, ein Webergehilfe vermutlich, der das Mädchen hatte davonschleichen sehen, etwas witterte und den beiden auflauerte. Die Geschwister sahen ihn stehen, hinter das Strauchwerk geduckt, lauschend, mit wutverzerrtem Gesicht, und sie sahen, wie er gerade in dem Augenblick, da Edi seinen Arm um den Nacken des Mädchens legte, vorbrach und einen wuchtigen Faustschlag gegen seinen jungen Chef führte, der zurücktaumelte und sich mit dem Spazierstöckchen wehrte. Aber der andere kümmerte sich nicht weiter um ihn, sondern zerrte das Mädchen, das leise wimmerte und sich sträubte, am Handgelenk über die Wiese mit sich fort, und als sie zu stürzen drohte, riß er sie auf und trieb sie mit Püffen und gemeinen Schimpfworten vor sich her, bis sie ihm entlief und in einer Tür des Fabriksgebäudes verschwand. Da wendete er sich erst zurück und drohte mit der Faust gegen Edi herüber und schrie, er lasse das Mädel nicht zur Dirne machen, und wenn der junge Herr ihm nochmals über den Weg laufe, werde er es ihm schon zeigen! Edi indessen, damit beschäftigt, die Tellen auszutreiben, die sein Hut abbekommen hatte, blieb auch nichts schuldig und schrie zurück, die Frechheit werde er ihm eintränken, er möge sich seinen Lohn auszahlen lassen, hier sei er am längsten Weber gewesen. Und nachdem sie sich so, obgleich an den Fenstern die Köpfe von neugierigen Arbeitern und Arbeiterinnen auftauchten, ohne viel Umschweife die Meinung gesagt hatten, gingen sie ruhig auseinander, der Weber ins Haus, der junge Chef gegen den Gartenausgang. Da erblickte er Bethi und Petz, grüßte unbefangen und sagte, es sei schön, daß sie auch einmal heraus kämen.

Bethi fand nicht gleich Worte und blieb einsilbig, während Petz sich nicht enthalten konnte, des Bruders unziemliches Betragen zu rügen, dessen unfreiwillige Zeugen sie zufällig geworden waren. Edi hingegen zeigte wenig Neigung, in sich zu gehen und Reue und Leid zu erwecken.

»Was echauffierst du dich eigentlich? Schließlich sind doch die Mädels dazu da, daß man sich ein bischen mit ihnen amüsieren kann?«

»So viel ich weiß, sind sie da, um zu arbeiten, und ein ehrliches Arbeitermädchen ins Unglück bringen, ist ordinär. Gehört sie aber zu den Leichtfertigen, so solltest du dich erst recht schämen, dich mit ihr abzugeben.«

»Geh, mach dich nicht lächerlich, Petz, mit deinen altväterischen Ansichten! Heutzutage denkt man doch freiheitlicher in solchen Dingen und das ist nur recht und billig. Denn was soll unsereiner tun? Wie ein Kapuziner leben? Dafür bedank' ich mich schönstens. Oder so früh ins Ehejoch springen, wie die biederen Großväter es taten? Ist auch nicht mein Fall. Was sind das also für geschwollene Redensarten: Ein ehrliches Arbeitermädchen ins Unglück bringen! Als ob ein Arbeitermädel eine Komteß wär'! Die nehmens nicht so genau, das kannst du mir glauben. Was haben sie denn vom Leben? Ja, früher vielleicht, wo es noch eine Menge kleine Handwebermeister gegeben hat, da hat so eine sich etwas zurücklegen können, hat schließlich einen Mann bekommen und ist Meisterin geworden. Damals war die Ehrbarkeit noch halbwegs rentabel. Aber jetzt – geh, hör mir auf! Tagaus, tagein hinter der Spuhlmaschine stehn und ewig denselben Handgriff machen, bis sie steinalt und krummbucklig wird ist das eine Aussicht für so ein junges Ding? Schad' ist es um sie ganz einfach, wenn sie sauber ist. Und wenn sie sich einmal unterhalten kann und ein anderer sich mit ihr abgibt als so ein Proletarier, so ist sie nur froh und sogar stolz darauf.«

»Du mißbrauchst deine Stellung als Chef und setzt dein Ansehen bei der Arbeiterschaft aufs Spiel. Schon die Achtung vor der Firma sollte dich daran hindern. Was hast du dir von dem Menschen alles bieten lassen müssen!«

»Das soll ihm auch übel bekommen! Ich werde nicht versäumen, mit Vielkind zu sprechen. Du sollst sehen, wie schnell mein Ansehen bei der Arbeiterschaft wieder hergestellt ist.«

»Du wolltest ihm deine Macht fühlen lassen?« sagte jetzt Bethi. »Das kann ich von dir nicht glauben, Edi, denn es wäre niedrig gehandelt.«

Er sah sie an und wurde rot. Verlegen bügelte er mit dem Ellbogen an seinem Hut.

»Diese Proletarier wachsen einem über den Kopf, wenn man ihnen nicht gelegentlich den Herrn zeigt. Soll ich mich von so einem Menschen ins Unrecht setzen lassen?«

»Diesmal hast du dich selbst ins Unrecht gesetzt, will mir scheinen. Der Mensch mag sich ungehörig benommen haben gewiß, er hat sich hinreißen lassen. Willst du ihn deswegen brotlos machen? Und hatte er nicht Ursache, in Wut zu geraten? Vielleicht ist das Mädchen seine Verlobte?«

»Sie ist seine Schwester,« sagte Edi. »Und wenn ich mir's überlege, so hast du eigentlich recht. Ich glaub', ich hätt' auch nicht anders gehandelt an seiner Stelle. Wenn nicht in diesem Falle gerade ich der andere wäre, so würd' ich sogar finden, daß der Pölzl Heinrich ein ganz wackerer Bursch ist.« Er setzte seinen Hut auf, lächelte und sagte in dem gemächlich-gutmütigen Ton, der ihm sonst eigen war: »Die ganze Geschichte ist ein Schmarrn. Ich war ungeschickt, und er war hitzig. Von mir aus soll er dableiben, wenn ihm das Weben Freud' macht, ich bring' ihn nicht ums Brot, es ist, wie du sagst, es wäre niedrig. Und dumm obendrein! Denn wenn der Heinrich nachher keine andere Arbeit findet, läßt ihn die Toni doch nicht hungern. Da könnt' ich ihn erhalten vielleicht auch noch, so mittelbar. In dem Fall wär' dann die Rache nicht süß, sondern bloß kostspielig.«

»Versprich mir, daß du das Mädel fürder in Frieden läßt!« sagte Petz noch immer aufgebracht.

»Jetzt – zu viel darfst du von mir auch nicht verlangen! Ein Heiliger bin ich nie gewesen und hab' auch kein Talent dazu. Aber gescheiter anfangen will ich's ein anderes Mal, daß es keinen Skandal mehr gibt – das kann ich dir versprechen.«

Und mit seinem offenen Lachen, das immer wieder für ihn einnahm, empfahl er sich von den Geschwistern und ging gemächlich pfeifend durch den Garten davon, um in die Stadt zurückzukehren.

Bethi war traurig, sie hatte schon als Halbwüchsige den jüngeren Bruder bemuttert und liebte ihn zärtlich. Auf ihr Wort gab er noch das meiste, er war nur lässig und schwach, sonst aber gutmütig und lenksam, wenn man ihn bei der richtigen Seite zu fassen wußte. Jetzt sah sie ihn mehr und mehr ihrem Einfluß entgleiten. Sie wußte viele Beispiele, wie die jüngsten Söhne wohlhabender Fabrikantenfamilien Verschwender und Lebemänner geworden waren, weil sie das richtige Arbeiten nicht mehr gelernt hatten und die Notwendigkeit des Erwerbens fehlte. So hätte auch Edi einer ganz besonderen Willenskraft bedurft, um ebenso tüchtig zu werden wie seine älteren Brüder es waren. Er hatte es schwerer als sie, weitaus schwerer, weil er es von Jugend auf um so vieles leichter gehabt hatte. Das sagte sich Bethi immer wieder zu seiner Entschuldigung und liebte ihn nach wie vor, so viel Kummer er ihr auch manchmal bereitete. –

Weniges später standen Petz und Bethi im großen Werksaale, wo die Webstühle klapperten und die Schnellschützen gleich Flintenkugeln an den Weberladen hin und her sausten. Ueber jedem Arbeitsmanne war hoch oben auf dem Gerüst, schon nahe der Decke, ein kastenartiger Aufsatz angebracht, und in einem jeden saß ein kleiner freundlicher Kobold versteckt, der dem Weber beim Weben half und ihm die Platinen und Korden aufzog. Das waren die neuen Jacquards, über die Bethi nicht genug staunen konnte. Denn wenn man sah, wie die grünen oder malvenroten oder veilchenblauen oder dotterblumengelben Seidenfäden der Kette hochgehoben wurden, genau in der Reihenfolge, wie der Weber es brauchte, daß er die Schütze dazwischen hindurchschießen konnte, so war es schwer zu glauben, daß nicht eine vernunftbegabte Hand mit dabei im Spiele sein sollte, sondern der Stuhl das alles von selber verrichtete.

»Es ist wie ein Wunder,« sagte Bethi zu Vielkind, der stolz dabei stand. »Früher, der Latzenzieher, der hat es natürlich gewußt, welche Schnüre er aufziehen muß, damit die Kettfäden genau der Reihe nach sich heben, wie das Muster es fordert. Aber der Kasten da oben, der kann es doch nicht wissen? Und dennoch verrichtet er es?«

Herrn Vielkind war es gerade so zumute und nicht anders, als ob er selbst der Erfinder der Jacquardmaschine wäre.

»Pah!« machte er, indem er die Hornbrille zurecht rückte, »Das ist keine Hexerei, nicht die Spur, erzsimpel ist es, wenn man es einmal verstehen tut. Aber freilich, ausgekartelt haben wir die Geschichte schlau, der Herr von Leodolter und ich. Ohne Menschenverstand geht es halt doch nicht, nur daß der Menschenverstand hier einfürallemal in den Mechanism da hineingesperrt ist. Und jetzt rumort er halt darin, und wenn der Arbeiter noch so dumm wär' und sich noch so verkehrt anstellen wollt', der Menschenverstand, der im Mechanism steckt, hilft ihm und bringt alles auf gleich und macht's, wie es sein soll. Und wissen Sie, was die ganze Kunst dabei ist, Demoiselle Bethi? Daß derjenige, welcher den Mechanism einrichten tut, wirklich einen Menschenverstand hat!«

Er schnupfte, zog sein »Fazolettl« und lachte befriedigt.

»No ja,« sagte er, »das liegt doch auf der Hand? Denn wenn man keinen Menschenverstand hat, kann man ihn doch nicht in so ein Kastel hineinsperren!«

Und dann erklärte er Bethi die Einrichtung der Jacquards und zeigte ihr, wie das ganze Dessin auf zusammenhängende Blätter aus durchlochter Pappe übertragen war, und wie alle Platinen, die nicht in ein Loch der Musterung trafen, durch die Stärke der Pappe zur Seite gebogen und ausgeschaltet wurden. Wo aber das Muster es forderte und eine Platine ins Loch traf, da blieb sie aufrecht und gerade, wurde vom Messerkasten erfaßt und in die Höhe gehoben. Und zugleich mit ihr stiegen dann auch die seidenen Fäden der Kette hoch, die an der betreffenden Platine befestigt waren, und bildeten das Fach, durch das der Weber seine Schütze schnellen konnte.

»Wenn man es einmal begriffen hat,« sagte Bethi, »so ist es einfacher, als es aussieht. Aber hören Sie, Vielkind! Die neue Erfindung, die Sie da ins Werk gesetzt haben, ist wie der junge Kuckuck im Nest, verstehen Sie mich? Ich meine, daß der Jacquardstuhl keine schwächeren Modelle neben sich dulden und sich rücksichtslos an ihre Stelle setzen wird. Das ist ihm zuzutrauen, weil er gar so gescheit und findig und sicher der Stärkere ist. Und die Starken, Gescheiten und Findigen sind immer ein bischen herzlos. Da tut es mir nun und auch meinem Bruder Alfred um die alten Zampelstühle leid. Die haben sich doch nichts zuschulden kommen lassen, waren gewissenhaft und treu ihr Leben lang und sollen jetzt auf einmal, nur weil sie alt geworden sind, zum Rumpelzeug geworfen werden! Was meinen Sie? Könnte man nicht wenigstens einigen von ihnen das Gnadenbrot geben?«

Herr Vielkind sah etwas verdutzt drein und wußte nicht recht, ob es ihr ernst war, oder ob sie bloß scherze.

»Fräul'n Bethi reden ja von den Zeugstühlen, als ob es Menschen wären? Unsereiner freilich, der tät' sich kränken, wenn er mir nichts, dir nichts sollt' entlassen werden, weil er alte Knochen kriegt. Aber so ein Zampelstuhl – dem tut kein Herz weh, mein' ich. Dafür ist er halt doch nicht gescheit genug.«

»Mir aber tät' es weh,« sagte Bethi lächelnd, »wenn ich alles, was noch von Vaterszeit her ist, mit einem Schlag müßt' verschwinden sehn, begreifen Sie? Und man soll doch in späteren Jahren auch einmal wissen, wie so ein Zampelstuhl eigentlich ausgesehen hat, und soll es nicht vergessen, damit man sich recht darüber freuen kann, um wieviel flotter es jetzt mit dem Weben geht. Also hab' ich es mit meinem Bruder Alfred besprochen, daß wir Sie bitten wollen, einem von den alten Stühlen irgendwo im Hause einen Winkel einzuräumen. Der Götsch Lebold soll daran weben, mit Schani, seinem Enkel, dem Latzenzieherbuben, und wenn der Götsch Lebold einmal nicht mehr ist, dann soll der Schani den Stuhl übernehmen und soll sich unter seinen Kindern, wenn er selber Kinder haben sollte bis dahin, einen Latzenzieher aussuchen. Und immer soll der letzte Latzenzieher bei Abgang des Webers auf dem alten Zampelstuhle weiterweben, zum dauernden Angedenken, wie es dereinst gewesen.«

Herr Vielkind wollte Einwände erheben. Der Götsch Lebold? Nicht zu denken! Da käm' er schön an beim Herrn Chef, der würde ihn samt dem Götsch Lebold vor die Tür setzen! Als aber Petz sich bereit erklärte, alles auf sich zu nehmen, wurde er schwankend und begann nachzudenken.

»Man soll doch auch sehen,« sagte Bethi noch, »daß die Fabrik all die Zeit her nicht bloß eine armselige Schufterei gewesen ist! Was meinen Sie? Jetzt sind Sie dreißig oder vierzig Jahre da, und das soll alles nichts wert gewesen sein? Steckt denn nicht auch in so einem alten Zampelstuhl ein Mechanism, mit einem Menschenverstand darin? Ja, mit einem sehr klugen Menschenverstand sogar, den mir niemand verachten soll!«

Da war Herr Vielkind auf einmal Feuer und Flamme für den Gedanken. Das hatte er doch immer gesagt, ganz so ohne war das Alte auch nicht, und in so einem Zampelstuhl steckte etwas darin! Also von ihm aus – warum denn nicht? Er war nur froh darüber, wenn man sollte sehen können, daß die neuen Erfinder es nicht aus den Fingern gelutscht hatten, und daß das Frühere auch etwas wert gewesen. Also wurde es vereinbart und beschlossen, einen alten Zampelstuhl zum ewigen Angedenken in Gang zu halten und den Götsch Lebold mit seinem Latzenzieherbuben daran arbeiten zu lassen.

Bethi dankte ihm, sie verabschiedeten sich, Herr Vielkind versprach voll Eifer, daß er schon alles machen und nach Wunsch einrichten würde. Petz freute sich, der Schwester den unschuldigen Wunsch erfüllt zu haben. Denn er bemerkte, als sie miteinander in die Stadt zurückfuhren, wie leicht und heiter sie sich jetzt fühlte, man sah es ihr an, daß ihr eine Last vom Herzen genommen war.

Niemand ahnte, daß es jetzt noch Schwierigkeiten geben könnte. Es geschah aber, wie es oft geschieht, daß eine gutmütige Absicht, die man lange gehegt, gerade in dem Augenblick unausführbar wird, wo man sich dazu entschloß. Der Götsch Lebold zeigte sich nicht mehr auf dem Platzel und nicht auf dem Braunhirschengrund. Herr Vielkind schickte Nachricht in das Haus, wo der Götsch früher gewohnt hatte. Er wohnte längst nicht mehr dort, man wußte nichts von ihm. Herr Vielkind wartete, daß er doch noch einmal kommen und um Arbeit bitten würde. Aber er kam nicht wieder. Man suchte ihn durch die Polizei. Die Polizei wußte genau, wer den »Nürnberger Korrespondenten« hielt, wer verbotene Bücher las, wer die Kirche nicht besuchte, und wer einen längeren Bart trug als es sich gehörte, wenn schon nicht offen am Kinn, so doch verborgen in seinem Herzen. Das alles wußte die Polizei. Aber wo der Götsch Lebold und der Schani hingekommen waren, das wußte sie nicht.

Bethi behielt die Angelegenheit im Auge. Der Muschir kehrte von der Hochzeitsreise zurück, Julie fühlte sich angegriffen und übersiedelte bald ins Himmelhaus. Der Muschir fuhr hin und her und ließ über den Sommer seine Stadtwohnung behaglich einrichten, im Oberstock des Hauses »Zum goldenen Stuck«, wie es bestimmt war. Bethi benützte die milde, gleichsam zerknirschte Stimmung, in der er sich zu befinden schien, und schmeichelte ihm das Versprechen ab, daß mit dem Götsch Lebold nach ihrem Sinn verfahren würde, wenn er wieder zum Vorschein käme. Aber die Nachforschungen, die sie anstellen ließ, hatten keinen Erfolg. Es verstrich ein Jahr, es verstrichen zwei, und sie ließ es sich nicht verdrießen, ihre Bemühungen immer wieder aufzunehmen, sobald etwas wie ein neuer Anhaltspunkt sich zeigte. Es war alles vergebens, der Götsch Lebold blieb verschollen.

Da gab schließlich Bethi sich darein, nahm an, daß er auswärts Arbeit gefunden haben mochte, und dachte nicht mehr an ihn.

*

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.