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Fräulein Fifi

Guy de Maupassant: Fräulein Fifi - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleFräulein Fifi
booktitleGesammelte Werke
volume1
printrun13. und 14. Tausend
publisherDeutsche Verlagsanstalt
year1924
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
senderhille@abc.de
created20040608
correctorreuters@abc.de
corrected20120920
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Die Reliquie

Herrn Abbé Ludwig d'Ennemare
in Soissons.

Mein lieber Abbé!

Nun ist meine Verlobung mit Deiner Cousine zurückgegangen und zwar auf die dümmste Art und Weise, wegen eines schlechten Witzes, den ich mir beinahe ohne Absicht mit meiner Braut erlaubt habe.

Ich bitte Dich um Hilfe, mein alter Kamerad, in der Verlegenheit, in der ich mich befinde, denn nur Du kannst mir aus der Patsche helfen. Ich will Dir's auch bis zum Tode danken.

Du kennst Gilberte, oder vielmehr, Du bildest es Dir ein, aber kennt man jemals die Frauen aus? All ihre Ansichten, ihre Überzeugungen, ihre Ideen sind Überraschungen. Bei ihnen steckt alles voller Winkelzüge, Rückschläge, voll Möglichkeiten, die nicht vorher zu sehen sind, voll unfaßbarer Schlüsse. Sie sind unlogisch, und haben sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt, das unumstößlich scheint, so werfen sie es plötzlich wieder um, weil sich vielleicht ein Vögelchen aufs Fensterbrett gesetzt.

Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß Deine Cousine, als Zögling der weißen oder schwarzen Damen von Nancy, übertrieben religiös ist.

Das weißt Du besser als ich. Was Du aber wohl nicht weißt, ist, daß sie alles übertreibt, genau wie die Religion. Sie fliegt auf wie ein Blatt im Wind. Und sie ist mehr Frau – oder richtiger junges Mädchen – als irgend eine andere, läßt sich sofort rühren oder ärgern. Zuneigung wie Haß gehen mit ihr durch, und von beiden kommt sie ebenso leicht zurück. Und hübsch ist sie, wie Du weißt, und bezaubernd, wie sich's gar nicht ausdrücken läßt ... und wie Du es nie ahnen kannst.

Wir waren also verlobt. Ich betete sie an, wie ich sie noch anbete. Sie schien mich zu lieben.

Eines Abends bekam ich ein Telegramm, das mich zu einer Konsultation nach Köln rief. Vielleicht handelte es sich um eine schwere und schwierige Operation. Da ich den folgenden Tag abreisen mußte, ging ich zu Gilberte, um ihr Lebewohl zu sagen und ihr zu erklären, warum ich bei meinen Schwiegereltern in spe Mittwoch nicht würde essen können, sondern erst Freitag, wo ich zurückkam. Hüte Dich nur vor dem Freitag, ich sage Dir, das ist ein Unglückstag!

Als ich von meiner Abreise sprach, sah ich Thränen in ihren Augen. Aber als ich sagte, daß ich wiederkäme, klatschte sie sofort in die Hände und rief:

– O, wie bin ich glücklich! Du bringst mir etwas mit – ja? Nur eine Kleinigkeit, nur ein einfaches Andenken, aber bloß für mich ausgesucht. Du mußt erraten, was mir die größte Freude macht! Hörst Du! Da werde ich mal sehen, ob Du Fantasie hast!

Ein paar Sekunden dachte sie nach, dann fügte sie hinzu:

– Aber Du darfst nicht mehr als zwanzig Franken ausgeben. Du mußt mir Freude machen durch die Absicht und durch das was Du aussuchst, jedoch nicht durch den Preis!

Dann sagte sie wieder nach einer Pause, halb leise mit gesenkten Augen:

– Wenn es keinen Geldwert hat, aber sehr fein und zart ausgedacht ist, bekommst Du ... einen Kuß

Anderen Tages war ich in Köln. Es handelte sich um ein schreckliches Unglück, das eine ganze Familie zur Verzweiflung brachte. Eine Amputation machte sich notwendig. Man ließ mich im Hause wohnen, man sperrte mich beinahe ein, und ich sah nur weinende Menschen um mich. Ich operierte einen Sterbenden, der unter dem Messer zu sterben drohte. Zwei Nächte blieb ich bei ihm, und als eine leichte Besserung eintrat, ließ ich ihn zur Bahn bringen.

Es stellte sich heraus, daß ich mich in der Zeit geirrt, und daß mir noch eine volle Stunde bis zum Abgang des Zuges blieb. Ich irrte durch die Straßen und dachte noch an meinen armen Patienten. Da redete mich ein Mensch an.

Ich kann kein Deutsch, er verstand nicht Französisch, aber endlich begriff ich doch soviel, daß er mir Reliquien zum Kaufe anbot. Der Gedanke an Gilberte fiel mir auf die Seele. Ich kannte ihren fanatischen Glauben: damit war mein Geschenk gefunden. Ich folgte dem Manne in eine Handlung von Kirchengegenständen und suchte ein »kleines Stück Knochen der elftausend Jungfrauen«, aus.

Die vermeintliche Reliquie lag in einem reizenden silbernen Kästchen alter Arbeit. Das entschied meine Wahl. Ich steckte den Gegenstand in die Tasche und stieg in den Zug.

Als ich wieder zu Haus war, wollte ich meinen neuen Kauf betrachten. Ich nahm ihn ... die Schachtel war aufgesprungen – die Reliquie verloren. Ich drehte alle Taschen um – der kleine Knochen, der nur halb so groß war, wie eine Stecknadel, war fort.

Mein lieber Abbé, du weißt, mein Glaube ist nur mäßig entwickelt. Du hast Seelengröße genug, bist mir Freund genug, wegen meiner Gleichgültigkeit ein Auge zuzudrücken und mich in Ruhe zu lassen. Du erwartest alles von der Zukunft, sagst Du. Na, an die Reliquien der Frömmigkeitsschacherer kann ich aber beim besten Willen nicht glauben, und Du teilst meine Zweifel in dieser Hinsicht. Genug, der Verlust dieses Stückchens Hammelknochen regte mich nicht weiter auf und ich verschaffte mir leicht einen ähnlichen Splitter, den ich sorgsam in mein Kleinod klebte.

Dann ging ich zu meiner Braut.

Sowie sie mich eintreten sah, stürzte sie mir mit bangem Lächeln entgegen:

– Was hast Du mir mitgebracht?

Ich that so, als ob ich's ganz vergessen hätte. Sie wollte es nicht glauben. Ich ließ sie bitten, sogar flehen, und als ich sah, daß sie sich vor Neugierde nicht mehr zu lassen wußte, gab ich ihr das heilige Kästchen. Sie war überglücklich. »Eine Reliquie, oh eine Reliquie! Dabei küßte sie leidenschaftlich die Schachtel. Da schämte ich mich meines Betruges.

Aber Unruhe schlich sich ihr in's Herz und wuchs zu fürchterlicher Angst. Sie blickte mich forschend an:

– Weißt Du auch bestimmt, daß sie echt ist?

– Ganz bestimmt.

– Wodurch?

Nun saß ich fest. Eingestehen, daß ich das Knöchelchen von einem Händler erworben, den ich auf der Straße getroffen – das hieß alles verloren geben. Aber was sollte ich sagen? Da schoß mir eine tolle Idee durch den Kopf und ich antwortete leise und geheimnisvoll:

– Ich habe sie für Dich gestohlen!

Sie betrachtete mich erstaunt mit glücklichen Augen:

– Ach gestohlen? Wo denn?

– Im Dom, aus dem Reliquienschrein der tausend Jungfrauen!

Ihr Herz pochte, ihr wurde ganz schwach vor Glück und sie murmelte:

– Das hast Du für mich gethan! ... für mich ... Erzähle mir ... sage mir alles ...!

Nun war's gethan. Jetzt konnte ich nicht mehr zurück. Ich erfand also eine fantastische Geschichte genau mit allen Einzelheiten. Höchst wunderbar: ich hätte dem Wächter hundert Franken gegeben, daß er mich allein hereinließe. Der Schrein wäre zufällig ausgebessert worden, aber ich wäre gerade während der Frühstückspause der Arbeiter und des Geistlichen gekommen. Da hätte ich denn, indem ich eine Schrankfüllung eingedrückt, die ich dann sorgfältig wieder eingesetzt, einen kleinen Knochen genommen – ach so winzig nur – aus einem ganzen Haufen anderer. (Ich sprach von einem Haufen in Erwägung der Masse Knochen, die eintausend Jungfrauen-Skelette doch liefern müssen.) Dann wäre ich zu einem Goldarbeiter gegangen und hätte ein Kleinod gekauft, das der Reliquie würdig war.

Es war mir gar nicht unangenehm ihr beibringen zu können, daß das Kästchen fünfhundert Franken gekostet.

Aber darüber machte sie sich gar keine Gedanken: sie hörte mich bebend und in Verzückung an. Sie flüsterte: »Ich habe Dich so lieb!« Dann fiel sie mir in die Arme.

Nun denke Dir: Ich hatte für sie eine Ruchlosigkeit begangen. Ich hatte gestohlen, eine Kirche entweiht, einen Heiligenschrein erbrochen, Reliquien geschändet und gestohlen. Dafür betete sie mich an, fand mich süß, den reizendsten Mann, göttlich. So ist die Frau, lieber Abbé, die echte Frau!

Während zwei Monaten war ich der beste Bräutigam. In ihrem Zimmer hatte sie sich eine Art von Kapelle eingerichtet, um darin dies Stückchen Hammelrippe auszustellen, um dessen willen ich, wie sie sich einbildete, das göttliche Verbrechen der Liebe begangen. Davor begeisterte sie sich früh und spät.

Ich hatte sie gebeten zu schweigen. Ich fürchtete arretiert, verurteilt und an Deutschland ausgeliefert zu werden – wie ich behauptete. Sie hielt ihr Wort.

Da kam ihr, der Sommer zog ins Land, die glühende Sehnsucht den Ort meiner That mit eigenen Augen zu sehen. Sie quälte ihren Vater so lange, bis er sie nach Köln mitnahm. Auf den Wunsch seiner Tochter, erfuhr ich nichts davon.

Ich brauche nicht erst zu erwähnen, daß ich das Innere des Domes gar nicht gesehen habe. Ich habe keinen Schimmer, wo das Grab der elftausend Jungfrauen eigentlich ist (wenn es überhaupt eins giebt?) Leider scheint das Grabmal aber unantastbar zu sein.

Nach einer Woche erhielt ich zehn Zeilen, die mir mein Wort zurückgaben. Dann einen erklärenden Brief des Vaters, dem sie sich anvertraut.

Beim Anblick des Heiligenschreins war ihr sofort mein Betrug, meine Lüge und zugleich meine tatsächliche Unschuld klar geworden. Sie hatte den Hüter der Reliquien gefragt, ob nichts gestohlen worden und der Mann hatte ihr lachend die Unmöglichkeit eines solchen Frevels klar gemacht.

Aber vom Augenblicke ab, wo es sich herausgestellt, daß ich kein Heiligtum erbrochen und meine ruchlose Hand nicht nach verehrungswürdigen Überresten ausgestreckt, war ich meiner blonden empfindlichen Braut nicht mehr wert.

Man verbot mir das Haus. Ich bat, ich flehte – nichts konnte die schöne Fromme erweichen.

Ich ward krank vor Kummer.

Da ließ mich vorige Woche Frau d'Arville, eure gemeinsame Cousine, zu sich bitten. Nun höre die Bedingungen, unter denen mir verziehen wird: ich muß eine Reliquie schaffen, eine wirkliche, echte, die vom heiligen Vater beglaubigt ist, und zwar die Reliquie irgend einer jungfräulichen Märtyrerin.

Ich werde verrückt vor Unruhe und Verlegenheit.

Wenns nötig ist gehe ich nach Rom. Aber ich kann doch nicht so mir nichts dir nichts zum Papst laufen und ihm meine alberne Geschichte erzählen. Und dann glaube ich nicht, daß man Laien wirkliche Reliquien giebt.

Könntest Du mir nicht einen Empfehlungsbrief mitgeben an irgend einen Monsignore oder auch nur an einen französischen Prälaten, der irgend ein Überbleibsel von einer Heiligen besitzt? Oder hättest Du etwa selbst den wertvollen Gegenstand, den ich suche, in Deinem Besitz?

Lieber Abbé, rette mich, und ich will Dir auch versprechen, mich zehn Jahre früher zu bekehren!

Frau d'Arville, die die Sache tragisch nimmt, hat mir gesagt »Die arme Gilberte wird niemals heiraten«

Mein alter Kamerad, willst Du Deine Cousine als Opfer eines faulen Witzes in die Grube fahren lassen? Bitte, bitte, hilf, damit sie nicht Nummer elftausendundeins wird.

Verzeih, ich bin es nicht wert. Aber ich umarme Dich und habe Dich von Herzen lieb.

Dein alter Freund
Heinrich Fontal

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