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Fräulein Fifi

Guy de Maupassant: Fräulein Fifi - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleFräulein Fifi
booktitleGesammelte Werke
volume1
printrun13. und 14. Tausend
publisherDeutsche Verlagsanstalt
year1924
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
senderhille@abc.de
created20040608
correctorreuters@abc.de
corrected20120920
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Der Ersatzmann

– Frau Bonderoi?

– Jawohl Frau Bonderoi.

– Nicht möglich.

– ... Ich sag's Ihnen ja ...

– Frau Bonderoi, die alte Dame mit dem Spitzenhäubchen, die fromme, die heilige, die ehrbare Frau Bonderoi deren falsche, kleine Löckchen aussehen, als wären sie an den Schädel geklebt?

– Dieselbe.

– Ach, hören Sie mal, Sie sind nicht recht bei Troste!

– Ich schwöre es Ihnen.

– Das müssen Sie mir aber mal erzählen!

– Schön, also zu Lebzeiten des einstigen Notars Herrn Bonderoi benutzte Frau Bonderoi, wie es hieß, die Schreiber ihres Mannes zu ihrem Privatdienst. Sie ist eine jener ehrsamen Bürgersfrauen mit geheimen Sünden aber unbeugsamen Grundsätzen, wie's deren viele giebt. Sie hatte eine Schwäche für hübsche Jungen! Das ist doch ganz natürlich. Haben wir nicht hübsche Mädel gern?

Als Papa Bonderoi nun mal tot war, lebte sie als Rentnerin friedlich und tadellos. Sie ging fleißig zur Kirche, redete Böses vom lieben Nächsten, und litt nicht, daß ihr mit Gleichem vergolten würde.

Dann alterte sie und wurde das kleine Frauchen, das Sie kennen, scharf, verbissen, bös!

Nun hören Sie die wunderliche Geschichte, die letzten Donnerstag passiert ist:

Mein Freund, Jean d'Anglemare ist – wie Sie wissen – Rittmeister bei den Dragonern, die im Faubourg de la Rivette liegen.

Als er neulich in die Kaserne kommt, hört er, daß sich zwei Mann seiner Schwadron höllisch geprügelt haben. Die militärischen Forderungen der Ehre sind streng: sie duellierten sich. Dann versöhnten sie sich und erzählten ihrem Vorgesetzten den Grund ihres Streites. Sie hatten sich um Frau Bonderoi geschlagen.

– Ach nee!

– Jawohl lieber Freund, um Frau Bonderoi.

Aber lassen wir mal dem Dragoner Siballe das Wort:

– Das war so, Herr Rittmeister. 's mögen wohl Jahre anderthalb her sein, da ging ich spazieren auf der Promenade – so abends zwischen sechs und sieben, und da redet mich 'ne Privata an.

Und se sagt so wie eener nach'n Wege fragt. – Dragoner, sagt se, wollen Sie zehn Franken die Woche verdienen? Aber ganz anständig.

Ich antworte ehrlich: – Zu Diensten meine Dame!

Da sagt se zu mir: – Kommen Sie zu mir, morgen mittag. Ich bin Frau Bonderoi, rue de la Tranchée Nummer sechs!

– Haben Se keene Angst, meine Dame ich komme schon!

Dann ging sie weiter. Sie schien zufrieden zu sein und sagte:

– Danke schön, Dragoner.

– Ganz auf meiner Seite, meine Dame.

Na, ich konnte den andern Tag gar nicht erwarten.

Zu Mittag – klingelte ich bei ihr.

Sie machte mir selber aus. Den ganzen Kopp hatte se voll kleene Bändchen und sagt:

– Wir müssen schnell machen, mein Mädchen kommt bald zurück.

Ich antworte:

– Ich werd' schon schnell machen, was hab' ich zu thun?

Da fängt se an zu lachen und meent:

– Verstehst denn nicht, Dickchen?

Ich hatt's noch nicht weg, weiß Gott, Herr Rittmeister.

Sie setzte sich dicht neben mich und spricht zu mir:

– Wenn du ein Wort von all dem sagst, kommst du in Arrest. Schwöre mir, daß du schweigst!

Ich schwor, was sie wollte, aber ich verstand keen Wort. Mir war schon ganz heiß geworden. Ich nehm' also den Helm ab, wodrin ich's Taschentuch hatte. Sie nimmt mein Taschentuch und tupft mir die Schläfen. Dann küßt sie mich und tuschelt mir in's Ohr:

– Na willst du denn?

Ich antworte:

– Ich will alles, meine Dame, was Se wollen, denn ich bin doch desterwegen gekommen!

Da macht se's mir richtig klar. Als ich nun wußte, was sie wollte, setzte ich meinen Helm auf einen Stuhl und zeigte ihr, daß een Dragoner nie zurückweicht, Herr Rittmeister.

's war nicht eben schön, denn die Privata war kein Jüngling mehr. Aber da darf man nicht zu sehr drauf sehen, Draht macht sich rar heutzutage. Und dann muß man doch auch die Familie unterstützen. Ich sagte mir: »Für'n Vater fallen ooch noch'n hundert Fünfer ab.«

Als die Schinderei zu Ende war, Herr Rittmeister, macht ich mich fertig zu gehen. Sie wollte gern, daß ich noch'n bissel bleiben sollte, aber ich sagte ihr: – Jedem sein Recht, meine Dame, een Gläschen voll kostet zwei Fünfer, und zwei Gläschen kostet vier Fünfer!

Das sah se ein und drückt mir'n kleines Goldstück zu zehnen in die Hand. Das paßte mir nu nich, die Münze, das verliert sich so in der Tasche, und wenn die Hosen nicht gut genäht sind, findet man's im Stiebel wieder, oder gar nich!

Wie ich nun so das gelbe Siegellack angucke und mir die Geschichte überlege, merkt se's wird rot denkt was ganz falsches und fragt mich:

– Du willst wohl mehr haben?

Ich spreche:

– Das nich grade, meine Dame, aber wenn Sie's sonst paßt, möcht' ich lieber zwei einzelne Stücke.

Die kriegt ich und ich ging.

Na, das geht nun so achtzehn Monate, Herr Rittmeister. Jeden Dienstag abend mach' ich hin, wenn der Herr Rittmeister mir Urlaub giebt. Das hat se lieber, weil dann ihr Mädchen schon schläft.

Na, also letzte Woche is mir nich ganz hiebsch, und ich muß mal's Lazarett näher angucken. Der Dienstag kommt – keine Möglichkeit rauszukommen. Und ich ärgere mich schief wegen der zehn Franken, an die ich gewöhnt bin.

Ich sage mir: »Wenn keiner hingeht, bin ich der Lackierte, dann nimmt sie sicher 'n Artilleristen!« Und das empörte mich.

Da frage ich Paumelle, der mein Landser is, und sage ihm: – Hundert Fünfer für dich, hundert für mich, abgemacht?

– Stimmt! sagt er und is fort. Ich hatten genau Instruktion gegeben. Er klingelt, sie macht aus, läßt 'n rein, guckt 'n nich genauer an und merkt nich, daß 's nich derselbe is.

Herr Rittmeister wissen: Dragoner ist Dragoner und im Helm sind se nich auseinanderzukennen. Aber auf einmal merkt se die Schiebung und fragt wütend:

– Wer sind Sie? Was wollen Sie. Ich, ich kenne Sie nicht!

Da erklärt ihr Paumelle die Geschichte, mir is nich hiebsch und ich hab'n als Ersatzmann geschickt. Sie guckt ihn an, läßt ihn auch schwören zu schweigen und nimmt ihn natürlich an, indem nämlich der Paumelle ooch nich übel is.

Aber als der Hund wiederkommt, Herr Rittmeister, will er mir meine hundert Fünfer nich geben ... Wenn's nur für mich gewesen wäre, hätt ich kein Wort verloren, aber es war doch für 'n Vater, und da soll er keene Geschichten machen!

Ich sage ihm:

– Das ist nicht kameradschaftlich für 'n Dragoner, du machst unserer Uniform keine Ehre!

Da hat er angefangen, Herr Rittmeister, indem er sagte die Schinderei wäre mehr wert als doppelt so viel.

Jeder hat seine Meinung. Da mußt' er's nich übernehmen. Ich hab' ihm die Faust unter die Nase gehalten. Herr Rittmeister wissen das übrige.

Rittmeister d'Anglemare weinte vor Lachen, als er mir die Geschichte erzählte, aber er ließ mich auch versprechen Stillschweigen zu bewahren, wie er es den beiden Dragonern zugesagt, indem er schloß:

– Verraten Sie mich aber nicht, behalten Sie alles für sich, Ihr Wort?

– O, haben Sie keine Angst. Aber nun sagen Sie mal was ist denn noch draus geworden?

– Wieso? Also ganz kurz: Die alte Bonderoi behält beide Dragoner, indem sie jedem seinen Tag reserviert. So sind alle zufrieden.

– Na, die ist günstig!

– Und die alten Eltern haben was zu beißen. Die Tugend siegt!

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