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Fräulein Fifi

Guy de Maupassant: Fräulein Fifi - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleFräulein Fifi
booktitleGesammelte Werke
volume1
printrun13. und 14. Tausend
publisherDeutsche Verlagsanstalt
year1924
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
senderhille@abc.de
created20040608
correctorreuters@abc.de
corrected20120920
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Der Weihnachtsabend

– Der Weihnachtsabend! Ach geht mir mit dem Weihnachtsabend. Ich feiere ihn nicht! – sagte der dicke Henri Templier in wütendem Ton, als ob man ihm eine Ehrlosigkeit zugemutet hätte.

Die übrigen riefen lachend:

– Warum wirst du denn so böse?

Er antwortete:

– Weil mir der Weihnachtsabend den widerlichsten Possen gespielt hat und ich einen unüberwindlichen Abscheu vor diesem blödsinnigen Abend bekommen habe mit seiner albernen Fröhlichkeit.

– Wieso denn?

– Wieso? Ihr wollte wissen? Na da hört mal an:

Ihr wißt noch wie's vor zwei Jahren um die Zeit kalt war, so 'ne Kälte, um arme Leute auf der Straße gleich tot hinzuschmeißen. Die Seine fror zu. Auf den Trottoirs kriegte man Eisbeine gleich durch die Sohlen durch. Die Welt schien nicht weit vom Krepieren zu sein.

Ich hatte damals gerade 'ne große Arbeit vor und lehnte alle Einladungen zum Weihnachtsabend ab, weil ich lieber die Nacht am Schreibtisch sitzen wollte. Ich aß allein. Dann fing ich an. Aber so gegen zehn hatt' ich keine Ruhe mehr. Ich dachte an all die Fröhlichkeit überall in Paris, dann tönte der Straßenlärm trotz alledem immer zu mir heraus und durch die Wand hörte ich die Vorbereitungen meiner Nachbarn zum Abendessen. Ich wußte nicht mehr, was ich eigentlich arbeitete. Ich schrieb Blech! Und ich sah ein, daß ich's nur ruhig aufstecken konnte, diese Nacht was Vernünftiges fertig zu kriegen.

Ich ging ein wenig im Zimmer spazieren, setzte mich, stand auf. Ich unterlag eben auch dem ansteckenden Einfluß der allgemeinen Fröhlichkeit und ergab mich darein, klingelte meinem Mädchen und sagte:

– Angele, holen Se mir 'n Abendessen zu zwei Personen: Austern, 'n kalten Rebhahn, Krebse, Schinken, Kuchen. Dann bringen Sie mir zwei Flaschen Sekt raus, decken Sie und gehen Sie schlafen.

Sie gehorchte, wenn auch etwas erstaunt. Als alles bereit war, zog ich den Überzieher an und ging aus.

Es galt eine wichtige Frage zu entscheiden: mit wem sollte ich soupieren? Meine Freundinnen waren schon eingeladen. Hätt' ich eine haben wollen, hätt' ich mich früher umthun müssen. Da dachte ich, du wirst zugleich eine gute That vollbringen, Paris wimmelt von armen, hübschen Mädeln, die nichts zu beißen haben und die nur einen »noblen Kavalier« suchen. Ich werde bei einer dieser Enterbten den Weihnachtsmann spielen. Ich werde rumbummeln, die Vergnügungsorte abgrasen, fragen, auf die Jagd gehen und suchen was mir paßt.

Ich zog also los.

Ich traf ja 'n ganzen Haufen armer Mädel, die 'n Abenteuer suchten, aber entweder waren sie häßlich, daß 's einem gleich schlecht werden konnte, oder so dürr, daß sie sofort 'n Eiszappen geworden wären, wären sie stehen geblieben.

Ihr wißt, ich habe so 'ne kleine Schwäche für die Dicken. Je fetter desto besser. Eine »Riesendame« macht mich rein verrückt.

Da entdeckte ich plötzlich gerade gegenüber vom Theater des Variétés ein Profil, das mir gefiel. Ein Kopf, dann vorn zwei Erhöhungen, die Brust – sehr schön, die drunter – erstaunlich: ein Leib wie 'ne fette Gans. Mich überlief's und ich sagte mir: Gottes Donnerwetter ist das 'n hübsches Mädel! Eins mußte noch aufgeklärt werden: das Gesicht.

Das Gesicht ist das Dessert. Das übrige ist ... ist der Braten.

Ich ging schneller, holte das herumbummelnde Frauenzimmer ein und drehte mich unter einer Gaslaterne schnell um.

Sie war entzückend, ganz jung, bräunlich mit großen, schwarzen Augen.

Ich lud sie ein, sie nahm ohne Zögern an.

Eine Viertelstunde darauf waren wir in meiner Wohnung.

Beim Eintreten sagte sie:

– Ah, hier ist man gut aufgehoben!

Und sie blickte um sich mit sichtlicher Befriedigung, bei dieser eisigen Nacht Tisch und Bett gefunden zu haben. Sie war herrlich, zum Staunen hübsch und dick, daß mir das Herz im Leibe lachte.

Sie legte Hut und Mantel ab, setzte sich und fing an zu essen. Aber sie schien nicht aufgelegt zu sein und manchmal zuckte es über ihr ein wenig bleiches Gesicht, als ob sie einen geheimen Kummer hätte.

Ich fragte sie:

– Du hast wohl irgend 'ne Unannehmlichkeit!

Sie antwortete:

– Bah, ich mag nicht dran denken!

Und sie begann zu trinken. Auf einen Zug leerte sie ihr Glas Sekt, füllte es und leerte es wieder ohne Unterlaß.

Bald färbten sich ein wenig ihre Wangen und sie begann zu lachen.

Ich war schon ganz verliebt und schmatzte sie ab, indem ich die Entdeckung machte, daß sie weder dumm, noch gemein, noch ungebildet war, wie die Mädchen von der Straße. Ich wollte Einzelheiten über ihr Leben wissen. Sie antwortete:

– Kleiner, das geht dich nichts an!

Ach! Eine Stunde später ...

Endlich nahte der Augenblick des Schlafengehens. Während ich den Tisch fortrückte, der vor dem Feuer stand, zog sie sich schnell aus und schlüpfte unter die Decke.

Meine Nachbarn vollführten einen gräßlichen Spektakel, lachten und sangen wie die Irrsinnigen. Und ich sagte mir: »Ich habe doch riesig recht gehabt mir das schöne Mädel zu holen, von Arbeiten wäre doch keine Rede gewesen!«

Ein tiefes Stöhnen klang, so daß ich mich umdrehte und fragte:

– Was fehlt dir denn mein Kätzchen?

Sie antwortete nicht, aber stieß weiter schmerzliche Seufzer aus, als ob sie fürchterlich zu leiden hätte.

Ich fragte:

– Fühlst du dich nicht wohl?

Da schrie sie plötzlich, schrie herzzerreißend. Ich eilte mit einem Licht herbei.

Ihr Gesicht war von Schmerzen entstellt, sie rang keuchend die Hände, während aus ihrer Brust ein dumpfes Wimmern klang, wie Röcheln, daß einem das Herz bebte.

Ich fragte erschrocken:

– Aber was hast du denn? So sage mir doch was du hast!

Sie antwortete nicht und fing an zu heulen.

Plötzlich schwiegen die Nachbarn, um zu horchen, was bei uns los sei.

Ich wiederholte:

– Wo hast du denn Schmerzen? So sage mir doch wo!

Sie stammelte:

– Ach mein Leib, mein Leib ...

Mit einem Ruck hob ich die Decke auf, und entdeckte ...

Sie kam nieder, liebe Freunde!

Da verlor ich den Kopf. Ich lief zur Wand, und trommelte daran mit den Fäusten, was ich nur konnte, indem ich rief:

– Hilfe! Hilfe!

Die Thür ging auf, eine Menge Menschen kamen herein, Herren im Frack, dekolletierte Damen, Pierrots, Türken, Musketiere. Dieser Einbruch verstörte mich derartig, daß ich nicht einmal imstande war zu erklären, was los sei.

Sie hatten irgend ein Unglück vermutet, vielleicht ein Verbrechen, und begriffen nun nichts.

Ich sagte endlich:

– Hier ... Hier ... diese Frau ... komm. nieder ...

Da ward sie von allen betrachtet und alle gaben ihr Urteil ab. Ein Kapuziner vor allem behauptete, Sachverständiger zu sein, und wollte der Natur zuvorkommen.

Sie waren betrunken wie die Stiere. Ich dachte sie würden sie tot machen und stürzte ohne Hut die Treppe hinunter, um einen alten Arzt zu holen, der in einer Nachbarstraße wohnte.

Als ich mit dem Doktor wiederkam, war das ganze Haus auf den Beinen. Auf der Treppe hatte man das Gas wieder angesteckt, die Bewohner aller Stockwerke füllten meine Wohnung. Vier Quaiarbeiter machten meinem Sekt und meinen Krebsen ein Ende.

Als man mich zu Gesicht bekam, kreischte alles laut aus und eine Milchfrau hielt mir in einem Handtuch ein fürchterliches, runzliges, faltiges, wimmerndes Stück Fleisch, das Töne von sich gab wie eine Katze, mit den Worten entgegen:

– Es ist ein Mädchen.

Der Arzt untersuchte die Wöchnerin, erklärte ihren Zustand für bedenklich, weil das Unglück gleich nach einem Souper stattgefunden, und ging, indem er mir mitteilte, er werde sofort eine Krankenwärterin und eine Amme schicken.

Eine Stunde darauf kamen die beiden Frauen mit einem Packet Arzenei.

Ich brachte die Nacht in einem Lehnstuhle zu, viel zu erschrocken, als daß ich an die Folgen gedacht hätte.

Zeitig am andern Morgen kam der Arzt. Er fand den Zustand der Kranken ziemlich schlecht, und sagte mir:

– Ihre Frau, Herr ...

Ich antwortete ihm:

– Sie ist nicht meine Frau.

Er fuhr fort:

– Also Ihr Verhältnis, das ist mir gleich.

Und er zählte auf, was sie an Pflege, Arzenei und Diät brauche.

Was sollte ich thun? Das unselige Ding in's Krankenhaus schicken? Man hätte mich im ganzen Hause, im ganzen Viertel für einen Unmensch gehalten.

Ich behielt sie bei mir. Sie blieb sechs Wochen in meinem Bett liegen.

Das Kind gab ich in Pflege zu Bauern nach Poissy. Es kostet mich heute noch fünfzig Franks monatlich. Da ich nun mal zu Anfang bezahlt hatte, so bin ich jetzt genötigt bis an mein seliges Ende weiter zu blechen.

Und später wird es mich für seinen Vater halten.

Aber um das Pech voll zu machen, denkt euch, als das Mädchen wieder hergestellt ist, liebt es mich ... liebt mich rasend, das Unglückswurm!

– Na und?

– Na und, sie war dürr geworden wie 'ne Katze auf 'm Dach, und ich hab' se rausgeschmissen das Gerippe, das mir auf der Straße auflauert, sich versteckt um mich vorbeikommen zu sehen, mich abends anhält, wenn ich ausgehe, um mir die Hand zu küssen, genug sich anschmiert zum toll werden.

Da habt Ihrs, weshalb ich keinen Weihnachtsabend mehr feiern mag!

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