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Fräulein Fifi

Guy de Maupassant: Fräulein Fifi - Kapitel 18
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleFräulein Fifi
booktitleGesammelte Werke
volume1
printrun13. und 14. Tausend
publisherDeutsche Verlagsanstalt
year1924
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
senderhille@abc.de
created20040608
correctorreuters@abc.de
corrected20120920
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Toll?

Bin ich verrückt? Oder nur eifersüchtig? Ich weiß es nicht, ich weiß nur, daß ich furchtbar gelitten habe. Es ist wahr, ich habe eine Verrücktheit, eine tolle Verrücktheit begangen. Aber genügt denn lechzende Eifersucht, wahnsinnige, verratene, verlorene Liebe, der ganze grauenvolle Schmerz, den ich leide, nicht um uns zu Verbrechen und Wahnsinn zu treiben, ohne daß wir durch Herz und Hirn wirklich schuldig wären?

Ach, ich habe gelitten, gelitten, gelitten, bitter, fürchterlich gelitten. Ich habe diese Frau mit wahnwitziger Liebe geliebt. Und dennoch – ist das wahr? Habe ich sie geliebt? Nein, nein, nein. Sie hatte mir Seele und Leib genommen, ganz ausgefüllt, in Fesseln geschlagen. Ich war, ich bin ihr Spielzeug. Ich hänge an ihrem Lächeln, ihren Lippen, ihrem Blick, an den Linien ihres Leibes, an ihren Zügen. Ich keuche wie ein Sklave unter dem Zwange, den ihr Anblick auf mich übt. Aber sie selbst das Weib darin, das Wesen, das in diesem Leibe lebt, hasse ich, verachte ich, verfluche ich, und immer, immer schon habe ich es gehaßt, verachtet und verflucht. Denn sie ist treulos, viehisch, schmutzig, unrein! Sie ist die Frau, an die ich mich verloren habe, das falsche, sinnliche, seelenlose Tier, das dahinbrütet, ohne daß je ein Gedanke luftreinigend und belebend sie durchströme. Sie ist die Bestie im Menschen. Und weniger noch: sie ist nur der Schoß, das wundervolle, süße, runde Stück Fleisch, das – die Schmach bewohnt.

Die erste Zeit, die wir zusammen waren, war seltsam und köstlich. In ihren immer geöffneten Armen verlor ich meine Kraft in nie gesättigten Begierden. Es war, als ob ihre Augen mich durstig nach ihren Lippen gemacht. Sie waren Tages über grau, schillerten grünlich wenn der Abend sank, und blau beim anbrechenden Lichte. Verrückt bin ich nicht: ich kann schwören. daß sie diese drei Farben hatten.

Zur Stunde der Liebe glänzten sie blau mit riesigen, nervösen Pupillen. Aus ihren zitternden Lippen lugte ab und zu die rosig-feuchte Spitze der Zunge hervor, es war wie das Züngeln eines Reptils. Langsam hoben sich die schönen Augenlider, um mir den glühenden, markzehrenden Blick zu zeigen, der mich rasend machte.

Wenn ich sie in die Arme schloß, sah ich ihr in die Augen und zitterte, während mich die Lust beschlich, diese Bestie zu töten und ich doch nicht anders konnte als ihr zu gehören immerdar.

Wenn sie durch's Zimmer ging, erregte mich das Geräusch ihrer Schritte. Und wenn sie anfing sich zu entkleiden, wenn sie ihr Kleid abstreifte und der Wäsche entstieg, die um sie zu Boden fiel, dann lähmte mir unendliche feige Schwäche alle Glieder.

Eines Tages machte ich die Entdeckung, daß sie meiner überdrüssig geworden. Ich sah es, als sie aufwachte an ihrem Blick. Jeden Morgen beugte ich mich über sie und erwartete diesen ersten Blick. Ich erwartete ihn voll Wut, Haß, Verachtung gegen dieses schlafende Vieh, dessen Sklave ich war. Doch wenn sie die blassen, wasserhellen Augen aufschlug, die noch erloschen und matt, noch krank waren von unserer letzten Zärtlichkeit, war es, als durchschösse mich brennendes Feuer, meine Glut neu anzufachen. Als sie aber an diesem Tage die Augen aufschlug, gewahrte ich einen wunschlosen, gleichgültigen, toten Blick.

O ich sah ihn, ich begriff ihn, ich fühlte, ich verstand ihn sofort. Es war aus, aus für immer. Und jede Stunde, jede Sekunde brachte mir Gewißheit.

Wenn ich Arm und Lippe ihr entgegenstreckte, wandte sie sich gelangweilt ab und murmelte: »Laß mich doch!« oder »Ich mag Dich nicht!« oder »Kann ich denn nie Ruhe haben.«

Da ward ich eifersüchtig, eifersüchtig wie ein Hund und gerissen, mißtrauisch, ein Heuchler dazu. Ich wußte, daß es mit ihr wieder los gehen würde, daß sie ein anderer entflammen müßte.

Ich wurde wahnsinnig eifersüchtig, aber toll bin ich nicht, nein, ganz bestimmt nicht!

Ich wartete. Ich lauerte. Betrogen hatte sie mich nicht: sie blieb kalt mit eingeschlafenen Sinnen. Manchmal sagte sie: »Die Männer ekeln mich!« Und so war es auch.

Da ward ich eifersüchtig auf sie selbst. Eifersüchtig wegen ihrer Gleichgültigkeit, eifersüchtig auf ihre nächtliche Einsamkeit, eifersüchtig auf ihre Bewegungen, auf ihre Gedanken, deren Schmutz ich kannte, eifersüchtig auf alles, das ich erriet. Und wenn manchmal beim Erwachen dieser verschwommene Blick wiederkehrte, wie einst nach unseren Liebesnächten, als ob böse Lust ihre Seele gestachelt und ihr Wünsche geweckt, dann ergriff mich grenzenlose Wut, ich bebte vor Empörung und die Begierde überfiel mich, sie zu erwürgen, zu knieen auf ihr und ihre Kehle zusammenpressend sie zum Geständnis aller schmachvollen Geheimnisse ihrer Liebe zu bringen.

Bin ich toll? – Nein.

Da fühlte ich eines Abends, daß sie glücklich war. Ich fühlte, daß in ihr eine neue Leidenschaft emporgekommen. Ich wußte es. Es gab keinen Zweifel. Sie war aufgeregt wie nach meinen Liebkosungen. Ihr Auge leuchtete. Ihre Hände waren warm. Ihr ganzes Wesen strömte jenen Liebesodem aus, der mich rasend gemacht.

Ich that als merkte ich nichts, aber wie ein Netz umgab sie meine Spürkraft.

Und doch entdeckte ich nichts.

Ich wartete eine Woche, einen Monat, ein halbes Jahr. Sie blühte auf in rätselhafter Leidenschaft, und sie beruhigte sich im Glück, das ihr eine unfaßbare Liebe gab.

Da plötzlich – erriet ich es! Ich bin nicht toll. Ich schwöre es, ich bin nicht toll.

Wie soll ich es sagen? Wie mich verständlich machen? Wie soll ich diese gemeine, unglaubliche Sache ausdrücken?

Ich erfuhr es so.

Eines Abends, wie ich schon sagte, kam sie von einem langen Spazierritt zurück. Da sank sie mit geröteten Wangen und heftig atmender Brust, mit zitternden Knieen und geschlossenen Augen mir gegenüber in einen niedrigen Stuhl. Das kannte ich. Sie liebte. Da gab es keine Täuschung.

Das ging über meine Kraft, und ich wandte mich zum Fenster um sie nicht mehr sehen zu müssen. Da gewahrte ich, wie der Reitknecht ihr großes Pferd, das gerade stieg, am Zügel zum Stall führte.

Auch sie hatte das feurig umherspringende Tier mit dem Blicke verfolgt. Als es dann verschwand, schlief sie plötzlich ein.

Die ganze Nacht sann ich nach und Rätsel schienen sich mir zu enthüllen, die ich nie geahnt. Wer wird je die Irrgänge weiblicher Sinnlichkeit ergründen? Wer begreift ihre abenteuerlichen Grillen, die seltsame Befriedigung seltsamster Launen.

Jeden Morgen galoppierte sie bei Tagesanbruch durch Feld und Wald davon und jedes Mal kehrte sie ermattet zurück, wie nach rasender Liebesbrunst.

Ich begriff! Nun war ich eifersüchtig auf das feurig dahinstürmende Pferd. Eifersüchtig auf den Wind, der ihre Wangen umkoste, wenn sie dahinflog in tollem Lauf, eifersüchtig auf die Blätter, die sie im Vorbeireiten streiften, auf die Sonnenstrahlen, die ihr durch das Laubdach hindurch die Stirn küßten, eifersüchtig auf den Sattel der sie trug, den sie mit ihrem Schenkel umspannte.

All das machte sie glücklich, erregte sie, befriedigte, schwächte sie und machte sie dann gleichgültig, fast feindlich gegen mich.

Ich beschloß mich zu rächen. Ich wurde sanft gegen sie und erwies ihr alle Aufmerksamkeiten. Wenn sie nach ihren wilden Ritten aus dem Sattel sprang, streckte ich ihr die Hand entgegen. Das wütende Tier schlug nach mir. Sie streichelte seinen runden Hals, küßte es auf die schnaubenden Nüstern, ohne sich die Lippen zu wischen. Und der Duft ihres warmen Leibes, warm wie er sonst aus dem Bett gekommen, mischte sich mit dem scharfen, wilden Geruch des Tieres.

Ich wartete meine Zeit ab. Jeden Morgen ritt sie denselben Fußweg durch ein kleines Birkenwäldchen, das sich zum Forste zog.

Vor Tagesanbruch ging ich fort mit einem Strick in der Hand und meinen Pistolen in der Brusttasche, als müßte ich zu einem Duell.

Ich lief zu ihrem Lieblingswege und spannte den Strick darüber weg zwischen zwei Bäumen. Dann versteckte ich mich im Grase.

Ich legte das Ohr an den Boden zu lauschen. Von weitem hörte ich ihren Galopp. Dann gewahrte ich sie von ferne unter den Zweigen, die sie wie ein Kreuzgang überbogen, in langem Galopp daherstürmen. O ich hatte mich nicht geirrt! Ich hatte recht! Sie schien glücklich zu sein, ihre Wangen waren gerötet, Raserei leuchtete aus ihrem Blick. Und die rasende Fahrt ließ ihre Nerven zittern in einziger, toller Lust.

Das Tier schlug mit der Vorhand an meinen Fallstrick an und fiel mit zerbrochenen Knochen. Sie fing ich in den Armen auf. Ich bin stark genug einen Stier zu heben. Als ich sie dann zu Boden gelassen, trat ich zu Ihm, der uns ansah. Da setzte ich ihm, während er noch den Versuch machte mich zu beißen, die Pistole an's Ohr und schoß ihn tot wie einen Mann.

Aber ich selbst taumelte zurück von zwei Peitschenhieben in's Gesicht getroffen. Und als sie sich von neuem auf mich stürzen wollte, schoß ich sie mit der zweiten Kugel über den Haufen.

Jetzt sagt: bin ich toll?

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