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Fräulein Fifi

Guy de Maupassant: Fräulein Fifi - Kapitel 17
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleFräulein Fifi
booktitleGesammelte Werke
volume1
printrun13. und 14. Tausend
publisherDeutsche Verlagsanstalt
year1924
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
senderhille@abc.de
created20040608
correctorreuters@abc.de
corrected20120920
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Eingerostet

Nur eine Leidenschaft hatte er in seinem Leben gekannt: die Jagd. Er ging jeden Tag auf die Jagd von früh bis abends mit rasender Passion. Er jagte Sommer und Winter, Herbst und Frühjahr. Wenn die Schonzeit Wald und Feld verbot – im Moor. Er ging auf Schieß- und Hetzjagden, mit Frettchen, Hühnerhund und Windhund, auf Anstand wie auf den Schnepfenstrich. Er redete und träumte nur von Jagd und wiederholte den ganzen Tag: »Wer nicht Jäger ist, muß doch ein unglücklicher Mensch sein!«

Er war nun gerade fünfzig Jahre alt, immer gesund, noch jugendlich, wenn sich auch schon eine Glatze eingestellt. Ein wenig dick war er aber kräftig dabei. Um die Lippen frei zu haben und besser das Jagdhorn blasen zu können, schnitt er sich den unteren Rand des Schnurrbarts gerade.

In der Gegend kannte man ihn nur bei Vornamen: Herr Hector. Er hieß: Baron Hector Gontran de Coutelier.

Er bewohnte ein kleines Haus mitten im Wald, das er geerbt. Und wenn er auch den ganzen Adel der Gegend kannte, dessen männliche Sprossen er bei den Jagden traf, so verkehrte er doch nur mit einer Familie, den de Courville, liebenswürdigen Nachbarn, die seit Jahrhunderten mit seiner Familie verknüpft waren.

Von denen wurde er gehätschelt, geliebt und verzogen, so daß er behauptete: »Wenn ich nicht Jäger wäre, würde ich euch nie verlassen.« Herr de Courville war sein bester Freund von Jugend auf. Er lebte als Landedelmann ruhig dahin mit Frau, Tochter und seinem Schwiegersohn, Herrn de Darnetot, der unter dem Vorwande historische Studien zu treiben eigentlich nichts that.

Baron de Coutelier kam oft zu seinen Freunden zu Tisch, hauptsächlich um ihnen seine Erlebnisse zu erzählen. Er wußte lange Hunde- und Jagdgeschichten bei denen er von den Tieren, die auftraten, wie von bedeutenden Persönlichkeiten sprach, die er gekannt. Er gab ihre Gedanken wieder und Absichten, setzte sie auseinander und erklärte sie: – Als Médor merkte, daß ihn das Huhn so abhetzte, sagte er sich: ›Warte mal, alter Kerl, wer zuletzt lacht, lacht am besten.‹ Dann gab er mir ein Zeichen, daß ich mich an die Ecke des Kleefeldes stellen sollte, suchte mit Riesenlärm in schiefer Linie das Feld ab und bewegte die Blätter so stark als möglich um das Huhn in die Ecke zu treiben, wo kein Entkommen mehr möglich war. Alles traf ein, wie er es vorausgesehen. Plötzlich war das Huhn am Rand und konnte nicht mehr weiter ohne gesehen zu werden. Da sagte es sich: ›Nun bin ich aber reingefallen!‹ und duckte sich in die Blätter. Da stellt es Médor und äugt mich an. Ich gebe ihm ein Zeichen. Er zieht weiter ... Brrrrrr ... das Huhn geht auf ... ich reiße das Gewehr an die Backe ... puff ... es fällt. Und als es Médor brachte, wedelte er, als wollte er sagen: ›Haben wir das nicht fein gedeichselt, Herr Hector?‹

Courville, Darnetot und die beiden Damen wollten sich ausschütten vor Lachen über dieses Jägerlatein, das der Baron mit ganzer Seele vortrug. Er wurde dabei förmlich erregt, warf die Arme hin und her, und wenn er sein Wild auf der Strecke hatte, lachte er dröhnend und fragte immer am Schluß: – Ist das nicht gut, was?

Sobald man von anderen Dingen sprach, hörte er nicht mehr zu und setzte sich allein in eine Ecke um Jagdfanfaren zu summen. So machte er es auch in jeder Pause zwischen zwei Sätzen. Bei jenem plötzlichen Stillschweigen, das oft mitten im Gespräche eintritt, vernahm man da ein: »Tra. tra, tra! Trara, tra, tra!« das der Baron mit vollen Backen blies, als ob er in ein Horn gestoßen hätte.

Er hatte nur der Jagd gelebt und alterte ohne es zu ahnen und zu merken. Plötzlich bekam er einen Rheumatismusanfall, der ihn zwei Monate an's Bett fesselte. Er meinte vor Aerger und Langerweile sterben zu müssen. Da er kein Mädchen hatte und ein alter Diener für ihn kochte, wurden ihm weder warme Umschläge gemacht, noch ward ihm irgend welche Pflege zu Teil, wie sie Kranke brauchen. Sein Jäger war Krankenwärter und da er sich mindestens ebenso langweilte wie sein Herr, schlief er Tag und Nacht im Lehnstuhl, während der Baron im Bett fluchte und schimpfte.

Die Courvilleschen Damen besuchten ihn ab und zu, und das waren seine ruhigsten besten Stunden. Sie machten ihm die Arznei zurecht, kümmerten sich um das Feuer, und brachten ihm freundlich sein Frühstück an's Bett. Wenn sie fortgingen, brummte er:

– Donnerwetter noch mal, Sie sollten hierherziehen!

Und sie lachten von ganzen Herzen.

Als es ihm besser ging und er wieder anfing im Moor zu jagen, kam er eines Abends zu seinen Freunden zu Tisch. Aber er war nicht so fröhlich und gut aufgelegt wie sonst. Ein Gedanke quälte ihn fortwährend: die Furcht wieder Schmerzen zu bekommen, ehe die Jagd aufginge! Als ihn die Damen beim Abschied in einen Shawl wickelten und ihm – was er sich zum ersten Mal in seinem Leben gefallen ließ – ein Tuch um den Hals banden, sagte er verzweifelt:

– Wenn die Geschichte wieder los geht, bin ich ein toter Mann!

Als er fort war, sagte Frau de Darnetot zu ihrer Mutter:

– Wir müßten den Baron verheiraten!

Alles hob die Hände! Wie war es möglich, daß man daran noch nicht gedacht hatte? Den ganzen Abend wurden die Witwen der Bekanntschaft durchgesprochen und man blieb bei einer vierzigjährigen Frau stehen, die noch hübsch war, ziemlich reich, gesund und von gutem Charakter. Sie hieß Bertha Vilers.

Sie ward auf vier Wochen eingeladen, und da sie sich gerade langweilte so kam sie auch. Sie war lebhaft und heiter. Herr de Courelier gefiel ihr sofort. Er machte ihr Spaß wie ein lebendiges Spielzeug. Stundenlang befragte sie ihn unter vier Augen über die Gemütsbewegungen der Kaninchen und Ränke der Füchse. Ganz ernsthaft setzte er die verschiedene Lebensanschauung der Tiere auseinander, indem er ihnen genau Absicht und Überlegung unterschob wie seinen Bekannten.

Die Aufmerksamkeit, die sie ihm schenkte, entzückte ihn und eines Abends lud er sie, um ihr seine Hochachtung zu bezeigen, zur Jagd ein, was er noch bei keiner anderen Dame gethan. Die Einladung machte ihr solchen Spaß, daß sie annahm. Es gab ein allgemeines Fest, als sie ausgerüstet wurde. Alles half. Jeder bot ihr irgend etwas an. Und sie erschien als Amazone in hohen Stiefeln, Hosen, einem kurzen Rock, darüber eine Sammetjacke, die auf der Brust zu eng war, und einer Jagdmütze.

Der Baron war aufgeregt, als ob er zum ersten Mal auf die Jagd ginge. Aufs Genauste erklärte er ihr die Windrichtung, das Verhalten des Hundes, die Art zu schießen. Dann mußte sie querfeldein gehen und er folgte ihr Schritt auf Schritt, wie eine besorgte Mutter, die ihr Kind am Gängelbande die ersten Gehversuche machen läßt.

Médor windete, stand und hob den Lauf. Der Baron stotterte, während er zitternd hinter seinem Zögling blieb:

– Achtung, Achtung ... Reb ... Reb ... Rebhühner.

Er hatte kaum ausgeredet, als ... brrr ... brr ... brr ... ein Volk Hühner aufging.

Frau Vilers kniff erschrocken die Augen zu, drückte beide Läufe ab und ward durch den Rückstoß einen Schritt zurückgeworfen. Als sie dann ihre Haltung wieder gewann, sah sie, daß der Baron wie ein Verrückter umhersprang und Médor zwei Rebhühner apportierte.

Von diesem Tage ab liebte sie Herr de Coutelier.

»Das ist eine Frau!« sagte er, indem er die Augen aufschlug und kam nun jeden Abend um über Jagd zu schwatzen. Eines Tages fragte ihn plötzlich Herr de Courville, der ihn ein Stück nach Haus begleitete, und seine Begeisterung über die neue Freundin hören mußte:

– Warum heiraten Sie sie nicht?

Der Baron erschrak:

– Ich ... ich? Sie heiraten? Aber ... eigentlich ...

Und er schwieg. Dann drückte er hastig die Hand seines Begleiters und murmelte:

– Auf Wiedersehen, lieber Freund!

Mit großen Schritten verschwand er in der Nacht. Drei Tage blieb er fort, und als er wieder erschien, war er blaß vom Grübeln und ernster als sonst. Er zog Herrn de Courville bei Seite:

– Ihre Idee ist ausgezeichnet. Bereiten Sie sie doch 'n bißchen vor, daß sie mich nimmt. Sakrament die Frau ist ja für mich wie geschaffen. Das ganze Jahr jagen wir zusammen.

Herr de Courville meinte bestimmt zu wissen, daß sein Freund keinen Korb bekommen würde und antwortete:

– Halten Sie doch gleich an, mein Lieber. Soll ich's etwa übernehmen?

Aber der Baron ward verlegen und stotterte:

– Nein, nein! Erst muß ich 'ne kleine Reise machen ... 'ne kleine Reise ... nach Paris. Sobald ich zurück bin, entscheide ich mich!

Mehr war nicht herauszubekommen und am nächsten Tage reiste er ab.

Die Reise dauerte lange. Es verstrichen ein, zwei, drei Wochen, Herr de Coutelier erschien nicht. Die Courvilles waren erstaunt und wurden unruhig, denn sie wußten nicht mehr, was sie ihrer Freundin sagen sollten, die sie von dem bevorstehenden Schritte schon in Kenntnis gesetzt. Einen Tag um den anderen ließen sie bei ihm um Nachrichten bitten, aber keiner seiner Leute wußte etwas.

Da kam eines Abends das Mädchen, während sich Frau Vilers gerade zum Gesang am Klavier begleitete, und rief ganz geheimnisvoll und leise Herrn de Courville hinaus. Ein Herr fragte nach ihm. Es war der Baron. Er war im Reiseanzug und schien verändert, gealtert. Sobald er seinen alten Freund erblickte, nahm er ihn bei der Hand und sagte mit ein wenig müder Stimme:

– Eben komme ich zurück, Liebster, und gleich zu Ihnen. Ich kann nicht mehr.

Dann hielt er sichtlich verlegen inne:

^ Ich wollte Ihnen nur sofort ... sagen ... daß die Sache ... mit der Sache ... Sie verstehen ... schon – nichts ist.

Herr de Courville blickte ihn entsetzt an:

– Wieso denn? Nichts ist? Und warum?

– Ach bitte fragen Sie nicht weiter. Es wäre zu peinlich für mich. Aber Sie können sicher sein, daß ich als Gentleman handle. Ich kann nicht ... Ich habe kein Recht dazu ... verstehen Sie, ich habe kein Recht diese Dame zu heiraten. Ich werde so lange warten, bis sie fort ist, dann komme ich wieder zu Ihnen. Es wäre mir zu schmerzlich, sie wiederzusehen. Adieu.

Und er lief davon.

Die ganze Familie beriet, stritt hin und her und stellte tausend Vermutungen auf. Man nahm endlich an, im Leben des Barons müsse irgend ein großes Geheimnis verborgen sein, daß er vielleicht natürliche Kinder habe oder ein altes Verhältnis. Kurzum die Sache ließ sich ernst an, und um nicht Schwierigkeiten zu haben, wurde Frau Vilers vorsichtig aufgeklärt. Als Witwe, wie sie gekommen, reiste sie auch ab.

Ein Vierteljahr verstrich, da sagte einmal nach einem guten Diner in der Weinlaune Herr de Coutelier zu Herrn de Courville, als sie mitsammen ein Pfeifchen schmauchten:

– Wenn Sie wüßten, wie oft ich an Ihre Freundin denke, hätten Sie Mitleid mit mir!

Der andere, den des Barons Handlungsweise in dieser Angelegenheit ein wenig verletzt hatte, antwortete lebhaft, geradeheraus:

– Sakrament, Verehrtester, wenn man in seinem Leben was zu verbergen hat, so macht man eben nicht solche Avancen wie Sie. Schließlich mußten Sie doch den Grund Ihres Zurückziehens schon vorher kennen

Der Baron nahm verlegen die Pfeife aus dem Mund:

– Ja und nein. Kurzum, was passiert ist, hätte ich nicht gedacht.

Herr de Courville gab ungeduldig zurück:

– Man muß alles vorsehen.

Aber Herr de Coutelier antwortete mit gedämpfter Stimme, indem er sich umschaute, ob es auch niemand höre:

– Ich sehe schon, ich habe Sie verletzt. Da will ich Ihnen nur alles sagen, um mich zu entschuldigen. Lieber Freund: seit zwanzig Jahren lebe ich bloß für die Jagd. Wie Sie wissen, habe ich nur die Passion und mache nichts Anderes. Da kam mir nun, als ich gegen diese Dame Pflichten übernehmen sollte, ein Skrupel, ein Gewissensskrupel! Seitdem ich nicht mehr daran gewöhnt bin zu ... zu lieben, na kurz und gut, ich wußte nicht, ob ich wohl noch ... Sie verstehen schon ... Denken Sie mal an ... Jetzt sind es genau sechzehn Jahre her, daß ... daß ... daß ... ich zuletzt ... verstehen Sie! Hier in der Gegend ist's nicht leicht zu ... zu ... Sie verstehen schon. Dann hatte ich andere Dinge im Kopf. Ich schieße lieber was. Kurz, wie ich mich nun vor Staat und Kirche verpflichten sollte zu ... was Sie wissen, da kriegte ich's mit der Angst. Ich hab' mir gesagt: Verflucht, aber wenn, wenn's ... nun nicht geht. Ein ehrlicher Kerl hält sein Versprechen, und ich übernahm da der Dame gegenüber eine heilige Pflicht. Kurz, um reines Gewissen zu haben nahm ich mir vor, acht Tage in Paris zuzubringen.

Nach acht Tagen – nichts, gar nichts. Und versucht wurde's. Das Beste jeder Klasse habe ich genommen. Ich gebe Ihnen die Versicherung, an denen hat's nicht gelegen ... ja ... gewiß, sie haben nichts versäumt. Aber ... was meinen Sie ... immer sind sie unverrichteter Dinge abgezogen.

Da habe ich zwei, drei Wochen gewartet, denn ich gab's noch nicht auf. Ich habe in den Restaurants allerhand gepfefferte Sachen gegessen, und mir den Magen verdorben und ... nichts ... rein gar nichts.

Nun werden Sie begreifen, daß ich unter diesen Umständen, angesichts solcher Beweise nichts Anderes machen konnte, als ... als ... als mich zurückzuziehen! Und das habe ich auch gethan.

Herr de Courville bot alles auf, um nicht zu lachen. Er drückte dem Baron mit ernster Miene die Hand und sprach:

– Mein Beileid!

Darauf brachte er ihn nach Haus bis zur Hälfte des Weges. Wie er aber dann mit seiner Frau allein war, erzählte er ihr alles, indem er beinahe erstickte vor Lachen. Aber Frau de Courville lachte nicht. Sie hörte aufmerksam zu und als ihr Mann geendet, antwortete sie sehr ernst:

– Der Baron ist ein Narr, lieber Freund. Angst hat er gehabt, das ist der ganze Witz. Ich werde Bertha schreiben, sie soll schleunigst wieder kommen.

Als ihr Herr de Courville die langen vergeblichen Bemühungen ihres Freundes vorhielt, antwortete sie:

– Ach was, weißt Du, wenn man seine Frau liebt, kommt das – immer wieder.

Und Herr de Courville antwortete nicht. Er war selbst ein wenig beschämt.

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