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Fräulein Fifi

Guy de Maupassant: Fräulein Fifi - Kapitel 16
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleFräulein Fifi
booktitleGesammelte Werke
volume1
printrun13. und 14. Tausend
publisherDeutsche Verlagsanstalt
year1924
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
senderhille@abc.de
created20040608
correctorreuters@abc.de
corrected20120920
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Der Spazierritt

Kümmerlich lebten die armen Leute vom Gehalt des Mannes. Seitdem sie geheiratet, waren zwei Kinder geboren, durch die die anfängliche Knappheit zur verschämten Armut geworden, wie sie beim herabgekommenen Adel herrscht, der dennoch seinen Rang behaupten will.

Hector de Gribelin war in der Provinz, auf dem väterlichen Besitz, durch einen alten Abbé erzogen worden. Reichtum gab es nicht, aber man schlug sich so durch und wahrte den Schein.

Als er zwanzig Jahr geworden, suchte man eine Stelle für ihn und er trat mit fünfzehnhundert Franken Jahresgehalt als Beamter in's Marineministerium. An dieser Klippe scheiterte er, wie alle die nicht bei Zeiten auf den Kampf um's Dasein gerüstet sind. Wie alle, die das Leben durch eine Wolke sehen, die Mittel und Wege zum Widerstand nicht kennen, bei denen nicht von Jugend auf besondere Eignung, besondere Fähigkeiten, eine rauhe Kraft zum Kampfe entwickelt ward, wie alle, denen man nicht Waffe oder Werkzeug in die Hand gedrückt.

Seine drei ersten Bureaujahre waren furchtbar.

Er hatte einige Freunde seiner Familie gefunden. Es waren alte und altväterische Leute, gleichfalls wenig bemittelt, die in den vornehmen, traurigen Straßen des Faubourg Saint-Germain wohnten. Und er hatte sich einen Bekanntenkreis gebildet.

Dem modernen Leben fremd geworden, einfach und stolz, bewohnten diese dürftigen Aristokraten die hohen Stockwerke verschlafener Häuser. Adel wohnte dort von oben bis unten, aber das Geld schien selten zu sein, im ersten wie im sechsten Stock.

Ewige Vorurteile, Rangerwägungen, die Sorge sich über Wasser zu halten, beschäftigte diese einst glänzenden Familien, die durch die Unthätigkeit der Männer heruntergekommen waren. Hector de Gribelin lernte in diesen Kreisen ein junges Mädchen kennen, adlig und arm wie er. Die heiratete er.

In vier Jahren hatten sie zwei Kinder.

Noch vier Jahre hindurch kannte die Familie, vom Elend in Bann gehalten, keine andere Zerstreuung, als Sonntags in den Champs-Elysées spazieren zu gehen, und ein oder zwei Mal im Winter einen Theaterbesuch auf Freibillets, die sie von einem Kollegen bekommen.

Da wurde, gegen das Frühjahr, dem Beamten durch seinen Chef eine Nebenarbeit anvertraut, und er erhielt eine Gratifikation von dreihundert Franken.

Als er das Geld brachte, sagte er zu seiner Frau:

– Liebe Henriette, jetzt wollen wir uns ein Mal was leisten, zum Beispiel einen Ausflug für die Kinder.

Und nach langem Hin und Her wurde ausgemacht, daß sie auf's Land wollten um dort zu frühstücken.

– Weiß Gott – rief Hector – ein Mal ist kein Mal. Wir wollen für Dich, die Kleinen und das Mädchen einen Wagen nehmen und ich miete mir einen Gaul beim Pferdehändler. Das wird mir riesig gut thun.

Und während der ganzen Woche sprach man von nichts Anderem als vom geplanten Ausfluge.

Hector nahm jeden Abend, wenn er heimkehrte, seinen ältesten Sohn, setzte ihn sich auf's Knie und sagte, indem er ihn reiten ließ:

– So reitet Papa nächsten Sonntag Galopp!

Und der Bengel ritt den ganzen Tag auf allen Stühlen, schleppte sie durchs Zimmer und rief:

– So macht Papa hopp – hopp!

Selbst das Mädchen blickte den Herrn bewundernd an. Sie dachte daran, wie er neben dem Wagen herreiten würde. Während aller Mahlzeiten hörte sie seine Pferdegeschichten mit an und die Heldenthaten früher bei seinem Vater. O, er hatte eine gute Schule durchgemacht und wenn er nur erst das Tier zwischen den Schenkeln spürte, mochte ihm kommen was da wollte!

Er rieb sich die Hände und sagte schmunzelnd zu seiner Frau:

– Wenn ich einen 'n bißchen schwierigen Gaul erwischte, das würde mir doch Spaß machen! Da wirst Du mal sehen, wie ich reiten kann! Und wenn Dir's recht ist, fahren wir durch die Champs-Elysées zurück, gerade wenn die Wagen aus dem Bois kommen. Da wir guten Eindruck machen werden, so wäre mir's ganz recht, wenn uns jemand aus dem Ministerium begegnete, damit die Vorgesetzten mal Achtung vor einem kriegen!

Am bestimmten Tage standen Wagen und Pferd gleichzeitig vor dem Thor. Sofort kam er herab, um sein Tier zu besichtigen. Er hatte Stege an die Hose nähen lassen und fuchtelte mit einer Reitpeitsche umher, die er Tags zuvor gekauft.

Er hob und befühlte alle vier Beine des Gaules nacheinander, klopfte ihm Hals und Rücken, prüfte mit den Fingern die Nierenpartie, öffnete ihm das Maul, untersuchte die Zähne, bestimmte sein Alter und als die ganze Familie erschien, hielt er eine Art von kleiner Vorlesung über das Pferd im allgemeinen und im besonderen über dieses, das er für hervorragend erklärte.

Als alle im Wagen gut untergebracht waren untersuchte er die Gurten. Dann saß er auf. Dabei plumpste er aber dem Tiere so hart auf den Rücken, daß es unter der jähen Last anfing unruhig zu werden und seinen Reiter beinahe abgeworfen hätte.

Hector war aufgeregt und suchte es zu beruhigen:

– Olala ... so ist's brav ... so ist's schön ...

Als dann der Gaul wieder ruhig war und der Reiter seine Haltung wiedergewonnen, fragte er:

– Ist's so weit?

Alles rief:

– Ja.

Da befahl er:

– Los!

Und die Colonne setzte sich in Bewegung.

Aller Blicke waren auf ihn gerichtet. Er trabte englisch und hob sich dabei übertrieben. Wenn er kaum den Sattel berührt, schnellte er wieder empor als wollte er in den Himmel fliegen. Oft fehlte nicht viel, daß er auf dem Halse lag. Mit bleichen Wangen und gerunzelter Stirn starrte er vor sich hin.

Seine Frau hielt das eine Kind, das Mädchen das andere auf dem Schoß und rief fortwährend:

– Nein, der Papa! Nein, der Papa!

Und die beiden Rangen erhoben in ihrer Aufregung durch Freude und frische Luft ein fürchterliches Geschrei. Der Gaul erschrak und fing schließlich an zu galoppieren. Als sich sein Reiter abmühte ihn zu parieren, fiel der Hut herunter. Der Kutscher mußte vom Bock klettern, um ihn aufzuheben, und als ihn Hector wiederbekommen rief er von weitem seiner Frau zu:

– So verbiete den Kindern doch das Brüllen. Sonst geht mir der Schinder noch ab!

Im Gehölz von Vésinet setzten sie sich in's Gras und verzehrten die mitgebrachten Eßvorräte. Obwohl der Kutscher die Pferde bewachte, stand Hector alle Augenblicke auf, um zu sehen, ob seinem Gaul nichts abginge. Er klopfte ihm den Hals, gab ihm Brot, Kuchen, Zucker und erklärte:

– Er geht einen kolossalen Trab. Im ersten Augenblick hat er sogar mich 'n bißchen durchgeschüttelt. Aber wie Du siehst habe ich mich bald eingerichtet. Er hat seinen Herrn und Meister erkannt und wird nun nicht mehr mucksen.

Wie verabredet ging es durch die Champs-Elysées zurück. Die breite Allee wimmelte von Wagen und soviel Spaziergänger waren rechts und links, daß sie wie zwei lange schwarze Bänder aussahen, die sich vom Arc de Triomphe bis zum Concordienplatz zogen. Die Sonne strahlte mit aller Macht auf alles das nieder, sodaß der Lack der Wagen, das Metall an den Geschirren, die Wagengriffe blitzten.

Wie trunken wogten Fußgänger, Equipagen und Pferde durcheinander, und am anderen Ende starrte der Obelisk wie aus einem Goldmeere empor.

Als Sie am Arc de Triomphe vorüber waren, überkam Hectors Pferd plötzlich neuer Stallmut, in langem Trabe drängte es zwischen den Equipagen hindurch nach Haus trotz aller Versuche seines Reiters zu parieren.

Schon war der Wagen weit hinter ihnen, als sich der Gaul plötzlich am Industriepalast, wo er freie Bahn fand, rechts wandte und in Galopp setzte.

Eine alte Frau mit weißer Schürze ging friedlich über den Fahrdamm. Sie befand sich gerade in Hectors Schußfeld, der wie der Teufel angebraust kam und da er sein Tier nicht mehr halten konnte, mit aller Kraft brüllte:

– Holla! Heh! Achtung! Achtung!

Vielleicht hörte sie schwer, jedenfalls setzte sie ihren Weg ganz ruhig fort, bis sie vom Pferde umgerissen ward und mit Schnellzugsgeschwindigkeit die Röcke in der Luft, drei Mal mit dem Kopfe aufschlagend, zehn Schritte weit auf das Pflaster kollerte.

Man rief:

– Halt auf! Halt auf!

Hector verlor ganz den Kopf, krampfte sich an der Mähne fest und brüllte.

– Hilfe! Hilfe!

Ein fürchterlicher Stoß schleuderte ihn gleich einer Bombe zwischen den Ohren seines edlen Renners hindurch, gerade einem Polizisten in die Arme, der das Pferd hatte aufhalten wollen.

Sofort bildete sich eine gestikulierende, wütende, schreiende Menge um ihn. Am aufgeregtesten schien ein alter Herr mit weißem Schnurrbart und einem großen runden Orden, der fortwährend rief:

– Sakrament noch mal, wer so ungeschickt ist, bleibe in seinen vier Pfählen. Wenn man nicht reiten kann, bringt man wenigstens nicht andere Menschen in Gefahr.

Da kamen vier Männer, die die Alte trugen. Mit ihrem gelben Gesicht und dem verschobenen Häubchen sah sie aus, als ob sie tot wäre. Der alte Herr befahl:

– Tragen Sie die Frau in die Apotheke und wir wollen zur Polizeiwache!

Zwei Polizisten nahmen Hector in die Mitte, ein dritter führte sein Pferd. Ein ganzer Janhagel folgte und plötzlich erschien der Wagen. Seine Frau richtete sich erschrocken auf, das Mädchen verlor den Kopf, die Würmer schrieen. Er erklärte ihnen, daß er nachkommen würde, er hätte ein altes Weib umgerannt. Weiter sei es nichts. Und seine Familie fuhr ganz verstört davon.

Auf der Wache wurde die Sache schnell erledigt Er gab seinen Namen an: Hector de Gribelin, Beamter im Marineministerium. Und man wartete auf Nachrichten von der Verwundeten. Ein Polizist, der ausgesandt worden, um Erkundigungen einzuziehen, kehrte mit der Meldung zurück, daß sie wieder zur Besinnung gekommen, aber wie sie gesagt, fürchterliche innere Schmerzen hätte. Es war eine fünfundsechzigjährige Aufwartefrau, Simon mit Namen.

Als Hector hörte, daß sie nicht tot sei, atmete er auf und versprach für die Krankenkosten aufkommen zu wollen. Dann lief er zur Apotheke.

Eine große Menschenmenge umlagerte die Thür. Die gute Frau lag wimmernd, mit blödem Ausdruck und schlaff herabhängenden Armen in einem Stuhle. Zwei Ärzte standen bei ihr. Nichts war gebrochen, aber man befürchtete innere Verletzungen.

Hector fragte sie:

– Haben Sie große Schmerzen?

– O, ja.

– Wo denn?

– Mir brennt's wie Feuer im Magen rum!

Ein Arzt trat hinzu:

– Nicht wahr, Sie sind am Unglück schuld?

– Jawohl.

– Die Frau muß in's Krankenhaus. Ich weiß eines wo der Tag sechs Franken kosten würde. Soll ich's übernehmen?

Hector war sehr erfreut, dankte und kehrte erleichtert nach Haus zurück. Seine Frau erwartete ihn mit thränenden Augen. Er beruhigte sie:

– 's ist weiter nichts. Es geht der Simon schon besser. In drei Tagen ist alles gut. Ich habe sie in's Krankenhaus geschickt. 's ist weiter nichts.

Als er am nächsten Tage vom Bureau kam sprach er bei Frau Simon vor. Sie hatte eben eine gute Bouillonsuppe bekommen, die sie mit sehr zufriedener Miene aß.

– Nun? fragte er und sie gab zurück:

– Nee, hören Se mal, mei guter Herr, das wird nich anders. Ich bin sozusagen wie erschlagen. Mir geht's nich besser.

Der Arzt erklärte, man müsse abwarten, ob nicht Complikationen einträten.

Er wartete drei Tage. Dann sprach er wieder vor. Die alte Frau, die ganz gesund schien und mit hellen Augen umherblickte, fing an zu jammern, sobald sie ihn gewahrte:

– Nee, hören Se mal, mei guter Herr, ich kann mich nich rühren, nich rühren. Ich erhole mich, nich wieder!

Hector lief es kalt über den Rücken. Er befragte den Arzt, der die Achseln zuckte:

– Ja, verehrter Herr, ich kann's nicht sagen. Sobald man sie nur aufheben will, fängt sie an zu brüllen. Man kann ja nicht mal ihren Stuhl fortrücken, ohne daß sie fürchterlich schreit. Ich muß ihr schon glauben. Drin stecken thue ich nicht. Solange ich sie nicht habe gehen sehen, kann ich nicht annehmen, daß sie lügt.

Die Alte hörte unbeweglich mit tückischen Blicken zu.

Acht Tage strichen hin, dann vierzehn, dann vier Wochen. Frau Simon verließ ihren Lehnstuhl nicht. Sie aß von früh bis abends, ward dick und rund, und schwatzte lustig mit den anderen Kranken. Sie schien sich an die Bewegungslosigkeit gewöhnt zu haben, als ob sie die Ruhe wohl verdient durch fünfzig Jahre Laufen treppauf, treppab, durch Bettenmachen und Kohlentragen von Stock zu Stock, durch Kehren und Bürsten.

Hector war wie rasend. Er kam täglich und jeden Tag fand er sie ruhig und heiter dasitzen und erklären:

– Nee, mei guter Herr, ich kann kee Glied mehr rühren, keen Glied.

Jeden Abend fragte ängstlich Frau de Gribelin:

– Und Frau Simon?

Und jedes Mal antwortete er verzweifelt:

– Alles beim alten, alles beim alten.

Das Mädchen, das zuviel kostete, wurde abgeschafft. Sie sparten noch mehr und die Gratifikation ging drauf.

Da berief Hector vier Ärzte von Ruf zur Alten. Sie ließ sich untersuchen, befühlen, beklopfen und blickte sie dabei lauernd an.

– Sie muß durchaus gehen! meinte der eine. Sie rief:

– Nee, mei guter Herr, das is nich möglich, is nich möglich!

Da wurde sie gepackt, gehoben und ein paar Schritte weit geschleppt. Doch sie entglitt ihren Händen, brach auf dem Boden zusammen und fing dermaßen an zu brüllen, daß man sie mit größter Sorgfalt in ihren Stuhl zurücksetzte.

Die vier Aerzte waren sehr vorsichtig in ihrem Urteil, kamen aber doch zum Schlusse, daß sie arbeitsunfähig sei.

Als Hector seiner Frau diese Nachricht brachte, sank sie auf einen Stuhl und stammelte:

– Da wäre es noch das beste, wir nähmen sie in's Haus. Das würde weniger kosten.

Er fuhr in die Höhe:

– Hierher zu uns, daran denkst Du wirklich?

Doch sie antwortete, nun auf alles gefaßt, und die dicken Thränen liefen ihr über die Wangen:

– Lieber Mann, ich kann doch nichts dafür.

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