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Fräulein Fifi

Guy de Maupassant: Fräulein Fifi - Kapitel 14
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleFräulein Fifi
booktitleGesammelte Werke
volume1
printrun13. und 14. Tausend
publisherDeutsche Verlagsanstalt
year1924
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
senderhille@abc.de
created20040608
correctorreuters@abc.de
corrected20120920
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Weihnachtsfeier

Das Jahr ist mir entfallen. Seit einem ganzen Monat schon jagte ich mit wahrer Wut, mit wilder Freude, mit jener Begeisterung, die man für eine neue Leidenschaft hat.

Ich war in der Normandie auf dem Schlosse eines unverheirateten Verwandten, Julius de Banneville, zu Besuch. Wir befanden uns dort ganz allein mit einem Diener, einem Mädchen, und dem Jäger. Das Schloß war ein alter, grauer, von seufzenden Tannen umstandener Kasten, inmitten von langen winddurchtosten Alleen gelegen und seit Jahrhunderten, wie es schien, verlassen. Alte Möbel standen in den immer verschlossenen Räumen, in denen einst die Ahnen, deren Bilder in dem gleich den Alleen winddurchtosten Vorsaal hingen, ihre hochadligen Nachbarn mit aller Förmlichkeit empfangen.

Wir aber hatten uns einfach in die Küche geflüchtet. Diese riesige Küche, deren dunkle Winkel erst hell wurden, wenn man ein neues Scheit Holz in den großen Kamin warf, war der einzig bewohnbare Raum des Herrensitzes. Jeden Abend saßen wir in süßem Halbschlummer am Feuer, unsere nassen Stiefel zu trocknen. Die Hühnerhunde, zu unsern Füßen träumten von der Jagd und bellten im Schlaf. Endlich gingen wir in unser Zimmer hinauf.

Es war der einzige Raum, der überall, der Mäuse wegen frisch getäfelt worden. Aber er war kahl geblieben, bis auf ein paar Gewehre, Hundepeitschen und Jagdhörner an den Wänden. Vor Kälte zitternd glitten wir in unsere Betten, die in den Ecken dieses sibirischen Aufenthaltes standen.

Eine Meile vor der Front des Schlosses stürzte das Felsenufer ins Meer und der gewaltige Windhauch vom Ozean her blies Tag und Nacht. Dann seufzten die großen sturmgebeugten Bäume, dann weinten Dach und Wetterfahne, dann stöhnte das ganze ehrwürdige Gebäude, in das der Wind schnob durch die klaffenden Ziegel, die abgrundtiefen Kamine, die Fenster, die nicht mehr schlossen.

Es hatte fürchterlich gefroren. Der Abend war eingebrochen. Wir nahmen Platz am Tisch vor dem großen Feuer im mächtigen Kamin, in dem ein Hase und zwei köstlich duftende Rebhühner am Spieße brieten.

Mein Vetter blickte auf und sprach:

– Zum Zubettgehen wird's aber kalt heute.

Gleichzeitig gab ich zurück:

– Na, aber dafür giebt's morgen Enten aus den Teichen!

Die Dienerin, die an einem Ende des Tisches für uns, am anderen Ende für die Dienstboten deckte, fragte:

– Wissen denn die Herren, daß 's heute Weihnachten ist?

Das wußten wir freilich nicht, denn wir sahen kaum in den Kalender. Mein Gefährte meinte:

– Ach dann ist heute um Mitternacht die Weihnachtsmesse. Deshalb haben sie also schon den ganzen Tag geläutet.

Die Dienerin antwortete:

– Ja und nein, gnädiger Herr. Sie haben auch geläutet, weil Vater Fournel gestorben ist.

Vater Fournel, der frühere Hirt, galt als Wunder der Gegend. Er war 96 Jahre alt und nie in seinem Leben krank gewesen, bis er vor vier Wochen in einer dunklen Nacht in einen Tümpel gefallen. Dabei hatte er sich erkältet, mußte sich den nächsten Tag zu Bett legen und rang seitdem mit dem Tode.

Mein Vetter wandte sich zu mir:

– Wenn dir's recht ist, wollen wir doch nachher mal die armen Leute besuchen!

Er wollte von der Familie erzählen, vom Alten, seinem Enkel, der achtundfünfzig Jahre alt war, und von dessen ein Jahr jüngeren Frau. Die dazwischen liegende Generation gab es längst nicht mehr. Sie bewohnten eine elende Hütte rechts am Eingang des Dorfes.

Aber ich weiß nicht, warum uns der Gedanke, zu Weihnachten hier mitten in dieser Einsamkeit zu sein, in's Schwatzen brachte. Wir saßen einander gegenüber und erzählten uns alte Geschichten und Abenteuer aus der tolllustigen Weihnachtsnacht, von verflossenem Glück und Erwachen zu zweien am anderen Morgen.

So währte unser Essen lange, und wir rauchten noch manche Pfeife aus. Unsere einsame Fröhlichkeit nahm uns ganz gefangen, wie eben zwischen zwei intimen Freunden das Gespräch nicht abreißt und man einander aus tiefstem Innern Geständnisse macht, die einem nur in solchen Stunden entschlüpfen, wenn sich die Herzen öffnen.

Die Dienerin war längst verschwunden. Nun erschien sie wieder:

– Ich gehe zur Messe, gnädiger Herr.

– Schon?

– Es ist viertel zwölf.

– Was meinst du, wenn wir auch bis an die Kirche gingen? Die Weihnachtsmesse hier auf dem Lande ist ganz interessant! – meinte Julius.

Ich war dabei und wir gingen, in unsere Jagdpelze gehüllt, davon.

Bittere Kälte schnitt uns ins Gesicht und ließ die Augen übergehen. Die scharfe Luft legte sich auf die Lungen und trocknete die Kehlen aus. Der tiefe, klare, harte Himmel war mit Sternen besäet, die förmlich erblichen durch den Frost. Sie flackerten nicht feuerartig, sondern gleich Eisgestirnen, gleich glitzernden Kristallen. In der Ferne klapperten aus dem erzharten, trockenen, wiederhallenden Boden die Holzschuhe der Bauern, und in allen Weiten klangen die Glöckchen der Dörfer und gellen ihre grellen frostigen Klänge in die Winternacht hinaus.

Das Land schlief nicht. Hähne waren durch den Lärm in der Stunde irre geworden und krähten. In den Ställen hörte man das unruhig gewordene Vieh.

Als wir uns dem Dorfe näherten, dachte Julius wieder an die Familie Fournel und sagte:

– Da ist ihre Hütte. Wir wollen hinein!

Er klopfte lange vergeblich. Da gewahrte uns eine Nachbarin, die ihr Haus verließ, um in die Kirche zu gehen, und rief:

– Sie sind zur Messe, die Herren! Sie wollen für den Alten beten!

– Wir werden sie besuchen, wenn sie wiederkommen! – sagte mein Vetter.

Der abnehmende Mond zeigte tief am Horizont seine Sichel inmitten der mit vollen Händen in den Weltenraum gestreuten unendlichen Sternensaat. Und von allen Seiten kamen über die dunkle Landschaft auf den immer läutenden Kirchturm zu kleine schwankende Lichter. Zwischen den baumbepflanzten Bauernhöfen, über das schwarze Feld glitten sie am Boden hin. Es waren die Hornlaternen, die die Bauern trugen. Hinter den Männern schritten ihre Frauen in weißen Hauben und langen schwarzen Mänteln, von verschlafenen Kindern gefolgt, die sich wegen der Nacht bei den Händen hielten.

Durch die offene Kirchenthür erblickte man den erleuchteten Chor. Ein Kranz von Pfenniglichtern lief um das armselige Schiff, und links in einer Kapelle zeigte auf wirklichem Stroh, von Tannenzweigen umstellt, ein Christuskind in gezierter Haltung seine rosigen Glieder.

Der Gottesdienst begann. Die Bauern neigten den Kopf, die Frauen knieten nieder und beteten. Die einfachen Leute, die in der Kälte der Nacht aufgestanden, blickten ergriffen das grob gemalte Bildnis an, und falteten in einfältigem Glauben und ergriffen von dem bescheidenen Glanz der kindlichen Darstellung, die Hände.

Ein eisiger Luftzug ließ die Lichter flackern. Julius sprach zu mir:

– Wir wollen hinausgehen. Draußen is's angenehmer.

Und wir fingen auf der einsamen Straße, während drinnen die betenden Landleute in Ehrfurcht froren, wieder an, unsere Erinnerungen auszutauschen, bis die Messe zu Ende war, und wir zum Dorfe zurückkehrten.

Unter der Thür der Fournel fiel ein Lichtschein hindurch.

– Sie wachen bei ihrem Toten, meinte mein Vetter. Komm wir wollen nun endlich hinein. Das wird die armen Leute freuen.

Im Kamine erstarben letzte Gluten. Der Raum, dessen wurmstichige Balken die Zeit gebräunt, starrte vor Schmutz und ein erstickender Geruch von gebratener Wurst durchzog ihn. Mitten auf dem großen, langen, dickbäuchigen Mehlkasten, der ihnen als Tisch diente, sandte ein Talglicht in schmiedeeisernem Leuchter seine blakende, stinkende Flamme zur Decke. – Und die beiden Fournel, Mann und Frau, feierten einander gegenüber ihren Weihnachtsabend.

Sie aßen traurig und würdevoll, mit ernstem, stumpfsinnigen Bauerngesicht, ohne ein Wort zu reden. Aus einer mächtigen Schüssel zwischen ihnen duftete, die Luft verpestend, ein großes Stück Wurst. Ab und zu rissen sie mit der Messerspitze ein Stück ab, strichen es auf ihr Brot, schnitten es in Stücke und kauten bedächtig.

War das Glas des Mannes leer, so füllte es die Frau wieder mit Apfelwein aus dem Kruge.

Als wir eintraten standen sie auf, boten uns Platz an, forderten uns auf zuzulangen, und aßen auf unsere Ablehnung ruhig weiter.

Nach ein paar Minuten Stillschweigen sagte mein Vetter:

– Na, Anthime, der Großvater ist gestorben?

– Ja, gnädiger Herr, er is alsbald hingeträten.

Wieder schwiegen wir. Die Frau schneuzte aus Artigkeit gegen uns das Licht. Da fügte ich hinzu, um etwas zu sagen:

– Er war sehr alt.

Die siebenundfünfzigjährige Enkelin antwortete:

– Ach, seine Zeit war Sie um. Er hatte hier nischt mehr zu schaffen.

Da kam mir plötzlich der Wunsch einmal die Überreste des beinahe Hundertjährigen zu sehen, und ich bat, ihn mir zu zeigen.

Die beiden bis dahin so stillen Bauern wurden erregt. Besorgt blickten sie sich an und antworteten nicht.

Da mein Vetter ihre Verlegenheit sah, so beharrte er darauf, und der Mann fragte mit argwöhnischem und tückischem Ausdruck:

– Zu was denne?

– Zu nichts weiter, sagte Julius – aber das ist doch immer so! Weshalb wollen Sie 'n denn nicht zeigen?

Der Bauer zuckte die Achseln:

– Mir is 's eegal, nur bei nachtschlafener Zeit is 's nich bequem.

Wir hatten tausenderlei Verdacht. Da sich die Enkelkinder des Toten aber gar nicht rührten, mit gesenkten Augen einander gegenüber sitzen blieben, mit jener eisernen Stirn von unzufriedenen Leuten, die zu sagen scheinen: »Drücken Sie sich!« so rief mein Vetter energisch:

– Vorwärts Anthime, stehen Sie auf und führen Sie uns in sein Zimmer.

Aber der Mann, der nun mal seinen Willen hatte, antwortete verdrossen:

– Das hat gar keenen Zweck, dort is er doch nich mehr.

– Wo denn sonst?

Die Frau schnitt ihrem Manne das Wort ab:

– Ich wär Sie's sagen! Mir hab'n bis morgen immer in 'n Mehlkasten gelegt, denn mir haben keenen Platz.

Dabei nahm sie den Wurstteller fort, klappte den Deckel im Tisch auf und beugte sich mit dem Licht in die große gähnende Öffnung hinab um zu leuchten. Und am Boden entdeckten wir etwas Graues, eine Art von langem Paket, aus dem auf der einen Seite ein magerer Kopf mit weißen zerzausten Haaren guckte, auf der anderen Seite ein Paar bloße Füße.

Es war der Alte, ganz vertrocknet, mit geschlossenen Augen, in seinen Hirtenmantel gewickelt der dort seinen letzten Schlaf schlief unter alten schwarzen Brotkrusten, hundertjährig wie er.

Auf ihm hatten die Enkel den Weihnachtsabend gefeiert.

Julius war empört und rief zitternd vor Wut:

– Warum habt Ihr 'n nicht in seinem Bett gelassen, Ihr Bauern!

Da fing die Frau an zu jammern und rief schnell:

– Mei lieber Herre, das will ich Sie sagen. Mir haben nur ee Bett im Hause. Früher haben mir mit ihm drin geschlafen, weil mir doch bloß dreie sein. Seit er so krank ist haben mir auf der Erde geschlafen. Das ist beese mei guter Herre bei die schweren Zeiten. Na wie er nu greepiert is, da haben mir gemeent: da dem kee Haar mehr weh thut, hat er doch ooch nischt mehr von 'n Bett. Da können mir 'n ganz scheen bis uf den morgigen Tag in 'n Mehlkasten legen, sintemalen mir doch nicht mit dem Toten zusammenschlafen kennen, meine guten Herren ...

Mein Vetter lief ganz außer sich hinaus, indem er die Thür zuschmiß, während ich ihm folgte und mir vor Lachen die Thränen nur so über die Backen liefen.

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