Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Guy de Maupassant >

Fräulein Fifi

Guy de Maupassant: Fräulein Fifi - Kapitel 13
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleFräulein Fifi
booktitleGesammelte Werke
volume1
printrun13. und 14. Tausend
publisherDeutsche Verlagsanstalt
year1924
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
senderhille@abc.de
created20040608
correctorreuters@abc.de
corrected20120920
Schließen

Navigation:

Erwacht

Seit drei Jahren war sie verheiratet und hatte seitdem noch nie das Thal von Ciré verlassen, in dem ihr Mann zwei Spinnereien besaß. Ruhig, kinderlos, glücklich lebte sie dahin in ihrem unter Bäumen versteckten, von den Arbeitern »das Schloß« genannten Hause.

Herr Vassun, der viel älter war als sie, war ein guter Mann. Sie hatte ihn gern und nie war ihr ein böser Gedanke gekommen. Den ganzen Sommer brachte ihre Mutter in Ciré zu, sobald die ersten Blätter von den Bäumen fielen kehrte sie nach Paris zurück, um dort den Winter zu verleben.

Jeanne hustete immer ein wenig, wenn der Herbst kam. Dann stiegen fünf Monate hindurch die Nebel aus dem engen Thal, das ein Fluß durchschlängelte. Erst wogten leichte Dünste über die Wiesen und machten alles einem großen Teiche gleich, aus dem die Dächer der Häuser ragten. Dann schwollen die weißen Wolken flutartig an, umhüllten alles und machten das Thal zum Spuklande, in dem die Menschen wie Schatten umhergeisterten ohne auf zehn Schritt einander zu erkennen. Die dunstumwogten Bäume ragten förmlich beschlagen aus der Nässe.

Wer auf den einschließenden Rücken schritt und das Thal betrachtete,. sah aus den in Höhe der Hügel gelagerten Dünsten, die beiden riesigen Essen der Werke des Herrn Vassun auftauchen, die Tag und Nacht zwei Schlangen schwarzen Rauches zum Himmel spieen.

Das war das einzige Lebenszeichen aus dem Loche, das ausschaute, als sei es mit Watteflocken angefüllt.

Als nun dieses Jahr der Oktober wiederkehrte riet der Arzt der jungen Frau, sie möchte doch den Winter in Paris bei ihrer Mutter verleben, denn die Luft im Thal könnte ihrer Lunge schaden.

Sie ging.

Während der ersten Monate dachte sie fortwährend an ihr Haus, das sie verlassen. Daran hing sie mit allen Fasern der Gewohnheit, seine Einrichtung war ihr vertraut und das stille Dasein dort. Dann gewöhnte sie sich an das neue Leben, fand Geschmack an Festen, Diners, Soiréen und Bällen.

Bis dahin hatte sie sich ihr Mädchenwesen bewahrt, etwas unentschlossenes, schläfriges, einen etwas schleppenden Gang, ein ein wenig müdes Lächeln. Nun wurde sie lebhaft, heiter, vergnügungssüchtig. Man schnitt ihr die Kur. Das Gerede der Herren machte ihr Spaß. Sie spielte mit ihren Huldigungen, im Gefühl ihrer Sicherheit und weil sie nach ihren Eheerfahrungen genug hatte von der Liebe.

Der Gedanke, sich den plumpen Liebkosungen der Herren der Schöpfung hinzugeben, zwang ihr ein mitleidiges Lächeln ab und einen gelinden Schauder. Sie begriff nicht, wie sich Frauen, die an ihren rechtmäßigen Gatten gebunden waren, dazu hergeben konnten sich von einem Fremden eine entehrende Berührung gefallen zu lassen. Ihren Mann hätte sie noch zärtlicher geliebt, wenn sie wie zwei Freunde miteinander gelebt hätten, und sich mit dem keuschen Kuß eines Seelenbundes begnügt.

Aber all diese Artigkeiten machten ihr Spaß, diese Augen, die Wünsche äußerten, die sie gar nicht teilte, diese offenen Anträge, diese Erklärungen in's Ohr, wenn es vom Diner in den Salon zurückging, diese so leise gestammelten Worte, daß man sie beinahe erraten mußte, und die sie doch ganz kalt ließen an Leib und Seele, wenn sie auch heimlich ihrer Coquetterie schmeichelten und in ihrem Herzen ein zufriedenes Feuer entfachten, daß sich ihre Lippen färbten, ihr Auge glänzte, und ihre geschmeichelte Weibesseele leise zusammenschauerte.

Sie liebte diese Zwiegespräche abends am Feuer im dunkelnden Salon, wo die Männer bitten, stammeln, zittern, niederfallen auf's Knie. Ihr war es eine neue ungeahnte Freude, diese Leidenschaft zu sehen, die sie nicht berührte, »nein« zu sagen durch Wink und Wort, die Hand zurückzuziehen, aufzustehen, kaltlächelnd nach der Lampe zu klingeln und mit anzusehen, wie der, der ihr zu Füßen gelegen, sich bestürzt und wütend erhob, wenn er den Diener kommen hörte.

Sie hatte ein trockenes Lachen, das die heißen Beteuerungen erstarren ließ, harte Worte, die wie ein Guß kalten Wassers auf die glühenden Versicherungen fielen, und einen Ton der den hätte in den Tod treiben müssen, der sie bis zur Raserei liebte.

Zwei junge Männer vor allem verfolgten sie hartnäckig. Beide ganz voneinander verschieden. Der eine, Herr Paul Péronel, war ein großer eleganter Mensch, galant und verwegen, ein Glückspinsel, der zu warten verstand um den rechten Augenblick zu fassen.

Herr d'Avancelle, der andere zitterte, wenn er sich ihr nahte, wagte kaum seine Zuneigung zu zeigen, folgte ihr aber wie ihr Schatten, indem er durch verliebte Blicke und durch seine fortwährende Gegenwart seine stillen Wünsche verriet.

Den ersten nannte sie »Kapitän Fracassa!« den anderen »das treue Schaf«. Und das treue Schaf machte sie zu einer Art von Sklaven, der ihr folgte auf Schritt und Tritt und den sie sozusagen als Diener benutzte.

Hätte ihr einer gesagt, sie liebte ihn, so würde sie laut aufgelacht haben.

Und doch liebte sie ihn auf eigene Art. Da sie ihn fortwährend um sich sah, hatte sie sich an seine Stimme, an seine Bewegungen, an sein ganzes Wesen gewöhnt, wie man sich eben an die Menschen gewöhnt, mit denen man zusammenlebt.

Oft träumte sie von ihm, so wie er im Leben war, milde, zart, ihr ganz ergeben. Und beim Erwachen fühlte sie sich noch ganz im Traum, glaubte noch seine Stimme zu hören und ihn bei sich zu fühlen. So saß sie einmal (vielleicht lag sie im Fieber) mit ihm allein unter Bäumen im Grase.

Er sagte ihr Schmeicheleien, hielt ihre Hände und küßte sie. – Sie fühlte die Wärme seiner Hand und den Hauch seines Mundes, und strich ihm, als müßte es so sein, das Haar.

Und wie man im Traume ein anderer ist, als in der Wirklichkeit, so war sie zärtlich gegen ihn, in stiller, tiefer Neigung, glücklich seine Stirne zu berühren und ihn an sich zu ziehen. Allmählich umarmte er sie, küßte ihr Wangen und Augen. Sie wehrte sich nicht. Ihre Lippen begegneten sich. Sie ward sein.

Und eine Sekunde überströmte sie – wie die Wirklichkeit es nicht kennt – ein übermenschliches Glück, ideal und sinnlich, zum wahnsinnig werden, daß sie es nie vergaß.

Zitternd, rasend wachte sie auf und fühlte sich so von ihm gefangen und in Banden geschlagen, daß sie nicht wieder einschlafen konnte.

Als sie ihn wieder sah, der keine Ahnung hatte von dem was er angerichtet, fühlte sie die Röte in ihre Wangen steigen. Und während er ihr schüchtern von seiner Liebe erzählte, dachte sie unausgesetzt, ohne den Gedanken los werden zu können, an ihren seligen Traum.

Sie liebte ihn, liebte ihn mit seltsamer Neigung, raffiniert und wollüstig immer an ihren Traum denkend, obwohl sie Angst hatte vor der Erfüllung der Sehnsucht ihrer Seele.

Endlich merkte er es. Sie gestand ihm alles, sogar die Furcht, die sie vor seiner Liebe empfand, und ließ ihn schwören sie zu schonen.

Er schonte sie. Lange Stunden überschwenglicher Liebe lebten sie miteinander, wo nur die Seelen sich umschlangen. Entnervt, kraftlos, wie im Fieber trennten sie sich dann.

Mitunter fanden sich ihre Lippen und mit geschlossenen Augen genossen sie diese lange, dennoch keusche Umarmung.

Sie wußte, daß sie nicht mehr lange fest bleiben würde, und da sie nicht fallen wollte, schrieb sie ihrem Mann, sie möchte zu ihm zurückkehren um ihr stilles. einsames Leben wieder aufzunehmen.

Er schrieb ihr einen trefflichen Brief, in dem er ihr widerriet mitten im Winter zurückzukehren, und sich dieser jähen Lustveränderung, den eisigen Thalnebeln auszusetzen.

Sie war empört und niedergeschmettert über diesen vertrauensseligen Mann, der die Kämpfe ihres Herzens nicht ahnte und nicht begriff.

Der Februar war mild und freundlich, und wenn sie es auch vermied, lange mit dem »treuen Schaf« allein zu bleiben, so nahm sie doch ab und zu seinen Vorschlag an, in der Dämmerung mit ihm eine Wagenfahrt um den See zu machen.

Den Abend schien es, als ob alle Säfte sich in den Bäumen zu neuem Leben regen müßten, so lau war die Luft. Das kleine Coupé fuhr Schritt. Die Nacht sank herab. Eng aneinander geschmiegt saßen sie Hand in Hand, und sie sagte sich: »Nun ist's aus, ganz aus, nun bin ich verloren.« Denn sie fühlte Wünsche in sich aufsteigen, und jenen zwingenden Liebesdurst, ganz wie in ihrem Traum. Immer wieder fanden sich ihre Lippen, hingen aneinander, ließen sich los, um sich wieder zu begegnen.

Er wagte es nicht sie in ihre Wohnung hinaufzubegleiten und nahm an der Thür Abschied von ihr, die schwach geworden war und ganz verwirrt.

Oben im Dunkel des kleinen Salons erwartete sie Paul Péronel.

Als er ihre Hand berührte, fühlte er, wie sie im Fieber glühte. Da begann er zart und schmeichelnd mit halblauter Stimme zu ihr zu sprechen und lullte ihre sich verzehrende Seele ein durch süße Liebesworte. Sie hörte ihn an und antwortete nicht. Sie dachte an den anderen, glaubte ihn zu hören, meinte wie im Traum ihn an ihrer Seite zu fühlen. Nur ihn sah sie, für sie gab es keinen andern Mann mehr auf der Welt. Und wenn sie zusammenzuckte bei den drei Worten: »Ich liebe dich«, war es ihr, als ob sie der andere sagte, er ihre Hand küßte, sie an sich preßte, wie eben noch im Wagen, als ob er die berückenden Liebesworte spräche, sie ihn umfaßte, an sich drückte, zu sich zog mit aller Kraft der Seele, mit aller verzweifelten Glut ihres Leibes.

Als sie aus ihrem Rausch erwachte, stieß sie einen furchtbaren Schrei aus.

Der »Kapitän Fracassa« kniete neben ihr und dankte ihr glühend, während er ihr aufgelöstes Haar mit Küssen bedeckte. Sie rief:

– Hinaus! Hinaus! Hinaus!

Und da er nicht begriff was geschah und sie noch einmal zu umarmen suchte, entwand sie sich ihm und stammelte:

– Sie sind ehrlos! Ich hasse Sie! Sie haben mich gestohlen! Hinaus!

Bestürzt erhob er sich, nahm seinen Hut und ging.

Am andern Tage kehrte sie in das Thal von Ciré zurück. Ihr Mann war überrascht und machte ihr Vorwürfe über diesen unüberlegten Streich. »Ich konnte fern von dir nicht mehr leben!« sagte sie.

Er fand ihr Wesen verändert, fand sie trauriger als früher, und als er sie fragte:

– Was hast du denn? Du scheinst unglücklich zu sein! Hast du irgend einen Wunsch? – antwortete sie:

– Nichts. Nur die Träume sind schön im Leben.

Das »treue Schaf« besuchte sie im folgenden Sommer.

Sie begrüßte ihn ohne Verlegenheit und ohne Bedauern, denn sie begriff plötzlich, daß sie ihn nur im Rausch geliebt, aus dem sie Paul Péronel jäh gerissen.

Aber der junge Mann, der Sie noch immer anbetete, wandte sich ab und dachte:

– Die Frauen sind wirklich wunderlich, unbegreiflich und sonderbar!

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.