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Fräulein Fifi

Guy de Maupassant: Fräulein Fifi - Kapitel 11
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleFräulein Fifi
booktitleGesammelte Werke
volume1
printrun13. und 14. Tausend
publisherDeutsche Verlagsanstalt
year1924
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
senderhille@abc.de
created20040608
correctorreuters@abc.de
corrected20120920
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Das Bett

An einem glühend heißen Sommernachmittag lag das große Versteigerungslokal wie verschlafen da. Die Auktionatoren schlugen auf die Gebote mit matter Stimme zu. In einem Hintersaal im ersten Stock schlummerte in einer Ecke ein Haufen altseidener Kirchengewänder. Feierliche Chorröcke und anmutige Meßgewänder, auf denen sich gestickte Blumengewinde aus vergilbtem, einst weißem Grunde, um symbolische Buchstaben wanden.

Einige Trödler warteten: zwei, drei Männer mit schmutzigen Bärten und ein großes, dickes Weib, eine jener Händlerinnen, die Kleiderhandel treiben und nebenbei verbotene Liebe unterstützen und beraten, die ebenso gut altes und junges Menschenfleisch verschachern als alte und neue Kleider.

Da wurde ein reizendes Meßgewand im Stile Ludwig XV. zum Verkauf ausgeboten. Es war hübsch wie ein Marquisenkleid, gut erhalten, mit einem Maiblumenkranze um das Kreuz. Lange blaue Schwertlilien stiegen hinauf bis zum heiligen Zeichen und Rosenkronen waren in den Ecken. Als ich es gekauft hatte, gewahrte ich, daß ihm ein leiser Geruch geblieben, als ob ihm ein wenig Weihrauch entströme, oder vielmehr als ob die zarten, süßen Düfte früherer Zeiten daraus stiegen, wie ein Nachwehen einstiger Wohlgerüche.

Zu Haus wollte ich einen reizenden kleinen Stuhl desselben Stils damit überziehen. Wie ich nun den Stoff, um Maß zu nehmen, in Händen hielt, fühlte ich unter den Fingern Papier rauschen. Als ich das Futter auftrennte, fielen ein paar Briefe heraus. Sie waren vergilbt und die halb verwischte Tinte hatte Rostfarbe angenommen. Mit feiner Handschrift stand auf einer Seite des auf altertümliche Art zusammengefalteten Blattes:

Herrn Abbé d'Argencé

Die drei ersten Briefe bestimmten einfach ein Stelldichein. Der vierte lautete so:

»Lieber Freund, ich bin krank, fühle mich elend und hüte das Bett. Der Regen peitscht an die Fensterscheiben, und ich bleibe mollig, süß träumend, in den warmen Kissen. Ein Buch liegt vor mir, ein Buch, das ich liebe. Ich fühle, es steht ein Teil meiner selbst darin. Soll ich es Ihnen nennen? Nein. Sie würden schelten. Und dann komme ich auf allerlei Gedanken, wenn ich gelesen habe und ich will Ihnen sagen auf welche.

Man hat mir Kissen hinter den Kopf gethan, so kann ich sitzen und ich schreibe Ihnen auf dem süßen kleinen Pult, das ich von Ihnen habe.

Da ich nun seit drei Tagen zu Bett liege, so denke ich an mein Bett und selbst im Schlafe verläßt mich der Gedanke nicht.

Das Bett, lieber Freund, bedeutet unser ganzes Leben. Da kommt man zur Welt, da liebt man, da geht man wieder von hinnen.

Wenn ich schreiben könnte wie Herr de Crébillon – so würde ich die Geschichte eines Bettes schreiben. Welch ergreifend schreckliche, welch reizende und rührende Geschichten ließen sich da erzählen! Welche Lehren ließen sich daraus ziehen, welche Nutzanwendung für jedermann!

Sie kennen mein Bett, lieber Freund! Sie können sich nicht denken, was ich seit drei Tagen alles daran entdeckt habe und wie ich es lieber gewonnen seitdem. Mir kommt es vor, als sei es bewohnt, ich möchte sagen, als hätte es Umgang mit vielen, vielen Leuten, von deren Existenz ich keine Ahnung gehabt, die dennoch auf diesem Lager ein Stück ihrer selbst gelassen haben.

Ich kann die Menschen nicht begreifen, die ein neues Bett kaufen, ein Bett, an dem keine Erinnerung hängt. Meines – unseres, so alt, so verbraucht, so geräumig wie es ist, hat vielen Menschendasein Raum gewährt von der Wiege bis zum Grabe. Denken Sie, lieber Freund, an alles das. Lassen Sie einmal zwischen diesen vier Säulen, unter diesem bilddurchwirkten Baldachin uns zu Häupten, der so viel mit angesehen hat, ganze Menschenleben wieder lebendig werden. Dreihundert Jahre ist er alt und was mag er alles erlebt haben!

Da ruht eine junge Frau. Sie stößt von Zeit zu Zeit einen Seufzer aus. Sie stöhnt. Die alten Eltern sind um sie, und da bringt sie ein kleines, runzeliges Wesen zur Welt, das da Tönchen von sich giebt wie ein Kätzchen. Das ist ein Mensch der seinen Einzug hält. Und die junge Mutter fühlt sich schmerzlich glücklich bewegt. Die Freude überwältigt sie bei diesem ersten Schrei, atemlos streckt sie die Arme ihrem Kinde entgegen und alle weinen vor Wonne. Denn dies Stück menschliche Kreatur, das von ihr ging, bedeutet das Weiterblühen des Stammes, die Fortpflanzung von Blut. Herz und Seele der Alten, die bebend zuschauen.

Dann wieder finden sich in diesem Schrein des Lebens zwei Liebende zum ersten Male Seite an Seite zusammen. Zitternd, jubelnd fühlen sie sich Brust an Brust, und mählich nähert sich Mund dem Munde. Der göttliche Kuß eint sie, der Kuß, der die Pforte ist des Himmels auf Erden, der Kuß, der da singt von der Menschen Wonnen, der sie verspricht, und mehr giebt als er verkündet. Und ihr Bett flutet an, wie wildbewegtes Meer, ebbt und murmelt, scheint selbst freudiges Leben zu leben, denn in ihm vollzieht sich das sinnverwirrende Rätsel der Liebe. Giebt es Süßeres, Größeres auf dieser Erde, als dieses Band, das zwei Wesen zu einem verknüpft, das beiden im gleichen Augenblick, gleichen Wunsch, gleiche Hoffnung, gleiche rasende Wonne eingiebt, die sie wie ein zehrendes, himmlisches Feuer durchschießt.

Erinnern Sie sich noch der Verse, die Sie mir voriges Jahr vorlasen aus irgend einem alten Dichter – wer wars? – vielleicht der süße Ronsard?

»Und wenn wir verschlungen liegen
In den Kissen ganz verschwiegen,
Wollen wir uns heimlich necken,
Schäkernd nach Verliebter Weise
Treiben tausend Kurzweil leise,
Unter schweigend stillen Decken«

Diese Verse möchte ich auf den Baldachin meines Bettes gestickt haben, von dem mich Pryramus und Thisbe immerfort mit ihren Tapisserieaugen ansehen.

Und, lieber Freund, denken Sie an den Tod, an alle jene, die in diesem Bett ihren letzten Hauch zu Gott emporgesandt haben. Denn es ist auch die letzte Stätte begrabener Hoffnungen, das Thor das sich hinter allem schließt, nach dem es den Eingang in die Welt bedeutet. Wie oft hat dieses Bett, in dem ich Ihnen schreibe, seit den drei Jahrhunderten, in denen es Menschen eine Heimstätte ward, wilde Schreie, Angst, Leiden, grausige Verzweiflung, Todesstöhnen, nach der Vergangenheit ausgereckte Arme, Klagen gehört um Glück, das nimmer wiederkehrt! Wie oft Zuckungen, Röcheln, verzerrte Gesichter, einen entstellten Mund, ein gebrochenes Auge gesehen.

Das Bett, denken Sie darüber nach, ist das Symbol des Lebens. Das habe ich seit drei Tagen erkannt. Das Bett ist das Köstlichste was es giebt.

Ist nicht der Schlaf unser Bestes hienieden?

Aber es ist auch die Stätte unserer Leiden! Die Zuflucht der Kranken, dem müden Leibe ein Ort der Schmerzen.

Das Bett bedeutet unsere Menschlichkeit. Unser Herr Jesus scheint nie eines Bettes bedurft zu haben, als sollte es heißen, daß an ihm nichts Menschliches klebte. Er ist auf dem Stroh geboren, und gestorben am Kreuz. Geschöpfen wie wir sind, überließ er das Lager der Ruhe und Weichlichkeit.

Ach mir ist noch soviel anderes eingefallen! Aber die Zeit fehlt mir, es Ihnen alles aufzuzählen und würde ich an alles denken? Dann bin ich auch schon so müde, daß ich die Kopfkissen im Rücken fortwerfen will, mich lang ausstrecken und ein bißchen schlafen.

Besuchen Sie mich morgen um drei Uhr. Vielleicht geht es mir besser, und Sie können sich davon überzeugen.

Leben Sie wohl, liebster Freund. Ich strecke Ihnen die Hand zum Kuß entgegen und – meine Lippen.

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