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Frauenseelen

Gabriele Reuter: Frauenseelen - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
authorGabriele Reuter
titleFrauenseelen
publisherS. Fischer, Verlag, Berlin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130913
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wgs9110
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Schwester Elisabeth

Schwester Elisabeth – hier bringe ich Ihnen einen neuen Gast für Ihre Station.«

»Schön, liebe Schwester Bertha, legen Sie das Kind nur einstweilen dort auf den Wickeltisch.«

»Bei Ihnen ist's aber heiß!«

»Kaum zu ertragen«, seufzte Schwester Elisabeth, welche einen ihrer winzigen Pfleglinge auf dem Schoße hielt und ihm aus einem Fläschchen den Abendtrunk verabreichte. Sie war Oberschwester in dem Kindersaal der großen städtischen Entbindungsanstalt.

»Nun, meine Puppe, so nimm doch! Sei doch gut, mein Herzchen, nur ein paar Schlückchen ...«, redete sie dem Würmchen zu. Aber das Kleine verdrehte die Augen und warf das Köpfchen zurück.

»Wieder nichts!« sagte die Diakonissin traurig, stellte die volle Milchflasche auf den Tisch und legte das blasse Kind in sein Bettchen zurück.

»Die Hitze wirkt bei den Kleinen wie eine böse Epidemie. Da rede und rede ich nun schon seit Tagen auf den Sanitätsrat ein, ob wir nicht für diese schrecklichen Juli- und Augustwochen den Nordsaal haben können, der jetzt nur zum Wäscheflicken benützt wird. Mit zwei Tagen tüchtiger Arbeit wäre der Umzug ja gemacht. Sonne ist gewiß recht gut für die Kleinen – aber Mittagssonne – bei dieser Tropentemperatur ... Natürlich, der Herr Sanitätsrat will sich den Mund nicht verbrennen bei der Frau Oberin.«

»Ach, Schwester Elisabeth – was Sie denken – dieser Saal ist nun mal seit zehn Jahren Kinderstation«, sagte Schwester Bertha mit einem stillen Lachen. »Daran kann doch nichts geändert werden. Das Gesicht der Schwester Oberin möchte ich sehen, wenn man ihr mit solchen Vorschlägen kommen würde ... Sie wollen immer noch zu viel, Schwester Elisabeth. Wenn man länger hier ist, verlernt man das.«

Schwester Elisabeth nickte stumm. Ihr blasses, intelligentes Gesicht wurde von einer unendlichen Wehmut überschüttet.

»Heute früh sind uns wieder zwei gestorben. Gestern eins.«

»Na – im Grunde,« tröstete Schwester Bertha, »was haben die armen Würmer von der Zukunft zu erwarten? Not und Plage.«

»Ich mache mir doch immer Vorwürfe – als hätte ich's hindern können«, murmelte Elisabeth. »Schwester Luischen haßt mich schon, weil ich dreimal mit Karbol auswaschen lasse und gar nicht genug Badewasser haben kann. Aber was will das heißen? Lieber Gott – da haben wir nun alle modernsten Einrichtungen für Kinderhygiene, und die beste sterilisierte Milch und Isolierzimmer ... Es bleibt hier doch der reine Nährboden für Bazillen. Was sie auch schon alle für Leidenskeime mitbringen, die kleinen Geschöpfe – und wie sich das hier mit Riesenschnelle von einem Bettchen zum andern verpflanzt. So elend, so jammervoll, wie sie auf die Welt kommen und uns gebracht werden, da kann oft der Sanitätsrat selber nicht sagen, ob eine Krankheit sich anbahnt – bis die Nachbarn schon angesteckt sind. Selbst die kräftigen – so recht gedeihen will keines.«

»Schwester Elisabeth, Sie haben ein zu weiches Herz für eine Diakonissin«, rief Schwester Bertha, den neuen kleinen Ankömmling, der in ein klägliches Gewimmer ausgebrochen war, vom Wickeltisch aufnehmend und kräftig in ihren Armen auf und nieder schwingend. »Mehr wie seine Pflicht kann man nicht tun. Das andere geht uns nichts an.«

»Das sagt mir der Sanitätsrat auch. Wenn man nur das Grübeln lassen könnte ...«

»Sehen Sie sich jetzt einmal den kleinen Kerl hier an – Sie werden ihn für eine lange Weile unter Ihrer Obhut haben. Die Mutter geht wohl diese Nacht hinüber. Herzschwäche. Schon bewußtlos.«

»Du armes Ding«, sagte Schwester Elisabeth mit ihrer leisen, ein wenig belegten, seelenvollen Stimme und nahm ihren neuen Schützling in die Arme. »Ach, bist du niedlich. Sehen Sie, Schwester Bertha, da sagt man nun, alle kleinen Kinder sähen gleich aus! Welch ein Unsinn! Dieses Kind ist doch eine kleine Schönheit. Wie klar seine Äugelchen schon blicken, und das feine Mündchen ...!«

»Ja – es ist wirklich ein auffallend hübsches Kind«, sagte Schwester Bertha. »Aber ich schwatze schon viel zu lange. Ich muß wieder hinüber auf meine Station.«

Schwester Elisabeth blieb allein. Die lange Dämmerung des Sommerabends brach an. Weit geöffnet standen die hohen Fenster, ohne einen erquickenden Lufthauch einzulassen. Ein säuerlich-fader Dunst stieg aus den Lagerstätten und vermischte sich in dem weißgetünchten Saal mit dem scharfen Geruch des Karbols und dem schwachen Duft von Spiritus und Fencheltee.

Ausnahmsweise herrschte einige Minuten Ruhe unter der Schar. Zwanzig kleine Schläfer atmeten friedlich um Schwester Elisabeth. Sie legte den neuen kleinen Ankömmling vor sich auf das Kissen und löste ihm die Windeln. Ja – es war ein reizendes Knäblein, ganz anders als die arme Elendsbrut, die ihr meistens durch die Hände ging. Schwester Elisabeth hatte ein Auge für dergleichen. Das gewölbte Brüstchen, die runden, strammen Schenkelchen, die rosige Farbe dieses Körperchens – wie verschieden von den welken, braunen, mageren Äffchen ringsumher.

Die Mutter des Moses fiel ihr ein – der Kampf des armen Weibes, als sie ihr schönes, starkes Kind töten sollte – und wie sie nicht übers Herz brachte, es dem allgemeinen Geschick zu opfern, das verhängnisvoll grausam über ihrem Volke waltete. Diesem Knäblein hier mochte der kleine Moses geglichen haben, daß auch der Pharaonentochter der verwöhnte Sinn in Mitleid schmolz bei seinem Anblick.

Schwester Elisabeth nahm das Kind auf, hielt das Köpfchen an ihre Wange, küßte es sanft und innig. Sein Händchen fuhr ihr ins Gesicht mit einer Bewegung, die leicht und zart war, als streife sie der Flügel eines Schmetterlings.

Die Tränen traten ihr dabei in die Augen.

Sie flößte ihm ein wenig Tee ein und wollte es seufzend in das Bettchen am Ende der Reihe legen.

Da hielt sie inne. Ein Ausdruck verbreitete sich über ihre Züge, der, aus List und Schelmerei und Rührung und Trotz seltsam gemischt, dem blassen, wenig hübschen Mädchengesicht in dem weißen Häubchen einen merkwürdigen Zauber verlieh. Ihre braunen Augen erhellten sich und glänzten wie durchstrahlt von einem inneren Licht. Sie drückte das Kind an ihre Brust und eilte aus dem Saal. Die kleine, zarte Gestalt lief scheu und flüchtig auf den Zehen und blickte auf dem langen Korridor ängstlich umher, ob niemand sie bemerke.

»– Schwester Luischen weiß ja noch gar nicht – hat es ja noch gar nicht gesehen ...«

Sie erreichte ihr eigenes Zimmer, das, am Ende des Ganges gelegen, ein Fenster nach dem Garten zu besaß. Hier duftete feuchte Frische von den eben aus langen Schläuchen mit seinem Regen berieselten Pflanzen empor. Und ein großer Kastanienbaum schützte das Zimmer vor den Sonnenstrahlen. Der Baum war Elisabeths stete Freude, wenn sie am Abend eine kurze Viertelstunde der Ruhe pflegen durfte. Die anderen Schwestern beneideten sie alle um das hübsche Zimmerchen. Es war eben keine Bevorzugung, daß sie es besaß, sondern es war nur die Regel – dies war von jeher das Zimmer, in dem die Oberschwester der Kinderstation schlief.

Schwester Elisabeth atmete tief auf, als sie eintrat und leise die Tür hinter sich schloß. Friedlich und kühl empfing sie der Raum, von einem stillen, grünen Licht erfüllt. Sie legte das Kindchen auf ihr weißes Bett. Es schlief und hielt die Fäustchen an die Brust gedrückt.

Schweißperlen standen der Schwester auf der Stirn, sie lächelte glücklich.

»Nur eine Nacht – nur diese eine Nacht –«, dachte sie.

»Schwester Elisabeth!« hörte sie rufen und kehrte eilig zurück zu ihrer Pflicht.

Die kurze Ruhepause war zu Ende in dem Kindersaal. Ein klägliches Stimmchen hatte begonnen und die kleinen Schläfer geweckt, bis ein allgemeines Konzert ertönte, das in seinem quäkenden, schrillen Jammergetön etwas Herzzerreißendes hatte.

Schwester Elisabeth fand ihre junge Hilfe schon in voller Tätigkeit. Die beiden Mädchen hatten ein paar unruhige, arbeitsvolle Stunden.

Dann überließ Schwester Elisabeth der Jüngeren die Nachtwache – sie pflegten sich darin abzuwechseln – und begab sich mit einer zitternden, bangen Freude im Herzen in ihr Schlafkämmerchen.

Als Schwester Elisabeth am nächsten Morgen hörte, die Mutter des Kindes sei gestorben, empfand sie beinahe ein Gefühl von Befriedigung. Sie schämte und entsetzte sich, sie schalt sich ob dieser sündhaften Regung. Und dennoch ... Sie fühlte nun erst ein Eigentumsrecht an dem kleinen Wesen. Ach – sie wußte ja, daß ihre Liebe allen diesen Kindern der Armut, der Schande und des Elends gleichmäßig zugewandt sein sollte. Sie wußte, daß sie als barmherzige Schwester das persönliche Gefühl, die persönliche Sympathie oder Antipathie zu unterdrücken habe. War es doch den Schwestern auch nicht gestattet, besondere Freundschaften unter einander zu schließen. Ihre Seelen, ihre Herzen sollten der Allgemeinheit gehören. Aber die Allgemeinheit war ein so vager Begriff. Und das Herz wurde so müde, so traurig bei diesem fortwährenden Wechsel der Gestalten, die es alle mit gleicher Neigung empfangen, mit gleicher Gelassenheit dahingehen lassen sollte – ins weite Leben oder ins enge Grabkämmerchen.

Wenn Schwester Elisabeth sich fragte, was sie eigentlich damit wollte, daß sie das Kindchen gewissermaßen aus dem Kindersaal gestohlen hatte, daß sie es verborgen auf ihrem Zimmer hielt und es dort mit einem Entzücken hegte und pflegte, wie sie es nie zuvor empfunden – daß sie dabei List und Schlauheit aufwendete, wie leichtfertige Mädchen ein böses Abenteuer ausführen ... sie hätte kaum Antwort zu geben vermocht. – Wie lange konnte sie ein solches Geheimnis hüten?

Zwar betrat kaum je eine der übrigen Schwestern das Gemach. Am Morgen richtete sie es selbst her, und sonst hatten die Diakonissen auch keine Zeit, um sich gegenseitig freundschaftliche Besuche in ihren Zimmern abzustatten. Sie waren froh, wenn sie bei Tisch oder zwischen Tür und Angel auf den Korridoren einen kleinen Plausch miteinander halten konnten.

Trotzdem mußte der Tag der Entdeckung bald genug kommen.

Aber Schwester Elisabeth lebte wie in einem Traumzustande, in dem man auch die seltsamsten Dinge tut, ohne über ihre Folgen zu grübeln.

In ihrem Herzen war eine leidenschaftliche, heftige, selbstsüchtige Liebe für das Kindchen erwacht, welches nachts in ihren Armen schlief, an ihrer Brust ruhte und seinen spärlichen, kleinen Lebensodem mit dem ihren vermischte. Sie wollte es vor den Gefahren des Krankensaales retten. Und mit unsäglicher Wonne beobachtete sie täglich, wie ihre Berechnung sie nicht täuschte, wie gut es gedieh, wie es in wohligem Behagen unter der Pflege ihrer weichen Hände mit den runden Gliederchen zappelte, wie friedlich es schlief und seine Nahrung zu sich nahm.

Aber sie wollte es auch für sich haben, für sich ganz allein. Sie wollte es küssen und herzen können, wie es ihr gefiel, ohne von Schwester Luischen dabei beobachtet zu werden.

In den Stunden der Nacht, wenn sie nicht die Wache auf der Station hatte und sich ihm widmen konnte, träumte sie törichte, mütterliche Träume voll weltlicher Eitelkeit über dem Kinde: wie es durch seine Schönheit, seine Klugheit und Begabung die Menschen bezaubern würde. Sie hielt in Gedanken lange Gespräche mit dem heranreifenden Knaben, und ihre feine Intelligenz richtete sich aus dem Halbschlaf, der sie in der harten, mechanischen Tagesarbeit befallen, wieder auf, wie Pflanzen, vom Regen befeuchtet, wieder frisch und kräftig werden. Sie hörte seine wißbegierigen Fragen, und sie dachte über eine Antwort. Ihr Geist flog hinaus über das Gebiet des Krankensaales und wagte sich wieder zum Flug durch die Welt und das Menschenleben. Und es kamen ihr so viele neue Gedanken über alles, daß sie fast erschrak ob des ungewohnten Reichtums.

Sie wanderte mit dem ausblühenden Jüngling über Berg und Tal, sie reiste mit ihm und zeigte ihm ferne Gegenden und seltsame Bräuche, und die Schönheit von Meer und Gebirge. Sie vergaß, daß sie sich selbst in eine strenge Enge gebunden, durch ihr Wort und ihren Beruf. Sie war frei und lebte für ihn – mit ihm!

Und er liebte sie. Heimlich, verstohlen – wie gesunde Knaben ihre Mütter lieben und das Gefühl schämig von der Kameraden verbergen.

Später – wenn sie alt und gebrechlich geworden war, blieb sie doch immer in seiner Nähe, in seinem Hause und diente ihm, sah seine Kinder um sich heranwachsen und freute sich seiner frohen, stolzen Erfolge.

Jahrelang hatte Schwester Elisabeth nicht an Männer gedacht, und nun lehnte sie im Traum ihren weißgewordenen Scheitel an eine treue, kräftige Männerbrust und fühlte mit zitterndem Glück, wie wohl das tun mußte.

Schwester Elisabeth hauste ziemlich unabhängig von dem übrigen Krankenhaus in ihrem kleinen Reich, das außer dem Kindersaal noch aus einer Küche bestand, wo die Diakonissen die einfachen Mahlzeiten ihrer kleinen Pfleglinge selbst bereiteten. – Freilich, Schwester Luischen war da, und Schwester Luischen sah ihre Vorgesetzte zuweilen mit sonderbaren Blicken an. Doch Schwester Elisabeth merkte das nicht – ihr ging es wie jedem, der ein Geheimnis hegt. Beständig fürchtet er, es könne entdeckt werden, und dennoch wiegt er sich in der Hoffnung, noch wisse er allein davon. Täglich erwartete Schwester Elisabeth, daß Schwester Bertha aus dem Krankensaal heraufschauen und sich nach dem Kinde erkundigen werde – und sie hatte schon einen ganzen Feldzugsplan entworfen, wie sie Bertha zur Mitwisserin machen und sie um ihre Verschwiegenheit bitten wollte. Täglich wartete sie mit Zittern und Zagen, daß jemand aus der Welt da draußen Anspruch an das Kind erheben und es abholen würde. Aber keines von beiden geschah. An die dumme, kleine, dalberige Schwester Luise dachte sie gar nicht. Sie ärgerte sich nur, daß diese nach wie vor mit dem Assistenzarzt kokettierte, daß der junge Doktor bei seinen Besuchen länger auf der Station blieb, als nötig war, und Luischen verliebte Blicke mit ihm wechselte. Schwester Elisabeth konnte nicht verstehen, wie eine Krankenpflegerin noch Freude an so törichten Späßen haben mochte. Besonders kränkte es sie, wenn sie bemerkte, daß Schwester Luischen sogar ihre kleinen Pfleglinge als Mittel benutzte, die Augen des Doktors auf sich zu lenken, indem sie das ansehnlichste der Kinder zu seinen Besuchen herausputzte, es auf dem Arme hielt und mit ihm spielte und koste. Das gab dann ja freilich allemal ein hübsches Bild, denn Schwester Luischen war ein junges, frisches Mädel.

In dieser Woche hatte sie gute Zeit gehabt. Sie wunderte sich selbst, wie wenig Schwester Elisabeth ihr aufpaßte. Aber darum wurde ihr Verkehr mit dem lustigen Doktor auch immer ungenierter, und ihr Lachen lief die langen, hallenden Korridore entlang und klang in dem hohen, gewölbten Treppenhause wieder.

»Schwester Elisabeth, achten Sie mehr auf die junge Schwester«, sagte die Oberin, und Schwester Elisabeth erschrak. Hatte sie sich eine Pflichtvergessenheit zu Schulden kommen lassen über ihrem heimlichen Glück?

Sie sprach eindringlich und strenge mit Schwester Luischen, das kleine Ding weinte bittere Tränen des Ärgers und warf trotzig die roten Lippen auf.

Sie antwortete gar nicht.

Aber am nächsten Morgen – unverhofft und ohne sich anzumelden – kam die Oberin zur Revision auf die Kinderstation.

Sie äußerte sich befriedigt über den Zustand, in dem sie den Saal antraf, und sagte zuletzt ernst zu Schwester Elisabeth: »Ich habe noch mit Ihnen zu reden – führen Sie mich auf Ihr Zimmer.« Schwester Luischen lachte – ganz wenig, aber Schwester Elisabeth sah es. Da senkte sie den Kopf und folgte der Oberin schweigend und traurig durch den langen Korridor.

Frau Oberin, eine Dame, die trotz des weißen, sanften Tüllhäubchens die Militärstochter nicht verleugnen konnte, in dem festen aufrechten Gang, dem energisch geschlossenen Munde, in den kühl und geradeaus blickenden, grauen Augen – Frau Oberin blieb vor der Tür von Elisabeths Zimmer stehen.

»Was höre ich da, Schwester?« fragte sie ruhig.

Ach ja – man hörte ... Man hörte schrecklich deutlich ... Welch kräftige Stimme der kleine Kerl schon bekommen hatte! Schwester Luise mochte ihn ja längst gehört haben.

Die Oberin öffnete die Tür und fragte, auf das Bett deutend, wo der Kleine, krebsrot im Gesicht, nach seinem Frühstück brüllte: »Wie kommt das Kind in dieses Zimmer? Ich sah doch freie Betten auf der Station?«

Schwester Elisabeth stand noch immer schweigend.

»Nun, Schwester – ich erwarte eine Erklärung.«

»Es ist so viel bessere Luft hier ...« stammelte Schwester Elisabeth, das blasse Gesicht von einer zarten Röte bedeckt.

»Wenn in dem Kindersaal keine gute Luft herrscht, so ist das Ihre Schuld, Schwester«, sagte die Oberin trocken. »Es hat dort gute Luft zu herrschen.«

»Ach, bedenken Sie doch nur, Frau Oberin – bei der Glühhitze und den vielen Kindern ... Ich meinte ... ich wollte dem Kleinen doch nur etwas Gutes antun.«

»Schwester Elisabeth – eine Diakonissin hat nicht eigene Wege zu gehen. Sie hat sich der Ordnung, die über ihr waltet, zu fügen. Es ist durchaus unstatthaft, Patienten in den Privatzimmern unterzubringen. Es ist gegen die Regel. Tragen Sie das Kind hinüber auf die Station. Und daß mir solche Torheiten nicht wieder vorfallen.«

Schwester Elisabeth neigte gehorsam den Kopf.

Die Oberin ging auf das Kindlein zu und tippte ihm mit dem Finger ein paarmal auf die Brust, wobei sie sagte: »Ein nettes Kind.« Denn sie hatte bei ihren Rundgängen durch das von ihr beherrschte Reich für jeden Gast des Hauses ein freundliches Wort. Sie hielt das für ihre Pflicht.

Schwester Elisabeth nahm das Kind und trug es hinüber. Gerade eine Woche hatte ihr heimliches Glück gewährt.

Und wieder eine Woche später sah Schwester Bertha eines Abends in den Kindersaal, um einen neuen Ankömmling abzuliefern.

»Was macht denn Ihr Spezialschützling?« fragte sie mit gutmütigem Spott. »Frau Oberin hat mir erzählt ...«

»Wir hatten vier Fälle von Bräune in dieser Woche«, sagte Elisabeth leise. Und sie wies auf ein leeres Bettchen am Ende der Reihe.

»Er hat sich so quälen müssen, bis es vorüber war«, murmelte sie mit heiserer, bedrückter Stimme. »– – Legen Sie das Kind nur auf den Wickeltisch. Ich will es sofort in die Bücher eintragen«, fügte sie gleichgültig hinzu.

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