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Frauenseelen

Gabriele Reuter: Frauenseelen - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorGabriele Reuter
titleFrauenseelen
publisherS. Fischer, Verlag, Berlin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130913
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Eines Toten Wiederkehr

Sehen Sie, liebe Frau Dorrit – Sie können mir das nicht verdenken – man möchte doch ... Mein Gott, die jungen Mädchen sind heutzutage schon so sensitiv und erregbar ... Verstehen Sie mich nur – ich wollte um die Welt nicht, daß wir in Kälte voneinander schieden – unsere Kinder sind ja Freundinnen! Marie hat sich in Ihrem Hause so wohl gefühlt – ich und mein Mann sind einig, daß sie sich prächtig entwickelt hat im letzten Jahre. An Leib und Seele, muß ich sagen ...«

»Frau Professor – ich würde selbstverständlich dafür sorgen, daß die jungen Mädchen von ... von dem neuen Hausbewohner wenig sehen würden. Man könnte wohl auch ... jedenfalls getrennte Mahlzeiten ...«

»Liebe Frau Dorrit, machen Sie sich keine Illusionen, dergleichen läßt sich niemals durchführen. Es ist ja doch Ihr Mann – damit ist alles gesagt.«

Frau Dorrit schwieg. Mit dem letzten Wort war in der Tat alles gesagt.

Die Besucherin erhob sich und gab Frau Dorrit die Hand.

»Es war mir lieb, Sie allein gesprochen zu haben. Ich konnte nicht schreiben, daß wir Marie zurücknehmen wollen. Es schien mir so grausam. Bitte, schicken Sie sie mir nachher ins Hotel. Nicht wahr, Sie verstehen, daß wir nicht anders handeln können, im Interesse unseres Kindes!«

»Gewiß, gnädige Frau, ich verstehe vollkommen!«

Aufs neue lagen die Hände der beiden Frauen ineinander. Die Professorin versuchte einen herzlichen Druck, doch wurde er nur schwach erwidert.

Frau Dorrit war allein. Sie blieb, nachdem sie die Besucherin hinausgeleitet hatte und wieder zurückgekehrt war, an der Tür stehen und blickte ratlos in das Zimmer hinein.

Eine sanfte Frühlingsdämmerung begann alle Ecken und Winkel mit grauen Schatten anzufüllen, nur um die Fenster war noch eine bleiche Helle, in der die weißen Hyazinthen silbern leuchteten und starke schwere Düfte ausströmten. Es war sehr warm, denn man hatte zu stark geheizt. Frau Dorrit legte beunruhigt die Hand an die Stirne, ihr Herz klopfte angstvoll. Sie lief plötzlich auf den Schreibtisch zu, raffte einige Briefe auf, trat in die letzte Tageshelle, zog einen nach dem andern aus den Umschlägen, blickte hinein, legte sie beiseite, und es schien, als werde mit jeder dieser Bewegungen auch ein neuer Schleier von Sorge über ihr freundliches Antlitz gezogen.

»Drei bleiben mir von zehn«, dachte sie. »Am Ende werden sie mir alle genommen. Es geht ja auch nicht – wie soll es denn gehen ... Nein – ich würde es selbst nicht tun. Ich am wenigsten ... Ach Helge – Helge ...« In diesem Seufzer stöhnte ein alter Kummer und löste sich plötzlich aus jahrelanger Hast in einen Strom von Tränen auf, die still und eilig über die Wangen von Frau Dorrit liefen. Hastig wurden sie getrocknet. Denn draußen kam ein Getöse von trappelnden Füßen, von raschelnden Kleidern, von hellen Mädchenstimmen und Gelächter den Flur entlang und drang ins Zimmer, das sich gleich mit frischem, kaltem Frühlingsodem zu füllen begann. All' die jungen Gestalten brachten ihn von ihrem Spaziergang in ihren Röcken und Haaren heim.

Und: Frau Dorrit hier, Frau Dorrit da – Frau Dorrit, der Sturm! Aber man wird heiß! Der Frühling kommt! Und der Helge ist der Hut davongeflogen! Und: Frau Dorrit, ich bekomme einen Kuß, denn ich hatte vorher meinen Aufsatz fertig! Und: Weidenkätzchen haben wir gefunden! Und: wir haben uns mit dürrem Laub geworfen, draußen im Wald, und Mademoiselle hat welches in den Kragen bekommen und schüttelt sich draußen wie ein ärgerlicher Pudel!

»Aber Marie, welch' ein Vergleich!«

»Ach Verzeihung, süße, himmlische Frau Dorrit! ... Dürfen wir? Dürfen wir?«

»Nichts dürft Ihr, als euch ausziehen und an eure Arbeit gehen. Nur Helge und Marie bleiben ...«

– – – »Marie, eine Überraschung für dich, deine Mutter ist heut Nachmittag gekommen. Mademoiselle wird dich zu ihr ins Hotel führen. Sie war bis vor kurzem bei mir.«

»Mama! Mama? Ja, was ist denn los?«

»Geh nur, mein Kind. Helge, ich habe mit dir zu sprechen. – Ja – Helge – Frau Professor möchte Marie schon einige Tage vor den Osterferien mit heimnehmen.«

Die Lampe war gebracht, eine große Lampe mit rotseidenem Schirm, die das Zimmer traulich beleuchtete. Helge streckte sich müde und voll Behagen in einen niederen, englischen Korbstuhl, ein klein wenig verdrossen, weil ihre Freundin schon abreisen wollte, und zugleich mit junger Begehrlichkeit den Teller mit kleinen Kuchen auf dem Teetisch musternd.

Jetzt mußte Frau Dorrit es ihr sagen.

Und wie sollte sie nur beginnen?

Welches sollte das erste Wort sein?

Wie würde Helge es aufnehmen?

Wie war es auch nur möglich gewesen, das Geheimnis vor dem Kinde zu wahren, und warum hatte sie es nur getan?

Vielleicht ... Vielleicht wußte Helge schon längst davon – sechzehnjährige Mädchen wissen zuweilen so viel mehr, als ihre Mütter ahnen. Vielleicht würde sie sie gleich verstehen und ihr alles erleichtern.

»Erinnerst du dich eigentlich noch an Vater?« fragte die Mutter in einem beklommenen Ton. Ihre braunen Augen blickten an der Tochter vorüber.

»Nein, Mama.« Helge lachte hell heraus. »Ich war doch erst ein Jahr alt, als er starb.«

»Ja, richtig. Ich hatte vergessen. Fünfzehn Jahre also – fünfzehn Jahre ... Natürlich kannst du dich nicht mehr erinnern – es war eine schreckliche Zeit – eine entsetzliche Zeit – jenes ganze Jahr ...«

Frau Dorrit saß auf der Lehne des breiten Korbstuhles, Helge umfing sie mit den Armen. »Mein armes, gutes Mamachen!«

Und dann tat sie plötzlich die Frage, die sie seltsamerweise nie vorher getan hatte ... Sie fragte so verständig, als wolle sie sagen: ich bin doch nun bald erwachsen, und man kann mir Vertrauen schenken:

»Woran ist Papa nur gestorben? Du hast es mir niemals gesagt.«

Frau Dorrit antwortete lange Zeit nicht. Dann sagte sie leise: »Er war geisteskrank.«

Und wieder folgte eine lange Stille. Frau Dorrit fühlte nur, wie Helges Arme sie fester umklammerten, wie das weiche Gesichtchen sich ganz an ihrer Brust verbarg.

»Mein Kind,« flüsterte sie zärtlich und strich ihr liebkosend über das Haar, »mein liebes, gutes Kind.«

Sie hörte Helge endlich murmeln: »Wie schauerlich ist das,« und sie antwortete ihr sanft: »Ja, Kind, es war sehr schwer. Endlich konnte er nicht mehr bei uns im Hause bleiben. Er wurde in eine Anstalt gebracht. Dort ist er nun seit fünfzehn Jahren eingeschlossen.«

»Mama – Mama – er lebt?«

»Sein Körper lebte – sein Geist war tot – seine Seele ... O Gott, was wissen wir von diesen Geheimnissen? Helge – er hatte keine Erinnerung mehr an uns. Er existierte nur in wirren Träumen ... Die Ärzte sagten, es wäre nur eine schwache Hoffnung vorhanden, daß es einmal besser mit ihm werden könne. Ich glaubte längst nicht mehr an diese Hoffnung. Alle Jahre einmal besuchte ich ihn. Er kannte mich nicht mehr.«

Frau Dorrit beobachtete aufmerksam das Mädchen, während sie sprach. Helge war sehr blaß. Ihre schönen Augenlider mit den langen Wimpern zitterten über den gesenkten Augen, welche ihre Mutter nicht anzublicken wagten, aus Furcht, ihre Blicke könnten ihr das Schwere, das sie auszusprechen im Begriffe stand, noch erschweren. Diese zarte, gespannte, nervöse Natur, die empfangen war von einem Vater, in dessen Hirn die Krankheit bereits heimliche Verheerungen anrichtete, die getragen war unter Ängsten und Seelenqualen einer gemarterten Mutter, die zum Dasein heranwuchs mit einer gesteigerten Erregbarkeit des Gefühlslebens, die empfindlich war, gleich jenen Pflanzen, welche ein zu heißer Sonnenstrahl, ein Windzug oder ein Regenschauer zur unrechten Zeit in ihrer Entwickelung hemmen kann, sie zum Kränkeln und Verdorren bringt.

»Meine Helge!« Das Mädchen schlug die Augen auf. Die Mutter sah in ihrem Gesicht das wilde Entsetzen; die Phantasien, die bereits gierig, unaufhaltsam von dem jungen Gehirn Besitz ergriffen.

»Helge«, sagte sie streng und erhob sich, stand als Erzieherin vor ihrer Tochter. »Du bist ein großes Mädchen, du wirst vernünftig sein! Höre, was ich dir sagen muß, und warum ich heute diese Dinge mit dir bespreche. Es geht Vater besser, viel besser. Es ist wie ein Wunder. Selbst die Ärzte sind voller Staunen über den Wechsel in seinem Zustande. Sein Gedächtnis ist zurückgekehrt, er verlangt wieder bei uns zu wohnen – wenigstens schreibt man mir so. Es ist kein Grund vorhanden, ihn noch länger in der Anstalt zu behalten. Wir werden ihn wieder bei uns haben, Helge.«

Das Mädchen stand, als habe man ihm mit einem Hammer wiederholte Schläge auf den Kopf versetzt, und diese hatten irgendwelche Empfindungsnerven völlig betäubt. Vergebens erwartete Frau Dornt eine Äußerung aus dem Munde ihrer Tochter. Sie zog sie an sich, liebkoste sie, wie man ein kleines Kind liebkost. Sie setzte sich, nahm das lange, dünn aufgeschossene Mädchen auf ihre Knie, flüsterte ihr zärtliche, beruhigende Worte ins Ohr. Und an ihrem Halse begann Helge endlich heftig und unaufhaltsam zu weinen.

Dann, als sie sich gefaßt hatte, faltete sie die Hände, und der Blick ihrer noch feuchten Augen hatte einen feierlichen Ausdruck, als sie andächtig, von ihren Schauern beklommen, flüsterte: »Es ist wie eine Auferstehung von den Toten.«

 

Frau Dorrit trat aus der Tür ihres Besitztumes, das, ein schmuckes Landhaus mit großen Balkonen, von Obst- und Blumengärten umringt, sich an eine Höhe der Bergstraße schmiegte. Es war Frau Dorrit ans Herz gewachsen, wie einem jedes Eigentum lieb wird, das man mit Arbeit, Sorgen und Mühen sich erwirbt. Durch die Einnahmen ihres blühenden Instituts hatte sie gehofft, die noch auf dem Grundstück lastenden Hypotheken nach und nach abtragen zu können. Diese Aussicht war natürlich nun endgiltig vorüber. Die Frau, welche gelernt hatte, ihre Lebensangelegenheiten klug und praktisch zu regeln, wie ein Mann, überschlug im Geiste die Sachlage, während sie den Garten durchschritt, der im Blütenschaum der Obstbäume prangte und bei jedem Lufthauch einen Schauer silberner Blumenblättchen auf das braune, fruchtbare Erdreich niedersandte. Die hohe Pension, welche sie bisher in der Irrenanstalt zu zahlen hatte, fiel fort. Das war eine Erleichterung. Aber was wollte das besagen gegenüber der Tatsache, daß ihre Existenz ruiniert war. Auf die Nachricht, daß der kranke Mann heimkehren werde, wurden die jungen Mädchen sämtlich von ihren Eltern zurückgefordert. Frau Dorrit hatte ihr Haus zum Verkauf ausgeschrieben und hegte doch die heimliche Hoffnung, so bald noch keinen Liebhaber dafür zu finden, denn die Vorstellung, mit dem Manne, von dessen Zustand sie sich kaum eine Vorstellung zu machen vermochte, bei fremden Leuten zur Miete zu wohnen, war ihr unbeschreiblich ängstigend. Trotzdem würde zuletzt nichts anderes übrig bleiben. Sie überlegte neue Möglichkeiten des Verdienstes, sie dachte an Übersetzen, an Handarbeiten, an all die aussichtslosen Notbehelfe der Frauen, die verurteilt sind, mit gebundenen Händen und Füßen zu arbeiten. Und dabei galt sie Augusts Geschwistern für eine wohlhabende Frau! Man hatte es ihr von dieser Seite aus in ziemlich scharfer Weise zu hören gegeben, wie unerhört es sei, den Gatten nicht bei sich aufnehmen zu wollen. Augusts Schwester hatte sogar, als sie versuchte, ein anderes Asyl für ihn ausfindig zu machen, wo er in Frieden hätte seine Tage beschließen können, einen ungeheuren Entrüstungssturm unter den Verwandten – die sich beiläufig nie um den Kranken gekümmert hatten – angefacht, und gedroht, die Hilfe der Gerichte in Anspruch zu nehmen, um die Gattin zu zwingen, ihren Pflichten nachzukommen. Und die Gerichte ... alles, alles hätte Frau Dorrit gelitten und getan, nur um nicht wieder mit diesen Mächten in irgend eine Berührung zu kommen. Das wußte Augusts Schwester gut genug. Seltsam, mit welchem heimlichen Haß diese Frau sie verfolgte, einem Haß, den sie anfänglich nicht begriffen, bis ihr Alter und Erfahrungen die Augen geschärft hatten. Augusts Geisteskrankheit sollte und mußte äußere Ursachen haben, das war für seine nächsten Blutsverwandten von ungeheurer Wichtigkeit.

Was lag näher, als die Schuld an seiner Krankheit auf die Frau, auf die unglückliche Ehe zu schieben! Darum auch lag es der Schwester sehr daran, jetzt gewissermaßen vor aller Welt zu beweisen, daß kein organisches Leiden, sondern nur eine vorübergehende Störung vorgelegen hatte. Deshalb mußte August zu seiner Familie zurückkehren. Frau Dorrit fühlte fast Mitleid mit der Frau, die ihr schon so viel Leid im Leben angetan, denn sie begriff zu gut ihr ruheloses Streben, ihrem Manne, ihren Kindern und Freunden zu beweisen, daß sie gesund sei und einer gesunden Familie entstamme. Die Schwägerinnen hatten deshalb auch seit Augusts Krankheit fast keinen Verkehr unterhalten.

Frau Dorrit war durch die Beschuldigungen von Augusts Verwandten in tiefster Seele beleidigt worden. Schon aus diesem Grunde wollte sie keine Gemeinschaft zwischen ihnen und Helge. Und es galt, dem Kinde gegenüber das Geheimnis von des Vaters Leiden gut zu hüten. Sie tat es auf den Rat eines erfahrenen Psychiaters, dessen Anweisungen für die Erziehung des zarten Kindes sie ängstlich befolgte. Und nun war Helge so lieblich aufgeblüht, so reizend in der Mischung von Neugier, Schelmerei und Furcht, mit der sie ins Leben hineinschaute!

O – hätte sie sie behüten können – sie weiter in froher Ahnungslosigkeit erhalten!

Schneller ging Frau Dorrit weiter, die Lippen zusammengekniffen, zwischen den Brauen eine Falte sorgenden Nachdenkens.

Sie wollte zur nächsten Bahnstation, wohin sie einen Wagen bestellt hatte. Sie wollte ihren Mann abholen. Es war ihr peinlich, ihn zuerst wiederzusehen umringt von der Neugier ihrer Nachbarn. Jahrelang hatte sie als Witwe an dem Orte gelebt. Nun würde die Klatsch- und Schwatzsucht, die in der eingeengten Welt solcher kleinen Städte brodelt, mit einem Schlage wild aufgeregt werden und ihren Namen, ihr Schicksal wochenlang in ihren Wirbeln kreisen lassen.

Schließlich – das bekümmerte sie nicht sonderlich. Sie hatte Zeiten durchlitten, in denen sie der Nachrede und der Neugier von Fremden und Freunden hatte trotzen lernen. Jene Zeiten, als die Krankheit ihres Mannes sich in wunderlichen Launen, unberechenbaren Taten und Worten zu zeigen begann, ohne daß man all diese Dinge noch als Krankheit erkannte oder erkennen wollte, jene Zeiten, da er sich durch wilde Wutausbrüche in öffentlichen Lokalen bittere Feinde schuf, welche Frau Dorrit später vergebens zu beruhigen strebte.

Sie hatte die Erinnerungen mit Gewalt zurückgepreßt, sie hatte sie fast vergessen geglaubt – plötzlich drängten sie sich deutlich, in allen Einzelheiten wieder in ihre Phantasie, füllten ihr das Herz mit Unruhe und Bitterkeit.

Zwar hatte der Arzt geschrieben, der Kranke sei still geworden. Szenen, wie die Vergangenheit sie gebracht, seien ganz ausgeschlossen. Dazu seien auch seine körperlichen Kräfte viel zu erschöpft. Er sei heiter und zufrieden. Mit Hilfe eines geübten Dieners werde sie die Pflege leicht durchführen. Leben möge der Mann in diesem Zustande vielleicht noch geraume Zeit. Das alles klang beruhigend. Sie wollte nicht in ferne Zukunft hinaus sorgen! Und vor allem nicht sich in schmerzliche Erinnerungen vergrübeln! Das Leben war nun einmal so, wie es war, und so mußte es gelebt werden.

Vor zehn Jahren hatte sie leidenschaftlich eine gerichtliche Scheidung verlangt – und war zurückgewiesen worden. Die Ärzte konnten eine Aussicht auf Besserung nicht bestimmt verneinen. Und der Richter hielt ihr vor, wie unmenschlich es sein würde, den unglücklichen Kranken für den Fall seiner Heilung eines liebenden Weibes, eines Kindes und eines trauten Heims zu berauben.

Luise Dorrit hatte damals herbe gelacht, und der würdige Herr setzte eine sehr strenge und tadelnde Miene auf.

Eines liebenden Weibes ... Hatte denn dieser Mann, der selbst Gatte und Vater war, keine Ahnung, aus welchen zarten und feinen Bestandteilen sich eheliche Liebe zusammensetzt? Oder wollte er keine Ahnung haben? Eheliche Liebe – wie konnte sie sie im Herzen tragen zu einem Manne, der ihr längst, ehe sie sich entschloß, ihn einer Anstalt zu übergeben, nur noch Ekel und Grauen einflößte? – Ja gewiß – allmählich, als seine körperliche Nähe sie nicht mehr ängstigte, hatte sie gelernt, seiner in Barmherzigkeit und Güte zu gedenken. Sie war ja auch bereit, aus der Ferne für ihn zu sorgen. Nur frei von ihm wollte sie sein, nur nicht die Angst um seine Rückkehr ewig als Gespenst an ihrer Seite wandern fühlen.

Grausam gegen den Kranken ... Wer fragte danach, wie grausam die Entscheidung des Gesetzes gegen sie, die Gesunde, war? Und wie man ihre frische Kraft dadurch zerstörte?

Der blutige Hohn! Ihm, der armseligen Ruine, dem Manne, der unfähig geworden war, seine Gatten- und Vaterpflichten auszuüben, ihm wollte man Weib und Kind und Heim erhalten! Ihr, dem blühenden jungen Weibe ließ man die klirrende Kette am Fuß, verwehrte man jede Möglichkeit neuen Glückes, neuen Lebens, neuer Liebe, wie ihr kraftstrotzender, schöner Leib, ihr verlangendes Herz und alle gesunden Instinkte in ihr sie gebieterisch forderten.

Und daß es nicht unabänderliches Schicksal war, sondern Menschenwille, superkluge Menschenweisheit, die sie elend machte – das empörte sie immer aufs neue.

Am Ende hatte sie doch entsagen gelernt. Ein Frühling blühte auch ihr wieder in dem Kinde auf. Und mit der frischen Jugend um sich her freute auch sie sich wieder an der Welt und ihrer ewig sich erneuenden Schönheit.

Doch schon tauchte in ihrem Kopfe, als sie an Helge denken wollte, um zu friedlicher Stimmung zu gelangen, der Gedanke auf, daß sie genötigt sein werde, sich von Helge zu trennen. Ein noch ferner Schrecken, dem sie durch eine unabwendbare Macht mit jäher Schnelle entgegengetrieben wurde. Helge – die Quelle ihrer Kraft und ihres Mutes – das unsäglich geliebte, bewachte und gehütete Sorgenkind ... sich von Helge trennen ...

Ein Schmerz stieg in ihr auf, der ihr die Brust zerriß, der sie betäubte, so daß sie in ihrem gleichmäßigen Schritte innehalten und die Augen schließen mußte, bis die aufquellende Welle von Weh langsam wieder verebbte und nur ein taubes, dumpfes Qualgefühl zurückließ.

*

Wie göttlich kraftvoll sproßte rings um sie her die Pracht des jungen Lenzes in Grün und Blüten empor. Es war eine Wonne für das Auge, das helle Laubwerk der Birken, der edlen Kastanien zwischen dem Blauschwarz der Fichten an der Berglehne droben. Die Apfelbäume auf der Wiese, durch die ihr Weg sie führte, standen unter der Last ihrer rosenroten Blüten, die jedes Jahr wieder einen so merkwürdigen Gegensatz zu dem knorrigen, dürren, alten Geäst bildeten, aus denen sie so wundersam zart herauswuchsen. Und darunter im hohen Gras drängte sich in üppiger Fülle, saftstrotzend und doch so fein und bestimmt in tausend verschiedenen Formen das Gekräut, Vergißmeinnicht, Ehrenpreis und Löwenzahn und zahllose gelbe Butterblumen. Der Frühling war spät gekommen in diesem Jahr und hatte seine Gaben nun mit einer verschwenderischen Hast über das fruchtbare Gelände geschüttet. Es war ein Glühen und Duften, ein zitterndes, schwirrendes Atmen, ein Singen und Jubilieren in den Lüften, eine Wollust am Dasein, die sich auch der Menschen bemächtigte. Alles strömte, den Feierabend genießend, aus dem Städtchen mit seinen stillen, gepflasterten Gassen, seinen grauen Türmen und Mauerresten hinaus in die Obstgärten, auf die Weinberge, in den Wald. Es war wie eine allgemeine, große Frühlingsfeier. Die Kinder in den Wäglein schwenkten Zweige mit jungen, grünen Blättchen, das wimmelnde kleine Volk mit seinen blanken, lustigen, schwarzen Pfälzeraugen hatte die braunen Fäustchen voller Blumen.

Die großen Mädchen kamen, untergefaßt, in breiten Reihen, unter kreischendem Kichern und Lachen aus dem lichten Waldgrün hervor, und ihnen ging ein Duft von Maiblumen voraus, die in großen Sträußen die runden, jungen Brüste schmückten. Von der Stadt her zog ihnen ein Trupp Burschen entgegen. Es mochte irgend ein Turn- oder Gesangverein sein, denn der Vorderste trug im Schweiße seines Angesichts eine große Fahne. Sie sangen und schwenkten die Hüte, um die sie die langen, grünen Sprossen der Lärchen gewunden hatten, von denen lila Fliederdolden wie Federn nickten. Und es war, als feiere, umschwebt vom Gesang der hochzeitlichen Vögel, all diese Jugend, indem sie so aneinander vorüber zog und sich mit verliebtem Lachen und Geschrei begrüßte, das Fest der Göttin des Lebens, der Fruchtbarkeit und der Liebe. Selbst auf den Gesichtern der alten Männer, die behaglich zum Abendtrunk heimkehrten, Bündel von Waldmeister am Stecken tragend für den Leinenschrank der Hausfrau, lag ein Abglanz der Lust, und sie schmunzelten bedächtig, indem sie, stehenbleibend, dem Zuge der Burschen nachschauten.

Helge saß jetzt zu Haus und weinte, wußte die Mutter. Sie weinte sehr viel seit jener Eröffnung. Sie wußte den Aufruhr ihrer Gefühle nicht anders zu äußern, und es war vielleicht noch ein Glück, daß sie weinte. Aber sie zerstörte sich. Ihre Wangen waren blaß und schmal geworden in den letzten Wochen. Frau Dorrit hörte sie Nacht für Nacht verstohlen ins Kissen schluchzen.

»Ich mache mir so viel Vorwürfe, weil ich mich nicht freuen kann, daß Vater lebt«, vertraute sie ihrer Mutter in einer stillen Nachtstunde. »Mutter – wir sollten uns doch freuen, daß er gesund geworden ist. Es ist ja eine solche Gnade von Gott«, hatte sie mit einer rührenden Inbrunst im Ton hinzugesetzt.

»Aber siehst du,« hauchte sie nach einer Weile scheu, »ich fürchte mich – ich fürchte mich ...«

Frau Dorrit war auf bloßen Füßen leise an ihr Bett gekommen und setzte sich zu ihr.

»Sag, Mutter, ist er denn ganz gesund – ganz so wie andere Menschen? Warum sind denn dann die Mädchen alle fortgegangen?«

»Liebes Herz, du mußt nicht vergessen, daß die furchtbare Krankheit seine Kräfte erschöpft hat. Er soll sehr still und in sich gekehrt sein, das muntere Treiben und Lärmen der jungen Mädchen bei uns würde ihm schwerlich gefallen haben.«

Wie quälend doch solche Gespräche waren.

Gestern hatte Helge schüchtern gefragt, ob sie eine Girlande um die Haustür winden solle und Vaters Zimmer mit Blumen schmücken, und ob sie ihr weißes Kleid anlegen solle. Frau Dorrit hatte den Kopf geschüttelt: »Stelle ihm einen Strauß Maiblumen auf den Tisch«, hatte sie nach einer Weile hinzugesetzt.

Wußte sie denn selbst, wie sie ihm entgegentreten, wie ihr Zusammenleben sich gestalten würde?

Festliche Veranstaltungen? – Ihr war nicht festlich zu Sinne. Es galt eben, eine schwere Pflicht zu erfüllen.

Der Geruch der Maiblumen und des jungen Grüns tat ihr ohnehin weh. Düfte bringen oft Erinnerungen zu deutlich wieder vor die Seele. Der süße, betäubende Frühlingsgeruch mahnte sie in jedem Jahr wieder mit schmerzender Lust an den Tag, als sie zuerst in diese Gegend kam, die Villa anzusehen, die später ihr Eigentum werden sollte und welche damals durch die Zeitungen zum Vermieten ausgeschrieben wurde. Sie kam mit Rudolf Ratgen, dem treuen Freunde, der sie zuerst auf den Gedanken gebracht hatte, junge Mädchen um sich zu versammeln, und dadurch ihrem Leben eine Bestimmung zu geben sowie die Mittel zu Helges Erziehung aufzubringen. Er dachte und plante für sie, um ihr Energie und Lebensfreudigkeit zu schaffen, da es ihm versagt war, ihr das Glück zu schenken – wie er es lieber getan hatte.

Ihr Freund – so nannte sie ihn – sie wollte ihn ja nicht verlieren, wenn sie auch nicht zusammenkommen durften. Und daß er ihr Freund, ihr Trost und Berater bleiben wollte, hatte er ihr versprochen, in der Stunde, als sie schluchzend vor ihm zusammengebrochen war, in der Verzweiflung über die Unerbittlichkeit des Schicksals, das über ihr lag.

O, die schwermutsvolle Seligkeit jener letzten Tage des Beisammenseins, auf die die lange Trennung folgen mußte!

Sie hatte ja tapfer ihr Los getragen, bis zu dem Tage, an dem sie Rudolf kennen lernte, bis zu der Nacht, die jenem Tage folgte, in der sie wachend lag und in die Dunkelheit hinauslauschte und das Glück leise an ihr Lager schlich und ihr ins Ohr flüsterte: Weißt du nun, wie ich aussehen würde? Weißt du, aus welchen Augen ich dich anschauen, mit welchen Lippen ich dich küssen möchte ...? Weißt du's? Fühlst du's? Fühlst du, daß du jung bist und gesund, und daß dein Kind dir nicht alles ist – längst nicht alles?

Hätte sie doch nie erfahren, daß er sie so lieb hatte, so unsäglich lieb – dachte sie später oft – es wäre vieles leichter zu ertragen gewesen. Aber sie erfuhr es ... wie erfuhr sie es! Güte, Verständnis, warmes, zartes Schützen, starkes Wollen – alles war in ihm und warb und bat, und sie gab sich so gern!

Wie sie aufblühte in all den Hoffnungen. Sie legten sich kaum noch Zwang auf, sie waren beide so sicher, daß das Gesetz ihr die Freiheit zurückgeben werde. Und dann kam der vernichtende Bescheid.

Rudolfs Geliebte sein? Sie war nicht dazu geschaffen. Sie war zur Ehefrau geschaffen, die dem Manne sorgend waltet im hellen Sonnenlicht, die viele Kinder hat und mütterlich über ihnen wacht. Sie war kein Weib der schwülen Gluten, sondern warm und hell wie ein fruchtbarer Sommertag, so schrieb er ihr einmal, und er wollte sie nicht auf Wege locken, auf denen sie verlieren mußte, was er am meisten an ihr liebte, die sichere Klarheit und Heiterkeit ihres Wesens.

Ob sie es ihm dankte? Sie wußte es nicht. Damals nicht und heute nicht.

Sie wußte nur von Nächten voll Fieber und Leidenschaft – von Tagen, an denen sie aufschrie gegen die geforderte Entsagung, an denen sie die Zähne knirschte und in ohnmächtigem Haß die geballten Fäuste schüttelte gegen jenen Mann hinter den vergitterten Fenstern seiner Krankenzelle. Erwürgen – ihn erwürgen mit eigenen Händen – es wäre ihr Bedürfnis, Erlösung gewesen. Und sie zerriß sein Bild, sie trat es mit Füßen und spie darauf in dem Grimm ihrer Verzweiflung.

Umsonst – das Gesetz wollte ihm das liebende Weib erhalten.

Ja – wäre sie gläubig gewesen und hätte die Ehe als ein mystisches Sakrament betrachtet, dem man Leib und Seele zum Opfer bringt – eine Märtyrerin, welche in Augenblicken der Entzückung schon die himmlische Herrlichkeit vor sich aufgetan sieht –, aber sie war von ungläubigen Eltern erzogen. Was galt ihr Himmel und Seligkeit!

Sie war andächtig vor dem Geheimnis ihrer Mutterschaft, vor der Kraft, die sie in sich fühlte, neue junge Wesen zu gebären, die nicht unter dem Fluch standen, unter dem ihr armes Kind litt. Und als die Menschen ihr verwehrten, ihren Beruf, zu dem sie geschaffen, zu erfüllen, im Namen Gottes und der Moral, war es ihr, als höhnten sie des Gottes, den sie um sich her weben und schaffen fühlte nach seiner eigenen Moral, die nichts zu schaffen hat mit der der Menschen.

*

Da – da war sie doch wieder bei der alten Qual, und das Herz wurde ihr schwer wie ein Stein in der Brust, die Augen brannten ihr wahrhaftig von verhaltenen Tränen ...

Das alles war doch längst überwunden. Warum stieg nur heut ein so heißes Verlangen nach verlorenem Glück in ihr auf – heut – zur ungelegensten Stunde?

Sie mußte sich zusammenraffen! Wochenlang unter allen Pflichten, die der Tag forderte, dachte sie kaum an Rudolf.

Die böseste Zeit war die gewesen, in der sie sich beide noch an ihre Freundschaft klammerten, wie an ein schwankes Brett, daran sie aus dem Meere ihrer Leidenschaft sich retten wollten, und doch nur hilflos von seinen Wellen auf- und niedergeschleudert wurden. Dann fand man Rudolfs Besuche bei ihr, der Institutsvorsteherin, anstößig, und ihre Einladungen ergingen seltener an ihn, er hörte mehr Ablehnung als Aufforderung heraus und blieb fern. So kamen sie auseinander. Nicht nur das Gerede der Leute schied sie. Beide nahmen sie es als Vorwand, weil sie die Spannung und heimliche Qual dieser kühlen, verständigen Freundschaft nicht länger zu ertragen vermochten.

Nun hatten sie sich schon jahrelang nicht mehr gesehen. Rudolf war verheiratet, hatte mehrere Kinder.

Vorüber ... vorüber ...

Frau Dorrit wollte sich zum Mitleid zwingen. In dieser Stimmung konnte sie ihren Mann unmöglich empfangen. Sie stellte sich seine jammervolle Existenz vor, diese vielen, vielen Jahre. Sie rief sich kluge Aussprüche von ihm ins Gedächtnis zurück und versuchte sich an die Zeit zu erinnern, als sie ihn kennen lernte und er noch frisch und gesund war. Wer ging den Geheimnissen in so einem kranken Hirn nach – wer mochte wissen, ob er das Elend, die Schmach seines Zustandes nicht doch fühlte? Und was mußte er dann für Augenblicke der Verzweiflung durchmachen! Was galt dagegen ihr Kummer, ihre Sorge?

Aber der gesunde, lebenskräftige Mensch kann trotz allen guten Willens die Leiden einer Krankheit so wenig innerlich begreifen, wie er den Tod begreifen kann. Und so kehrten auch die Gedanken von Frau Dorrit wieder zu ihrem eigenen Leben zurück.

Nun aber – sie mußte sich jetzt einrichten – sie durfte Helge nicht mehr so verwöhnen und verzärteln. Eine Dienerin würde sie kaum noch halten können. Wer weiß, vielleicht tat es Helge gerade gut, wenn sie arbeiten lernte.

Nein, sie wollte gewiß den armen Kerl liebreich pflegen und hegen. Sie würde es schon lernen, ihr heimliches Grauen zu überwinden. Vielleicht ließ sich dann auch der Wärter entbehren, vor dem sie sich lächerlicherweise fast so fürchtete wie vor dem Kranken selbst.

Es tat ihr wirklich Not, daß sie sich einmal selber derbe ausschalt, wie sie es heute der Helge getan.

Und doch, als sie nun auf dem kleinen Bahnhof stand und den Zug daherbrausen hörte, da verging ihr wieder der Atem, und es wurde ihr schwarz vor den Augen vor großer innerer Bewegung.

Der Zug hielt. In dem Fenster eines Kupees erster Klasse zeigte sich ein rundes, rotes, bartloses Männergesicht. Sie wußte sofort: das war der mitgesandte Hüter, obschon August in der Anstalt eine andere Person zu seiner Bedienung gehabt hatte. Sie trat herzu, der Mann öffnete die Tür, auch der Schaffner näherte sich. Beide Männer halfen einer fetten und schwer beweglichen Gestalt aus dem Wagen. Der Wärter forderte die Gestalt mit halblauter Stimme auf, zu gehen, und sie konnte nun auch wirklich, auf seinen Arm gestützt, vorwärts schreiten, was man anfangs nicht für möglich gehalten hätte. Frau Dorrit sorgte für das Gepäck. Der Ankömmling hatte sie gar nicht beachtet, und sie wußte nicht, ob es gut sein werde, seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Bald saßen sie im Wagen und fuhren der Villa und Helge entgegen.

Da konnte es Frau Dorrit doch nicht lassen, die gedunsene weiße Hand, die schlaff auf dem Knie des unförmlichen Mannes lag, leise zu berühren und, sich zu ihm beugend, herzlich zu sagen:

»Es ist hübsch, daß du uns einmal besuchen willst.«

Er sah sie an, zog die Stirn wie im Nachdenken zusammen und murmelte:

»Warum soll ich euch denn nicht besuchen? Ich bin ja gesund, ganz gesund, verstehst du mich?«

»Na, aber natürlich sind Sie gesund, Herr Dorrit,« rief der Begleiter mit einer unnatürlich lauten und lebhaften Jovialität, »das wollt' ich meinen! Spazieren gehen tun wir jetzt alle Tage in den Bergen! Das sollen Sie einmal sehen, Sie lernen noch laufen wie der Jüngste!«

Dorrit wurde verdrießlich. »Spazieren gehen! Sie immer mit Ihrem dummen Spazierengehen! Dazu habe ich viel zu viel zu tun.«

»Na ja,« rief der Wärter wieder mit seinem lauten Lachen, »die Sammlung, die muß auch besorgt werde. Frau Dorrit, Sie sollen nur einmal unsere Sammlung sehen! Fein, sage ich Ihnen.«

Bei der Erwähnung ihres Namens sah Dorrit seine Frau einen Augenblick wie forschend an, versank dann aber gleich wieder in stilles Träumen.

Irgendwie hatte Frau Dorrit sich die Genesung ihres Mannes doch anders vorgestellt. Sie hatte an Schilderungen von Gefangenen gedacht, die zum erstenmal wieder in die Freiheit hinausdürfen. Es setzte sie in Erstaunen und erschütterte sie fast, zu sehen, wie gleichgiltig Dorrit den ganzen Vorgang auffaßte, wie wenig Teilnahme er für die neue Umgebung bewies. Und doch fühlte sie zugleich eine Art von Erleichterung, als ihr klar wurde, daß dies kein Mann mehr war, der noch Forderungen an das Leben und an sie selbst stellen würde.

In seinem Zimmer untersuchte er aufs sorgfältigste den Schreibtisch, freute sich über die vielen Schubladen darin und schloß jede einzelne mit Befriedigung auf und zu. Dann steckte er den Schlüssel in die Tasche und sagte zu seinem Begleitet: »Dahin kommt die Sammlung, Schulz. Glauben Sie, daß das Schloß sicher ist? Man könnte auch noch eine Kette davorlegen.«

»Selbstverständlich!« rief der Pfleger. »Ich will gleich nachher zum Schlosser gehen und eine Kette holen.«

Dorrit setzte sich in den Lehnstuhl am Fenster, zog aus seiner Westentasche einige Postmarken und begann, sie aufmerksam zu betrachten und zwischen den Fingern zu befühlen.

Frau Dorrit stand unschlüssig am Tisch. Helge war von ihr angewiesen worden, sich auf ihrem Zimmer zu halten, bis sie sie rufen würde. Sollte sie es tun oder nicht? Sollte sie sich entfernen oder bleiben? Ihre gewohnte frische Energie hatte sie plötzlich ganz verlassen. Sie fühlte sich mit Angst in der ihr ungewohnten, großen Unsicherheit.

Schulz näherte sich ihr und flüsterte vertraulich:

»Der ist müde. Wird wohl bald einschlafen. Grämen Sie sich nur nicht – der redet immer nicht viel. Er hat doch durchaus nach Haus gewollt. Viel ist ja nicht mehr mit ihm anzufangen. Aber ein gutes Herz hat er – ach ne – so wie mancher andere – so ist der nicht!«

Frau Dorrit maß den Mann mit einem hochmütigen Blick. Wollte er sich unterstehen, sie zu trösten?

»Das Abendessen des Herrn wird hier oben serviert werden«, sagte sie kühl und verließ das Zimmer.

Sie fand Helge in einem beängstigenden Zustande. Das Mädchen kauerte auf einem Bänkchen, die Ellenbogen auf den Knien, den Kopf zwischen den Händen, und flog mit einem Schrei empor, als die Mutter eintrat, sie mit entsetzten Augen anstarrend. Und dann warf sie ihr die Arme um den Hals, klammerte sich leidenschaftlich an ihr fest und flüsterte atemlos: »Mama, ist es wahr, daß ich auch so – so krank werde wie Vater? – Muß ich auch ins Irrenhaus?«

»Um Gotteswillen, Kind! Wer hat dir solche Sachen gesagt?«

»Die Anna sagt's! Ich wär' schon nicht richtig im Kopf, und das wär' auch kein Wunder, das wär' erblich.«

Unterbrochen von wildem Schluchzen rang sich das Geständnis aus der armen, geängstigten Seele.

»Helge – wie kannst du dir nur einen Augenblick Gedanken machen über Torheiten, die ein dummer Dienstbote schwatzt.«

»Ja, Mama – aber – Mademoiselle hat auch einmal von einer Familie erzählt, wo – wo – –«

»Helge – hast du mich lieb?«

Das kam aus tiefstem Herzen. Das Mädchen blickte mit erstaunten Augen zu seiner Mutter auf.

»Dann zeige es jetzt. Erschwere uns beiden ernste Pflichten nicht mit unnötigen Phantasien. Bezwinge dich und hilf mir, Kind. Hilf mir!«

»Mama, wie kann ich dir helfen?« sagte Helge kleinlaut, verzagt und reumütig.

»Du weißt es, Helge.«

Helge lehnte ihre nasse Wange gegen ihrer Mutter Hand.

So standen sie lange schweigend. Im Herzen des jungen Kindes ebbte der Kummer zurück und ließ ihre Seele still werden, unter den Flügeln der mütterlichen Liebe, unter deren Hut sie sich vor allen Schrecken geborgen fühlte.

Frau Dorrit lauschte dem unhörbaren Schreiten eines Gespenstes, das sie bisher aus ihrem Hause zu bannen gewußt hatte, und das nun doch Einlaß gefunden, das fortan mit ihnen wohnen und schlafen und sie immerfort ängstigen würde ... Ihr Gesicht verriet nichts von ihren traurigen Gedanken. Ihre braunen, mütterlichen Augen lächelten ihrem Kinde freundlich zu. Als sie sich später am Abend von Helge vorlesen ließ, hätte man meinen können, das Behagen selbst säße zu Gast in dem traulichen Zimmer, durch dessen geöffnete Verandatüren der Duft des Flieders und der blühenden Apfelbäume hereinschwebte.

Helge hatte gefragt, ob ihr Vater sie nicht zu sehen wünsche, und die Mutter hatte sie auf den nächsten Morgen vertröstet. Sie wußte in der Tat nicht, wie weit bei dem unglücklichen Manne die Erinnerung an das Kind noch lebendig war. Jährlich hatte sie ihm Photographien von Helge geschickt und vom Arzte die Antwort erhalten: Dorrit zeige sie mit augenscheinlichem Vergnügen seinen Mitpatienten. Aber er hatte ja ihre eigene Gegenwart kaum bemerkt.

Als Helge am Mittag des nächsten Tages von dem Unterricht heimkehrte, den ihr ein am Orte lebender früherer Gymnasialprofessor erteilte, sah sie ihre Mutter mit einem großen, starken Herrn langsam auf dem breiten Gartenwege wandeln. Sie blieb schüchtern in der Ferne stehen, bis ihre Mutter sie heranrief.

»August, das ist unsere Helge«, sagte Frau Dorrit.

»So, so, das freut mich«, murmelte der Mann, nahm höflich den Hut ab und sagte: »Guten Morgen, Fräulein Helge. Wie geht's?«

Frau Dorrit sah, wie die Farbe auf dem jungen Gesicht in jähem Wechsel kam und ging, wie die Lider der gesenkten Augen, die nicht aufzublicken wagten, zitterten. Sie fühlte mit ihr die mächtige Bewegung, in der das Mädchen dort stand, zum erstenmal einem Vater gegenüber, den sie seit Jahren im Grabe schlummern geglaubt, dem sie mit Grauen und doch mit dem heimlichen Durst nach Sensation, der solche junge Seele foltert, entgegensah, allen Schauern unbegreiflicher Gefühle preisgegeben ... Und nun das trockene: »Guten Morgen, Fräulein Helge, wie geht's!«

»Hole Vater den bequemen Korbstuhl«, sagte sie ablehnend, beruhigend. »Wir wollen uns ein wenig setzen. Ist's nicht schön hier, wo man so weit über das Tal sieht?«

Er nickte und wiederholte zerstreut: »Sehr schön, sehr schön!« Als Helge den Stuhl und ein seidenes Kissen brachte, ihm in den Rücken zu legen, stahl sich ein Lächeln über das bleiche, gedunsene Gesicht. Er wandte sich zu Frau Dorrit und bemerkte: »Ein freundliches Kind, ein sehr freundliches Kind.«

Es war Frau Dorrit seltsam rührend, zu sehen, wie Helge sich hinfort mit kleinen Diensten und Aufmerksamkeiten mühte, dieses schwache Lächeln wieder zu wecken und den Lobspruch zu ernten: »Ein freundliches Kind – ein sehr freundliches Kind.«

Die hochmütige, kleine Helge, der sonst gleich ein verachtender Zug um die Lippen flog – sie schien keine Verachtung und keinen Ekel mehr zu kennen. Sie band dem gebrochenen Manne eine Serviette um, schnitt ihm das Fleisch, schalt ihn mütterlich-scherzhaft, wenn er die Suppe verschüttete, und verkehrte mit ihm in einer zutraulich-heiteren Art, wie mit einem Kinde, das behütet werden muß. Frau Dorrit würde sich nie zu diesem Ton entschlossen haben, aus Furcht, das vielleicht noch irgendwo vorhandene Selbstgefühl des Mannes zu verletzen. Doch Helge traf augenscheinlich das Richtige.

Anfangs hatte er das junge Mädchen mit »Sie« angeredet, bis Helge es ihm liebenswürdig verbot. Nun sagte er »du« zu ihr. Saß er verdrießlich auf der Veranda, bis sie aus dem Unterricht kam, so sah man ihm an, daß er wartete. Machte sie sich daran, ihm bei seiner Sammlung zu helfen, und holte unzählige Postmarken, die sie sich bei ihren Freundinnen schriftlich erbat, herbei, so begann er ihr umständliche Anweisungen zu geben. Sie mußte sie in die abgegriffenen und vergilbten Hefte kleben, von denen er ganze Stöße besaß, bald in Karos, bald in Sternen ober Zickzacklinien geordnet, wie es gerade seine phantastische Laune wünschte. Dann nahm sein Gesicht einen zufriedenen Ausdruck an, und wenn sie es besonders gut gemacht hatte, versprach er ihr, einmal wolle er ihr auch das Geheimnis anvertrauen, das in der Sammlung verborgen sei, und den wunderbaren Sinn, den sie besitze. Seinen Pfleger ließ er nur widerstrebend an seine Schätze rühren. Helge war die einzige, vor der sein Mißtrauen für Augenblicke verschwand. Seiner Frau gegenüber blieb er zurückhaltend, von jener gemessenen, mechanischen Höflichkeit, wie sie offenbar die langjährige Erziehung der Anstalt ihm eingeprägt hatte.

Frau Dorrit fragte sich zuweilen traurig, ob in dem ausgedörrten Hirn, dem erloschenen Geist ober vielleicht in irgendwelchen heimlichen Tiefen des Empfindungsvermögens doch noch eine Art von Instinkt ihn ahnen ließ, daß sie nur mit Mühe den Widerwillen, ja den Haß, den seine Person ihr einflößte, zu überwinden vermochte, obschon er sich niemals in ihrem Benehmen gegen ihn äußerte.

In letzter Zeit kam eine sonderbare Eifersucht auf die Fülle von zarter Güte hinzu, die Helge an ihren Vater verschwendete. Sonst hatte Frau Dorrit in die Seele ihrer Tochter geblickt, wie in einen offenen Blütenkelch, mit immer neuem Entzücken an den feinen Farbenreizen, die sich da enthüllten – nun war etwas Fremdes zwischen sie getreten.

Was an Gedanken und Gefühlen durch den Verkehr mit dem kranken Vater in Helge geweckt wurde – die Mutter erfuhr es nicht. Ein Ausdruck von Ernst und Reife war in das feine Gesichtchen gekommen, der zeigte, daß unter der oft kindischen Heiterkeit, in der Helge mit dem Vater umging, manches die junge Seele bewegte. Aber es war, als hindere eine zarte Scheu das Mädchen, mit der Mutter über den Vater zu reden – als empfinde sie das unsichtbare Band, welches sie näher an den Vater knüpfte als die Mutter, und als habe sie die Pflicht, seine Schwächen, seine Wunderlichkeiten selbst vor der Mutter zu hüten.

Vielleicht hatte sich Frau Dorrit noch niemals in ihrem schweren Leben so trostlos und vereinsamt gefühlt als in diesen Wochen, in denen die gewohnte Beschäftigung mit ihren Zöglingen ihr genommen war, in denen die Sorge um das tägliche Brot ihr schlaflose Nächte bereitete, und in denen sie in ihrer Tochter eine Entwickelung vor sich gehen sah, die ihr verborgen blieb, und die sie gerade darum doppelt ängstigte. Mit dem Verstande betrachtet, gestaltete sich ja alles über Hoffen und Erwarten gut. Ihre Furcht, daß Helges Nerven diesen zum stumpfsinnigen Idioten beruhigten Mann nicht würden ertragen können, schien unbegründet. Das Mädchen bewährte sich als eine bessere Gesellschafterin des Ärmsten als sie selbst. Helge war ruhig, und daß ihre Augen oft, wenn sie sich unbeobachtet fühlte, ernst und schwermütig blickten, wer hätte sich darüber wundern können. Das Gegenteil wäre unnatürlich gewesen.

Und dennoch – dennoch saß in einem Winkel von Frau Dorrits Seele eine geheime Angst, die sie selbst nicht hätte bezeichnen können – die Angst vor etwas Unbestimmtem, dem sie keinen Namen zu geben vermochte.

Wie oft besinnen wir uns, wenn wir von einem großen Unglück getroffen werden, daß wir es vorausgeahnt haben, lange ehe die nüchterne Vernunft spüren konnte, von welcher Seite es uns fassen würde. Wir wußten, ohne zu wissen. Die feinsten Fühlfäden unserer Seele hatten bereits die Gefahren betastet, die dem wachen Bewußtsein noch verborgen waren.

 

»Mama,« sagte Helge einmal, »ich glaube, Vater ist innerlich lebendiger, als wir so denken. Und ich glaube, er hat mich recht lieb. Du hättest nur sehen sollen, wie freundlich er mich anblickte, als ich ihm heute einen Rosenstrauß ins Zimmer trug. Sonst hat er doch nur Sinn für seine Marken, und heute interessierten ihn die Rosen. Er hat sie lange angesehen, mit ihnen gespielt und ... er hat mir die Hand gestreichelt«, fügte sie ganz leise in tiefer Bewegung hinzu. »Vielleicht wird er doch noch einmal kräftiger und ganz gesund ...

Ach, Muttchen, ich denke auch: diese schreckliche Anstalt ... Manchmal kommt mir der Gedanke: wenn wir Vater bei uns gehabt hätten ...«

»Liebes Kind«, unterbrach Frau Dorrit, »das sind Dinge, die du nicht verstehst. Vergiß nicht, daß Vater zu Zeiten so aufgeregt war – wir hätten ihn nicht zu Haus behalten dürfen, weil die Gefahr nahe lag, er könne sich oder andern ein Leid zufügen.«

Helges Augen erweiterten sich. Sie schwieg, mit einem abwesenden Blick ins Weite starrend. Plötzlich umschlang sie ihre Mutter und drückte den Kopf an deren Schulter. Frau Dorrit fühlte, wie ein nervöses Zucken und Beben durch ihre Glieder ging. Endlich flüsterte sie ihrer Mutter ins Ohr: »Muttchen, liebes, süßes Muttchen – wenn ... wenn ich einmal ... Ach, schicke mich nicht dahin – dahin, wo Vater war! Ach, Mutter – schlag mich lieber tot – ich fürchte mich so sehr!« schrie sie plötzlich, die gefalteten Hände bittend emporhaltend, das blasse Gesicht von Tränen überströmt. »Versprich mir, daß du mich bei dir behalten willst!«

»Kind, Kind – du bist ja gesund«, stammelte Frau Dorrit. »Warum quälst du dich nur so? Und was weißt du denn von der Anstalt, in der Vater gelebt hat? Es war ein schöner, freundlicher Ort ...«

»Ja, ja,« schrie das Mädchen außer sich, »das sagst du mir –! Aber ich weiß es anders. O – was ich erfahren habe, ist schrecklich!«

»Helge, hat dir denn Vater ...?« fragte Frau Dorrit entsetzt.

»Vater – ach nein, der nicht – aber Schulz – Schulz hat mir viel erzählt, wie strenge sie gegen die Kranken sein müssen und wie die Ärmsten gestraft werden, wenn sie ungehorsam sind, und – und – manche sind gar nicht geisteskrank – sind ja da nur eingesperrt – weißt du, aus Rache!«

»Helge, wie kannst du die albernen Schauergeschichten anhören. Wahrhaftig, ich hätte dich für verständiger und vornehmer gehalten. In Zukunft verbiete ich dir solche Unterhaltungen mit Vaters Pfleger – verstehst du mich?«

Frau Dorrit sprach mit einer ungewöhnlichen Schärfe und Heftigkeit; die Aufregung, in der sie selbst sich befand, zitterte darin nach.

Helge schwieg beschämt. Doch, indem sie das Zimmer verließ, traf ein kalter und mißtrauischer Blick ihre Mutter, wie diese ihn noch niemals zuvor in den sanften Mädchenaugen beobachtet hatte.

Schulz wurde in strenges Verhör genommen. Aber der Mann fühlte sich unentbehrlich. Anfangs leugnete er; als Frau Dorrit ihm trotzdem Vorwürfe machte, wie er die Phantasie eines jungen Mädchens in dieser Weise vergiften könne, antwortete er boshaft: »Wenn doch das Fräulein so neugierig ist, daß man sich vor ihren Fragen nicht retten kann? Die fragt ja, daß unsereins dabei rot werden kann – was die alles wissen will!«

Ein Blick so strenger Verachtung traf ihn aus Frau Dorrits Augen, ein so energisches: »Schweigen Sie mit Ihren Unverschämtheiten!« wurde ihm zugerufen, daß er es vorzog, sich mit unzufriedenem Gemurmel zurückzuziehen.

Er log – er log zweifellos – aber – Frau Dorrit hatte zu merkwürdige Erfahrungen mit jungen Mädchen in Helges Alter gemacht, um sich nicht immer wieder bange zu fragen: Wie weit waren die Eröffnungen von Schulz gegangen? Wieviel Unheil hatten sie angerichtet? Und doch war Helge so bewacht worden! Doch war sie selbst beständig im Haus und in der Nähe gewesen!

Freilich – die Spaziergänge im Garten, bei denen Helge den Vater sorglich führte und Schulz nebenher wanderte – das Markenkleben auf der Veranda, während sie in der Küche tätig war ...

Frau Dorrit beschäftigte Helge in den nächsten Tagen unausgesetzt in ihrer Nähe, ließ sie nicht aus den Augen, nicht aus Hörweite. Aber wie ergriff es sie, als sie eines Morgens mit Helge in der Küche arbeitete, einen schweren Schritt den Korridor entlang schlürfen zu hören und plötzlich ihren Mann zu sehen, der sich mühsam die Souterraintreppe hinunterarbeitete, um Helge zu suchen, und plötzlich mit dem Lachen eines triumphierenden Kindes vor ihnen stand, dem Mädchen munter zurufend: »Komm, spazieren gehen!«

Mußte sie sie nicht gewähren lassen?

Als die beiden wieder hinaufstiegen, drang plötzlich ein Gefühl in ihr empor, das aus Mitleid und Angst und jähem, wildem Haß sich seltsam mischte, und sie ballte die Fäuste, in ihr schrie der Wunsch: »Tot – tot – wäre er tot – er nimmt mir mein Letztes! Könnte ich ihn töten!«

Und die Frau, deren Leben Pflicht und Entsagung gewesen, stand an ihrem Herd – überlegte, wie es geschehen könne, diesen armseligen Lebensrest eines Menschen heimlich und sicher auszutilgen ... Wäre es ein Verbrechen, dachte sie? Wäre es wirklich Mord zu nennen? Würde nicht der Richter selbst die geängstigte Mutter freisprechen? O – das Gesetz – das Gesetz – wußte sie denn nicht, wie unmenschlich es war?

Solche Dinge plant man – man tut sie nie, ging es ihr durch den Sinn, beruhigend und zugleich quälend, weil sie nicht den Mut besaß, sich und ihr Kind zu befreien.

Zu dieser Zeit empfing Frau Dorrit einen Brief in einer Handschrift, die sie manches Jahr nicht mehr gesehen hatte. Wie nervös überreizt mußte sie sein, schalt sie sich selbst, weil es sie wie ein Schwindel befiel und sie den Brief vor sich auf den Tisch legte, mit nassen Augen in die Luft starrend.

Dann öffnete sie und las. Rudolf Ratgen schrieb, er käme mit Frau und Kindern, auf einer Reise begriffen, durch ihren Wohnort. Er möchte gern einen Tag Rast machen und die alte Freundin besuchen. Auch seine Frau freue sich auf die Bekanntschaft, und es würde ihn beglücken, ihr seine Söhne vorstellen zu dürfen.

Frau Dorrit verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln und schrieb: Selbstverständlich sähe sie einem Wiedersehen mit der größten Freude entgegen.

 

Sie saßen in der Laube im Vorgarten, um die ein großer Marschallnielrosenstock seine Ranken mit den gelben, schwerduftenden Blüten zog. Frau Dorrit fütterte die strammen, kleinen Knaben ihres Freundes mit Schokolade und Kuchen, und man sprach viel darüber, daß sie seiner Frau ähnlich sehe, nicht um den Mund, aber um die Augen und auch im Gang. Sie fand es selbst, und es schmerzte sie, während Rudolf mit ruhiger Befriedigung immer wieder darauf zurückkam.

Später jagten die Knaben zwischen den Rasenplätzen und den Blumenbeeten nach Schmetterlingen. Helge wurde aufgefordert, mit den Kindern zu spielen, doch lehnte sie es ab und flüsterte: »Mutter, laß mich still sitzen, ich bin müde.«

Und müde sah sie aus. Frau Dorrit bemerkte es wohl, wie Ratgens Blicke voll Teilnahme auf dem ernsten, schmalen Gesicht mit den melancholischen Augen haften blieben, und wie er in stilles Nachdenken versank.

Was man in Gegenwart der Kinder zu nennen vermieden, wurde nun berührt, Dorrits Gegenwart im Hause. Frau Dorrit erzählte von Helges liebevoller Fürsorge für den Vater, und Ratgen bemerkte, welch ein schönes Gefühl es für sie sein müsse, ihm sein Alter noch verklären zu dürfen. Auch einige Worte über die wunderbare Genesung, und wie ergreifend es sei, daß er so sehr den Wunsch gehabt habe, bei den Seinen zu sein – wie man sähe, daß die Liebe zu ihnen doch in der Tiefe seiner Seele unberührt geblieben sei.

Helge war unverändert ernst. Träumerisch sagte sie: »Ich möchte nicht so genesen. Ich möchte weit lieber sterben. Weit lieber – weit lieber.«

Sie schloß die Augen und warf den Kopf zurück, ihr Mund blieb schmerzlich halb geöffnet. Sie glich dem Bilde einer jungen Märtyrerin, die mit Ergebung großer Qualen wartet.

Ratgen kamen alle Phrasen, die er vorgebracht hatte, sehr banal und töricht vor. »Wüßte ich nur,« sagte Helge leise und furchtsam, »wie das zusammenhängt: manchmal ist es, als kenne er mich und habe mich lieb, dann wieder meint er, ich wäre Mama, als sie noch jung war, und schilt mich ärgerlich – dann wieder bin ich ihm eine Fremde, und er denkt, ich bin eben auch krank und in die Anstalt gekommen. Gestern Abend nahm er mich mit in sein Zimmer und sagte, er wolle mir etwas Schönes zeigen. Und dann hat er alle Bilder von mir geholt, sie auf den Tisch gelegt und mir stolz und geheimnisvoll erzählt, das sei seine Tochter und sie sei sehr weit fort von hier. Ich sagte ihm: Aber, Väterchen, es sind doch alles Bilder von mir, und ich bin dein Kind und bin doch bei dir. Da wurde er aber heftig und schalt: Ich dumme Person sollte mir doch nur so etwas nicht einbilden. Das wäre eine Unverschämtheit von mir, und er werde es dem Doktor sagen, damit er mich strenger hielte.«

Ein Schweigen entstand an dem Tisch. Alle blickten mit bekümmerten Gesichtern hinaus in die blühende, duftende Pracht, in der die zwei kleinen Knaben zuweilen wie losgelassene schlanke Windhunde durch den Sonnenschein rasten.

Die fremde Frau dachte mit einer gewissen Antipathie gegen die früher geliebte Freundin ihres Gatten: Wie unbehaglich und schrecklich sind diese Zustände. Wären wir doch nur nicht hierher gekommen.

Ihr Mann überlegte: das Mädchen muß fort – unbedingt – ich muß mit ihrer Mutter reden – sie ist eine zu zarte Pflanze ...

Frau Dorrits Gedanken bewegten sich mit einer Unaufhörlichkeit, die sie selbst peinigte, in einem ganz engen Kreise: Morphium ist das einzige – es wird ihm ja keine Schmerzen machen – wie bekomme ich es nur, ohne Verdacht zu erregen – ich muß verreisen – weit verreisen, um es zu holen. Ein Weg findet sich schon, sobald man will. Warum will ich nur nicht mit ganzer Seele? Warum bin ich so feige?

Helge erhob sich leise und ging auf die Veranda zu ihrem Vater.

Die Blicke der Zurückbleibenden folgten ihr. Frau Ratgen sprang plötzlich, als sie bemerkte, daß ihre Knaben dem Mädchen nachliefen, mit einem ängstlichen Ruf in die Höhe und eilte in den Garten hinunter. Sie wurde von der Furcht befallen, der Kranke könne den Kindern etwas tun, und beschloß, sie nicht mehr von ihrer Hand zu lassen.

»Helge gefällt mir nicht«, begann Rudolf Ratgen, als er mit Frau Dorrit allein blieb. »Sie könnte ernst sein, ohne diese hoffnungslose Traurigkeit, die ich vorhin in ihren Augen bemerkte.«

Frau Dorrit seufzte. Was soll ich tun? Ich bewundere oft die Geduld, mit der Helge sich Augusts Dienste widmet, mit der sie sich in seine Launen und in die spärlichen, unterbrochenen Reste seiner Gedanken hineinfühlt. Wie kommt das Kind zu dieser Seelenstärke?«

»Seelenstärke?« sagte Ratgen zweifelnd. »Ja – wenn es das wäre. Ich fürchte, es ist etwas anderes.«

Sein Arm wurde gefaßt, mit einem umkrallenden Griff, in dem die Angst eines Ertrinkenden bebte.

»Ratgen – sagen Sie das nicht. Das darf nicht sein. Es wäre zu – zu hart.«

Die Frau brach in fassungsloses Schluchzen aus.

»Liebe Freundin, Sie sind selbst über die Maßen erregt. Geben Sie uns Helge. Sie ist bei uns in guter Hut, das wissen Sie. In acht Tagen kehren wir von Heidelberg heim und holen sie bei Ihnen ab. Ein Jahr der Trennung – was will das besagen? Die Tragödie hier muß ja doch bald ihr Ende erreichen.« Der Mann nahm die Hand der weinenden Frau. »Luise – ich war vorhin bei dem Kranken, habe ihn beobachtet – mir schien der Verfall der Kräfte sehr weit vorgeschritten. Mut, liebe Freundin! Sie haben noch ein langes Leben mit Helge vor sich. Nur müssen wir das liebe Ding daran hindern, sich in seiner Phantasie ein tragisches Schicksal zu konstruieren.«

Er rief seine Frau. Man besprach den Plan in den Einzelheiten. Helge kam dazu. Marie teilte ihr mit, was über ihre nächste Zukunft beschlossen war.

Ein Zug eigentümlicher Entschlossenheit, fast des Trotzes, zeigte sich in ihrem Gesicht.

»Ich bleibe hier«, erklärte sie bestimmt. »Ich verlasse meine Eltern jetzt nicht.«

Ratgen lächelte und klopfte ihr auf die Schulter.

»Liebes Kind, Ihr Zögern ist sehr verständlich. Aber ich denke, Sie werden sich der größeren Einsicht Ihrer Mutter fügen.«

Helge schüttelte wortlos den Kopf. Man drang nicht weiter in sie, doch galt es für ausgemacht, daß die Freunde sie nach einer Woche in Empfang nehmen würden.

Frau Dorrit traf die nötigen Vorbereitungen, trotzdem ihre Tochter mit einer inbrünstigen Leidenschaft flehte, sie nicht von sich zu geben.

»Siehst du, Mama,« rief sie schluchzend, »ich weiß, daß Vater mich vermissen wird. Es ist mir ein grauenhafter Gedanke, ihn allein mit diesem Schulz zu wissen.«

»Kind – ich bleibe doch hier.«

»Du – ja –« sagte das Mädchen zögernd. »Du ... Ach, Mutterchen, sei mir nur nicht böse ... Aber ich sehe es doch, daß es dir eine Überwindung ist, bei Vater zu sein.«

»Kind, es kostet dir auch Überwindung.«

Helge starrte trübe vor sich nieder. »Anfangs ja. Nur meine ich immer – wenn ich recht gut zu Vater bin, hat der liebe Gott vielleicht Erbarmen mit mir.«

»Helge – hängst du so krankhaft überspannten Gedanken nach, so ist es sehr notwendig, daß du in eine andere Umgebung kommst.«

»Meinst du, Mama?« fragte das Mädchen demütig. Der Ton, in dem sie das sagte, schnitt der Mutter tiefer ins Herz als das aufgeregte Weinen vorher.

Frau Dorrit hörte sie des Nachts oft seufzen, wußte, daß sie nicht schlief, und sehnte den Tag ihrer Abreise herbei.

Anfangs war es ihr schwer genug geworden, dem Plane zuzustimmen.

Sie erwiderte Frau Ratgens verhaltene Antipathie von ganzem Herzen. Und sie mußte Helge heimlich Recht geben, als diese einmal sagte:

»Du kannst es mir glauben, Mama, Frau Ratgen sieht es sehr ungern, wenn ich zu ihr komme. Ich weiß, sie wird häßlich zu mir sein. Ich fühle es. Ich habe es in ihren Augen gelesen. Mutter, Mutter, hast du mich denn gar nicht mehr lieb, daß du mich jetzt allein lassen willst?«

Sie rang die Hände und warf sich neben ihrer Mutter auf den Boden, den Kopf in ihren Schoß drückend und sie mit beiden Armen umklammernd.

Frau Dorrit redete ihr tröstend zu. Fast wäre sie in ihrem Vorsatz wankend geworden. War sie nicht am Ende die beste Stütze für das arme Kind in dieser Zeit, in der ihre Seele in den Wassern der Trübsal rang?

Als am Tage darauf ein Telegramm von Ratgen eintraf, in dem er bat, alles bereit zu halten, da er Helge am nächsten Morgen abholen wolle, ließ Frau Dorrit doch die Koffer holen und begann ihrer Tochter Sachen zu packen.

Helge sah ihr mit erblaßtem Gesicht schweigend zu.

»Mama – du schickst mich wirklich fort?« fragte sie endlich leise.

»Ja, Kind,« antwortete Frau Dorrit ein wenig hart und streng, denn sie wollte sich nicht von der Weichheit überwältigen lassen, »deine maßlose, krankhafte Erregung zeigt mir, wie notwendig diese Entfernung für dich ist.«

Helge ging schnell aus dem Zimmer, und Frau Dorrit fuhr in ihrer Beschäftigung fort. Später begab sie sich zu dem Kranken, bei dem sie Helge zu finden glaubte. Es war ein schöner, warmer Sommerabend, die Welt erglänzte in einem goldenen Lichte, welches die scheidende Sonne über den blauen Himmel mit seinen leichtgeballten, schneeweißen Wolkenbergen strömte.

Frau Dorrit begegnete Schulz, der das Zimmer des Kranken für die Nacht in Ordnung brachte und ihr sagte, er habe den Herrn vor einer Stunde im Grasgarten auf seinem Korbstuhl sitzend verlassen. Fräulein Helge sei nicht dort. Er habe ab und zu hinübergeschaut, Herr Dorrit scheine zu schlafen. Das war jetzt oft der Fall; der Kranke schlummerte stundenlang. Frau Dorrit nahm eine Decke, sie ihm über die Knie zu legen, und ging hinaus.

Er saß unter einem Apfelbaum, dessen Äste sich, schwer von reifenden Früchten, niederbogen, und die Sonne spielte in funkelnden Lichtern durch die Zweige. Ein Summen von Bienen und Hummeln war in der Luft, ein Schrillen der Grillen im hohen Grase. Frau Dorrit trat näher. Der Kopf des Mannes war zur Seite gesunken und hing hilflos nieder. Sie griff zu, ihm das Kissen unter den Nacken zu schieben, und stand zitternd, die Hände fielen ihr nieder ...

Sie sah in ein Antlitz mit halb geschlossenen, gebrochenen Augen, in das Antlitz eines Toten.

Ihr Atem kam und ging.

Erlösung – Erlösung ...

Sie hob die gefalteten Hände und lehnte die Stirn dagegen.

Gott war doch barmherzig!

Mit einer zarten, scheuen Bewegung hob sie den Kopf des Mannes empor und bettete ihn gegen das Kissen. Es war ihr fast unerträglich, einen Fremden herbeizurufen – ein solcher Friede strömte von dem Anblicke dieses Toten unter dem fruchttragenden Baume in ihre Seele. Tränen flössen aus ihren Augen, eine heilige Dankbarkeit erfüllte sie gegen das Geschick, welches sie davor bewahrt hatte, sich mit frevelndem Wagen selbst zu befreien.

Endlich ging sie und rief den Pfleger. Man mußte Hilfe holen, den schweren Körper ins Haus zu tragen. Es wurde auch zum Arzt geschickt. Als alles geschehen war und der Tote gebettet, suchte Frau Doritt ihre Tochter. Sie war zufrieden, daß Helge den Vater erst jetzt sehen würde, nun er so friedlich auf seinem Lager ruhte. Helge war nicht in ihrem Zimmer, war nirgends im Hause zu finden. Es befremdete Frau Dorrit einen Augenblick, daß das Mädchen ausgegangen war, ohne es ihr zu sagen. Sie wollte wohl noch eine Kleinigkeit zu der Reise kaufen. Und da fiel ihr ein, daß die Trennung jetzt unnötig geworden sei. Sie atmete tief auf, und es war ihr, als brauche sie nun um Helge nicht und niemals mehr so bange zu sorgen.

Durch den Arzt wurde Frau Dorrit aufs neue in Anspruch genommen. Es war dunkel, als sie ihn hinausgeleitete, und sie blieb vor der Tür stehen, Helge zu erwarten. Da sah sie, wie der Arzt mit einer Frau der Nachbarschaft, die ihn angesprochen hatte, zurückkehrte und wieder auf sie zukam. Und plötzlich schüttelte sie ein kaltes, fürchterliches Grauen.

Die Frau berichtete ihr, sie habe Helge oben im Walde getroffen, weinend und vor sich hinsprechend.

»Es wäre wohl gut, das junge Mädchen zu suchen«, sagte der Arzt.

»Sie kennt Weg und Steg – es kann ihr nichts geschehen«, murmelte die Mutter. »Aber es wird trotzdem besser sein, ich gehe hinauf.«

»Ich werde Sie begleiten«, sagte der Arzt.

Am nächsten Morgen, als die Sonne glorreich über der taufunkelnden, grünen Sommerwelt stand, brachte ein Trupp Männer die Leiche der jungen Helge in ihrer Mutter Haus. Im Waldweiher, droben in den Bergen, hatte man sie gefunden. Sie mußte im Dunkel den Weg verloren haben und in den Teich gestürzt sein, mutmaßten die Leute des Städtchens.

Frau Dorrit wußte es besser. Sie hatte noch in der Nacht den Befehl gegeben, das Wasser zu durchsuchen.

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