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Frauenseelen

Gabriele Reuter: Frauenseelen - Kapitel 11
Quellenangabe
typenovelette
authorGabriele Reuter
titleFrauenseelen
publisherS. Fischer, Verlag, Berlin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130913
projectid152347c4
wgs9110
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Das Opernglas

Ruhig lag das Meer, blaß und silbergrau. Ein leichter Morgendunst schwebte über dem Wasser. Schon blaute der Himmel, und die siegende Sonne wandelte die Milchfarbe des Nebels zu matt schimmerndem Opal. Lange, weiße Schaumstreifen zerrannen am Ufer. Die Luft war weich und still. Man hörte das murmelnde Anschlagen der Wellen am Quai.

Noch war die Promenade ziemlich menschenleer. Eine alte Hökerin richtete ihren Stand. In ihrer Nähe bewegte sich ein Weib mit schwarzem Stirngelock und bronzegelber Haut – wie ihrer manch eine die Laune eines Schicksals von südlichen Ufern nach den nordischen Hafenstädten verschleudert. Gleichgültig sah sie der Händlerin zu, wie diese ihre Apfelsinen und ihr Johannisbrot aus den Körben packte. Ein Kohlenwagen rasselte vorüber, und ihm folgte ein Trupp Arbeiter. Auch Mädchen, die sich gähnend und ein wenig frostig zusammenschauernd in ihre Geschäfte begaben, trippelten den Weg entlang. Dann kam eine Dame mit einem Kinde an der Hand.

Links breitete sich der Hafen. Dort tauchten Maste und Schlote gespenstisch aus den Dünsten auf. Die junge Frau, die mit ihrem Töchterchen auf dem Quai wandelte, beobachtete, wie die Umrisse immer deutlicher wurden, wie man jetzt die weißen und roten Streifen um die kurzen, schwarzen Dampferschornsteine unterscheiden konnte und jetzt das Gespinst der Taue an den Rahen der Segelschiffe.

Ein großer Schoner löste sich aus der Masse der anderen Fahrzeuge und fuhr hinaus, langsam und vorsichtig seinen Weg in den schmalen Wasserstraßen des Hafens nehmend, bis er freie Bahn gewann. Und nun zog er wie eine aus Silber gewobene Erscheinung stolz und ruhig ins Weite.

»Da – da – fährt der Onkel Fritz?« rief das Kind und zeigte fröhlich mit dem Fingerchen auf die hohen Masten, an denen die Segel sich blähten und in der blauen Helle schneeig glänzten.

»Willst du still sein«, flüsterte die junge Frau errötend und blickte um sich, ob niemand den Ausruf der Kleinen gehört habe. Sie nahm das Opernglas aus seinem Futteral, das ihr am Riemen um die Schultern hing. Ihre Finger zitterten. Sie hielt das Glas an die Augen und blickte hindurch. Noch konnten sie nichts erkennen. Sie richtete an den Schrauben.

Auf dem Verdeck des Schoners bewegten sich einzelne Leute der Mannschaft. Andere lehnten an der Brüstung und blickten nach dem Lande zurück. Das Kind sprang ungeduldig um seine Mutter her. »Ich kann niemand sehen«, rief es. »Gar niemand. O wie schade! Es ist schon so weit fort, das böse Schiff.«

»Ich sehe ihn«, flüsterte die junge Frau. »Ich habe ihn gefunden! Er steht am Steuerbord, wie er uns gesagt hat. Neben ihm dreht ein Matrose das Rad. Er hält ein Fernrohr in der Hand – er sucht uns, Käthi!«

Hastig zog sie ihr weißes Batisttüchlein und wehte hinaus zur Ferne. Er hielt ja seinen Krimstecher in der Hand – gewiß, er konnte sie noch entdecken, wie sie dort stand am äußersten Rande des Quais, schlank und fein im silbergrauen Mantel mit dem kleinen Hütchen – mädchenhaft und fraulich zugleich mit ihrem kleinen Mädchen, das mit seinen Händchen Abschiedsgrüße winkte.

Und wieder hielt sie das Glas vor die Augen – das kostbare, liebe Glas, das ihr gestattete, ihn noch einmal zu sehen – scharf und deutlich: seine kräftige Gestalt, die doch so hübsch und elegant war – so elegant, als ginge er zu einer Gesandtschaft, statt als erster Steuermann auf ein Segelschiff, hatte sie gedacht, als er Abschied nahm –. Sein frisches, braunes Gesicht mit den schelmischen Augen – o hätte er nur einen Moment das Fernrohr fortgetan – so konnte sie seine Augen ja nicht sehen ... Aber ihr treuer Blick war immer in ihrer Seele.

Er hatte ihr Kind so gern – er hatte so reizend mit ihm zu spielen verstanden – er war so gut zu ihm gewesen. Das hatte ihr zuerst Vertrauen gegeben. Er war nicht wie die anderen, die sich bestrebten, mit Schmeicheleien und zudringlichen Huldigungen um die junge Witwe zu werben. Er war ihr ein Freund gewesen und für die Kleine wie ein Vater. Alle Nachmittag um die Teestunde war er in ihrem stillen, kleinen Salon erschienen, mit ihr und Käthi zu plaudern. Seine warme Herzlichkeit, mit der er ihr klagte, wie sie ihn lehre, in Zukunft wieder heimwehkrank zu werden ...

– – Noch einmal lieben – noch einmal hoffen dürfen ... Es ist doch süß, wenn man noch so jung ist. Noch einmal beginnen, zu leben ...

Wie sein letzter Blick von dem Munde des Kindes zu ihren Lippen flog – wie sein letzter Handkuß brannte ...

Tränen verdunkelten die Gläser. Sie konnte nichts mehr sehen.

»Und wenn ich wieder komme – übers Jahr ...?«

– – Das Weib mit dem wilden Stirngelock und der bronzegelben Haut, das bei der Hökerin gestanden, näherte sich langsam der jungen Frau. Sie hatte ebenfalls hinausgestarrt mit ihren schwarzen Augen auf das Meer. Und nun starrte sie auf das Opernglas. Und wieder auf das Meer und wieder auf das Glas mit einem gierigen Verlangen.

»Madame?« fragte sie mit einer Stimme, die sich zur Bescheidenheit zwang, »Madame – wenn Sie es gütigst gestatten wollten ...« ein lautes Schluchzen brach aus ihrer Kehle, »wenn ich doch einmal durch das Glas schauen dürfte?«

»O ja, gern«, sagte die junge Frau, verwundert und befangen die andere betrachtend – den dürftigen, bunten Schal über den üppigen Formen, das schwarze Spitzenfetzchen über dem schwarzen Gelock. Wie ihre Lippen bebten und die Tränen aufsogen, und sich plötzlich zu einem wollüstig-seligen Lachen öffneten.

Da hatte sie ihn gefunden – der bei ihr gesessen. Abend für Abend, in der Kellerwirtschaft, wo die Matrosen rauchten, spielten und ärmliche Kost bekamen – er, der doch ein Herr war, wie man gleich sehen konnte – den sie bewunderte, weil er sich nie betrank – über den sie staunte, weil er keinen Lärm und keine Raufereien begann und nicht hinausgeworfen werden mußte, wie ihre anderen Gäste. Der ihr rechnen und einrichten und wirtschaften half mit der Klugheit eines Mannes und der Treuherzigkeit eines Kindes, den sie anbetete wie eine Mutter und eine Geliebte zugleich, mit der hündischen Ergebenheit einer Magd, für den sie ihre Sparpfennige opferte, um das junge Leckermaul an sich zu fesseln durch dicke Aalsuppe und guten Wein. Und der trotz seines feinen Rockes so wild und heftig lieben konnte.

Ach – wenn sie hier, wohin er sie bestellt zum letzten Abschiedsgruß, hätte stehen müssen und so blind und ergeben nach dem fernen Schiffe starren ... Mit einer leidenschaftlichen Bewegung drückte sie das Opernglas an die Brust und küßte es.

Wehmütig lächelnd sagte die Dame an ihrer Seite: »Geben wir das Glas auch dem Mädchen dort drüben, ihr fährt wohl auch etwas Liebes davon.«

Atemlos, glutrot war sie angelaufen gekommen, den schweren Marktkorb schleppend, und die Blicke ihrer blauen Augen irrten verzweifelt über das Wasser nach dem ferne und ferner segelnden Fahrzeug, und sie hielt die Hand als Schirm über die Brauen und preßte dann trostlos die beiden kleinen, roten Fäuste vor das Gesicht und weinte.

»Wollten Sie auch gern Ihren Schatz noch einmal sehen?« rief die junge Frau ihr zu. »Warten Sie, ich will das Glas für Sie richten.« Aber sie wollte nur selbst noch einen Blick hindurch tun. Das blonde Dienstmädchen mit dem weißen Häubchen über dem glattgestrichenen Scheitel knixte verlegen stumm. Aber dann schrie sie laut auf in kindlicher Freude.

Dort lehnte er am Steuerbord – gleich als sähe sie ihn dicht vor sich, wie er Morgen für Morgen an der Straßenecke auf sie gewartet hatte ... Dessen frohe Munterkeit sie betörte, der nicht grob forderte wie die anderen, sondern zart und gütig mit ihr umging, wie ein Bruder, bis sie ihm willenlos die junge Blüte ihres Leibes zum Opfer brachte ... Oh, die heiße glückliche Nacht, in der heißen kleinen Dachkammer ... Oh, der liebe, gute Mann ... In einem Jahr, wenn er wiederkommen würde, sollte sie sein Weibchen heißen. Gläubig lächelte sie der Ferne entgegen, den Hoffnungen zu, die dort hinausfuhren, weiter – immer weiter ...

Das Opernglas wanderte zwischen den Frauen hin und wieder. Und der Mann am Steuerbord des Schoners blickte nach dem Strande und auf die drei Gestalten, die dort so einträchtig beieinander standen. Wie gehorsam sie seiner Bitte gefolgt waren ... Und er lächelte. Seine treuherzigen, braunen Augen feuchtete die Rührung. Mit den Fingern wischte er eine Träne fort. Er hatte sie doch alle drei sehr gern gehabt – jede in ihrer Art. Und dann wandte er sich um und ging seiner Arbeit nach.

Ein ferner, weißer Schemen, ein zartes Traumgebilde verschwand das Schiff am Horizont. Die Frauen tauschten einen Gruß, und wenn sie sich wieder begegneten, kannten sie einander nicht mehr.

Das Opernglas hatte nichts verraten.

 

Ende

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