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Frauenseelen

Gabriele Reuter: Frauenseelen - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
authorGabriele Reuter
titleFrauenseelen
publisherS. Fischer, Verlag, Berlin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130913
projectid152347c4
wgs9110
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Die Barmherzigen

Bei einem Five o'clock wurde er ihr vorgestellt, zog sich einen Stuhl an ihre Seite und blickte sie, während er eine Unterhaltung begann, erstaunt und entzückt an. Er war Österreicher und daher kannte er diesen Typus noch nicht ... Oder war sie vielleicht gar kein Typus?

Er wurde so witzig, so lustig, wie er nur werden konnte, und sie fand ihn höchst amüsant.

Zuweilen hob sie ernsthaft ihre Augen zu ihm auf – einen Blick von solcher Ruhe und Klarheit hatte er an einem hübschen und nicht mehr blutjungen Weibe noch niemals gesehen, auch nicht für möglich gehalten.

Sagte er eine leichte Zweideutigkeit, ohne die eine geistreiche Unterhaltung doch nicht gut zu führen war, so errötete sie nicht etwa – sie ignorierte einfach, als verstehe sie nicht. Das war ja bezaubernd.

Als alles um sie her aufbrach, waren die zwei noch festgebannt an ihren Stühlen, vertieft in das Gespräch, welches allmählich auf ein sehr ernsthaftes Gebiet übergeglitten war.

Mit demselben freundlich-milden Ausdruck, den Eveline direkt aus irgendeinem fliederumbuschten, norddeutschen Pfarrhause geholt zu haben schien, sprach sie die gewagtesten Ansichten aus – Ansichten, wie man sie selbst in diesem, doch recht avancierten Kreise selten zu hören bekam.

Und ein so sanftes, schüchternes Stimmchen ...

Dann sprang er auf, mit den leichten Bewegungen seiner schlanken Jugend, küßte ihr die Hand und legte ihr zugleich in einem einzigen Blick sein ganzes Herz zu Füßen.

Sie lächelte. Sie hatte ironisch lächeln wollen, aber es war plötzlich ein so schmerzlicher Ernst in dem blassen, kecken Männergesicht. Da tat er ihr leid. Und sie lächelte freundlich, milde.

 

Was hieß denn das? Eine gespannte, aufregende Erwartung beschäftigte Heinz.

Könnte es sein, daß er hier die Frau gefunden, deren Existenz er für ganz unwahrscheinlich, mit dem heutigen Gesellschaftsleben gar nicht vereinbar gehalten hatte und nach der seine Seele sich doch fortwährend sehnte?

O – o – es würde ja für ihn Gesundung, Rettung, heiligen Frieden bedeuten!

*

Wenn er sie liebte, würde er sie auch verderben. Das war ausgemacht. Das forderte schon seine Mannesehre als unglücklicher Dekadent. Er würde sich ja schämen müssen, wenn seine Gewissenlosigkeit nicht einmal so weit reichen würde, nicht so viel Kraft besäße, sie aus ihrer Ruhe aufzuscheuchen, mit voller Überlegung und Überlegenheit die klare Harmonie ihres Wesens, die ihn so sehr bezauberte, nach und nach zu zerstören und sie dann verzweifelt zu betrauern.

Welche raffinierten Genüsse warteten seiner da ...

Ob sie zwanzig oder dreißig Jahre alt sein mochte? Heinz hätte kein bestimmtes Urteil über diesen Punkt abzugeben gewagt.

Übrigens Unschuld –? Unschuld geht mit starker Klugheit selten Hand in Hand ...

Das wäre ja ein Phänomen der interessantesten Art.

Sich unter dem Scheine der Freundschaft, der Liebe meinetwegen, in eine Seele einschleichen, sie listig aushorchen, vorsichtig an ihr Geheimstes tasten, es erbarmungslos gegen das Licht der Kritik halten und wägen und schätzen, wie ein Sammler seltene Kostbarkeiten abschätzt: alte Spitzen oder Medaillen oder venetianisches Glas – gab es eine feinere, geistigere Wollust? Und ging sie nicht über jedes banale Vergnügen? Nur lauerte auch hier im letzten Grunde die Enttäuschung. War es gelungen, hatte er durch einen geschickten Taschenspielerkunstgriff seines Geistes den Schleier fortgezogen, in den ein guter Freund, eine Freundin sich jahrelang kleidsam zu hüllen wußte – sah er arme, dürftige, kranke Nacktheit, so konnte er freilich mit schadenfrohem Triumph rufen: Ich habe es ja immer geahnt: auch diese Kraft ist nur geheuchelt, auch diese Schönheit ist nicht schön, auch diese Güte ist nicht gut. Aber aus der Schadenfreude entstand dann ein galliger, schmerzlicher Überdruß, der ihn fortwährend quälte.

 

Sie trafen sich wieder am Teetisch der Frau von Necker, welche die Leidenschaft hatte, absonderliche Leute einzuladen – solche, die es verstanden, absonderlich und comme il faut zugleich zu sein.

Nein – comme il faut war doch nicht die richtige Bezeichnung für Eveline. Nichts in ihrer Toilette war von dieser Saison, sagte sich Heinz mit einem schnellen Blick über ihre zarte, blonde Erscheinung, die Erscheinung eines frommen Kindes. Gott sei Dank, auch kein aufdringliches Künstlertum im Anzug. Es schien, als wolle sie ihm entgegenkommen. Aber sie fand eine andere Dame auf ihrem Wege und sprach mit dieser. Danach wartete sie, bis Heinz sie anredete. Er tat es nur höflich und konventionell.

Indessen ließ es ihm doch nicht lange Ruhe, und er begann mit einigen lustigen Paradoxen. Sie sagte ihm gleich, das sei jetzt so ein moderner Trick der jungen Leute. Ein bißchen ironisch blickte sie auf die weiße Nelke in seinem Knopfloch.

Er meinte, paradoxe Anschauungen und ein guter Salonanzug vertrügen sich schon.

»Besonders wenn die Ansichten auch nur amüsante Salonspielereien sind«, antwortete sie.

Er stutzte. Hatte sie ihn bereits durchschaut und herausgefunden, daß er nun und nimmer eine seiner kühnen Theorien in seinem Leben verwirklichen würde?

Und sie –? Würde sie es?

»Warum leben Sie eigentlich in Deutschland?« fragte er. »Sie werden doch bei uns nur von sehr wenigen verstanden. Ihre Ansichten gehen doch z. B. weit über den Rahmen der bürgerlichen Frauenbewegung hinaus.«

Statt zu antworten, griff sie nach einem Teller und wählte sich ein Brötchen.

Es war fast, als zöge sie sich ein wenig in sich selbst zurück. Er verstand. Sie wollte sich von den Genossinnen im Kampf nicht scheiden, auch nicht durch ein hingeworfenes Wort. Also loyal ... Oder nur vorsichtig?

Nein, nein, damit tat er ihr Unrecht. Alles an ihr war ruhig und klar. Keine Kämpferin mehr. Eine heitere Siegerin.

Er mußte ihre Kraft doch prüfen und begann ihr im Laufe des Nachmittags heftig und feurig den Hof zu machen. Nur um zu sehen, wie es auf sie wirken würde. Und er sah gar keine Wirkung. Sie blieb sich vollkommen gleich. Das hatte er noch bei keiner Frau beobachtet.

Später, nachdem man Tee getrunken, wurde etwas vorgelesen. Die Lampen waren mit dünner, bunter Seide verschleiert, nur auf das Gesicht, das Buch und die Hände des vortragenden Herrn fiel ein greller Lichtschein. Die Anwesenden verteilten sich zwanglos in dem großen, mit Palmen, Fauteuils, Divans und kleinen Tischen regellos angefüllten Zimmer. Heinz kam neben Eveline zu sitzen, ein wenig abseits von den anderen ... Er hatte mit Herzklopfen gewartet, ob er diesen Wunsch erfüllt sehen werde.

Eveline hatte die Hände im Schoß gefaltet. Einmal lehnte sie den Kopf zurück und betrachtete den jungen Mann. Dann blickte sie vor sich nieder.

... »Sie haben so etwas – so etwas wie eine Alpenwiese«, stotterte er.

Als der Lesende geendet hatte und man wieder durcheinander sprach, rief er leise und begeistert: »Auf der Zugspitz' möcht' ich mit Ihnen stehen – ganz oben, wo es keine Menschen mehr gibt.«

»Ach, ich bin eine schlechte Bergsteigerin«, antwortete sie gelassen. »Ich komme nicht über die Mittelgipfel hinaus.«

»Ich helfe Ihnen! Nicht wahr, wenn der Frühling kommt, steigen wir miteinander auf die Zugspitz'?«

Sie lächelte: mitleidig, gütig, wie man einem Kinde tröstend zulächelt, wenn man seinen begehrenden Wunsch nicht erfüllen kann. Und durch dieses stille Lächeln war sie ihm plötzlich entrückt in ein fernes, einsames, ihm unbekanntes Leben.

Eine trostlose Sehnsucht nach der schönen Friedensgegend, wo sie daheim war, überwältigte ihn.

Er schwieg und verließ sie.

 

Eveline stand an der Tür und plauderte mit der Wirtin, weil sie sich nicht entschließen konnte zu gehen. Sie wollte sich entfernen, ohne Heinz Adieu zu sagen, damit es nicht scheinen sollte, als wolle sie von ihm heimbegleitet werden.

Liebte er sie?

Wie reizend konnte das werden ... In dieser fremden Stadt gleich einem Erlebnis zu begegnen, das lockt und anzieht – wohin?

Liebte sie ihn?

Unterdessen hatte sie Abschied genommen und befand sich nun auf dem Flur.

Heinz folgte ihr.

Sie war befriedigt und doch ein wenig gespannt. Er konnte ihr noch vor dem Hause Lebewohl sagen ...

Heinz erzählte ihr, daß er heute Abend in eine Gesellschaft gehen müsse, daß es bereits halb neun Uhr sei und man mit dem Essen auf ihn warten werde. Nach einer Weile bemerkte sie: »Da gehen Sie ja doch mit mir?«

Und nun lachte sie schelmisch.

»– Ich habe es ja immer gewußt, daß es so kommen würde«, murmelte Heinz ernsthaft.

Sie fühlte einen feinen, wollüstigen Schmerz am Herzen ... Er ging mit ihr, trotzdem er nicht wollte –

Wie weit würde er mit ihr gehen? Und was würde dann geschehen, wenn sie ihm die Tür zu ihrem Leben öffnete? Wenn er all den verborgenen Plunder trauriger Erinnerungen sehen würde, den die Zeit in ihrer Seele angehäuft hatte? Wenn er entdeckte, daß die glückliche Harmonie ihres Wesens, der stimmungsvolle Friede, der sie umgab, ein geschmackvoller, liebenswürdiger Betrug der Natur war? Es mußte sich ihm ja so bald enthüllen, daß sie ebenso seelenkrank war, wie er selbst. Er tat ihr leid.

Er war noch so jung ...

– »Wie Sie einen anschauen! In einen geschnitzten Heiligenschrein möchte man Sie stellen und hinknien und anbeten!« stammelte er leidenschaftlich.

Sie hob die Augen nicht wieder zu ihm auf. Ihr Antlitz blieb unbewegt. Die gesenkten Wimpern warfen einen Schatten auf ihre Wange.

Schweigend gingen sie nebeneinander über den weißen Schnee, in dem kalten, blauen Mondlicht.

Vor ihrer Haustür blieb sie stehen.

»Nicht Madonna, nicht Anbetung, nur gute, ehrliche Freundin«, sagte sie unbefangen, heiter und reichte ihm ihre Hand. Er küßte ihr die Finger.

»Darf ich Sie aufsuchen?«

»Gewiß dürfen Sie!«

Eveline stieg ihre Treppen empor.

Mit einem wehen Lächeln an den Mundwinkeln dachte sie: Nun wird er nicht kommen ...

Und er kam nicht. Er wollte sie schonen. Vielleicht wollte er auch nur sein eigenes Ideal von ihr schonen.

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