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Frauenrecht

Bertha Pappenheim: Frauenrecht - Kapitel 2
Quellenangabe
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typedrama
authorBertha Pappenheim
booktitleLiterarische und publizistische Texte
titleFrauenrecht
publisherTuria + Kant Wien
editorLena Kugler und Albrecht Koschork
year2002
isbn3851323203
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100527
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Erster Aufzug.

Eine Dachkammer. Rechts ein großes Bett und ein Kinderbett. Gegenüber ein kleiner Kochherd und eine Kommode. In der Mitte ein kleiner Tisch mit einer Petroleumlampe. Susanne Helfrich arbeitet an der Nähmaschine ohne die Arbeit zu unterbrechen, während sie mit dem Kinde spricht. Martha sitzt auf einem Schemel neben der Maschine und spielt mit einer Puppe.

Martha. Mutter, ich habe Hunger.

Susanne. Du mußt noch ein bischen warten, denn wenn Du jetzt schon die Kartoffeln aus dem Topfe holst, dann bist Du vor dem Schlafengehen wieder hungrig, und dann giebt's nichts mehr.

Martha (nach der Kommode gehend, auf der ein Brödchen liegt). Aber da liegt ja ein Brödchen!

Susanne. Weißt Du nicht, für wann das bestimmt ist?

Martha. O ja, für morgen früh.

Susanne. Und wenn Du es heute ißt, was muß die Mutter morgen thun?

Martha. Ein anderes kaufen.

Susanne. Wenn sie so viel Geld hat. Du kannst doch zählen. Zähle einmal die Pfennige, die dort in der Tasse liegen.

Martha. (nimmt Scheidemünzen aus einer Tasse, die auf der Kommode steht). Ein Stück mit zehn und eins mit fünf d'rauf und fünf braune Pfennige.

Susanne. Das sind zusammen zwanzig Pfennge. Weißt Du, für was die gehören?

Martha. Zwanzig Pfennige Schulgeld für den Kindergarten.

Susanne.

Weißt du auch, was ein Brödchen kostet?

Martha.

Drei Pfennige.

Susanne.

Ja, die frischen, aber wir kaufen doch nur trockene Brödchen, was kosten die?

Martha.

Zwei Pfennige.

Susanne.

Weil also zehn Brödchen soviel kosten, wie Dein Schulgeld, darffst Du nicht jeden Abend ein Brödchen essen, sonst könntest Du nicht jeden Tag in den Kindergarten gehen. Du mußt aber in den Kindergarten gehen; Du darffst Dich nicht auf der Straße herumtreiben und ungezogen werden und häßliche Worte lernen und im Schmutz spielen. Verstehst Du das?

Martha.

Ja, ich hätte aber doch gerne das Brödchen.

Susanne.

Sing' indessen was, bis die Mädchen kommen, Martha!

Martha.

Sing mit mir, Mutter.

Susanne.

Ich kann nicht mehr singen, Kind. Ich habe Schmerzen im Hals und Stiche in der Brust. Ich will Dir lieber zuhören.

Martha (singt).

Kommt ein Vogel geflogen,
Setzt sich nieder auf mein Fuß,
Bringt ein Brieferl im Schnaberl
Und vom Vater einen Gruß! –
Wann kommt der Vater?

Susanne (die Arbeit lassend).

Das weiß ich nicht. – Ich höre Jemand kommen, mach die Thüre auf, daß es auf der Treppe nicht so finster ist.

(Martha macht die Thüre auf und kehrt zu ihrer Puppe zurück).

Katharina

(mit einigen Frauen und Mädchen).

Heut' hätt' ich beim Abliefern alles krumm und klein schlagen können.

Apollonia und die Frauen.

Guten Abend.

Susanne.

Guten Abend miteinander.

Anna und Elisabeth

(eleganter gekleidet als die andern, etwas geziert). Guten Abend.

Susanne.

Wir sind doch noch nicht alle beisammen?

Katharina.

Nein. Die Lisa und die Maiburger haben auch gesagt, daß sie kommen und noch ein paar andere mitbringen. Wahrscheinlich hält sie ihr lieber Werkmeister noch fest. Hast Du Nachrichten aus Berlin?

Susanne.

Keine direkten Nachrichten und auch keine bestimmte Zusage vom Berliner Komitee, aber eine Zeitung, sag ich Dir, eine Zeitung. (Holt unter ihrem Kopfkissen ein Blatt hervor.) Es steht viel auf dem Spiel. Bist Du der Genossinnen aus Deiner Fabrik sicher?

Katharina.

Seitdem sie wissen, was mir heute passiert ist, stehen die meisten zu mir. Anna, Elisabeth! Ihr zwei Modeaffen thätet auch gescheidter zuzuhören, als Euch beständig in dem Spiegel zu begucken.

Anna.

Was geht's Dich an, wohin mir gucken!

Elisabeth.

Wir sind mit dem Spiegelgucken weiter gekommen, als Du mit Deiner Stubenbesenfrisur. Wenn Dich ein Mannsbild nur zufällig sieht, schaut er schnell wieder weg. Unsereins hat doch noch einen Anhalt, wenn einem die Konkurrenz das Brod vor'm Mund wegnimmt.

Katharina.

Den Anhalt und wie lang der dauert, kennen wir schon.

Susanne.

Ja, leider. Deshalb müssen wir zusammenstehen und zusammenhalten und uns nicht bewuchern lassen in unserer Arbeit und in unserer Ehre.

Anna.

Na, beruhigt Euch nur. Wir sind da und wollen mitthun. Unzufrieden sind wir ja auch und Ausstand und Strike, das kann unter Umständen sogar ganz lustig werden.

Elisabeth.

Wenn es so eine Art verlängerte Sonntagsruhe mit Unterstützung vom Komitee wird.

Susanne.

Elisabeth, was fällt Dir ein! Deshalb wollen wir nicht zusammenkommen, um dem Leichtsinn und der Faulheit das Wort zu reden.

Anna.

Schon recht. Wo Du die feinen Wörter und die schönen Redensarten her hast, das wissen wir. Du bist die letzte, die von Leichtsinn reden darf, warst selber nicht besser.

Elisabeth.

Aber wenn man jahrelang so einen feinen, gebildeten Umgang mit einem Herr Doktor hat, und Bücher liest und ins Theater geht, da bleibt immer was hängen, das nach dem Herrn Pfarrer riecht.

Susanne.

(drängt ihr Kind zur Thüre hinaus, indem sie ihm einen Milchtopf in die Hände giebt).

Martha, geh mal rasch und hol die Milch für morgen früh. Frau Diehl wird sie auch einmal aufschreiben.

Anna.

Das ist aber noch kein Grund, daß sich unsereins Leichtsinn und Faulheit vorwerfen zu lassen braucht.

Katharina.

Jetzt wird's mir aber zu bunt. Wegen verlängerter Sonntagsruh und Unterstützung vom Komitee sind wir nicht da. Wenn Ihr zwei Schneegäns nur herkommt um Abwechslung in Euere sauberen Vergnügungen zu bringen, dann geht von mir aus dahin, wo der Pfeffer wächst. Damit wäre unserer Sache besser gedient, als wenn Ihr hier herumsteht, Maulaffen feil haltet und Euere schöne Physionomie im Spiegel beguckt. Und was nun die Susanne da betrifft, die zu all Eurem Gerede nur schweigt, so wißt, daß die meine Freundin ist, und daß ich deshalb nicht schweigen kann. Ihr seid nicht wert, ihren Namen in den Mund zu nehmen. Susanne ist nicht schuld an ihrem Unglück, aber Ihr – Ihr seid Gassendirnen!

Anna.

Ich finde, es fängt an, in diesem Lokal ungemütlich zu werden.

Elisabeth.

Du hast Recht. Wir wollen gehen, aber Ihr sollt noch von uns hören. Adieu, »Genossinnen«.

(Katharina öffnet den beiden mit bezeichnender Gebärde die Thüre. Im Fortgehen treffen sie auf Lisa Schuck und die Maiberger, die mit noch mehreren Arbeiterinnen kommen).

Die Kommenden.

Guten Abend, guten Abend!

Katharina.

Warum seid Ihr so spät?

Lisa.

Der Maiberger ist's wieder schlecht geworden.

(Kätchen Maiberger sinkt auf den Rand von Susannes Bett nieder. Susanne macht ihr am Herd eine Tasse Kaffee zurecht, die Kätchen müde und gierig trinkt.)

Lisa.

Denkt Euch die Gemeinheit! Der Werkmeister, selbst ein fauler Kerl, schließt uns oft stundenweise ein. Er sagt, damit die Zeit, die seinem Herrn gehört, nicht verbummelt wird, er sitzt aber derweil im Wirtshaus. Nun wird dem Kätchen wieder einmal mitten in der Arbeit totenübel und sie bekommt Nasenbluten. Das Hemd, an dem sie arbeitet, wird fleckig und weil sie wegen der verschlossenen Thüre nicht an die Wasserleitung kann, wird auch der Boden schmutzig.

Apollonia.

Und nun verlangt der Werkmeister, daß sie das Hemd ersetzt.

Ein anderes Mädchen.

Aber das mit den Blutflecken darf sie nicht behalten.

Eine Andere.

Und er verlangt 90 Pfennig Ersatz und daß sie den ganzen Boden putzt.

Apollonia.

Den Boden haben wir ihr geputzt, aber die 90 Pfennig konnten wir am Donnerstag nicht mehr zusammenbringen.

Kätchen Maiberger (leise).

Und nun hat er mir gekündigt und ich kann wo anders so schwer ankommen, weil ich immer so blaß aussehe.

Katharina.

Wie arbeitest Du?

Kätchen.

Knopflöcher, das Hundert 4 Pfennig. Ich komme auf nicht mehr als 6,50, denn wenn ich schneller arbeit, wird mir's schwindlig und ich komme nicht einmal auf die Zahl.

Katharina.

Aber Du kannst doch zur Arbeit ausgehen. Was soll ich und die Lore Dister machen, sie mit ihren 6 Bälgern und ich mit der kontrakten Mutter? Wir können nur Heimarbeit annehmen, das Dutzend Korsetten für 1,20. Und nun denkt Euch die Gemeinheit, ich hätte beim Abliefern dem Bluthund heute am liebsten eins ins Gesicht geschlagen und Alle, die dabei gestanden sind, waren ganz außer sich, wie er mir für meine 3 Dutzend nur 3,30 geben will, weil eine Postbeamtensfrau ihm das Dutzend für 1 Mark liefern will. Natürlich, die kanns! Die sitzt im Speck, der ihr Mann kriegt jeden ersten sein schönes Gehalt und einen Rock mit goldenen Knöpfen, was wir mit unsern Steuern bezahlen müssen.

Susanne (erregt vortretend).

Deshalb, gerade deshalb, weil wir uns diese Schändlichkeiten und Ungerechtigkeiten nicht länger gefallen lassen wollen, müssen wir sehen, daß es anders wird. Weil wir aber nirgends einen Annehmer haben, müssen wir uns selbst helfen. Eine allein kann's natürlich nicht, auch nicht zwanzig und auch nicht die Arbeiter von einer Fabrik oder von einer Stadt. Überall, in der ganzen Welt, in England, in der Schweiz, hier und in Berlin muß es auf einmal losgehen und den Herren Fabrikanten bewiesen werden, daß sie ohne uns nichts sind und nichts ausrichten können, – daß sie zu Grund gehen müssen, wenn wir nicht mehr für sie arbeiten wollen.

Alle.

Wir wollen's ihnen beweisen.

Susanne.

Es ist nicht wahr, daß wir ungehörige Forderungen stellen, wie die Herren im Comptoir immer sagen. Sie sollen's nur einmal probieren, die feinen Damen und von aller Herrgottsfrühe bis in die sinkende Nacht hinein arbeiten und arbeiten wie ein Karrengaul und dabei kaum das Salz aufs Brot verdienen! Und wenn wir uns dann halb tot geschunden haben, wenn dann die Kinder in Lumpen gehen und auf der Straße verlottern, dann kommen die Damen mit ihrem Mitleid und mit ihrer Wohlthätigkeit und fragen uns die Seele aus dem Leib, bevor sie einen halben Centner Kartoffeln bewilligen. Wir wollen aber nichts geschenkt haben und wir brauchen auch nichts geschenkt, wenn wir für unsere Arbeit bezahlt werden, wie sich's gehört. Wir wollen unser Recht. Ich verlange mein Recht und das Recht für mein Kind – und für alle Kinder, deren Väter sie vergessen und verleugnen. – Heute habe ich Euch mir hierher bestellt, um Euch etwas Wichtiges zu sagen. Es ist ein großer allgemeiner Ausstand geplant, auf den müssen wir uns vorbereiten, damit wir ihn durchsetzen und aushalten können. Pfennigweise müssen wir sparen, damit wir einen Zehrpfennig haben, wenn es in vier Wochen losgeht. Haltet Euch Alle bereit, werbt und erklärt und was Ihr nicht sagen und erklären könnt, das findet Ihr hier. (Holt einen Stoß Flugblätter aus ihrem Bett und verteilt sie.) Lest, verteilt die Blätter, insgeheim, vorsichtig – – hier – hier.

Katharina.

Mir mehr, denn ich kenne Viele, die wir brauchen können.

(Man hört Tritte vor der Thüre. Ein Polizeikommissar und ein Schutzmann treten ein.)

Kommissar.

Ich sehe, daß die Angaben, die eben von zwei Frauenspersonen auf dem Revier gemacht worden sind, auf Wahrheit beruhen. Hier ist eine Versammlung von Arbeiterinnen, die der Polizei nicht gemeldet ist. Ich erkläre die Versammlung für aufgehoben. (Er nimmt der ihm zunächst stehenden Frau den Zettel aus der Hand und liest) »Aufruf an die Arbeiterschaft! Nieder mit den Unterdrückern.« (Zu dem Schutzmann.) Schreiben Sie Name und Adresse aller Anwesenden auf. Suchen wir nach weiteren Flugblättern und Schriften und was sich sonst an verdächtigen Indicien finden läßt. Wer ist der Inhaber dieser Wohnung?

Susanne (vortretend).

Ich.

Kommissar.

Sie sind verhaftet. Wohnen Sie allein hier?

Susanne.

Mit meinem Kinde. (Martha kommt mit dem leeren Milchtopf zurück.) Martha, Martha, (umfaßt das Kind) unser Recht!

Katharina.

Um das Kind hab' keine Angst, ich sorg' für sie.

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