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Frau Übersee

Fritz Reck-Mallaczewen: Frau Übersee - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Übersee
authorFritz Reck-Malleczewen
year1918
firstpub1918
publisherRolf Mosse
addressBerlin
titleFrau Übersee
pages191
created20160218
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Es stehen demjenigen, der sich in den Tropen irgend eines lästigen Wesens entledigen will, sehr viel verschiedene Wege offen. Die Chinesen beispielsweise in Singapoore und in den Asiatenvierteln der südamerikanischen Städte setzen gefangene Ratten in ihrer Falle in die volle Mittagssonne. In der Sonne erreicht das Thermometer immerhin 60 Celsiusgrade in Guayaquil. Im vorliegenden Falle also beginnt die Ratte, gerade wie die Verbrecher in den sagenhaften Tretmühlen, verzweifelt auf den Draht der Falle zu trommeln. In der zweiten Minute wirft das Tier sich plötzlich auf den Rücken und wirbelt mit den Füßen immer weiter und fängt dabei ganz hoch zu schreien an, daß alles auf der Straße stehenbleibt und sich um den Käfig stellt und lacht. In der dritten Minute kommen dann ganz eigentümlich klonische Krämpfe und dann streckt sich das Tier und ist tot. Und eine schmutzige Chinesenhand langt in den 165 Käfig und wirft den Kadaver auf den Düngerhaufen.

Da man aber einen Menschen nicht in eine Falle sperren kann, so empfiehlt es sich schon mehr, ihm den Gifthaken einer Jarraracca oder auch der kleinen Ekisschlange, die noch schneller tötet, in das Schweißleder des Hutes zu stecken.

Und endlich kann man natürlich einen Menschen mieten, der hinter einem Vorstadtzaun wartet und das Nötige mit dem kurzen, krummen Messer besorgt, mit dem man dortzulande, ganz wie im Kaukasus, dem Gegner den Leib aufschlitzt. Und nachher findet im Morgengrauen ein farbiger Polizist einen Toten, und keiner weiß, wie er dahin gekommen ist. Der Normalsatz dafür beträgt nur zehn Pesos, und das Verfahren ist absolut sicher. Aber es hat eben den Nachteil, daß Blut dabei fließt und daß man die Tatsache des gewaltsamen Todes nicht verheimlichen kann.

Aus diesem Grunde ist ein solches Radikalverfahren einem Europäer gegenüber unanwendbar. Denkt ein südamerikanischer Machthaber dennoch daran, einen ihm mißliebigen Gringo auf diesem Wege zu entfernen, so tauchen sofort allerlei Hemmungen auf in Gestalt von weißgestrichenen europäischen Kreuzern, die hinterher 166 mit ihrem Elf-Zentimeter-Kaliber solch eine Hafenstadt wie Guayaquil in fünf Minuten in Brand geschossen haben.

Für diese schwierigen Fälle also bleibt die Stegomyia fasciata.

Die Stegomyia fasciata ist ein kleines Insekt, eine grau und schwarz gebänderte Mücke, und somit wäre nichts Besonderes ihr anzusehen. Aber wenn man sie unter der Lupe betrachtet, so ist's ein greuliches Tier mit einem tellergroßen Zyklopenauge, ein abscheuliches, schreckhaftes Wesen mit einem Saugrüssel, häßlich und dick wie der Schwanz einer Jarraracca. Und an diesem Saugrüssel sitzt das Gelbfiebergift, das die Stegomyia auf den Menschen überimpft, und weder europäische Professoren haben es bislang isolieren können noch ihre gelbhäutigen Kollegen aus Tokio, die sich seit geraumer Zeit aus ganz besonderen Gründen mit den gesundheitlichen Verhältnissen an der Westküste Südamerikas beschäftigen. Aber sicher ist, daß das Gift von der Mücke übertragen wird, und man weiß auch, woher sie es nimmt: aus den Sümpfen am Guayas holt sie es, wo die aufgetriebenen Leiber toter Katzen angeschwemmt werden und immer irgend etwas verwest und die 167 Klapperschlangen ihr Gift kochen. Dorther nimmt sie es und kann sich damit, wie gesagt, zu einem wichtigen Mordinstrument machen. Das einschlägige Verfahren ist so einfach wie irgend möglich: man läßt sein Opfer in den Vorstädten arretieren und sperrt es für eine Nacht in irgend ein Schmutzloch unten am Hafen. Die Fenster dieser Lokale haben keine Drahtfenster wie die der Europäerhotels, und die kleine Mücke kommt zur Nacht, ohne daß man sie bestellen oder gar bezahlen muß, wie einen menschlichen Mörder. Das Weitere ergibt sich dann ganz von selbst, und es ist überhaupt kein Mord gewesen, sondern eben Gelbfieber, das hierzulande endemisch ist und von hundert Europäern mindestens neunzig tötet. Und alles war dann eben ein bedauerliches Versehen untergeordneter Organe, nichts weiter . . .

Ueber den kleinen Herrn Fred, der im Grunde doch noch ein großer Junge war und seine Hand zu tief hineinsteckte in die riesige bluttriefende Maschinerie Südamerikas, über sein Schicksal läßt sich eigentlich nur fragmentarisch berichten. Gewiß ist, daß er nach dem eben erwähnten Abzug des Doktors Moron und der Herzogin von Lota nicht mehr lange an Ort und Stelle blieb. Die Sonne ging ganz schnell schlafen, und die 168 Guayaswiesen in der Tiefe wurden dunkelviolett, und die Schakale begannen zu heulen oben in den Bergwäldern. Die große Einsamkeit, die um ihn zu singen begann, und die dunklen Schatten in dem verfallenen Fort und dann die Grabsteine von so viel Toten . . . er stieg zu Pferde und machte, daß er fortkam. Es ist wahrscheinlich, daß er den Kamm der Zepita-Berge entlangritt, einen höchst beschwerlichen Weg, und er kam dann erst um acht Uhr abends bei völliger Dunkelheit vor dem Hause der Herzogin an, die selbstverständlich lange vor ihm heimgekehrt war.

Das Haus war ganz dunkel, und nur in dem Zimmer der Herzogin brannte ein einsames Licht hinter dem kleinen Gitterfenster. Aber er hörte den Brunnen im Patio rauschen und spürte einen feinen, ihm wohlbekannten Duft von Heliotrop. Da klingelte er denn und begehrte die Herrin des Hauses zu sprechen. Der Mulatte in der Pförtnerloge hielt es nicht einmal für nötig, das Portal zu öffnen, und gab ihm kurz und bündig durch das Gitter den Bescheid, daß die Herzogin nicht zu Hause sei.

Aber da sah ihn der Weiße mit diesem verdammten europäischen Herrenblick an, den kein 169 farbiger Lakai vertragen kann, und da war die Herzogin plötzlich doch zu Hause und der Nigger lief mit der Meldung nach oben.

Freilich kam er dann mit der Antwort zurück, die Herzogin bedaure, ihn nicht empfangen zu können. Vielleicht käme er in acht Tagen einmal wieder vorbei, fügte der Nigger aus eigenem Antrieb hinzu und flüchtete sich nach dieser ungeheuerlichen Frechheit wohlweislich tiefer hinein in den Gang, der nach dem Patio führte.

Aber der kleine Herr Fred griff in die Tasche und griff nicht etwa nach irgend einem Instrument, um einen unverschämten Farbigen zu strafen. Er griff vielmehr nach einem der kleinen Goldstücke mit der antiken Prägung, die die Welt beherrschen, und warf es dem Lakaien vor die Füße, wie man eben einen Lakaien belohnt. Friß, Hund . . .

Und dann galoppierte er, ohne sich umzusehen, in der Richtung auf Guayaquil davon, wo er denn um neun Uhr vor dem Hotel »Ville de Paris« anlangte. Es regnete wieder und er warf die Zügel rasch dem Boy zu und machte, daß er in die Vorhalle kam. Daß vor dem Portal zwei Menschenkinder herumlichterten, die hier eigentlich nichts zu suchen hatten vor dem eleganten 170 Europäerhotel – Kerle mit Gesichtern, die nach mindestens zwei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus aussahen –, das bemerkte er nicht. Er stürmte an dem Manager vorbei, der dienernd versicherte, wie sehr man sich um ihn geängstigt habe. Er stürmte auf sein Zimmer und warf sich auf sein Bett.

Das Dunkel um ihn war heiß und stickend, und es half gar nichts, daß er den elektrischen Windfächer anstellte. Das Rad lief nicht und auch das Licht ließ sich nicht andrehen: die Dynamomaschinen der Werke draußen hatte man zerstört in der Revolution, und die große Stadt brütete in ihrem heißen Dunkel.

Der kleine Herr Fred lag in einer ganz unerklärlichen Erschöpfung da und hörte die Moskitos heransummen und war selbst zu matt, das Netz über sein Lager zu ziehen. Das Gefühl ganz ungeheurer Verlassenheit schlich sich wieder heran an ihn. Und wenn er nicht ein Mann von Haltung gewesen wäre, er hätte vielleicht weinen müssen. Vor unaussprechlicher Sehnsucht nach etwas Weichem und Gütigem, nach irgend einer erbarmungsvollen großen Menschenmutter, für die er den rechten Namen nicht fand.

Aber mit einem Male hörte er in ganz weiter 171 Ferne draußen ein seltsames Geräusch, das ihn aufschreckte. Zuerst war es so, als sause Wind durch hundert Telegraphendrähte, nur daß Pausen es immer wieder unterbrachen und dem Ganzen einen eigentümlichen unregelmäßigen Rhythmus gaben. Dann kam es näher, und er hörte das Treten einer großen Masse – Mensch oder Tier, es ließ sich nicht unterscheiden. Und dann schwoll das plötzlich, wohl um eine Straßenecke biegend, zu einem ungeheuren Fortissimo an, daß er einzelne spanische Worte erkennen konnte.

Er sprang zum Fenster und riß die Flügel auf. Draußen regnete es noch immer ganz sacht. Durch die heißen Nebel der Straße, dicht unter seinem Fenster, glitt ein seltsamer Zug vorbei, und die Nebel machten es wohl, daß das alles so schemenhaft vorüberfloß, trotz des Fortissimo. Die vorausgingen, hatten weiße Stolen an und waren demnach wohl Priester. Aber dann kamen die vielen anderen, und je vier von ihnen trugen immer etwas Langes, Dunkles auf den Schultern. Gott mochte wissen, was eigentlich. Dabei hatten sie spitze schwarze Hauben auf dem Kopf, wie Fehmrichter; sie waren unkenntliche Guggelmänner, und keiner konnte wissen, ob es überhaupt Menschen waren oder Larven.

172 Und dann kamen wieder solche Vermummte, und auch sie trugen dunkle, unkenntliche Lasten auf den Schultern. Und mehr kamen und immer mehr. Und erst als das Miserere unmittelbar vor seinem Fenster zu ihm hinaufschrie, da erkannte er, daß es Särge waren, die man dort vorübertrug . . . zehn Särge . . . zwanzig Särge, fünfzig . . . Gott weiß, wie viele.

Der kleine Herr Fred erinnerte sich wohl kaum, daß der Doktor Juan Sanchez Moron endlich an diesem Tag die Bestattung der Gerichteten angeordnet hatte für die Nacht, denn es waren ja politische Verbrecher, bei deren Begräbnis es zu Demonstrationen kommen konnte.

Der kleine Fred konnte es auch unmöglich wissen, daß hierzulande niemand erkannt sein will, der einen Staatsverbrecher bestattet, und daß sie alle die Kapuze über das Gesicht ziehen müssen, Weib und Kind und was sonst noch auf der Welt geblieben ist von dem Anhang armer betrogener Betrüger. Es war ein gespenstischer Zug, wie er ihn nie gesehen hatte, und er war sofort unten auf der Straße, um zu erfahren, was es eigentlich bedeutete.

Der Manager und die Kellner hüteten sich wohl, vor das Portal zu treten und irgend einen 173 Anteil an dem Schicksal dieser Toten zu zeigen. So war der Platz vor dem Hotel leer und nur die Nebel stiegen von den Steinen und durch den Nebel zogen noch immer die Larven.

Schließlich aber bemerkte der kleine Herr Fred zwei Männer ohne Masken, Kerle mit Riesentatzen und den Gesichtern von Shakespeareschen Mördern: eben jene beiden, die da noch immer standen und dort auf irgend jemand zu warten schienen. Und als er diese Menschen fragte, was das Ding da eigentlich sei, da erhielt er denn die Auskunft, wen man hier zu so später Stunde zu Grabe trage. Der von den beiden, den er fragte, der lachte fast treuherzig dabei, so wie auf dem Theater gedungene Mörder lachen, wenn sie zuvor mit ihrem Opfer verhandeln: gewiß, der Doktor Moron sei ein Edelmann und Christ, der auch denen die ewige Ruhe in geweihter Erde vergönne, die von Rechts und Gesetzes wegen verdient hätten, auf dem Schindanger zu verfaulen.

Da begriff der kleine Herr Fred und erinnerte sich und schwieg. Und als der Totenzug langsam an ihm vorüberfloß, da wurde ihm zum ersten Male die Geschichte seiner letzten Wochen ganz klar: er war einem schönen fremden Weibe nachgejagt und hatte nicht rechts gesehen und nicht links. 174 Er hatte seine Hand um ihretwillen hineingesteckt in ein unbekanntes Getriebe, und die Hand war blutig geworden. Auch er hatte an seinem Teile mitgeholfen, daß lebende, atmende Menschen gerichtet waren und daß man elende, zerfetzte Leichname nächtlings verscharrte.

Er fühlte wohl kaum das, was man Reue nennt, und das war ja auch – objektiv betrachtet – kaum notwendig. Aber der Zug kam aus dem Unbekannten und glitt ins Dunkel, und das Miserere schrie durch die Nacht und war ein einziger Klageschrei um die verirrte und gemarterte und gerichtete Kreatur: »Erbarme dich, Herr . . . erbarme dich unser . . . über sie alle erbarme dich . . .«

Der kleine Herr Fred schloß sich als letzter dem Zuge an. Daß die beiden, die er vorhin angesprochen hatte, ihm folgten, bemerkte er nun nicht. –

Wo es dann geschah und wie es im einzelnen sich zutrug, läßt sich beim Fehlen vernehmbarer Zeugen schwer sagen. Der Zug bewegte sich seinem Ziel zu durch die endlosen, dürftig bebauten Vorstädte, wo es unendlich lange Lattenzäune gibt und 175 einsame Plätze, wo auch in normalen Zeiten keine Laternen scheinen und man den Browning entsichert, und wo man immer das Stöhnen einer Vergewaltigung hören kann oder das Geschrei eines Messerkampfes. Wie dem auch sei: hier, wo es breite Tümpel auf den elenden Straßen gab und der Zug sich ganz automatisch auseinander zog, um die darübergelegten Bohlen Mann für Mann zu passieren, hier mag es wohl so geschehen sein, daß er ganz unvermutet von hinten ergriffen wurde von eisernen Fäusten, gegen die es keine Gegenwehr gab. Er sah auch keinen, gegen den er sich hätte wehren können, weil seine Häscher vorsichtigerweise hinter ihm geblieben waren. Er konnte auch nicht schreien, weil man ihm gleich darauf einen ekelhaften Schmierlappen in den Mund stopfte, daß er fast daran erstickt wäre. Er fühlte wohl auch noch, daß man ihn ein wenig emporhob und dann sein Hinterhaupt aufschlagen ließ auf einen der Pflastersteine.

Da war es denn vor der Hand zu Ende mit dem kleinen Herrn Fred . . . 176

 

Wo er eigentlich war, als er dann wieder zum Bewußtsein kam (wenn man das überhaupt Bewußtsein nennen will), wußte er natürlich nicht. Es war dunkel um ihn und höllenheiß. Der Kopf war sehr schwer, und man konnte ihn nur unter unsäglichen Schmerzen ein wenig bewegen. Es trommelte und jagte in dem Kopf wie ein ungeheures Hammerwerk im Takt des Herzschlages, und das tat sehr weh und krallte sich jedesmal ins Hirn, daß man wohl hätte stöhnen müssen und schreien. Man wollte wohl auch nach dem schmerzenden Schädel greifen, aber man hatte Stricke um die Handgelenke und um die Fuße auch. Es summte und sang ringsum in hohen feinen Tönen, und man wußte nicht einmal, was es war. Erst später, als man einen feuchten Hauch spürte und ein feines Stechen und Brennen allenthalben am Körper, da merkte man, daß es Mückenschwärme waren, die sich in Nase und Auge setzten mit ihren Giftstacheln, daß es brannte wie ein Höllenfeuer. Und man mußte daliegen und hatte 177 gefesselte, brandige Hände und konnte sie nicht vertreiben . . .

Das Räderwerk, das verfluchte, hämmerte und hämmerte. Es roch nach zerfetztem Urin und menschlichen Exkrementen, und man mußte erbrechen vor Ekel und wäre beinahe erstickt, weil da ein ekelhafter Lappen in den Mund gepfercht war . . . ganz fest . . . ganz grausam fest.

Dann begannen Sterne und Feuerräder zu tanzen und man sah eine schneeweiße Arena, und eine Loge war da mit einem dunklen Frauenhaupt über der Brüstung. »He hop ich liebe dich«, schrien die Blechtuben . . . »ich küsse dich zu Tode.«

Da nahm einen jemand auf die Schulter und man wurde hinausgetragen zu der schönen fremden Frau. Und dann wieder die Tuben und dann wieder die roten, roten Feuerringe. Und dann war alles zu Ende, und man wußte nicht mehr, wo man war . . .

*

Aber keiner soll sich das alles so schlimm vorstellen. Gelbfieber klingt schlimm und ist auch schlimm, ohne Zweifel. Aber es ist doch anzunehmen, daß der Knochenmann eine sanftere Hand hat, als man das glaubt, und daß der kleine Herr Fred alle diese Dinge nur noch aus großer Entfernung, gewissermaßen durch einen dichten, 178 wohltätigen Nebel hindurch verspürte. Er glaubte ja wohl einmal, daß er Stimmen höre, und er glaubte es auch zu verspüren, daß jemand seinen Körper mit der Stiefelspitze berühre und umdrehe, wie man eine ekelhafte tote Ratte umdreht. Aber auch das war alles verhüllt von dem dichten Schleier, und er schlief weiter.

Als er dann noch einmal erwachte, wie das bei Gelbfieber immer ist, da war es ganz dunkel und er war eigentlich bei ganz klaren Sinnen. Er wußte zur Not, was geschehen war, und bildete sich ein, daß es eben erst geschehen sei. In Wirklichkeit aber war das schon der Morgen des dritten Tages, und wenn er von diesem Tage, von dessen Sonnenschein ja wohl auch etwas in sein Pestloch fiel, nichts sah, so war das so, weil seine Augen eben erblindet waren während des ersten Fiebers. Im übrigen aber fühlte er sich wohler und das Räderwerk in seinem Schädel hämmerte nicht mehr, und er lag eigentlich ganz gut, wie er lag. Aber auch diese Besserung gehört zum Gelbfieber und hat gar nichts zu sagen und kommt eigentlich gerade bei den ganz schlimmen Fällen vor, die dann meist schon in ganz kurzer Zeit tödlich verlaufen.

Im übrigen schlief er bald wieder ein und 179 träumte und träumte. Von einem Stein träumte er, auf dem sein Kopf lag, gerade wie der von irgend einem biblischen Erzvater, dessen Namen er längst vergessen hatte. Und eine schöne, fremde Frau, deren Namen er ebenfalls vergessen hatte, stand vor ihm, und auf ihrer Schulter saß ein blaugelber Kakadu und ein dunkelroter Falter hatte sich in ihr Haar gesetzt, daß es aussah, als quelle Blut aus der Stirn.

Und dann träumte er von den kühlen Jagdmorgen im heimatlichen Herbst und von braunem Buchenlaub und einem blanken Jagdhorn, und nachher würde man einen weißen Burgunder zur Rebhuhnpastete trinken.

Und dann zerflatterte das alles.

Und dann kamen die Krämpfe, die klonischen zuerst und dann die tonischen, die den Leib so bretthart machen.

Und dann kam das Blutbrechen.

Und kam der alte Meister Tod, der das alles sehr gut versteht.

Da lag der kleine Herr Fred zwischen Blut und Kot und lächelte mit jenem Lächeln, das sie hinterher doch alle haben, die toten Zuchthäusler und die toten Generalsuperintendenten.

*

180 An diesem Morgen, den der kleine Herr Fred nicht mehr so recht erlebte, geschah etwas ganz Seltsames, was Guayaquil so bald jedenfalls nicht erwartet hatte. Als die ersten Bananenkähne vom Ostufer des Flusses nach der Stadt übersetzten, hörten ihre Führer Ankerketten, die schnurrten, und das Klingeln von Maschinentelegraphen und alles, was sonst zu den Ankermanövern eines großen Schiffes gehört. Zu sehen war nichts. Es war noch dunkel und auslaufender Strom, und man konnte sich auf ein langes Suchen nicht einlassen.

Aber dann geschah das Unglaubliche. Die Sonne war eben erst heraus und über dem Guayas waren die Nebel noch nicht zerrissen, aber es war schon warm genug, daß die Fleteros (die, wie gesagt, seit der Revolution alle Tage Geburtstag hatten) sich auf die Steinquadern am Kai lagern konnten, um nachdenklich ins Wasser zu spucken oder in den Himmel zu schauen oder die politische Lage zu erörtern. Und da geschah es, daß ein Windstoß in die Nebel fuhr, und daß da mit einem Male mitten im Strom ein weißgestrichener Europakreuzer lag. Trommelwirbel rollten von drüben, und man sah die Flagge – ist ja gleich, welche – zum Großtop 181 hinansteigen. Dann sah man Leute drüben antreten, und schließlich machte drüben eine große vollbesetzte Barkasse mit Bootsgeschützen und matt leuchtenden Gewehrläufen los. Und ehe man auch nur die allernotwendigsten Flüche bei der Hand hatte, machte das Ding fest und ein Offizier, solch unausstehlicher Gringo mit unwahrscheinlich eleganten Lackstiefeln, ließ die Leute auf dem Kai antreten und fragte nach dem Gouvernement.

Niemand dachte auch nur im entferntesten daran, irgend einen Widerstand gegen diese Landung zu versuchen. Mochte dieser Doktor Moron doch allein seine Sache mit den Gringos durchfechten, er, der allein bei der Revolution verdiente. Oder in wessen Taschen flossen denn wohl die Gelder für die konfiszierten Farmen, he? Nein, die Fleteros und die Apfelsinenhändler hatten nicht die geringste Lust zu irgend einem Kampf.

Sie drehten sich allenfalls auf die andere Seite und waren auch weiterhin Kavaliere und katholische Christen, die das alles nichts im geringsten anging. Und wenn sie überhaupt etwas in dieser Angelegenheit taten, so war es eine ungeheuerliche Zote, die sie dem Offizier nachsandten. –

Dem Doktor Moron, dem Haupt der derzeitigen Regierung, wurde die Hölle zunächst heiß genug 182 gemacht. Man holte ihn in aller Herrgottsfrühe, in der man doch sonst ein Staatsoberhaupt nicht stört, aus dem Bett; man ließ ihm nicht einmal Zeit genug, anspannen zu lassen und sich im Wagen an Ort und Stelle zu begeben. Und was man dann unter vier Augen über Schadenersatz für die geschädigten Europäer und über eine persönliche Genugtuung verhandelte – davon soll nicht einmal die Rede sein.

Wenn man aber nun auch nicht weiter sanft mit ihm umging, es ist doch ganz selbstverständlich, daß ein Mann wie er persönlich nicht zu kurz kam bei dem ganzen Handel. Und wenn auch wirklich der Traum von einem zukünftigen geeinten Südamerika gestört wurde in dieser Stunde, so blieb ihm doch eines: die Früchte unglaublich raffinierter, politischer Schiebungen, der Ertrag seiner Geländespekulationen, gemeinsam veranstaltet mit nordamerikanischem Kapital, das sich zur Revolution eingefunden hatte, wie der Geier zum Aas.

Ja, die Revolution war mit einem Schlage zu Ende, das war nicht zu bestreiten. Es dauerte gar nicht lange an diesem Vormittag, da hatte jedes durch irgend einen Zufall noch verschont gebliebene europäische Haus einen Posten vor der Tür. Es gab plötzlich wieder Leute, die den unglaublichen 183 durch soundsoviel Wochen angesammelten Straßenkot wenigstens von der Plazza beseitigten. Es gab in den Vorstädten keine Chinesenleichen mehr, und plötzlich waren auch die Geier verschwunden, die so lange über der Stadt gekreist hatten.

Und wenn schon ein Vogelgetier das Aufhören einer Revolution wittert, so mag es selbstverständlich sein, daß es auch ein alter Tropenmann spürt, der 20 Jahre oder mehr in diesem verwünschten Lande gelebt hat. Wie es auch gewesen sein mag, ob er irgend etwas von dieser Entwicklung der Dinge gehört haben mochte oder nicht – an diesem Morgen ritt Braxton die große Straße hinab, die von Colonche nach Guayaquil fuhrt. Van Lammen blieb noch in dem sicheren Hinterland und Rickert auch – er aber hatte nun einmal das sichere Gefühl gehabt, daß es an der Zeit wäre, nach dem Rechten zu sehen. Und als er dann das Schiff auf dem Guayas liegen sah, da wußte er, daß er sich nicht getäuscht hatte und daß man ruhig heimkehren konnte. Und er pfiff im Reiten ein höchst vergnügtes Lied, zu dem er schon vor vierzig Jahren in Irland daheim Schleie gefischt hatte . . .

Nun, die Nigger hatten ihr Geschäft nicht 184 schlecht verstanden, mußte man sagen. Man hatte ja wohl hier und da das Haus irgend eines kleinen europäischen Krämers übersehen, der eine Landestochter geheiratet hatte und selbst ein halber Nigger geworden war. Die großen Firmen aber – in den Boden gestampft einfach. Alles verbrannt, zerschlagen, beschmutzt, ausgetilgt von der Erde. Dazu kam es, daß die Kerle ganz infame Späße getrieben hatten: auf die Seidenballen von Viviers et ses fils hatten sie die Schwefelsäureballons aus dem Depot von Brown u. Gewecke gegossen, und von den Dingen, die sich in den Weinflaschen von Rickert u. Möller vorfanden, soll lieber ganz geschwiegen werden. Und als er sich der Stelle näherte, wo einmal die Filiale der Südamerikanischen Bank gestanden hatte, sah er an der nächsten Laterne sein eigenes, aus Stroh und weißen Lappen und Oelfarbe improvisiertes Ebenbild baumeln. Die Leute hatten ihn als bekanntesten der Europäer in contumaciam gehängt. Und Braxton stand davor und besah sich jede Einzelheit daran und rauchte fürchterliche Wolken in tiefem Sinnen. Bis er dann angesichts seiner selbst zu dem Schlusse kam, daß die Nigger ihre Sache gar nicht schlecht gemacht hätten und daß das alles ganz in der Ordnung so sei.

185 Aber als er auf die Trümmer der kleinen Veranda vor seinem ehemaligen Haus kletterte, um sich das Chaos im Innern zu besehen, da eben fiel ihm der kleine Herr Fred ein, mit dem er an eben dieser Stelle, kurz vor dem großen Auskehr, verhandelt hatte. Wahrhaftig, ein Bursch, der es verstand, der mit zwanzig Jahren eine südamerikanische Revolution sich zunutze machte, um sein Schäflein zu scheren.

Und wie er so nachdachte, ob er den Kleinen wohl als Finanzminister von Ecuador oder nur als Generalpächter aller Zölle wiederfinden werde, da eben fiel ihm ein baumlanger Kerl auf, der einen Augenblick vor den Ruinen der Bank stehengeblieben war und mit zwei anderen des gleichen Typs eben einen Pferdediebstahl oder Einbruch verabreden mochte oder weiß Gott, was. Das aber, was Braxton auf ihn aufmerksam gemacht hatte, das war der Reitstock mit der silbernen Kugel, den er trug. Jawohl, er kannte diesen Reitstock und wußte, daß er zu keinem anderen gehörte als eben zu dem kleinen Herrn Fred. Aber als dann Braxton hinuntersprang, um den anderen am Genick zu fassen, da hatte auch schon das Gedränge der Plazza die drei fortgerissen und Braxton konnte sie nirgends mehr entdecken. Aber 186 getäuscht hatte er sich nicht . . . nein, keineswegs, gerade hier hatte der kleine Herr Fred diesen Stock in der Hand gehalten, als er ihn zum letzten Male gesprochen hatte.

Eine fast zärtliche Angst um den Kleinen machte, daß er sofort in das Hotel lief. Ja, da stand wohl noch das Pferd des kleinen Herrn Fred in seiner Box, und seine Sachen waren alle unversehrt . . . bitte sehr . . . (das ganze Hotel barst vor Ehrlichkeit). Da waren sechs dienernde Nigger und ein untadeliger Manager, der zu jeder Hilfe und zu jeder Auskunft bereit war.

Aber der kleine Herr Fred war eben vor zwei Tagen und einem halben am Abend um zehn Uhr durch das Treppenhaus gegangen und war seither nicht mehr zurückgekehrt. Da ließ Braxton die ganze Gesellschaft stehen und rannte auf das Gouvernement; jawohl, er wollte es den Spitzbuben eintränken, wenn dem Kleinen wirklich etwas zugestoßen sein sollte.

Der Doktor Moron freilich war unerreichbar, er befand sich in seiner Eigenschaft als Staatsoberhaupt an Bord des Kreuzers, um dem Kommandanten einen Gegenbesuch zu machen. Aber irgend ein goldbetreßter Mulatte, der Polizeichef war da, und er wurde sichtlich verlegen, als Braxton nach dem Kleinen fragte. Er telephonierte 187 nach fünf verschiedenen Richtungen und gab dann schließlich zu, es sei ein unbegreifliches Versehen: der Gesuchte sei in einer der Vorstädte von schlecht unterrichteten Beamten verhaftet worden und man würde ihn selbstverständlich sofort entlassen. Und er bot mit einem scheuen Blick auf den vor dem Hause patrouillierenden europäischen Matrosen jedwede Entschuldigung an und auch einen Führer, der Braxton hinbringen sollte.

Es war dann fast drei Uhr, als Braxton, der außer diesem Führer noch zwei Mann von der Wache des Kreuzers mitgenommen hatte, an Ort und Stelle ankam. Der Weg war weit und führte durch Viertel, die selbst er kaum kannte, vorbei an Opiumkneipen und Vorstadtbordellen und weiß Gott, was. Die Polizeiwache, ein unglaubliches Schmutzloch, war vielleicht der rechte Ort, um gewissen Grünhörnern die Lust an südamerikanischer Revolution zu verleiden . . . Braxton hatte ja die Auskunft erhalten, daß der Gesuchte nur verhaftet sei, und er war nicht einmal auf den Gedanken gekommen, daß die Sache schon so weit gediehen sein könnte, wie sie es in der Tat war.

Als er dann die Bescherung vorfand, blieb er ruhig, wie sich das geziemte. Die Nigger waren zuerst hinauszuwerfen (seit wann darf denn auch 188 ein Farbiger Hand an einen toten Europäer legen?) und dann war das Nötige zu besorgen, um den Kleinen geziemend herzurichten, und von den Matrosen mußte einer an Bord, einen Sarg zu beschaffen. Einen einfachen, ungehobelten Sarg, wie ihn ein Schiffszimmermann zusammennageln kann in ein paar Stunden. Denn die Vorräte waren ja wohl vergriffen in Guayaquil . . .

Ja, er blieb ganz ruhig und unternahm auch zunächst nichts gegen die Nigger, die er an Ort und Stelle vorgefunden. Er vergegenwärtigte sich vielmehr für alles Weitere die näheren Umstände, unter denen er ihn gefunden: ein dunkles unterirdisches Schmutzloch, in dessen Fenster von draußen die Regenpfützen eindrangen und an dessen Boden soundsoviel Generationen Arretierter ihren Kot deponiert hatten. Inmitten dieses Unrates, in Blutlachen, auf denen die Mücken saßen, lag der kleine Herr Fred und hatte den Aermel eines Fleterohemdes als Knebel im Munde. Und wenn er auch noch immer die weißlederne Reithose trug und das hellgelbe Seidenhemd, wie man ihn früher immer gesehen hatte, so konnte man nicht sagen, daß er jetzt noch irgendwie 189 ansehnlich oder elegant war: ach Gott nein, ganz und gar nicht.

Aber das war schließlich nur das äußere Antlitz des Todes und Braxton wußte aus anderweitiger reicher Erfahrung, daß das Innerliche und Definitive gar nicht so schlimm ist. Er schickte die anderen weg, er selbst erwies dem Kleinen den letzten Liebesdienst, er arbeitete wie ein professioneller Leichenbestatter.

Aber als er ihn dann auf die Arme nahm und ihn hinaustrug aus diesem Pestloch, einen gebrechlichen, ganz leicht gewordenen Knabenkörper, da begann doch irgend etwas Unbekanntes den großen, starken Braxton zu schütteln und zu würgen. Er trug ihn ins Freie und legte das Haupt sänftiglich auf einen großen Stein und hielt Wache solange.

Der kleine Herr Fred war nun wieder sehr schön. Aber als Braxton ihn so liegen sah, da begann er wieder gotteslästerlich zu fluchen auf diese ganze verdammte Exotik, die die Europäer mordete, als wenn das gar nichts wäre, solch junges Blut.

Und als dann ein paar neugierige Mulatten hinzudrängten und den Toten begaffen wollten, 190 da fiel der ruhige Braxton sie wie ein wütender Bullterrier an und beinahe hätte es noch eine Balgerei gegeben an der Leiche des kleinen Herrn Fred, den das alles doch im Grunde nichts mehr anging . . .

Aber auch das ging vorüber, und schließlich kam ja dann auch der Sarg. Der war eng und schlecht und ungestrichen sogar. Ein kleiner Maulesel zog ihn, und der ganze Zug holperte entsetzlich über das miserable Pflaster zu den Friedhöfen hinauf. Und Braxton grub ihm das Grab neben dem kleinen Ruster, dessen Hügel nun schon ganz verborgen war unter einem unglaublichen Gewirr von Schlingpflanzen.

Es war eigentlich schon Abend, als sie ihn dann hineinsenkten in die heiße Schlammerde, und über der See stand schon wieder ein neues Gewitter. Aber über Guayaquil brannte noch die Sonne, und die Stadt summte zu ihnen herauf wie ein großer überhitzter Dampfkessel. Im Gras liefen die Gekkos geschäftig hin und her, und die Schneidervögel hatten wieder einmal junge Brut, und um die vielen verfallenen Hügel ringsum strichen nagelneue, grüngoldene Eidechsen; man 191 wußte eigentlich nicht, wo sie herkam, diese Fülle von Leben, und wo das alles hin wollte. –

Als Braxton dann in die Stadt hinabstieg, begegnete ihm auf der Calle amarilla ein offener Wagen in rascher Fahrt, und die Bogenlampen blitzten auf dem untadeligen Lackleder.

Das war die Herzogin von Lota, und sie hatte den Doktor Moron abgeholt, der von seinem Besuch an Bord des Schiffes zurückkam.

 


 

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