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Frau Übersee

Fritz Reck-Mallaczewen: Frau Übersee - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Übersee
authorFritz Reck-Malleczewen
year1918
firstpub1918
publisherRolf Mosse
addressBerlin
titleFrau Übersee
pages191
created20160218
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Niemand war da, der diese Tage störte. Die Dinge dieses Hauses liefen ab, ohne daß kaum jemals irgend ein dienstbares Wesen sichtbar war. Und vor der Gittertür des Patio wachten die Mulattendiener, die in diesen Tagen, wo fern von der Stadt immerhin hier und da noch ein Schuß fiel, bis an die Zähne bewaffnet waren.

Der Doktor Juan Sanchez Moron, der vielleicht als ungebetener Gast hätte erscheinen können, war weit fort: oben in Quito war der Doktor Moron, nachdem er in Guayaquil sein Spiel gewonnen hatte, und in Riobamba leitete er Meetings, und selbst bis an Grenzen der fernen Provinz Oriente verirrte er sich, wo auf den europäischen Atlanten die Flußläufe noch punktiert sind und eigentlich 125 überhaupt noch keine Europäer sich haben blicken lassen.

Und überall in den Städten stand er auf den Stufen irgend eines Denkmals und hämmerte es armen Haciendaarbeitern und desertierten Soldaten ein, daß der Tag der Freiheit gekommen sei. Und überall standen am nächsten Tage gefesselte Grundbesitzer an einer weißen Wand den dunklen stechenden Augen von Flintenläufen gegenüber.

Bis denn am achten oder neunten Tag dieses Blutvergießens das ganze Land stöhnend und zuckend zu den Füßen des fanatischen Advokaten lag, der inzwischen aus dem Doktor Moron sich in Juan Sanchez, den ersten Diktator der Republik, verwandelt hatte. –

Nein, niemand störte die beiden Menschen in dem einsamen weißen Haus an den Zepita-Bergen. Und es ist auch zu bemerken, daß alle quälenden Erinnerungen von dem kleinen Herrn Fred abgefallen waren. Er sah eben ein, daß genau so viel Blut oder noch mehr geflossen wäre, wenn er kein Geld gegeben hätte. Er sah ein, daß es selbst nur grausame blutdürstige Sklavenhalter gewesen waren, die man an die Arsenalmauer gestellt hatte. Und vor allem war er mehr denn je in diesen Tagen von der Vollkommenheit dieser fremden 126 Menschheit überzeugt, die er hatte befreien helfen, gewiß . . .

Ebenso aber wie er betrat in diesen Tagen die Herzogin von Lota neues Land. Und wenn sie ihm ihres Volkes Lieder gesungen und getanzt hatte vor ihm in silbernen Schleiern, wie einst die gefangenen Töchter ihres Stammes vor geilen spanischen Mönchen, dann ließ sie sich von Kathedralen Europas erzählen, deren Säulen in den Himmel wuchsen und verdämmerten in dem Dunkel der Gewölbe. Und von dem kargen sparsamen Land und alten Göttersteinen und silberigen Buchen und den brüllenden Riesenstädten, deren Essen Tag und Nacht zum Himmel dampften und die Menschen verschlängen wie Opferherden.

So gab denn jeder von seiner Welt, und sie verbrachten diese Tage in einem einzigen Nehmen und Geben und hüteten sich wohl, den Zauber zu zerstören und das Haus zu verlassen, das noch immer durch die Sintflut abgeschieden war von aller Welt . . .

Aber einmal geht ja wohl auch eine Revolution zu Ende, und einmal besinnen sich die europäischen Kabinette auf den obskuren Winkel, in dem wieder einmal soundsoviel Millionen europäischer Werte vernichtet sind. Und eines schönen Tages (wieviel 127 Wochen inzwischen vergangen waren, ist ungewiß), eines schönen Tages hieß es, daß ein europäischer Kreuzer demnächst vor Guayaquil erscheinen würde. Er war zwar noch nicht da, aber selbstverständlich erheischte diese Nachricht auch die Anwesenheit des Doktor Moron in der ersten Hafenstadt des Landes.

Und eines Tages regnete es nicht mehr und das Haus bei den Zepita-Bergen war keine glückliche Insel mehr.

Die Herzogin von Lota hatte an diesem Morgen merkwürdig viel zu tun. Und während der kleine Herr Fred in einem der Rohrsessel des Patio lag und wie sonst auf sie und auf eine verträumte Morgenstunde wartete, war sie schon lange auf gewesen und hatte ein für dieses stille Haus ganz unerhört geschäftiges Treiben entfaltet. Er hörte oben in ihrem Zimmer die Telephonglocken schrillen, die soundsoviel Wochen geschwiegen hatten, und dann wurde Pedrillo, der Leibmulatte, mit irgend einem Billett der Herzogin nach der Stadt geschickt. Schließlich wurde draußen geschellt und irgend ein berittener Bote in der nagelneuen Uniform der nagelneuen Regierung war da und wollte sofort abgefertigt werden.

Da wurde dem kleinen Herrn Fred das Warten 128 zu lang, und er ging hinauf. Die Herzogin von Lota saß vor ihrem Schreibtisch, und als sie sich umwandte von dem Brief, über dem sie eben saß, da fiel ihm ein höchst nüchterner und sachlicher Zug in ihrem Gesicht auf. Derselbe Zug, wie ihn Frauen immer haben, die viel von Aktien und Börsengeschäften verstehen. Oder auch in den Hafenkneipen europäischer Städte die kleinen Harfenmädchen, die abends dort musizieren und zuerst so aussehen wie das erste Menschenweib, das aus Gottes Hand hervorgegangen ist, hinterher aber so bitterböse Gesichter machen, wenn einer der anwesenden Kavaliere ein Pencestück statt des erwarteten Schillings auf den Sammelteller legt . . .

So sah heute die Herzogin von Lota aus. Und man kann nicht behaupten, daß ihr dieser Zug gut zu Gesichte gestanden hätte.

»Störe ich?« fragte der kleine Herr Fred.

Seine Freundin versicherte ganz rasch, er störe durchaus nicht, und reichte ihm die Hand zum Kusse, wie noch an jedem Morgen. Aber dann erhob sie sich plötzlich und erzählte, der Doktor Moron sei heute nacht von Quito zurückgekehrt, ja, und nun fange für sie eine Zeit an, in der sie sich wieder in der Oeffentlichkeit zeigen müsse, der politischen 129 Rolle gemäß, die sie nun einmal übernommen habe.

»Und unsere Tage hier?«

Nein, die seien durchaus nicht vorüber, sagte die Herzogin, aber man müsse eben nicht vergessen, daß sie ihr ganzes Vermögen für die Revolution aufgewendet habe. Und der Doktor Moron sei nun einmal gegenwärtig der einzige Machthaber im Lande und sie müsse auf ihn Rücksicht nehmen. Ja, es sei übrigens gut, daß der kleine Herr Fred im Reitanzug sei, der Doktor Moron habe nämlich seinen Besuch angekündigt und sei auch schon unterwegs und sie wollten nachher zusammen ausreiten, zu dritt. Und der kleine Herr Fred dürfe auf keinen Fall ein Wort davon sagen, daß er diese ganze Zeit in ihrem Hause gewesen sei. Die Diener seien verschwiegen wie das Grab, auf die könne man sich unbedingt verlassen.

Und als sie ihm das auseinandergesetzt hatte in dem hastigen und nicht ganz korrekten Kolonialspanisch, in dem diese Eingeborenen auch einen Maultier- oder Weiberhandel abzumachen pflegen, da breitete sie mit einem Male die Arme ganz weit aus und umschlang ganz unvermittelt den jungen Europäer in einem einzigen wilden Kuß, daß ihm fast der Atem verging.

130 Und während er die Augen schloß, tauchten plötzlich in jachem Wirbel alle die Dinge auf, die hier an ihm vorüberzogen, die Jagden am Guayas und einsame Ritte in den Kordillerenpässen und das höllenheiße Mittagslicht über verbrannten Steppen. Und dem kleinen Herrn Fred war plötzlich, als umarme ihn mit diesem schönen Weib das ganze schrecklich wilde, bunte Land ringsum und als müsse er vergehen in diesem Kuß.

Dann war das alles wieder zu Ende, und die Herzogin von Lota saß wieder unter den Orchisgarben an ihrem Tisch und begann wieder zu schreiben und schrieb höchst nüchterne und sachliche Dinge. Einen Brief an ihre Bank von einem Haciendakauf bei Colonche oder Gottweiß was.

Der kleine Herr Fred stand am Fenster und sah hinaus. Der Regen hatte aufgehört und die Wiesen waren überschüttet von gelben Dornblüten und dampften in der schrecklichen Schwüle. Guayaquil stand unwahrscheinlich klar in diesem hellen Licht und über seinen Türmen schwebte noch immer die tintenschwarze Brandwolke. Nicht mehr über der geplünderten Chinesenstadt, sondern weiter stromaufwärts. Da, wo die Friedhöfe lagen und wo man den kleinen Ruster begraben hatte.

131 »Wo die Wolke herkäme?« fragte der kleine Herr Fred verwundert.

»Ah«, sagte die Herzogin von Lota, und ihre Stimme klang wieder ein wenig ungeduldig, als hätte man sie in einer wichtigen und eiligen Arbeit gestört, »man verbrenne wohl oben die Toten auf Holzstößen. Der Eile halber. Es sei Gelbfieber in der Stadt, und dann sei ja auch in den Straßen gekämpft worden. Es gäbe dann eben nicht genug Totengräber in Guayaquil. Das sei eben immer so . . .«

Und dann schrieb sie weiter.

Der kleine Herr Fred hörte ihre Feder schnarren und sah immer noch hinaus. Ueber die Wiesen kam, den schmalen Weg entlang, der zu dem einsamen Haus führte, ein einzelner Reiter.

Das war dann schon der Doktor Juan Sanchez Moron.

*

Er kam und sprang vom Pferd und warf die Zügel dem Mulatten so zu, als sei es sein Haus und sein Mulatte.

Jawohl, er war nun der Diktator einer verjüngten Republik, in der alles besser werden 132 würde. Er hatte die Nächte durchgearbeitet, wie eine Rotationsmaschine; er hatte alle Anhänger des alten Regimes, die nicht in ihr Grab befördert worden waren, in dunkle Gefängnisse gesperrt; er hatte dafür gesorgt, daß man die Leichen allenthalben begrub, als moderner, der Hygiene kundiger Mann; er hatte anderseits angeordnet, daß man die toten politischen Verbrecher allerorts eine Weile in offenen Särgen ausstelle, als warnendes Beispiel. Er hatte Zeitungsartikel schreiben lassen und amerikanische Kabelagenturen bestochen; er hatte mit einem New Yorker Finanzmann verhandelt wegen einer großen Staatsanleihe und seinen und seiner Vertrauten Anteile gesichert; er hatte die europäischen Diplomaten mit gefälschten Nachrichten eine hübsche Weile an der Nase herumgeführt, als sie die Schadenersatzansprüche ihrer Staatsangehörigen geltend machen wollten. Ein europäischer Kreuzer sollte unterwegs sein – nun er mochte kommen und ein paar Holzhäuser in Brand schießen. Er, Juan Sanchez Moron, wollte auch damit fertig werden. Er war eben ein Staatsoberhaupt geworden über Nacht, und er konnte es sich selbstverständlich erlauben, unangemeldet hier einzutreten und die 133 Treppe zu dem oberen Geschoß hinanzusteigen, die in spanischen Häusern nur den nächsten Bekannten zugänglich ist.

Oben auf der Galerie fand er die Herzogin von Lota und diesen kleinen Europäer, der ihm Geld vorgestreckt hatte. Moron erinnerte sich eben noch daran. Und die beiden standen da und plauderten von dem Ritt, den sie jetzt machen wollten, als sei dieser blondhaarige Bursch eben erst gekommen. Nun er, Moron, kannte die Herzogin von Lota und durchschaute durchaus das Spiel der beiden. Aber er war natürlich nicht so lächerlich, so etwas wie Eifersucht zu zeigen, und begrüßte sie, wie man eben eine Freundin begrüßt, die man lange nicht gesehen hat. Und auch diesem pestigen Gringo reichte er die Hand, wenn er ihm auch viel lieber noch das Messer in den Leib gerannt hätte, das er, der Sohn eines Fleteros, noch immer unter seiner Jacke trug.

Der kleine Herr Fred sah den Farbigen die Treppe hinaufkommen in seinem braunen Reitrock, und wenn ihm auch gar nicht fröhlich zumute war, er hatte doch wieder ein wenig lächeln müssen. Aber als er dann Moron die Hand reichte und die Siegesgewißheit in dem Blick des Rivalen sah, da faßte ihn doch wieder dieses heiße 134 Verlangen, den anderen auf irgend eine Weise zu demütigen, ihn seine überlegene Jugendkraft fühlen zu lassen, ihn zu verprügeln, hier vor den Augen dieser schönen Frau, jawohl . . .

Aber dann tat man allerseits sehr unbefangen und sprach von den Dingen des Tages und bestellte schließlich die Pferde. Und dann, als die Herzogin von Lota in ihrem Zimmer mit dem Doktor Moron in aller Eile noch irgend welche geschäftlichen Dinge besprochen hatte – die Bodenankäufe, die er inzwischen abgeschlossen hatte, und die Rückerstattung ihrer Auslagen – und nachdem der kleine Herr Fred im Patio unten den Kakadu eine volle Stunde lang mit Kieseln bombardiert hatte –, da ritt man denn den schmalen Weg entlang, der nach der Stadt führte.

Eigentlich hätten sie die ganze Chinesenstadt passieren müssen, wenn sie auf dem kürzesten Wege Guayaquil und die Wiesen hätten erreichen wollen, über die der Ritt stromaufwärts führen sollte. Aber da trafen sie auf jenes Haus, bei dem vor soundsoviel Wochen der kleine Herr Fred haltgemacht hatte auf seinem Ritt zu der Herzogin von Lota. Eine himmelhohe Mietkaserne, eine kobaltblau gestrichene Bestie, von europäischen Bodenspekulanten in die Höhe gereckt 135 für gelbe Fabrikarbeiter und ebenso gefärbte Schuster und Lastträger und weiß Gott noch für wen.

Das souveräne Volk von Guayaquil hatte es sich ganz leicht gemacht, die abscheuliche Bude gründlich zu zerstören: sie hatten einfach die Gashähne aufgedreht und eine Zündschnur gelegt, und dann war von der Explosion ihnen die ganze Frontmauer vor die Füße geworfen worden. Das Haus zeigte auf diese Weise sozusagen seine Eingeweide; die kleinen entsetzlich schmierigen Kammern, in denen man gearbeitet hatte um einen Mückenlohn, gestorben war nach einem Leben in Schmutz und Abgründigkeit, nachdem man zuvor unendlich viel kleine gelbe Menschenkinder gezeugt hatte, kleine, schlitzäugige, wimmelnde Menschheit, bestimmt, alles auf dem Erdball zu zersetzen und sich endlich doch zu unterjochen.

Ja, das Haus war aufgeschnitten von oben nach unten mit einem Riesenrasiermesser, und die kleinen Kammern waren eigentlich ganz leer, den Schmutz abgerechnet. Nur irgendwo im fünften Stock, stehengeblieben durch einen verrückten Zufall, auf einem Fenstersims über einem 136 irrsinnigen Abgrund ragte, einsam und unerreichbar, der gelbe Trichter eines Riesengrammophons.

Die Einwohner waren nun nicht mehr zur Stelle, die hier gehaust hatten; ihr Hausrat nur lag noch herum: Strohmatten und die Trümmer billiger europäischer Weckuhren und uraltes, unerhört altmodisches Handwerkszeug, das der Urgroßvater schon in Hankou oder Woutschang benutzt hatte, ohne zu ahnen, wie viele seiner eigenen Vätergenerationen es schon in ihren Händen gehalten hatten. Und von den modernen unter ihnen, den organisierten Fabrikkulis mit dem geweckten Proletarierinstinkt, da war europäischer Hausrat liegen geblieben: Bettladen, übereinander geworfen, und Kochgeschirre, bestialisch verunreinigt von den Plünderern, und sogar die Trümmer eines vielleicht in Thüringen gefertigten Nußbaumpianinos. Reissäcke, aufgeschlitzte, mit verdorrten Blutlachen darauf, und Spiegelscherben und Kothaufen und Bettzeugbündel und eingetretene Kampferholzkisten und zu alledem ein zerfetzter riesiger Oeldruck, die Promenade von Interlaken darstellend. Alles wie von einem gefräßigen Ungeheuer verschlungen und wieder ausvomiert über den Schutthaufen des dunkelblauen Menschenkastens.

137 Und dann auf einer wahren Barrikade von allen diesen Dingen ein uralter Chinese in zerfetztem dunkelblauen Rock, mit aufgetriebenem Leib und riesengroß verquollenem Kopf, einen Strick um den Hals und die modernden Arme wagerecht ausgestreckt in die Luft wie ein Gekreuzigter: »Erbarmen . . . Erbarmen . . .«. Und dann stiebte, als es die Pferde merkte, ein Heer mächtiger Ratten auseinander . . . zehn Ratten . . . hunderte, und sie hatten bei den Leichen unter dem Chaos gesessen . . . ah, bei Leichennestern, und sie wollten nachher in die Speicher bei den Kais auswandern und unversehens in das nackte Bein eines Lastträgers beißen mit ihren vergifteten Zähnen . . . hu . . . kroch die Pest als Erbe aus dem Haufen von Schmutz und Aas hervor . . .

Der mit den ausgebreiteten Armen war schon von weitem zu sehen gewesen, und Fred hatte genug und wollte umbiegen. Aber da kam ein leichter Windstoß und trieb den drei Reitern einen Schwaden . . . ah, einen widerlich-süßlichen Brodem von dem zerstörten Haus zu. Die Pferde witterten ihn und stiegen mit entsetztem Trompetengeschrei und zitterten und waren nicht mehr von der Stelle zu bringen. Nur der träge 138 Paßgänger des Doktors Moron trottete indolent weiter in die Wolke hinein.

Der kleine Herr Fred hatte vollauf mit seinem Pferd zu tun. Die Herzogin klopfte dem ihren beruhigend den Hals und lächelte.

»Der Geruch einer anderen Welt«, sagte der Doktor Moron und lächelte rätselhaft.

»Hören Sie mal,« sagte der kleine Herr Fred, und er war in diesem Augenblick ganz und gar ein hochmütiger, in seinen einfachsten ästhetischen Begriffen verletzter Europäer, »was soll das heißen, der ›Geruch einer anderen Welt‹? Schöne Wirtschaft! Nach meinen Begriffen eine Schweinerei, einfach eine unglaubliche Schweinerei!«

Er saß bolzengerade auf seinem Wallach und sah dem anderen ins Gesicht. Aber dann arbeitete wieder das Pferd unter ihm und er hatte Mühe. es zwischen Schenkeln und Zügeln zu behalten. Zum Glück vielleicht, sonst wäre es schon jetzt am Ende zu einer sehr ernsten Auseinandersetzung gekommen.

Moron schien alles überhört zu haben, und die Herzogin von Lota, die gänzliche Parteilosigkeit an den Tag legte, schlug vor, einen Bogen um die Chinesenstadt zu machen, und schob damit für dieses Mal noch die Katastrophe hinaus.

139 Dann galoppierten sie schneller, als unbedingt notwendig gewesen wäre, über die Wiesen und ritten die verlassenen Kais entlang und kamen schließlich um die Mittagsstunde im Zentrum der Stadt an.

Dicht bei der Franziskanerkirche bogen sie auf die Plazza ein. Es roch nach frischen Brandstätten, und wenn Fred Zeit gehabt hätte, er hätte bemerken können, wie man inzwischen mit den Europäerhäusern umgesprungen war. Aber da rasselten Trommelwirbel und vor Juan Sanchez Moron trat die Wache ins Gewehr. Ein Offizierdegen blitzte, und wenn die Niggersoldaten auch keine Schuhe trugen, der Gewehrgriff rasselte doch genau so wie vor einem echten europäischen Herrscher. Eine Musikbande in der Mitte der Plazza konzertierte – in Guayaquil war jetzt alle Tage ein Feiertag –, lief heran, stellte sich in Front auf und über die Köpfe von tausend Menschen hinweg schrie prachtvoll und stolz mit Schellenbaum und Tubaton die Hymne des Staates. Die Pferde begannen zu nicken und auszuschreiten und die feiernden Fleteros sprangen von den Simsen herab, und durch die Gasse, die sich in der Menschenmauer bildete, ritt der Diktator von Ecuador und an seiner Seite die Herzogin von Lota.

140 Der ehemalige Advokat sah ernst und düster vor sich hin, so wie einst Napoleon durch die Rue Rivoli geritten sein mochte, und sparsam, wie es einem Staatsoberhaupt geziemte, ging er mit seinem Gruß für den gemeinen Pöbel um. Die Herzogin von Lota aber lächelte in unbeschreiblicher Anmut, und es war ganz selbstverständlich, daß alle dachten, was sie selbst in diesem Augenblick denken mochte: daß gut zu ihrem dunklen Haar eine Krone stehen würde, die Krone irgend eines jungen Staates, der sicherlich im Werden war . . .

»Es lebe Juan Sanchez Moron! Es lebe die Herzogin von Lota! Es lebe . . .«

Die Musik schmetterte von neuem darein und der Jubel wurde immer lauter und die Menschengasse immer enger. Sie wurde so eng, daß nur für zwei nebeneinander gehende Pferde Platz blieb, und es wäre selbstverständlich gewesen, daß der kleine Herr Fred als ein belangloser und allenfalls geduldeter Europäer hinter den beiden geritten wäre, ein Kavalier des künftigen Gefolges oder ein Stallmeister oder ein Bedienter.

Der kleine Herr Fred war plötzlich totenblaß geworden. Hinterherreiten? Ein Europäer? Er, der noch vor wenigen Stunden diese Frau da in 141 seinen Armen gehalten hatte, hinter ihr reiten und einem feisten, olivbraunen Indianer? Sein Sporn fuhr dem Wallach in die Flanke und sein Handgelenk wurde gerade so weiß an den Knöcheln wie damals an jenem Abend, als er die Nigger von dem Wagenbock entfernt hatte. Und mit einem Male schob sich sein Pferd zwischen die beiden vor ihm mitten hinein.

Der Weg war wirklich zu eng für drei, und Moron wurde mit seinem trägen Gaul einfach zur Seite geschoben in die Menschenmenge hinein. Er war ein miserabler Reiter und man sah ihn eine Weile mit den Armen durch die Lust fuchteln. Ein Weib in der gedrängten Masse schrie auf und die Dahinterstehenden fluchten und der Lärm machte selbst den Paßgänger Morons scheu. Er hatte eine ganze Weile damit zu tun, ihn einigermaßen zu beruhigen und die Bügel wieder zu finden. Er dachte einen Augenblick an eine Parade, die er auf den Pariser Champs elysées angesehen hatte, damals, als der Kriegsminister gerade vor der Präsidententribüne unter allgemeinem Gelächter abgeworfen worden war von seinem Pferde, und am nächsten Tage hatte es eine Ministerkrise gegeben. Er erinnerte sich daran, daß solche Stürze Staatsoberhäuptern nie gut bekommen, und riß, 142 bleich vor Wut, seinem Gaul in die Zügel und blieb zurück. Der Pöbel, der in dem Europäer den Arenasieger von ehedem erkennen mochte, begann zu lachen. Die Herzogin von Lota lächelte, und der kleine Herr Fred sah geradeaus in seinem unausstehlichen Europäerhochmut. Und die Musik schmetterte noch immer und der Gaul des Doktors Moron tanzte von neuem, daß sein Herr vorsichtshalber wie ein ältlicher europäischer Infanteriemajor in den Sattelbug griff und schließlich aschgrau vor Wut hinter den beiden herritt. Und jetzt war er nur noch der Herr aus dem Gefolge der beiden oder der Stallmeister oder Bediente . . .

Die ganze Szene hatte dann ein Ende, als sie von der Plazza in den Paseo de los hilos einbogen, eine unendlich lange, trostlose Straße, die von den mondänen Vierteln direkt in häßliche, schlecht riechende Vorstädte führt. Aber hier, an der Ecke, die das Arsenalgebäude mit jener Straße bildet, riß der kleine Herr Fred sein Pferd plötzlich zurück: dicht vor der weißen Mauer standen in einer einzigen langen Reihe, bewacht von einem Soldaten in zerlumpter Uniform, die Särge der gerichteten Haciendaros. Man hatte sie ja wohl geschlossen, aber sie standen noch immer hier als 143 ein warnendes Beispiel für alle Feinde der Regierung, und Moron selbst hatte es so befohlen. Er beobachtete im übrigen den Europäer, der sein Pferd wieder in Gang brachte, und es entging ihm nicht, daß er plötzlich um eine Schattierung blasser geworden war.

»Was sagen Sie zu dieser Reihe?« fragte der Doktor Moron und seine Stimme klang dabei ganz harmlos, als hätte er die Szene auf der Plazza längst vergessen.

»Bei uns in Europa«, sagte der kleine Herr Fred, »läßt man den Toten ihren Frieden. Und wenn ihn jemand stört, so sind es allenfalls Würmer oder Aasgeier.«

Damit ritt er an Moron vorbei.

Es war eine Weile still und nur die Hufe klappten auf dem schlechten Pflaster. Dann meinte auch die Herzogin von Lota, daß es Zeit sei, die Särge zu beseitigen.

»In den nächsten Tagen,« antwortete Moron, »es mag noch bis dahin der eine oder der andere hinzukommen.«

Und dann ritt man weiter zwischen den rohrgedeckten kleinen Häusern. Die Straße war leer, und wenn etwas sie belebte, so waren es allenfalls ein paar verhungerte räudige Hunde oder 144 ein Krüppel, der auf der Hausschwelle hockte und den drei Reitern irgend eine ungeheuerliche Zote nachsandte.

Die Berge wurden in der Ferne sichtbar und die Wolke darüber, die von dem Grünholz der Scheiterhaufen aufstieg. Die Häuser wurden spärlicher und man konnte auf die Guayaswiesen sehen, und durch die Lücken der Zeile fuhr der erste frischere Windhauch in die Höllenglut der Straße. Ein einzelnes Haus beendete die Reihe, armseliges, halbverbranntes Gemäuer mit eingeschlagenen Scheiben und verräucherten Fensterhöhlen. Ein einziger großer Schutthaufen ließ sich im Innern erkennen, und es blühte schon allerlei Grünzeug darauf. Halbverbrannte Fetzen von gemalten Leinwandprospekten, wie Vorstadtphotographen sie gebrauchen, flatterten im Winde, und dazwischen lagen die Trümmer einer gewissenhaft zerstörten Kamera. Nur der große Schaukasten an dem Bretterzaun nebenan war untadelig erhalten durch irgend einen Zufall.

Der kleine Herr Fred erinnerte sich, schon einmal hier gewesen zu sein, mit Braxton oder Ungern oder sonst irgend einem aus der Kolonie. Ein amerikanischer Photograph hatte hier einmal gewohnt, irgend ein halbverkommener armer 145 Teufel, den man kommen ließ, wenn man ein neugekauftes Pferd photographieren lassen wollte oder einen abnorm gehörnten Steppenhirsch, den man geschossen hatte.

Als er absaß, um sich das Bild im Schaukasten anzusehen, kletterte auch der Doktor Moron aus dem Sattel:

»Sie müssen das sehen, Herzogin«, sagte der Doktor Moron, »ich bin hier neulich vorbeigekommen und fand das Bild Ihres Freundes da. Nicht sehr vorteilhaft, muß ich gestehen. Aber es wird Sie doch interessieren . . .«

Und nun stieg auch die Herzogin von Lota ab.

Das Bild war das letzte, das der längst geflüchtete Amerikaner vor der Revolte noch hatte aufnehmen können. Es hatte die letzten Wochen überdauert. Braxton war darauf und der Kanonenhändler Hofmann und der Kurländer Ungern, der so ungeheure Alkoholmengen vertrug, und der Pater mit dem keilförmigen Vollbart und die anderen alle . . . Ja und der Sarg des kleinen Ruster mit den imitiert silbernen Totenköpfen daran. Und dann ganz vorn, als erster der Sargträger, ungebührlich vergrößert auf der schlechten Photographie, ging er selber, 146 niedergebeugt von einer viel zu schweren Last, verzerrt das Gesicht in einer unsäglichen Qual, die er in dieser Stunde kaum noch verstand.

Er sah sich eine Weile selbst in das verzeichnete Gesicht und fühlte ein ganz eigentümliches Grauen dabei, das ihn nicht losließ, so, als habe er seinen eigenen Leichnam gesehen. Da hörte er plötzlich lachen hinter sich und bemerkte die Herzogin von Lota, die ihm über die Schulter gesehen hatte. Neben ihr hielt der Doktor Moron, und er saß schon wieder zu Pferde und ließ die Beine wie zwei belanglose Anhängsel zu beiden Seiten des Sattels herabhängen. Die Herzogin von Lota musterte das Bild durch ihr Lorgnon und lachte: es war wirklich kein vorteilhaftes Bild des kleinen Herrn Fred. Es wirkte auf einen, der die näheren Umstände jener Stunde nicht kannte, ganz und gar lächerlich. Und der Doktor Moron grinste über sein feistes Gesicht wie einer, der einen bescheidenen, aber doch ganz entschiedenen Triumph davongetragen hat. Und noch, als sie die Stadt längst hinter sich gelassen hatten, erzählte er allerlei lehrreiche Geschichten von Leuten, die sich ganz kurz vor ihrem eigenen Tode als Sterbende gesehen hatten.

147 Aber das war, wie gesagt, schon am Rande der Vorstadt, und keiner von den beiden hörte mehr so recht auf ihn. Denn vor ihnen, die Steppe hob sich wie ein dampfendes Meer zu ungeheurer Weite, und auch hier war alles übersät mit den gelben Dornblüten des tropischen Frühlings, daß die Ebene wogte wie ein goldener Ozean. Und Wind schlug ihnen entgegen, und er brachte seine kühlende Frische von den Gletschern der Kordilleren, und alle Blüten hatte er unterwegs geküßt, daß sie in einer einzigen Wolke von Duft ritten.

Da fielen die Pferde von selbst in Galopp auf dem weichen Boden, und da war es ein seliges Auf- und Niederschwingen im Sattel, ein ganz unsägliches Jugendgefühl, in dem alle unangenehmen Erinnerungen und Aengste davonflogen. Der Paßgänger des Doktor Moron konnte dieses Tempo unmöglich mithalten, und man hörte ihn irgendwo weit hinten schnauben. Der kleine Herr Fred galoppierte also ganz allein neben der Herzogin von Lota, und wenn es für ihn überhaupt einen Wunsch gab in dieser Stunde, so war es der, dieses Jagen dürfe überhaupt kein Ende nehmen. Wenn es aber durchaus ein Ende gäbe, 148 dann müsse es irgendwo in der Silberferne sein, im kniehohen Steppengras an einem Lagerfeuer, das kaum zu brennen wagte im hellen Licht, in solchem Blumenduft, der vom Paradies käme, an der Seite dieser Frau . . . ach, eingewickelt in das blauschwarze Haar, wie er in ihrem Hause geruht hatte . . . eingesungen von den Tönen wilder Bienen und dem leisen Singen der Einsamkeit . . . und ganz fern, ganz fern würde man bei den Zelten die weidenden Pferde schnauben hören. Frau Uebersee . . . Frau Uebersee . . . da war wieder das Wort für das Weib an seiner Seite, für die schrecklich schöne Königin des ganzen duftenden Landes ringsum, der er nun einmal verfallen war, ein armer, von seiner Heimat losgelöster Europäer. Frau Uebersee . . . da begann mit einem Male der Schimmel der Herzogin in Trab zu fallen. Dann hielt sie und sprang ab und warf das Haupt mit dem gelösten Haar zurück und breitete die Arme weit aus, und es war ungewiß, ob sie das weite Land vor sich umfangen wollte oder den jungen Nordländer, der da vor ihr stand.

Frau Uebersee . . .

Das Gras war tief, und die Eukalyptusbüsche 149 luden weit aus und verdeckten die beiden ganz und gar. Und vielleicht wenn man nicht von fern den Galopprhythmus eines Pferdes gehört hätte . . . vielleicht hätte er ihn doch noch einmal an sich reißen können, seinen höchst vergänglichen Besitz, dieser arme kleine Herr Fred. So aber, gerade, als er ihn nehmen wollte, einmal noch, ein einziges letztes Mal, da erschien über dem Grashorizont zwischen den Bäumen ein breitkrämpiger Hut mit wohlberechneter Napoleonähnlichkeit und dann wurde ein ganzer Reiter daraus, und mit einem Male kam in das Gesicht der Herzogin von Lota wieder der ganz nüchterne und fast erwerbssüchtige Zug.

›Harfenspielerin‹ dachte der kleine Herr Fred und sah wieder das süße kleine Mädel aus Londoner oder Antwerpener Matrosenkneipen, die zuerst auch wie die bekränzte Flötenbläserin eines griechischen Gastmahles ausschaute und dann mit einem Male ein höchst zielbewußtes Weibsbild geworden war, das Geld in einen Teller sammelte . . .

»Nicht so . . . nicht jetzt. Du mußt vernünftig sein. Und ich auch . . . ich auch . . .«

Sie ließen beide die Arme sinken und standen 150 da, als hätten sie sich nur über die Gekkos unterhalten, die zu ihren Füßen im Gras raschelten. Neben ihnen hielt schwitzend und zerfließend in seiner Wohlbeleibtheit auf seinem gänzlich ausgepumpten Pferde der Doktor Moron.

»Sie reiten zu rasch, schöne Herzogin«, sagte er nachlässig und köpfte mit der Peitsche die erreichbaren Blumen.

»Für Sie und Ihren Schinder da«, knurrte der kleine Herr Fred wütend und stieg wieder auf den Wallach, der ganz friedlich neben dem Schimmel der Herzogin weidete.

»Europäische Pferde«, sagte der Doktor Moron und lächelte anzüglich; »europäische Pferde laufen sehr rasch, aber sie vertragen das Klima nicht. Sie werden nicht alt hierzulande. Wenn Sie wollen, können Sie morgen ein einheimisches kaufen. Ich lasse die Pferde der Haciendaros versteigern auf der Plazza . . .«

Der kleine Herr Fred sah ihn scharf an. Was hatte der Kerl eigentlich mit seinen ewigen Anzüglichkeiten?

Eigentlich waren doch Gelegenheit und Ort und Stunde ausgezeichnet, um endlich einmal die Rechnung zwischen ihnen beiden ins Reine 151 zu bringen, diese Rechnung, die ja wohl einmal ins Reine kommen mußte. Aber der Doktor Moron begann plötzlich von anderen Dingen zu sprechen und sagte ihm sofort irgend etwas Verbindliches über sein gutes Reiten und wie wundervoll es ausgesehen hätte, dieser rasche Ritt über die Steppe. Ja, und im übrigen sei es Zeit aufzubrechen, wenn sie noch ihr Ziel erreichen wollten. Und er wies nach dem Höhenzug, der den Guayas begleitete und hier ganz nahe an die Ufer herantrat.

Der kleine Herr Fred hatte das alles nicht mehr gehört. Er hieb plötzlich auf sein Pferd ein, daß es von der Stelle in Galopp ansprang, und sauste wie ein weißer Strich durch die Steppe. Mochten die beiden ihm doch nachkommen . . .

Die rasche Bewegung und der kühle Wind taten ihm gut. Aber mit einem Male begann der Wallach vorsichtig zu treten, und er bemerkte erst jetzt, daß die Wände der Hügel dicht vor ihm lagen. Unmittelbar vor ihm aber lag ein Sumpf, eine abflußlose Stelle, in die irgend ein kleiner Wasserlauf mündete. Die nahen Hügel versperrten dem Wind den Weg, es war kochend 152 heiß hier. Der Pfad, der hinaufführte, begann erst jenseits dieses Sumpfes.

Er steuerte den Wallach vorsichtig hindurch zwischen den trüben Lachen. Gasblasen stiegen auf und vermoderte Baumäste griffen nach ihm. Mangrovengestrüpp streckte die Luftwurzeln aus und zwischen den Wurzeln waren schwarze Höhlen, und aus den Höhlen kam ein Rascheln und Schaben und animalisches Schmatzen, dessen Ursache man lieber nicht ergründen mochte. Krabben, ekelhafte, grauschwarze, zogen Spuren durch den Schlamm und Millionen feister Maden krochen ihren Weg, und in dieser Ueberfülle von Leben lag eine große Panzereidechse auf dem Rücken, tot und schon mit aufgetriebenem weißen Bauch.

Ein heißer Nebel stieg aus dem Sumpf und Giftbremsen summten in großen Schwärmen und setzten sich dem Pferd in Auge und Nüstern. Der kleine Herr Fred dachte an Schlangen, die jetzt zur Regenzeit unter Sumpfpflanzen lauerten und wütend nach allem schnappten, was sie im Fortpflanzungsgeschäft störte. Er stieg ab und machte die Zügel kurz. Er führte das Pferd auf eine 153 leidlich feste Insel und sah sich um, ob die Herzogin von Lota ihm nicht gefolgt wäre.

Aber es war ganz still ringsum und nur die Gekkos schmatzten irgendwo in ihren heißen Schlupfwinkeln. Und mit einem Male, mitten in dieser ungeheuerlichen Natur, ganz plötzlich überkam ihn das Grauen vor seiner Umgebung und seiner Verlassenheit. Und ebenso plötzlich, zum ersten Male, seit er in den Tropen war, packte ihn jene wütende Sehnsucht, die alle Tropenleute einmal kennenlernen, jenes stürmische Verlangen nach Frische und Kühle, nach der herberen, freundlicheren Heimat, nach der großen gütigeren Europamutter: jenes Verlangen, gegen das es meistens keine Berufung gibt.

Er saß wieder auf und arbeitete sich durch den Sumpf. Am anderen Ende stieg der Pfad steil bergan und die Hufe des Wallachs krallten sich in hartes Gestein. Ohne daß es der kleine Herr Fred eigentlich merkte, schrob sich der Weg in die Höhe . . . vierhundert . . . fünfhundert Meter. Der Wind begann wieder durch seine Haare zu wehen, kühler und schärfer, als er es seit Monaten gespürt hatte. Und je dünner und herber die Luft wurde, desto mehr überkam ihn 154 das Verlangen, ganz weit fort zu sein von der schwülenden, dampfenden Ebene dort unten . . . In einem Klappstuhl an Deck zu liegen und versonnen auf die Gletscher der Magelhaensstraße zu sehen, die backbords vorüberzogen, und weiße Möwen zu füttern, die mit dem Schiffe segelten. Ein Kiefernast, der seine Stirn streifte, unterbrach seine Träume. Der Saumpfad war zu Ende. Er war auf einer kleinen Ebene, hoch über dem Meer, das ganz aus der Ferne durch die Nebel der Guayaswiesen grüßte . . . Die Tropenvegetation war hier zu Ende, und ganz vertraute Bergkräuter, Salbei und Thymian und Lavendel, wuchsen, und der Wind duftete, wie er in Europasommern duftet, wenn man auf Bergrücken liegt und ganz fern das Geläut einer Viehherde hört. Falter, ganz gewöhnliche gelbe mit schlichten Flügeln, segelten durch die Luft und ließen sich friedfertig auf seinem Arm nieder, als läge da unten nicht eine Welt, deren Sinn es war, zu töten und zu fechten um alles: um Besitz und das bischen Leben und um das Weib vor allem, immer wieder um das Weib.

Aber als der kleine Herr Fred, überrascht von so viel Frieden, die Augen hob, da bemerkte er sanfte, grüne Erdwälle, die diese kleine Hochebene 155 begrenzten. Und als er dann genauer hinsah, da waren es die buschbestandenen Schanzen eines der verlassenen Spanierforts aus der Erobererzeit: vergessene Erdwerke, die man hier allenthalben in den Wäldern finden konnte und auf die er bei seinen Jagden auch schon gestoßen war. Der viereckige Wachtturm, der einmal über die Ebene geschaut hatte, war nur noch ein kümmerlicher Stumpf und zeigte nur noch auf der einen Seite die Reste eines Bogenfensters. Eine alte rostzerfressene Kanone war über den Wall in den verschütteten Graben geworfen und war schon ganz überdeckt von den grünen Stricken der Schlingpflanzen. Im Hof die Kasematten waren längst eingestürzt und grüngoldene kleine Eidechsen sonnten sich auf dem Schutt.

Aber da war im Hintergrunde des Hofes die Kapelle der zerstörten kleinen Festung, und sie war aus Steinen gebaut, und ihre Seitenwände standen noch leidlich gut erhalten. Eine Mauer aus großen, grauen Quadern führte dorthin. Er mochte einmal als Begräbnisplatz gedient haben, der Raum vor dieser Mauer, denn allenthalben war in ihr Medaillon neben Medaillon eingelassen: armselige Denksteine für die, die einmal 156 hier gestorben waren als Söldner des fünften Karl. Da waren steinerne Totenschädel und Sanduhren und alle sonstigen Symbole der menschlichen Vergänglichkeit, und die Inschriften darunter waren längst verwischt. Aber in der Mitte der Mauer, tief eingebaut in eine Nische und geschützt vor Regen und Wind, da war eine große Steingruppe und ihre Inschrift – ein ungefüges Deutsch in gotischen Lettern – ließ sich noch mühelos entziffern.

»Im 1530. Jahr / am St. Barbaras Tag / do starb allhier Jürgen Straubinger von Regensburg, dieser Feste Stückmeister / Got gnad.«

Es war ein rohes Steinbild, von irgend einem entlaufenen Schüler einer mittelalterlichen Werkstatt mit ungefügen Werkzeugen in den harten Stein gehauen. Ein bärtiger Mensch mit Schlitzwams und Kesselhaube kniete und bat um Vergebung für seine in zwei Weltteilen begangenen Sünden. Aber zu seinen Häupten ragte das Marterholz, und der daran hing, schrie auf in unsäglichem Weh über den Jammer einer bluttriefenden Welt. Ueber arme Schacher schrie er, die man an die Wand stellte und deren Leib die Kugel zerriß; über kleine zertretene Menschenblüten, die man fortwarf mit durchschnittenem 157 Hals. Ueber das verhungerte Maultier, das der Treiber niederschlug mit nagelbesetztem Stock . . . über die ganze leidende Kreatur ein einziger gellender Jammerschrei nach Erbarmen. »Gott Gnade . . . Gott Gnade!«

Die Natur ringsum hörte deswegen nicht auf, ihre eigenen Geschöpfe zu verschlingen. Und es ist nicht anzunehmen, daß ein einziges Gotteskind ihn hörte in der grausamen Stadt dort, wo der Rauch um gemordete Menschenleiber wirbelte und die Lehre von der ewigen Liebe doch immer nur ein Fremdkörper bleiben wird, wie überall in den Tropen. Aber wer verlassen ist und enttäuscht, mag ihn zuweilen hören. Und wer selbst bald den bitteren Becher trinken muß, zu dem mag der Ruf doch mitunter dringen in einer einsamen Stunde. –

Natürlich war der kleine Herr Fred an sich ein fröhliches Weltkind, dem die Derbys in Horn bislang mehr gesagt hatten als gotische Dome mit ihren Epitaphien. Aber hier geschah es doch, daß er Ort und Stunde vergaß und hinaufstarrte zu dem Schmerzensmann. Ein blutroter Falter umflog still das Steinhaupt und setzte sich auf den Spitzen des Dornenkranzes nieder, daß es aussah, als quelle Blut aus der wunden Stirn.

158 Da beugte sich der kleine Herr Fred zur Erde nieder und riß, ohne daß er recht wußte, was er tat, ein paar von den Bergblumen ab und schmückte das Grabmal des Jürgen Straubinger, der hier den Tod erlitten hatte, ganz weit von den Giebelhäusern seiner Stadt. –

Aber mit einem Male war es vorbei mit der heiligen Stille ringsum. Ein Pferd hörte er schnauben und hörte Stimmen, und als er hinsah, da sah er den Schleier der Herzogin bei den Erdwällen wehen und hinterher den Doktor Moron, der durch das Grün heranschwankte auf seinem kleinen Pferd. Und wie er die Stimme des anderen hörte, die Stimme eines Mannes, der sich alles kaufen konnte auf der Welt – die Macht über dieses Land und den Besitz seiner gemordeten Gegner und das Weib dort an seiner Seite – da war es denn aus mit der ersten nachdenklichen Stunde seines Lebens. Und da war es mit einem Male wieder – zum zehnten, zum hundertsten Male an diesem Tag – der Wunsch, dem anderen ins Gesicht zu schlagen, ihn irgendwie zu demütigen vor den Augen dieser Frau, hier, gerade hier.

Aber der Diktator von Ecuador beachtete ihn zunächst überhaupt nicht und erklärte – 159 Fremdenführer halb und halb Gebieter über alles im Kreise ringsum –, daß man dieses Fort hier erst vor kurzer Zeit gefunden habe und daß es wohl in den Flibustierkämpfen vor dreihundert Jahren zerstört sei, und daß er selbst entschlossen sei, sich hier einen Sitz zu bauen für die schlechte Jahreszeit, hier, wo die Luft gesünder sei; ja, und das alte Gerümpel müsse natürlich vorher beseitigt werden.

Und er spie in weitem Bogen aus und verfehlte nicht, mit dem Reitstock ein Nest Mauerschwalben von dem Sims oben herabzuholen, daß die unbefiederte Brut gerade vor seine Füße zu liegen kam. Dann ließ er sich schwerfällig aus dem Sattel gleiten und half auch der Herzogin von Lota herab. Und dann erst bemerkten die beiden den kleinen Herrn Fred, der noch immer vor dem Epitaph stand und ihnen beiden geflissentlich den Rücken drehte.

»Sie sind ein schlechter Kamerad,« rief die Herzogin von Lota. »Sie lassen Ihre Gesellschaft einfach im Stich . . .«

»Lassen Sie, Herzogin,« sagte der Doktor Moron, »er ist ein Einsiedler, der seinen Kummer in die Wüste trägt. Hören Sie zu«, rief er zu dem kleinen Herrn Fred hinüber, »ich bin 160 gesonnen, an diesem Orte mir einen Landsitz zu errichten, und werde Sie zum Eremiten machen, der ihn in meiner Abwesenheit bewacht.«

Das war nun eine Herausforderung, eine ganz plumpe Anrempelei, die an sich schon Prügel verdient hätte. Aber als der kleine Herr Fred sich blitzschnell umdrehte, um den Lümmel am Kragen zu fassen, da hatte der andere, der das alles gar nicht sah, die Blumen am Epitaph bemerkt, und er rannte dorthin, an dem Europäer vorbei, als hätte er dort etwas ganz Ungeheuerliches entdeckt, eine lächerliche Sentimentalität, auf die eben nur ein Weißer verfallen konnte.

»Hierher, Herzogin,« schrie der Doktor Moron und fischte mit seinem Reitstock nach den Blumen, »sehen Sie sich das an . . . er hat gebetet, wie ich Ihnen vorhin sagte . . . ein Einsiedler, ein . . .«

Er kam dann nicht mehr weiter. Sein Schädel dröhnte plötzlich unter einer ungeheuren Maulschelle und er fiel zu Boden, gerade auf seinen breiten Rücken, und es knallte dabei ganz eigentümlich. Zunächst war er erledigt, ein umgefallener Mehlsack, der ohne fremde Hilfe nicht aufgerichtet werden konnte. Aber dann, als der Europäer sich über ihn warf, besann er sich darauf, daß die Herzogin von Lota dem Kampfe zuschaute, 161 und er verteidigte sich wütend mit einer verbissenen Verzweiflung, wie eine verwundete Katze sich gegen einen überlegenen Terrier verteidigt. Er verstand weder das Dsiu-Dsitsu noch eine andere Ringkunst, er hatte dünne Arme an einem verfetteten Rumpf hängen. Aber er biß und kratzte und spie sogar und verkrampfte sich in den Gegner, daß sie sich stöhnend eine Weile über den Boden wälzten in einem zunächst unentschiedenen Ringen.

Die Herzogin von Lota stand dabei, ohne irgendwie einzugreifen, mit völliger Objektivität und nur voller unbändiger Neugier, welcher Mann über den anderen siegen würde. Und gerade wie bei dem Ringen in der Arena vor einem halben Jahr passierte es dem kleinen Herrn Fred, daß er einen Augenblick unaufmerksam wurde und hinüberschielte nach der schönen Frau. Und diesen Augenblick benutzte der Doktor Moron und krallte seine Hand in den Mauerschutt und warf ihn dem Gegner ins Gesicht, daß der Europäer hustete und spie und eine Weile blind war.

Aber da kam eine ungeheuere Wut über ihn und er riß sich los mit seiner ganzen Jungenkraft und warf sich über den Doktor Moron, daß es wohl oder übel geschehen sein mußte um den 162 atemlosen, dicken Menschen. Und dann hagelte eine Sintflut von Prügeln, nicht von kunstgerechten Fechterstößen, sondern von ganz obskuren Maulschellen auf ihn ein, eine wahre Orgie, in der der kleine Herr Fred endlich, endlich einmal seinen Groll austoben konnte. Und dann war der Diktator der verjüngten Aequatorrepublik und künftige Herrscher eines ganzen Erdteiles eigentlich überhaupt kein Mensch mehr: er war vielmehr nur noch ein blutendes, kotbesudeltes Ding von annähernd menschenähnlicher Gestalt, ein Bündel zerfetzter Kleider, das man mit einem Fußtritt in die nächste Ecke befördern konnte. Aber noch da, als er davonschlich zu seinem Pferde und die Herzogin von Lota lieber nicht ansah, auch da wußte er schon ganz genau, wie er Rache nehmen würde, oh, eine ungeheuerliche, amerikanische Rache . . .

Der kleine Herr Fred hingegen hatte nach dieser Szene ganz und gar nicht die Geste des Siegers. Er war vielmehr verlegen und hatte wieder etwas von einem jungen Bernhardiner, als er vor die Herzogin von Lota trat und irgend eine Bitte um Verzeihung stammelte, in seiner 163 Muttersprache übrigens. Denn er hatte sein Spanisch plötzlich vergessen in dieser Stunde.

Die Herzogin von Lota hatte, wie gesagt, ganz objektiv dem Kampf zugesehen und hatte eben nur den Sieg des einen oder des anderen Mannes abgewartet. Anderseits aber war sie ja an allen Finanzgeschäften beteiligt, deren Fäden in der Hand des Geprügelten zusammenliefen. Sie hatte einfach ihr Vermögen auf die Karte des Doktor Moron gesetzt, und sie war neben ihm durch eine jubelnde Stadt wie eine Königin geritten und sie war nicht im mindesten gesonnen, auf ihre Rolle in der Gesellschaft und auf ihr Vermögen und auf eine Wiederholung jenes Rittes zu verzichten wegen eines schönen weißhaarigen Jungen. Später einmal, wenn er wieder vor ihr Haus kommen würde, später vielleicht . . .

Aber jetzt sagte sie ganz kühl, sie sei es nicht gewohnt, daß man sich in ihrer Gegenwart prügele wie ein betrunkener Maultiertreiber. Und dann wandte sie sich ab und folgte dem Doktor Moron, der mit einiger Mühe schon in den Sattel geklettert war. 164

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