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Frau Übersee

Fritz Reck-Mallaczewen: Frau Übersee - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Übersee
authorFritz Reck-Malleczewen
year1918
firstpub1918
publisherRolf Mosse
addressBerlin
titleFrau Übersee
pages191
created20160218
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Als der kleine Herr Fred todmüde und völlig 90 durchnäßt von einer unwahrscheinlichen Regenboe von diesem Begräbnis heimkehrte, fand er einen Brief vor, der vor einer halben Stunde für ihn abgegeben worden war. Es war ein rosa Billett und es duftete nach einem für europäische Nasen ganz unmöglichen Parfüm, wie es die elegante kreolische Männerwelt wohl liebt, wie es den kleinen Herrn Fred aber entschieden an den unerträglichen Moschusduft des Schlangengartens erinnerte.

Das Billett war übrigens von dem Doktor Juan Sanchez Moron und enthielt die nochmalige Versicherung, daß er den ärgerlichen Vorfall vom gestrigen Abend für völlig erledigt halte. Ja, er, J. S. Moron, habe erfahren, daß sich sein vermeintlicher Gegner für die Sache der unterdrückten Menschheit begeistere, und es sei ihm eine Genugtuung ohnegleichen, dem Gegner von gestern heute ritterlich die Hand drücken zu können.

Das versicherte Juan Sanchez Moron.

Und in einem Nachsatz sagte er dann, es sei ihm eigentlich unleidlich, gerade in diesem Brief von Geld zu sprechen. Aber die Sache erfordere es, daß die der Herzogin von Lota versprochene Summe heute noch in seinen Händen sei. Die beste Gelegenheit, es ihm auszuhändigen, 91 würde sich am heutigen Abend finden, wenn er, Juan Sanchez Moron, auf der Plazza Vittoria zum Volk sprechen werde. Die Herzogin von Lota werde selbstverständlich zugegen sein, und er hoffe, daß Fred ebenfalls . . .

So schrieb der Doktor Moron. Und der kleine Herr Fred erinnerte sich wohl seines Versprechens und nahm sich vor, in jedem Falle noch heute das Geld von der Bank zu holen. Zunächst aber mußte er schlafen. Der erste Tag der Regenzeit und das Begräbnis des kleinen Ruster waren ihm nicht gut bekommen. Und während er schlief, rollte der große Stein ein gutes Stück weiter.

Es hatte übrigens wirklich keiner Zeit gehabt, an den Toten zu denken. Denn es geschah an demselben Abend, daß jener große Putsch ausbrach, der allen Europäern in Ecuador noch heute unvergeßlich ist, und alles von oben nach unten und vor allem von unten nach oben kehrte in diesem verrückten Land, wo alles zur Hälfte Operette, zur anderen Hälfte aber ganz infame, blutige Wirklichkeit ist. –

Es kam viel schneller, als alle es erwartet hatten. Und es fing natürlich damit an, daß man einen reichen chinesischen Krämer in seiner Wohnung überfiel und ihm den Hals abschnitt.

92 Das war ganz rasch und beinahe unauffällig geschehen und die Regierungstruppen waren zufällig an einem anderen Ende der Stadt. Aber der Kopf, den man nach berühmten Mustern auf eine Stange gesteckt hatte, lockte immer mehr Pöbel herbei, bis schließlich alles durch die Calle amarilla heulte, was sonst in Guayaquil Dampfer ladet und löscht oder Kaffee in großen Tüchern auf der Straße trocknet oder auf den Kais faulenzt.

Vor den Konsulaten ging die Sache übrigens glimpflich ab: man fühlte sich ein wenig unsicher vor den Wappen mit den springenden Löwen und fliegenden Adlern und hatte wohl noch eine dunkle Vorstellung von kleinen weiß getünchten Kreuzern, die Guayaquil in einer halben Stunde in Brand schießen konnten.

Man beschränkte sich also darauf, vor den Konsulaten ein paar Reden zu halten und zu versichern, daß die Köpfe aller Fremden alsbald auf solchen Stangen stecken würden, und die Regierung niederzubrüllen und die Unabhängigkeit des Volkes und noch verschiedene andere Unabhängigkeiten hochleben zu lassen, worüber auf seiner Stange der Chinese lebhaft grinste. Dann zog man vor die Südamerikanische Bank, die Braxton als Direktor leitete.

93 Er war fabelhaft vertieft in irgend ein Schreiben an die europäische Zentrale, als das Gejohle auf der Plazza losging. Er blickte von seiner Arbeit erst auf, als ihm durch das offene Fenster der Kopf auf der Stange vor die Nase gehalten wurde. Das war überraschend, es ließ sich nicht leugnen, und Braxton starrte eine Weile entsetzt in das gelbe Gesicht, das vergessen hatte, seinen übrigen Körper mitzubringen. Ein Chinese hat bekanntlich breite Backenknochen, die so aussehen, als sei kein Fleisch mehr darauf, und eine eingesunkene Nase hat ein Chinese auch. Ein Chinesenkopf, auch wenn er seinen übrigen Körper mitbringt, hat immer eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Kopf des Knochenmannes, und an diese Aehnlichkeit mußte Braxton denken, als ihm das Haupt des Krämers Lao-Tse vor die Nase gehalten wurde. Dann als Braxton ihn offenen Mundes und ein wenige bleichen Gesichtes genau betrachtet hatte, griff er zu der Repetierbüchse, mit der er früher in Singapoore Panther geschossen hatte und die immer in erreichbarer Nähe stand.

Er bemerkte dabei übrigens, daß er ganz allein war: von draußen durch die Fenster summten allerliebst, wie hochgestimmte Bienen, freundliche Browningkugeln hinein und hatten alle die weißen 94 und die braunen Clearks und auch die mit den Uebergangsfarben verscheucht. Die Tür war vom Pförtner innen noch verrammelt worden. Und durch das enge Guckloch schob Braxton leise schmatzend (das tat er immer im entscheidenden Augenblick, auf der Jagd und bei kitzlichen merkantilen Verhandlungen) den Büchsenlauf. Dann erklärte er denen draußen in wohlgesetzter und durchaus nicht unhöflicher Rede, es würde doch nicht gut sein, wenn man sich zu ihm hineinbemühe: er habe zwölf Kugeln im Magazin und würde mithin zwölf mit sich zum Teufel nehmen, wenn man ihm an den Hals wolle.

Es ist durchaus möglich, daß schon das gewirkt hätte. Aber das wesentlichste war, daß in diesem Augenblick wieder der Regen losging, kein Regenschauer, sondern jene tropische Sintflut, ein heilloses Durcheinander von Wasser und Menschen, das schließlich die Calle amarilla hinabschwamm. Und dann kam endlich Militär vom Gouvernement und die Clearks aller Farben kamen aus ihren Verstecken hervor und Braxton hatte es wieder einmal, wie so oft in seinem Leben, geschafft . . .

Dann belebte sich die Plazza von neuem. Nicht von Kreolen, o nein, der Pöbel war weitergezogen in die Vorstädte, und man hörte das wüste 95 Geschrei von den nördlichen Vierteln her, wo die Paria der Europäer wohnt, Werkmeister der Fabriken und Handwerker und Gott weiß wer. Aber andere Dinge belebten jetzt die Plazza, und das waren kleine, Braxton wohl bekannte Fuhrwerke, die hochbeladen mit allerlei Dingen und vor allem mit Menschen die Calle amarilla nach dem Kai zu hinabsausten, wo der Dampfer nun verzweifelt schnell den Rest seiner Ladung lud.

Braxton kannte die Menschen wohl: sie hatten mit ihm Abend für Abend auf der Veranda des Europäischen Klubs gesessen, er hatte mit ihnen gepokert und Kaimans geschossen und war mit ihren Damen und Kindern nach Puna gefahren und nach Tumbez. Sie waren alle da: Hofmann von Leuchtenstern und Caffard, der hier mit französischen Parfüms handelte, und der Brüsseler Guignon mit seiner Frau, einer Pariserin, die unter ihrer wertvollsten Habe auch ihren Kakadukäfig auf dem Wagen verstaut hatte und eigentlich selbst dasaß wie ein großer bunter Kakadu.

Gewiß, sie waren gestern noch allesamt gute Freunde gewesen und hatten versichert, daß sie im Falle einer Revolution zusammenhalten würden. Aber nun waren alle ihre Gesichter von der nämlichen Angst verzerrt, und die Damen starrten 96 verzweifelt auf das Straßenende, wo die Lantschen lagen, um sie samt ihrem Trödel zum Dampfer zu bringen. Die Männer sahen ab und zu in die Seitengassen, rissen den Kutschern die Peitsche aus der Hand und hieben mit einer für einen Europäer ganz ungewöhnlichen Roheit auf die abgetriebenen Mähren ein. Und keiner hatte Zeit, sich von Braxton auch nur mit einem Blick zu verabschieden, kein einziger.

Braxton war diese Flucht nicht überraschend. Er schalt auch seine Clearks nicht, die ihn vorhin im Stiche gelassen hatten. Er wußte aus anderen Situationen seines bunten Lebens, daß Feigheit und Löwenherzigkeit in einem und demselben Menschen sich mischen und daß es von ganz unkontrollierbaren Zufällen abhängig bleibt, wer von beiden gerade der stärkere ist: der Hase oder der Löwe. Er stopfte eine neue Pfeife und rauchte wie ein armer Mann, der Kuchen backt, und schaukelte die Repetierbüchse auf den Knien.

Im übrigen hatte er angeordnet, daß die Barbestände, die riesengroßen Hundert-Dollar-Stücke, die die Welt beherrschen wollen, und die Pfunde und die seltenen Goldmünzen der südamerikanischen Staaten, alle verpackt und versiegelt und unter Bedeckung des Militärs ebenfalls an Bord 97 des Dampfers gebracht würden. Und jedesmal, wenn sein Prokurist, ein Japaner, der ihm gerade bis zur Hüfte reichte, ihm meldete, daß wieder soundso viel tausend Pfund verpackt seien, dann grunzte Braxton zufrieden, als ein Mann, der seine Pflicht getan hatte und nun in der Lage war, dem Riesentheater einer südamerikanischen Revolution in aller Muße zuzusehen.

Mit einem Male aber geschah es, daß der große Mann entsetzt aufsprang von seinem Sitz. Bei der Franziskanerkirche drüben, wo der Pöbel, drapiert mit den bunten Seidenfetzen der geplünderten Chinesenläden, auf den Stufen lagerte, dort tauchte in scharfem Trab ein einzelner, weiß gekleideter Reiter auf, und dieser Reiter – Braxton wurde plötzlich totenblaß und legte die Büchse bereit . . .

Ein infernalisches Scheltwort hallte von drüben über den Platz und ein Hagel von Steinen sauste dem Reiter nach, daß der Wallach stieg und eine Weile dicht vor dem johlenden Pöbel tanzte. Dann hatte der Mann darauf sich doch seinen Weg gebahnt und mit einem Male sprang der kleine Herr Fred vor dem Gebäude der Südamerikanischen Bank ab und vor Braxton, den er heute morgen verprügelt hatte. In allerbester strahlender Laune übrigens: er hatte die Morgenmüdigkeit und den 98 Kopfschmerz verschlafen und war frisch wie ein neugeborener Delphin und fragte Braxton kurzerhand, ob er noch rasch seinen Kreditbrief abheben könne. Worauf er zunächst keine Antwort erhielt, weil Braxton, der eben noch hundert heulende Halbwilde mit einem blutigen Chinesenkopf gesehen hatte – nun weil Braxton den lachenden kleinen Herrn Fred mit seinen weißledernen Breaches und seinem gelben Seidenhemd für etwas Unmögliches, einfach für eine Fata Morgana hielt.

Da lachte der andere, so, wie man lacht, wenn man einundzwanzig Jahre ist und ein einsames Haus mit einer wunderschönen Frau weiß – und er hielt dem großen Braxton seine Hand hin. Es war eben alles nur ein einfacher Boxerkampf gewesen und es hätte alles nichts zu bedeuten und Braxton werde ihm die Sache gewiß nicht nachtragen. Aber sein Geld müsse er jetzt haben, unter allen Umständen.

Braxton sah das völlig ein: der andere wollte eben mit dem Dampfer fort, natürlich. Gelbfieber und Revolution zu gleicher Zeit, das konnte einen ja zur Vernunft bringen, selbst wenn da irgend ein hübsches Frauenzimmer saß, das einen festhalten wollte. Und Braxton fühlte sich einer neuen Verantwortung enthoben und schüttelte ihm die Hand. 99 Natürlich die Sache von heute morgen war ehrlich ausgefochten und damit vergessen. Ja, und das Geld . . . er hätte beinahe schon den letzten Cent fortgeschickt. Aber das ließe sich ja wohl noch rückgängig machen. Und der japanische Prokurist entsiegelte in aller Eile wieder soundsoviele Tausend-Pfund-Rollen, und der kleine Herr Fred unterzeichnete seine Quittung.

»Ja,« sagte Braxton, als er ihm die Summe zuschob, »er werde sich nun wohl beeilen müssen, wenn er noch einen Platz auf dem Dampfer bekommen wolle. Die anderen Europäer seien schon längst dort. Und ob er ihm vielleicht einen Soldaten als Geleit bis zum Kai verschaffen solle?«

Da lachte ihm der kleine Herr Fred geradeaus ins Gesicht und sagte, es fiele ihm gar nicht ein, fortzugehen von Guayaquil, jetzt, wo es anfange, ein wenig interessant zu werden. Nein, er bliebe hier und brauche das Geld nur, um . . .

Aber da schwieg er in plötzlicher Verlegenheit und steckte den Fuß rasch wieder in den Bügel.

Schon vom Sattel aus fragte er den sprachlosen Braxton, ob er jetzt auf die Plazza Vittoria zu dem großen Meeting käme, und der Doktor Moron und die Herzogin von Lota würden auch dort sein. Aber da sprang der Wallach plötzlich im Galopp 100 an und sauste mit seinem Reiter über den Platz, und Braxton stand da und wußte nicht, ob er sich, nachdem alle anderen Europäer ausgerissen waren, über diesen hier ärgern oder sich freuen sollte.

Am selben Abend wurde er sich völlig klar über Aerger oder Freude. Am selben Abend, als der Dampfer mit den übrigen Europäern und den Barbeständen der Südamerikanischen Bank längst auf der Höhe von Tumbez und noch weiter südlich war, erschien Braxton als ein freier, aller Verantwortung enthobener Mann auf der Plazza Vittoria. Er konnte das ohne weiteres tun: einmal, weil er James Braxton war, und dann vor allem, weil die Maschinen des Elektrizitätswerkes längst zerschlagen waren und niemand in der allgemeinen Finsternis ihn so leicht als Weißen erkannt hätte. Die Nigger hatten Glück, und das nächste Gewitter ließ auf sich warten, daß unter dem blaugrünen Himmel alles ein einziges Chaos von fünfzigtausend Menschen war.

Fünfzig Menschen, geschweige denn tausendmal soviel, lärmen in diesen Breiten immer. Sie werfen mit Bananenschalen nach der Kinoleinwand, auf der sich ein langweiliger Film zu langsam abwickelt; sie heulen bei den Stiergefechten einen Torero zur Arena hinaus, wenn der Stier zu 101 schwach ist und zu wenig Pferden den Leib aufschlitzt; sie können eine Hölle von Spektakel loslassen, wenn ein Maultier auf der Straße unter übergroßer Last zusammenbricht und dem Treiber trotz aller Peitschenhiebe verendet. Zugunsten des Eseltreibers, wohlverstanden . . .

Hier aber waren fünfzigtausend Menschen – Braxton konnte dies unerhörte Wunder nicht fassen – ganz still. Fünfzigtausend braune Menschen, schön ein jeder wie Apoll und jeder mit der Anmut eines Königs, lagen auf den Steinen, hingen in schwarzen Trauben auf den Eukalyptusbäumen, waren sogar auf das bronzene Pferd des Francisco Pizarro geklettert, der als gespenstischer Reiter über dieser schweigenden Versammlung durch die Nacht ritt. Ein Licht nur leuchtete durch diese Finsternis, und das war eine einzelne Fackel auf den Denkmalstufen, von denen Juan Sanchez Moron zum Volke sprach. Und eine einzige Stimme nur schrie hinein in das Dunkel, und das war die des Volkstribunen, der ihnen allen, Fleteros und Lastträgern, Schauerleuten und Lanchenführern und Cacaoarbeitern, einhämmerte, wie lange sie schon selbst als Herren über die Farmen am Guayas verfügen könnten, wenn in Quito nicht Verräter regierten, elende, von 102 den Europäern und den Haciendaros bestochene Verräter, die den Tod tausendfach verdient hätten: den Tod wegen Ausbeutung des Volkes . . .

Das Licht der Fackel, still verknisternd in der absoluten Windstille, schien grell in das Gesicht des Doktors Juan Sanchez Moron, daß es starr und erbarmungslos war wie das eines Raubmörders in einem Wachsfigurenkabinett. Die ausgestreckte Faust ging auf und ab und ab und auf und hämmerte es denen zu seinen Füßen ein, daß Blut fließen müsse um die Errettung der farbigen Menschheit. Und jedesmal sauste das Wort »Blut« wie eine ungeheure Geißel durch die Nacht, eine Geißel, die zum Wahnsinn peitschte . . .

Es war die dritte Revolution, die Braxton im Lande erlebte, und man kann nicht sagen, daß er der Mann war, der sich ohne weiteres von einem schreienden Nigger hätte imponieren lassen. Aber das unsichere Gefühl, das sich am Abend vorher seiner Klubfreunde bemächtigt hatte, das Gefühl, als ausbeutender Europäer zu leben über ungeheuren Massen unbekannter Menschheit mit blutiger Vergangenheit und unabsehbarer Zukunft – dieses Gefühl begann nun auch auf dem alten Tropenmann zu lasten.

Und ein geheimes Grauen vor dem Mann da 103 oben zu Füßen des bronzenen Pizarro erfaßte ihn: die Ungewißheit, ob nicht in diesem Advokaten, in einem der Zahllosen vielleicht, die nach ihm kommen würden, wirklich jener Napoleon stecken mochte, der Europa für immer verbannte aus seinen zinspflichtigen Kolonialländern, die es ausgebeutet hatte, seit Cortez die Schiffe verbrannte und eben dieser Pizarro da das Inkareich in Blut ersäuft hatte.

Unverständlich war ihm übrigens, daß die Regierung diesem ganzen Treiben tatenlos zusah. Zum Teufel, heute morgen noch waren alle Plätze in Guayaquil von Regierungstruppen besetzt gewesen und der alte Fuchs im Gouvernement besaß Maschinengewehre genug, um hier in fünf Minuten Auskehr zu halten. Da trat irgend ein New Yorker Kaffeehändler zu ihm, der sich, incognito wie Braxton, hier noch aufhielt und den großen Mann trotz des Dunkels erkannt hatte. Und von ihm erfuhr er dann, wie das Rätsel zu lösen sei: der Truppenkommandant sei ganz einfach bestochen worden. Mit einer sehr respektablen Summe, die irgend ein junger Europäer – jawohl, bestimmt ein Europäer – dem Revolutionskomitee zur Verfügung gestellt hätte. Wahrscheinlich irgend ein smarter Bursch, der nachher die zu 104 beschlagnahmenden Farmen aufkaufen oder sich für ein paar Jahre die Steuern und Zölle des Landes verpfänden lassen wolle. Aber ehe Braxton noch antworten konnte, da hatte Moron geendet, und mit einem Male war dieses nächtliche Schweigen ein einziger Jubel und ein Toben und Trampeln, daß er selbst mit fortgerissen wurde von einer Woge taumelnder Menschen, die gegen das Denkmal brandete und einfach die Stufen hinaufspritzte unter dem Druck der nachdrängenden Massen.

Hier geschah es auch, daß Braxton zum ersten Male seit Jahren wieder das Freiheitslied hörte, die Marseillaise Südamerikas, aufpeitschend, und auch hier wie in Frankreich mit der höchsten Fistel gesungen, nach Blut schreiend, in nicht wiederzugebenden Worten eine ungeheuerliche Apotheose des Fallbeiles. In diesem Augenblick flammten auch Fackeln auf, eine an der anderen sich entzündend, und in diesem brennenden Feuerkreis sah Braxton einen offenen Wagen, der sich seinen Weg durch die Menge bahnte. Nicht nur der Doktor Moron saß in diesem Wagen: in ihn trug man auch jubelnd, wie zu einer Göttin der Freiheit, ein schönes, üppiges Weib, und sie thronte 105 wie eine künftige Königin auf den Armen jauchzender Schildträger.

Es war die Herzogin von Lota, die man in den Wagen hob, und Braxton erinnerte sich lächelnd, daß sie es schon einmal fertig bekommen hatte, so mit dem künftigen Erretter des Staates gewissermaßen als Symbol der Freiheit getragen zu werden.

Der Dritte aber, den man in den Wagen hob, war der kleine Herr Fred. Er war dabei durchaus keine Nebenperson, o nein: er hatte dabei durchaus die Rolle eines Eingeweihten, etwa eines hochgestellten künftigen Machthabers. Und als Braxton die drei abfahren sah, fragte er sich lachend, ob der Kleine etwa die Absicht habe, durch sein Geld einmal vielleicht zum hypothekarischen König von Ecuador zu werden, an Stelle eines kreischenden und letzten Endes doch immer nach ranzigem Fett riechenden Niggeradvokaten.

Und Braxton machte, nun es hell geworden war auf der Plazza, daß er nach Hause kam. Denn der einzige Europäer, der ungestraft in diesen Tagen durch Guayaquil wandeln konnte, war ja wohl dieses Grünhorn, dieser Volontär von Rylanders Söhnen.

Eben dieser kleine Herr Fred. 106

*

Man stelle sich solche Affären nicht gar zu idyllisch vor, beileibe nicht. In den europäischen Zeitungen steht ja wohl in irgend einer obskuren Ecke, daß in Ecuador oder Peru oder Bolivien oder sonstwo die Regierung gestürzt sei, und man liest gleich darauf weiter von dem Preisboxer »Jingo« und den Bankgeschäften eines europäischen Monarchen und einer Trauerfeier für den verstorbenen Erfinder des Volapük. Aber blutiger Ernst ist an Ort und Stelle die Sache deswegen doch, und wer's mit angesehen hat, vergißt's nicht mehr. –

In Amerika – ich glaube unten in Argentinien – gibt's eine Savanna, in der nachts ruhelose Flammen, tausende und aber tausende, auf und ab irren sollen, und auch Humboldt spricht einmal davon: die Seelen eines spanischen Söldnerheeres, das hier vor vierhundert Jahren im Schlaf überrumpelt und abgeschlachtet wurde bis auf den letzten Mann.

In den Kordilleren, hoch oben auf den Pässen 107 zwischen Sorrata und der Westküste gibt's Felder, die weiß schimmern von fern, ganz weiß, wie mit Millionen wilder Narzissen übersät: Knochenfelder, verstreute Skelette, die Zeugen irgend eines ungeheueren Mordens, die in der dünnen Dreitausendmeterluft nicht verwittern. Am Guayas irren über die Wiesen nächtlings die armen Seelen der Europäer, die hier in den feuchten, heißen Schlamm versenkt sind und sich nach der freundlicheren kühlen Erde ihrer europäischen Heimat sehnen, und es ist Tatsache, daß in Lima und auch in Rio die Eingeborenen während der Nacht ungern die Plätze betreten, auf denen die großen politischen Hinrichtungen von jeher stattgefunden haben.

Es ist, wie es ist: Südamerika riecht heute noch nach Blut und stöhnt unter seinem alten Blutfluch und muß den Geistern der Geschlachteten immer neue Opfer bringen, immer neue. Und es ist gar nicht abzusehen, wann das enden soll und wie. –

In diesem Falle verging nur eine Tropennacht, eine einzige, dampfende, plötzlich endende Tropennacht, da fegte von der Hauptstadt, von Quito, her die Blutwelle über das Land, und was sie hinter sich ließ, das waren dann die vier guten Gesellen: Wahnsinn und Elend und Pest und Aasgestank. –

108 Zuerst witterten es wie immer die Geier, die nackthalsigen ekelhaften Aasgeier, denen man in Südamerika die Beseitigung der Kadaver überläßt. Braxton war aufgestanden, um in aller Frühe sich aus dem Staube zu machen, und hörte die krächzenden Schreie im Dunkeln schon. Als es dann hell wurde und er schon zu Pferde saß, sah er sie plumpen Fluges in dichten, dunklen Schwärmen über der Stadt kreisen, in der doch zur Stunde, wenn man von dem Chinesenviertel absah, noch kein Toter war. Aber Braxton erinnerte sich, daß es vor Jahren bei dem großen Afghanenaufstand, den er als Grünhorn irgendwo in Nordindien erlebt hatte, genau so gewesen war. Und er dachte sich das seine und ritt querfeldein über die dampfenden Guayaswiesen seinem Ziel zu: nach der Cacaoplantage weitab bei Colonche, wo auch van Lammen und Rickert in aller Ruhe die Revolution erwarten wollten.

An diesem Morgen nun ging es in Guayaquil los. Die Stadt war ja längst abgeschnitten von der Umwelt und Telegraph und Bahn natürlich längst unterbrochen. Aber dennoch wußte es – solche Gerüchte durchlaufen auf geheimnisvollem Wege in einer einzigen Nacht tausend Seemeilen – dennoch wußte es an diesem Morgen schon jeder 109 Fletero und jeder Bananenkrämer, daß in der Nacht in Quito das Militär gemeutert habe und zu den Aufständischen übergegangen sei, daß der Präsident Alfaro ermordet in seinem Palais liege: er und sein ganzes Ministerium und der Stab seiner Militärs, alte europäische Offiziere zumeist, die hier das Ende ihres Abenteurerlebens gefunden hatten.

Das war denn auch das Signal für Guayaquil. Und dann ging es auch hier zuerst auf den großen Hacienden los. Auf den großen Hacienden, wo mit seinen junonenhaft schönen Frauen ein feistes Drohnengeschlecht haust: schwerreiche, brutale Sklavenhalter mit breiter Kinnlade und viel portugiesischem Blut, schwerreiche Leute, die ihre unabsehbaren Pflanzungen eigentlich nur vom Hörensagen kennen, ein höllisch verfetteter Geldmob, den Fleischbaronen von Buenos Aires gleich, nur brutaler noch und geiler . . .

Von jeder dieser Hacienden humpelten an diesem Morgen durch den sausenden Platzregen Wagenzüge der Stadt zu, beladen mit allem, was man für unersetzlich hielt: Kassetten mit den Anweisungen auf den Crédit lyonnais und fingerdicken Goldketten und unmöglich protzigem Brillantschmuck darinnen. Möbel von einem 110 unwahrscheinlich abscheulichen Rokoko, die man in Paris erstanden hatte. Und den Damen dann, versteht sich, diesen blassen; zarten Damen, die kostbaren, leicht zerbrechlichen Blumen glichen.

Da, wo die Straßen von Colonche und Quito sich vereinigen, stießen die Ströme dieser Wagenzüge aufeinander und verfuhren sich zu einem heillosen brüllenden Chaos. Maultiere, die die im Straßenkot steckenden Wagen herausziehen sollten, wurden zu Tode geprügelt und abgeschnitten, und große Planwagen stürzten um und goldene Trumeaus kollerten in den zähen Lehm. Und irgendwo, einsam sich über die eigene Schulter schauend, blieb ein herabgestürzter Belvederischer Apoll auf der Straße stehen.

Alle diese Wagen hatten im übrigen das gleiche Schicksal: es brach aus den Büschen hervor, maskiert und unmaskiert, bewaffnet über Nacht von irgend einer unsichtbaren Organisation – Plantagenarbeiter und desertierte Soldaten und Matrosen von den schmierigen kleinen Küstenseglern. Und dann schnitt man die Stränge durch und schlug die Kutscher tot. Und dann steckte man in die Tasche, was hineinging und des Besitzes wert erschien, und fesselte die Besitzer und erzwang sich seitwärts der Straße in den Eukalyptusbüschen 111 grausame Mannesrechte von den Frauen, die das Leben bisher eigentlich nur aus der Perspektive der Hängematte kennengelernt hatten. Zuletzt spannte man die Herren vor die Wagen.

»Los estancieros.«

O ja, sie hatten lange genug Blut gesogen! Man zog die Bremsen der Räder fest, man setzte sich selbst in Massen auf die Wagen:

»Zieht, Hunde!«

Und ab und zu kam dann eine mitleidige Regenboe und wusch das Blut von den nackten, fetten Rücken zweibeiniger Zugtiere. So brachte man sie halb zu Tode geprügelt nach Guayaquil.

Moron hatte inzwischen ein leidlich leichtes Spiel gehabt: der Uebertritt der Garnison war ganz programmäßig erfolgt und die Köpfe der wenigen Offiziere, die sich ihm widersetzt hatten, staken schon seit den allerersten Morgenstunden auf Stangen vor den Kasernenportalen. Auch der Gouverneur selbst hatte ihm eigentlich keine Schwierigkeiten gemacht. Der alte Fuchs war ja im Stich gelassen von allen Beschützern und nur einen einzigen Adjutanten, irgend einen aus dem Elsaß stammenden Deutschen, hatte man doch bei ihm gefunden. Man hatte natürlich nicht viel Aufhebens gemacht: man hatte das Palais in 112 wenigen Augenblicken besetzt und dann rollte eine Salve über die Plazza und gleich darauf schleifte ein vor Grauen rasend gewordenes Maultier durch die Calle amarilla die Leiche eines alten weißbärtigen Mannes, der lächerlicherweise auch jetzt, blut- und kotbedeckt wie er war, über dem schwarzen Rock noch den grünen Großkordon des Sonnenordens trug. –

Es verdient bemerkt zu werden, daß der kleine Herr Fred nicht Zeuge dieser Szenen wurde. Er schlief auch heute in den Tag hinein mit jenem bleiernen Schlaf, der die Europäer im Beginn der Regenzeit Jahr für Jahr überkommt. Die wenigen Schüsse, die bei der Ueberwältigung der Gouverneurwache fielen, drangen kaum bis zu seinem Hotel, und er erwachte erst, als die Plünderung der Chinesenstadt begann und der Mob durch die Straßen heulte. Da riß er sich denn hoch und fuhr in die Kleider.

Die Calle amarilla war fast menschenleer. Die Läden waren herabgelassen, und hin und wieder war von einer verirrten Kugel der Mörtel an den Wänden ausgebrochen. Ganz weit von der Chinesenstadt her, wo jetzt der Mob plünderte, hörte man Schreien und einzelne Schüsse. In der unendlichen Verlängerung der schnurgeraden 113 Straße, wo sie sich schon im Mittagsdampf verlor, konnte man einzelne Menschen, klein wie Püppchen, über den Weg hin und her laufen sehen. Aber das war weit und unwirklich. Und auch hier drückte sich nur ab und zu ein menschliches Wesen von Haus zu Haus, dicht an der Mauer und immer scheu um sich blickend.

Der kleine Herr Fred ritt an einen dieser Menschen heran – irgend einen farbigen Kaufmann, den er kannte – und bat um eine Auskunft, wo er Moron finden könnte. Aber er sah nur in ein starres, entsetztes Gesicht. Der Mann schwieg und schlich weiter. In all der Stille klang der Hufschlag hohl wider an den Mauern. Der Rauch von der brennenden Chinesenstadt lagerte sich vor den weißglühenden Mittagshimmel, daß das Licht in fahlem Graugelb schien, unwirklich und fast gespenstisch, wie bei einer Sonnenfinsternis.

Alles, was ihn umgab, Häuser und Bäume und die Säulen der Franziskanerkirche, sah auf diese Weise leblos und verstaubt aus, wie die Teile einer riesenhaften Theaterdekoration.

Dann endlich überholte er einen hochbeladenen Wagen mit irgend einer unbekannten Last unter dem weißen Plan. Die Last war schwer und die kleinen Pferde legten sich stöhnend in die Kummete. 114 Er hob, von hinten heranreitend, den Plan und ließ ihn wieder sinken: Särge, übereinandergeschichtet, roh zusammengenagelt aus ungehobelten Brettern, ungestrichen . . . fünfzig . . . hundert Särge.

Der kleine Herr Fred ritt neben den Führer:

»Wohin damit?«

»Nach der Plazza.«

»Und wo ist der Doktor Moron?«

»Auf der Plazza.«

Mehr war aus dem Mann nicht herauszubringen. Der kleine Herr Fred ritt weiter und konnte endlich aus dieser verwünschten Gespensterstraße auf den Platz einbiegen. Und alles, was ihm in den frühen Morgenstunden der freundliche Schlaf erspart hatte – die nächste Stunde holte es reichlich nach.

Der Platz war voller Menschen, so dicht gedrängt voll, daß auch die Bäume und die Laternen voller Zuschauer hingen. Zu sehen war über dieser schwarzen Masse nur ein roh zusammengezimmertes Gerüst, das dort am Tage vorher noch nicht gewesen war. Und auf diesem Gerüst, das reichlich weit entfernt war von seinem eigenen Standort, sah er den Doktor Moron in eifrigem Gespräch mit ein paar goldbetreßten Offizieren, die gestern 115 noch einem anderen Machthaber Gehorsam geleistet hatten und deren Meldungen er nun entgegennahm, herablassend und selbstverständlich, wie ein wirklicher König.

»Was gibt es?«

Der Mensch, den der kleine Herr Fred fragte, wandte sich nachlässig um. Es war ein widerwärtiger Kerl, und die eine Augenhöhle war leer, und eine lange Messernarbe schlitzte das ganze Gesicht zu einer finsteren, abscheulichen Fratze.

»Gericht«, sagte er lakonisch und spie dem Europäer vor die Füße.

»Nimm mein Pferd solange.«

Der andere musterte zuerst den Weißen, den er vom Abend vorher nach und nach erkennen mochte, und sah den Geldschein, der ihm hingehalten wurde, und griff mürrisch nach den Zügeln.

Von dem schmalen Haussims, den der kleine Herr Fred erkletterte, konnte er folgendes erkennen: mit dem Rücken an die Mauer des weißen Gebäudes gegenüber gedrängt stand eine lange Reihe Menschen, halbnackt, in zerrissenen Kleidern, zerschunden und mißhandelt. Fünfzig oder sechzig vielleicht, Leute, die er nie gesehen hatte. Ihnen gegenüber, die Gewehre bei Fuß, hielt teilnahmlos 116 und starr und stumm ein Pikett Soldaten. Soldaten rechts, Soldaten links: aber immer wieder durchbrach der Pöbel ringsum ihre dünne Linie. Stockhiebe sausten und Flüche schrien herüber, ein ganzer Ozean von Hohn und Unflätigkeiten; und unter dem Speichelregen und dem Prügelschauer drängten die an der Mauer sich zusammen, eine wehrlose, geschändete Menschenherde.

Dann wurde es plötzlich still. Der Pöbel drängte nach vorn. Eine Glocke schrillte drüben, ein Chorknabe lief die Reihe der Verurteilten entlang. Ein Priester folgte und hielt etwas Schimmerndes in die Höhe, und jedesmal, wenn er es hob, hoben sich die Aermel seines weiten schwarzen Gewandes, daß es aussah, als umflattere ein düsterer Todesvogel die Reihe. Der Pöbel schrie wieder, die Glocke schrillte dazwischen. Sterbegebete murmelten und Zoten heulten über den Platz, und die Menschen an der Mauer standen starr und stier, als ginge sie das alles nichts mehr an.

Moron auf der Tribüne trat vor, und man sah, daß seine Lippen sich bewegten, ohne daß bei dem ungeheuren Lärm auch nur ein Wort zu hören gewesen wäre. Ein Trommelwirbel rasselte, ein 117 Offizier bei dem Pikett zog den Degen, das Pikett hob die Gewehre. Man konnte die kleinen dunklen Augen der Mündungen ganz deutlich sehen.

Der kleine Herr Fred sprang vom Sims herab:

»Es wird kein Blut fließen . . . Moron ist kein Schlächter . . .«

Er rannte gegen die Menschenmauer an, er wurde zurückgestoßen; er versuchte von neuem und prallte zurück, wie ein leichter Ball an einer Wand.

Er mußte hier hindurch, um jeden Preis mußte er zu Moron, in der letzten Minute . . .

Die Menschenmauer drängte dichter zusammen; man hob die Weiber, die nicht sehen konnten, johlend auf die Schultern. Ein Kind wurde zertreten, man stieß den kleinen Körper mit den Füßen fort. Die Mauer war undurchdringlich.

Der kleine Herr Fred riß dem Kreolen die Zügel seines Pferdes aus der Hand, er war im Sattel. Er hatte das ja nicht gewollt, das nicht . . . es mußte, mußte sich hindern lassen. Der zweite Trommelwirbel rollte, er konnte vom Sattel aus sehen, daß drüben ein Mensch, einer von denen an der Mauer, auf die Knie gesunken war. Er hörte irrsinnige Schreie; er sah, daß der da drüben zu 118 dem Offizien des Piketts kroch, daß er ihm die Stiefel küßte, die kotbespritzten, er sah, daß die Stiefel ihn zurückstießen, er sah, wie andere den Knienden packten, ihn zurückzerrten an die Mauer, wo die übrigen standen. Der dritte Trommelwirbel: Der kleine Herr Fred konnte es nicht mehr, er konnte es nicht . . .

Er versuchte das Tier durch die Menschenmauer zu drängen, noch einmal; er arbeitete verzweifelt mit den Schenkeln und hieb mit der Peitsche um sich. Das Tier stand schnaubend, die Mauer stand und kümmerte sich nicht um die Hiebe und war undurchdringlich.

Ein Kommandoruf schallte, ganz kurz. Gewehrschlösser klappten, metallisch und präzis.

Es war totenstill auf dem weiten Platz.

Der kleine Herr Fred riß das Pferd herum und hieb auf das zitternde Tier ein und jagte davon. An der Ecke der Straße stieß er dann auf den Wagen mit den Särgen, den der vorsorgliche Doktor Moron hierher bestellt hatte. Er sah ihn nicht mehr. Er war schon in der Calle amarilla, als dann die Salve rollte . . .

Er jagte die Straße entlang, er hieb auch jetzt noch sinnlos auf das Tier ein, Hieb auf Hieb, als wenn der Satan hinter ihm her wäre; er wußte 1197 nicht einmal, wohin er ritt, oder wußte es doch. Die Häuser flogen vorüber, die Straße wurde belebter. Menschen kamen ihm entgegen; die Menschen schleppten Lasten auf gebeugten Rücken, er sah es kaum. Die Luft wurde heißer, Rauchgestank war in der Luft. Die Straße wurde enger, er war in der Chinesenstadt. Rechts und links leckte Feuer aus den Fenstern, die Hitze versengte ihm die Haare, das Pferd zitterte. Menschen schrien rechts und links, Menschen balgten sich um irgend etwas, schleppten Lasten aus brennenden Häusern. Aus einem Fenster vor ihm wurde einer hinabgestoßen, der Körper schlug klatschend auf auf den Asphalt. Der Pöbel wieherte, das Tier unter ihm sprang zur Seite und warf ihn dabei fast aus dem Sattel. Er hob die Peitsche und setzte über den zuckenden Körper hinweg, hinweg über brennende Balken und verkohlende Leinenballen, mitten hindurch zwischen lachenden, brüllenden Menschen, hindurch durch eine Hölle von Feuer und Gestank und Wahnsinn. Er sah nichts und hieb auf alles ein, was sich ihm in den Weg stellte. So kam er durch die Chinesenstadt, die um dieselbe Stunde geplündert wurde, in der auf der Plazza der Doktor Moron die Haciendaros richten ließ. –

Da, wo die Stadt schon aufhörte, stand eine 120 letzte große Arbeiterkaserne. Der Pöbel war schon darüber hinweggerast. Tote lagen auf dem Rücken, und zerfetzte Habe trug die Regenbrise fort, verbrannt, besudelt alles. Er wäre vorbeigeritten, wie vorhin an allem; der Wallach konnte es nicht mehr, er schnob und fiel schaumbedeckt in trägen Schritt und blieb schließlich stehen.

Vor dem kleinen Herrn Fred lag mitten auf dem Weg eine Kinderleiche auf dem Gesicht, mit durchschnittenem Hälschen, und das Pferd blies mit den Nüstern die Büschel des schwarzen Haares auf. Es war ein totes Asiatenkind, und es wäre einmal daraus ein grausamer, gleichgültiger Mongole geworden. Aber nun breitete es die Arme weit aus, als klage es die ganze Welt an vor dem Schöpfer für die ungeheure Qual der Kreatur. Es war nun doch eine jämmerliche, kleine Menschenblüte, die man zertreten hatte und fortgeworfen . . . Der kleine Herr Fred, erschöpft und elend, neigte sich über den Sattelbug und verfiel in ein langes, krampfhaftes Schluchzen.

Eine Regenboe kam.

Er saß stumm am Straßenrand. Der Regen rann und wusch das Blut von den Leibern der Toten, daß blaßrötliche Lachen über den Kot rannen. Der kleine Herr Fred war kaum mehr 121 imstande, das alles in sich aufzunehmen, und ließ die Sintflut über sich ergehen. Erst zwei Stunden später kam er, völlig erschöpft, vor dem Hause bei den Zepita-Bergen an.

Von dem, was der kleine Herr Fred an diesem Tage sonst noch erlebte, ist wenig zu berichten. Die Drähte zwischen diesem Haus und der Stadt waren nicht zerschnitten und die Herzogin von Lota wußte von allem, was sich zugetragen hatte. Und als er dann vor ihr stand, verwundet, erschüttert . . . sie wußte sofort, was ihm zugestoßen war. Und daß er so erschüttert und verwundet war von den Dingen, von denen sie selbst leidlich unberührt geblieben wäre . . . vielleicht war es gerade das, was sie zu ihm trieb in diesen Tagen.

Sie ließ ihn keinen Augenblick allein an diesem Abend. Kein Diener betrat das obere Geschoß des Hauses, kein Gast wurde angenommen, das Haus blieb ganz abgeschieden von der Welt. Und sie hörte seine Klage, seine stürmische Klage, und war klug genug, ihn nicht zu unterbrechen und den Sturm sich austoben zu lassen. Sie hielt seinen Kopf zwischen ihren Händen: »Piquanito... Piquanito...«

Da war wieder das Wort, in dem so unsäglich viel Zärtlichkeit ist. Gerade, weil etwaige Kinder 122 der Herzogin von Lota (wenn sie welche gehabt hätte) sich auf einen Richtplatz gedrängt hätten, und gerade, weil der Kreole lachen kann, wenn die Kreatur leidet . . . gerade deshalb war in diesem hilflosen Verzweiflung für die Herzogin von Lota etwas ganz Unerhörtes und Europäisch-Reizvolles . . .

Und als dann die stürmischen Klagen des kleinen Herrn Fred sich endlich erschöpft hatten und es ganz still war und draußen nur der Regen ganz sacht rann, da begann die fremde schöne Frau, selbst Märchen zu erzählen. Andere, als Europafrauen sie wissen, bei denen ein großes Kind sich dann wirklich in den Schlaf weinen kann: von den Inkafrauen erzählte sie, die hatte der Sonnengott in Orchisblumen verwandelt, als die Spanier kamen, damit keine fremde Hand sich nach ihnen ausstrecke. Und von dem Lebensbrunnen, ganz fern im Osten hinter den Bergen, und alle Völker seien dort gezeugt, und wer ihn finde und in seinem Wasser bade, dem sei es gegeben. sie alle wieder zueinander zu führen zu ewigem Frieden . . .

Und vor allem die Sage von den Lieblingen des Sonnengottes erzählte die Herzogin von Lota. Der entführte die erlesensten Jünglinge und Mädchen, daß niemand sei, der eines von ihnen 123 wiedergesehen habe. In Wahrheit entführe er sie nämlich nach Inseln der Südsee, nicht weit von hier, je ein Liebespaar auf eine Insel, unter sanfte, schuldlose Tiere, in eine Natur von ewiger Fruchtbarkeit und Jugend und Schönheit, in der sie selbst nie stürben, weder Mann noch Weib . . .

Die Stunden vergingen und es dunkelte schon. Die Herzogin von Lota führte ihren Gast an das offene Fenster. Es regnete ganz sacht und dicht und warm; es duftete und dampfte in unerhörter Süßigkeit, und die ganze Welt hing voller dichter Wasserschleier, daß selbst die nahen Wiesen im Silbergrau verschwammen. Von der fernen Stadt und ihrem ganzen Weh war nichts mehr zu sehen, und der kleine Herr Fred schien das auch alles vergessen zu haben. Man hörte auch nichts von der Welt da draußen, man hörte nur das feine gleichmäßige Rieseln, ganz sacht, ganz sacht.

Auch dieses Haus selbst sei solch vergessene Insel, sagte die Herzogin, und es war irgend etwas unbeschreiblich Sehnsuchtsvolles in ihrem Gesicht, was vielleicht noch kein Mann dort gesehen hatte. Da war denn das Schicksal des kleinen Herrn Fred, der ganz allein geblieben war von allen Europäern inmitten eines unbekannten 124 Landes voller ungekannter Leidenschaften . . . da war denn sein Schicksal entschieden.

Und da geschah es denn wirklich in diesen Tagen, daß zwei Welten sich zueinander fanden, die sonst immer nur aneinander vorüberbrausen in dem ungeheuren Chaos, in das sie geboren sind.

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