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Frau Übersee

Fritz Reck-Mallaczewen: Frau Übersee - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Übersee
authorFritz Reck-Malleczewen
year1918
firstpub1918
publisherRolf Mosse
addressBerlin
titleFrau Übersee
pages191
created20160218
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Unterhaltung der beiden oben wurde einigermaßen laut, und er mußte sich, korrekt wie er war, eigentlich Mühe geben, sie nicht zu verstehen. Sie schien sich übrigens um höchst sachliche Dinge zu drehen, und es war der Name irgend einer New Yorker Bank und dann der des Gouverneurs zu unterscheiden. Der Doktor Moron schrie ab und zu einen Fluch und stampfte mit dem Fuß, und es war überhaupt nicht die Unterhaltung von Leuten, die sich irgend etwas ganz und gar Persönliches zu sagen haben. Aber der kleine Herr Fred ärgerte sich doch über den zerrissenen Abend. Und er ärgerte sich auch, daß er vorhin so schnell beigegeben hatte. Die dunklen Sagen über die Herzogin von Lota hatte er natürlich im Klub gehört, und er wußte auch, daß sie gewohnt war, eine politische Rolle zu spielen. Und daß der Doktor Moron nicht in dieses Land 60 zurückgekehrt war, um ein friedliches Advokatendasein zu fristen, auch das konnte er sich denken.

An seiner Eifersucht also baute er Stein auf Stein und an seinem Widerwillen gegen diesen fetten Nigger mit der sinnlichen Unterlippe ebenfalls. Jetzt war er es, der um das Rondell rannte und die Minuten zählte, die die Herzogin von Lota allein mit dem anderen verbrachte. Und schließlich fand er einen Ausweg, indem er den verfluchten Papagei in seinem Käfig ärgerte, bis das bunte Federvieh die Krallen hob und mit seinem Krächzen den Doktor Moron übertönte.

Aber dann war doch alles schneller vorbei, als er es sich gedacht hatte. Die beiden kamen die Treppe herab. und es fiel ihm auf, daß der Advokat plötzlich sehr liebenswürdig war, als er sich verabschiedete. »Das Mißverständnis von vorhin täte auch ihm aufrichtig leid,« sagte der Doktor Moron, als der Mulatte sein Pferd brachte, und er sei davon überzeugt, daß es sich eben wirklich um ein Mißverständnis gehandelt habe.

Der kleine Herr Fred stand unschlüssig dabei, als der andere aufsaß, und wußte nicht, ob er nun noch hier bleiben solle oder nicht. Es war ja wohl spät geworden, und er selbst war ohne Pferd, und 61 der Weg war weit in der dunklen Nacht bis zum Hotel.

»Sie bleiben noch bei mir«, entschied die Herzogin von Lota sehr bestimmt. »Sie bleiben unter allen Umständen. Mein Wagen mag sie nachher in Ihre Wohnung bringen.«

»Sie müssen bleiben,« sagte der Doktor Moron, und war schon im Sattel. »Sie würden mich zwingen, der Höflichkeit halber hier zu bleiben und wichtige Geschäfte zu versäumen, wenn Sie meines vorzeitigen Aufbruches wegen fort wollten.«

»Dummer Nigger«, dachte der kleine Herr Fred, dem es gar nicht eingefallen wäre, sich wegen des Doktor Moron zu entfernen. Außerdem fiel ihm die plötzliche Höflichkeit dieses Burschen auf, der vorhin es für gut befunden hatte, seinen Hut der Herzogin vor die Füße zu schleudern. Aber der Hufschlag verklang schon in der heißen Nacht, und hinter der Herzogin von Lota und dem kleinen Herrn Fred schloß sich wieder die Gittertür.

Sie gingen aus dem Patio die Treppe zu den oberen Gemächern hinauf, die in spanischen Häusern ein Fremder oder ein entfernter Bekannter nie betritt. Das Gemach der Herzogin von Lota war ganz klein und hatte nur ein 62 einziges Gitterfenster, und man konnte die Lichter der Stadt durch die Stäbe blitzen sehen. Außer dem Schreibtisch, auf dem in blitzendem Kristall violette Orchisgarben blühten, hatte es nur einen einzigen Stuhl und sonst nur ein Möbel, auf dem man sitzen konnte, und das war ein riesiges goldgelbes Guanacofell, das auf dem Boden lag. Im übrigen liefen irgend welche verhängte Regale die Wände entlang, und auf einem blitzte ein europäischer Offizierhelm: der kleine Herr Fred erinnerte sich daran, daß die Herzogin von Lota die Tochter eines europäischen Edelmannes gewesen war, den das Schicksal hierher geweht hatte, nachdem er unmöglich geworden war für seine Heimat.

Er sah sich vergeblich nach einer Sitzgelegenheit um und ließ sich dann mit einiger Anmut auf das Fell nieder.

»So gefallen Sie mir,« sagte die Herzogin, »Ihre Klubfreunde hätten den ganzen Abend steif wie Stöcke dagestanden. Sie setzen sich auf den Boden. Sie sind anders wie die anderen!«

»Weswegen?«

»Mein Freund,« sagte die Herzogin von Lota und fuhr ihm über das Haar, »wissen Sie denn eigentlich, was Sie hier tun? Sie steigen in die 63 Arena und prügeln sich mit einem Farbigen. Sie meiden Ihren langweiligen Klub und verkehren seit ein paar Wochen im Hause einer Frau, der Ihre weißfarbigen Clearks nicht gerade das Beste nachsagen. Sie . . .«

Da sprang der kleine Herr Fred auf und hielt die Hand der Herzogin fest und wünschte die ganze weiße Gesellschaft ehrsamer Bürger zum Teufel. Er sei nicht hergekommen, um mit Braxton Bridge zu spielen und mit Ungern Whisky zu trinken und den Corso zur vorgeschriebenen Zeit gerade so weit auf und ab zu laufen, wie der gute Ton es gestatte. Und von ihm aus könne der Henker die ganze europäische Kolonie holen. Und wenn die Herzogin Wert darauf lege, dann werde er sich mit Jodtinktur braun anpinseln lassen, so braun wie der Doktor Moron, nur um die weiße Gesellschaft zu ärgern, jawohl . . .

Er hatte sich in Rage geredet und sah auf diese Weise wieder einmal sehr gut aus. So wie er damals in die Arena gestiegen war: ein mit Feuer und Schwert dreinfahrender junger Cherub, und die Weiber aller Zonen haben einiges übrig für solche Erscheinung. Aber die Herzogin von Lota sah das dieses Mal nicht, sondern sie sah versonnen 64 nach dem Regal hinüber, auf dem der Helm schimmerte.

»Meine Mutter«, sagte die Herzogin von Lota, »war eine Farbige, und mein Vater wurde deswegen boykottiert von der weißen Gesellschaft; Ihr berühmter Braxton wird Ihnen darüber noch allerlei erzählen können. Mein Vater verlor den Boden unter den Füßen und wurde zum Alkoholiker und starb an irgend einer Straßenecke. Ihre Gesellschaft, mein Freund, ist heute noch so grausam wie die ersten Europäer, die amerikanische Erde betraten.«

Sie begann auf und ab zu gehen im Zimmer, und es war eigentlich so, als spräche sie zu mehr Menschen als zu dem einsamen Gast, der hier bei ihr saß.

»Ich könnte ein Landgut in Wales kaufen und mich ebenso gut bei Ihren europäischen Derbys sehen lassen wie hier bei unseren Stiergefechten. Wissen Sie, weswegen ich hier lebe? Weswegen ich ein Teil geworden bin von diesem und gerade von diesem Land? – Sie haben von meiner Vergangenheit gehört, natürlich, leugnen Sie das doch nicht erst. Ich bin so etwas wie eine politische Courtisane gewesen, gut. Wissen Sie weshalb? Weil ich in meiner Hand die Zügel führen will, 65 weil ich Anteil haben will an dem Schicksal dieser Menschheit, die tausendfach jugendlicher und schöner und menschlicher ist als Ihr verbrauchtes Europa. Ich hasse Europa. Ich hasse es nicht weniger, als Moron es haßt.«

Sie hatte im Vorbeigehen von den Wandbrettern eines der merkwürdigen Dinger genommen, die dort lagen: einen Dolch oder einen Yatagan, weiß Gott was. Ihr dunkles Haar hatte sich gelöst bei ihrem heftigen Gestikulieren, und es ließ sich nicht leugnen, daß sie sehr schön war in ihrem Zorn. »Königin Judith«, dachte der kleine Herr Fred und sah auf die Waffe in ihrer Hand.

»Königin Judith!« Und eigentlich fehlte nur noch das Haupt des Holofernes dazu.

»Sehen Sie her,« sagte die Herzogin von Lota und zog von den Regalen die Vorhänge hinweg, »mein Vater hat diese Sachen gesammelt in seiner Verlassenheit hier und ich habe das meine dazu getan, um diese Sammlungen zu vervollkommen. Sehen Sie, da sind Steinornamente von den Sonnentempeln in Cusco. Fahren Sie hinauf und sehen Sie sich das an: Blöcke, so groß wie Ihre europäischen Häuser übereinandergeschichtet zu hundert Meter hohen Mauern, und Ihre 66 europäischen Gelehrten zerbrechen sich vergebens den Kopf, wie man das fertig bekam, ohne Ihre europäischen Maschinen. Einen von ihnen habe ich hier gehabt, irgend eine europäische Berühmtheit, die meine Sammlungen sehen wollte. Von den Sonnentempeln da oben sprach er lieber nicht, er sagte, »man verlöre da als Europäer den Boden unter den Füßen . . . die exakte Forschung höre da einfach auf«. Sehn Sie, Sie finden diese Ornamente nämlich überall, nicht nur in Südamerika, sondern auf den Südseeinseln bis nach Australien hin, und keiner weiß, wie sich diese Kultur ausbreitete auf über zehntausend Seemeilen auf schwachen Ruderbooten über den Ozean . . . Hier sind Keramiken und Goldschmuck und Silberfiligran, und das fertigten unsere Goldschmiede, als Sie in Europa drüben sich noch von Wurzeln nährten. Bemerken Sie bitte, daß Europa es war, das das alles zerstört hat, alles, eine gigantische Kultur in wenigen Jahren. Und natürlich nur um der ewigen Liebe willen, wie man Sie das gelehrt hat. Wissen Sie, wer dieses Land eroberte? Blutrünstige Söldner, perverse Mönche, Abschaum der ganzen Welt, der sich hier einmal austoben konnte. Man hielt Ihr Christenkreuz hoch und schrie dabei nach Gold und nach Blut. Ah, gehen 67 Sie doch nach Lima und lassen Sie sich die Folterkammern zeigen, in denen man sich damals die nötigen Goldgeständnisse erpreßte! So verfuhr Ihr Europa mit friedlichen vertrauensseligen Menschen, mit Menschen, die schön und schuldlos waren wie die des ersten Schöpfungstages! Jetzt wissen Sie, was ich an Europa hasse. Und Sie, wenn Sie sich anders geben als die anderen und wenn Sie in die Arena steigen und mit einem Japaner sich prügeln, was sind Sie anders als ein hochmütiger Europäer, dem ich zu den Niggern gehöre, gerade so wie dieser Doktor Moron?«

Aber da brach es bei dem kleinen Herrn Fred los. Es war gar nicht nötig, daß die Herzogin von Lota da noch irgend ein Wort sagte: es kam alles, alles von selber so, wie sie es sich gewünscht hatte. Und der kleine Herr Fred verfluchte in dieser Stunde den Boden, auf dem er selbst gewachsen war, und die ganze weiße Rasse, die dieses Land geschändet. Er vergaß alles, was hinter ihm lag und sah nur noch eine geschmähte, unterdrückte Menschheit, der diese Frau hier angehörte. Und er schwor sich den Tod an den Hals, wenn er nicht bereit sei, für sie einzutreten, mit allem, was er 68 hatte, und mit der Tat, wenn es die Herzogin durchaus nicht glauben wolle.

Die Herzogin von Lota stand eine Weile vor ihm und hielt sein Haupt zwischen den Händen, und etwas Weiches war in ihr, irgend etwas Mütterliches, was man nicht oft an ihr bemerkte.

»Mein armer Freund, und was wird aus dir, wenn du den Boden unter den Füßen verlierst?«

Aber das war nur einen Augenblick so, und dann war sie gleich wieder ganz kühl und höchst sachlich und begann von einer guten Gelegenheit zu sprechen, bei der er das alles erweisen könne, was er da verspräche. Und da hob sich denn auch der Schleier von den Dingen, über die der Doktor Moron mit ihr verhandelt hatte in dieser Stunde.

Die Sache war in großen Umrissen so, daß noch in der gleichen Nacht in Quito und in den Städten des Oberlandes, in Riobamba und Ambato und Loja die Straßenkämpfe beginnen sollten, von irgend welchen Vertrauten des Doktor Moron geleitet, und er selbst, an den keine politische Polizei mehr die Hand zu legen wagte, erwartete in dieser Stunde die ersten Telegramme, die ihn über den Ausgang benachrichtigen sollten. Bahnen und Telegraphen waren unterbrochen, die Garnisonen 69 der Städte in voller Meuterei und ein Heer von Agenten, bezahlt mit dem Gelde irgend einer an dieser Revolution höchlichst interessierten nordamerikanischen Bodenbank, war seit Wochen an der Arbeit gewesen, auf dem Lande Kleinbauern und Farmarbeiter aufzuwiegeln. Am übernächsten Tage sollte dann im ganzen Lande dieser Pöbel losgelassen werden. Auf alles, was unpopulär und von der bisherigen Regierung geschützt worden war: auf die chinesischen Hafenarbeiter, die dem einheimischen Lanchero den Lohn drückten, auf die asiatischen Händler, die den einheimischen Handel zugrunde richteten mit unerhört billigen Preisen, auf die großen Haciendaros des platten Landes vor allem, mit ihren riesigen Latifundien, die der Doktor Moron zu konfiszieren gedachte. Unermeßliche Güter und Barvermögen mußten nach menschlicher Berechnung nach zwei Tagen schon in den Händen der Revolution sein, und über allen Raub, über Cacaofarmen und Bodenaktien, über die Hacienden mit unwahrscheinlichen Prunkpalästen, über Luxusautomobile und Pferde und Segelyachten, und schöne Frauen gebot nach zwei Tagen als Diktator der verjüngten Aequatorrepublik dieser Mensch mit dem ekelhaft 70 sinnlichen Ausdruck um den Mund, eben der Doktor Juan Sanchez Moron. –

Die Herzogin blieb auf ihrer Wanderung durch das Zimmer sinnend eine Weile stehen.

Und endlich die Europäer: sie waren unbeliebt im höchsten Maße nebst ihrem Handel, und nächst der Konfiskation der großen Habenden war die Zerstörung des europäischen Importes die populärste These im Programm der neuen Regierung.

»Wir werden also unabhängig werden von Europa,« sagte die Herzogin, »wir werden uns nicht länger von Ihrer Industrie und Ihrem Außenhandel aussaugen lassen. Wir werden über kurz oder lang unsere eigene Industrie haben und Europa wird uns keinen billigen Tand mehr herüberschicken. Wir werden . . .«

Da unterbrach der kleine Herr Fred sie mit der Frage, ob man den Europäern selbst etwas zuleide tun werde. Er dachte dabei an den Franzosen Guignard, der ihn einmal, nicht ohne eigene Lebensgefahr, aus einem Sumpfe gezogen, und an Frau von Leuchtenstern dachte er auch, mit der er einmal selbst geflirtet hatte, bevor er dann mit der Herzogin von Lota so weit gekommen war.

»Seien Sie unbesorgt,« sagte die Herzogin, »Ihr großer Braxton rühmt sich ja wohl, für jeden 71 seiner farbigen Boys eine besondere Reitpeitsche zu besitzen, wird aber das Land ebenso unbehelligt verlassen wie die anderen. Und vielleicht werden es selbst die Haciendaros tun können, die auf ihren Farmen mehr Leute zu Tode prügeln, als sie selbst Bastarde in die Welt setzen. Vielleicht auch Sie. Moron ist kein Schlächter, und ich glaube nicht, daß ihm daran liegt, seine Hände sofort in Blut zu tauchen, wie die Umsturzleute in Mexiko es tun.«

»Und ich?«

Der kleine Herr Fred hatte von irgend einer Befreierrolle geträumt, die ihm zukommen werde, ihm, an der Seite dieser Frau da. Und er hörte nun immer nur den Namen des Doktor Moron und von dessen Taten und dessen Plänen.

»Und Sie?«

Die Herzogin von Lota überlegte, wie sie es beginnen sollte. Und dann fand sie doch die richtige Art, natürlich fand sie sie. Alles, was der Doktor Moron vorhatte, hing letzten Endes nämlich von den Dingen in Guayaquil ab. Von Guayaquil, wo die stärkste Garnison des Landes lag, wo ein Truppenkommandant gebot, dem seine Leute blindlings folgten, für die Regierung und, wenn er wollte, gegen sie: der Mann konnte 72 eben alles verderben. Die Revolution mochte in allen übrigen Städten glücken – auf dem Lande –, alles war illusorisch, wenn dieser Mensch, ein verkommener, hier als Offizier endender Amerikaner, der Regierung treu blieb. Natürlich war der Mann längst sondiert worden, aber die Summe, die er verlangte . . . kurz und gut, er hatte sie im letzten Augenblick, jetzt, wo alle dem Doktor Moron zur Verfügung stehenden Bestechungsfonds erschöpft waren, in guter Berechnung noch einmal gehörig nach oben abgerundet, diese Summe. Und deswegen war eben der Doktor Moron noch einmal an diesem Abend im Hause der Herzogin von Lota erschienen.

Das alles setzte sie dem kleinen Herrn Fred auseinander, und dann fragte sie ihn nach der Höhe seines Bankguthabens.

Der kleine Herr Fred nannte die Summe, und wenn die Herzogin Wert darauf lege, dann werde er eben einen Scheck schreiben. Das Doppelte und Dreifache, wenn sie wolle. Aber dann ging es doch wieder durch mit ihm. Ja, er hatte allerdings etwas anderes erwartet, als hier allenfalls den Finanzmann spielen zu dürfen. Der kleine Herr Fred hatte sich schon gesehen, wie er die große Barrikade auf der Plazza stürmte, wie 73 er irgend einen ungeheuerlichen Zweikampf ausfocht und wie er getragen wurde von einer Wolke von Jubel und Heldenverehrung . . . Ja und zum Schluß würde man ihn genau wie damals dieser Frau hier zutragen, auf den Schultern, ganz wie damals, als sie ihm die Stirn geküßt hatte. Und da stand sie und hatte ihm gerade so viel vergönnt, daß er Geld geben durfte, ja Geld, zum Teufel, wo er am liebsten gleich mitten hinein gesprungen wäre in ein ungeheures Massacre.

Aber als ihm so sein weißblondes Haar über die Stirn fiel und er so dastand, ein schöner trotzender Junge, da hatte denn auch die Herzogin von Lota einen ihrer nicht gerade häufigen Augenblicke, wo sie ganz echt war und ganz Weib und ganz von der Hingebung, die schließlich die Weiber aller Zonen haben, das Eskimomädchen gerade so wie die Japanerin aus der Malaystreet in Singapoore.

Zuerst blieb sie einigermaßen sachlich und setzte ihm auseinander, daß eine Revolution hierzulande trotz allem ein häßliches und schmutziges Ding sei, und sie wolle nicht, daß er auf die Straße ginge und seine Hände da hineinstecke.

Aber als sie ihn da noch immer so stehen sah in seiner trotzigen Knabenschönheit, da kam es 74 auch über sie, und da war das mit einem Male ein Schrei – wie wenn wilde Stuten über die abendliche Steppe schreien – hell und sieghaft wie eine Fanfare. Und da erstickte der kleine Herr Fred fast unter den Umarmungen und den Küssen, die brannten, fast schmerzhaft waren, o anders, ganz anders, als Europafrauen küssen.

»Du . . . du . . .« Mit einem Male, zum ersten Male sprach die Herzogin von Lota mit ihm in seiner Muttersprache dabei. »Fechter . . . du . . . Sieger, für mich . . .«

Die Flammen sangen ganz leise, als die beiden so rangen miteinander. Der Punavogel, der überhaupt ein alter Kuppler ist, rief sein langes Liebeslied durch die Nacht, und der Wind, der durch das Fenster kam, war beladen mit dem Duft der Asuntayablüten, die sich nur des Nachts öffnen.

Die Herzogin von Lota ließ ihn vor sich knien, als es zu Ende war mit dem ersten wütenden Sturm, und hielt sein Haupt in ihrem Schoß.

»Nach zwei Tagen, wenn alles vorbei ist, wirst du zu mir kommen und niemand soll es wissen. Zwei Wochen gehören dir und mir, und vielleicht werden es drei, und . . .«

»Zwei Wochen und vielleicht drei? Wirklich so 75 lange?« Der kleine Herr Fred war aufgesprungen. »Drei Wochen, drei . . . und nach diesen Wochen, was dann? Was dann, wenn ich fragen darf?«

Unten schlug eine Tür lauter, als es unbedingt nötig gewesen wäre, und irgend einer der Diener wohl schlurfte über den Kies im Patio. Die Herzogin von Lota stand plötzlich in der Mitte des Zimmers und strich an ihrem Kleid herum, und als sie dann sprach, da schien es, als ob das, was eben gewesen war, gar nicht geschehen sei.

»Was dann? Mein Freund, ich bitte dich zu beachten, daß ich eine Bastardin bin, eine farbige Frau, die deine Klubgenossen auf der Straße nicht einmal grüßen. Ich bin nun einmal ein Teil dieses Landes, ich bin die Welt da draußen, die heute wird und morgen stirbt. Schwüre ewiger Treue – ich denke, wir ersparen uns solche Lächerlichkeiten, mein armer Freund . . .«

»Piquanito,« tröstete sie dann und sprach längst wieder Spanisch und fuhr ganz weich und zärtlich über sein Haar. Und »Piquanito gibt es nur im Spanischen, und es bedeutet irgend etwas, zu dem man ganz unbeschreiblich zärtlich sein muß: Kind oder Mutter und Geliebte zugleich, weiß Gott wie.

76 Dann war sie freilich wieder ganz bestimmt und sachlich.

»Du wirst jetzt nach Hause gehen, mein Freund, hörst du, du wirst es tun. Du darfst heute nicht in meinem Hause bleiben, heute noch nicht. Komm . . .«

Sie nahm einen Leuchter und schritt ihm voraus die Treppe zum Patio hinab.

»Nicht dort hinaus.«

Sie hielt ihn zurück, als er zu der vorderen Gittertür gehen wollte, wo der alte Mulatte längst in seiner Pförtnerloge schlief.

»Die politische Polizei beobachtet mich, und um mein Haus streicht in diesen Tagen mancherlei, und ich will auch nicht, daß man dich sieht. Und du kennst ja meinen Garten noch nicht einmal, du kennst ihn nicht! Komm!«

Sie führte ihn an die Hinterwand des Patio, wo sich eine Tür öffnete, die der kleine Herr Fred vorher nicht bemerkt hatte. Ein Schalter knackte und über einen langen Gang begannen sechs oder sieben Bogenlampen zu zischen. Zu beiden Seiten dieses Ganges blitzten mächtige Glaswände, wohl drei Meter hoch, und sie hörten erst dort auf, wo hinten der ganze Garten an einer hohen weißen Umfassungsmauer endete. Hinter den Scheiben 77 blühte es blau und gelb und rot und Katarakte grüner Lianen stürzten sich herab und auf Wasserlachen am Grunde dieses Terrariums schwammen große ungesunde Sumpfblumen. Feine Springbrunnen, allenthalben verteilt, zerstäubten ihren Strahl, und ein feiner heißer Nebel, der Brodem einer ungeheuren Badestube lag über diesem ganzen merkwürdigen Garten, daß es allenthalben sproßte und keimte und unter den Augen fast dicke, bleiche Kolben trieb. Feiste Asseln schossen überall umher und kämpften um die Leiche eines der ihren. Und trug der Sieger dann den Fraß davon, so blieb er doch an den klebrigen Wimpern eines der fleischfressenden Blumenkelche hängen. Es war ein ungeheueres Geborenwerden und Kämpfen und Sterben, ein Lebens- und Todestaumel, den man nur mit Grauen begreifen konnte.

Als aber der kleine Herr Fred fassungslos auf dieses Treiben starrte und auf die Kelche, die sich um die Fleischbeute schlossen, da wurden die Blätter plötzlich zurückgebogen, und plötzlich war es ein Schlangenhaupt, das sich ihm da entgegenstreckte, der Kopf eines riesigen Pythons, noch blutig von irgend einem frischen Fraß. Irgendwo hinten streckte sich zwischen modernden 78 Pflanzenresten der unförmlich aufgetriebene, verdauende Leib . . .

Die Brunnen rieselten und ein scharfer Moschusgeruch, das Zeichen der Reptiliennähe, erfüllte die Luft.

»Eine Liebhaberei von mir,« sagte die Herzogin, »und ich lasse mir diesen Garten etwas kosten und sorge dafür, daß die Pflanzer auf Tumbez mir alles liefern, was sie fangen. Erschrick übrigens nicht, es sind noch mehr.«

Und siehe: überall unter den Sumpfblumen, hinter den grünen Lianenschleiern regte es sich und quoll es hervor: mächtige, armdicke Ekißschlangen mit gelbem, feistem Bauch und den vorstehenden Gifthaken; und ganze Büschel der »deutschen Flagge«, der kleinen Baumotter mit dem schwarzrotweißen Leib, die nicht größer ist als ein Damenfederhalter und deren Gift doch so unsäglich rasch tötet. Es blähte sich und scharrte mit den Hornringen leise schürfend über den Sand, es streifte welke Häute ab und starrte mit blinden Pupillen ins kreidige Licht, es verwand sich zu ganzen Knäueln schlüpfriger, sich paarender Schlangenleiber, bereit, pergamentene Eier zu hecken und die Erde zu überziehen mit lauerndem Giftgewürm.

79 In einer Ecke hinten fauchte, als sie vorbeikamen, eine Jarraracca auf und warf den Leib wütend gegen die Glasscheiben. Dann, als der kleine Herr Fred sich überwand und dicht herzutrat, erstarrte plötzlich der mächtige Leib und der dreieckige Kopf lauerte ganz still. Der Blick kam aus schmalen Pupillenschlitzen, wild und grausam und dennoch von irgendeiner schreckhaften Schönheit. Etwas Wissendes und Vorweltliches, etwas von Schöpfungsgeheimnissen hatte der starre Schlangenblick, und der Europäer fühlte sich ihm nicht gewachsen.

Die Herzogin von Lota bemerkte es und lächelte leichthin. Ihr Haar war noch immer gelöst, und es war wohl ein Zufall, daß sie noch immer mit dem Ding da von oben spielte, dem Richtschwert oder Dolch oder Yatagan.

Sie trennten sich an der Pforte ohne besonderen Gruß. Und der kleine Herr Fred lief in das heiße fiebernde Dunkel hinaus.


Die Nacht unter seinem Moskitonetz, unter dem die Luft noch heißer und erstickender war, träumte er zuerst von den kühlen Herbstmorgen seiner nordischen Heimat. Und von 80 gelbem Buchenlaub und roten Jagdfräcken und dunkelgepflügten duftenden Sturzäckern und einer Rebhuhnpastete zum Frühstück dicht am Waldrand. Aber dann lauerte da irgend etwas auf ihn, eine riesenhaft vergrößerte Mücke, ein ganz abscheuliches Ding, das ihn mit tellergroßem schwarzen Auge anglotzte. Und als er sich davor verstecken wollte und es nicht konnte, und er davon lief und dennoch nicht von der Stelle kam, da war es hinter ihm drein auf langen Stelzbeinen in gespenstischen Sätzen, daß er gellend aufschrie.

Da fuhr er denn auf aus seinem Traum. Der Schweiß lief ihm unaufhörlich im Strom den Körper entlang, und es half gar nichts, daß er den Strom des elektrischen Windfächers in der Ecke gerade auf sich leitete.

Er fühlte, daß er nicht mehr schlafen würde, und klingelte schließlich nach einem der Boys draußen und ließ sich ein bitterlich schmeckendes Schlafmittel geben, wie es alle Europäer an Ort und Stelle gebrauchen für ihre ruhelosen Nächte, wenn sie es nicht mit Whisky tun. Worauf er dann wieder einschlief. –

Der kleine Ruster, dieser gleichgültige arme Uhrmacher, den der Teufel geritten hatte, nach 81 Guayaquil zu gehen, der lag inzwischen schon in seinem billigen engen Sarge und bedurfte des Schlafmittels nicht mehr. Und in der Frühe erschien Braxton, der als Aeltester der Kolonie solche Sachen ein für allemal in die Hand nahm, und tat, was in diesem Falle noch zu tun war. Er überzeugte sich, daß der Leichendiener dem stillen kleinen Manne nicht den Fingerring und die armselige Tombakuhr gestohlen hatte und daß ein Geistlicher bestellt war und daß alle Mitglieder der europäischen Kolonie die Stunde des Begräbnisses erfuhren. Und alles, was sich sonst noch gehörte, besorgte Braxton. Der Krankenwärter erzählte ihm auch, daß der Kleine zum Schluß, so zwischen den Attacken des Bluterbrechens, einen Namen gerufen hätte, einen deutschen wohl, den der Kreole nicht verstanden hatte. Das ging Braxton nichts an, und er überhörte das mit der Diskretion des alten Weltmannes.

Aber ehe der Sargdeckel dann zugenagelt wurde, sah er sich das Gesicht des kleinen Rusters noch einmal an, das schon ganz versunken schien in den Tod und aus unermeßlicher Tiefe zu dem großen lebenden Menschen hinaufsah.

Da begann der in diesem Höllenklima ergraute Mann innerlich wieder ein gewaltiges Fluchen 82 auf diesen Unfug, hierher zu kommen in diese Unterwelt und am Gelbfieber zu sterben, nur weil es eben dumme Jungen waren allesamt, die von Palmenhainen und ewigem Frühling und Gott weiß was für einen Unsinn geträumt hatten, wenn sie ihr Billett nach Guayaquil lösten. Da war ja auch noch dieser kleine Herr Fred, dieses Grünhorn, das sich ganz unnötiger Weise hier herumtrieb, obwohl es schon Regenzeit war. Und der große Mann schnaufte wie ein Nilpferd in dem Gedanken, wie er ihn fortbefördern wollte, jawohl. Und er kehrte dem Toten den Rücken und brauste wie eine überhitzte Schnellzugmaschine nach dem Hotel, wo der andere wohnte. –

Der kleine Herr Fred hatte ausgeschlafen und war alle bösen Träume los. Ein wenig Kopfweh – nun das hinderte nicht, daß einem das Frühstück schmeckte. Es war unleugenbar schön in den Tropen, wo einen kein Teufel danach fragte, mit wem man umging. Und er dachte daran, wie er gestern vor der schönen Frau gekniet hatte in ihrem fremdartigen Haus draußen mit den Schlangen und den Inkaschädeln, und wie sie dagestanden hatte mit ihrem Richtschwert – Königin Judith, jawohl Königin Judith . . . Und da stand 83 plötzlich wie ein wütender Büffel dieser Braxton vor ihm.

Das erste, das ging noch hin, als ihm der andere erklärte, daß das Begräbnis um ein Uhr mittags sei und daß er mit den Jüngsten der Kolonie den Sarg tragen solle, wie das Sitte hier sei. Und der kleine Herr Fred hörte mit einer solchen Gelassenheit und Nachlässigkeit zu, daß das schon allein eine Beleidigung für einen alten Tropenmann war. Ja, und da löste Braxton denn die Bremsen und brauste los.

Was ihm denn einfiele, he? Kein Mensch bliebe in der Regenzeit in Guayaquil, der es nicht unbedingt müsse. Ob er wohl eine Ahnung habe, was Gelbfieber sei? Ob er das etwa für eine angenehme Todesart halte? Und außerdem würden die Nigger vermutlich eine Revolution inszenieren und den Weißen werde es kaum gut gehen dabei, und mit Knallerbsen werde auch nicht geschossen in solchen Fällen. Ob sein Vater ihm überhaupt erlaubt habe, so lange hier zu bleiben.

Bei diesem Satz war der kleine Herr Fred aufgestanden. Und bei dem nächsten, als der scheltende, vor Aerger schwitzende Braxton, mit einem Telegramm an seinen Vater drohte, da 84 war er ganz schnell an den anderen herangetreten, daß der nun ebenfalls aufsprang.

Und plötzlich lag Braxton am Boden. –

Er war auch stark, gewiß. Aber diese jungen Kerle, die überall in der Welt herumkommen und nichts anderes zu tun hatten, als derlei zu erlernen, die kannten diese neumodischen von den Japanern importierten Boxergriffe, gegen die man sich nicht wehren konnte.

Und diese Griffe kannte Braxton eben nicht. –

Und da lag denn der Aelteste in der Kolonie am Boden in der Vorhalle des Hotels »Stadt Paris«, und die Niggerkellner, die irgendwo in ihren weißen Jacken faulenzten, die Nigger lachten, daß die Mäuler mit den schneeweißen Bleckzähnen von einem Ohr zum andern klafften. Da blieb denn Braxton nichts anderes übrig, als gotteslästerlich fluchend davonzutrotten. Denn es war allmählich Zeit, den kleinen Ruster zu begraben.

Der kleine Herr Fred nahm die »Times« von dem Ständer und schwenkte sie wie eine Standarte über seinem Kopf und verscheuchte die Nigger. Dann bei einer Zigarette streckte er seine langen Beine unter den Tisch und verscheuchte seinen Aerger über diesen ihm gänzlich unverständlichen 85 Menschen, diesen Braxton, der ihn wie ein Großvater nach Hause hatte schicken wollen.

Schließlich hatte er die ganze Szene vergessen, und er war so weit ganz guter Laune, als er das Hotel verließ, um zum Begräbnis zu gehen. Aber drückender und quälender fühlte er doch, als er die Straße betrat, die Mattigkeit von vorhin. Wolken hingen über den Zepita-Bergen und von den Wolken wehten nasse weiße Schleier herab zur triefenden Erde, und irgend ein lähmendes Gift kroch aus diesem heißen Dampf in den Körper, daß Bleigewichte sich an die Glieder hingen. Pfützen standen allenthalben auf den Straßen, Pfützen mit schmutzigem, rasch sich zersetzendem Wasser, aus dem Moskitoschwärme aufsummten, in Auge und Nase sich setzten, daß die Kulis die Gesichter mit Sackfetzen umwickelten und wie spukhafte Masken ihm entgegenkamen. Der Fleischmarkt am Kai, wo schmierige Mulattenweiber sich drängten – ah, das war Ekel, unsäglicher Ekel. Und aus dem Aasgestank, der ihm nachgekrochen kam durch die Hafengassen, rannte er plötzlich der Calle amarilla zu, ohne daß er selbst wußte, ob er noch den rechten Weg hatte. In den Schläfen der Schmerz bohrte wieder 86 heftiger und ein Schwindel ließ, als er einmal still hielt, alles um ihn kreisen.

Dann nahm er sich zusammen und begann sich zu orientieren: er hatte Braxton niedergeboxt, und da drüben lag der letzte Europadampfer mit seinen rasselnden Wintschen und es war Regenzeit, und er hatte sich eben nicht daran gewöhnt, das war alles und . . .

Ein riesiger Mulatte in der Konstableruniform der Stadt und mit dem riesigen Korkhelm der Londoner Polizisten auf dem Schädel legte plötzlich die Hand auf seinen Arm und fragte ihn nach seinen Papieren. Da sagte er ganz mechanisch, wer er sei, und daß er gehe, den kleinen Ruster zu begraben, der am Gelbfieber gestorben sei. Auch irgend ein Papier, das er zufällig bei sich führte, zeigte er ihm. Da sah ihn der andere mit einer Art peinlichen Mitleides an und ging weiter.

Der kleine Herr Fred rüttelte sich auf aus seiner Lethargie und sah, daß er auf der Plazza stand, auf derselben Plazza, über die er gestern mit der Herzogin von Lota gefahren war. Jetzt war sie leer und nur Menschen mit gefälltem Gewehr patrouillierten auf und ab. Auf der Veranda des Gouvernementspalais streckte ein Maximgewehr seinen dünnen Hals aus, und da, wo es 87 nach der Plazza Fernando Cortez abbog, hatte man eine Barrikade aus Sandsäcken gebaut. Der kleine Herr Fred sah ein, daß er vor der Hand hier ganz und gar nichts zu suchen hatte, und rannte geraden Wegs durch die Chinesenstadt den Bergen zu, wo der Friedhof lag.

Die Kirche, in der der Sarg mit dem kleinen Ruster stand, war zweifellos sehr schön. Die Kirche hatte Barocksäulen aus Holz, die in Wirklichkeit platte Bretter mit aufgemalter Marmorierung waren. Ein hölzerner Christus, mit greller Oelfarbe gestrichen, hing, eine groteske Gotteslästerung, über dem Altar, und der Sarg stand auf einem fabelhaften Axminsterteppich, der sicher einmal eine volle Guinee gekostet hatte.

Ein Pater von der bayerischen Mission hielt die Rede. Er bog seinen Kopf mit dem maßlos langen, keilförmigen Vollbart krampfhaft ins Genick, daß man bei jedem Wort ein wippendes Bartende sah statt eines Gesichtes. Er sprach von der fernen irdischen Heimat des kleinen Uhrmachers und seiner nun sehr nahen himmlischen. Und bei der irdischen Heimat mußte der kleine Herr Fred merkwürdigerweise an seine eigene denken mit ihren kühlen Herbstmorgen und Parforcejagden. Da begann der Priester das 88 Zeremoniale zu sprechen. Aber als er dann den Namen des kleinen Ruster hätten nennen müssen, da stockte der Mann Gottes plötzlich verlegen und Braxton, der ihm zunächst stand, mußte ihm das Wort zuflüstern. Der Priester konnte unmöglich den Namen eines kleinen Uhrmachers behalten. Es starben sehr viele Europäer in Guayaquil. –

Der Sarg des kleinen Ruster war von großen fremdartigen Fliegen umsurrt, weiß Gott wieso. Er stand ganz einsam in der Runde der Leidtragenden. Er war klein und fürchterlich eng und mit einem ganz platten Deckel geschlossen, wie alle spanischen Särge. Am ehesten hätte man ihn mit dem Gehäuse einer nicht zu langen Wanduhr vergleichen können: eine Vorstellung, über die der kleine Herr Fred beinahe gelacht hätte, wenn da nicht dieser infame quälende Druck gewesen wäre, der ihm die Kehle zuschnürte.

Aber da schwieg auch der Priester schon und Braxton winkte. Er winkte außer Fred noch Caffard und Mac Linton und Ungern, einem jungen Kurländer, der hier seine Tropenmelancholie in ungeheueren Whiskymengen ersäufte. Aber nun war er blaß wie alle anderen, die noch kein Gelbfieber gehabt hatten. Fred sah, daß der Sarg mit vier talmisilbernen 89 Totenköpfen versehen war, und jedem hing lächerlicherweise ein Ring durch das Fletschmaul. In den Ring schob er die Hand und hob mit den anderen und erschrak fast darüber, wie schwer ihm das Heben wurde. Der kleine Ruster war merkwürdig schwer im Tode . . .

Als er mit seiner Last durch das Portal kam, wankte er und mußte die anderen bitten, einen Augenblick abzusetzen. Und als er dann wieder hob und mit den anderen auf das offene Grab zu ging, schrak er wieder zusammen: in der Nähe der Gruft stand ein riesiges Insekt mit grau und schwarz gebändertem Rücken und lächerlich hohen Stelzbeinen und glotzte ihn an mit seinem einzigen riesigen Auge. Er schloß einen Augenblick die Lider vor Entsetzen. Als er sie wieder öffnete, erkannte er, daß es nur der Apparat eines Photographen war, der von dem Leichenbegängnis die übliche Aufnahme machte, um sie dann den Eltern des kleinen Ruster zu schicken. Dann trat er an das Grab, dessen Ränder ganz aufgeweicht waren von dem Regen, und dann schnurrten die Seile, und die Schollen donnerten. Und nach einer Stunde dachte niemand mehr an den kleinen Ruster. –

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