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Frau Übersee

Fritz Reck-Mallaczewen: Frau Übersee - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Übersee
authorFritz Reck-Malleczewen
year1918
firstpub1918
publisherRolf Mosse
addressBerlin
titleFrau Übersee
pages191
created20160218
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Es war gegen Ende Dezember und jene Stunde, in der vom Meer der erste kühle Hauch kommt und alle diese armen gepeinigten 27 Europäer, die der Tag mit seiner schreckenhaften Glut lähmte, für wenige Abendstunden zu einem unwahrscheinlich intensiven Leben erwachen. Die Plazza vor der Veranda belebte sich, und von der Calle amarilla her schossen die Cabs und die Tandems farbiger Kaffee-Exporteure den Korso entlang. Drüben aber, mitten im Strom, lag ein riesiger Dampfer und löschte seine Stückgüter, wie Europa sie so nach diesen exotischen Republiken ausführt: Sprengstoffe und Kochgeschirre und Plüschmöbel für die Cacaofarmer des Hinterlandes. Die Lanchen glitten hin und her zwischen Schiff und Kai und in den grellen Lichtbahnen der Bogenlampen tauchten jäh aus dem Dunkel die Gestalten der farbigen Schauerleute auf: schlank und mager alle, alle von der sparsamen Schönheit antiker Götter. Und ihre Lieder kamen mit der Brise zu der fiebernden Stadt, uralte Lieder, wie ihre Väter sie lange gesungen, lange vor Kolumbus und den Blutorgien Francisco Pizarros. Und dann fuhr wieder einmal das Schnurren der Dampfwinden dazwischen und dann war alles fort und alles Gegenwart, und nur der Drang zu verdienen, die Habgier des alten, fernen Europas . . .

28 Ab und zu übrigens glitten durch die Lichtkreise auf dem Wasser noch andere Boote mit höchst merkwürdiger Ladung: zwei hastig rudernde Fleteros vorn und hinten, und in der Mitte eine hellgekleidete und ganz gebrechliche Gestalt. Das waren die europäischen Frauen, die man auf das andere Ufer schaffte, wo um diese Zeit die Brise ein wenig mehr kühlte. Arme, dahinsiechende Geschöpfe, die man in diesem Klima, wie im Norden exotische Blumen, nur durch eine höchst verzwickte Lebensdiät erhalten konnte.

Die Männer dieser weißen Frauen waren widerstandsfähig genug, um schon im Klub versammelt zu sein. In dem großen Billardsaal, in dem man schon Licht brennen mußte, wo die Brise durch die elektrischen Windfächer verzehnfacht wurde, dort hatten sich Braxton und der Belgier van Lammen und der Deutsche Rickert zu einem Bridge zu dreien niedergelassen. Sie waren ganz gelassen, diese drei, und nahmen die ganze Sache nicht so tragisch. Sie waren alt geworden in den Tropen, so schnell wie man eben altert in der Backofenglut und bei dem ewigen Whisky und dem daraus sich ergebenden Leberabszeß. Ihnen war die ganze Angelegenheit nicht einmal überraschend gekommen und sie ließen einfach den Hasen laufen, 29 wie er laufen mochte. Sie waren alle drei unverheiratet und hatten nichts zu fürchten, und waren gewohnt, ihre Pistolen in Ordnung zu halten, gleichviel ob die Nigger revoltieren oder nicht.

Was geschehen war?

Van Lammen, derselbe, der da eben so seelenruhig die kleinen mit dem Inkakopf geschmückten Silbermünzen der Aequatorrepublik über den Tisch rollen ließ, dieser nämliche kleine Flame war eben von Ambato aus den Gummifeldern mit schlimmer Nachricht gekommen. Drohende Parlamentsauflösung in Quito . . . ein verhafteter Finanzminister . . . ein ermordeter Gouverneur irgendwo in den Ostprovinzen . . . ein Anschlag auf die Bahn nach Quito, die einzige des Landes.

Und dann endlich der Doktor Juan Sanchez Moron. Dieser Sturmvogel, der überall auftauchte, wo ein Putsch bevorstand.

Moron, der ehemalige Advokat, der überall im Auslande, in Guatemala und Mexiko und selbst in den Pariser Salons, das Feuer aller südamerikanischen Revolutionen schürte. Ein höchst unheimlicher Kerl, ein Vollblutindianer, der sein rundes Dutzend politischer Morde auf dem Gewissen hatte und nach dunklen Sagen ein ganz verteufeltes 30 Ziel verfolgte: die Europäer aus dem Lande zu jagen samt ihrem Außenhandel und der amerikanischen Regierung, die diese Wirtschaft begünstigte. Die ganze farbige Menschheit Südamerikas zusammenzuballen zu einem einzigen souveränen Staat, und so der Napoleon eines jungen unermeßlich reichen Erdteiles zu werden . . .

Dieses Gespenst also, das bisher die Landesgrenze nicht hatte überschreiten dürfen, war am hellen lichten Tag auf einem der Riesenmeetings in Quito erschienen und hatte gesprochen, zu Tausenden von jubelnden Farmproletariern und desertierten Soldaten und Kleinbauern . . . Höchst unangenehme Vorzeichen alles! Nicht für einen Putsch, wie er täglich irgendwo in dem weiten Land vorkam, sondern eben für eine Revolution mit Barrikaden und Truppenmeutereien, mit zerstörten Eisenbahnen und Leichenhaufen an jeder Straßenecke, mit Lähmung des Importhandels und geplünderten Europäerhäusern. Und die fünfzehn oder zwanzig Herren, die auf der Veranda über alle diese Dinge debattiert hatten, sahen in den Hauptbüchern ihrer Firmen große sechs- und siebenstellige Zahlen, glatte reinliche Zahlen, die sie am Jahresschluß dort eingetragen hätten, zusammenschrumpfen und vollends dort 31 verschwinden und hinüberwandern auf die Verlustseite.

Guayaquil freilich – äußerlich und oberflächlich betrachtet – es war wie sonst in dieser Stunde. Mit ihren Instrumenten zog eine Musikbande heran, barfüßige Mulatten, die, seltsam genug, in genauen Kopien blitzblauer Preußenuniformen steckten und unter Pickelhauben mit breitbackigen Niggergesichten grinsten. Wie sonst schlich sich die Sentimentalität des letzten Europaschlagers über die heiße Plazza und wie sonst kam der Wagen des Gouverneurs, und vor dem Kreolen darinnen mit dem langen, weißen Vollbart entblößten sich wie sonst die Häupter. Die Cabs und die Tandems der Kaffee-Exporteure und reicher Mädchenhändler kamen vorbei und die Equipagen der Zollbeamten, von denen man männiglich wußte, daß Wagen und Pferd und die schönen Frauen auf den Polstern aus öffentlichen Mitteln bestritten wurden. Und Doktor Azubre kam vorbei, der Modearzt, wie sonst umgeben von einem Stabe schöner Anbeterinnen, gestikulierend, mit den priesterlich-fachmännischen Gebärden aller romanischen Aerzte und wie immer überquellend in der Fülle pikanter Witze aus seiner Pariser Assistentenzeit bei Doyen. Und Kokotten kamen in der mißverstandenen 32 Eleganz der letzten Pariser Modelle, und Mönche der Jesuitenmission, dicke, schwitzende Bayern mit meterlangen Vollbärten, schoben sich durch die Menge. Und wie sonst gröhlten betrunkene Steuerleute von irgend einem schmierigen, ewig pestinfizierten peruanischen Küstensegler den Gassenhauer der Musikanten mit, und wie immer um diese Stunde ließen sich fette chinesische Händler, steinreiche Leute mit üppig wuchernden Geschäftsbetrieben, in ihren Sänften nach einem der zahlreichen Bordelle tragen, wo es immer frische, weiße Frauen gab.

Und doch war da etwas, was denen auf der Klubveranda fremd war an Guayaquil. Vielleicht lag es nur an der Schwüle, die nun nach dem Aufhören der Brise über den Platz gekrochen kam . . . an der ersten Gewitterwolke, die tintenschwarz über der See lag . . . an irgend etwas Lähmendem, was man nicht fassen konnte und was doch unter allen Umständen da war . . .

Hofmann von Leuchtenstern, der ehemalige österreichische Offizier, der hier an der Westküste den Armeen der Operettenstaaten Skodakanonen einschoß und verkaufte, hatte zuerst einen der Zeitungsträger erwischt, die brüllend, die neueste Ausgabe des »Telegrafo« auf dem Arm, von der 33 Redaktion her die Calle amarillo herabschossen. Fünfzehn, zwanzig brave europäische Familienväter umdrängten ihn und suchten angstvoll in den schlechtgedruckten Zeilen mit dem korrupten Kolonialspanisch: die üblichen Telegramme via Galveston, die Kaffeepreise, die Hochzeitsausstattung des Fräulein Gould, der letzte europäische Hofskandal, das Inserat eines Hosenträgerhändlers mitten im Text. Nichts von politischen Morden, nichts von Parlamentsauflösung, nichts von einem Attentat auf den Präsidenten. Für den Kenner der beste Beweis, daß alle diese Gerüchte auf Wahrheit beruhten, daß die Regierung die Nachrichten unterdrückte, daß . . .

Und während jeder von ihnen sich diese letzte Nummer des »Telegrafo« so auslegte, wie es ihm seine eigenen Wünsche und seine Tropenerfahrung erlaubten –, da eben geschah es, daß von der Franziskanerkirche her scharf wie Peitschenhiebe zwei Schüsse knallten; ganz nüchtern und sachlich hinein in die Sentimentalität des Gassenhauers, zwei Schüsse aus irgend einer der kurz knallenden Mauserpistolen.

Mauserpistolen entladen sich oft in Tropenstädten. Man hat sich um eine kleine Japanerin gerauft oder um irgend einen seltenen Vogel, den 34 man gefangen hat, und an Bord zurückbringen will, und auf den dann jeder den alleinigen Anspruch macht. Ein Nigger hat im Spiel betrogen und ein farbiger Polizist ist von einem Lanchero angegriffen worden. Sie gehen leicht los in diesen Tropenstädten, und es braucht sich durchaus nicht immer um ein Attentat auf den Gouverneur zu handeln, gewiß nicht . . .

In diesem Falle brach die Musik mitten ab in einem blutrünstigen Septimakkord. Ein paar Polizisten liefen, und zwei Wagen stießen zusammen in dem plötzlichen heillosen Chaos. Und dann schrie und tobte das noch während zweier Minuten durcheinander und dann drängten plötzlich alle die Cabs und die Tandems und auch die Sänften mit den fetten chinesischen Händlern in die Seitenstraßen.

Und dann kam ein einziges mit Schimmeln bespanntes Fuhrwerk über die Plazza und Polizisten führten die scheu gewordenen zitternden Pferde an den Zügeln. Aber der weißbärtige Kreole grüßte unverletzt nach allen Seiten, und auf dem hellgrünen breiten Ordensband war im grellen Schein der Bogenlampen kein Tröpflein Blut zu sehen. Und es war überhaupt kein Attentat, gewiß nicht: es war wohl nur einem 35 Hafenarbeiter eine Pistole versehentlich auf das Straßenpflaster gefallen. Und die Sicherheit des Staates war nicht gefährdet, und beruhigend und tief heulte in das Chaos der große Dampfer auf dem Strom, ungeduldig auf die nächste Lantsche wartend.

Aber die drei in dem Hinterzimmer hatten doch ihren Bridge unterbrochen. Und so standen sie denn alle auf der Veranda und sahen nachdenklich auf das Bild des aufgestörten Korsos, das sich plötzlich, urplötzlich so verändert hatte. Denn nun war der Doktor Arzubre mit seinen Pariser Witzen und dem Schwarm seiner Anbeterinnen verschwunden und mitten hinein in die goldene Jugend Guayaquils, in die Schwärme von Dirnen und Damen und Halbjungfern schob sich schweigend ein Keil ganz anderer Leute: sie kamen alle vom Hafen her, und man merkte es ihnen an, daß sie eben noch nach dem Takt eines uralten Liedes, wie es lange vor Kolumbus ihre Väter gesungen, Plüschmöbel und Sprengstoffe und Blechgeschirre an Land gebracht hatten.

Aber nun waren sie stumm und schweigend glitten sie durch die Lichtkreise der Bogenlampen unter den zerrissenen bunten Fetzen, wie seltsame, große Lemuren. Sie sahen alle starr vor 36 sich hin, und ihre Gesichter waren grausam und schön, wie auf mittelalterlichen Münzen die Profile von Renaissanceherrschern. Und auf den heißen Steinen der Plazza raschelten und traten wie die Tritte einer riesigen Herde tausend und aber tausend nackte Füße . . . unübersehbare Bataillone farbiger Proletarier.

Die Männer auf der Klubveranda sahen nachdenklich auf diese seltsame Veränderung des Korsos, und sie alle – die drei von der Bridgepartie vielleicht ausgenommen – waren um ein paar Schatten blasser geworden. Sie waren nüchterne Leute mit einer gesunden Witterung für Kaffeepreise und Frachtraten, die sich bisher nicht gerade viel um die Nigger gekümmert hatten. Aber plötzlich kam ihnen doch der Gedanke an das Europa, das einmal hierher gekommen war, die ewige Liebe zu predigen, an die Heere des fünften Karl, die die Väter dieser Sklaven da entrechtet, an die spanischen Goldflotten, die ein geplündertes Land hinter sich gelassen hatten. Sie kamen sich selbst wie die Erben jener schuldigen Eroberer vor. Sie wußten wohl, daß die da unten nie vergessen hatten, und sie bemerkten plötzlich, daß die Veranda ihres Klubs nur fünf Fuß über der 37 Straße lag und daß nur ein schwaches Geländer sie von den Herren dieser Straße trennte.

Aber plötzlich, während sie unwillkürlich nach ihren Waffen tasteten, geschah etwas, was sie ganz und gar nicht erwartet hatten. Denn in die gedrängten Kolonnen der farbigen Fleteros und Schauerleute, mitten hinein in diese dunkle schweigende Masse, drängte sich nun abermals ein offener Wagen und sein Lackleder warf blendenden Laternenschein zurück.

Und plötzlich geschah es, daß sie alle die revoltierenden Nigger da unten vergaßen und ihre Hüte zogen. Und man muß nicht glauben, daß sie die Herzogin von Lota gegrüßt hätten . . . o nein. Die Herzogin von Lota (wer bürgte denn überhaupt dafür, daß sie eine echte Herzogin war?) . . . was war sie anders als eine jener politisierenden, mehr der halben als der ganzen Welt angehörenden Frauen, wie jede große Tropenstadt sie hat und die zu grüßen ihre Ehrbarkeit sich einfach geweigert hätte. Sie zogen vielmehr die Hüte einzig und allein vor dem kleinen Herrn Fred, der es wagte, neben der Herzogin von Lota, neben dieser Kreolin von zweifelhaftem Ruf über den Korso zu fahren. Vor diesem schmächtigen jungen Herrn, der nichts 38 weiter war als ein Volontär, einer von denen, die alljährlich nach Guayaquil kamen. Der aber doch der Erbe eines mächtigen europäischen Hauses blieb, dessen Kapital sie alle, Braxton und van Lammen und Rickert selbst nicht ausgenommen, einfach erdrücken konnte, wenn dieser Bursch da es wollte.

Der kleine Herr Fred dankte ein wenig versonnen den Klubgenossen da oben und die Quinterone an seiner Seite grüßte förmlich und hochmütig, so wie alle Farbigen – gleichviel ob Kreolen oder Japaner – den Gruß des weißen Mannes erwidern. Und im nächsten Augenblick – den Putsch hatten sie alle fast vergessen in ihrer grenzenlosen Ueberraschung – im nächsten Augenblick saß der Wagen festgeklemmt und eingekeilt in die Mauern der demonstrierenden Menge.

Das war ganz selbstverständlich so: alle anderen Wagen waren vor ihnen verschwunden, vor den Herren der Straße. Was hatte dieses Fuhrwerk mit seiner einem Mulatten ganz und gar unverständlichen Eleganz auf dem Korso zu suchen? Jetzt war kein Korso! Der Korso der Reichen war aus! Und zwei Kerle, in schmierige Teppiche gewickelt und anzuschauen wie Pariser Petroleusen, waren den Pferden in die Zügel 39 gefallen. Das Fuhrwerk stand. Ein Dritter, ein übergroßer Mensch mit den Bewegungen eines ältlichen hungrigen Panthers, kletterte zum Kutscher hinauf. Das alles geschah im kreideweißen Licht der nächsten Bogenlampe. Die Schatten zeichneten sich scharf auf dem Boden ab und den Europäern auf ihrer Veranda stand plötzlich das Herz still, und Braxton, der nun volle zwanzig Jahre in Guayaquil lebte, schob neugierig den Unterkiefer vor, wie er immer zu tun pflegte, wenn er einer Balgerei auf Tod und Leben zusah.

Aber da geschah zum zweiten Male etwas Unerwartetes. Denn der kleine Herr Fred (man hatte nur den Schatten huschen sehen) war ganz plötzlich an der Seite des Kutschers auf dem Bock und plötzlich lag der ältliche hungrige Panther wehklagend auf dem Pflaster. Und dann die Peitsche in seiner Hand – zum Teufel, wie konnte dieser Bursch die Peitsche fassen, mit solcher verfluchten Herrengebärde und so, daß das Handgelenk ganz weiß wurde vom festen Zufassen – und da zuckte es durch die Luft, und von den farbigen Herren der Straße hatte der eine einen blutigen Riß senkrecht über das Gesicht und der andere ließ lieber vor einem zweiten solchen Hieb die Zügel los. Und der Strom teilte sich plötzlich 40 und Amerika machte Platz: im nächsten Augenblick griffen die Andalusierhengste aus, und der Hufschlag verhallte weit hinten in der Calle amarilla, wo sie sich schon in der Chinesenstadt verliert.

So war denn das alles ganz schnell fort, so wie es gekommen war, und jetzt erst hatten die Bürger auf der Klubveranda Zeit, sich über das Unerhörte, wenn nicht gar Unpassende des ganzen Auftrittes zu äußern. Und plötzlich hatten sie den Straßenauflauf, der ganz allmählich nach dem Stadtinnern zu verebbte, vergessen, und plötzlich dachten sie alle nur noch an die unerhörte Tatsache, daß einer der Ihren, eben dieser kleine Herr Fred, es gewagt hatte, am hellichten Tag neben der Herzogin von Lota, neben einer Quinterone von zweifelhaftem Ruf, den Korso zu überqueren. Weil man sich aber nicht recht entschließen konnte, über diesen kleinen Burschen mit dem losen Handgelenk zu sprechen, der sie alle an die Wand drücken konnte, so sprach man denn um so mehr von der Herzogin von Lota.

Denn es ist nicht anders und kann nicht anders sein, daß eine Versammlung von zehn oder fünfzehn Mannsbildern in einem tropischen Klub nicht weniger klatscht als ein Stammtisch in 41 Hartlepoole oder Linköping oder in Treptow an der Persante. Und ob dort ein wirklicher Kellner Bier oder Ale oder irgend einen fragwürdigen Burgunder bringt, und ob es hier Nigger tun und man gewöhnlich Whisky trinkt, es bleibt sich doch gleich am Ende, es bleibt sich überall gleich auf dieser vielgestaltigen Erde.

Van Lammen freilich und der lange Rickert empfahlen sich sehr bald und taten nicht mit. Und auch Braxton saß wieder im Billardzimmer und mühte sich in unergründlichem Spleen zum tausendsten Male mit der Aufgabe eines Geduldspieles ab, das er immer bei sich führte und dessen Lösung ihm scheinbar eine Lebensaufgabe geworden war. Er war schließlich denn doch zu lange in den Tropen, um über Dinge zu sprechen, an die er seine große zuverlässige Pfote prinzipiell nicht legte, und über Frauen, in deren Hause er nicht verkehrte. o nein . . .

Aber die anderen alle saßen einträchtig zusammen auf ihrer Veranda, Leute aller europäischen Nationen, einen Meter hoch über gänzlich unbekannter exotischer Menschheit, und sprachen von einer schönen Frau, deren Haus sie allesamt nie betreten hatten. Und dieses Mal beschränkte man sich nicht darauf zu erörtern, 42 was jedermann wußte. Man hielt sich nicht dabei auf, daß sie die Bastardin eines verkommenen europäischen Edelmannes und irgend einer Vollblutindianerin aus den Ostprovinzen sei und daß der letzte Präsident, dem sie sehr nahe gestanden, ihr auf irgend eine fragwürdige Weise einen fragwürdigen Herzogtitel verschafft hatte. Man hielt sich auch dieses Mal nicht bei dem großen Vermögen auf, das ihr zu jener Zeit aus den öffentlichen Mitteln des Staates zugewandt worden war, wo sie eben ein gewissermaßen legitimer Bestandteil dieses Staates gewesen. Nun ja, sie hatte ja jetzt die nötigen Mittel, um zu leben, wo, wie und mit wem sie wollte, aber es blieb doch eben ein Skandal für die ganze europäische Kolonie, wenn ein Weißer auf offenem Korso . . .

Aber da besann man sich wiederum und begann von den ungeheuerlichen Dingen zu sprechen, die sich, wie einer dem anderen zuraunte, im Hause der Herzogin von Lota abspielten, da weit draußen, irgendwo am Fuß der Zepitaberge. Und wenn einer wissen wollte, daß sie sich einen ganzen Harem junger Japanerinnen halte, dann behauptete der zweite schon, daß man bei ihren berüchtigten Nachtgesellschaften mit geschminkten Leichen tanze, wie das übrigens einer der Herren, 43 der vorher längere Zeit ein Petersburger Importgeschäft geleitet hatte, in den Hinterzimmern der Madame Beresinskaja in Wasilij Ostrow gesehen haben wollte.

Da aber, als der Klatsch sich ins Ungemessene steigerte, schrie der erste Donner von den Bergen hinter der Stadt, klirrend und hell, daß sie plötzlich zu Ende waren mit ihrer Weisheit.

Sie erhoben sich und sahen hinab. Unten war es still geworden und was noch, gebeugt von der Schwüle, über die Plazza schlich, glitt geräuschlos und fast schemenhaft durch die hellen Lichtkreise der Lampen. Es war ganz still zwischen den Donnern, so daß man die feine Musik der Moskitos hören konnte.

Die Herren, durch irgend ein undefinierbares Unbehagen aufgestört, wollten sich in das Hinterzimmer zurückziehen. Aber da schoß aus dem nächsten Laternenschein in seiner hellen Jacke einer der schwarzen Klubdiener heran und verschwand im dunklen Schatten des Hauses, und gleich darauf trat Braxton unter sie und berichtete mit seiner schönen ruhigen Stimme, die so präzis klang wie das Zusammenschlagen von Billardbällen, es werde ihm eben gemeldet, daß der junge Ruster (irgend ein armer kleiner Elsässer, den sie alle 44 kaum kannten) heute am Gelbfieber erkrankt und verstorben sei. Das Begräbnis sei schon am nächsten Tage und er werde allen Mitgliedern der Kolonie noch die genaue Stunde mitteilen, auch dem kleinen Herrn Fred, gewiß. Es sei der erste Fieberfall in diesem Jahr und es sei nun schon Regenzeit. Und Braxton gähnte und klimperte mit den kleinen Silbermünzen in seiner Tasche und sah, wie der erste Regen auf Guayaquil niederprasselte und wie die Bogenlampen plötzlich hinter weißen feuchten Schleiern verschwanden.

Aber als er dann nach einer halben Stunde, als das Gewitter vorüber war, die Calle amarilla entlang seiner Wohnung zuging, da fiel ihm plötzlich, weiß der Teufel warum, dieser kleine Herr Fred ein, der vorhin den Niggern so scharf zu Leibe gegangen war. Und plötzlich blieb Braxton stehen: weshalb war der denn noch hier? Ritt ihn der Teufel, sich zur Regenzeit in Guayaquil herumzutreiben, im Dezember, wo man an manchem Tag fünfzehn Fieberleichen begräbt? In diesem Guayaquil, das zu alledem auch noch eine Revolution zu inszenieren beabsichtigte, wenn nicht alles täuschte?

Das schöne Frauenzimmer, neben dem der kleine Herr Fred vorhin im Wagen gesessen hatte, 45 tauchte vor Braxton auf, und er knurrte unzufrieden und durch seinen Kopf gingen irgend welche Kombinationen über die Gründe. die diesen Jungen noch hier zurückhielten. Da besann er sich denn schließlich darauf, daß er der Aelteste der Kolonie war und daß kein anderer wie eben er die Pflicht hatte, den kleinen Herrn Fred auf den nächsten Dampfer zu spedieren. Auch wenn da ein Unterrock im Spiel sein sollte, ganz gewiß. Und er nahm sich schließlich vor, am nächsten Tag einmal hinzugehen und diesen Jungen am Grünhorn zu nehmen und ihn darauf aufmerksam zu machen, daß es nun allmählich höchste Zeit für ihn sei.

Braxton ging und ging. Die Calle amarilla freilich war wie sonst ruhig und menschenleer um diese Stunde schon. Aber an der Redaktion des »Telegrafo« drängten sich Menschen um ein amtliches Plakat der Regierung: das Attentat auf den Gouverneur wurde dementiert. Ein Mensch mit einem von einer fabelhaften Krankheit entstellten Gesicht ließ sich auf die Schultern der anderen heben und riß den Fetzen von der Tafel. Irgend ein allbekanntes, zotengespicktes Spottlied auf die Regierung heulte über den Platz und irgend 46 jemand begann eine Rede für Menschenrechte und Güterkonfiskation zu halten.

An der nächsten Straßenecke hatte man einen farbigen Polizisten ermordet und das Schild des nordamerikanischen Konsulats herabgerissen. Auf dem Platz freilich vor dem Gouvernementpalais, wo sich jetzt ein verängstigter alter Kreole hinter verbarrikadierten Türen verbarg, standen ruhig wie Bildsäulen die Gestalten der Wache, die den Zugang absperrten und irgend ein goldbetreßter Offizier, berstend vor Pflichtgefühl, ließ das Pferd vor den Läufen der Maschinengewehre tanzen.

Das alles sah Braxton und dachte sich das seine dabei. Und der alte Tropenmann, der die ganze Exotik kannte, zwischen dem Lizzard und Melbourne und dem weder revoltierende Nigger noch solch geschmeidiger Bursch wie dieser kleine Herr Fred da irgend etwas vormachen konnten – er ging ruhig Schritt für Schritt wie ein großer zuverlässiger Bullterrier durch das fiebernde Guayaquil, das von einer düsteren, blutigen Vergangenheit und den noch ungeheuerlicheren Exzessen einer kochendheißen Gegenwart träumte. –

*

47 Der Wagen der Herzogin von Lota hatte noch vor dem Gewitter, nachdem das erste Hindernis durch den kleinen Herrn Fred erst einmal beseitigt worden war, anstandslos die Calle amarilla passiert. Einmal wurde ihr Wagen angehalten und irgend ein Offizier der Munizipalgarde leuchtete ihnen mit der Taschenlampe ins Gesicht, worauf man sie denn anstandslos passieren ließ. Aber die beiden waren viel zu sehr in ihr Gespräch vertieft, als daß sie irgendwie darauf geachtet hätten

Die Chinesenstadt, die sie dann auf dem Wege zum Hause der Herzogin notwendigerweise passieren mußten, hatte sich merkwürdig verändert. Es wäre sonst, an gewöhnlichen Tagen, die Stunde des Hauptgeschäftes gewesen und die tausend gelben Kaiarbeiter einer südamerikanischen Hafenstadt hätten sich durch die engen übelriechenden Gassen nach Hause gedrängt und die Drachenlaternen hätten gebrannt vor Kneipen und Bordellen und Kramläden, wo kleine gelbe Menschen mit alten Seestiefeln und europäischen Ueberröcken und verbogenen Schiffskompassen und eingemachten Seespinnen und überhaupt allem handeln, was es auf Gottes weiter Erde gibt.

48 Aber mit einem Male war das heute aus gewesen. Die Laternen brannten nicht und die Läden waren verrammelt, und dahinter vergruben in dunklen Kellern der Schuhmacher Yen und der Saronghändler Dsing ihre Barbestände, und sie wußten wohl warum. Die kleinen Holzhäuser, abenteuerlich wie gestrandete Dschunken, schmiegten sich ängstlich an die dunklen, riesenhaften Proletarierkasernen. Das Dunkel dazwischen war erstickend heiß und doppelt übelriechend in seiner absoluten Stille. Und nur irgendwo in einem finsteren Winkel weinte eine klägliche, ganz hohe Kinderstimme, ohne daß man auch nur vermuten konnte, woher dieses Weinen eigentlich kam.

Aber dem kleinen Herrn Fred war das alles im höchsten Maße gleichgültig und er machte sich ganz und gar keine Gedanken darüber, ob am nächsten Tag die Nigger hier plündern würden oder nichts Er sah eigentlich nur die schöne Frau, die wie ein prachtvoller bunter Paradiesvogel an seiner Seite saß und lächelte und sich von allem unterhalten ließ, wovon ein zwanzigjähriger Volontär, der Erbe eines europäischen Riesenvermögens, zu berichten weiß: von den Derbys in Horn und der Villa Medici und der großen Skisprungschanze in St. Moritz und von der 49 Tatsache, daß er schon sieben Kaimans geschossen habe und neulich beinahe von einer Jarraracca gebissen worden wäre, der er versehentlich auf den Schwanz getreten habe.

Dann war der Wagen heraus aus der Stadt und flog den Wiesenweg entlang. Frischer Wind kam von der Küste her und die Luft war von irgend einer unbeschreiblichen Süßigkeit voll, daß der große Junge alles vergaß, was hinter ihm lag und vor ihm liegen mochte. Und eigentlich hatte er den Wunsch, diese Fahrt möge überhaupt kein Ende nehmen.

Aber die Herzogin von Lota wohnte gar nicht so weit von der Stadt. Da wo man das Chinesenviertel gerade noch sehen konnte, ohne von seiner Nähe irgendwie belästigt zu werden, und wo die grünen Kegel der Zepitaberge aufsteigen aus der Guayasebene, dort wohnte sie. Es war ein weißes Steinhaus mit plattem Dach und winzigen Fenstern und einer einzigen Tür, eine kleine Festung, im Viereck um einen Hof, um das Portio, gebaut, wie alle spanischen Häuser, abgeschlossen und geheimnisvoll, wie es sich gehört für eine im großen Stil politisierende Dame, um die der Bürger seine Legende spinnt.

50 Ein ältlicher dicker Mulatte in rotgoldener Livree hielt den Schlag:

»Besuch.«

»Besuch? Um diese Stunde? Und wer?«

Der Alte sah verlegen auf den Begleiter seiner Herrin, den er zum ersten Male in diesem Hause sah. »Besuch«, sagte er achselzuckend und nahm den Mantel der Herzogin.

Noch in dem Gang, der zum Patio führte, bemerkte der kleine Herr Fred dort einen ältlichen untersetzten Menschen, der ungeduldig um die Blattpflanzen des Springbrunnens in der Mitte lief. Die Herzogin tippte ihn auf die Schultern und hielt ihn zurück:

»Höchst merkwürdiger und seltener Besuch, mein Freund. Und Sie werden sehr liebenswürdig sein, verstehen Sie mich?«

Dann zeigte, als sie das Patio erreicht hatten, der da drinnen zum ersten Male sein Gesicht: zum Teufel, kein Kreole war das, sondern ein Vollblutindianer, der in einem hypermodernen europäischen Sportanzug steckte, ein Araucarier mit fleischigem Gesicht und dicklicher, melancholisch zur Weste hinabhängender Unterlippe. Wie er so um den Brunnen lief in seiner Ungeduld, erinnerte er an einen ins Exotische stilisierten 51 Kommerzienrat und der kleine Herr Fred hätte ihm um ein Haar geradeaus ins Gesicht gelacht.

Aber da bemerkte schon der andere sein mokantes Lächeln, und mit einem Male wurden die Augen des anderen schmal wie haarscharfe Dolche und das Gesicht straffte sich, und der kleine Herr Fred zog es vor, sein Lachen zu unterdrücken.

»Moron?« Die Herzogin eilte dem anderen entgegen. »Ich muß gestehen, Sie überraschen mich einigermaßen . . .«

Der andere blieb stehen, wo er stand, und lächelte ironisch mit irgend einem zweideutigen Blick auf ihren europäischen Begleiter.

»Ich überrasche? Zweifellos, Sie haben ja andere Gäste. Aber ich muß Ihnen gestehen, auch ich bin einigermaßen überrascht . . . ich, über Sie. Ich komme von Quito in dieser Stunde, und Sie wissen weshalb. Und ich, dem jede Minute unersetzlich ist, finde Sie nicht zu Hause . . . auf einer Korsofahrt . . . weiß Gott wo . . .«

»Wie das ja wohl unvermeidlich ist, solange nicht himmlische Heerscharen mir Ihr Kommen ankündigen.«

»So hätte man mich erwarten müssen! Unbedingt und zu jeder Stunde erwarten müssen.«

Er schrie wie ein Fletero und warf in einer 52 plötzlichen ungeheuerlichen Wut seinen Hut auf den Boden.

Der kleine Herr Fred hielt ihn für einen tatkräftigen Weinhändler, der seine Rechnung einzutreiben kam, und er schwankte, ob er ihn bezahlen oder hinaussetzen sollte. Aber die Herzogin von Lota nahm das merkwürdigerweise mit einer gewissen Gelassenheit hin, zuckte nur die Achseln und schob den Hut mit der Spitze ihres Schuhes um einen Schritt weiter.

»Lassen Sie,« sagte sie zu dem kleinen Herrn Fred, »der Doktor Juan Sanchez Moron ist ein berühmter Held und Freiheitskämpfer, und Sie müssen ihm derlei Begrüßungen nachsehen. Haben Sie wenigstens Zeit genug, Moron, sich meinen Freund hier vorstellen zu lassen?«

Der Doktor Moron stampfte mit dem Fuß:

»Zum Teufel, ja, wenn es sein muß. Aber Sie wissen selbst, Herzogin, daß ich Sie selbst sprechen muß, allein, ohne Zeugen. Es ist zehn Uhr, Herzogin, und ich werde um elf in der Stadt erwartet, und Sie wissen selbst, in welcher Angelegenheit.«

Die Herzogin überlegte einen kurzen Augenblick:

»Sie sollen Ihren Willen haben, Moron, nur 53 werden ja wohl auch Sie einer heimkehrenden Dame gestatten, sich umzukleiden. Ich erwarte Sie also nach zehn Minuten in meinem Arbeitszimmer. Bartolo wird Sie hinaufführen.« Damit war sie auf der Treppe zu dem oberen Stockwerk und ließ ihre beiden Gäste allein.

In den bequemen Korbsesseln vor den Blattpflanzen saßen die beiden sich gegenüber, der eine das Gesicht zur Erde gewendet und irgend welche mystische Figuren mit der Stiefelspitze in den Kies zeichnend, der andere fortwährend mit dem Stöckchen den schlanken Brunnenstrahl durchschneidend und silbrige Wassertropfen nach dem großen blauen und roten Vogel spritzend, der in seinem Messingkäfig über den Blattpflanzen thronte. Die Bogenlampe oben zischte leise, und ganz von fern kam das Singen eines Grammophons in unwahrscheinlich hohem Tenor, wie es die Kulis lieben. Man konnte durch das offene Patio oben am pechschwarzen Himmel die Sterne blitzen sehen und man konnte in der peinlichen Stille, in der man sich absolut nichts zu sagen hatte, doch nicht gut dem Blick des anderen ausweichen, dem es auch nicht besser erging.

Ganz verstohlen beobachtete der kleine Herr 54 Fred den Doktor Moron, und man kann nicht sagen, daß sich seine Sympathie für diesen Menschen dadurch steigerte. Ein unangenehmes fleischiges Gesicht mit irgend einer fettigen, brutalen Sinnlichkeit . . . ein Mädchenimporteur allergrößten Stils oder portugiesischer Geldwechsler, der sich alles leisten konnte . . . nein, dieser Kerl, der ihm den ersten Abend bei der Herzogin von Lota verdarb, war einfach widerlich.

Eine Weile war alles still. Man hörte einen Wasserhahn rauschen und den ganzen Apparat hin und her laufender Zofen spielen, dessen eine schöne Frau zur Abendtoilette bedarf.

Aber das Schweigen, das auf den beiden da unten im Patio lastete, wurde nachgerade unerträglich, peinlich, und schließlich war der Doktor Moron, den sein politisches Exil durch soundso viel europäische Salons geführt hatte, Weltmann genug, dieses Schweigen zu brechen. Er erkundigte sich bei dem Europäer nach dem, was ihn am meisten interessierte, nämlich nach den Straßendemonstrationen auf der Plazza.

»Oh,« sagte der kleine Herr Fred, der sich dieser Dinge kaum mehr erinnerte, »die Nigger haben unserem Wagen den Weg versperrt, und ich mußte einige entfernen.«

55 »Die Nigger??« –

Es gibt nun einmal Worte, die ihren unleugbaren Wert ins Gegenteil verwandeln, sowie sie in der unrechten Umgebung ausgesprochen werden, und jede Rasse und jede Farbe auf der menschlichen Palette kennt solche Worte. Man darf nicht »Nigger« sagen, wenn man mit einem Farbigen spricht, sei er schwarz oder rot oder gelb oder braun. Man muß es nicht sagen, auch wenn man weit entfernt ist, gerade an ihn zu denken.

In diesem Falle richtete sich der Doktor Juan Sanchez Moron ganz langsam wie eine allmählich erwachende Schlange auf und war totenblaß und kniff die Augen zusammen, daß sie ganz schmal wurden, wie die krummen Dolche, mit denen die Mulatten im Dunkeln heimkehrende Europäer anfallen. Eine Pause entstand, eine noch peinlichere als vorhin. Der Papagei war taktlos genug, das Wort »Gringo« in die Lüfte zu schmettern: dieses Wort, das eine ganz maßlose Beschimpfung für den weißfarbigen Nordamerikaner im speziellen und für jeden anderen Weißen im allgemeinen bedeutet und das wohl irgend ein Diener ihm beigebracht hatte. Im übrigen war 56 es ganz klar, daß hier irgend etwas ganz Ungeheuerliches geschehen mußte.

Aber gerade, als der Farbige sich vor dem Weißen aufpflanzte und eine Flut von unbeschreiblichen Drohungen auf den kleinen Herrn Fred niederging, da eben kamen leichte Schritte die Treppe herab und dann stand mit einem Male vor ihnen die Frau, an die sie wohl beide gedacht hatten, als es so quälend still geworden war im Patio.

»Die Herren wollen sich prügeln?« sagte die Herzogin von Lota und lächelte ein wenig. »Gestatten Sie also, daß ich Platz nehme und zuschaue!«

Da geschah es denn, daß sie beide die Hände ganz rasch sinken ließen. Der Doktor Moron finster und pathetisch, wie ein im letzten Moment unmittelbar vor dem Todesstoß aufgehaltener Fechter, der kleine Herr Fred aber voll unbeschreiblicher Beschämung, wie ein junger Bernhardiner, den man aus erzieherischen Gründen mit der Nase in seine eigene Pfütze gestoßen hat.

»Nun,« sagte die Herzogin von Lota, »ich bin auf den Ausgang gespannt, weshalb fangen Sie nicht an?«

Da brach es denn los bei dem Doktor Moron, 57 und da war es ein Sturzregen von Anklagen und Verwünschungen – nicht gegen diesen einzelnen Weißen, sondern gegen eine ganze arrogante, verfluchte Rasse, die tagtäglich so die ganze farbige Menschheit beleidigte, wie sie sie ausnützte und aussog. Und wenn man die Augen dazu geschlossen hätte, zu dem, was der Doktor Moron in dieser Stunde sagte, man hätte sie gesehen, die weißen Herren der Erde, wie sie nach dem Diner aus ihren exklusiven Klubs kamen, mit dem Einglas im starren Auge den farbigen Mann beäugten, der demütig mit seinem Wagen in der Sonnenglut wartete: »He, Rickschakuli . . .« Und der farbige Mann spannte sich ächzend vor den Wagen, mit dem Reitstock gestoßen, traktiert wie ein Lasttier. Und mußte schließlich im Dunkeln an einer Ecke lauern und rannte dann wohl gelegentlich dem weißen Eroberer das krumme Messer in den Bauch, einmal sich doch rächend, endlich, endlich einmal für alles, oh . . .

Und als der Doktor Moron sich endlich sein Herz erleichtert hatte, da wurden seine Züge wieder ganz schlaff und weich, und da erstarb das alles schließlich in einer sanften und fast kindlichen Klage, so wie die ersten vertrauensseligen 58 Indianer geklagt haben mögen, als die Spanier ihnen die goldenen Tempelschätze raubten.

Die Herzogin von Lota sah diese Veränderung in seinem Gesicht und plötzlich mußte sie daran denken, was man sich von diesem Moron erzählte: daß er, der auch in den Pariser Salons kein Unbekannter war, hier in Südamerika auf Wochen verschwand aus jeder Zivilisation, daß er sich in die Wälder flüchtete und umherirrte, ohne Kleider und Menschenspeise, ein armer melancholischer Wilder, der auf Bäumen hockte und froh war, das europäische Kleid los zu sein, und sich von Bananen nährte und von Baumwurzeln.

Da machte die Herzogin von Lota denn den kleinen Herrn Fred darauf aufmerksam, daß er einen Kavalier und Christen in ihrem Hause schwer beleidigt habe und daß er ihn selbstverständlich um Verzeihung bitten werde. Aber der große Junge war ja schon ohne das ganz überzeugt von der Ungeheuerlichkeit seines Benehmens und er sagte, daß er sich dieses unqualifizierbare Wort nun einmal in der europäischen Gesellschaft so angewöhnt habe und daß er es tief bedauere. Da schien denn alles erledigt, und der Doktor Moron nahm diese Entschuldigung entgegen und verneigte 59 sich vor ihm. Aber die dargebotene Hand übersah er. –

Dann entschuldigte sich die Herzogin von Lota und zog sich mit Moron in ihr Zimmer zurück zu der Besprechung, auf die der Farbige vorhin gedrungen hatte. Der kleine Herr Fred blieb im Patio zurück und wanderte um den Springbrunnen.

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