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Frau Sorge

Hermann Sudermann: Frau Sorge - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Sorge
authorHermann Sudermann
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24168-9
titleFrau Sorge
pages3-237
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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Und dann kam ein Montag, an welchem ihr Wagen nicht auf sie wartete. Er bemerkte es sofort, als er auf den Kirchenplatz zuschritt, und atmete erleichtert auf, denn der stolze Kutscher mit der Pelzmütze, die er selbst mitten im Sommer trug, verursachte ihm stets ein beklemmendes Gefühl. Er brauchte nur an den Kutscher zu denken, wenn er ihr gegenübersaß, und sie erschien ihm wie ein Wesen aus einer anderen Welt.

Heute wagte er fast vertraulich zu ihr hinüberzugrüßen, und es erschien ihm, als wenn auch sie seinen Gruß freundlicher denn sonst erwiderte.

Und als die Stunde beendet war, trat sie aus freien Stücken auf ihn zu und sagte: »Ich muß heute zu Fuß nach Hause, denn unsere Fuhrwerke sind alle auf dem Felde. Mama hat gemeint, du könntest wohl ein Stück mit mir zusammen gehn, da wir doch denselben Weg haben.«

Er fühlte sich sehr beglückt, wagte aber nicht an ihre Seite zu treten, solange sie sich innerhalb des Dorfes befanden. Auch schaute er sich von Zeit zu Zeit ängstlich um, ob nicht die beiden Erdmänner irgendwo mit ihren Stachelreden auf ihn lauerten.

Doch als sie draußen auf freiem Felde dahingingen, fand es sich von selbst, daß sie nebeneinander schritten.

Es war ein sonniger Junivormittag. Der weiße Sand des Weges flimmerte... Ringsherum blühten goldgelbe Katzenpfötchen, und das Wiesenfrauenhaar wehte in dem warmen Winde... vom Dorfe her tönte die Mittagsglocke... Kein Mensch war weit und breit zu sehen... Die Heide schien wie ausgestorben.

Elsbeth trug einen breiten Strohhut auf dem Kopfe, zum Schutze gegen die Sonnenstrahlen. Den nahm sie jetzt ab und schlenkerte ihn am Gummibande hin und her.

»Es wird dir zu heiß werden«, sagte er, aber da sie ihn ein wenig auslachte, riß er auch seine Mütze vom Kopfe und warf sie hoch in die Luft.

»Du bist ja ein ganz lustiger Bursche«, sagte sie beifällig nickend.

Er schüttelte den Kopf, und seine Stirne zog sich wieder in die ernsten Falten, die ihn stets alt erscheinen ließen.

»Ach nein«, sagte er, »lustig bin ich nicht.«

»Warum nicht?« fragte sie.

»Ich habe immer an so vielerlei zu denken«, erwiderte er, »und wenn ich einmal recht froh sein will, kommt mir sicher etwas in die Quere.«

»Woran hast du denn immer zu denken?« fragte sie.

Er sann eine Weile nach, aber es fiel ihm gerade nichts ein. »Ach, es ist ja alles dumm' Zeug«, sagte er, »kluge Gedanken kommen mir überhaupt nicht.«

Und dann erzählte er ihr von den Brüdern, von dicken Büchern, die ganz mit Zahlen vollgeschrieben ständen – den Namen habe er vergessen –, und welche sie schon auswendig gekonnt hätten, als sie so alt gewesen wären wie er selber.

»Warum lernst du das nicht auch, wenn es dir Vergnügen macht?« fragte sie.

»Es macht mir aber kein Vergnügen«, erwiderte er, »ich habe einen so schweren Kopf.«

»Aber irgend etwas wirst du doch können?« fragte sie weiter.

»Ich kann rein gar nichts«, erwiderte er traurig, »ich sei so dumm, sagt der Vater.«

»Du – darauf mußt du nichts geben«, tröstete sie ihn, »mein Fräulein Rathmaier hat auch immer allerhand an mir auszusetzen. Aber ich – pah, ich –« Sie schwieg und riß eine Sauerampferstaude aus, an der sie kaute.

»Hat dein Vater noch immer so blitzende Augen?« fragte er.

Sie nickte, und ihr Antlitz verklärte sich.

»Du hast ihn wohl sehr lieb – deinen Vater?«

Sie sah ihn erstaunt an, als ob sie seine Frage nicht verstünde, dann meinte sie, o ja – sie hätte ihn sehr lieb.

»Und er dich auch?«

»Ob!«

Er pflückte sich nun gleichfalls einen Sauerampferstengel und seufzte dabei.

»Warum seufzt du denn?« fragte sie.

Es käme ihm zufällig was in den Sinn, meinte er, und dann fragte er lachend, ob ihr Vater sie wohl noch manchmal auf den Schoß nähme wie damals, als er im weißen Hause gewesen.

Sie lachte mit und meinte, sie wäre ja schon ein großes Mädchen, und er solle nicht so dumm fragen, aber hinterher kam's heraus, daß sie doch noch auf des Vaters Schoß säße, »freilich nicht mehr rittlings«, fügte sie lachend hinzu.

»Ja, das war ein schöner Tag«, sagte er, »und ich saß auf seinem anderen Knie. Wie klein müssen wir damals gewesen sein?«

»Und dumm waren wir, daß Gott erbarm!« erwiderte sie. »Wenn ich noch daran denke, wie du pfeifen wolltest und nicht konntest.«

»Hast du das behalten?« fragte er, und sein Auge leuchtete auf im Bewußtsein seiner jetzigen Kunst.

»Natürlich«, sagte sie, »und als du fortgingst, kamst du noch einmal zurückgelaufen und – weißt du noch?«

Er wußte es genau.

»Heute wirst du wohl pfeifen können«, lachte sie, »in unserem Alter ist das keine Heldentat mehr – kann ich es doch sogar!« – und sie spitzte die Lippen in sehr drolliger Weise.

Ihm tat es weh, daß sie von seiner Kunst so geringschätzig sprach, und er dachte darüber nach, ob er das Pfeifen fortan nicht lieber ganz unterlassen sollte.

»Warum bist du so schweigsam?« fragte sie. »Bist du auch müde?«

»Ach nein, aber du – was?«

Ja – der Fußweg in Sand und Mittagshitze habe sie angestrengt.

»So komm zu uns ins Haus und ruhe dich aus«, rief er leuchtenden Auges, denn er gedachte der Freude, welche die Mutter bei ihrem Anblick empfinden würde.

Aber sie dankte. »Dein Vater ist nicht gut zu sprechen auf uns, hat Mama gesagt, und darum dürft ihr auch nicht nach Helenenthal zum Besuche kommen. Dein Vater würde mich vielleicht vom Hofe weisen.«

Er erwiderte hochrot, das würde der Vater wohl nicht – und er schämte sich sehr.

Sie warf einen Blick nach dem Heidehof hinüber, der kaum dreihundert Schritt abseits vom Wege gelegen war. Der rote Zaun leuchtete im Sonnenglanze, und selbst die grauen, verfallenen Scheunen schauten freundlicher darein als sonst.

»Es ist ganz hübsch bei euch«, sagte sie, die linke Hand wie einen Schirm über die Augen legend.

»O ja«, erwiderte er, das Herz von Stolz geschwellt, »und an dem einen Scheunentor ist eine Eule angenagelt.« – »Aber es soll noch viel, viel hübscher bei uns werden«, fügte er nach einer kleinen Weile ernsthaft hinzu. »Laß mich nur erst ans Regiment kommen.« Und dann begann er ihr seine Zukunftspläne auseinanderzusetzen. Sie hörte ihm aufmerksam zu, aber als er geendet hatte, sagte sie noch einmal: »Ich bin müde – muß mich ausruhen.« Und sie machte Miene, sich auf dem Grabenrande niederzusetzen.

»Nicht hier in der Sonnenhitze«, warnte er, »komm, wir suchen uns den ersten, besten Wacholderstrauch.«

Sie reichte ihm die Hand und ließ sich müde von ihm über den Heiderasen ziehen, der von Maulwurfshügeln geschwellt war wie ein wellenschlagender See, und der gegen den Waldesrand hin vereinzelte Wacholderbüsche trug, welche wie eine Schar schwarzer Gnomen von der ebenen Fläche emporragten.

Unter dem ersten dieser Gebüsche hockte sie nieder, so daß dessen Schatten ihre zarte, schmale Gestalt fast ganz umhüllte.

»Hier ist gerade noch Platz für deinen Kopf«, sagte sie, auf einen Maulwurfshügel weisend, der sich noch im Bereiche des Schattens befand.

Er streckte sich der Länge nach auf dem Rasen hin, den Kopf auf dem Maulwurfshügel gebettet, die Stirn vom Saume ihres Kleides bedeckt.

Sie lehnte sich müde in das Dickicht des Busches zurück, um in dessen Geästel eine Stütze zu finden.

»Die Nadeln stechen gar nicht«, sagte sie dann, »sie meinen's gut mit uns; ich glaube, wir könnten auch durch Dornröschens Hecke gehen.«

»Du – nicht ich«, erwiderte er, die Augen im Liegen zu ihr aufschlagend, »mich hat noch jeder Dorn gestochen – ich bin kein Märchenprinz, nicht einmal ein lumpiger Hans im Glück bin ich.«

»Wird alles noch kommen«, tröstete sie; »du mußt nicht immer so traurige Gedanken haben.«

Er wollte ihr etwas erwidern, aber die richtigen Worte fehlten ihm, und wie er nachsinnend emporschaute, flog droben am blauen Himmel eine Schwalbe vorüber. Da stieß er unwillkürlich einen Pfiff aus, als ob er sie heranlocken wollte, und als sie nicht kam, pfiff er noch einmal und zum zweiten und zum dritten Male. Elsbeth lachte, er aber pfiff weiter – erst ohne zu wissen, wie, und ohne nachzudenken, warum, aber als ein Ton nach dem andern seinen Lippen entquoll, ward ihm zu Sinn, als sei er plötzlich sehr beredsam geworden, und als ob er auf diese Weise alles sagen könnte, was ihm das Herz bedrückte und wozu er in Worten nimmer den Mut gefunden haben würde... All das, was ihn traurig machte und um was er sich sorgte, kam zum Vorschein. Er schloß die Augen und hörte gleichsam zu, wie die Töne für ihn sprachen. Er glaubte, der liebe Gott im Himmel hätte statt seiner das Wort genommen und erzählte alles, was ihn anging, sogar das, worüber er selbst nie klargeworden.

Als er die Augen aufschlug, wußte er nicht, wie lange er so dagelegen und gepfiffen hatte, aber er sah, daß Elsbeth weinte.

»Warum weinst du?« fragte er.

Sie gab ihm keine Antwort, wischte sich mit dem Taschentuch die Augen und erhob sich.

Schweigend schritten sie eine Weile miteinander hin. – Als sie den Wald erreichten, der dicht und dunkel vor ihnen lag, blieb sie stehen und fragte: »Wer hat dich das gelehrt?«

»Keiner«, sagte er, »das ist mir so von selber gekommen.«

»Kannst du auch Flöte spielen?« fragte sie weiter.

Nein, er konnte es nicht, er hatte es auch nie gehört, er wußte nur, daß es des alten Fritzen Lieblingsvergnügen gewesen.

»Das mußt du lernen!« sagte sie.

Er meinte, es würde ihm wohl zu schwer sein.

»Du solltest es doch versuchen«, riet sie, »du mußt ein Künstler werden – ein großer Künstler.«

Er erschrak, als sie das sagte. Er getraute sich kaum, ihren Gedanken weiterzudenken.

Als sie den jenseitigen Waldesrand erreicht hatten, trennten sie sich. – Sie schritt weiter dem weißen Hause zu – und er kehrte um. Wie er den Wacholderbusch wiedersah, unter dem sie beide gesessen, kam ihm alles wie ein Traum vor, und so blieb es auch fortan. – – –

Zwei, drei Tage vergingen, ehe er der Mutter etwas von seinem Abenteuer zu sagen wagte, aber dann hielt er es nicht länger aus und gestand ihr alles.

Die Mutter sah ihn lange an und ging hinaus, aber von jetzt ab lauschte sie heimlich, ob sie nicht einen Ton von seinem Pfeifen erhaschen könnte.

Die beiden Kinder gingen noch oftmals mitsammen heim, aber eine solche Stunde, wie die unter dem Wacholderbusch, kam ihnen nie mehr wieder. Wenn sie an ihm vorüberschritten, sahen sie einander an und lächelten, aber keines wagte den Vorschlag zu machen, noch einmal unter ihm niederzusitzen.

Auch des Flötenspiels geschah nicht mehr Erwähnung zwischen ihnen, Paul jedoch dachte heimlich oft genug daran. Es erschien ihm wie etwas Himmlisches, Unerhörtes, gleich der Wissenschaft, welche die Logarithmentafeln lehrten. Ja, wenn er klug und begabt gewesen wäre wie die beiden Brüder! – Aber er war ja nur ein dummer, einfältiger Junge, der froh sein konnte, wenn man ihn für die andern sorgen ließ.

Gar oft fragte er sich, wie wohl solch ein Flötenspiel klingen möchte und wie diejenigen beschaffen wären, welche es verstanden. Er hatte eine sehr große Meinung von ihnen und glaubte, daß sie stets so hohe und heilige Gedanken hegen mußten, wie sie ihm selber nur in sehr wenigen Momenten aufstiegen, wenn er sich recht in sein Pfeifen vertiefte.

Und dann kam der Tag, an welchem er einen Flötenspieler von Angesicht zu Angesicht erschauen sollte.

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