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Frau Sorge

Hermann Sudermann: Frau Sorge - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Sorge
authorHermann Sudermann
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24168-9
titleFrau Sorge
pages3-237
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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7

Als Paul vierzehn Jahre alt war, beschloß sein Vater, ihm zum Konfirmandenunterricht zu schicken.

»Etwas Rechtschaffenes wird er in der Schule doch nicht lernen«, sagte er, »Zeit und Geld sind bei ihm weggeworfen. Daher soll er rasch eingesegnet werden, damit er sich in der Wirtschaft nützlich machen kann. Was Besseres als ein Bauer wird sowieso nicht aus ihm werden.«

Paul war's zufrieden, denn ihn verlangte danach, einen Teil der Sorgen, welche die Mutter drückten, auf seine Schultern zu nehmen. Er gedachte eine Art von Inspektor aus sich zu machen, der den fehlenden Herrn zu jeder Zeit ersetzte und selber Hand anlegte, wo die Knechte ein gutes Beispiel brauchten. Er versprach sich von seiner Tätigkeit den Beginn einer neuen, segensreichen Zeit, und wenn er nachts im Bette lag, träumte er von wogenden Weizenfeldern und blitzblanken, massiven Scheuern. Immer mehr festigte sich in ihm der Entschluß, all seine Kraft daran zu wenden, um den verlotterten Heidehof zu Ehren zu bringen. Die Brüder sollten einst von ihm sagen können: »Er ist doch zu etwas nütze gewesen, wenn er uns auch auf unseren glänzenden Bahnen nicht hat folgen können.«

Ja, die Brüder! Wie groß und wie vornehm waren die inzwischen geworden! Der eine studierte Philologie, und der andere war als Lehrling in ein angesehenes Bankgeschäft eingetreten. Trotz der guten Tante brauchten beide Geld, viel Geld, weit, weit mehr, als der Vater ihnen schicken konnte. Auch für sie versprach sich Paul mit seinem Übertritt in die Wirtschaft den Beginn einer sorgenfreien Zeit. Alles überschüssige Geld sollte ihnen geschickt werden, und er, oh, er würde schon sparen und sorgen, auf daß sie frei von Not und Bedrängnis weiterschreiten könnten nach ihren erhabenen Zielen.

Mit diesen frommen Gedanken trat Paul den Weg zur ersten Religionsstunde an. – Es war an einem sonnigen Frühlingsmorgen zu Anfang des Monats April.

Das junge Gras auf der Heide leuchtete in grünlichen Lichtern, Wacholder und Erika trieben neue, weiche Spitzen, am Waldesrand blühten Anemonen und Ranunkeln. – Ein warmer Wind zog über die Heide ihm entgegen, er hätte laut aufjauchzen mögen, und das Herz ward ihm schwer vor lauter Lust.

»Es muß ein Trauriges im Werke sein«, sagte er sich, »denn so froh darf man sich auf Erden nicht fühlen.«

Vor dem Pfarrgarten stand eine Reihe von Fuhrwerken, die er nur zum geringsten Teil kannte. Auch vornehme Karossen waren darunter. – Mit stolzem Lächeln saßen die Kutscher mit ihren blanken Röcken auf dem Bocke und warfen geringschätzige Blicke um sich herum.

In dem Garten war eine große Kinderschar versammelt. Die Knaben gesondert und die Mädchen auch. Unter den Knaben befanden sich die beiden Brüder, von denen er früher so viel hatte leiden müssen und die seit einem Jahr die Schule nicht mehr besuchten. Sie kamen sehr freundlich auf ihn zu, und während der eine ihm die Hand zum Gruße reichte, stellte ihm der andere von hinten ein Bein.

Von den Mädchen gingen einige Arm in Arm in den Gängen spazieren. Sie hatten sich um die Taille gefaßt und kicherten miteinander. Die meisten waren ihm fremd, einige schienen besonders vornehm, sie trugen feine graue Regenmäntel und hatten Federhüte auf dem Kopf. Ihnen mußten die Karossen draußen gehören.

Er sah auf seine Jacke herunter, um sich zu vergewissern, daß er sich nicht zu schämen brauchte. Sie war von feinem schwarzen Tuche, aus einem alten Fracke des Studenten gefertigt, und schien so gut wie neu, nur daß die Nähte ein wenig glänzten. Alles in allem: er brauchte sich nicht zu schämen.

Eine Glocke ertönte. Die Konfirmanden wurden in die Kirche gerufen. – Paul fühlte sich frei und fromm, als ihn die feierliche Dämmerung des Gotteshauses umfing. – Er dachte nicht mehr an seine Jacke, die Gestalten der Knaben ringsum wurden wie Schatten.

Zu beiden Seiten des Altars waren Bänke aufgestellt. Rechts sollten die Knaben, links die Mädchen ihre Plätze erhalten.

Paul wurde in die hinterste Reihe gedrängt, wo die Kleinen und die Armen saßen. Zwischen zwei barfüßigen Häuslerkindern, welche grobe, durchlöcherte Jacken trugen, nahm er Platz. An den Schultern seiner Vordermänner vorbei sah er drüben die Mädchen sich ordnen, die Vornehmsten zuerst, dann die ärmlich Gekleideten.

Er dachte darüber nach, ob im Himmel die Reihenfolge wohl eine ähnliche sein werde, und der Spruch fiel ein:

»Wer sich erniedrigt, der soll erhöht werden.«

Der Pfarrer kam.

Es war ein behäbiger Mann mit einem Doppelkinn und einem blonden Backenbärtchen. Seine Oberlippe schimmerte blank von dem häufigen Rasieren. Er trug nicht seinen Talar, sondern einen einfachen schwarzen Rock, sah aber doch sehr würdig und feierlich aus.

Er sprach zuerst ein langes Gebet über den Text: »Lasset die Kindlein zu mir kommen« und knüpfte daran die Ermahnung, das kommende Jahr als eine Zeit der Weihe zu betrachten, nicht zu tollen und nicht zu tanzen, denn das widerspräche der Würde eines Religionsschülers.

»Ich habe nie getollt und getanzt«, dachte Paul und war in diesem Augenblick ganz von Stolz erfüllt über seinen gottseligen Wandel. »Aber schade war's doch« – dachte er hinterher.

Dann pries der Pfarrer die vornehmste der christlichen Tugenden: die Demut. Niemand in dieser Kinderschar sollte sich über den anderen erhaben fühlen, weil seine Eltern vielleicht reicher und vornehmer wären als die seiner Mitbrüder und Mitschwestern. Denn vor Gottes Thron wären alle gleich.

»Aha, da habt ihr's!« dachte Paul und faßte liebevoll den Arm seines zerlumpten Nachbarn. Der dachte, er wolle ihn kneifen, und sagte: »Au, nicht doch!«

Drauf zog der Pfarrer ein Blatt Papier aus der Tasche und sagte: »Jetzt will ich die Rangordnung verlesen, in der ihr fortan sitzen sollt.«

»Warum denn eine Rangordnung«, dachte Paul, »wenn vor Gottes Thron alle gleich sind?«

Der Pfarrer sagte: »Zuerst kommen die Mädchen und dann die Knaben«, und begann zu lesen.

Schon der erste Name machte Paul stutzig, denn er hieß – Elsbeth Douglas. Er sah ein hochaufgeschossenes, blasses Mädchen mit einem frommen Gesicht und schlicht zurückgestrichenen blonden Haaren sich erheben und nach dem ersten Platze hinschreiten. »Also das bist du«, dachte Paul, »und wir sollen zusammen eingesegnet werden.« Das Herz klopfte ihm vor Freude und auch vor Angst, denn er fürchtete zugleich, daß er ihr zu gering erscheinen werde. – »Vielleicht besinnt sie sich gar nicht mehr auf dich«, dachte er weiter.

Er beobachtete sie, wie sie mit niedergeschlagenen Augen sich auf ihren Platz setzte und freundlich vor sich hin lächelte.

»Nein, die ist nicht stolz«, sagte er leise vor sich hin, aber zur Sicherheit besah er sein Jacke.

Dann wurden die Knaben aufgerufen. Zuerst kamen die beiden Brüder Erdmann. Die hatten sich schon ohnehin auf den ersten Plätzen breitgemacht, und dann wurde sein eigener Name gerufen. – In diesem Augenblick machte Elsbeth Douglas es genauso, wie er vorhin getan. Sie hob rasch den Kopf und spähte zu den Reihen der Knaben hinüber.

Als er sich auf seinen Platz gesetzt hatte, schaute auch er vor sich auf die Erde nieder, denn er wollte es ihr an Demut gleichtun, und wie er dann aufblickte, sah er ihr Auge voll Neugier auf sich ruhen. Er wurde rot und tupfte ein Federchen von dem Ärmel seiner Jacke.

Und dann begann der Unterricht. Der Pfarrer erklärte Bibelsprüche und fragte Gesangbuchlieder ab. Elsbeth kam zuerst an die Reihe. Sie hob ein wenig den Kopf und sagte ruhig und unbefangen ihre Verse her.

»Donnerja, die Margell hat Kurage«, murmelte der jüngere Erdmann, der zu seiner linken Seite saß.

Paul fühlte sich von plötzlichen Ingrimm gepackt. Er hätte ihn mitten in der Kirche prügeln mögen. »Sagt er noch einmal ›Margell‹ auf sie, so hau' ich hernach auf ihn los.« Das versprach er sich feierlich. Aber der jüngere Erdmann dachte nicht mehr an sie, er beschäftigte sich damit, seinen Hintermännern Stecknadeln in die Waden zu stechen.

Als die Stunde beendet war, verließen zuerst die Mädchen paarweise die Kirche. Erst als die letzten draußen waren, durften die Knaben ihnen folgen. Auf dem Vorplatze begegnete er Elsbeth, die nach ihrem Wagen schritt. Beide sahen sich ein wenig von der Seite an und gingen aneinander vorüber.

An ihrem Wagen stand eine alte Dame mit grauen Ringellocken und einem persischen Umschlagetuch, die im Pfarrhause auf sie gewartet haben mußte. Sie küßte Elsbeth auf die Stirn, und beide bestiegen die Rücksitze. Der Wagen war der schönste in der ganzen Reihe, der Kutscher trug eine schwarze Pelzmütze mit einer roten Troddel daran, auch hatte er blanke Tressen am Kragen und an den Aufschlägen der Ärmel.

Gerade als der Wagen fortgefahren war, wurde Paul von den beiden Erdmanns angefallen, die ihn ein wenig prügelten.

»Pfui, schämt euch, zwei gegen einen«, sagte er, da ließen sie ihn laufen.

Er ging vergnügt dem Heimathause zu. Die Mittagssonne glitzerte auf der weiten Heide, und in nebelnder Ferne fuhr der Wagen vor ihm her, wurde kleiner und kleiner und verschwand endlich als ein schwarzer Punkt in dem Fichtenwalde.

Als er zu Hause ankam, küßte ihn die Mutter auf beide Wangen und fragte. »Nun, wie war's?«

»Ganz nett«, erwiderte er, »und, Mama, die Elsbeth aus dem weißen Hause war auch da.«

Da wurde sie ganz rot vor Freude und fragte nach allerlei, wie sie aussähe, ob sie hübsch geworden sei und was sie mit ihm gesprochen habe.

»Gar nichts«, erwiderte er beschämt, und als die Mutter ihn daraufhin erstaunt ansah, fügte er eifrig hinzu: »Du, aber stolz ist sie nicht.« – – –

Am nächsten Montag fand er sie bereits an ihrem Platz sitzen, als er die Kirche betrat. Sie hatte die Bibel auf den Knien liegen und lernte die aufgegebenen Sprüche.

Es waren noch nicht viele Kinder anwesend, und als er sich ihr gegenüber niedersetzte, machte sie eine halbe Bewegung, als wolle sie aufstehen und zu ihm herüberkommen, aber sie ließ sich wieder nieder und lernte weiter.

Die Mutter hatte ihm vor dem Weggehen anempfohlen, Elsbeth einfach anzureden. Sie hatte ihm viele Grüße an ihre Mutter aufgetragen, auch sollte er sich erkundigen, wie es ihr selber erginge. Er hatte sich während des Weges eine lange Rede einstudiert – nur war er sich noch darüber uneins, ob er »du« oder »Sie« zu ihr sagen sollte. – »Du« wäre das Einfachste gewesen. Die Mutter schien es sogar für selbstverständlich zu halten, aber »Sie« klang entschieden feiner – so hübsch erwachsen klang es. Und da er zu keinem Entschlusse kommen konnte, so unterließ er die Anrede ganz. – Auch er nahm nun seine Bibel vor, und beide stützten die Ellbogen auf die Knie und lernten um die Wette.

Ihm nützte es nicht viel, denn als hernach in der Stunde der Pfarrer an ihn die Frage richtete, hatte er keine Ahnung mehr. –

Ein peinliches Schweigen entstand, die Erdmänner lachten schadenfroh, und er, glutrot vor Scham, mußte sich wieder auf seinen Platz niedersetzen. Er wagte nun nicht mehr aufzuschauen, und als er beim Verlassen der Kirche Elsbeth vor der Türe stehen sah, als wartete sie auf etwas, schlug er die Augen nieder und wollte rasch an ihr vorüber. – Sie aber trat einen Schritt auf ihn zu und redete ihn an:

»Meine Mama hat mir aufgetragen, ich soll dich fragen – wie's deiner Mutter ginge.«

Er erwiderte, es ginge ihr gut.

»Und sie läßt sie auch vielmals grüßen«, fuhr Elsbeth fort.

»Und meine Mutter läßt deine Mutter auch vielmals grüßen«, erwiderte er, Bibel und Gesangbuch zwischen den Fingern drehend, »und ich soll dich auch fragen, wie's ihr ginge.«

»Mama läßt sagen«, entgegnete sie, wie wenn man Auswendiggelerntes hersagt, »sie sei viel kränklich und müßte sehr oft das Zimmer hüten, aber jetzt im Frühling ging's ihr besser – und ob du nicht mit unserem Wagen mitfahren möchtest bis zu deinem Hause. Ich soll's dir anbieten, hat sie gesagt.«

»Kiek, der Meyhöfer raspelt Süßholz«, rief der ältere Erdmann, der sich hinter der Kirchentür verborgen hatte, um seine Kameraden durch den Ritz hindurch mit einem Röhrchen zu kitzeln.

Elsbeth und Paul sahen erstaunt einander an, denn sie kannten den Sinn der Redensart nicht, aber da sie fühlten, daß sie etwas sehr Schlimmes bedeuten mußte, wurden sie rot und trennten sich. Paul schaute ihr nach, wie sie auf ihren Wagen stieg und davonfuhr. Diesmal wartete die alte Dame nicht auf sie. Es war ihre Gouvernante, wie er gehört hatte. Ja, so vornehm war sie, daß sie sogar eine eigene Gouvernante besaß!

»Die Erdmänner kriegen doch noch ihre Prügel«, damit schloß er seine Überlegungen. – – –

Die nächsten Wochen vergingen, ohne daß er mit Elsbeth wieder geredet hätte. Wenn er in die Kirche trat, saß sie meistens schon an ihrem Platze. Dann nickte sie ihm freundlich zu, aber das war auch alles.

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