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Frau Sorge

Hermann Sudermann: Frau Sorge - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Sorge
authorHermann Sudermann
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24168-9
titleFrau Sorge
pages3-237
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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22

Der Verteidiger hatte geendet. – Ein Murmeln ging durch den weiten Schwurgerichtssaal, dessen Galerie von dichtgedrängten Köpfen starrte.

Wenn der Angeklagte die Wirkung des glänzenden Plädoyers durch ein unbedachtes Wort nicht wieder verdarb, so war er gerettet. Die Replik des Staatsanwalts verhallte ungehört.

Und nun klirrten die Lorgnetten und Operngucker. Aller Augen wandten sich nach dem blassen, schlicht gekleideten Mann, der auf demselben Armensünderbänkchen saß, auf welchem vor acht Jahren der tückische Knecht gesessen hatte.

Der Präsident hatte gefragt, ob der Angeklagte noch etwas zur Erhärtung seiner Unschuld beizubringen habe.

»Schweigen, Schweigen!« ging es murmelnd durch den Saal.

Aber Paul erhob sich und sprach, erst leise und stockend, doch sicherer von Augenblick zu Augenblick:

»Es tut mir von Herzen leid, daß die Mühe, welche sich der Herr Rechtsanwalt gegeben hat, mich zu erretten, umsonst gewesen sein soll. Aber ich bin nicht so unschuldig an der Tat, wie er mich darstellt.«

Die Richter sahen ihn an. »Was ist das? – Er will gegen sich selber sprechen.«

»Er hat gesagt, ich wäre durch die Angst so gut wie besinnungslos gewesen. Ich hätte gehandelt in einer Art von Wahnsinn, die mich in jenem Augenblick unzurechnungsfähig machte. – Das war aber nicht so.«

»Er bricht sich den Hals,« hieß es im Zuschauerraum.

»Ich habe mein ganzes Leben lang ein scheues, gedrücktes Dasein geführt und habe gemeint, ich könnte keinem Menschen ins Auge sehen, obwohl ich doch nichts zu verbergen hatte; wenn ich mich aber diesmal feige betrage, so glaub' ich, ich werd's noch weniger können als je, und diesmal werd' ich auch Grund genug dazu haben. – Der Herr Rechtsanwalt hat auch mein Vorleben als ein Muster aller Tugenden dargestellt. – Dem war aber nicht so. – Mir fehlte die Würde und das Selbstbewußtsein – ich vergab mir zu viel gegenüber den Menschen und mir selber. – Und das hat mich stets gewurmt, obwohl ich nie recht darüber ins klare kommen konnte. – Es hat zu viel auf mir gelastet, als daß ich jemals hätte frei aufatmen können, wie der Mensch es muß, wenn er nicht stumpf werden und verkümmern soll.

Diese Tat aber hat mich freigemacht und mir das geschenkt, was mir so lange fehlte – sie ist mir ein großes Glück gewesen; und ich soll so undankbar sein, daß ich sie heute verleugne? – Nein, das tu' ich nicht. – Sie mögen mich immerhin einsperren, solange Sie wollen, ich werde die Zeit schon überdauern und ein neues Leben anfangen. – Und so muß ich denn sagen: Ich hab' mein Hab und Gut in vollem Bewußtsein angesteckt, ich war nie mehr bei Sinnen wie damals, als ich die Petroleumkanne über mein Getreide ausschüttete, und wenn ich heute in dieselbe Lage käme, weiß Gott, ich tät es wieder. – Warum sollt' ich auch nicht? – Was ich zerstörte, war meiner Hände Werk – ich hatte es in langen Jahren durch harte Arbeit geschaffen und konnte damit machen, was ich wollte. Ich weiß wohl, das Gericht ist anderer Ansicht, und dafür werd' ich meine Zeit auch ruhig absitzen. Aber wer litt denn auch Schaden außer mir? – Meine Geschwister waren alle gut versorgt, und mein Vater...« – Er hielt einen Augenblick inne, und seine Stimme zitterte, als er fortfuhr: »Ja, wär's nicht besser, mein alter Vater hätte seine letzten Lebensjahre in Ruh und Frieden bei einer seiner Töchter verbracht als da, wo ich jetzt hingehe?

Das Schicksal hat es nicht so gewollt. Der Schlag hat ihn gerührt, und meine Brüder sagen, ich sei sein Mörder gewesen. – Aber meine Brüder haben gar nicht das Recht, darüber zu urteilen, die kennen weder mich noch den Vater. Die haben sich ihr Lebtag nur um sich selber gekümmert und mich allein sorgen lassen für Vater und Mutter und Schwestern und Haus und Hof, und ich bin ihnen nur gut genug gewesen, wenn sie was von mir haben wollten. – Sie wenden sich heute von mir, aber sie können mir in Zukunft gar nicht fremder werden, als sie mir gewesen sind.

Meine Schwestern« – er wandte sich nach der Zeugenbank, wo Grete und Käthe mit verhüllten Gesichtern weinend saßen, und seine Stimme wurde weich wie von verhaltenen Tränen – »meine Schwestern wollen auch nichts mehr von mir wissen – aber denen verzeih' ich's gern, die sind Frauen und aus zarterem Ton geknetet – auch stehen hinter ihnen zwei fremde Männer, die es sehr leicht haben, über meine ungeheuerliche Tat entrüstet zu sein. Sie sind nun alle von mir abgefallen – nein, nicht alle« –, über sein Gesicht flog ein Leuchten, »doch das gehört nicht hierher. Eins aber will ich noch sagen, und mag ich selbst als Mörder gelten: Ich bereue es nicht, daß der Vater durch meine Tat gestorben ist. Ich hab' ihn lieber gehabt, da ich ihn tötete, als wenn ich ihn hätte leben lassen. Er war alt und schwach, und was seiner wartete, war Schmach und Schande – er lebte ein so ruhiges Leben und hätte so elend hinsiechen müssen. Da ist's besser, der Tod kam auf ihn herab wie der Blitz, der den Menschen mitten in seinem Glück erschlägt. Das ist meine Meinung, ich hab' mich mit meinem Gewissen abgefunden und brauche niemandem Rechenschaft abzulegen wie Gott und mir selber. Und nun mögen Sie mich verurteilen.«

»Bravo«, rief eine drohende Stimme von der Zeugenbank in den Saal hinein. Douglas war's.

Die greise Hünengestalt stand hochaufgerichtet, die Augen blitzten unter den buschigen Brauen, und wie der Präsident ihn zur Ruhe rief, setzte er sich trotzig nieder und sagte zu seinem Nachbarn: »Auf den kann ich stolz sein, was?«

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